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2.986 Beiträge im Forum

  1. Bernd Gappa sagt:

    Pazifismus heute
    oder
    Eine konstruktive Weltfriedensordnung bedroht die Zukunft des Krieges und alle Arbeitsplätze zur Planung, Organisierung und Durchführung von Angriffskriegen
    Das Nachfolgende ist meine alternative Antwort zu Stephan Wohankas Artikel „Pazifismus heute“ in Nr. 3 / 2023 des Blättchens.
    Pazifismus als Gattungsbegriff umfasst alle Menschen, die in ihrer Grundhaltung als Kriegsgegner den Krieg als Einheit von Angriffskrieg und Verteidigungskrieg ablehnen.
    Krieg ohne diese Einheit ist nicht zu haben und der wirkliche Krieg im Ganzen umfasst immer diese beiden Formen von Kriegsführung.
    Sie sind gleichbleibend oder nachhaltig wesensgleich:
    Menschen töten und die Infrastruktur des Feindes töten.
    Diese Wesensgleichheit aller Kriege hat sich bis heute nicht geändert und wird sich auch in der Zukunft nicht ändern.
    Das Gemeinsame ist die gegenseitige Wahrnehmung als Feind.
    Der Pazifismus, in welcher Form auch immer, kommt ohne entmenschlichtes Feindbild aus. Einige Pazifisten versteigen sich sogar zu der abenteuerlichen Formulierung eines gewaltfreien Widerstandes gegen aggressive Staaten und/oder aggressive Menschen in ihrer historisch wesentlichen Erscheinung als Staatsbürger.
    Die Idee eines gewaltfreien Widerstandes jedoch ist absurd, weil es keinen gewaltfreien Menschen als Individuum geben kann. Alle ernstzunehmenden Denker und politisch Engagierten, die einen gewaltfreien Widerstand propagierten (Gandhi, King, Rosenberg uva) hatten dabei immer die Abgrenzung zum aggressiven, intoleranten und menschenfeindlichen Widerstand im Zentrum ihres Denkens.
    Einer der bekanntesten Pazifisten, Albert Einstein, nutzte seinen Bekanntheitsgrad, um das Manhattanprojekt auszulösen, das bis in die Gegenwart den Anfang der nuklearen Abschreckung bildet.
    Die Geschichte der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen in der Neuzeit hat seinen Ursprung in Deutschland. Der deutsche patriotische Wissenschaftler Fritz Haber suchte und fand für den Kriegseinsatz gegen die französischen und britischen Feinde das Chlorgas, von BASF produziert und in Ypern am 22.04.1915 von deutschen Angriffskriegern erfolgreich eingesetzt.
    Aus temporaler Sicht ist das Kürzel ABC-Waffen falsch. Richtiger wäre von CBA-Waffen zu sprechen.
    Warum braucht man Massenvernichtungswaffen?
    Diese Frage ordnet sich der Frage unter, „Warum Krieg?“, die 1932 Einstein an Freud stellte. Ein Briefwechsel, der für alle Friedenswilligen aus Gewissengründen (alle Pazifisten) genauso aktuell verhaltensorientierend ist wie vor 89 Jahren. Der Begriff Alle Pazifisten schließt die militanten Pazifisten ein, zu denen sich auch Einstein selber zählte. (vgl. Albert Einstein „Für einen militanten Pazifismus“ in: Albert Einstein, Sigmund Freud „Warum Krieg? – Ein Briefwechsel, Mit einem Essay von Isaac Asimov“; Diogenes 1972).
    Ich war Fallschirmjäger. Ich war und bin militanter Pazifist und ich hasse den Krieg. Ich hasse nicht die Soldaten der Streitkräfte, von denen der buddhistische Pazifist Thich Nhat Hanh aus den Selbsterfahrungen im Vietnamkrieg sagte, dass die Soldaten aller Streitkräfte Verführte ihrer Regierungen sind, wenn sie als Menschen verführt wurden, sich gegenseitig umzubringen.
    Das eint alle Pazifisten – den Krieg zu hassen und das Kostbarste aller Menschen – ihr Leben – mit aller Macht zu verteidigen und das Wertvollste jedes Lebens – die Gesundheit- zu schützen.
    Nicht ein einziger Krieg kann diese Aufgabe erfüllen. Ob symmetrisch oder asymmetrisch – jeder Krieg ist ein sozialer Brennpunkt der wie alle sozialen Brennpunkte überwunden werden muss weil es heute notwendiger ist als gestern.
    Sind wir 8 Milliarden Menschen in der Lage, uns dem Klimawandel anzupassen ohne Kriege gegeneinander zu führen?
    Das zu beantworten übersteigt die 4000 Zeichengrenze.
    Die Geschichte unseres individuellen Gewaltmonopols beginnt mindestens 4 Millionen Jahre vor der Geschichte des staatlichen Gewaltmonopols und der Durchsetzung von Minderheitheitsinteressen.

  2. Zu Erhard Cromes Imperialismus-Argumentation empfehle ich, über den Unterschied einer Hegemonialmacht gegenüber einer Imperialmacht nachzudenken und vor allem zu lesen Ulrich Menzel “Die Ordnung der Welt. Imperium oder Hegemonie in der Hierarchie der Staatenwelt” (Berlin 2015) sowie Bruno Schönfelder “Der Fluch des Imperiums” (Berlin 2022) und den Artikel von Erich Weede in der F.A.Z. vom 30.01.2023 “Warum Russland arm bleibt”

  3. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: „Auf den Kanzler kommt es an“ – (?) von Herbert Bertsch
    Das Buch „Wie Demokratien sterben“ der Autoren Ziblatt und Lewitsky zitierend sowie „ die Hauptfragestellung“ Ziblatts „Wird die liberale Demokratie global überleben?“ aufnehmend schreibt Herbert Bertsch: „´Unsere Demokratien´ haben Antworten dazu zeitlich verschoben, auch nach außen delegiert, durchaus auch mit Erfolgen bei dieser Art Krisenbewältigung: […] Ein erfolgreicher Dauerbrenner für die Funktion als Feindbild war seit 1917 die Sowjetunion, mit jähem Ende. Gorbatschow hat ´den Demokratien´ – auch eigensüchtig – den Feind weggenommen, mit allen, auch weltweiten Nebenwirkungen“.
    Ergo und verkürzt – Gorbatschow ist Schuld daran, dass die liberalen Demokratien ins Trudeln geraten sind, da er ihnen den „Feind weggenommen“ hat.
    Ich will das gar nicht in Abrede stellen. Besagter Ziblatt veröffentlichte ein Jahr vor „Wie Demokratien sterben“ – nämlich 2017 – das Buch „Conservative Parties and the Birth of Democracy“ (Konservative Parteien und die Geburt der Demokratie). Darin sagt Ziblatt: „Ich argumentiere in diesem Buch, dass die Demokratien auf eine lange Tradition solider, gut organisierter und pragmatischer konservativer Parteien angewiesen waren, um überlebensfähig zu sein“. Das Buch ist eine Studie über die Ausformung, Konsolidierung und den phasenweisen Zusammenbruch demokratischer Staatsformen zwischen 1850 und 1950, sich hauptsächlich auf Untersuchungen zu Deutschland und England stützend. Der Schweizer Journalist Daniel Binswanger zieht folgendes Resümee: „Das Einzige, was eine Demokratie am Leben erhält, sind solide, vernünftige Traditionsparteien. In heutiger Zeit eine schlechte Nachricht.“ Überall dort, referiert er weiter, wo der Konservatismus mit dem rechten Populismus eine Allianz eingehe, hat letztere die Chance, die politische Macht zu erobern. Das moderne Paradebeispiel dafür sei Donald Trump, den die Republikanische Partei zwar zunächst bekämpft hatte, mit dem sie dann aber auf Gedeih und Verderb einen Pakt geschlossen habe.
    Nehme ich das, so ist die Antwort auf die Frage „Wird die liberale Demokratie global überleben?“ nicht nur „nach außen delegiert“, wie Bertsch schreibt, sondern ist auch weiterhin eine höchst brisante innenpolitische Aufgabe; die Eiertänze der CDU um die AfD belegen das eindrücklich.

  4. Sehr geehrter Herr Held,
    leider akzeptiert die Redaktion keine Verlinkungen in Artikeln. Ich hoffe, es wird akzeptiert, wenn ich das hier mit einem Verweis auf meine Schumpeter-Rezension nachhole: https://www.academia.edu/44986699/Schumpeter_Rezension.
    Schumpeter rehabilitiert den Unternehmer, den Marx nur als kapitalistischen Ausbeuter sah. Es ist – so Schumpeter – der Unternehmer, der aus den gewohnten Bahnen ausbricht, Neues schafft, gegen den Strom schwimmt, das Neue gesellschaftlich durchsetzt und aufgrund dessen seinen Unternehmerlohn realisiert. Schumpeters Begriff des Unternehmers (Entrepreneur) unterscheidet sich klar von der landläufigen Vorstellung vom Unternehmer: Für Schumpeter ist „Unternehmer“ ein Synonym für „Neuerer“. Der Zeitgeist kann und will mit dem Sieg des Keynesianismus und Staatsdirigismus damit nichts anfangen und hat keine Vorstellung davon, was Entwicklung ist, nämlich Entstehung von Neuem. Das ganze Gerede von klimagerechtem Wachstum, Nullwachstum, Postwachstum, Degrowth geht an der ökonomischen Wirklichkeit vorbei. Niemand scheint sich die Mühe zu machen, die Werke von Schumpeter zu lesen, bemängelten Jochen Röpke und Olaf Stiller in der Einführung der Schumpeter-Schrift „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ (Nachdruck der 1. Auflage von Joseph A. Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung hg. und ergänzt um eine Einführung von Jochen Röpke und Olaf Schiller. Berlin 2006 S. IX). „Die herrschende ökonomische Lehre bietet nichts an, um die Entwicklung zu erklären oder anzustoßen“. (Gunnar Sohn: Wenn Volkswirtschaften in Routine ersticken. In Hans Frambach u.a. (Hg.): Schöpferische Zerstörung und der Wandel des Unternehmertums. Zur Aktualität von Joseph A. Schumpeter. Marburg 2019 S. 521)

    Es ist unverkennbar, daß ich mit meiner Schumpeter-Rezeption Peter Ruben, dessen Aufsätze auch als PdF im Internet zu finden sind (https://peter-ruben.de/index.html), und Ulrich Hedtke (https://schumpeter.info/) folge.

  5. Claus-Peter Held sagt:

    Sehr geehrter Herr Pawliczak,
    ich habe Ihren Artikel mit Anregung gelesen. Die Innovation, nach Schumpeter an den “guten” Unternehmer geknüpft kommt im allgemeinen Diskurs sehr wenig vor, weder befürwortend noch wiederlegend. Diese Thema treibt uns, meine Frau und mich ebenfalls um. Weniger um des verflossenen Sozialismus willen, der weder innovativ noch menschlich war, nicht einmal zu seinen “führenden” Arbeitern und Bauern. Es ist bei uns eher die Projektion nach vorn, also der Blick auf Bildung, Gesundheit, Forschung, Klimawende in unserem Land. In diesen zentralen Feldern der Wissensgesellschaft verlassen wir uns auf einen Staat, fordern wir von einem Staat der nach Luhmannscher Bauart keineswegs innovativ sein kann und soll. Wir verlassen uns nicht nur, nein wir fordern, wir setzen Ultimaten, kleben uns fest… Es ist nicht die Polemik, sondern eher die (weitergedachte) Antwort auf den Schumpeter. Aber Ihr Artikel ist schon mal eine gute Grundlage.

  6. Franka Haustein sagt:

    Wir haben bekanntlich einen Bundeskanzler, der sich von nichts und niemandem treiben lässt (O-Ton Scholz: „Manchen von diesen Jungs und Mädels muss ich mal sagen: Weil ich nicht tue, was ihr wollt, deshalb führe ich.“, RedaktionsNetzwerk Deutschland, 15.04.2022) und dessen Befürworter immer noch seine Besonnenheit loben („Scholz …: Gute Führung durch Nachdenklichkeit“, NRZ, 25.01.2023).
    Sollte Russland den Ukraine-Konflikt gleichwohl trotzdem zum Dritten Weltkrieg eskalierten, dann wäre es deutscherseits zumindest Apokalypse mit Ansage gewesen:

    „Scholz bleibt dabei: Keine Waffen für Ukraine“, ZDF, 06.02.2022.

