Friedrich der Letzte
Friedrich der Letzte,
wann stürzt er vom Thron?
Ihm folgt weder Tochter
noch Schwiegersohn.
Friedrich der Letzte
hat so viel Macht
und wird trotzdem nur
ausgelacht.
Lacht einer zu laut,
ruft er den Richter
so wie alle ganz ganz
kleinen Lichter.
Friedrich der Letzte
hat es verkackt.
Nun steht er da,
als Kaiser, nackt.
Der Schniedel ist kurz
und die Brust nicht behaart.
Wahrscheinlich wuchs ihm
niemals ein Bart.
Sein letztes Gefecht –
eine verlorene Wahl.
Er erkennt sie nicht an,
ist schon greise und kahl.
Seine Vasallen
zittern um ihre Posten.
Manche wird es
das Lehen kosten.
Gläubige hat er
im Land keine mehr.
Vielleicht zieht er weg,
weit übers Meer.
Hauptsache fort!
Oder gleich auf den Mond?
Obwohl dort oben
schon einer wohnt.
Der Mondmann kann ihn
auch nicht leiden.
Einer muss gehen!
Nur, wer von den beiden?
Wenn der Mondmann bliebe,
welch Unglück!
Der letzte Friedrich
käme zurück!
Forderungen vom Herbst ‘89
Im Jubiläumsbuch „150 Jahre Theater Altenburg“ hat der einstige Dramaturg Ingo Schulze 2021 an neun Forderungen und fünf Pflichten des Theaters im Herbst ‘89 erinnert. Manche kommen mir beinahe hochaktuell vor – aber das mag der Leser selbst einschätzen.
1. Wir haben ein Recht auf Information.
No comment. Jedenfalls bezüglich der Öffentlich-Rechtlichen und anderer Haltungsmedien. Kleine Ergänzung: Recht auf Information, nicht auf Spaltung, Verschweigen, Diffamierung, Verleumdung und Framing. […]
3. Wir haben das Recht auf selbstständiges Denken und auf Kreativität.
Damals hieß das „auf Linie sein“. Heute nennt man es Narrativ. Wer dem nicht folgt, ist ein Klimaleugner, Impfgegner oder Rassist.
4. Wir haben ein Recht auf Pluralismus im Denken.
Einer der am meist strapazierten Sprüche der Vorwendezeit war das Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Heute werden selbst Professoren, die andere Meinungen vertreten an Universitäten ausgeladen oder wegen falscher „Haltung“ wird gekündigt.
5. Wir haben ein Recht auf Widerspruch.
Zumindest gegen den Steuerbescheid.
6. Wir haben ein Recht auf Reisefreiheit.
Wenn man genug Geld hat.
7. Wir haben das Recht, unsere staatliche Leitung zu überprüfen.
Schon, denn laut Grundgesetz ist Kritik am Staat eher erwünscht als verboten, aber was gilt das Grundgesetz noch? Ein bisschen – laut Merkel? Oder nur fürs Verfassungsgericht. Ein bisschen. Ein bisschen weniger. Je nach Tageszeit. Aber wenn man dieses Recht heute ausüben will, wird man schnell Schwurbler, Querdenker oder Rechtsradikaler genannt. Oder Femo-, Islamo- und andere Phobismen sowie die Flut der Wortneufindungen zur Deklassierung vermeintlicher Gegner.
8. Wir haben ein Recht, neu zu denken.
Was Klima, Diversität und Rassismus betrifft, schon.
9. Wir haben ein Recht, uns einzumischen.
Solange die Hammerbande das zulässt. Verprügelte Journalisten in Erfurt, fotografierte Buchmessenbesucher in Halle oder an den Pranger gestellte Väter, die ihre erstochenen Töchter öffentlich betrauern, muss man halt hinnehmen. Es ist das neue Bild der „Demokratie“.
Das Theater Altenburg nutzte im Herbst ‘89 die Bühne, um zu verlangen, „dass Lüge und Schönfärberei aus unseren Medien verschwinden“. Die haben doch heute ihre Vaktenjagger, da kann ja nichts mehr schief gehen beim Glauben an die richtige Wahrheit.
„Wir haben die Pflicht, den Dialog zwischen Volk und Partei- und Staatsführung zu erzwingen.“ Erzwingen? Ist heute nicht nötig, denn nach jeder verlorenen Wahl erklären Spitzenpolitiker, dass sie dem Volke ihre Politik halt mal besser erklären wollen. Sie vergessen nur eins: Das ist kein Dialog, sondern ein Monolog. Da sie jahrelang nicht zugehört haben, gehen ihnen immer mehr Wähler stiften. Nun, wenn das Dialog ist?
