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2.165 Beiträge im Forum

  1. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Marx und Burckhardt von Hermann-Peter Eberlein
    Hermann-Peter Eberlein schreibt: „Der dialektische Materialismus ist ein grandioses Erklärungsmodell der Geschichte mit der Perspektive ihrer Veränderung, im Kommunistischen Manifest klassisch auf den Punkt gebracht: ´Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen´“.
    Sebastian Haffner schreibt: „Mit dem Marxismus hat der Hitlerismus wenigstens eines gemein: den Anspruch, die gesamte Weltgeschichte aus einem Punkt zu erklären: ´Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist eine Geschichte von Klassenkämpfen´, heißt es im Kommunistischen Manifest, und ganz entsprechend bei Hitler: ´Alles weltgeschichtliche Geschehen ist nur die Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen´. Solche Sätze haben eine große Suggestivkraft. Wer sie liest, hat das Gefühl, daß ihm plötzlich ein Licht aufgeht: Das Verworrene wird einfach, das Schwierige leicht. Sie geben dem, der sie willig akzeptiert, ein angenehmes Gefühl von Aufgeklärtheit und Bescheidwissen, und sie erregen außerdem eine gewisse wütende Ungeduld mit denen, die sie nicht akzeptieren, denn als Oberton schwingt in solchen Machtworten immer mit: ´… und alles andere ist Schwindel´. Man findet diese Mischung von Überlegenheitsdünkel und Unduldsamkeit gleichermaßen bei überzeugten Marxisten und bei überzeugten Hitleristen“.
    Der französische Historiker Alain Besançon schreibt: „Das Deutungsmuster, durch das sie (die nationalsozialistischen und kommunistischen Führer – St. W.) die Welt wahrnehmen, ist von außergewöhnlicher Dürftigkeit. Zwei Klassen beziehungsweise Rassen stehen im Kampf. Die Definition dieser Klassen und Rassen macht nur innerhalb des betreffenden Denksystems … einen Sinn, wobei jeder Realitätsgehalt des Klassen- und Rassenbegriffs aus dem Blick gerät“.
    Zu welchen Schlussfolgerungen „grandiose Erklärungsmodelle der Geschichte“ führen, demonstriert der Historiker Wolfgang Wippermann, der an der Freien Universität Berlin als Lehrbeauftragter Geschichte unterrichtet(e)?. Er kritisiert den Herausgeber des Schwarzbuches des Kommunismus, Stéphane Courtois, der darauf hingweist, dass der Tod eines ukrainischen Kulaken-Kindes, das vom stalinistischen Regime gezielter Hungersnot ausgeliefert worden sei, genauso schwer wiege wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel. Wippermann argumentiert, das ukrainische Kulaken-Kind sei nicht wegen seiner ukrainischen Herkunft, sondern wegen seiner Klassenzuordnung gestorben. Das jüdische Kind dagegen sei ermordet worden, weil die Nationalsozialisten alle Juden vernichten wollten.
    Die Frage, die Eberlein ganz am Endes seines Textes aufwirft, bejahe ich.

  2. F.-B. Habel sagt:

    Betr. Antwort Tim Renner:
    Da gibt es eine kleine Verwechslung. Von der aus Landsberg/Warthe stammenden Friedel Hensch ist nicht bekannt, dass sie Wiener Lieder gesungen hat. Den „Novak“ hat Hugo Wiener seiner Frau, der großartigen Wienerin Cissy Kraner (1918-2012), auf den Leib geschrieben.

  3. Stephan Wohanka sagt:

    Im beschaulichen Bleiburg in Kärnten treffen sich wie jedes Jahr am Wochenende tausende Alt- und Neonazis.
    Anlässlich des 2017-Treffens sagte ein Teilnehmer: „Wenn ich heute über Hitler rede, sehen das alle negativ. Warum? Er hatte eine Ideologie und hat Deutschland groß gemacht. Das tun wir heute auch. Wir haben 75 Jahre gebraucht, um einzusehen, dass das ein kluger Mann war, der Ordnung schaffen wollte“.
    Was kann Polemik da noch ausrichten? Oder auch Ironie? Ich könnte über eine Zweckentfremdung oder Missbrauch von Demenz sinnieren; hat jemand eine bessere Idee?

  4. Günter Hayn sagt:

    Werter Herr Richter,
    niemand will Ihnen Ihr Denken vorschreiben. Aber wie Sie hier M/L-Beckmessern, das erinnert schon verdammt an die Parteikontrollkommission unseliger Zeiten. Marx sei vor, dass solche Ideen jemals wieder zur materiellen Gewalt werden!
    Herzlichst
    G. Hayn

    • Werner Richter sagt:

      Mir scheint, einige, wenn nicht alle Kämpen sind mit den Arbeiten von Wolf nicht vertraut, sonst würde nicht ausschließlich der Kritiker solchen Umganges Ziel sein. Ein Grund könnte sein, man will nicht, aber an alten Vorstellungen festhalten. Beckmesserei? Ist genauso wenig aussagefähig wie Verschwörungstheorie und liegt auch noch daneben. Konsequenter Weise müßte dann auch der DE GRUYTER Verlag als Beckmesserverlag genannt werden, dem der Text veröffentlichungswürdig ist. Der Verlag gilt weltweit als d e r Verlag für seriöse wissenschaftliche Publikationen. Der Begriff setzte auch voraus, ich wüßte anmaßend alles besser. Sage ich nicht, sondern verweise auf Gesellschaftswissenschaftler, die das sagen. Mich stört, daß, auch hier, diese Fundamentalkritik ignoriert wird und im alten bewährten Sinne Marxens Theorie auf „marxistische“ Weise ungebrochen Gebrauch findet. Kein Hinterfragen, und das im Namen von Marx? Wo wirkt denn Verhaltensweise aus „unseliger Zeit“ weiter, wenn nicht im gewohnt disziplinierten und bequemen Festhalten an fragwürdiger Theorie? Habe sehr gut in Erinnerung die ständige Abwehr unbequemer Fragen in Parteigremien, die letztendlich auf „Das ist nicht mein Verantwortungsbereich, kann ich nicht beurteilen, dafür werden andere bezahlt.“
      Im fortgeschrittenen Alter ist keine Zeit, diese mit Komplimenten, übertriebener Rücksicht o.ä. zu verplempern, sich Gedankenlosigkeit, Kritikverzicht, also Nichtdenken, sowie nicht unanständig zu sein, leisten, wenn das auch den einen oder anderen als beckmesserisch pikiert.

  5. Erhard Weinholz sagt:

    Ronald Friedmanns Beitrag „Abwicklung der Geschichte“ hat in mir als bravem Bürger einige Empörung hervorgerufen: Ein riesiger staatlicher Forschungsapparat befasst sich also mit DDR-Themen – wahrscheinlich Tausende! Haben die denn nichts Besseres zu tun? Aus Steuergeldern großzügig finanziert … na so eine Schweinerei, unsere schönen Steuergroschen! Viele hundert Millionen werden dafür jedes Jahr verbraten! Nun gut, genug der Scherze. Die BStU als meines Wissens größte Einrichtung mit Bezug zur DDR-Geschichte hat einen Jahresetat von 100 Mio. Euro, wovon aber nur der allgeringste Teil für die Bildungs- und Forschungsabteilung mit ihren etwa zwei Dutzend Mitarbeitern verbraucht wird. Es wäre schön, wenn der Autor Angaben wie „riesig“ oder „viele hundert Millionen“ konkretisieren würde. Sie sind nämlich meines Erachtens komplett aus der Luft gegriffen. Und was so anfängt, geht gewöhnlich nicht gut weiter. Von der Beschäftigung mit den Stärken und Schwächen der DDR-Geschichtswissenschaft ist die Rede … mal ehrlich, Schwächen haben wir doch alle … Tatsächlich hat diese Wissenschaft gerade auf ihrem Kerngebiet, der neueren Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus sowie der Geschichte der DDR, vor allem Apologetik hervorgebracht – das als Schwäche zu bezeichnen geht doch wohl einigermaßen daneben. Über den Inhalt des vom Autor besprochen Buches, die Grundtendenzen der darin vertretenen Auffassungen und dergleichen, dies sei zuletzt noch gesagt, erfahren wir leider nur herzlich wenig.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Auch mir erscheint, dass die DDR-Geschichtsschreibung etwas zu gut wegkommt… ich sähe keine „unleugbaren Verluste“.
      „Der Historiker muss das tatsächlich Geschehene erklären, muss plausibel machen, daß es unter Berücksichtigung aller relevanten Bedingungen unausweichlich eintreten musste. Zu diesen Bedingungen gehören aber auch subjektive Faktoren, Interessen, Ziele, Motive und Entscheidungen, die stets mehrere Möglichkeiten voraussetzen, zwischen denen die Handelnden wählen können“ (Wolfgang Küttler).
      Das „tatsächlich Geschehene“? Ereignisse wie Naturkatastrophen, aber auch politische Vorgänge wie Revolutionen, Kriege, Reformen sind häufig bezüglich des Datums, der Tatsachen usw. tatsächlich respektive „objektiv“ zu bestimmen; die Berliner Mauer fiel unstrittig mit dem 9. November 1989. Die eigentliche Frage ist aber: Fiel der nach außen „gegen die Bonner Ultras gerichtete Antifaschistische Schutzwall“ oder die nach innen gerichtete „Mauer“, die Menschen „zu Zwangsbeteiligten eines gesellschaftspolitischen Experiments“ machte? – das ist das eigentlich Interessante am Hergang! Geht es um die Wertung, die Einordnung von historischen Begebenheiten, kommen zwangsläufig die „subjektiven Faktoren, Interessen, Ziele, …“ zum Tragen – aber anders als oben gemeint! Denn gerade durch deren Hinzukommen gehen die Meinungen über den reinen „Fakt“ hinaus in der Regel deutlich auseinander; siehe eben gegebenes Beispiel.
      Gleiches trifft auf „alle relevanten Bedingungen“ zu; auch diese werden nicht eindeutig bestimmbar sein respektive sind schon durch die jeweilige Wertung des „Geschehenen“ gleichsam vorgegeben. Und wie soll aus derartigen Mehrdeutigkeiten die „unausweichliche Plausibilität“ folgen? Als Kompass in diesem Dilemma diente der DDR-Geschichtsschreibung bekanntlich der „Klassenstandpunkt“: „Wahrheit ist, was der Partei politisch nützt“ – den man teilte oder auch nicht. Womit man wieder bei der subjektiven Sicht auf die Dinge angekommen wäre – es gibt kein von individuell empfundenen Kriterien losgelöstes Verständnis von der Vergangenheit, sondern es gibt viele „Vergangenheiten“; sie sind ideelle Konstrukte, von kulturellen Werten und ideologischen Sichten des jeweiligen Betrachters imprägnierte Konstrukte. Diese Werte und Sichten bilden den nicht mehr hintergehbaren Rahmen dessen, worin Geschichte jeweils für den Einzelnen „stattfindet“ bzw. wie er sie „sieht“. Das gilt mutatis mutandis auch für die professionelle Geschichtswissenschaft!
      Eingangs Gesagtes liefe auf Endgültiges hinaus, dahinter verbirgt sich ein totalitäres Motiv. Notabene hat das schon Engels aufs Korn genommen: „… daß die Geschichte im ganzen wie in ihren Teilstücken gefaßt wurde als die allmähliche Verwirklichung von Ideen, und zwar natürlich immer nur der Lieblingsideen der Philosophen selbst. Die Geschichte arbeite hiernach unbewusst, aber mit Notwendigkeit, auf ein gewisses, von vorneherein feststehendes Ziel los, wie z. B. bei Hegel auf die Verwirklichung seiner absoluten Idee, und die unverrückbare Richtung auf diese absolute Idee bildete den inneren Zusammenhalt in den Ereignissen“. Eine Pointe und das Paradoxe: Auch die marxistisch-leninistische Geschichtswissenschaft ist wie jede andere Auslegung der Geschichte legitimiert; sie schnürte sich gleichsam in das Korsett ihrer ideologiegetränkten „Objektivität“! Das war ihr Standpunkt, Geschichte (und Zukunft) zu interpretieren. Auf dieser Grundlage erhob sie den nicht einlösbaren Anspruch, „das Entwicklungsgesetz der Menschheit“ ergründen zu wollen! Das Paradoxe: Was die geschichtliche „Einsetzung“ des Sozialismus angeht, so verließen sich dessen Protagonisten jedoch mitnichten auf das „objektive Wirken der Geschichte“ – nein, sie griffen beherzt ein, erzwangen förmlich dieses „Wirken“, fühlten sich als „Werkzeug der Geschichte“! „Objektiv“ wurde die Sache dadurch, dass man sie „machte“; beseelt von der Idee, dafür gottgleich bestimmt zu sein, so und nicht anders handeln zu sollen und zu können…