    „Scholz stellt klar: Keine Panzer für die Ukraine“, Frankfurter Rundschau, 02.11.2022.

    „Scholz stellt klar: Keine Kampfjets und Truppen für die Ukraine“, Bayerischer Rundfunk, 25.01.2023.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Man kann ja von Scholz halten was man will – namentlich in der “Waffenfrage”.
      Ihm jedoch eine Aussage in Sachen Waffenlieferung vom 06.02.22. anzukreiden; das heißt von vor dem 24.02.22, also vor dem völkerrechtswidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine, ist doch etwas dürftig.

  7. Dr. Jürgen Leibiger sagt:

    Lieber Ulrich Busch, meine 1923-Retrospektive stellt keine Parallelen zur Gegenwart her und sollte auch keine Ängste schüren. Sie erinnert an ein Schicksalsjahr deutscher Geschichte vor hundert Jahren, das in nicht geringem Maße dazu beigetragen hat, dass in Deutschland wie in keinem anderen Land Inflationsängste historisch tief verwurzelt sind. Die Lage ist nun leider so, dass es bei den von den gegenwärtigen Preissteigerungen besonders Betroffenen gar keines “Angstschürens” bedarf; sie haben wohl auch ohne geschichtliche Kenntnisse existenzielle Sorgen genug. Ansonsten stimme ich Ihrem Kommentar natürlich zu.

  8. Ulrich Busch sagt:

    zu Jürgen Leibiger in Nr. 2/2023:
    Seit dem Sommer 2021 ist in Deutschland, im Euroraum und in der Welt ein rasanter Preisanstieg zu verzeichnen. Dieser betrifft insbesondere die Energieträger, bestimmte Rohstoffe und Agrarprodukte. Inzwischen wurden von der Teuerungswelle durch sogenannte Zweitrundeneffekte aber auch andere Produkte und Dienstleistungen erfasst, so dass die bis dahin vorherrschende deflationäre Tendenz als überwunden angesehen und von einer Rückkehr der Inflation gesprochen werden kann. Zufällig trifft dieser Prozess zeitlich mit dem 100. Jahrestag der Hyperinflation in Deutschland, Österreich, Ungarn und anderswo zusammen. Die Koinzidenz beider Ereignisse legt es nahe, die retrospektive Betrachtung der “großen Inflation” im Lichte der inflationären Prozesse der Gegenwart vorzunehmen, wie auch umgekehrt, die aktuelle Inflation anhand der Erfahrungen der Hyperinflation von 1922/23 zu bewerten. Dabei fällt auf, dass es hier sowohl Parallelen als auch signifikante Unterschiede gibt. Insgesamt aber dürften die Differenzen überwiegen, was eine Gleichsetzung beider Prozesse ausschließt und Befürchtungen, die darauf hinauslaufen, die aktuelle Inflation könne früher oder später in eine Hyperinflation übergehen, unbegründet erscheinen lässt. Durch die Retrospektive werden jedoch mitunter böse Erinnerungen an den „Zahlenirrsinn“ von vor einhundert Jahren geweckt, kollektive Ängste geschürt und besorgniserregende, den Preisanstieg eher noch befeuernde Erwartungen in Hinblick auf die Zukunft erzeugt. Es ist daher zu begrüßen, wenn die Ursachen, Verläufe und Folgen beider Inflationsprozesse jeweils genau analysiert und daraus politische und ökonomische Schlussfolgerungen gezogen werden.

  9. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Politische Klasse im Blick von Waldemar Landsberger
    Der Autor schreibt anhand des von ihm besprochenen Buches von Wolfgang Bosbach: Wer glaubt uns noch? Warum Politik an Vertrauen verliert und was wir dagegen tun können, Folgendes: „Und spätestens hier erwischt Bosbach dann auch die Bundesregierung beim Heucheln. Die Linkspartei hatte angefragt, aus welchen Quellen der in die Bundesrepublik importierte Strom komme. Die Regierung antwortete im Januar 2021, das wisse sie nicht. Allein im ersten Quartal 2021 waren die Stromimporte insgesamt gegenüber dem Vorjahreszeitraum um über 18 Prozent gestiegen, darunter aus der Tschechischen Republik um 220 Prozent; mengenmäßig liegt nach wie vor Frankreich vorn. Dort kommt Elektroenergie überwiegend aus Kernkraftwerken, in Tschechien zu 75 Prozent aus Kern- und Kohlekraftwerken“.
    Diese Zahlen sind insofern unredlich, als das sie ein falsches Bild erzeugen; nämlich das eines – „allein im ersten Quartal 2021 waren die Stromimporte insgesamt gegenüber dem Vorjahreszeitraum um über 18 Prozent gestiegen“- stromimportierenden Landes.
    Jedoch über das Jahr 2021 hat Deutschland wesentlich mehr Strom exportiert als importiert; das Saldo betrug 17,4 Terrawattstunden! Der Import, auch französischen Atomstroms und tschechischen Kohlestroms, machte 36,6 Twh, der Export 57,0 Twh aus. Exportiert wurde so auch ein gewichtiger Anteil von Strom – und das ist der springende Punkt – aus erneuerbaren Energien. Die gesamten Stromerzeugung hierzulande betrug im Jahr 2021 rund 505,3 TWh, wovon 42,6 Prozent (215,4 TWh) durch erneuerbare und 57,4 Prozent (289,9 TWh) durch konventionelle Energieträger erzeugt wurden. Zu unterstellen ist, dass die Exporte aus diesem Mix stammen.
    Warum macht sich Herr Landsberg nicht die Mühe, die zitierten Zahlen zu hinterfragen? Passen sie (zu) gut in ein Bild? Zumindest in eines des Herrn Bosbach.

  10. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Die neue Militärmacht – auf dem Wege zur Hightech-Armee von Wilfried Schreiber
    Der Autor schreibt: „Inzwischen hat China mit zwölf seiner 14 Nachbarn auf dem Festland alle Grenzfragen final gelöst und mit acht Nachbarn Verträge über Freundschaft und Kooperation abgeschlossen. Kern der chinesischen Außenpolitik ist Ringen um Friedliche Koexistenz im Sinne einer multipolaren Weltordnung bei voller Unterstützung der Vereinten Nationen“.

    Interessant ist die Feststellung, dass China alle Grenzfragen „auf dem Festland“ gelöst habe; auf dem Meer sieht die Lage offensichtlich diametral anders aus. Nicht nur, dass China immer wieder damit droht, Taiwan mit Waffengewalt zu erobern, wenn dieses sich nicht freiwillig dem „Mutterland“ anschließe. Dabei war Taiwan nie Bestandteil der Volksrepublik China.
    Auch die sogenannte Neun-Striche-Linie oder auch Nine-Dash-Line signalisiert Pekings Entschlossenheit, Grenzen auf dem Meer abzustecken. Von Hainan, der Provinz im Süden Chinas, die aus verschiedenen Inseln besteht und deren größte ebenfalls Hainan heißt, bis zum südlichsten Punkt der Linie vor den indonesischen Natuna-Inseln sind es mehr als 1700 Kilometer. So markiert China etwa 80 Prozent des Südchinesischen Meeres für sich, durch das auch wichtige Routen des internationalen Seehandels verlaufen. Jede Landkarte in China hat die Linien nun eingezeichnet, immer wieder übt das Land auch auf andere Staaten und Unternehmen Druck aus, die Grenzführung zu übernehmen.
    Der Internationale Schiedsgerichtshof wies zwar vor Jahren Chinas historische Argumentation in einem viel beachteten Streitfall zwischen Peking und Manila zurück. Das hat aber keine Wende in der maritimen Politik Chinas angestoßen. Im Gegenteil: Der Drang, durch künstliche Inseln und Verwaltungsverordnungen möglichst rasch Fakten zu schaffen und Nachbarn durch Seemanöver einzuschüchtern, scheint einen neuen Schub bekommen zu haben. Auch ungeachtet der Tatsache, dass nach gültigem Seerecht künstliche Inseln nicht gleichbedeutend mit natürlichen Landformungen sind.
    Ein „Ringen um Friedliche Koexistenz“ sieht wohl anders aus…

    • Krysztof Daletski sagt:

      Es ist immer möglich, einen Akteur als Agressor darzustellen, indem man einzelne Punkte herausgreift und den ganzen Kontext weglässt. Im Falle des südchinesischen Meeres liefert dieses Video https://www.youtube.com/watch?v=ISHHe1Hu6d4 Infos, wieso “China da einen auf dicke Hose macht” (so der Blogger Fefe am 16.10.2022 [1]). Das Video ist m.E. etwas nervig gemacht, aber wenn man das aushält, erfährt man einiges an Kontext. Wer das nicht durchhält, findet beim unten verlinkten Blogeintrag zwei erläuternde Sätze.

      Bei der Bewertung muss man auch berücksichtigen, bei wem es um existenzielle Interessen geht, und wer nur einen Vorteil behalten/ausbauen möchte, aber auch gut anders klar käme. Und angesichts des Vorschlags aus dem Umfeld der US-Navy, sogar Piraterie zu fördern [2], um den chinesischen Seehandel zu stören, erscheinen mir die chinesischen Sorgen keineswegs unberechtigt.

      [PS: Weil ich nicht weiß, ob die Thread-Anzeige hier im Forum verlässlich funktioniert: Dies ist eine Antwort auf den Kommentar von Stephan Wohanka vom 5.1.2023.]

      [1] https://blog.fefe.de/?ts=9db535aa

      [2] https://www.usni.org/magazines/proceedings/2020/april/unleash-privateers

    • Stephan Wohanka sagt:

      Sehr geehrter Herr Daletski,
      nennen wir doch die Dinge beim Namen. Wenn also China quasi 90 Prozent des Südchinesischen Meeres für sich beansprucht, sind laufende Streitereien, ja militärische Konflikte mit den anderen Anrainern zwangsläufig. Beispiele dazu finden sich leicht im Netz. China verstößt also permanent gegen die UN-Seerechtskonvention von 1982, die es selbst unterzeichnet hat. Diese Konflikte in der Region verunsichert viele Anrainerstaaten. Deshalb hat beispielsweise auch Australien seine U-Boot-Flotte massiv vergrößert, und auch andere Staaten rüsten auf… wohl alles – wie ich schrieb, keine Beiträge zur friedlichen Koexistenz.
      Nun weisen Sie auf mehrere Links hin. In dem erstgenannten englischsprachigen Video wird übrigens anschaulich grafisch gezeigt, wie sich die Ansprüche der Anrainer überschneiden. Der Blogger Fefe bringt es auf den Punkt: „Für China ist das die wichtigste Importroute für Energie, und die wichtigste Exportroute für alle Güter. Für die Chinesen ist das also existenziell wichtig, dass diese Route frei bleibt, insbesondere auch dann, wenn irgendjemand mal einen Krieg gegen China führen möchte, denn ansonsten könnte man über eine Blockade der Straße von Malakka einmal Chinas Wirtschaft runterfahren, und das beinhaltet deren Rüstungsindustrie“. Dass es auch um natürliche Ressourcen geht, ist auch klar.
      Wenn es also um Chinas „existenzielle Interessen“ geht, betreibt das Land eine nationalistische Großmachtpolitik gegen seine maritimen Nachbarn. Und ahmt den us-amerikanischen Imperialismus nach; weiteres Machtstreben gegen Machterhalt. Sind die „chinesischen Sorgen“ nicht anders lösbar? Durch eine sicherheitspolitische Kooperation mit ASEAN-Staaten? Oder ist da schon zu viel Porzellan zerschlagen?
      Bei „Fefe“ ist auch noch zu lesen: „Ja aber Fefe, die (Chinesen – St. W.) foltern doch die Uiguren! Ja. Das ist ein Problem. Aber auch das hat uns in anderen Ländern nicht gestört. In Saudi Arabien köpfen sie öffentlich Menschen auf dem Marktplatz. Versteht mich nicht falsch: Ich fände das super, wenn wir mal eine klare Linie gegen Folterknäste und -lager und Fanatismus insgesamt durchsetzen würden. Dann aber bitte überall“. Ja – Fefe hat recht: Der „Westen“ ist auf einem Auge blind; immer wieder misst er mit zweierlei Maß. Das macht doch aber die Lage der Uiguren nicht besser und legitimiert das Vorgehen Chinas in keinster Weise. Auch über diese „Frage“ schweigen sich die chinageneigten Medien gerne aus.
      Ein letzter Gedanke: Wenn Großmächte häufig und bedauerlicherweise „großmächtig“ agieren, also repressiv, gewaltsam, in Teilen aggressiv – dann ist das so; und man sollte es sagen und schreiben.
      Stephan Wohanka