„Wir haben die Pflicht, von unserem Staatsapparat und von uns zu verlangen, den Dialog gewaltfrei zu führen.“ Aber nur, wenn die Antifa nicht eingreift.
„Wir haben die Pflicht, das Wort Sozialismus so zu definieren, dass der Begriff wieder ein annehmbares Lebensideal für unser Volk wird.“ Wenn man das Wort „Sozialismus“ mit „unsere Demokratie“ ersetzt, ergäben sich Parallelen.
„Wir haben die Pflicht, von unserer Staats- und Parteiführung zu verlangen, das Vertrauen zur Bevölkerung wiederherzustellen.“ Ja, in Anbetracht von 10 Prozent Zustimmung zur Politik des Kanzlers wäre es aktuell. Da hatte Honni mehr Anhänger vorm Untergang.
Zur Demonstration am 4. November 1989 in Altenburg sollten auch Teilnehmer mit roten und DDR-Fahnen zu Wort kommen, denn, so Ingo Schulze: „[…] für eine offene Gesellschaft waren wir doch auf der Straße.“ Das liest sich heute beinahe wie ein Märchen. Und danke Ingo, dass du es für uns aufgeschrieben hast. Wäre sonst beinahe vergessen worden.
Herausfordernde Filme
War es der zweite oder der dritte Film, den Regina Ziegler produzierte? Zumindest der erste, der in der damaligen Reihe „Studiokino“ in der DDR gezeigt wurde: „Sommergäste“ von Maxim Gorki nach Peter Steins Inszenierung der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer mit Edith Clever, Michael König und Bruno Ganz. Das war vor knapp 50 Jahren und machte neugierig auf mehr.
Theaterguru Stein hat danach kaum mehr Filme gedreht, Regina Ziegler dafür umso mehr. Die in Quedlinburg geborene und im Weserbergland aufgewachsene Journalistentochter ging nach dem Abitur nach Berlin (West), begann für den SFB zu arbeiten, wo sie Kontakt mit dem für Homosexuellenrechte kämpfenden Rosa von Praunheim bekam. Als Produktionsleiterin seines Films „Berliner Bettwurst“ (1973) überzeugte sie sich selbst, dass sie gebraucht wurde, weil junge Filmemacher eine eigene „Spielwiese“ brauchten. Sie gründete als erste Frau nach dem Krieg ihre eigene Produktionsfirma Ziegler-Film, deren erster Regisseur Wolf Gremm wurde. Bis zu seinem Tod 2015 lebten und arbeiteten sie zusammen.
Ihre Kästner-Verfilmung „Fabian“ mit Hans Peter Hallwachs erlangte 1980 viel Aufsehen. Hier spielte auch Brigitte Mira mit, die als singende Komikerin gegolten hatte, bevor sie Rainer Werner Fassbinder als Charakterdarstellerin entdeckte. Regina Ziegler blieb der Mira eine lebenslange Freundin, der sie manch gute Rolle verschaffte. Ebenso hielt sie zu anderen aus ihren Teams, etwa Schauspielerin Dorothea Moritz, die als Dorothea Holloway Filmjournalistin geworden war. Ihr gab sie 2011 in der gehobenen Schmonzette „Sommerlicht“ ihre letzte Rolle und veranstaltete in ihrem eigenen Berliner Kino Filmkunst 66 eine Gedenkveranstaltung für sie.
Die Arbeit an Unterhaltungsfilmen, von denen Ziegler Film nicht wenige produzierte, überließ Regina Ziegler meist ihrer Tochter Tanja, die in die Firma erfolgreich einstieg. Sie selbst widmete sich gern herausfordernden Filmen wie Heinrich Manns „Henri 4“ (2010), der Biografie „Martha Liebermann“ (2022) oder Andreas Dresens Widerstandsgeschichte „In Liebe, Eure Hilde“ (2024).
Vor wenigen Wochen stellte sie im Rahmen der Frankfurter Buchmesse gemeinsam mit Volker Schlöndorff den Film „Heimsuchung – eine Jahrhundertgeschichte“ nach Jenny Erpenbecks Roman vor, der nun für sie eine Art Vermächtnis ist. Die wohl produktivste deutsche Filmproduzentin ist am 1. November mit 82 Jahren gestorben.