  6. Kay Bliewand sagt:

    Vielleicht sollte die Redaktion künftig die zur Veröffentlichung bestimmten Texte zuvor Herrn Richter vorlegen. Solcherart könnte verhindert werden, dass so viel Falsches ins Blättchen kommt. Und auch ein duales Forum-Portal wäre vorteilhaft, auf dem zu jedem Text auch die bescheidene Auffassung des verdienten Auguren beigestellt wäre.
    Kay Bliewand

    • Werner Richter sagt:

      Komische Denkweise, richtig oder falsch im Zusammenhang mit Diskussionen.

  7. Günter Hayn sagt:

    Sehr geehrter Herr Richter,
    Sie müssen keine Verrenkungen vollführen – sagen Sie es einfach direttamente. Das Marx-Heft gefällt Ihnen überhaupt nicht. Die ganze Richtung passt Ihnen nicht. Also führen Sie sich auf wie unser letzter Kaiser vor den Liebermann-Bildern: Mit Ausnahme von Kornelia Hauser – das kommt sicher noch – haben Sie alle Autoren mehr oder weniger unelegant in den Orkus gespült – quasi in mehreren Teilen. In den Hansestädten nannte man das früher (mit spitzem „t“ ausgesprochen) „unanständig“. Das ist es auch. Von Ihnen, der Sie immer den qualifizierten Diskurs einfordern, hätte ich mehr Souveränität im Umgang mit den Arbeitsergebnissen Dritter erwartet. Beim Nachdenken darüber, warum das in drei Teufels Namen so ist, fällt mir nur Aesop ein. Gerne spare ich Ihnen die Mühen des Nachlätterns: http://gutenberg.spiegel.de/buch/fabeln-9534/36
    Mit nicht sehr freundlichen Grüßen
    Günter Hayn

    • Werner Richter sagt:

      Ach Herr Hayn, was ich eigentlich oder nicht eigentlich denke und wollte, müssen Sie schon mir überlassen. Sie können sich denken, was Sie wollen. Werde aber weiterhin dann meine Meinung kund tun, wie und wann ich es für nötig erachte. Habe ich schon immer getan, hoffentlich kann das jeder von sich sagen.

  8. Uwe Flemming sagt:

    Wenn demnächst der FC Liverpool und Real Madrid zum Finale der Champions-League antreten, dann haben diese Klubs folgende Prämien ausgelobt: Liverpool rund 230 000 Euro, Real Madrid knapp 2,3 Millionen Euro.
    Pro Spieler!
    Kein Kommentar, schon gar nicht aus der Sicht von jemandem, der Fußball einst mal für einen Sport gehalten hat – tempi passati…
    Uwe Flemming

  9. Heiko Dremel sagt:

    Torsten Krauel ist Chefkommentator der Welt-Online. Und also solcher hat er gerade wissen lassen, was der Stunde Aufgabe ist.
    „Den Frieden notfalls auch robust durchzusetzen, das muss wieder in die Köpfe der Deutschen.“ Die „Robustheit“ mit der vornehmlich die USA und deren Gewaltenprimus UK dies in Vorderasien nun schon lange und vor allem höchst erfolgreich demonstrieren, sollte in den Köpfen der Deutschen eigentlich eine adäquate Lust entfachen: Des Gegenteils wäre ich mir aber leider nicht sicher.
    Der Titel des Krauelschen Kommentars lautet übrigens: “Berlin muss aufrüsten, entgegen den eigenen Instinkten”.
    Heiko Dremel

  10. H. Jakubowski sagt:

    Lieber Herr Richter,
    haben Sie eigentlich eine Vorstellung davon, wie sachwaltende Bescheidwisser und Zensurenverteiler zu langweilen vermögen?
    Dass ausgerechnet Sie einem Autor (hier K. D. Voigt) vorwerfen, sein Ich in den Vordergrund zu stellen, hat schon etwas Possierliches, es sei denn, hier hat Selbstironie die Feder geführt, was aber nach Kenntnis Ihrer Forum-Einträge wenig wahrscheinlich ist.
    Heinz Jakubowski

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Herr Jakubowski, es tut mir nun leid, daß Sie sich langweilen, aber ich kann da nicht helfen. Damit müssen Sie zu leben lernen.
      Es ehrt Sie, Autoren in Schutz zu nehmen, da spürt man sogleich die alte Verbundenheit mit dem Blättchen, schreibe da jeder, was er will. Es ehrt Sie weniger, Kritik am Kritiker nur auf dessen Person, nicht auf die Sache seiner Kritik abzustellen. Das bleibt Ihnen jedoch unbenommen und ist ja schon geübt, kennen wir doch, verlangt wenig Aufwand.
      Zur sachlichen Seite ist noch zu ergänzen, daß die Beiträge des Autors insgesamt zu der Kategorie gerechnet werden könnten, die dem geübten Politiker eine gewisse Übereinstimmung mit dem vermuteten Mainstream der Leser versprechen. Logischerweise, da kann mich meine Erinnerung täuschen, äußert er sich nicht oder nur ganz vorsichtig beschöningend zu heiklen Themen, wie die Nato-Strategie, die deutsche Beteiligung an Kriegen von Jugoslawien bis Syrien, die Exportoffensive der BRD in Konzerninteressen, die Hintergründe der „friedlichen Revolutionen“, wie man es von einem nicht unbedeutenden SPD-Politiker erwarten dürfte. Auch zu Hartz IV schweigt seine Höflichkeit. An all diesen Dingen hat er Anteil.
      Soll jetzt im Interesse einer dann fragwürdigen Meinungsvielfalt auch gleich das Hinterfragen geopfert werden? Pluralismus kann nur auch Kritik an Standpunkten, auch wenn sie nicht explizit geäußert werden, einbeziehen. Anderes wäre ein Wandel hin zu einer Pluralismusvariante, die die politischen Kasten verschleiert Schritt für Schritt installiert, unter dem Deckmantel des vorgeblichen Kampfes gegen Fakenews und Hetze immer stärker Kritik an ihrer Politik zu erschweren und womöglich auszuschalten.
      Eine weitere Frage in dieser Richtung ist schon zum Artikel von Michael Brie, zu Der Linken, aufgeworfen.

  11. Werner Richter sagt:

    Letztes zur Sonderausgabe 200. Geburtstag
    Zu Mathias Iven, Ein Gespenst…
    Es ist schon gigantisch, was zum Jahrestag an Büchern, Filmen und Artikeln zu sichten ist. Alle möglichen Disziplinen bemühen sich, nur Ökonomen, die sich mit dem Inhalt des Marxschen Hauptwerk beschäftigen, sind nicht zu vermerken.
    Da nimmt es nicht Wunder, daß ein Friseur das letzte Geheimnis von Marx aufdeckt. Jetzt wissen wir, warum Marx sich als Prophet gesehen haben mußte. Welches Potential ergibt sich da, wie oft wechselte Marx seine Unterhosen, welche Farbe hatten seine Socken, hatte er Mundgeruch? Vielleicht läßt sich damit auch noch die Schuld von Marx am 1. und 2. Weltkrieg belegen.
    In gleichen Fußstapfen der Marxverfälschung durch Lobung bewegt sich der Film „Karl Marx-Der deutsche Prophet“. Wieder alle möglichen Biographen, Historiker, Soziologen u.a., was wieder dazu führt, daß Marx mit Marxismus gleichgesetzt werden kann, die illusionäre Marx-Vision einer anderen Gesellschaft, die durch den Marxismus versucht worden sei und sich dem potenten Kapitalismus als unterlegen erwies, womit auch Marx widerlegt wäre.
    „Denn die Marxsche Theorie“, so stellt Bayertz fest, „war von Beginn an mit einem revolutionären politischen Programm verknüpft, das die Rezipienten vor die Alternative stellte, dafür oder dagegen zu sein. Den Interpreten blieb unter diesen Bedingungen meist nur die Aufgabe, entweder die Wahrheit oder die Falschheit der Theorie zu beweisen; was sie genau besagte, wurde zu einer Nebenfrage.“
    Diese These ist genauso sachfest wie die Auskünfte eines Friseurs. Sie kann nun schon gar nicht für sein Hauptwerk gelten. Es sagt einiges über Rezensenten, wenn sie Marxens Philosophie überall suchen, nur nicht dort.
    So geht Geburtstag feiern.

  12. Werner Richter sagt:

    Nochmals zur Sonderausgabe 200. Geburtstag
    Zu Karsten D. Voigt, Marx in Frankfurt…
    Fazit: Ich. Und ein bißchen Marx. Alles so intellektuell, zumindest kommt das Wort öfter vor und das eigene vermeintliche Niveau wird zum Maßstab erhoben.
    Dabei ist eine durchaus annehmbare Selbsteinordnung zu verzeichnen, „Auseinandersetzung“ mit Marx und wie der Text auch weiterhin belegt, von Beginn an konfrontativ ausgerichtet, also in einem bestimmten Sinne, mit einer festen Burg gegen Marx.
    Der Autor war da schon von Jugend an voll eingespannt, man könnte sogar sagen, konspirativ fürs Gute und gegen die Kommunisten, quasi Widerständler von außen. Ist nur zu hoffen, daß da noch Zeit blieb gegen Remilitarisierung, die Verfolgung von Antifaschisten, die Herrschaft der alten Nazi-Eliten und -strukturen und die Anknüpfung an alte Expansionsziele.
    „Ich habe durch die Lektüre von Marx-Schriften außerordentlich viel gelernt. Man kann auch
    heute noch viel durch das Studium seiner Schriften lernen. Karl Marx war ein hervorragender
    Philosoph. Aber er war kein Prophet. Für mich war er nie in dem Sinne ein Lehrmeister, als dass
    ich nicht von seinen Schriften und Vorstellungen hätte abweichen mögen.“ Nun, der Autor hatte ja schon seine Propheten und Lehrmeister, was soll da ein weiterer. Wer hat denn eigentlich Marx zum Propheten erklärt? Er war es nicht, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Er hatte gegen Prophetie und Lehrbücher richtige Aversionen. Wenn der Autor aber solche brauchte, bitte schön. Marx ist nochmal davon gekommen. Und Marx aus religiöser Sicht, das hat was. Stellt sich nur die Frage, ob man so Marx verstehen kann.
    Intellektuell ist dem Autor nur, wenn Pluralismus herrscht. Ist Pluralismus nicht da, kann man von seiner Auffassung abzuweichen, dann ist wieder Pluralismus und das Ganze intellektuell. Gute Formel für Revisionisten, falls man etwas zu revidieren hat. Am intellektuellsten ist, wenn man die größtmögliche Vielzahl von Meinungen zu einem Problem hat. Dann sucht man sich von überall her die vermeintlich süßesten Rosinen und die Intellektualität kennt keine Grenzen mehr.