  11. Ulrich Busch sagt:

    zu Ulrich Knappes Anmerkungen im Blättchen 1-2023 zur Sozialismus-Kommunismus-Kontroverse:
    Sehr geehrter Herr Knappe, ich danke Ihnen sehr für Ihre ausführlichen Kommentare zu den Texten von Erhard Crome und der darauf von mir erfolgten Erwiderung. Dem ganzen “Streit” liegt eine Veröffentlichung von mir im Heft 4/2022 des Journals “Berliner Debatte Initial”, S. 77-89, zugrunde, die vielleicht erst zur Kenntnis genommen werden sollte, bevor die Diskussion fortgesetzt wird.
    Ulrich Busch

  12. Ewald G. Schleiting sagt:

    Zu „Wendische Zeiten“ von Erhard Crome
    Eine im Prinzip begrüßenswert differenzierte Darstellung der und Kritik an der aktuellen Außenpolitik des Bundeskanzlers, in der berechtigterweise der Name der zuständigen Ministerin, wenn ich aufgepasst habe, nicht einmal erwähnt wird. Leider gehen derartige Stimmen, die sich in ähnlicher Weise kritisch äußern zur Absens jeglicher diplomatischer Bemühungen der deutschen und der EU-Außenpolitik und zur Hinwendung zum von Biden und den USA eingeschlagenen Weg des Strebens nach Hegemonie und der Konfrontation sowohl mit Russland als auch mit China, leider also gehen diese besonnenen Stimmen immer noch unter im weitgehend undifferenzierten Kriegsgetöse, das im deutschen Blätterwald tobt.
    Leider aber auch sorgt dann der Autor dafür, dass auch diese seine Stimme nicht gehört werden wird, weil er seinen Text mit einem einzigen Satz disqualifiziert:
    Die Kritik an der Brutalität des russischen Militärs in Syrien, das zusammen mit syrischen und oft genug in Abstimmung mit türkischen Truppen (also mit deutschen Waffen) in brutalster Weise die Existenz eines Terrorregimes sichert gegen die legitimen Versuche der Bevölkerung, sich dieses staatlich ausgeübten Terrors zu erwehren, mit dem kalten Hinweis abzutun, dass es sich um einen Einsatz „im Einklang mit dem Völkerrecht“ handele, ist absolut unakzeptabel. In diesem vom Autor als völkerrechtskonform bezeichneten Krieg wurden unzählige Menschen getötet und Millionen vertrieben, wurde dieses Land in Schutt und Asche gelegt, wurden basisdemokratische Strukturen, Gesellschaften, die beispielsweise auch die Rechte von Frauen sicherstellten, brutal zerstört. Sich dabei auf das Völkerrecht zu berufen ist zynisch.

    • wolfgangbr sagt:

      Sie haben recht.
      Es ist zumindest eine freizügige Auslegung des Völkerrechts. De facto handelt es sich russischerseits um ein Eingreifen von außen in einen Bürgerkrieg zur Absicherung eigener Interessen – hier war der einzige Mittelmeerstützpunkt der russischen Marine in Gefahr. Natürlich geschah das “auf Bitten” … Niemand will gerne vor der Geschichte als Aggressor dastehen. Auch der Einmarsch 1968 in die Tschechoslowakei geschah “auf Bitten”, nach Afghanistan ließ man sich “bitten”. Und wie war das mit Tschetschenien? Selbstverständlich fand seinerzeit auch die Aufnahme der baltischen Republiken in die Sowjetunion in vollem Einklang mit dem “Völkerrrecht” statt. Komisch nur, dass die Balten das anders sehen. Aber nach derzeitiger russischer Diktion sind das eh alles nur vom Westen gesteuerte Faschisten. Man kann jetzt entgegnen, das habe nichts miteinander zu tun. Doch, hat es. Die russische Regierung betreibt durchaus eine expansive Politik. Und wie zu vernehmen war, tönte die russische Elite auf Moskauer Silvesterpartys, man werde die “russische Expansion fortsetzen”.
      Die Auseinandersetzung mit der hundsmiserablen deutschen Außenpolitik habe ich mit Interesse gelesen. Dass parallel dazu das alte Muster “böser Westen” versus “gutes Russland” (das sich nur gezwungenermaßen “böse” verhält) bedient wird, befremdet schon.

    • Ralf Nachtmann sagt:

      Ewald Schleitings Verdikt, Erhard Crome habe “seinen Text mit einem einzigen Satz disqualifiziert”, kann ich nicht so recht nachvollziehen. Dass der genannte Passus durchaus streitbar ist, wie auch Wolfgang Brauer in seiner Antwort anmerkt, steht außer Frage. Mir aber sind mit Mut und Verve “angeschobene” Debatten allemal lieber, als weichgespülte Dispute, bei denen man sich von vornherein “über die Regeln und Waffen einig” ist. Dann doch liene à la Goethe “grober Klotz und grober Keil”. Anders gesagt, könnte auch der Satz “Sich dabei auf das Völkerrecht zu berufen ist zynisch.” als “sich disqualifizierend” angesehen werden. Wenn man nicht nur die Frage stellt, “wer hat das Völkerrecht denn geschrieben?”, (das waren, soweit ich weiß, durchweg honorige Personen), sondern nach-fragt: Wer hat ihnen zwischendurch – gern auch freundlich-subtil – in die Feder diktiert?
      In summa: Ganz so einfach, wie wir es gern hätten, ist es dann eben (leider) doch nicht. Umso erfreulicher ist, dass im Blättchen und in diesem Forum kraftvoll diskutiert werden darf. Und soll, wenn ich mich recht erinnere. “Disqualifikationen”, welcher Schiedsrichter (ich bin auch solcher im Sport) sie auch immer aussprechen möchte, gehören hier nur in tatsächlich “extremen” Fällen dazu. Einen solchen kann ich beim genannten Crome-Text selbst nach mehrmaligen Lesen nicht erkennen.
      Streiten wir also weiter – auf dem Spielfeld!

    • Ewald G. Schleiting sagt:

      Gerne, Ralf Nachtmann, hier ein paar grobe Keile:
      1. Es mag Ihnen als Schiedsrichter im Sport nicht so geläufig sein, deshalb gerne ein wenig Nachhilfe: Anders als auf dem Fußballplatz oder in einer anderen Sportart ist es in einem öffentlichen Diskurs nicht ein Schiedsrichter, der jemanden disqualifiziert, sondern es besteht das Risiko, sich oder seinen Text in den Augen anderer selbst zu disqualifizieren. Bezogen auf seinen Aufsatz, dessen Kritik an der „Außenpolitik“ der Bundesregierung ich im Wesentlichen teile, ist dies Erhard Crome meiner Meinung nach passiert.
      So ist auch meine entsprechende Formulierung zu verstehen. Im Übrigen freue ich mich über und auf weitere seiner Beiträge im Blättchen zu diesem und anderen Themen. Es steht mir nicht zu und liegt mir fern jemanden „vom Platz stellen“zu wollen. Ebenso wie Sie schätze ich das Blättchen als einen Ort, an dem man sich ohne in persönliche Ressentiments zu versinken über linke Positionen in klarer Diktion auseinandersetzen und manchmal sogar verständigen kann.
      Dass Letzteres gelingt, wäre mir übrigens mit Blick auf die aktive Politik ein Herzensbedürfnis.
      2. Es ist schon eine reichlich naive, um nicht zu sagen kindliche Vorstellung anzunehmen, „das Völkerrecht“ sei von einigen „honorigen Personen“, denen wer auch immer „subtil“ oder auch nicht „in die Feder diktiert“ hat, aufgeschrieben worden.
      Das Völkerrecht ist eine überstaatliche in multilateralen Verhandlungen immer wieder neu abgestimmte und abzustimmende Rechtsordnung, die sich im Wesentlichen aus der „Charta der vereinten Nationen“ speist. Subjekte des Völkerrechts sind die Staaten ( ein Land – eine Stimme ), über deren, bzw. deren Vertreter Honorigkeit man in dem einen oder anderen Fall durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann.
      Entsprechende völkerrechtliche Normen werden nicht selten in UN-Resolutionen gefasst und beschlossen.
      Eine wenig bis nicht umstrittene dieser Normen ist das Verbot des Angriffskrieges eines Staates auf einen anderen.
      Weniger klar und nicht unumstritten ist die Frage, ob und wann es einer Macht gestattet ist, in einen innerstaatlichen Konflikt mit kriegerischen Mitteln einzugreifen. Deshalb ist auch formaljuristisch durchaus fragwürdig, ob der Kriegseinsatz Russlands in Syrien vom Völkerrecht gedeckt ist, wie Erhard Crome behauptet.
      3. Wesentlich entscheidender aber als diese formalrechtliche Frage ist die moralisch rechtliche Problematik: hier wird – sry, ich wiederhole mich hier teilweise – mit dem formalrechtlichen Argument „Völkerrecht“ die Unterstützung für ein Regime legitimiert, das mit brutalsten Mitteln, beispielsweise auch mit dem Einsatz von Giftgas, gegen die eigene Bevölkerung vorgeht. In diesem „innersyrischen“ Krieg hat auch die russische Seite zusammen mit Assads Truppen ihren Anteil an unzähligen Toten, Millionen Vertriebenen, zerbombten Städten und Zerstörung von demokratischen Strukturen. Was bitteschön, Ralf Nachtmann, ist hier denn „nicht ganz so einfach“? Dieser Kriegseinsatz der Russen an der Seite eines Terrorregimes ist ein Verbrechen, dieses Verbrechen mit „Völkerrecht“ zu rechtfertigen ist und bleibt „zynisch“

  13. Erhard Crome sagt:

    Forum 2.1.2023 – zu Busch vs. Crome (2)
    Ulrich Knappe hat sich in Blättchen No. 1/2023 anheischig gemacht, Anmerkungen zu obiger Debatte zu machen. Ich beschäftige mich mit dem Thema Sozialismus seit Mitte der 1960er Jahre, seit ich harte Diskussionen mit meiner sehr verehrten Großmutter hatte, die aus einer wohlhabenden „reichsdeutschen“ Familie kam, die vor dem ersten Weltkrieg in Russland gelebt hatte und mich vor dem Überlaufen zu den Bolschewisten bewahren wollte. Am Ende landete ich in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, was ich nach 1989 niemals verleugnet oder nachträglich verteufelt habe. Zu meiner Oma hatte ich trotzdem bis zu ihrem Lebensende ein sehr enges Verhältnis.
    Nach der „Wende“ habe ich eine Reihe Texte zum Thema Realsozialismus und seinem Scheitern beigesteuert. Viele Anregungen kamen aus dem Kontext und dem Umfeld von „Berliner Debatte Initial“. Der Bezug auf Peter Ruben war für die damaligen Intellektuellen, die die Zeitschrift machten und hinter ihr standen, von besonderer Bedeutung.
    Nun gibt es in Schriftsätzen des bürgerlichen Anwaltswesens die schöne Formel: „Mit Nichtwissen wird behauptet, dass…“. In diesem Sinne teilt Herr Knappe mit, von Ruben nichts wirklich gelesen zu haben. Da will ich gern aushelfen. Zum Reinarbeiten in die philosophische bzw. theoretische Problematik zu Sozialismus und Kommunismus unter der Voraussetzung von Gemeinschaft und Gesellschaft empfiehlt sich zunächst Band 2 von Rubens Gesammelten philosophischen Schriften (Berlin: Verlag am Park 2022), hier die Seiten 125-147, 160-194, 257-271, 363-383, 577-620 und 656-660. Ergänzend noch Band 4, Seiten 103-139 und 244-273. Danach können wir weiter diskutieren.