Der märkische Goethe und sein literarischer Nachfahr
„Alles sauber und preußisch karg: der alte Fontane und seine Mark.“ So schilderte Kurt Tucholsky, der einer der erfolgreichsten und bis heute meistzitierten deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts werden sollte, im Rückblick die vorgebliche Idylle des 19. Jahrhunderts, das er als Kind noch kennengelernt hatte. Er lässt in seinem 1918 im Berliner Tageblatt erschienenen Gedicht „Der alte Fontane“ den gern als „märkischen Goethe“ apostrophierten Autor noch einmal auf Urlaub von oben in seine Mark und nach Berlin kommen: „Da ist ein Schleichen und Drehen und Schieben, wo ist das alte Berlin geblieben?“ Tucholsky lässt im Resümee den Autor seinen Urlaub kopfschüttelnd abkürzen.
Die in Tucholskys Geburtsstadt Berlin beheimatete Kurt Tucholsky-Gesellschaft (KTG) stattete Ende Oktober Fontanes Geburtsstadt Neuruppin einen Besuch ab und hielt im Alten Gymnasium, das auch Fontane ein Schuljahr lang besuchte, ihre Jahrestagung mit Unterstützung der Fontane-Gesellschaft ab. Der 2. Vorsitzende der KTG, Dr. Reinhold Lütgemeier-Davin aus Kassel, untersuchte Tucholskys Äußerungen zum verehrten Alten und stellte fest, dass Fontane ein Vorbild des Satirikers blieb, an dem er sich lebenslang maß und ihn vor allem als Dichter und Theaterkritiker hervorhob. Hingegen hielt er viele Fontane-Romane für mittlerweile verstaubt – durchaus eine Fehleinschätzung, wenn man Fontanes fürs 19. Jahrhundert fortschrittliches Frauenbild betrachtet. Auch der emeritierte Professor Dr. Hubertus Fischer (Hannover/Berlin) nahm Fontane vor naheliegenden Angriffen in Schutz. Tatsächlich arbeitete der Alte als Kriegsberichterstatter, beschrieb aber dabei deutlich warnend die fortschreitende Mechanisierung, die bis heute auf digitalen Wegen erweitert wurde und nach wie vor so beängstigend ist, wie es zu Fontanes Zeiten kaum vorstellbar war.
Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Alexander Gallus aus Chemnitz untersuchte Tucholskys Haltung zu einigen Akteuren der Novemberrevolution. Seine Gegnerschaft zum SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert (nicht umsonst wurde der Kriegsheimkehrer Mitglied der linken Abspaltung USPD) war ebenso Thema wie seine zwiespältige Haltung zu Karl Liebknecht.
Nach dem Tod des in London lebenden Germanisten Dr. Ian King, der als Vorsitzender die Geschicke der KTG lange mitbestimmte, war es gelungen, wieder einen britischen Germanisten für den Vorstand zu gewinnen und den Altersdurchschnitt deutlich zu senken. Dr. Jack Arscott (33) von der walisischen Swansea University widmete sich dem Frauenbild beider Autoren und trat Vergleiche mit Zeitgenossen wie Heinrich Mann („Im Schlaraffenland“) an. Hier, beginnend bei Fontane („Effi Briest“) als auch deutlicher bei Tucholsky („Schloß Gripsholm“), findet sich eine Infragestellung der bürgerlichen Moral. Arscott stellt auch eine moralische Verschiebung des deutschen Durchschnittslesers innerhalb von nur drei Jahrzehnten fest. In der Diskussion wurde angemerkt, dass Tucholsky, promovierter Jurist, in mehreren Artikeln das deutsche Sexualstrafrecht anprangerte.
Fontane-Preisträger Dr. Roland Berbig aus Berlin ging in seinem Vortrag auf den „Berliner Witz“ ein, wie man ihn beispielsweise bei den 48er Literaten Karl Gutzkow oder Adolf Glaßbrenner entdeckte, die sich in Zeitschriften wie „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ oder „Berliner Eulenspiegel“ finden. Von hier geht eine Linie zu Fontane und Tucholsky.
Schließlich wurde auch ein Vortrag von KTG-Gründungs- und Ehrenmitglied Prof. Dr. Hans-Werner am Zehnhoff (Antwerpen) verlesen, der darauf hinwies, dass Tucholsky als Peter Panter und Kaspar Hauser auch ein großer Parodist war, der vor Schiller und selbst Fontane nicht zurückschreckte.
Irgendwann werden wir uns mit dem geplanten Tagungsband aufs Sofa setzen, denn wie meinte Fontane: „Lieber allein mit einem Buch als in schlechter Gesellschaft!“
Kostenlos
Unlängst las ich bei Bertolt Brecht von Dingen, Tätigkeiten, Eigenschaften, die er schätzte. Von der „Dialektik“ und „Bequemen Schuhen“, vom „Duschen“ und „Alter Musik“ gleichermaßen. („Vergnügungen“) Hierauf beschloss ich, eine Selbstbefragung vorzunehmen.