    Zu Ulrich Busch, „Das Kapital“…
    Bravouröser Übergang von „Politischer Ökonomie“ zu „VWL“. Die Unterschiede verwischen, alles wird eins.
    Frage: Wie wurde aus VWL eine „unternehmensbezogene Lehre“ oder war sie es schon immer oder nie? Welche Rolle spielen die von Marx abweichenden gleichgeschalteten Termini Ware, Wert in der VWL im Gegensatz zum „Kapital“? Ist die vertikale Ordnung [Politische Ökonomie als Bestandteil der VWL(so auch in Wikipedia)] mit Marxscher Theorie kompatibel? Marx abstrahierte bekanntlich in den 1. Abschnitten von allen konkreten Erscheinungen der VW zu abstrakten ökonomisch-philosophischen Erkenntnissen. Ist damit, zumindest nach Marx, nicht die PÖ der VWL übergeordnet?
    „Ebenso wenig vermag ich die Position zu teilen, wonach die Lektüre des ersten Bandes des „Kapital“ ausreichen würde, um über Marx‘ ökonomische Theorie urteilen zu können.“
    Aber ohne den gesamten Bd. I, von Anfang an und in der richtigen Reihenfolge, geht es auch nicht. Man kann diesem Problem folgen oder als Schnee von gestern ansehen. Gilt einem ersteres, stehen gewichtige Angriffe auf bisherige Positionen z.B. durch Dieter Wolf im Raum, die unbedingt Reaktionen erfordern. Er stellt die marxistische Kapitalinterpretation von Grund auf in Frage und damit auch die ganze marxistische Theorie. Da kann man gespannt sein.
    „… mit dem „Kapital“ so etwas wie einen theoretischen Kompass zu besitzen,
    um die gesellschaftliche Entwicklung zutreffend zu deuten – auch wenn dieser Kompass bereits aus dem 19. Jahrhundert stammt und nicht alle neueren Phänomene mehr korrekt anzeigt.“
    Diese Phänomene des 19. Jahrhunderts sind heute nicht mehr so interessant, höchstens aus Historikersicht, aber seine ahistorische Analyse der allgemeinsten Zusammenhänge jeder Warenproduktion, die vom Konkreten abstrahiert.

  13. Werner Richter sagt:

    Nochmals zur Sonderausgabe 200. Geburtstag
    Ich habe bis heute gewartet, ob eine Diskussion aufkommt, nur ein Kommentar, aber durchaus erwartbar. Keiner soll klagen, jetzt kommt der schon wieder und auch noch so oft! Selber schuld.
    Auf jeden Fall feiere ich heute Abend Geburtstag. Meinen. Beim Griechen. Ob das politisch korrekt ist? Den Griechen auch noch das letzte Brot .. Gut, werde dann halt Trinkgeld geben. Und Marx wird auch erwähnt werden.

    Zu Michael Brie, Fragen …
    Was der Autor Marx vorwirft, ist m. E. in seiner Herangehensweise, die dem Marxismus eigen ist, begründet. D. h., die vorgeblichen Fehler von Marx sind im Grunde seine eigenen. Sinniger weise klammert er dabei Marxens ökonomisches Hauptwerk aus und urteilt von soziologisch-politischer Sicht her einige politische Aspekte, wobei die lebenslange Skepsis von Marx gegenüber politisch umstürzlerischen Bewegungen, die dann der aufkommende „Marxismus“ zu seiner dominierenden Doktrin mit den bekannten politischen und theoretischen Folgen machte, ignoriert wird. Das verdeckt den Widerspruch zwischen Marx und Marxismus. Es besteht jedoch die Frage, ob der Marxismus sich, wie auch hier und üblich, auf Marx beziehen dürfte. Würde der Autor vom „Kapital“ aus Marxens Theorie erklären, verböte sich die Unterstellung dieses angeblichen Fehlers von Marx. Die verwendeten Aussagen von Marx würden dann eine völlig andere Bedeutung erfahren. Das ist ein Problem, das sich weiter zu diskutieren lohnen dürfte.
    Das Manko des Autors ist m. E. darin zu finden, daß er weiterhin der allgemeinen linken bzw. marxistischen Grundauffassung anhängt, daß das Volk, meinetwegen auch die Arbeiterklasse, nicht in der Lage ist, ohne Anweisung, Anleitung, Kontrolle und Führung einer avantgardistischen Elite „seine“ bzw. „ihre“ historische Mission anzugehen. „Die Bauern seines Dorfes sind eben ein zu ungebildetes Volk.“ Hier muß noch eingeworfen werden, daß nicht der marxistische Klassenbegriff gemeint ist. Ein winziger Rest des Marxschen Begriffes von Klasse und Partei hat sich noch im marxistischen Liedgut erhalten, über den aber jedes Mal hinweg gesungen wird, aber den Unterschied aufdeckt: „In Stadt und Land ihr Arbeitsleute, wir sind die stärkste der Parteien…“
    Zum Schluß kriegt Marx noch heimlich einen Tritt mit. Die „Nebelwand“ des Marxismus wird ihm unter gejubelt. Was versteht der Autor dabei unter „Auch die sozialistischen Gegner von
    Marx, die er als „falsche Brüder“ bezeichnete, brauchen wir für den lebendigen Dialog. Nur dann
    kann die Linke ernsthaft hoffen, dazu beizutragen, radikal jene Verhältnisse zu überwinden, in de-
    nen die Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden.“? Meint er damit etwa auch die weitere Aufgabe von Theorie und grundsätzlicher Standpunkten, wie es bei „Der Linken“ z.Z. zu beobachten ist?

    Zu Max Klein, Route Royale
    „ Die Geschichte ist offen, und Eric Hobsbawm, im Gegensatz zu seiner Erwartung, wird nicht der letzte, große Marxist gewesen sein.“ Ich hoffe doch nicht, denn nochmal Millionen glühender Kommunisten, die einer Partei ohne selbstständiges Denken ordentlich und diszipliniert, wesentliches Kriterium der Mitgliedschaft, selbst bis zum Abgrund und dann noch einen festen Schritt weiter folgen, danach sich in die Gärten zurückziehen und Radieschen anbauen, möchte ich uns nicht zumuten.
    Es ist m. E. eine Verfälschung des Lebenswerkes von Hobsbawm, ihn mit in die allgemeine Kategorie der Marxisten zu stellen. Er war sein Leben lang nicht ein solcher Marxist, wurde von den meisten kommunistischen Parteien auch nicht als solcher anerkannt. Jetzt dies zu tun wäre absurd. Daß er sich selbst als weiterhin seiender Marxist bezeichnete, hat wohl nur einen politischen Grund, er wollte nicht zu den Leisetretern gehören. Er war quasi „Marxianer“ vom Scheitel bis zur Sohle, aber nie ein Marxist, wie Marx selbst.

  14. Holger Errath sagt:

    Eine anregende Sonderausgabe des Blättchens! Ganz und gar ja für unsereinen, der – offenbar anders als andere Leser – sich nicht anmaßt, über Rundum-Kenntnisse zu verfügen und vor allem um die “wahre” Interpretation Marxscher Verlautbarungen zu wissen und also offen ist für diesbezügliche Überlegungen. Noch mehr der vielzähligen Zitate von Marx hier aufzuführen, war sicher nicht nötig, eines jedoch finde ich vor allem mit Bezug auf die angeführte Engelssche Aussage, dass sich die beiden als Evolutionäre verstanden haben, noch erwähnens- und auch ergänzenswert:
    “Der Arbeiter muß eines Tages die politische Gewalt ergreifen, um die neue Organisation der Arbeit aufzubauen; er muß die alte Politik, die die alten Institutionen aufrechterhält, umstürzen, wenn er nicht, wie die alten Christen, die das vernachlässigt und verachtet haben, des Himmelreichs auf Erden verlustig gehen will.
    Aber wir haben nicht behauptet, daß die Wege, um zu diesem Ziel zu gelangen, überall dieselben seien.
    Wir wissen, daß man die Institutionen, die Sitten und die Traditionen der verschiedenen Länder berücksichtigen muß, und wir leugnen nicht, daß es Länder gibt, wie Amerika, England, und wenn mir eure Institutionen besser bekannt wären, würde ich vielleicht noch Holland hinzufügen, wo die Arbeiter auf friedlichem Wege zu ihrem Ziel gelangen können. Wenn das wahr ist, müssen wir auch anerkennen, daß in den meisten Ländern des Kontinents der Hebel unserer Revolutionen die Gewalt sein muß; die Gewalt ist es, an die man eines Tages appellieren muß, um die Herrschaft der Arbeit zu errichten…” Karl Marx, Rede über den Haager Kongreß, aus „La Liberté“ Nr. 37 vom 15. September 1872
    Holger Errath

    • Kai Rufen sagt:

      In der Tat ein bereicherndes Zitat. Wobei mich dessen innere Logik irritiert. Denn wenn man also anerkennt, dass „Arbeiter auf friedlichem Wege zu ihrem Ziel gelangen können“, wieso folgt mit Bezug auf die Wahrheit dieser Aussage dann logisch („Wenn das wahr ist…“, dass es „in den meisten Ländern des Kontinenst“ nicht ohne Gewalt abgeht? War es seinerzeit so vollkommen undenkbar, dass die Entwicklung dieser gemeinten Länder, z. B. Deutschland, sich ähnlich gestaltet wie eben in Amerika, England oder – wie Marx nicht sicher ist – auch Holland? Hm…
      Kai Rufen

  15. Werner Richter sagt:

    Zur Sonderausgabe 02.18: Marxzitate
    Hatten wir schon, eine Broschüre mit Zitaten von Marx und Lenin zu verschiedenen Themen für etwas unterbelichtete Parteibürokraten.