    • Ewald G. Schleiting sagt:

      Das ist schon eine recht interesssante Diktion, derer sich Erhard Crome hier bedient: Jemand „macht sich anheischig“ in eine Diskussion einzugreifen. Diese Begrifflichkeit impliziert die Unterstellung, dass dieser jemand damit überfordert ist. Auch die Behauptung, er befasse sich seit Mitte der 60iger Jahre mit dem Thema Sozialismus läßt aufhorchen: Darf nur mitreden, wer sich ebenso lange damit beschäftigt hat? Nein er ist großzügig und vergibt Hausaufgaben. Gnädigerweise ist er bereit mit jemandem zu reden, der die angegebenen Textstellen gelesen hat. Wie großmütig! Wann ist Examen?

  14. Detlev Reichel sagt:

    “Die beste Idee der Vereinigten Staaten von Amerika”
    Die Nationalparks sind, in der Tat, eine gute, eine tolle Sache. Das untermauert der faktenreiche Artikel von Jürgen Hauschke. Aber, ach, diese beste Idee kommt daher mit einem bitteren arsenischen Tropfen: Die Vereinigten Staaten von Amerika zeigen sonstwo auf dem Globus wenig bis gar keinen Respekt vor Mensch, Tier und Natur. Vor 50 Jahren, zum Beispiel, begannen die Flächenbombardements der US-Luftwaffe in Vietnam. Gefolgt von der Vernichtung ganzer Urwälder und Naturlandschaften (Stichwort: agent orange) in diesem Land. Da ist nichts von der zweifellos großartigen Idee der Lincoln, Grant und Roosevelt übriggeblieben.

  15. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Der Hunter-Biden-Laptop und US-Wahlen von Petra Erler
    Frau Erler hält die Einmischung Russlands in den US-Wahlkampf 2016 zugunsten Trumps für Propaganda; sie habe nicht stattgefunden.
    Wie ist auf diesem Hintergrund die Einlassung Jewgeni Prigoschins – wohl vom 07.11.22 – zu werten, der über eine russische Einmischung in US-Wahlen sprach? Laut dem Online-Netzwerk VKontakte respektive seinem Unternehmen Concord erklärte er: „Wir haben uns eingemischt, wir mischen uns ein und wir werden uns weiterhin einmischen. Sorgfältig, genau, chirurgisch und auf unsere eigene Weise, da wir wissen, wie es geht“.

    Frau Erler schreibt: „Tatsächlich wurde Trump zum Katalysator einer permanenten Verschlechterung des Verhältnisses USA-Russland. Wichtige Elemente der US-Russland-Beziehungen gingen zu Bruch: der Mittelstreckenwaffenvertrag, der Open-Skies-Vertrag. […] Trumps fundamentales ´Verbrechen´ bestand darin, dass er in einer Frühphase des Wahlkampfes 2016 und später noch ein paar Mal verbal darauf bestand, dass gute Beziehungen zu Russland gut wären. Das setzte die ganze Operation überhaupt in Gang. […] Es gab einmal einen Wahlsieg in den USA, den niemand von Bedeutung wollte. Aber es gab auch eine ´Versicherungspolitik´ dagegen. Die bestand in der strategischen Schwächung des einheimischen Siegers, die sich mit einer strategischen Schwächung des außenpolitischen Gegners verband. Das wäre eine gute, intelligente Intrige. Frei nach dem Motto: Lasst uns alle Donald Trump herzlich hassen und bekämpfen, wo wir nur können (den kriegen wir schon klein), wenn wir nur gleichzeitig den Hass auf Russland schüren“.
    Das Ganze verstehe ich nicht. Trump wollte gute Beziehungen zu Russland und die, die „in den USA von Bedeutung“ sind – dann wohl vor allem die Demokraten – wollten seinen Wahlsieg nicht und auch keine guten Beziehungen zu Russland; so weit klar. In der Chemie ist ein Katalysator ein Stoff, der – um es zu vereinfachen – eine Reaktion auslöst oder beschleunigt, ohne sich selbst zu verbrauchen. Wenn Trump also „Katalysator einer permanenten Verschlechterung des Verhältnisses USA-Russland“ war, dann hat er eine „Reaktion“ ausgelöst – nämlich eben die der „permanenten Verschlechterung des Verhältnisses USA-Russland“. Und tatsächlich – 2018 kündigte Trump den Mittelstreckenwaffenvertrag und 2020 verließen die USA unter Trump auch das Open-Skies-Abkommen. Wieso handelte Trump gegen seine eigenen Intentionen? War er den Demokraten aufgesessen?

  16. Ralf Nachtmann sagt:

    Oft sind es ja die “kleinen Dinge”, die Freude machen. So wird in den “Bemerkungen” zum “Holodomor” vom “gemeinsamen Bundestagsantrag der Fraktionen von SPG, Grünen, FDP sowie CDU/CSU” gesprochen.
    Zu jener Zeit, als ich eine Weile “Frieden und Sozialismus verteidigen” durfte, war SPG die Abkürzung für “Schweres Panzergeschütz”, das ich durchaus zu bedienen wusste. Dass dieses mittlerweile in Fraktionsstärke im Deutschen Bundestag anzutreffen ist, wundert mich nicht. So ein kleiner Tippfehler zeigt manchmal eben doch die ganze schlimme Wahrheit auf. Glückwunsch!

    Anmerkung der Redaktion: Wir danken für den Hinweis und bitten für die nahezu freudsche Fehlleistung um Pardon. Der Fehler selbst wurde korrigiert.

  17. Erhard Crome sagt:

    Forum 5.12.2022 – zu Busch vs. Crome
    Ulrich Busch, bekannt als ernsthafter Analytiker ernsthafter ökonomischer Sachthemen, hat sich zwei meiner Blättchen-Texte vorgeknöpft. In denen geht es im Kern um Peter Ruben und seine kategoriale Bestimmung des „Kommunismus“. Busch weicht einer wirklichen Bezugnahme auf Rubens Bestimmung aus und unterstellt, ich hätte „Ross und Reiter“ nicht genannt.
    Die relevanten Reiter kommen bei mir alle vor: Ruben, Marx, Stalin, zu den 1990er Jahren der Vordenker der Kommunistischen Plattform in der PDS, Michael Benjamin. Der umtriebige Slavoj Zizek schreibt viel, wenn der Tag lang ist, hat aber keinen überzeugenden neuen Beitrag zum Kommunismus geleistet, außer dass der „vor der Tür steht“. Vor 25 Jahren lautete einer der damaligen „Ostfriesen-Witze“: Was mache ich, wenn der Weihnachtsmann vor der Tür steht? Ich springe aus dem Fenster.
    Mit den jungen Menschen „mit heißen Herzen und leuchtenden Augen“ habe ich auf dem Berliner Kommunismus-Kongress im September 2022 in der Tat diskutiert. Insofern hätte ich auch noch auf verschiedene Arbeiterführer (ohne Arbeiter) kommunistischer Kleinstparteien verweisen können, die dort ihr Publikum suchten. Das wollte ich mir in der Tat ersparen.
    Eine wichtige Frage der spätantiken und mittelalterlichen christlichen Scholastik war die nach der Natur der Engel zwischen Gott und den Menschen. Sie wurde seit dem 6. Jahrhundert diskutiert. Im 13. Jahrhundert wurde dies zu einer Frage, die da lautete: „Wie viele Engel können auf einer Nadelspitze tanzen?“ Bei einer Disputation in Paris im Jahre 1289 reichte die Zahl der Antworten von „keiner“ über 150 bis zu „unzählige“. Seit der Aufklärung im 19. und 20, Jahrhundert galten solche Fragen als Paradebeispiele absurder Gedankenspielerei.
    Der Philosoph Karl Löwith beschrieb 1949 in seinem Buch: „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ den Marxismus als religiöse Heilslehre. Der letzte Antagonismus von Bourgeoisie und Proletariat entspricht dem Endkampf zwischen Christus und dem Antichrist. Die „historische Mission“ des Proletariats entspricht der des „auserwählten Volkes“ in der Heiligen Schrift. „Die universale Erlösungsfunktion der unterdrückten Klasse entspricht der religiösen Dialektik von Kreuz und Auferstehung und die Verwandlung des Reiches der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit der Verwandlung des alten in einen neuen Äon.“ Der Geschichtsprozess hin zum Kommunismus „spiegelt das allgemeine Schema der jüdisch-christlichen Interpretation der Geschichte als eines providentiellen Heilsgeschehens auf ein sinnvolles Endziel hin. Der historische Materialismus ist Heilsgeschichte in der Sprache der Nationalökonomie.“
    In diesem Sinne bewegen sich Debatten, wie denn nun aus der Himmelsmechanik des 21. Jahrhunderts ein wiedergeborener Kommunismus entstehen soll, auf der selben Ebene, wie die Frage, wieviele Engelein – wenigstens zu Weihnachten – auf einer Nadelspitze tanzen.