B.B. begann mit dem „ersten Blick aus dem Fenster am Morgen“. – Ich beginne mit dem frühen Gesang der Amsel und dem frisch gebrühten Morgenkaffee. Bei geöffnetem Fenster weht im Frühjahr der Veilchenduft herein, und einige Zeit später duftet der Flieder im Garten von nebenan. Der siebenfarbige Regenbogen wird begrüßt und die erste Schwalbe. – Im August wähle ich drei Lieblingswünsche aus (zwecks möglicher Erfüllung), um sie dem Schwarm der Sternschnuppen anzuvertrauen. Mein Freund ist der Mond mit seinem stillen, steten Wandel. – Pfingstrosen und Sonnenblumen erfreuen in ihrer Blühzeit. Und Schmetterlinge, diese zarten, zerbrechlichen Wesen, sind die Bevorzugten unter den Tieren. Sonnenauf- und -untergänge begeistern ob ihrer Schönheit. Die herbstliche Farbenpracht der Laubwälder bleibt der Höhepunkt des Jahres. – Ich genieße den Mostgeruch, wenn ich durch die kleinen Weindörfer wandere. Den Zugvögeln schaue ich nach, wenn sie ihren Flug nach dem Süden wie einen dunklen Pfeil an den Himmel zeichnen. Ein ruhiger Flockenfall und feine Eiskristalle an den Fensterscheiben verbreiten Vorfreude auf die klare Winterluft. In der Dämmerstunde eines Novembertages und bei einer Tasse Tee ziehe ich es vor, in Karel Čapeks „Das Jahr des Gärtners“ nachzulesen, was der Dichter in diesem Monat vom Frühling hält, der doch nur schläft? – Und dazu: Viva la musica! Vivat Mozart!
Zum Abschluss des Jahres entleihe ich mir von B.B. drei seiner „Vergnügungen“: „Begreifen, Singen, Freundlich sein.“ – Er möge mir verzeihen.
Friedhofsgeschichten
Die Grabstätte, auf der ich dereinst begraben werden möchte, wird demnächst zweihundert Jahre alt: Am 12. Dezember 1826 hat meine Ur-Ur-Urgroßmutter sie „auf dem Gottes Acker der vereinigten Evangelischen Gemeinde Unter Barmen […] erblich anerkauft“. Die Stelle liegt ein paar Meter unterhalb der großen Grabstätte der Familie Engels – die Eltern von Friedrich Engels und einige Verwandte sind dort beigesetzt. Vor ein paar Jahren hat man das Engels-Grab gärtnerisch in Ordnung gebracht und abgebrochene Teile der neugotischen Fiale wieder aufgesetzt; gelegentlich kommen auswärtige Besucher hierher.
Die Familie Engels wohnte in der Brucher Rotte in Unterbarmen, einer Fabriksiedlung, die kommunal zu Barmen, kirchlich zu Elberfeld gehörte. Mit königlicher Unterstützung gelang es den Engels, diesen Ortsteil kirchlich von Elberfeld zu lösen und 1822 eine eigene Gemeinde in Unterbarmen zu begründen; man stiftete Kirche und Friedhof – auch, damit den Arbeitern am Sonntag ein langer Kirchweg erspart blieb. Die Firma produzierte Bänder, Litzen und Spitzen – sogenannte „Barmer Artikel“ – teils im Manufakturbetrieb, teils im Verlagssystem: Sie lieferte das Rohmaterial an selbständige Bandwirker, die in ihren Wohnhäusern produzierten und ihre Waren dann zu einem festgesetzten Stückpreis an Engels verkauften. Engels galt als sozial denkender Unternehmer; in der Brucher Rotte wohnten seine Familie und die Heimarbeiter nebeneinander. Trotzdem glaube ich nicht, dass der junge Friedrich Engels das sieben Jahre jüngere Nachbarskind, das einmal meine Ururgroßmutter werden sollte, besonders wahrgenommen hat. Engels verließ die Brucher Rotte als Siebzehnjähriger – das Nachbarsmädchen, Tochter eines mit der Familie Engels entfernt verwandten Spitzenwirkers, heiratete später einen Bandwirker und liegt seit 1900 auf meiner Grabstelle begraben.