  16. Werner Richter sagt:

    Zur Sonderausgabe 02.18
    So schöne Gedenkreden.
    Marxens Sockel wird neu poliert, die vorgeblichen Patinaflecken werden diskret abgedeckt. Marx war auch nicht Gott gleich. Seine Fehler kann man entschuldigen, war eine ganz alte Zeit, da thronte noch die Lokomofeilowitsch-Methode, gar nicht mit heute zu vergleichen.
    Heute, 1. Mai, „Tag der Arbeit“, an dem man zu Hause bleibt, halten sogar in McPomm zwei sozialdemokratische Ministerinnen Reden auf Kundgebungen, die SPD an der Spitze des „Kampftages“ und dazu noch weiblich, mehr geht wirklich nicht. Ist fast schon so was wie Sozialismus. Die Ministerinnen sind Ministerinnen, weil sie das Volkswohl streng im Blick haben, da sie über Wirtschaftsförderung in allen Belangen ‚über alles‘ (hoppla!) andere hinweg, mit staatlich, also steuergestützter Exportoffensive, die leider auch Opfer, Dumpinglohnverhältnisse, Schulden- und Armutexport (das klebt aber auch sowas von zusammen), sonst wird das nichts, fordert, und nochmals Wirtschaftsförderung irgendwie doch Marx realisieren. Trickle-down-mäßig. Da ist natürlich heute nicht mehr „Kampftag“ angesagt, „Tag der Arbeit“ stimmt auch nicht so richtig, sind ja alle zu Hause, aber „Tag des Kapitals“ würde stimmen, in jeder Hinsicht.
    Jetzt verstehe ich, was einen gedienten SPD-Pensionär veranlaßt, Marx doch noch auf die Feder zu nehmen, wo der doch eigentlich obsolet sein müßte. Einer muß sich ja regelmäßig vergewissern, ob die theoretische Grabplatte noch fest verankert ist, man weiß ja nie. Kenne ich von meinem alten Herrn, zu dessen Begräbnis nach dem von seinen Genossen bewußt herbei geführten zweiten Herzinfarkt die Kreisleitung eine Abordnung sandte. Ich befragte die zwei Leute, ob sie sich von seinem Tod überzeugt hätten, was diese bejahten. Gemäß des letzten Willens verwies ich sie alsdann der Veranstaltung mit der Bitte, entsprechend zu berichten. Jaja, Genosse, die Platte hält, und niemand kommt so richtig auf die Idee nochmal drunter zu schauen. Die Beiträge bestätigen dies sehr beruhigend. Wir sind ja, bei Lichte besehen, alle ein bißchen jeübte Sozialdemokraten, manch Vadda war aktiver Unteroffizier, da liegt ja die Disziplin in die Familie, nicht wahr, Tucho? Insofern is allet jut!
    Habe noch nicht alle Beiträge gelesen. In den ersten stachen mir die wohl temperierten Hinweise auf Marxens Fehler ins Auge. Kenne ich schon seit den unzähligen Kapitalseminaren, meist als Vorwurf, er habe zu Lasten der aktuellen Marxinterpreten viel zu wenig zur sozialistischen Gesellschaft nach seinem Gusto geschrieben, kein Rezeptbuch hinterlassen. Hinzu kommen regelmäßig diverse Vorwürfe, Falsches gesehen bzw. gesagt zu haben. Vielleicht konnte oder wollte Marx dazu nicht weiter in die Tiefe gehen, hatte er Gründe? Hängt diese Vorwurfspraxis eventuell auch damit zusammen, daß er sich strikt weigerte, in die Reihe der „Marxisten“ aufgenommen zu werden? Sah er damals schon eine verhängnisvolle Entwicklung in Theorie und Praxis entstehen? Die wenigen Theoreme zur sozialistischen Gesellschaft lassen es erahnen. Sind vielleicht die Hauptvorwürfe an Marx auch damit verbunden? Ist der „Marxismus“ vielleicht eine fundamentale Abweichung von der Marxschen Theorie und sind die Vorwürfe damit nicht Vorwürfe, die aus dessen falschem Verständnis gegen ihn erhoben werden, wirft man Marx etwas vor, was man von ihm nicht verstanden hat? So würde Marx für unsere Fehler gerade stehen müssen.
    An einigen Stellen der Theorie verhärtet sich diese Vermutung, z.B. am Wert. Dieses Mißverständnis hat Dieter Wolf seit geraumer Zeit benannt, zuletzt: https://www.degruyter.com/view/j/zksp.2017.4.issue-1-2/zksp-2017-0010/zksp-2017-0010.xml. Bisher herrscht Schweigen im Walde. Und zur eigentlich theoretischen Provokation mit der Ausgabe von Das Kapital 1.1-1.5 (https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081770.karl-marx-der-springpunkt.html) ist auch hier nichts zu hören. Kann ja noch kommen.
    Ich kann mir nicht helfen, irgend etwas ist faul unter der Oberfläche.

  17. Stephan Wohanka sagt:

    Eine gute Bekannte aus Bayern sagte stets, Markus Söder sei dumm. Ich glaubte ihr nicht. Jetzt bin ich ihrer Meinung. Ich frage mich nun, ob es dieser Mangel an Intelligenz und Einsicht war, der Söder bewog, bajuwarische Amtsstuben mit dem Kruzifix dekorieren zu lassen. Oder wollte ihn einer schlicht ins Messer laufen lassen? Wobei – auch dafür wäre Söders Dummheit eine gewisse Voraussetzung….

  18. Roswitha Clüver sagt:

    Vielen, vielen Dank für dieses wunderbare aufkärerische Kunstwerk. Ganz phantastisch !

  19. Jürgen Scherer sagt:

    Lieber Herr Wokanka!
    Den zeitlichen Abstand bezüglich unseres Disputes halte ich für nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass wir im Gespräch bleiben. Da geht es mir weiterhin um unsere differente Sicht auf die AfD. Denn, was ich bei Ihren Äußerungen zu dieser Partei immer wieder entnehme, ist die mehr oder weniger unverhohlene Ansicht, diese Partei sei zwar rechts zu verorten, aber nicht rechtsextrem. Genau dieser Ansicht widerspreche ich vehement. Zeigt sie sich doch immer wieder in eben rechtsextremer Kenntlichkeit. Jüngstes Beispiel ist die bekannt gewordene Anfrage an die Bundesregierung vom März 2018 bezüglich Behinderungen in Deutschland, deren Aufteilung auf Deutsche und Nichtdeutsche sowie deren möglicher Ursache im Rahmen von „Inzucht“. Eine Anfrage, die von Biedermann Gauland und Biederfrau Weidel für die Fraktion der AfD verantwortet wird und auf die die Sozialverbände unserer Republik eindeutig reagiert haben. Würden Sie eine solche Anfrage lediglich als ins „rechte Fahrwasser“ geratene charakterisieren oder nicht eher als Ausweis grundsätzlich rechtsextremer Haltung der AfD? Ihre Argumentation hinsichtlich der AfD läuft für mich darauf hinaus, dass diese Partei halt nun mal aus erklärbaren Ängsten entstanden ist und deshalb auch parlamentarisch agieren können soll(te). Dass sie das tut, ist Tatsache, bringt mich aber nicht dazu, ihr dieses Recht zuzugestehen. Man muss dem Biedermann gegenüber nicht zurückhaltend agieren, wenn man ihn als solchen entlarvt hat. Geschweige denn ihm zugestehen, er sei legitimiert, seine Brandsätze aus dem Parlament heraus, die AfD sagt wohl Reichstag, unters Volk zu werfen, um dieses von den eigentlichen Problemen in unserer Gesellschaft abzulenken, stattdessen Hass und Zwietracht zu säen! Obwohl mir klar ist, dass das „Kapital“ mit dieser Partei schon einiges erreicht hat und vermutlich noch erreichen wird, gehört sie m.E. auf den Index, will besagen auf die Beobachtungsagenda des „Verfassungsschutzes“, allein schon, um allen zu verdeutlichen, welche gesellschaftliche und Staatsgefährdung von ihr ausgeht. Stattdessen wird sie derzeit, nicht zuletzt von den Medien, hofiert und als für unsere Republik normale parteipolitische Erscheinung gehandelt. Das ist sie aber nicht in einem Land mit unserer historisch-politischen Vergangenheit!

  20. K. Plötz sagt:

    Schon nach dem hier wieder verlinkten Beitrag „Operettenarmee“ stellt sich mir erneut die Frage, was die – kompetent-realistische! – Negativbeurteilung der militärischen Einsatzfähigkeit der Bundeswehr, auch wenn sie von linker Seite kommt, eigentlich anders als die Folgerung zulässt, die Militärausgaben massiv hochzufahren, um den beklagten Zustand zu verändern. Denn das die gegenteilige Auflösung der Bundeswehr sicher wünschenswert, aber wohl bis auf weiteres keine realistische Option ist, sollte doch außer Frage stehen. Es wäre doch amüsant sich vorzustellen, dass Frau v. d. Leyen einen künftigen Antrag auf die massive Erhöhung des Wehretats auch damit begründet, dass selbst auf linker Seite der Zustand der Bundeswehr beklagt wird.

    • Sarcasticus sagt:

      Sehr geehrter Herr Plötz, im Hinblick auf meine Beiträge „Operettenarmee“ und „Bundeswehr, garantiert ungefaked“ möchte ich feststellen: Es gibt Fälle, in denen der Satiriker nicht mit dem Wundarzt identisch ist.
      Und was Frau von der Leyen anbetrifft, so erbringt diese ja bereits seit einiger Zeit den Beweis, dass die in den Beiträgen angesprochenen Probleme der Bundeswehr auch mit jährlich mehr Geld nicht zu lösen sind, das der Bundestag schon seit einiger Zeit leider anstandslos bewilligt. Ohne allerdings seinerseits jemals die Sinnfrage gestellt oder auch nur einen der bisherigen Auslandseinsätze der Truppe ernsthaft evaluiert zu haben …
      Und so wird es weitergehen, weil sich keine irgendwie wahrnehmbare mediale oder andere Öffentlichkeit für die entsprechenden Zusammenhänge überhaupt noch interessiert, geschweige denn dagegen protestiert.
      Angesichts dieser Gemengelage kann linke Kritik an den Zuständen der Bundeswehr, wenn Sie meine Beiträge denn so einstufen wollen, auch keinen Schaden, der den Namen wirklich verdiente, mehr anrichten.
      Wie nennt man ein derartig geschlossenes System eigentlich?
      Circulus vitiosus?