  18. Ralf Nachtmann sagt:

    Kollege Wohanka schreibt u.a., der “Ausstoß von Treibhausgasen – namentlich von Kohlendioxid” müsse “auf null gebracht werden”. Dass dies schlichtweg unmöglich ist, dürfte neben dem Autor auch jedem Leser klar sein. Allein die acht Milliarden Menschen stoßen jährlich etwa 12 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus. Gewiss, allein der weltweite Kraftfahrzeugbestand bläst in etwa das 300-Fache ins Freie. Dennoch beträgt der Anteil von CO2 in der Erdatmosphäre weniger als 0.04 Prozent.
    Was mich mehr stört, nicht nur bei Wohanka, ist die Auffassung, werde das “1,5-Grad-Ziel” der “Erderwärmung” überschritten, drohe eine Art Untergang der Menschheit. Das ist weniger als bloße Vermutung, das ist reine Propaganda. Mal ganz abgesehen davon, dass eine Existenz der Menschheit, wie wir sie kennen, in universellen Maßstäben von keinerlei Notwendigkeit begründet ist, steht m.E. zu erwarten, dass die Anpassung an geänderte Umweltbedingungen auf der Erde (zu denen nicht allein der Klimawandel beiträgt) gerade dieser hoch entwickelten Spezies weitaus schneller gelingen wird, als beispielsweise Elefanten oder Stieleichen.
    Wohanka schreibt u.a. weiter, dass “die Abkehr von fossilen Energieträgern nicht bloß ein frommer aber unrealistischer Wunschtraum von Öko-Freaks ist, sondern überlebenswichtig für unsere Gesellschaft”. Einen Beleg für diese These liefert er nicht. Kann er auch gar nicht, denn es gibt schlichtweg keinen. Außer in unbelegten Vermutungen (Wohanka nennt die „points of no return“ hinsichtlich des Klimawandels) und in ideologischer Propaganda, die – auch dies ist nicht neu – von (zumeist) ökonomischen Interessen geleitet ist.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Kollege Nachtmann,
      das Erstere erledigt sich ganz schnell … meinen Sie wirklich, ich hätte über die „Nullemission“ das Atmen abschaffen wollen?
      Der Anteil von CO2 in der Erdatmosphäre betrüge nur um die 0.04 Prozent sagen Sie. Ja – das entspricht etwa 400 ppm, wobei ppm für parts per million steht. Aber das ist irrelevant in dem Sinne, als dass es um die systematische Erhöhung (!) dieses Anteils in der Erdatmosphäre geht. Diese hängt mit der Industrialisierung der Welt zusammen: Über lange Zeiträume der vorindustriellen Ära bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag dieser Wert im Bereich von 280 ppm; 2021 wurde auf Hawaii erstmals eine Konzentration von mehr als 420 ppm gemessen – das ist der springende Punkt!
      Der menschgemachte CO2-Eintrag beträgt zwar nur drei Prozent der jährlichen natürlichen Emissionen, jedoch werden die „natürlichen“ 97 Prozent der Emissionen von so genannten Kohlenstoffsenken wie Regenwäldern, Grasland, Ozeanen aufgenommen, so dass dieser Kreislauf geschlossen ist. Obige drei Prozent stellen jedoch eine zusätzliche Quelle für den globalen Kohlenstoffzyklus dar, von dem bislang nur etwa die Hälfte von Pflanzen, Meeren und Böden aufgenommen wird. Der Rest verbleibt hingegen in der Luft….
      Ich habe zwar nicht vom „Untergang der Menschheit“ gesprochen; aber nehmen wir es als Metapher. In der Tat bin ich der Meinung, doch – wie im Text zu lesen – von „heute unabsehbaren Folgen für die Menschheit“ zu sprechen. Wenn Sie schreiben, die „Existenz der Menschheit, wie wir sie kennen, ist in universellen Maßstäben von keinerlei Notwendigkeit begründet“, kann ich das auch anders formulieren: Unserem Planeten ist es völlig wurscht, ob auf ihm die Spezies Mensch sich tummelt oder nicht. Nur mir nicht und vielen anderen auch nicht. Und sicherlich – da haben Sie auch Recht – besitzt der Mensch größere Anpassungsmöglichkeiten an globale Veränderungen als der Elefant oder die Stieleiche. Aber die Frage ist doch die wie wir zu diesen Veränderungen gelangen – ob, wie es so schön neudeutsch heißt, by design oder by desaster; also durch vorausschauendes Handeln oder durch die Umstände gezwungen. Was letztere „Anpassung“ anginge, so kann ich mir gut vorstellen, dass die Winde, die die Welt verursacht durch Corona gesaust haben, nur laue Lüftchen waren im Vergleich zu dem, was überhitzte Städte, Wassermangel, Waldbrände und dergleichen dann bewirkten.
      Sie monieren meine Aussage, dass „die Abkehr von fossilen Energieträgern nicht bloß ein … Wunschtraum von Öko-Freaks ist, sondern überlebenswichtig für unsere Gesellschaft“ sei und dass ich keinen Beleg dafür liefere. Wie unschwer nachzulesen ist, stelle ich meine Aussage bewusst nicht in einen Zusammenhang mit der Klimakrise, sondern in einen von der Abhängigkeit von problematischen Lieferanten fossiler Energien, die gegenwärtig noch benötigen; und zwar aus geo- und wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten.
      Mehrmals werfen Sie mir „Propaganda“ vor… Nach dem IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, Weltklimarat) Bericht vom August 2021 verläuft der Klimawandel schneller und folgenschwerer als bisher gedacht; es wird also schon in den nächsten zwei Jahrzehnten zu einer stärkeren Erwärmung kommen als bisher von Klimamodellen simuliert.
      Sie enden: „Außer in unbelegten Vermutungen (Wohanka nennt die „points of no return“ hinsichtlich des Klimawandels) und in ideologischer Propaganda, die – auch dies ist nicht neu – von (zumeist) ökonomischen Interessen geleitet ist“. Sie bleiben uns schuldig, wer denn die Profiteure der „(zumeist) ökonomischen Interessen“ sind?

  19. Erhard Crome sagt:

    Zur Bemerkung von Max Klein

    Werter Herr Max Klein,
    Ihre Bemerkung zu meinem Text im Blättchen No. 23 (nochmals zu „Ruben und der Kommunismus!) scheint am Wesen meiner Argumentation vorbeizuschlittern. Sie verweisen auf Texte von honorigen Autoren, die Sie in Ihrem Bücherschrank gefunden haben, in denen es um Opfer des Stalinismus geht. Die Liste ließe sich fortsetzen, etwa unter Verweis auf das, was Andrej Reder kürzlich über das Schicksal seiner Eltern – deutscher Kommunisten, die in die Sowjetunion gegangen waren – veröffentlicht hat, oder Wladislaw Hedeler.
    Darum geht es in meinem Text aber nicht. Das wäre, betrachtet man den Marxismus-Leninismus als eine Buchreligion und eine Weltkirche, häretische Literatur. Mir ging es um die orthodoxe Lesart. Die einzige Schule, die Josef Stalin in seinem Leben besucht hatte, war ein Priesterseminar in Tiflis. Deshalb sind seine Interpretationen von Texten von Marx, Engels und Lenin auch stets im Gestus eines Katechismus verfasst. Zugleich verstand er sich nicht nur als Partei- und Staatsführer sowie als „Vater aller Werktätigen“, sondern war auch sein eigener erster „Kirchenvater“, das heißt der entscheidende Interpret des rechtgläubigen Kommunismus Moskauer Provenienz. Die entscheidende Zusammenfassung erfolgte in der „Geschichte der KPdSU (Bolschewiki). Kurzer Lehrgang“ aus dem Jahre 1938. Der wurde bereits seit Mitte der 1940er Jahre in hohen Auflagen auch in der und durch die SED verbreitet.
    Darin heißt es zu unserer Thematik im Zusammenhang mit der sowjetischen Verfassung von 1936, sie verankere „die weltgeschichtliche Tatsache, dass die Sowjetunion in eine neue Entwicklungsphase, in die Phase der Vollendung des Aufbaus der sozialistischen Gesellschaft und des allmählichen Übergangs zur kommunistischen Gesellschaft, eingetreten ist“. Der Genosse Ulbricht hatte zwar nach dem XX. Parteitag der KPdSU (1956) für die SED festgelegt, dass Stalin jetzt „kein Klassiker mehr“ sei. Dem wollen Sie jetzt folgen.
    Davon unabhängig blieben die entscheidenden Glaubenssätze – nicht nur zum kommunistischen Endzustand, auch zur Macht, zum Eigentum und zur Rigorosität des Vorgehens der Partei gegen Leute, die sie als „Feinde“ definiert hatte – aus dem „Kurzen Lehrgang“ in den Moskau untergeordneten Kommunistischen Parteien gültig, im Grunde bis 1989. Auch ohne, dass der ursprüngliche Chefinterpret und der Ursprungstext weiter erwähnt wurden. Da auch Marx sich im Sinne vom Kommunismus mit den zwei Phasen geäußert hatte, konnte sich Stalin auf diesen beziehen. Negri kommt bei mir als postmoderner Prophet vor, weil in seinem (mit Hardt) als marxistisch deklarierten Buch „Empire“ ebenfalls der Kommunismus als paradiesisches Stadium der Erlösung vorkommt, das er im Sinne von Franz von Assisi mit glücklichen Menschen bevölkern möchte, die dem Gesang der Vögel lauschen.
    In diesem Sinne sind alle heutigen Bezüge auf diese Art „Kommunismus“ letztlich ein Wiederaufguss des Stalismus. Während Ruben den Blick auf eine ernsthafte sozialistische Perspektive öffnet.
    Mit freundlichen Grüßen
    Erhard Crome

  20. Ralf Nachtmann sagt:

    Vielen Dank für Wilfried Schreibers interessante und wichtige Lenkung des Augenmerks auf Kasachstan, dessen mehr oder weniger diktatorischer Präsident Tokajew sich hat soeben wiederwählen lassen. Mir scheint aber, dass die “Hinwendung” des Landes (genauer müsste man sagen: seiner wirtschaftlichen und politischen “Eliten”) auch dem Umstand geschuldet ist, dass Kasachstan in den letzten Jahren vor allem im Osten des Landes unter sehr starken Einfluss Chinas geriet, Stichwort “Neue Seidenstraße”. Dem möchte man von Astana aus mittels “West-Kontakten” etwas entgegensetzen. Mir ist dies nur allzu verständlich, man betrachte nur die chinesischen “Investitionen” in Nordafrika.

  21. Dr. Markus Hildebraa sagt:

    Werter Max Klein, was ist das für eine seltsame Bemerkung, die Sie da in der heutigen Ausgabe gegen Erhard Crome und seinen Beitrag „Eine ausgebliebene Debatte“ (Blättchen 23/2022) in Stellung bringen? Gewiss hat Stalin die Utopie des Kommunismus nahezu vernichtet. Trotzdem bleibt Fakt, dass der Despot und sein -ismus Auswuchs einer Bewegung waren, die sich KOMMUNISMUS auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Wenn aber solcher Missbrauch mit all seinen barbarischen Folgen möglich war, sollte man dann den Finger – schon im Interesse von Wiederholungsprävention – nicht immer wieder in die Wunde legen, statt quasi zu verbieten, beides miteinander in Verbindung zu bringen? Mit freundlichem Gruß, Markus Hildebraa

    • Günter Hayn sagt:

      Werter Herr Dr. Hildebraa,
      nur eine kleine Anmerkung: Das war kein “Missbrauch”, das war die folgerichtige Konsequenz dieses politischen Konstruktes, das – wie Erhard Crome richtig anmerkt – eine pseudoreligiöse Konnotierung hatte. Von der historischen Erfahrung her gab es das schon einmal: Die “grand terreur” der Jakobiner um Maximilien de Robespierre ist im Kern bereits im “Gesellschaftsvertrag” Rousseaus angelegt. Man braucht immer jemanden, der die “Volonté générale” durchsetzt. Immer im Namen der deklarierten Mehrheit gegen die vermeintliche Minderheit … Und am Ende standen immer die Guillotine, die Lubjanka oder auch die killing fields. Und irgendwie auch die “Mauer”. Das liegt in der Logik dieses Ansatzes. Darüber nachzudenken hieße, “den Finger in die Wunde legen”. Diese Erkenntnis prägte einmal die noch ganz junge PDS: Zu ihrem gerne beschworenen “Gündungskonsens” gehörte auch der Verzicht auf jegliches Avantgardedenken. Das ist allerdings lange her und (fast) in Vergessenheit geraten.
      Herzlichst
      Günter Hayn

  22. Wolfram Adolphi sagt:

    Danke, Eckhard Mieder, für Ihren Text. – Und ist es nicht ein Irrsinn, dass diese (von mir von November 1969 bis April 1971 geteilte) Mot-Schützen- und “Eisenschwein”-“Chauffeur”-Erfahrung nun tatsächlich eine fürs Leben so wichtige gewordene ist? Weil sie eben wenigstens eine winzige Ahnung davon vermittelt, was dieser Krieg – und nicht nur dieser – wirklich ist?

  23. Ralf Nachtmann sagt:

    Wenn’s nicht zum heulen wäre, könnt man nur noch lachen, auch beim Lesen von P.A. Ziegfelds hübsch giftigem Text, in dem es u.a. heißt: “Es gibt nicht nur so Robuste, wie mich, sondern auch sehr Anfällige. Die müssen wir schützen, auch vor sich selbst.”
    Genau! Und deshalb wurde in Deutschland auch schon mal die “Schutzhaft” erfunden. Deren Wiedereinführung steht, wenn ich die Neufassung des Paragrafen 130 richtig verstehe, unmittelbar bevor.
    Wie gut, dass ein Großteil der Lager doch nicht, wie so oft aus bestimmten politischen Ecken gefordert, eingeebnet wurde.