Mit der Erblichkeit des Nutzungsrechtes an solch einem Grab ist es übrigens so eine Sache. Schon mein Großvater (nicht Bandwirker, sondern Malermeister) hat für einige Jahrzehnte nachzahlen müssen, und ich habe desgleichen getan, damit meinen Kindern solche Kosten erspart bleiben. Viele der umliegenden Gräber aber, obwohl nahe am Haupteingang gelegen, sind aufgelassen, die höher gelegenen Teile des Friedhofs fast komplett zu Rasenflächen geworden; die große Pfarrergrabstelle mit teils sehr alten Grabsteinen ist eingeebnet worden, weil sich hier aufgrund der zentralen Lage gut pflegeleichte Urnengräber verkaufen lassen. Die Bestattungssitten haben sich verändert: Kirchliche Trauerfeiern werden seltener, Urnenbeisetzungen in sogenannten Friedwäldern, die den Kommunen oder privaten Forstbetrieben gehören, sind angesagt. Auf dem Friedhof aber müssen das Wegenetz und etliche denkmalgeschützte Monumente späterer reicher Fabrikantenfamilien – darunter eine Sphinx und eine lebensgroße Figur des Hagen von Tronje – erhalten werden: Die Kirche braucht Geld. Ich verstehe das – aber mit jedem verschwundenen alten Grab verschwindet auch eine Geschichte. Mir ist die meiner Unterbarmer Vorfahren und der Familie Engels erst anhand dieses Grabes lebendig geworden. Vermutlich gehöre ich zu einer aussterbenden Minderheit – schade eigentlich.
Terroristische Barbarei
Das Magazin Der Spiegel hat in seiner Ausgabe 43/2026 anhand von Aussagen israelischer Soldaten – gesprochen worden sei mit zehn – über die Art und Weise der aktuellen israelischen Kriegführung in Gaza berichtet. Vorangestellt hatte das Magazin unter anderem folgende Bemerkung: „Der SPIEGEL hat alle Aussagen so weit wie möglich überprüft, mit anderen Berichten und unabhängig verifizierbaren Informationen abgeglichen, und hält sie für glaubwürdig.“ Der Bericht umfasst etwas mehr als vier Magazinseiten.
Nachfolgend einige exemplarische Auszüge
„David war als Infanterist […] im Einsatz“: „[…] In manchen Einheiten hieß es: Erschießt jeden, den ihr seht. […] Man ging frühmorgens los, […] marschierte irgendwohin, bezog Stellung. Und dann schoss man im Grunde auf jeden, der vorbeikam. Wir wussten nichts über Völkerrecht.“
„Yair, Ende 20, ist Drohnenpilot“: „In früheren Kriegen mussten getötete Zivilisten grundsätzlich vermieden werden. Das war in Gaza anders. Die Armeeführung unternahm erst nach mehr als einem Jahr Schritte, um Kollateralschäden, also die Zahl ziviler Toter, zu minimieren. […] Dass stets ein Jurist einen Angriff abnickt, wie es die Armee behauptet, kann ich nicht bestätigen, ich habe das kein einziges Mal mitbekommen.“
„Yaakov, Mitte 40, […] war […] rund 250 Tage in Gaza“: „Warum sollte jemand, der kein Terrorist ist, neben zwei anderen Menschen gehen? Das passiert im wirklichen Leben doch nie, oder? Also müssen sie Terroristen sein. Der Kommandeur gab den Befehl, sie zu töten. Eine Drohne feuerte eine Rakete, und sie waren weg.“
„Omri, Mitte 20, war beim Militärgeheimdienst […]“: „Eine Sache änderte sich während des gesamten Krieges nicht: Jeder Mann im wehrfähigen Alter wurde als Terrorist eingestuft, wobei wehrfähiges Alter sehr offen ausgelegt wurde. Das konnte zwischen 16 und 60 Jahren bedeuten, aber auch darunter oder darüber.“
„ltay, Wehrdienstleistender“: „Kinder wurden eher versehentlich erschossen, weil ein Soldat sie für Männer hielt.“
Abschließend heißt es unter anderem: „Auf Anfrage des SPIEGEL zu den Vorwürfen antwortete die Pressestelle der [israelischen – G.M.] Armee in einer Stellungnahme, dass man ausschließlich gegen militärische Ziele vorgehen und ‚unter den gegebenen Umständen durchführbare Maßnahmen‘ ergreife, mit dem Ziel, ‚unbeabsichtigte Schäden für Zivilpersonen und zivile Objekte so weit wie möglich zu minimieren‘.“
*
Dass der Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023, der sich praktisch nahezu ausschließlich gegen israelische Zivilisten ohne Unterschied nach Alter und Geschlecht richtete, ein durch nichts zu rechtfertigender Akt terroristischer Barbarei war, steht außer Frage. Die Spiegel-Berichterstattung legt allerdings nicht nur die Befürchtung nahe, dass für die israelische Kriegführung im Gazastreifen seit dem 7. Oktober 2023 dasselbe gilt.