    • Sarcasticus sagt:

      Apropos Circulus vitiosus, Herr Plötz, zum Pleiten-Pech-und-Pannen-Laden der Bundeswehr-Uschi ließe sich aus aktuellem Anlass noch ergänzen, dass dort gerade eine Wunderwaffe zum Rohrkrepierer mutiert ist: Rüstungsstaatssekretärin Suder hat (entnervt?) die Brocken hingeschmissen und „sich ins Privatleben zurückgezogen“, wie die „Welt am Sonntag“ berichtete.
      Das Blatt resümierte: „Katrin Suder, bis dahin Direktorin der Unternehmensberatung McKinsey, sollte das Beschaffungswesen der deutschen Streitkräfte als Staatssekretärin reformieren -und der Chefin damit Skandale vom Hals halten. Sie brachte vieles auf den Weg, alles stand unter der Überschrift: mehr Betriebswirtschaft, weniger politische Kungelei. Mit dem McKinsey-Instrumentarium analysierte sie die Verfahren, sie produzierte PowerPoint-Vorlagen am Fließband, auf denen effizientere Strukturen und Anleitungen zu professionellem Vertragsmanagement skizziert waren. Eines aber hat Suder nie geliefert: den Nachweis, dass ihre Konzepte tatsächlich funktionieren. Drei Großprojekte hatte sie identifiziert, an denen sie exemplarisch durchexerzieren wollte, wie komplexe Beschaffungen künftig ausgehandelt werden sollen: das Kampfschiff MKS J80, das Raketenabwehrsystem „Meads“ und das neue europäische Drohnenprojekt. Keiner dieser Verträge ist bislang geschlossen. […] Gegner sitzen in der Industrie und in den Gewerkschaften. Sie sitzen in den Regierungsfraktionen im Bundestag, dort vor allem im Haushaltsausschuss, Der besitzt enorme Macht, weil er jeder Ausgabe jenseits von 25 Millionen Euro zustimmen muss. Ausdruck findet der Widerstand im Koalitionsvertrag. Suder wollte die 25-Millionen-Grenze erhöhen, um mehr Gestaltungsraum zu haben. Abgelehnt – die Parlamentarier wollen ihren Einfluss nicht beschneiden lassen.“

  21. Bernd Köhler sagt:

    Obwohl es aus Hajo Jaspers Text eigentlich hervorgeht, hätte ich mir doch den expliziten Hinweis darauf gewünscht, dass das, was wir derzeit erleben, eine neue Quialität besitzt, denn anders als bisher verzichtet man nunmehr sogar auf all die erlogene, aber doch benutzten „Beweise“, die zuvor selbst bei massenmörderischen Kriegenals „Fakten“ herhalten mussten.
    In die Aufzählung Jaspers gehört m.E. übrigens auch das Verhalten des Massenmörders Stalin und seiner Adlaten, der zumindest wenn es um Prominente ging, nicht die Mühen von erfolterten „Geständnissen“ noch „faire“ Gerichtsprozesse scheute, bevor er seine realen und/oder halluzinierten Gegner erschießen ließ.

    • Krysztof Daletski sagt:

      Dass im jetzigen Fall die Behauptungen nicht einmal ansatzweise plausibel sind, ist kein Zeichen von Lächerlichkeit, sondern eine Demonstration von Macht und Stärke: von Macht über die Massenmedien, die als willfährige Verstärker agieren, und von Stärke, die über allem Recht steht.
      Einige der von Hajo Jasper genannten Beispiele (und andere) sind hier übrigens in einem kurzen Lied zusammengetragen und mit Originalzitetn unterlegt: https://youtu.be/VVh1zgKSmKo. Vielleicht kann’s der eine oder andere als kurzes (unter 2 min) Lehrmaterial zum Thema „gerechter Krieg“ verwenden.

  22. Klaus-Dieter Grimmer sagt:

    Ein Kindermärchen ist es was Pinocchios Nase bei jeder Lüge beträchtlich wachsen lässt, der diesen kleinen Mann aus Pinienholz geschnitzt, sichtbar der Lüge überführt, letztlich sogar reumütig und einsichtig davon abbringt.
    Was im Märchen so einfach und logisch erscheint, zeigt in Kinderseelen Wirkung, ist aber im Leben der Erwachsenen ein bekannter und leider ständiger Begleiter. Heute treten diese von Menschen erdachten wahrheitsbeugenden Konstrukte als „Alternative Fakten“ oder „Fake News“ auf, und haben leider spätestens seit dem Wahlkampf von Herrn Trump an Kraft und Einfluß in der politischen Aussage gewonnen.
    Einen Blick in die mit Lügen übersäte Welt der Erwachsenen aus der Vergangenheit bis zur Gegenwart wagt Hajo Jasper in seinem Beitrag „Allüberall lange und spitze Nasen“ im „Blättchen Nr. 9“ zu dem ich ihm aufrichtig gratulieren möchte.
    Aber was Pinocchio zusammengelogen hat war im Vergleich zu heute peanuts um das Vokabular der Deutschen Bank zu nutzen, die heutigen Lügen können existenzgefährdenden Charakter tragen und das nicht nur für einzelne Menschen.
    Ganze Länder und die dort lebende Bevölkerung wurden auf der Grundlage von feisten Lügen – siehe o.g. Beitrag – in Jahre anhaltendes Unheil gestürzt, zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen, ja sogar massenhaft umgebracht und über Jahrzehnte geschaffene Infrastruktur vernichtet.
    Mit den Lügen traten aber auch immer wieder Claqueure auf den weltpolitischen Plan, die Verständnis heischend sich solidarisch mit den Lügnern erklärten und das teilweise wider besseren Wissens.
    So auch im aktuellen Fall, wie die Beifall klatschende Menge von Merkel bis Abe anschaulich beweist. Ein ungeprüfte lügenschwangere Behauptung steht dabei in einem besseren Licht da als die Besonnenheit im Umgang mit Öl in der Nähe eines lichterloh brennenden Feuers.
    Wir Menschen benötigen eine neue Gebrauchsanleitung für unseren Denkapparat.
    Diese weise Feststellung trifft übrigens nicht nur für den Gebrauch der Wahrheit zu, sondern auch für eine Vielzahl von Bereichen des menschlichen Seins.

  23. Achim Höger sagt:

    Zum Puppenspieler aus Mecklenbörg,
    sehr geehrter Herr Kaufmann, ich weiß nicht, welche Erfahrung Sie von einer „amusischen Oberschule ,John Brinkmann´ in Güstrow“ schreiben lässt. Da ich diese Schule, die übrigens nach dem mecklenburgischen Dichter John Brinckman benannt ist und sich ebenso schreibt, selbst besucht habe – freilich lange vor dem Helden Ihres Textes -, darf ich Ihnen versichern, das zu meiner Zeit dank Lehrern, deren Namen Ihnen nichts sagen werden, ein ausgesprochen musisches Klima herrschte. Der Chor der Schule gehörte beispielsweise zu den besten des Landes. Der Puppenspieler mag mit seiner Kunst zu seiner Zeit anderes erlebt haben, was zu bedauern ist. Doch vor Generalurteilen über „Provinznester“ sollte man sich hüten.

  24. Erhard Weinholz sagt:

    Betr.: Katyn!
    „Dabei wird in Rußland“, so Frank Preiß, „immer wieder darauf verwiesen, dass man über Katyn nicht sprechen könne, ohne den polnisch-sowjetischen Krieg von 1920 zu erwähnen … “ Mir scheint, dass diese Auffassung doch einer kurzen näheren Betrachtung wert gewesen wäre. Verbrechen sind in diesem Krieg, soweit ich informiert bin, von beiden Seiten begangen worden, und dass die Todesfälle in den polnischen Gefangenenlagern damals vor allem der schwierigen Wirtschaftslage Polens geschuldet waren, ist meines Erachtens plausibel. Wichtiger scheint mir aber etwas anderes zu sein: Wir sollten jedwede Vorstellung, man könne die Verbrechen der einen Seite durch die der anderen Seite entschuldigen oder rechtfertigen oder erklären, grundsätzlich zurückweisen. Der Schlüssel zum Verständnis der Morde von Katyn liegt nicht in den Zuständen in irgendwelchen polnischen Gefangenenlagern, sondern einzig und allein im Charakter der sowjetischen Staatsmacht in der Stalinära.

    • Jan Opal sagt:

      Danke Ihnen! Ein gleichermaßen wichtiger wie richtiger Einwurf.

  25. H.P. Blecha sagt:

    Die kompetenten Analyse von Wolfgang Schwarz zu globalen Friedens- resp. leider Rüstungsfragen lese ich mit großem Gewinn. So auch den Beitrag in der aktuellen Ausgabe. Eine der daraus zu entnehmenden Hoffnungen, die sich aus den neuen und überlegenen Raketen(abwehr)waffen Rußlands zu speisen scheint, vermag mir indes nicht einzuleuchten. Welche Seite der Protagonisten des alten wie des neuen Kalten Krieges sich waffentechnisch auch immer einen Vorsprung und damit geschaffen hatte, er wurde immer nur zum Motiv eines technologischen Gegensschlages, also der Schaffung wiederum neuer und wiederum überlegener Kreriegswaffen. Warum das diesmal anders sein sollte, will sich mir nicht erschließen. Dass Rußland hofft, dank seiner neuen waffentechnischen Stärke sich sogar eine Art „Friedensdividende“ erlauben zu können, um also Mittel aus dem bisherigen Rüstungsetat für zivile Zwecke nutzbar zu machen, will ich wiederum gern glauben. Denn bei allem, nun bereits jahrzehnteang begründetem, Respekt vor den technologischen Spitzenleistungen bei Rüstung in der Weltraumtechnik hat das Land, will es wirklich rundum eine Weltmacht werden, sozioökonomische Fortschritte bitter nötig. Denn auch heute bleibt festzustellen, wie ein Kommentator Rußland jüngst charakterisiert hat: eine als Staat verkleidete Tankstelle. Was meint, dass dieses Riesenland mit seinen enormen Kapazitäten noch heute seine Wirtschaft vornehmlich auf den Export von Rohstoff – Öl und Gas an der Spitze – gründet, eigentlich ein Parameter von Entwicklungsländern…
    Hans-Peter Blecha