    • Jürgen Hauschke sagt:

      Werter Herr Nachtmann, Ihre Wertung zum Beitrag von Frau Ziegfeld – d’accord. Ihre Schlussfolgerungen – Widerspruch.
      Was meinen Sie mit § 130? Ich vermute, Sie beziehen sich auf das Strafgesetzbuch. Der § 130 (Volksverhetzung) des StGB ist kürzlich am 20. Oktober, gegen 23 Uhr, also zu bester Parlamentszeit, um einen Absatz erweitert worden. Bisher war das Billigen, Leugnen oder gröbliche Verharmlosen nur in Bezug auf die Holocaust-Taten strafbar. Die EU-Kommission verlangt aber die Strafbarkeit auch bei anderen Völkermord- und Kriegsverbrechen. Das ist jetzt umgesetzt worden. Vielleicht lesen Sie eine Kolumne von Thomas Fischer zu diesem Thema. Fischer war Vorsitzender Richter im 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs und ist Verfasser eines jährlich überarbeiteten Standardkommentars zum Strafgesetzbuch: https://www.spiegel.de/kultur/frank-walter-steinmeiers-reise-in-die-ukraine-stil-und-sicherheit-kolumne-a-60aaea7b-1c12-4960-9af8-79fe8d5089ff
      Sie spielen auf die „Schutzhaft“ durch die SS an, deren Wiedereinführung nun unmittelbar bevorstünde. Das ist sehr starker Tobak. Abgesehen davon, dass „Schutzhaft“ keine rein deutsche Erfindung ist, malen Sie einen Teufel an die Wand, der in diesem Zusammenhang völlig unpassend, zu schwarz und zu groß ist.
      Was uns aber wirklich besorgt machen sollte, ist die Tatsache, dass seit wenigen Tagen in München sogenannte „Klimakleber“, die den Stachus blockiert hatten, für 30 Tage in Polizeigewahrsam genommen wurden. Das ist nach dem umstrittenen bayerischen Polizeiaufgabengesetz möglich, um vorsorglich die Begehung weiterer Ordnungswidrigkeiten oder Straftaten zu unterbinden. Nur, Herr Nachtmann, bevor Sie wieder laut „Schutzhaft“ rufen, was man hier eher nachvollziehen könnte, der Unterschied ist: Heute ist in Bayern ein richterlicher Beschluss erforderlich, in der von Ihnen heraufbeschworenen Zeit war es die reine Willkür gegen Andersdenkende, eine richterliche Überprüfung war nicht vorgesehen.

    • Karl Müller sagt:

      Präventiv weggesperrte Klebe-Terroristen sind doch für die Mehrheit der Bevölkerung eine gute Nachricht. Mit Fußball-Hooligans macht man das doch schon seit langem.

    • wolfgangbr sagt:

      An Karl Müller
      Ich nehme an, Sie meinen das ironisch, auch wenn mir solche Scherze einen gewissen Magenkrampf verursachen. Es steht nur zu befürchten, dass viele diesen Witz nicht verstehen. Auch Erich Mühsam und viele andere wurden präventiv weggesperrt. Witzchen darauf gab es seinerzeit auch.
      Selbst mit Richter-Vorbehalt halte ich die bayerische Regelung für ein Stück aus dem Tollhaus. Steter Tropfen höhlt den Stein.

  24. Stephan Wohanka sagt:

    In der heutigen Berliner Zeitung (17.10.22) lässt Daniela Dahn einen Text abdrucken; Blättchen-Lesern muss man sie wohl nicht vorstellen.
    Eine Passage ihres Textes verdient besondere Beachtung: „Die Rücksichtslosigkeit der russischen Truppen bei der Eroberung der auserkorenen Großstädte (in der Ukraine – St. W.) ist allerdings bedrückend….Wie Ex-General Kujat aber betont, hängt die Unerbittlichkeit mit der bereits erwähnten Taktik der ukrainischen Truppen zusammen, sich statisch in Städten und urbanen Räumen festzusetzen – die schwerste Kriegführung. Gleichzeitig sind die Truppen nicht so beweglich und damit Ziele der russischen Artillerie, die gegen die ukrainische Armee nur kämpfen kann, wenn sie zivile Ziele angreift. Eine Armee, die vernichten will, würde nicht nur einen eher kleinen Teil ihrer Streitkräfte und modernen Waffen ins Feld führen“.

  25. blu_frisbee sagt:

    @Ulrich Busch

    Der Kapitalismus ist kein sittliches Unternehmen wo der eine auf den anderen verpflichtet wäre
    und Zweck die Verteilung der Güter an die bedürftige Bevölkerung
    sondern ist Geldvermehrung als Selbstzweck der die Gesellschaft unterworfen wird.

    Ersteres ist ideologische Behauptung, sie wird vom realen Zweck blamiert.
    Es ist https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechte-Welt-Glaube
    Es gibt keine Aufgabe der gegenüber einer versagen könnt.

    Der Kapitalismus krankt nicht an Spekulation sondern ist der Fehler.
    Spekulation ist die Weise wie der Fehler sich durchsetzt.
    Sie ist nicht systemfremd sondern gehört dazu.
    Preise werden nicht am Markt gebildet sondern von der Macht des Eigentums gesetzt.

    Die Ineinssetzung von Kapitalismus mit seiner Ideologie möcht man nicht beim Blättchen lesen.
    Ein Leben ohne Kapitalismus ist denkbar und möglich.

    Man kann drüber reden wie man im Kapitalismus seine Schäden jemand anderem zumutet.
    Verhindern wird man sie nie.
    Neoliberalismus ist out, jetzt gehts zum StaMoKap.

    Ein Denken nur im Kapitalismus ist Denken mit Kondom.
    Ein Denken im National ist näher bei Hitler als bei Marx.
    Auch Nationalisten haben eine Kritik am Kapitalismus wenn er die Nation verrät.

  26. Peter Maiwald sagt:

    Sehr geehrter Herr Nachtmann,

    Sie fragen mich „Was nun“? Darauf fallen mir auf Anhieb drei Antworten ein.

    1. Woher soll ich das wissen? Fragen Sie doch einen altgedienten Marxisten-Leninisten, so einer wird sich sicher in Ihrer Umgebung finden lassen. Der wird Ihnen die von ihnen vermutete Diskrepanz zwischen Lenins Theorie und Praxis unter Zuhilfenahme von Konstrukten wie „konkret-historische Situation“ und „Primat des Klassenstandpunktes“ sicher völlig plausibel erklären können.
    2. Ich will Ihnen ja nichts unterstellen, aber aus Ihrer Frage ergibt sich in aktueller Sicht mit einer gewissen Logik, dass sich der Aggressor Putin zwar nicht auf den Theoretiker Lenin, wohl aber auf den Politiker (sprich Aggressor) Lenin berufen kann. Da machen Sie allerdings einen Punkt!

    Allerdings ist, wie mir scheint, angesichts der wie stets etwas sperrigen historischen Realität ein wenig Differenzierung erforderlich. Denn wenn ich den Wikipedia-Beitrag zum Polnisch-Sowjetischen Krieg 1920 bis 1921 richtig verstanden habe, so hatten zunächst die Polen versucht, mit Gewalt ihre alten Grenzen wieder herzustellen; was man ihnen auch schwerlich verübeln kann, nachdem sie mehr als ein Jahrhundert sich damit trösten mussten, noch sei Polen nicht verloren. Als das Kriegsglück sich den Bolschewiki zuwandte, dann allerdings fand Lenin offensichtlich, dass Warschau doch eine sehr hübsche Hauptstadt einer Sowjetrepublik abgäbe; oder notfalls auch eines Vasallen-Staates, wie er Jahrzehnte später tatsächlich errichtet wurde.

    Aber, Herr Nachtmann, vielleicht passt ihre Überlegung zum Politiker Lenin als Putin-Vorbild noch besser zu dem Terroristen Lenin mit der ausgeprägten Erschießungsobsession, ein würdiger Lehrmeister Väterchen Stalins. In diesen Zusammenhang fügt sich dann auch nahtlos Dzierzynski und sein Tscheka-Nachfolger Putin ein. Welch Ansammlung von Menschenfreunden!

    3. Putin selbst legt übrigens keinen Wert darauf, zur Rechtfertigung seiner Aggression auf Lenin zurückzugreifen. Seine historische Rede aus Anlass der Annexion von „Neurussland“ ist zwar ganz im Leninschen Stil als grobianische Schimpftirade unter Verwendung historischer und politischer Versatzstücke konstruiert, aber ohne jede Spur von Kommunismus. Und Lenin selbst? Ohne ihn zu nennen, wird ihm von seinem Nachfolger vorgeworfen, „nach der Revolution die Grenzen der Sowjetrepubliken klammheimlich gezogen“ zu haben. Offenbar waren auch damals schon Verräter oder Dummköpfe oder Verbrecher am Werke, verdächtige Subjekte, wie sie in Putins volkstümlichen Sprache wimmeln wie die Flöhe auf einem Igel. Jedenfalls ist die historische Rede eine Art Manifest des großrussischen Nationalismus, laut Lenin eine imperialistische Ideologie zur Rechtfertigung des „Völkergefängnisses Russland“ – und zumindest dieser Aussage kann man doch schwerlich widersprechen. Wo er Recht hat, hat er Recht – meinen Sie nicht auch, Herr Nachtmann?

  27. Günter Hayn sagt:

    Stephan Wohanka ist hinsichtlich seiner vehementen Kritik an Ralf Nachtmanns “Große-Reiche-Theorie” nur zuzustimmen. Allerdings ist das nicht nur “19. Jahrhundert”. Auch Winston Churchill schwebte Ähnliches zur Verhinderung künftiger deutscher Vormachtsträume – der Kerl kannte uns … – durch das Konstrukt einer Donau-Föderation vor. Aus guten Gründen blieb das Vision. Bislang jedenfalls … Der Kontinent stünde tatsächlich an allen Ecken und Enden in Flammen. Gleiches gilt übrigens auch für die von manchen Linken so gerne hofierten Irredenta-Bewegungen. Die riechen nach Blut, auch wenn sie mitunter von Revolutionsromantikern, die durchaus Respekt abverlangen, getragen werden. Die Zeche zahlen letztendlich die Völker. Den meisten Korsen ist die zitierte Unabhängigkeitsbewegung mit ihrem folkloristischen Herumgeballere auf Straßenschilder und gelegentlichen Brandanschlägen nur lästig. Das heißt nicht, dass sie Paris lieben.
    Wenn politische Menschen nicht in der Lage sind, vor der eigenen Haustür für menschliche Zustände zu sorgen, sollten sie von weltpolitischen Träumen und dem Nachdenken über die Angelegenheiten anderer Völker ablassen.

  28. Ralf Nachtmann sagt:

    Bernhard Romeike schrieb: “Die westliche Propaganda-Behauptung, die Ukraine würde „unsere Freiheit“ verteidigen, erweist sich als reine Lüge.” Antwort: Ja, ja und nochmals ja!

  29. Ralf Nachtmann sagt:

    In seinem wirklich guten Beitrag hinsichtlich Rosa Luxemburg schreibt Holger Politt auch: “Wer heute durch solche Orte geht, in denen auf der Straße mehr als nur die eine Muttersprache zu hören ist, sollte den Blick richten auf die Straßenschilder. Sind sie einsprachig, können sie ein Indiz sein für nicht ein- oder durchgehaltene Minderheitenrechte.” Pauschal mag das zutreffen, zuweilen sogar in der Lebenswirklichkeit. Dennoch gibt es gerade für solche (bei Politt wenigstens vorsichtig formulierte) Fragen jahrzehntelange Debatten, wie sie beispielsweise in der Förderation Europäischer Minderheiten und Volksgruppe geführt wurden/werden. Einfaches Beispiel: Von welchem Zeitpunkt, von welcher “Siedlungsdauer” an kann eine Gruppe Immigtanten als “nationale Minderheit” angesehen werden? Die Geschichte (in Europa und angrenzend) der vergangenen 2300 Jahre lehrt: Diese Frage wurde stets politisch bzw. je nach Zweckmäßigkeit der aktuellen Herrschaft beantwortet. Will sagen: Deshalb gibt es sorbische Straßennamen, wo nahezu niemand diese Sprache spricht, und keine türkischen Straßennamen, obwohl fast alle dort türkisch sprechen. Gewiss, der Vergleich “hinkt” ein wenig, weil die Sorber “Eingeborene” sind, die Türken hingegen Immigranten. Schaut man aber auf muliti-ethnische Staatsgebilde, zeigt sich, dass die “einfache” Lösung, wie sie Rosa Luxemburg postulierte (und ihr Politt darin folgt), eben doch nicht so leicht ist. Bestes Beispiel: Der gerade erst erfolgte diktatorische Eingriff des “EU-Sonderbeauftragten” in die Regularien der Besetzung dortiger höchster Staatsämter – geschehen und verkündet am Abend einer Parlamentswahl (nach Schließung der Wahllokale?)
    Die Idee eines “Nationalstaates” scheint ohnehin überholt, zukunftsweisender scheint mir die Organisation großer “Reiche”, wie es sie (von kleinen Fleckerln abgesehen) bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in Europa (anderwo ebenso) gegeben hat. Unter solchen Umständen hätte Rosa Luxemburg tatsächlich Recht gehabt.
    Warum aber statt dessen (und imGegensatz zur weltwrtschaftlichen Entwicklung) viele Volksgruppen in Europa (Katalanen, Korsen, Sarden u.a.m.) auf einer Eigenstaatlichkeit beharren und massiv dafür kämpfen, verdiente einer gesonderten Betrachtung. Die “einfachen” Gründe sind ja bekannt, die tiefer liegenden sollten benannt werden.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Ralf Nachtmann sagt:
      „Die Idee eines ´Nationalstaates´ scheint ohnehin überholt, zukunftsweisender scheint mir die Organisation großer ´Reiche´, wie es sie (von kleinen Fleckerln abgesehen) bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in Europa (anderwo ebenso) gegeben hat“.
      Abgesehen davon, dass das eine indirekte Rechtfertigung der Putinschen Aggression gegen die Ukraine ist, ist diese Idee „großer Reiche“ eine höchst gefährliche. Sie bedeutete die Revision wenn nicht aller, so doch vieler Grenzen europa- und weltweit. Und was das bedeutete, mag ich mir nicht ausmalen. Es ist – wie Nachtmann sagt – eine Vorstellung des 19. Jahrhunderts; und dort sollten wir sie auch belassen.