Die Bibliothek der Ukraine
„In dieser Sammlung begegnen Leserinnen und Leser sowohl kanonischen als auch kaum bekannten Stimmen der ukrainischen Literatur. Die hier aufgenommenen Texte […] verstehen sich weder als wissenschaftliche Expertise noch als Versuch, die Geschichte der ukrainischen Literatur umfassend darzustellen. Vielmehr folgt diese Auswahl meiner persönlichen Leseerfahrung, die sich als eine unerwartete Folge des großflächigen Krieges Russlands gegen die Ukraine ergeben hat“, schreibt Katja Petrowskaja einleitend. Sie wurde in Kiew geboren, studierte in Tartu Literaturwissenschaft und Slawistik und promovierte in Moskau. Seit 1999 lebt sie in Berlin.
Die „Ukrainische Bibliothek“ des Wallsteinverlags gibt es seit Oktober 2025. Das literarische Projekt wurde von der ukrainischen Schriftstellerin Tanja Maljartschuk und der Übersetzerin Claudia Dathe initiiert und stellt die berühmtesten Klassiker des ukrainischen literarischen Erbes des 19. und 20. Jahrhunderts vor – mit dem Ziel, sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international Aufmerksamkeit auf das Land und seine Kultur zu lenken. Die Texte erscheinen fast ausschließlich zum ersten Mal auf Deutsch in zeitgemäßen Übersetzungen. Folgerichtig gibt es im Buch einen Anhang, der die jeweiligen Autoren ausführlich vorstellt.
Die 13 hier vorliegenden Erzählungen spiegeln ihre Epoche, historische Ereignisse und soziale Verhältnisse wider. Einen großen Raum nehmen militärische Konflikte und Progrome ein, aber auch die Lage und Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen werden thematisiert. Die Erzählungen sind in vier thematische Gruppen geordnet: Unterwegs; Die Stadt der Frauen; Die Umbrüche und Die Nachfolger. Sie umfassen den Zeitraum vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre.
Das Buch beginnt mit drei Eisenbahnfahrten. Aus der zweiten ist deren einleitender Satz „Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden“ zum Titel des Buches geworden. Die Erzählung selbst nennt sich „Die Braut“ und war für mich die interessanteste. Eine junge Frau nachts in einem Eisenbahnabteil auf dem Weg zu ihrer Hochzeit – zusammen mit einem anderen jungen Mann …
Die Erzählung „Die Pani“ (typische beibehaltene ukrainische Begriffe werden am Ende des Buches erläutert) beschreibt ebenfalls das ungewöhnliche Leben einer Frau – in diesem Fall auf dem Dorfe.
Auch die Erzählungen über den Krieg sind ungewöhnlich – mal aus der Sicht eines Kindes, mal wird das Verhältnis der Soldaten zum Barbier beschrieben.
Insofern bietet der Band wie die gesamte „Bibliothek der Ukraine“ neue und interessante Einblicke in eine hierzulande wenig bekannte Literatur und in die Mentalität der Menschen in ihrer Zeit und Region.
„Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden“. Ukrainische Meistererzählungen des frühen 20. Jahrhunderts. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Katja Petrowskaja, Wallstein Verlag, Göttingen 2026, 272 Seiten, 24,00 Euro.
Ist die Menschheit noch zu retten?
In dieser Rubrik versammeln wir in unregelmäßiger Abfolge Indizien, die den Verdacht nähren, dass die gestellte Frage zu bejahen von falschen Voraussetzungen ausgehen könnte.
Gern werden dafür auch Hinweise unserer geschätzten Leserschaft entgegengenommen; bitte per Mail – und in jedem Falle mit Link zur entsprechenden Quelle – an: redaktion@das-blaettchen.de.
Am 27. Oktober 2026 teilte die Bundeswehr auf ihrer Homepage mit: „Gemeinsam mit internationalen Partnern üben der deutsche und der japanische Sanitätsdienst bei Keen Sword 2027 in Japan die Versorgung einer großen Anzahl Verwundeter. […] Rund 100 Soldatinnen und Soldaten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr nehmen vom 19. bis 29. Oktober 2026 an der Übung in Japan teil. […] Ein besonderer Schwerpunkt der deutschen Beteiligung liegt dabei auf dem Zusammenspiel verschiedener Elemente der sanitätsdienstlichen Rettungskette. Das Übungsszenario führt von der Verwundetenversorgung auf Okinawa über den Lufttransport bis zur weiteren Behandlung auf der japanischen Hauptinsel. […] Auch die Dekontamination von Verwundeten ist Bestandteil der Übung.“
Wann kommt Krieg? …
… fragte Hermann Budzislawski (zu diesem siehe Blättchen 8/2022) in Die neue Weltbühne 16/1934 und schrieb dazu unter anderem:
„[…] Aufrüstung führt so sicher zum Krieg wie Schuldenmachen zum Bankrott. Kapital muß arbeiten, Zinsen abwerfen. Auch Kanonen, Festungen, Bombenflugzeuge sind Kapital von begrenzter Lebensdauer. Solche Werte anhäufen, ohne sie zu benutzen – das wäre unverzeihliche Verschwendung.