  26. Jürgen Scherer sagt:

    Sehr geehrter Herr Wohanka!
    In der „Rechtsanalyse“ liegen wir ja gar nicht so weit auseinander. Allerdings trennt uns die Sicht auf die AfD diametral. Sie schreiben in Ihrer Erwiderung vom 16. April „…, so dass diese Partei immer Gefahr läuft, in extremes Fahrwasser zu geraten.“ Mit dieser Bemerkung ordnen sie diese Partei ins „normale politische Spektrum“ unserer Republik ein und verharmlosen ihre tatsächlich, zumindest was die innen- und gesellschaftlichpolitische Sichtweise angeht, rechtsextremen Ansichten – da ist Fahrwasser vorhanden! Nehmen Sie doch nur einmal Vorschläge wie die Einrichtung von Heimatschutztruppen oder die Forderung des Waffenerwerbs für Jedermann oder die ernst gemeinte Diskussion um den Begriff „Volksgemeinschaft“ oder allein die Tatsache, dass es, wenn auch von Herrn Romeike verharmlosend dargestellt, 27 nachweislich rechtsextreme Zuarbeiter für AfD-Bundestagsabgeordnete gibt, auch im Umfeld des Biedermanns Gauland. Zuarbeiter, die ihre Kanäle ins rechtsextreme Lager nicht an der Garderobentür des Bundestags, pardon Reichstags, abgeben. In einer Zeit, in der rechtsextremes Gedankengut gepflegt und unter die Bevölkerung gebracht wird, halte ich da den Verweis auf „Jugendsünden“, wie Herr Gauland dies tut, für reinen Populismus, dem man nicht auf den Leim gehen sollte. Die AfD eine normale Partei mit Fahrwassergefährdungen ins Rechtsextreme? Sicher nicht!
    Ihrem Vergleich im Hinblick auf die Weimarer Republik, vermag ich nicht zu folgen. Denn die damalige KP lässt sich m.E. nicht mit der heutigen Linken vergleichen. War jene doch, wie Rosenberg gut nachvollziehbar dargestellt hat, letztlich am Gängelband der Sowjetunion gefangen. Dass die Extreme von Rechts und Links Weimar den Todesstoß versetzt haben sollen, ist eine gut gepflegte Legende unserer heutigen Zeit, die gerne angeführt wird, um unsere derzeitige Republik zu „schützen“. Aber eigentlich dient diese Aussage hauptsächlich dazu, vor der „Gefahr von links“ zu warnen, die Linke zu stigmatisieren, um so der Rechten Spielraum zu lassen. Eigentlich versperrt die „Extremismustheorie“, falls dieser Begriff überhaupt angebracht ist, den Blick für die Realitäten; das soll sie auch. Denn die eigentliche Gefahr für unser Gemeinwesen geht m.E. von rechts aus, nicht von links. Was nicht heißen soll, dass linke Ver(w)irrungen nicht benannt und diskutiert werden müssen. Aber bitte nicht im Sinne der Extremismusfalle.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Scherer,
      ja, ich sehe es auch so, dass wir in der „Rechtsanalyse“ nicht weit auseinander liegen. Desgleichen meine ich, dass auch in Sachen AfD die Kluft in der Betrachtung nicht „diametral“ ist, wie Sie sagen. Was Sie aufführen an gesellschaftspolitischen Vorstellungen, die in und um die AfD gehegt werden, ist mir bekannt und dass diese Partei heute schon rechts ist, ist ebenso keine Frage. Ich sehe lediglich, dass sie als politischer Organismus, als Partei ins – wie ich schrieb – „Extreme“, das meint Rechtsextreme, ja Faschistoide abrutschen kann; es ist noch Platz, „Fahrwasser“ nach rechts. Aber diese gewisse – ja was? – Nuancierung zwischen unseren Ansichten ist auch nicht entscheidend… Auch die Bewertung der Rolle der Linken einst ist wenn nicht Schnee von gestern so doch – wie Sie andeuten – für heutige Überlegungen ziemlich bedeutungslos.
      Entscheidend ist vielmehr, was der AfD und anderen rechtspopulistischen Bewegungen zugrunde liegt; anders – was ist die gesellschaftliche Substanz, die soziale Essenz, die diese Phänomene entstehen lassen? Ich habe das in einigen Blättchen-Beiträgen schon versucht herauszuarbeiten, aber offenbar unzulänglich, da quasi ohne Echo. Es ist Angst. Angst vor Veränderungen, vor Neuem, oft noch Unsichtbaren; es liegt „was in Luft“, was phänomenologisch oft noch nicht zu greifen ist.
      Meine Frau arbeitete in der Gen-Technologie. Eine beständiger Disput unter uns war die Frage, was diese Technologie darf. Ich war immer gegen sie der Überzeugung, dass das, was machbar ist, auch gemacht wird; wenn nicht hier, dann woanders – was heißt, dass sich gegen „Neues“ ideell zu stellen zwar ethisch durch begrüßenswert sein kann und sogar ist, aber nutzlos.
      Desgleichen „entkommt“ man dem „Neuen“ auch nicht, indem man es grundsätzlich verweigert, indem man das „Begreifende“ gegen das „Betörende“, das Rationale, den Verstand gegen das Gefühl eintauscht, sich aufs Alte zurückzieht, nur auf die Tradition setzt „das war schon immer so“. Man lese den Beitrag zu Zygmunt Bauman nach.
      Noch eine lehrreiche Reminiszenz: In der SED war ein Topos „Genossen, wo sind wir durch“ – was meinte, welches Problem erledigt sei. Wie die Geschichte zeigt, war kein Problem erledigt; Ausgang bekannt. Alles, was Gesellschaften ausmacht, entzieht sich dem Schema Problem – Lösung.
      Unschwer entschlüsselt sich das „Neue“ als Globalisierung, Digitalisierung, als gewaltiger kultureller Umbruch, das „Alte“ als Festhalten am tradierten Nationalstaat, als Anti-Europa-Haltung, als partielle Abkehr von der Welt (nur nicht als Touristen, da sind die Deutschen nach wie vor in der Spitzengruppe) und Ärgeres, dann wird klar, worum es geht. Dann wird ebenso klar, dass die Angst sich an Äußerlichkeiten festmacht, über die das „Neue“ (und auch „Alte“) gegenwärtig vor allem aufscheint – über Flüchtlinge, den Islam, die Grenzen, den Kontrollverlust usw. Natürlich liegt hier einiges oder gar vieles im Argen, jedoch wird uns weder die „Lösung“ des Flüchtlings-“Problems“, noch das der Grenzen usw. usf. den eigentlichen Herausforderungen auch nur einen Deut näherbringen, nämlich das Neue (siehe oben) g e s t a l t e n zu müssen und nicht nur aus welchen Gründen auch immer abzulehnen. Auch pures Hinnehmen oder Mitmachen ist zu wenig, dann setzen ausschließlich andere die Normen und Standards. Nochmal: Wir müssen uns in die Lage versetzen, das Neue zu gestalten und uns nicht von anderen deren Logiken aufzwingen zu lassen. Ich denke, dieses Land hätte im europäischen Verbund die Menschen, die Ressourcen dafür…
      … wenn die Regierung diese Aufgabe auch wirklich annähme und ihre entsprechende Politik erläuterte nicht nur dann und wann (namentlich zu Wahlen) Stichworte z. B. „den digitalen Wandel meistern“ von sich gäbe. Dieses Vakuum nutzen andere aus, womit wir wieder am Anfang wären.

      PS: Durch Persönliches komme ich nicht so zum Schreiben, wie ich möchte, deshalb die relativ langen Pausen zwischen dem Erscheinen Ihrer Texte und der meinigen.

  27. Werner Richter sagt:

    Zu U. Busch Sparen… 08-2018
    „…Karl Marx, [u.a.] zeigten, dass individuelle Laster wie Luxus und Verschwendung in der Tat volkswirtschaftlich und gesellschaftlich von Vorteil sein können, indem sie die Nachfrage stimulieren, die Produktion ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen und so weiter. Ein Gemeinwesen, das es verstehe, sich dies zu Nutze zu machen, prosperiere folglich und sein Wohlstand wachse.“
    Ehrlich, ich war zunächst irritiert, wollte dann warten, ob hierzu Reaktionen erfolgten. Nichts war. Ich vermute, der Autor hat sich den Satz selbst nicht richtig überlegt, will ihm nichts unterstellen. Doch gesagt werden muß dazu schon etwas. Aus dem Luxus von weniger als 0,01 % der Bevölkerung, des vermögenden Adels, über lange Jahrhunderte tatsächlich der Hauptantrieb der produktiven Warenentwicklung, während und auch weswegen 99,99 % täglich gegen ihr Verhungern ankämpften, einen Segen für die Gesellschaft zu machen, wäre schon ein Stück aus dem Tollhaus. Dies auch noch Marx zuzuordnen läge direkt daneben. Es wäre völlig unzulässig, aus der abstrakten rein ökonomischen Analyse von Marx, der alle sozialen und politischen Zusammenhänge bewußt nicht berücksichtigt, eine positive Rolle für die Gesellschaft abzuleiten. Dieser Zusammenhang ist bei Marx nach meiner Kenntnis gerade nicht gegeben. Wenn dem so wäre, könnte man auf die verrücktesten Ideen kommen, z. B. „Hoch lebe der Luxus, der Ursprung unseres zukünftigen Wohlstandes!“, eine neue Mailosung gäbe das ab.
    „Dieser Spruch ist genauso unsinnig, wie der von der Köchin, die ohne weiteres einen Staat lenken könne, wenn man sie nur ließe.“
    Da müssen die alten Griechen völlig daneben gelegen haben, einfach ihre Politiker per Los zu bestimmen, das geht doch nicht. Und es wäre auch unsinnig, Demokratie an sich so zu verstehen, wie der Begriff es beinhaltet. Demokratie schön und gut, aber dazu bedarf es kluger Köpfe, die dem Volk vorschreiben, was es darf und zu tun hat. Das ist der alte Traum aller Nichtdemokraten, die dem Volk rein gar nichts zutrauen bzw. es von Hause aus für blöd halten. „Der Mensch, der ist gut, nur die Leute sind schlecht“?
    „Vermögende Privatpersonen aber, die heute überproportional viel Geld zurücklegen, sollten künftig weniger sparen
    oder sogar entsparen. Dies gebietet einfach die ökonomische Vernunft.“
    Darauf kann man nur kommen, wenn man davon ausgeht, daß der Kapitalismus steuerbar mittels ökonomischer Vernunft, am besten durch den Staat, wäre und nicht von inneren Widersprüchen, die zu logisch autonomen wie autarken Entwicklungen führen müssen, ohne Rücksicht auf Verluste vorbestimmt sein würde.
    Marx war ganz bestimmt nicht der erste Sparkassendirektor.

  28. Jürgen Scherer sagt:

    Um Missverständnissen entgegenzuwirken, sei vermerkt, dass der mit XXxx benannte Beitrag von mir ist; die Xerei passierte versehentlich bei Nutzung eines für mich neuen Gerätes. Sorry!

  29. H. Jakubowski sagt:

    Die Debatte, die Romeike und per Replik Wohanka angestoßen haben, finde ich gut, weil wichtig. Und eine Debatte kann natürlich nur etweas genannt werden, was über die Bestätigung und Akklamierung des jeweils anderen hinausgeht, den angebotenen Überlegungen also eigene,erweiternde ggf. auch abweichend andere hinzuzufügen, erkennbar mit der Bereitschaft verbundenen, auch die zu durchdenken und eventuelle sogar die eigene Position präzisieren oder revidieren.
    Es ist halt nur ein Jammer, wenn Forum-Einträger ihre selbstsichere Position dadurch für mitteilenswert halten, als munter Etikettten aufkleben und den Anbieter mißliebiger Gedanken erst mal zu verunglimpfen – warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht. Wenn gerade in linken öffentlichen Diskursen alles andere als selten ist das, gelinde gesagt, schade. Oder doch prototypisch?
    „Mit Hin­ga­be führt Deutsch­land Sym­bol­de­bat­ten, die haupt­säch­lich dazu die­nen, sich ei­nem La­ger zu­zu­ord­nen“, habe ich gerade in einem – anderer Thematik gewidmeten – Spiegel-Beitrag gelesen. D´accord.
    H. Jakubowski

  30. Xxx sagt:

    Werter Herr Wohanka!
    Der abschliessende Absatz zu den Anmerkungen zu Romeikes Artikel hat ja nahezu populistischen Charakter. Einfach festzustellen, es gäbe Berührungspunkte bei den extrem Rechten und Linken, ist wenig aufschlussreich. Wenn Rechte die von Ihnen inkriminierten Bereiche ablehnen, geht es bekanntermaßen um puren Nationalismus, um ein Zurück in die nationalstaatliche Steinzeit. Tun dies Linke, steht bei vielen Aspekten der nicht hinnehmbaäre Abbau von Sozialstandards im Vordergrund nicht der Antinationalismus. Und in Bezug auf die Nato geht es Linken um die Loslösung von der Abhängigkeit der USA(siehe die jüngsten Ereignisse) UND eine andere Friefenspolitik, den Rechten um die mangelnde militärische Größe Deutschlands. Hier ist Differenzierung angesagt, nicht Einheitsbrei – finden Sie nicht auch?