    • Ralf Nachtmann sagt:

      Lieber Kollege Wohanka,
      Sie mögen es vieleicht nicht so sehen, doch in meinen Augen ist die “Europäische Union” genau ein solches “großes Reich”, vielleicht noch nicht gänzlich ausgeformt. Ist die EU also eine Idee des 19. Jahrhunderts?
      Hierzulande (und gelegentlich auch andernorts) beruft man sich hinsichtlich der EU ja gern auf Carolus Maximus, der den “Vorläufer” errichtet (nicht gegründet) hat, und zwar mittels kriegerischer Gewalt. Die heutige EU ist allerdings weitgehend demokratisch (oder doch nur scheindemokratisch? wer durfte abstimmen?) aufgebaut worden.

  30. Lars Niemann sagt:

    Zu Bernhard Romeikes Artikel “Ukrainekrieg – eine nächste Stufe”:
    Während ich dem Tenor des Beitrages zustimme, möchte ich einem Absatz jedoch widersprechen. Meiner Auffassung waren es nicht die “kommunistische Regierung” oder “kommunistische Armeeführung”, die die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg letztendlich zum Sieg geführt haben, deren Fehlen aber nun die Schwäche (oder nicht ausreichende) Stärke der russischen Armee in der Ukraine erklären soll. Nicht umsonst hieß (und heißt vielleicht noch heute, ich weiß es nicht) der II.Weltkrieg dortzulande “Großer Vaterländischer Krieg”, und nicht etwa “kommunistischer”. Es ging tatsächlich um die Verteidigung des Heimatlandes; das war motivierend. Wenn die sowjetische Armee dagegen aus imperialen Motiven aggressiv eingesetzt wurde, etwa im “Winterkrieg” 1939/40 gegen Finnland oder in den 1980er Jahren in Afghanistan, hielten sich Motivation und Erfolg sehr in Grenzen, ungeachtet der “kommunistischen Führung”. Und da sehe ich schon Parallelen zum Angriff auf die Ukraine. Die Heimatverteidigung ist da wohl eher Sache der ukrainischen Streitkräfte. Und noch etwas zum Parteieinfluss: Selbst im “Polit-Unterricht” während meiner Militärdienstzeit in der DDR wurde ganz offen gelehrt, dass die große Macht der “Kommissare”, also der Parteifunktionäre in den Militäreinheiten, im Zweiten Weltkrieg erst durch das Prinzip der “Einzelleitung” durch professionelle Offiziere ersetzt werden musste, vorher aber militärisch sinnlos war und viele unnötige Opfer forderte. (In Übereinstimmung damit hatten die ostdeutschen “Polit-Offiziere” zumindest auf unterer Ebene praktisch nichts zu sagen und wurden von den Mannschaften auch nicht für voll genommen.)

    • Ralf Nachtmann sagt:

      Stimmt, nur dass hinsichtlich Afghanistan die Zuschreibung “imperialer Motive” nicht zutrifft. Dort ging es nach zunächst wirtschaftlichen Erwägungen im Fortgang der Auseinandersetzung um eine Art “Fernhalten” des erstarkenden “politischen Islam” in der Region nach der Machtergreifung der Ajatollahs im Iran und deren bereits Jahre zuvor ausgerufenen “Heiligen Krieg” gegen kurz gefasst “alles Andere”. (Was im Übrigen im Widerspruch zur mohamedanischen Rligionslehre steht.) Der erste Einsatz der “Roten Armee” in imperialem Streben war übrigens der Krieg gegen Polen 1920. Gerade der wird leider viel zu oft vergessen bzw. weggelassen, obwohl seine Betrachtung mehr zur Entwicklung Europas nach dem 1. Weltkrieg beitragen könnte als bisher populärwissenschaftlich erfolgte.

  31. Peter Maiwald sagt:

    “Niemand ist schuld daran, daß er als Sklave geboren wurde; aber ein Sklave, dem nicht nur alle Freiheitsbestrebungen fremd sind, sondern der seine Sklaverei noch rechtfertigt und beschönigt (der beispielsweise die Erdrosselung Polens, der Ukraine usw. als „Vaterlandsverteidigung” der Großrussen bezeichnet) – ein solcher Sklave ist ein Lump und ein Schuft, der ein berechtigtes Gefühl der Empörung, der Verachtung und des Ekels hervorruft.”

    Lenin, Über den Stolz der Großrussen

    • Ralf Nachtmann sagt:

      Und doch halt Lenin seine Armee 1920 Polen überfallen lassen. Was nun, Herr Maiwald?

  32. Stephan Wohanka sagt:

    Ukrainekrieg – eine nächste Stufe, von Bernhard Romeike
    Der Autor schreibt: „Am 21. September wurde mitgeteilt, dass Putin eine Teilmobilmachung angeordnet hat, womit 300.000 russische Reservisten, die bereits militärisch ausgebildet sind, zu den Fahnen gerufen werden. …. Tatsächlich folgt das der militärischen Logik seit Peter I.: Wenn die bisher bereitgestellten militärischen Kräfte nicht ausreichen, muss man aus der Tiefe Russlands neue bereitstellen“.
    Sehr gut gesagt – „aus den Tiefen Russlands“ und nicht etwa aus den urbanen Zentren, in denen der Protest wohl größer und qualifizierter wäre als an der Peripherie; wobei es auch dort schon etwas rumort…
    Noch eine persönliche Reminiszenz: Meine Eltern besaßen einen großen Bildband des Autors Fritz Koch-Gotha. Der war seinerzeit Kriegsberichterstatter im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05. Da wohl die Kriegsfotografie noch nicht so elaboriert wie heute war, zeichnete Koch-Gotha die Schlachtszenen. Eine ist mir bis heute in in Erinnerung geblieben; ich sah sie immer wieder an und erschauderte – ihr Titel wohl so: Unter klingendem Spiel ziehen sibirische Regimenter in das Trommelfeuer der Japaner. Zu sehen war eine (noch) geschlossene Front der Soldaten in langen Mänteln und Pelzmützen auf dem Kopf; in der ersten Reihe Bläser und Trommler. Die geneigt nach vorn gehaltenen Gewehre waren mit Bajonetten bestückt; ob die je zum „Einsatz“ kamen?
    Dass das Putin-Regime heute nicht weiter ist als Peter I. oder seine Nachfolger auf dem Zarenthron, was die Fürsorge und den Umgang mit den eigenen Soldaten angeht, ist anderer veritabler Skandal in diesem Russland. In der Berliner Zeitung teilt Torsten Harmsen mit, dass „für die ´Mobilisazija´ …. sich offenbar das Wort ´Mogilisazija´ (ausbreite). ´Mogila´heißt Grab“. Er hat wohl recht; leider.

  33. Erhard Crome sagt:

    Keiner soll hungern ohne zu frieren
    „Niemand soll im Winter frieren oder hungern müssen – Kann die Regierung dieses Versprechen halten?“ Das war der Titel der Gerede-Runde bei Anne Will in der ARD am 25. September 2022. Geladen waren Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP), der Arbeits- und Sozialminister des Landes Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann, von der CDU, die Autorin und Journalistin Julia Friedrichs und der Chef des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung München, Clemens Fuest.
    Ich hatte mir erlaubt, eine Bemerkung für die Kommentarspalte zur Sendung beizusteuern, und wies darauf hin, das sei ein interessanter Titel. Schließlich war: „Keiner soll hungern! Keiner soll frieren!“ ein Motto des „Winterhilfswerkes“ im Nazi-Staat. Die Berliner Schnauzen machten damals daraus: „Keiner soll hungern, ohne zu frieren!“ Außerdem machte ich darauf aufmerksam, dass es zur Milderung der Not des Volkes im ersten Weltkrieg den von Hindenburg und Ludendorff veranlassten „Kohlrüben-Winter“ gab. Dazu könne man jetzt natürlich auch zurückkommen.
    In Wills Forum, das moderiert ist, war das dann nicht zu lesen. Die hausinterne Zensur hatte meinen nicht-staatstragenden Kurzbeitrag nicht gewollt. Deshalb will ich ihn hier dem geschätzten Publikum nachreichen.

  34. Literat sagt:

    Seit 15. September ist ein neues Werk von Heinrich August Winkler am Markt – ein Sammelband früherer wissenschaftlicher und journalistischer “Interventionen” unter dem Gesamttitel: “Nationalstaat wider Willen”; nicht zu verwechseln mit dem gleichen Titel von Carsten Wieland, erschienen am 10. Mai 2000, über die Verbindung von Ethnie und Nationalstaat.
    Zum Auftakt der Werbekampagne wurde der Autor im Interview gefragt: “…Putin führt einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine, einen weltweiten Zusammenschluß aller Demokratien gegen Rußland hat es aber nicht gegeben. Staaten in Asien, Afrika und Lateinamerika halten weiter zu Moskau. ist die westliche Werteordnung am Ende?” Winkler, “der brillante Erklärer historischer Zusammenhänge”: “Der Westen hat schon lange aufgehört. die Welt zu dominieren. Aber sein großes normatives Projekt ist weiter aktuell: Einen weltweiten Anspruch auf unveräußerliche Menschenrechte zu etablieren.” Also ein moralischer Anspruch auf Weltgeltung, die wohl nicht von allen als erstrebenswert für alle beurteilt wird.
    Ein anderer deutscher Historiker bewertet denn auch solche Verkleidung von Ansprüchen “der Guten” eindeutig anders. Herfried Münkler in “Handelsblatt” vom 23. Januar 2022: “Die Großmächte sagen es zwar nicht, aber sie begreifen die Lage so, daß eben nicht jedes Land bestimmen kann, welchem Bündnis es angehören will. Die Europäer sind vermutlich die Einzigen, die das nicht so sehen.”
    Zum Nachlaß von Theo Sommer gehört diese Vorausschau vom 5. Juli: “Die Meldungen über Krieg und politische Krisen, Corona und steigende Inflation treiben die Menschen um. Dabei gerät leicht aus dem Blick, daß sich derzeit eine neue Weltordnung herausbildet Es werden die Trennlinien der nächsten Generation gezogen: Zwischen dem Westen und dem Rest der Nationen, zwischen liberalen Demokratien und illiberalen Autokratien, zwischen denen, die sich einordnen in die gegenwärtig entstehenden Verbünde, und jenen, de losgelöst davon ihre eigenen Interessen verfolgen. … Noch ist unklar, was für eine Weltordnung am Ende bei all diesen Initiativen herauskommt. Nur soviel ist klar: Sie wird multipler sein. Sie wird auf neue Weise konfrontativ werden. Neue Akteure werden sie mitbestimmen; konkurrierende Zentren werden sich nicht unbedingt einbinden lassen. Ob Rußland und China den Schulterschluß Putins und Xi Jinpings durchhalten, ist eine Frage. Ob der Westen – eine Milliarde von zehn Milliarden Menschen(!) – einen neuen Anfall von Trumpismus überleben würde, eine andere.”
    Das sind wesentlich Umstände und Bedingungen für jegliche nationale Politik Deutschlands – im Inneren wie außen herum. Dabei ist Deutschland, häufig auch “europäisch” agierend, einerseits eingehegt, andererseits auch gesichert in internationalen Sicherheitsstrukturen. Offenbar steigen parallel Einsicht und Bedarf hinsichtlich einer eigenständigen deutschen nationalen Sicherheitsstrategie, die nicht nur die militärische Komponente erfaßt, einschließlich etwa der Idee, die Wehrpflicht wieder “einzusetzen”. Oder auch die erneute Befeuerung dieser seinerzeitigen Adenauer-Analyse zu mangelnder militärischen Kampfkraft: “Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie, und es ist ganz selbstverständlich. daß wir nicht darauf verzichten können.”(5. April 1957) Heute ist von Teilhabe die Rede.
    Dem Vernehmen nach soll die neue Sicherheitsstrategie alle gesellschaftlichen Bereiche, alle Ministerien umfassen – und bis Anfang nächsten Jahres entwickelt sein. Soll darin etwa festgeschrieben werden,, was und wie von Winkler vor-geschrieben? Ist das die Einstimmung?
    Ob die Adelung der Saudi-Arabischen Machthaber vom Ausschluß-Status in den Rang “unserer Schurken” durch den Handschlag von Dschidda dann schon dazu gehört? Präsident Biden hat es zuvor auch so gehalten – damit alles gut. Und kein Alleingang!