Die Aufrüstung Deutschlands, die so weit fortgeschritten ist, daß ihre Vollendung nicht mehr gehindert werden kann, schafft die Voraussetzung für den nächsten Weltkrieg. Das Kräfteverhältnis ist ungewiß, es kommt auf die Bundesgenossen an, und damit öffnet sich den Diplomaten ein schönes Betätigungsfeld. […] Wehe aber, wenn das Zünglein an der Wage ins Pendeln kommt! Selbst dem geschicktesten Jongleur entgleitet einmal ein Ball, und hier wird mit Brandbomben jongliert.
Ungewiß, wann der Kunstfehler passiert. Damit die Bombe zündet, muß sie allerdings auf einen vorbereiteten Boden fallen. Die kriegerische Konstellation ist vorhanden, wenn das angriffslustigste Land das Optimum seiner Rüstung erreicht hat. Nehmen wir als Beispiel Deutschland. Es konzentriert alle seine Sinne auf die Vorbereitung des Krieges und überholt dabei seine Nachbarn. Aber eines Tages wird das Tempo seiner Aufrüstung nachlassen, weil seine wirtschaftliche Kraft erlahmt. Dann kann es zwar seinen Stahlpanzer noch immer festigen; seine künftigen Gegner, deren Basis gesünder und weniger erschöpft ist, würden nun jedoch nachholen, was sie versäumten – wenn Deutschland, das eben jetzt bei seinem Rüstungsoptimum angelangt ist, dies zuließe. Das ist der Augenblick erhöhter Kriegsgefahr.“
Die Rechtschreibung des Originals wurde beibehalten.
Aus anderen Quellen
Über die wahrscheinlichen Folgen eines möglichen Atomkrieges zwischen dem Westen und Russland schweigen sich die Kriegstüchtigkeitsprediger in den Reihen von Politik und Medien geflissentlich aus. Der US-Film „The Day after – Der Tag danach“ zeigt dieselben. Michael Klundt erinnert an die Erstausstrahlung (20.11.1983) in den USA: „Alle stellen sich die Frage, die in einer Anekdote der US-Präsident nach Ansehen des Films ebenfalls seinem obersten General gefragt haben soll: Käme es wirklich so schlimm? Und nicht nur in der Anekdote sagt der Experte: Nein – es würde noch schlimmer sein. Im Deutschland des Jahres 2026 sollte eine Pflicht-Vorstellung für Merz, Kiesewetter, Klingbeil, Strack-Zimmermann, Hofreiter und ihre Hofberichterstatter gegeben werden.“
Michael Klundt: Anekdoten zur Senkung der Kriegsmoral, Ossietzky, 21/2026. Zum Volltext hier klicken.
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Für den Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, steht fest: „Für Russland hat der Krieg bereits begonnen, wenn Sie sich die Vielzahl hybrider Angriffe auf kritische Infrastruktur und die russische Einflussnahme im Westen anschauen. Ich rede von Spionage oder Sabotageakten, die wir tagtäglich erleben.“ Der Journalist und Autor Thomas Fazi – gerade erschienen ist beim Westend Verlag sein jüngstes Buch: „Die Brüsseler Tyrannei: oder Der diskrete Staatsstreich“ – hat diese „hybriden Erlebnisse“ analysiert. Sein Fazit unter anderem: „Viele der am meisten publik gemachten Fälle vermeintlicher russischer ‚hybrider Kriegsführung‘ – von der Leyens gestörtes Flugzeug, die Kabelunterbrechungen im Baltikum, der DHL-Absturz in Vilnius, der Brand in Heathrow, die Welle von Drohnensichtungen, die im Herbst 2025 über Europa hinwegfegte, die rumänische TikTok-Kampagne – erwiesen sich als von den Medien hochgespielte Spekulationen, die bei einer grundlegenden Überprüfung zusammenbrachen, wobei die Rücknahmen, sofern es welche gab, nur einen Bruchteil der Berichterstattung erhielten, die den ursprünglichen Vorwürfen gewidmet war.“ Und: „Letztendlich kann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Narrativ der ‚russischen hybriden Kriegsführung‘ nur zu einer beunruhigenden Schlussfolgerung führen. Gegen Europa wird tatsächlich ein ‚hybrider Krieg‘ geführt – aber er wird vom EU-NATO-Establishment selbst gegen die eigene Bevölkerung geführt.“
Thomas Fazi: The „Russian hybrid war“ narrative: a new NATO strategy of tension?, thomasfazi.com, 07.10.2026. Zum Volltext hier klicken. Zu einer maschinellen deutschen Übersetzung hier klicken.