    • Stephan Wohanka sagt:

      Sehr geehrter Herr Scherer,
      doch finde ich.
      Nehme ich Ihre Worte, so geht es der Rechten um „puren Nationalismus, um ein Zurück in die nationalstaatliche Steinzeit“; ich sprach (laut der verwendeten Zitate) vom „eigene Raum“. Darüber meinte ich, dass durchaus eine Strategie zur Ablösung, mindestens zu Aufweichung des demokratischen Systems zu erkennen sei, wenn eine „Elitenstiftung“ und ein nachfolgender „Elitenwechsel“ postuliert wird, wenn von „örtlichen oder auch deutschlandweiten Widerstandsbemühungen“, einer „Struktur einer wirkmächtigen Gegenbewegung“ und einer „Konter-Revolution“ die Rede ist; zwar gegen die „Auflösung unseres Staates“, aber das wäre dann ein anderer. Wie ich es sehe, geht also von extrem rechts eine faktische Demokratiegefährdung aus. Und bei der AfD – um es parteipolitisch zu sagen – findet meines Erachtens keine oder eine nur ambivalente Abgrenzung von rechts statt, so dass diese Partei immer Gefahr läuft, in extremes Fahrwasser zu geraten.
      Mein „Blog-Blick“ nach links, zur Antikapitalistischen Linken gipfelte in der ironischen Feststellung: „Hochgefährlich für den Fortbestand der Bundesrepublik!“ Nehme ich Ihre Aussagen zu links noch hinzu – den „nicht hinnehmbaren Abbau von Sozialstandards“ – bestätigt das meine Sicht; es wäre sogar ein systemstabilisierendes Moment, wenn dieser Abbau gestoppt oder sich gar ins Gegenteil verkehren ließe. Auch die von Ihnen aufgeführten anderen Merkmale linker Denkungsart – „in Bezug auf die Nato geht es Linken um die Loslösung von der Abhängigkeit der USA … UND eine andere Friedenspolitik“ – sind nicht geeignet, den Bestand der Bundesrepublik grundsätzlich infrage zu stellen. Insofern ist insgesamt – um wieder mit Ihnen zu sprechen – „hier ist Differenzierung angesagt, nicht Einheitsbrei“. Wie gesagt – völlig einverstanden.
      Nun zu Ihrem Populismusvorwurf: Sie negieren bezüglich der Linken einen „Antinationalismus“. Da bin ich mir eben nicht so sicher. Auf dem Europakongress der Linken in Berlin 2016 wurde auf dem Hintergrund der Jugendarbeitslosigkeit im Süden der Nationalstaat als „Lösung“ ins Spiel gebracht. Es gab auch den Vorschlag, die EU-Verträge zu kündigen und sich mit den Visegrád-Staaten (!) zusammenzutun. Obwohl anders motiviert, läuft es eben auch auf eine deutliche Europaskepsis und eben „Nationalismus“ hinaus. Anders als in Italien oder Frankreich, wo ein Linker auch Nationalist sein kann, ist links hierzulande ohne Internationalismus nicht denkbar. In Worten von Wagenknecht und Lafontaine sehe ich dies nicht immer…
      Und schon in der Weimarer Republik gab es Schnittmengen zwischen links und rechts, im Sozialen wie im Nationalen. Die Nazis warben erfolgreich um Kleinbürger und Arbeiter, indem sie Abstiegsängste schürten und Teile der Kommunisten setzen ihrerseits auf den „Nationalbolschewismus“ – einen völkerübergreifenden Klassenkampf als national zu führenden „Volkskampf“. Gerichtet gegen das Kapital, das intellektuelle Bürgertum, versteckt auch gegen Juden. Und gegen das verweichlichte, westliche, mithin als fremd empfundene Weimar. Bei weiteren innenpolitischen Zuspitzungen hierzulande kann eine derartige Verschiebung bzw. Übergänge zwischen den politischen Antipoden auch wieder stattfinden.

  31. Klaus-Dieter Grimmer sagt:

    Gut das es in diesem Forum wenigstens einen Teilnehmer gibt – siehe heutige Mitteilung 8:22 – der mit einem Spiegelzitat den ganzen Irrsinn dieses Heute auf den Punkt bringt. Die Weltöffentlichkeit war gestern Zeuge, daß Kriegserklärungen neuerdings via Twitter verschickt werden. Was sagen denn die sonst wortgewaltigen Erbsenzähler diese Forums zu dieser Entwicklung?
    „Aber die Welt muss lernen, mit einem Mann umzugehen, der ganz offenkundig nicht weiß, was er tut.“
    Offen gesagt, mir fehlt die Fantasie an diesem Lernprozeß teilnehmen zu wollen.
    Erst vor kurzem hat unsere alte/neue Bundeskanzlerin geschworen „Schaden vom Deutschen Volke abzuwenden“, des gestriges Gestammel von ihr zum Thema hatte mit dieser Verantwortung nicht einmal entfernt etwas damit zu tun.
    Wenn auch die Mächtigen ohnmächtig sind, können die Nichtmächtigen nur noch verzweifelt Schreien. Die Vergangenheit hat aber schon oft gezeigt, daß keiner hinhört!

  32. Rudolph Caracciola sagt:

    DER SPIEGEL in seinem heutigen Morning Briefing:

    „Liebe Leserin, lieber Leser,
    auf der nach oben offenen Skala des Irrsinns erklimmt Donald Trump derzeit stündlich eine neue Stufe. Was soll man für verrückter halten? Dass Trump einen Raketenangriff auf Syrien per Twitter ankündigt? Dass der amerikanische Präsident so tut, als sei das Ziel der Attacke nicht das syrische Regime, sondern Russland („Get ready, russia“). Oder dass er die Ermittlungen des Sonderermittlers Robert Mueller zum Grund dafür erklärt, warum die Beziehungen zwischen Washington und Moskau auf dem Tiefpunkt seien?
    Es wäre schön, man könnte Trumps Tweets dahin verweisen, wo sie hingehören: ins Reich des Wahnsinns. Aber die Welt muss lernen, mit einem Mann umzugehen, der ganz offenkundig nicht weiß, was er tut. Vor zwölf Jahren hat der SPIEGEL einen Titel mit der Zeile „Der Irre mit der Bombe“ gedruckt. Damals ging es um den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il. Heute passt der Satz auf den mächtigsten Mann der Welt.“

  33. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Bemerkungen; Propagandamüll in der Tagesschau
    Das was Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer von sich geben, ist keinen Deut ehrlicher, sachbezogener und hilfreicher als das, was die Tagesschau in Sachen Nato und Stoltenberg zitiert hat.

    • Werner Richter sagt:

      Er kann es nicht lassen. Wenn sich die Gelegenheit bietet, tritt er, wenn keiner hinschaut, ziemlich oft jemandem, der ihm nicht paßt, ans Schienbein und tut so, als wäre nichts gewesen. Man könnte dahinter eine ganz bestimmte Taktik vermuten, nicht offen, aber doch gegen Unbequeme, mögen diese vielleicht auch mal übertreiben, anzugehen und auf Toleranz, die ja dann Bestätigung sein könnte, zu hoffen. Aber mir sind Leute wie Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer um Längen lieber als Tagesschau, Nato und Stoltenberg, letztere eigentlich gar nicht, und ich vermute, der Mehrheit hier geht es ebenso.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Herr Richter, ich habe ehrlich gelacht …. wenigstens einer schaut hin!

    • Manne Murmelauge sagt:

      Schön, Herr Wohanka, wie Sie wieder mal die Position der deutschen Regierung ins Blättchen einfädeln! Jeder bringt sich selbst zur Kenntlichkeit.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Manne,
      Ihnen sag ich im Vertrauen – ich steh auf der Gehaltsliste der Bundesregierung. Aber nicht weitersagen, versprochen?

    • Stephan Wohanka sagt:

      Zu Werner Richter und Manne Murmelauge: Ja – ich „bringe mich selbst zur Kenntlichkeit“. Nicht anonym. Und dass ich „es nicht lassen“ könne – ja was denn zu lassen? Meine Meinung hier zu sagen? Und wenn sich das hier Vorgebrachte nicht mit Ihrer Auffassung verträgt, bringt mir das zumindest erst einmal nicht sachliche Kritik daran ein, sondern – verzeihen Sie – Gewäsch: „… tritt er, wenn keiner hinschaut, ziemlich oft jemandem, der ihm nicht paßt, ans Schienbein und tut so, als wäre nichts gewesen. Man könnte dahinter eine ganz bestimmte Taktik vermuten, nicht offen ….“. Wieso „nicht offen“? Und welche „bestimmte Taktik“? Oder aber, dass ich „ Position der deutschen Regierung“ verträte. Ich scheue mich nicht, Regierungspositionen zu vertreten – wenn ich meine, sie vertreten zu können. Was ich von jeweiliger Regierungspolitik halte, ist in einigen Blättchen-Beiträgen nachzulesen. Wie jedoch dieser in Rede stehende Vorwurf zustande kommt, ist mir nicht nachvollziehbar – es sei denn, man (oder besser: Manne) sieht in den Meldungen der Tagesschau einen „Staatsfunk“ am Werk. Ich bin nicht dieser Meinung.
      Weiter: Ich gehe nicht gegen „Unbequeme“ an; ich kannte die Herren Bräutigam und Klinkhammer gar nicht (erst später googelte ich sie und sah mir Teile eines Gespräches an, das Ken Jebsen (!) mit ihnen führte). „… mögen diese (Bräutigam und Klinkhammer – St. W.) vielleicht auch mal übertreiben… „ ist wohl eher eine starke Untertreibung, wenn beide beispielsweise Geschichte klitternd schreiben: „… noch ist die friedliche vom Willen der Bevölkerung getragene Krimsezession völkerrechtswidrig oder für die NATO friedensgefährdend“. Sachliche Fhler gibt es auch….
      Seit meine frühen Jugend hat sich mir der Begriff „outstanding“ eingeprägt; und ich kann nicht umhin, beiden Ex-TV-Profis ein outstanding Berufsverständnis zuzubilligen: „´ARD-aktuell übernimmt nun diese dreisten und abwegigen, die Fakten verdrehenden Äußerungen Stoltenbergs, ohne auch nur den Hauch einer Versachlichung zu versuchen und Richtigstellung zu vermitteln. Die Redaktion lässt nicht die geringste Distanz zu dem Stoltenberg-Quatsch erkennen und verleiht ihm damit den Rang von Faktischen´.Damit bestätige die Tagesschau erneut, dass sie keine Nachrichtenredaktion des öffentlichen Rundfunks sei, sondern eine Ausgliederung der NATO-Pressestelle“. Wie gesagt – schon outstanding: Was da gefordert wird, ist die Vermengung von Berichterstattung und Meinung. Eine Nachrichtensendung soll berichten, nicht werten. Das machen andere Formate. Es wird doch aus dieser Ecke permanent beklagt, dass Fakten und Meinungen unzulässig verquickt werden. Wenn Stoltenberg zu Wort kommt, ist er so wiederzugeben, wie er sich eingelassen hat – und das hat dann „den Rang von Faktischen“ oder man lässt seine Worte weg. Das sollten eigentlich Fernsehleute wissen…. Eben – ab und an „übertreiben“ sie eben ein wenig wie hier mit „NATO-Pressestelle“. Deshalb hat man „Leute wie Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer um Längen lieber als Tagesschau…“.
      Ein Letztes: Ich „hoffe“ nicht „auf Toleranz“, die „Bestätigung sein könnte“ – ich hoffe auf sachlichen Disput, wobei mir durchaus bewusst ist, dass ich irren kann, mal auf dem falschen Bein Hurra schreie.