  35. Erhard Crome sagt:

    Gorbatschow und Andropow
    Michail Gorbatschow wurde 1931 in dem Dorf Priwolnoje in der Region Stawropol geboren. Parteikarriere machte er zunächst in seiner Heimatregion Stawropol: 1958 -1962 war er Komsomol-Sekretär (das war die Jugendorganisation im Vorfeld der KPdSU) der Region Stawropol, 1968 wurde er Zweiter, 1970 Erster Sekretär der dortigen KPdSU-Regionalleitung, im selben Jahr zugleich Mitglied des Obersten Sowjets der UdSSR, 1971 Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU.
    Juri Andropow (1914-1984) stammte ebenfalls aus der Region Stawropol. Dieses Gebiet hat seine Bedeutung unter anderem wegen einer Reihe von Kureinrichtungen, die in der Nähe von Mineralquellen errichtet wurden, darunter der bekannte Kurort Kislowodsk, seit dem 19. Jahrhundert bei den russischen Oberschichten beliebt. Andropow fuhr regelmäßig zur Erholung in seine Heimatregion. Der mächtige Partei-Ideologe Michail Suslow, Jahrgang 1902, war während des zweiten Weltkrieges KPdSU-Sekretär der Region Stawropol und seit 1947 bis zu seinem Tode 1982 Sekretär des ZK der KPdSU. Noch von Stalin eingesetzt, unterstützte er später Chruschtschow und dann Breshnew; Politbüro-Mitglied war Suslow seit Anfang der 1950er Jahre. Er kurte ebenfalls regelmäßig in der Region Stawropol. Ebenso Ministerpräsident Alexei Kossygin (1904-1980, Ministerpräsident seit dem Sturz Chruschtschows 1964), hier kam laut verschiedener Biographen noch ein gutes Verhältnis zwischen der Gattin und Gorbatschows Ehefrau Raissa hinzu. Wenn die hohen Genossen zur Erholung in der Region weilten, machte der örtliche Parteisekretär ihnen natürlich seine Aufwartung. Sie kannten ihn und hatten von dem jungen Mann den besten Eindruck.
    Andropow war während des ungarischen Volksaufstandes 1956 sowjetischer Botschafter in Budapest und spielte eine wichtige Rolle bei dessen Niederschlagung. Er wusste um die Reformbedürftigkeit des Realsozialismus, erinnerte aber stets an die Kommunisten, die in Budapest an Laternenmasten aufgehängt worden waren. Deshalb wollte er eine Reform von unten unbedingt verhindern und ließ als KGB-Chef (1967-1982) sowjetische Dissidenten gnadenlos verfolgen. In internem Kreise hatte er gesagt, zuerst müsse es den Menschen durch entsprechende Reformen wirtschaftlich besser gehen, und zwanzig Jahre später könne man dann in Kunst, Kultur und Presse die Zügel lockerer lassen. Die Partei und die Parteiführung müssten diesen Prozess jedoch stets kontrollieren und in der Hand behalten. Sein Reformkonzept war im Grundsatz etwa das, was Deng Xiaoping dann in China gemacht hat. Dass Gorbatschow das später umkehren würde, konnte Andropow seinerzeit nicht wissen.
    Da Andropow in Gorbatschow einen reformbereiten und fähigen Funktionär sah, förderte er bereits seine Aufnahme in das ZK. Der für Landwirtschaft zuständige ZK-Sekretär Fjodor Kulakow förderte Gorbatschow ebenfalls, weil er als Landwirtschaftsexperte galt. Da mächtige Männer, wie Kossygin und Suslow, ihn ebenfalls positiv sahen, konnte Breshnew den Aufstieg Gorbatschows nicht verhindern, obwohl der offenbar nicht auf Breshnews Kaderliste gestanden hatte. Nachdem Kulakow 1978 plötzlich verstorben war, wurde Gorbatschow dessen Nachfolger, 1979 Kandidat und bereits 1980 Mitglied des Politbüros. 1985 dann Generalsekretär der KPdSU.

    • Ralf Nachtmann sagt:

      Tja, und was hat es genützt?

  36. Der anregende Beitrag von Erhard Crome im “Blättchen” 19/2022 ist in einer Detailfrage etwas ungenau. Michail Gorbatschow musste nicht darauf warten, dass ihn “Juri Andropow […] in Moskau deponierte” – er stieg bereits unter Breschnew auf. Und zwar 1978 zum ZK-Sekretär für Landwirtschaft, im folgenden Jahr zum Kandidaten und 1980 zum Vollmitglied des Politbüros.

    Die politischen Reformen Gorbatschows halte ich für den Versuch, sich die Machtbasis, die er im Parteiapparat nicht hatte, nunmehr auf staatlicher Ebene zu verschaffen. Ausführlich begründet habe ich dies bereits in einem Beitrag im redaktionellen Teil:
    https://das-blaettchen.de/2021/05/ein-politischer-zauberlehrling-57027.html

  37. Eine Ergänzung zu meinem Artikel über Margherita von Brentano, Nr. 19 vom 12. September 2022: Margherita von Brentano und Jacob Taubes blieben auch nach ihrer offiziellen Scheidung einander überaus eng verbunden. Sie lebten nicht nur in zwei nebeneinander liegenden Wohnungen, sondern Margherita von Brentano erzog auch seine Kinder stets mit, kümmerte sich mehr als er um sie (Taubes starb 1987). Zudem setzte Margherita von Brentano Taubes’ Kinder als ihre Erben ein. Auch das gehört zum Bild dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit und sollte nicht unerwähnt bleiben. Diese Information erhielt ich von ihrer früheren Studentin und Mitherausgeberin ihrer Werke, Susan Neiman. Diese zeichnet ein warmherziges und konturenreiches Bild ihrer Lehrerin in ihrem Buch “Slow Fire” (S. 83ff.), das Susan Neimans Zeit als Doktorandin an der FU Berlin zum Inhalt hat (siehe auch meinen Artikel ‘Die Hoffnung bewahren’ in: ‘Das Blättchen’, Nr. 24 vom 22. November 2021). Mario Keßler

  38. Dr. Markus Hildebraa sagt:

    In Ergänzung zum Beitrag „Ukraine-Krieg – zum Stand der Dinge“ in der aktuelle Blättchen-Ausgabe: Wer sich über Art und Umfang westlicher Militärhilfe für die Ukraine im Detail informieren will, wird beim REDAQKTIONSNETZWERK DFEUTSCHLAND fündig: https://www.rnd.de/politik/waffenlieferungen-an-die-ukraine-was-und-wie-viel-deutschland-usa-spanien-italien-und-co-bisher-KW4FB4UEAJHCZEGNEXZNFRXTEM.html

  39. Detlev Reichel sagt:

    Erhard Crome, In Memoriam Gorbatschow (#19)
    Die Artikel von Erhard Crome lese ich stets mit großen Interesse und meist mit Übereinstimmung. Der Schlussfolgerung im Nachruf auf Gorbatschow möchte ich jedoch etwas hinzufügen. Der allgemeinen Feststellung, Gorbatschow habe den “Kalten Krieg” beendet, schließe ich mich nicht an. Ich denke, der “Kalte Krieg” wurde zu keinem Zeitpunkt beendet, auch wenn das Gorbatschows Wunsch und Wirken war. Der Westen in Gestalt dessen Hauptmacht USA hatte, meiner Meinung nach, niemals die Absicht dazu. Ich denke, die imperialen Strategen in Washington/London/Berlin schlugen in Wahrheit die Chance, die sie sahen, keineswegs aus: Die Schwäche des Rivalen oder meinetwegen Konkurrenten. Den meinten sie nun endgültig von der Bühne globaler Politik stoßen zu können. Nun ist dieser “Kalte Krieg” in einen heißen übergegangen, und die Menschen in der Ukraine bezahlen einen hohen Blutzoll.
    Und noch eins: Die metaphorische Figur des “intelligenten Aufsteigers” mit der “Maske der heiteren Idiotie” lässt doch auch die These vom Verrat zu. Denn, wer eine Maske trägt und diese zum opportunen Zeitpunkt fallen lässt, hat ja diese Täuschung (Maske) durchaus geplant, könnte man meinen. Ich war damals, Mitte bis Ende der 1980er auch begeistert von Gorbatschows Glasnost. Und hier war endlich mal einer, der frei Reden kann (oder darf?), auch provokative Fragen von Journalisten frei von der Leber weg pariert. Leider war das nur die eine Seite. Die andere führte zum Zerfall “real-sozialistischen” Machtblocks und schließlich zum Tod der Sowjetunion selbst. Eine Alternative zum Kapitalismus und Imperialismus schien damit auf lange Sicht nicht mehr möglich. Aber, der Schein trügt, so möchte ich hoffen…

  40. Krysztof Daletski sagt:

    Zum Artikel “Klingbeils Imperativ, Ischingers Handreichung” von Sarcasticus im Blättchen 25/18 ist es ergänzend vielleicht hilfreich zu wissen, dass Lars Klingbeil laut Abgeordnetenwatch langjähriges Prsidiumsmitglied sowohl in der “Gesellschaft für Wehrtechnik” als auch im “Förderkreis deutsches Heer” war, beides Interessenverbände der Rüstungsindustrie.

    Die Forderung, dass Deutschland als “Führungsmacht” Militär als “legitimes Mittel der Politik” einsetzen solle (von anderen Politikern euphemistisch als “Verantwortung übernehmen” umschrieben), dürfte also kaum einem Umdenken aufgrund aktueller Ereignisse entstammen. Es ist eine aus diesen Kreisen schon über Jahr(zehnt)e formulierte Forderung, für die jetzt die Gelegenheit beim Schopf gegriffen wird, sie ohne nennenswrten gesellschaftlichen Widerstand durchzusetzen. Wie Svenja Sinjen, “Expertin der DGAP”, es bereits 2017 dem Focus gesagt hat [1]: “Der Bevölkerung die Notwendigkeit einer Aufrüstung zu erklären, halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben der politischen Führung der nächsten Zeit.” und “Das bedeutet aber nicht nur, aufzurüsten: Wir müssen in der Lage sein, einen entsprechenden Krieg führen zu können.”.

    [1] “Experte fordert Aufrüstung: ‘Müssen deutsche Rüstungsmaschine anwerfen'” Focus Online, 07.02.2017