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Ungefilterte russische Ansichten zu politischen, militärischen, wirtschaftlichen oder zu welchen anderen auch immer für die Weltentwicklung möglicherweise ja relevanten Fragen sind in den deutschen Mainstream- und selbsternannten Qualitätsmedien seit längerem praktisch nicht mehr auffindbar. Nach Dmitri Trenin, Direktor des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten (RIAC) und wissenschaftlicher Leiter an der Higher School of Economics (HSE) in Moskau, „offenbart“ dies „eine spürbare Angst der deutschen und westlichen Führungskreise, dass eine unzensierte, vollständige Darstellung russischer Standpunkte als gefährliche Desinformation gewertet werden könnte“.
Éva Péli interviewte für die nachdenkseiten (28. und 29.10.2026) Dmitri Trenin. Zum Volltext hier klicken – Teil I und Teil II.
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Katja Hoyer berichtet über die politische Kultur in Uruguay: „In Montevideo habe ich eine Ahnung davon bekommen, dass es anders gehen kann. Auch in Uruguay läuft nicht alles rund, aber man scheint dort noch eher darauf zu vertrauen, dass sich politische Differenzen mit Vernunft und Gelassenheit austragen lassen. Das garantiert keine besseren Entscheidungen, doch es schafft die Voraussetzung dafür, dass politische Auseinandersetzungen nicht zum permanenten Kampf werden, aus dem sich immer mehr Menschen zurückziehen.“
Katja Hoyer: Haben Sie sich schon mal in Montevideo gestritten?, Berliner Zeitung, 24./25.10.2026. Zum Volltext hier klicken.
Letzte Meldung
Die Kollegen vom Weser-Kurier, Ausgabe vom 2. November 2026, haben die Jugendproteste vom vorhergehenden Wochenende in mehr als 30 deutschen Städten kommentiert: „Der Protest der jungen Menschen ist verständlich und berechtigt. Denn neben den zahlreichen notwendigen Investitionen in die Infrastruktur, in den Klimaschutz und in die Verteidigungsfähigkeit dieses Landes ist der Bildungssektor zuletzt viel zu kurz gekommen. Deshalb muss mehr Geld in die Schulen gesteckt werden. Doch woher soll es kommen? Vielleicht denken die Konservativen noch mal über eine Wiedereinführung der Vermögensteuer und die Progressiven über ein Ende des abschlagsfreien Renteneintritts nach 45 Beitragsjahren nach.“
In Sachen Vermögenssteuer will ich Ihnen vollkommen Recht geben. Nicht zuletzt wäre in diesem Kontext meines Erachtens auch die Erbschaftssteuer endlich einer verfassungsgerichtskonformen gesetzlichen Neufassung mit signifikantem Einnahmenaufwuchs zugunsten des Staatshaushaltes wert. Im Übrigen jedoch, werte Kollegen, sollten Sie zur Abwechslung vielleicht mal über die laufende wahnwitzige und überdies sicherheitspolitisch völlig unsinnige Hochrüstung* hierzulande nachdenken. Durch deren Stopp wäre deutlich mehr Schotter gewonnen als durch den Griff in die Taschen derer, die 45 Beitragsjahre tagein, tagaus malocht haben.
* – Siehe dazu in dieser Ausgabe ausführlicher meinen Beitrag „Entwarnung?“.
Schlagwörter: Atomkrieg, Barmen, Dieter Kalka, Dmitri Trenin, F.-B. Habel, Filmproduktion, Frank Burkhard, Friedhof, Friedrich Engels, Gabriele Muthesius, Gaza, Hermann-Peter Eberlein, hybrid, Ingo Schulze, Kriegführung, Kriegsgefahr, Kurt Tucholsky, Kurt-Tucholsky-Gesellschaft, Michael Klundt, Regina Ziegler, Rente, Russland, Rüstung, Sarcasticus, Theodor Fontane, Thomas Fazi, Ukraine, Uruguay, Viola Schubert-Lehnhardt