    • Werner Richter sagt:

      Naja, Herr Wohanka, ein jeder qualifiziert sich bekanntlich selbst am besten. So kann man durchaus an der bundesdeutschen Politik Gefallen finden, ich jedoch müßte lange suchen, lasse es lieber, da kaum Erfolgsaussicht. Merkel will nicht in den Krieg ziehen, bravo? Trotz erklärten Zieles, Assad muß weg, und Unterstützung der Nato-Linie? Da gibt es wohl nur taktische Differenzen. Wollte sie damals nicht auch in den Irak-Krieg? Bräutigam und Klinkhammer bei KenFM, huh, direkt beim Teufel! Wenn das nicht ausreichende Disqualifikation ist. Da braucht es nur den Vorwurf der Vermischung von Faktenangaben, z.B. aus der Medienbeschwerde, mit der Meinungsäußerung bei Ken Jebsen ((!), sagt ja alles) selbst anzuwenden und Letzteres als Ersteres anzukreiden, schwupps, schon hat man disqualifiziert. Haltet den Dieb? Also, ich kenne KenFM nicht vollständig, fand aber dort eine erhebliche Anzahl von sehr guten Beiträgen. Hat man den Teufel erstmal so eindeutig farbig markiert, kann man ein ceterum censeo, die völkerrechtswidrige Krim-Annexion, einschieben, günstige Gelegenheit und so völlig offen, aber mit zweitem Blick zu erkennen.
      Die Frage nach dem Status fast aller Nachrichtenmittler ist durchaus berechtigt angesichts der „gerichteten“ Nachrichtensortierung der letzten Monate. Nicht nur Bräutigam und Klinkhammer fragen sich, ob die Redaktionen schon kriegsdienstverpflichtet wurden. Herr Wohanka, Sie muten uns doch nicht ernsthaft zu, Ihnen das unwidersprochen abzunehmen, Tagesschau etc. wären exakte Nachrichtengeber, weil diese die Form wahren. Als ob Auswahl, Reihenfolge, „Kronzeugen“auswahl, unkritische Weitergabe von Meinungen als Nachricht (eine Ihrer Forderungen) und Wortbausteine keinen Einfluß auf den Inhalt der Nachrichten hätten, ich bitte Sie.
      Sachlichen Disput auf diese Ihre Argumente kann ich Ihnen leider nicht gewähren.

  34. Stephan Wohanka sagt:

    Zu Berhard Romeikes Text:
    Auch ich habe den Eindruck, dass die „politwissenschaftliche Erklärung“ an einem Mangel leidet: Sie stellt eine simple Äquidistanz zwischen links und rechts her; da gibt’s extreme „Ränder“ und dort auch. Beide brennen Autos an (die einen drüber hinaus auch menschliche Behausungen).
    Geht es bei derartigen Analysen letztlich nicht um inhaltliche Fragen, politische Einstellungen, Haltungen?
    Lese ich bei der Rechten – und ich denken, das darf ich, wenn es um die AfD geht – nach, geht es deftig zur Sache: „Der Kampf um die Vorherrschaft im eigenen Raum ist ein Kampf, keine Diskussion. Wenn eine Seite die Kraft für die Auseinandersetzung nicht aufbringt, verschwindet sie einfach. Oder mit anderen Worten: Wenn wir Deutsche zu zivilisiert für die Notwendigkeiten des Vorbürgerkriegs bleiben, ist die Auseinandersetzung bereits entschieden: ‚Nur Barbaren können sich verteidigen‘, sagt Nietzsche“ und sagt Götz Kubitschek, bekanntlich Vordenker rechts-konservativer Denkungsart und Gründer des Instituts für Staatspolitik (IfS). Zentrales Anliegen des IfS ist „wissenschaftliche Arbeit“, um „eine historische Minorität wenn nicht zu repräsentieren, dann zu stiften“. Denn Geschichte werde letztlich von Eliten gemacht, da nur diese über „Einsicht, wirkliche Einsicht“ verfügten und nur diese „die tatsächlichen Zusammenhänge begreifen“. Das gilt auch für Gegeneliten, die einen Elitenwechsel anstreben: „Es müssen sich, um eine Formel Enzensbergers zu benutzen, ‚historische Minoritäten‘ bilden, die notfalls gegen erdrückende Mehrheiten ihre Position behaupten und [,] wenn der Fall eintritt, handlungsbereit sind“. Dies in politische Praxis umgesetzt, eröffnete Möglichkeiten politischer Einflussnahme, die erschaudern lassen. Wenn dann noch Bemühungen hinzukommen, die „örtlichen oder auch deutschlandweiten Widerstandsbemühungen miteinander [zu] vernetzen und […] die Struktur einer wirkmächtigen Gegenbewegung“ gegen die „Auflösung unseres Staates“ zu schaffen erinnert das an finsterste Zeiten hierzulande – noch nicht die „Machtübernahme“, aber doch die Straßen- und Saalschlachten der Weimarer Republik. Da passt ins Bild, dass an anderer Stelle eine „not wendende Konter-Revolution“ gefordert wird. Nochmals: Die ideelle Nähe der AfD zu rechten Denkern dieser Denkungsart ist wohl gegeben….
    Schaue ich mich bei Links, auch extrem, um, finde ich Folgendes: „Wir zeigen, dass es gemeinsame Interessen der Mehrheit der Menschen in diesem Land gibt. Und gemeinsame Gegner: die Superreichen und Konzerneigentümer und ihre machtvollen Verbündeten. 100 Jahre nach der deutschen Revolution, 200 Jahre nach Marx’ Geburt erinnern wir daran: Gesellschaft wird von unten verändert. Von den vielen Menschen, die sich mit den Gegebenheiten nicht mehr abfinden und ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Wir gehören zu ihnen, wir sind Teil von ihnen“. Und: „Eine Einwanderungs- und Integrationspolitik, die Rechte danach vergibt, ob Menschen den richtigen Pass haben oder als ´nützlich´ für Unternehmen gelten, lehnen wir ab. Stattdessen wollen wir eine solidarische Einwanderungsgesellschaft“ – so die Antikapitalistische Linke. Hochgefährlich für den Fortbestand der Bundesrepublik!
    Was sonst noch auffällt: Extreme berühren sich: Auf vielen Feldern liegen beide Strömungen nahe beieinander – in der Ablehnung von EU, Nato, den USA und TTIP. Umso begeisterter sind sie von Putin. Satte 31 Prozent der Linken und stolze 30 Prozent der Rechten trauen ihm mehr als Merkel. So zu denken und zu meinen ist völlig legitim; nur erinnert man sich: Auch dieses Taktieren von rechts und links hatten wir auch schon mal..

  35. Jürgen Scherer sagt:

    Lieber Herr Romeike!
    1. Sachliche Feststellungen zu Zielen und Vorhaben der Rechten sind keine lauten Beschimpfungen. Dass sich in der AfD die drei von Ihnen genannten Ausprägungen der „Rechten“ feststellen lassen, ist ja wohl kein Geheimnis. Die nationalistischen (!) und gegen die Menschenwürde gerichteten Töne überwiegen in dieser Partei m.E. allerdings eindeutig.
    2. D ´accord: Brandstifter bleibt Brandsitfter.
    3. Ich nehme zur Kenntnis, dass der Leser aus einer politikwissenschaftlichen Analyse, keinen wie auch immer gearteten Tenor herauslesen soll. Wenn er es aber doch tut, hat er nicht richtig gelesen.
    4. Auch mit großem Interesse vernehme ich, dass Politiker keine Stimmungen machen sondern die vorhandenen nur aufgreifen, ihnen also das Entstehen von Stimmungen und Gesinnungen nicht angekreidet werden kann. Eigentlich brauchten sie gar keine Rhetorikkurse zu belegen, um dem Wahlvolk nach dem Munde zu reden, die Geschichte nähme auch so ihren Lauf…
    5. Des Weiteten lerne ich: Hitler durfte fürs Kapital die Drecksarbeit machen. Hat er dabei, z.B. innenpolitisch, lediglich Stimmungen aufgegriffen, war quasi Erfüllungsgehilfe der Deutschen? Ergab sich seine Gefährlichkeit, z.B. in Bezug auf die Juden, nicht aus s e i n e n Worten?

  36. Jürgen Scherer sagt:

    Zu „Blickwinkel“ von Bernhard Romeike:
    Ein frag-würdiger Artikel, Herr Romeike!
    Man setze „Linksaußen“ und „Rechtsaußen“ quasi gleich, nämlich als an den Rändern operierende „radikale“ Überzeugungstäter. Sodann stelle man die Entwicklung d e r Linken dar, werbe ums Verstehen für deren Weg in das Parlament und billige dann der Rechten ein ähnliches Recht auf Entwicklung zu, weil das ja in der Demokratie so möglich sein muss. Schwuppdiwupp: Alles halb so schlimm mit der AfD. Ist halt eine Partei im Wandel, im Werden, muss eben auf ihre „Ränder“ Rücksicht nehmen. Aber ansonsten gehört sie nun mal ins demokratische Spektrum des Parlaments. Zugleich wird insinuiert, dass das mit dem rechtsradikalen Hintergrund gar nicht so schlimm sei, es seien ja gerade mal 27 Abgeordnete dieser Couleur, mit ihren „Jugendsünden“ eben. Aber die gesamte Fraktion besteht aus 97 Mitgliedern (nicht 297!!!!); 27,das ist beinahe ein Drittel! Das ist sogar mehr als eine „Sperrminorität“. Diese Tatsache sollte nicht aus dem „Blickwinkel“ verloren gehen. Deshalb sollte nicht vergessen werden, dass, um aus einem Artikel von Thomas Assheuer in ZEIT vom 28.März zu zitieren, „Rechte Rechte sind und keine Konservativen; ihr Ziel ist nicht Bewahrung sondern Zerstörung. Sie wollen die liberale Öffentlichkeit nicht meinungstechnisch erweitern, sie wollen sie abschaffen. Die Rechte träumt vom ethnisch homogenen Volk, vom organischen Staat und von seiner machtpolitischen Souveränität – ohne Rechtsgleichheit, ohne freie Gerichte, ohne Migranten, ohne `Vergangenheitsbewältigung` und ohne Einbettung in die Europäische Union.“ In diesem Zusammenhang gesehen, halte ich Ihr Plädoyer für Toleranz gegenüber der AfD für falsch und zugleich für geschichtsvergessen. Wissen wir doch, wohin rechtes und rechtsradikales Gedankengut in der deutschen Geschichte schon einmal geführt hat.

    • Bernhard Romeike sagt:

      Lieber Herr Scherer,
      zunächst ist eine politikwissenschaftliche Erklärung kein Plädoyer für Toleranz. Zweitens wird durch lautes Schimpfen auf „die Rechten“ die Differenz zwischen national-konservativ, rechtspopulistisch und faschistisch wieder einmal verkleistert.
      Drittens bezieht sich die Studie der „Zeit“, auf die sich auch „neues deutschland“ beruft, auf die 297 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der AfD und der AfD-Abgeordneten im Bundestag (es gibt bei allen Fraktionen im Bundestag Mitarbeiter, die bei der Fraktion als Institution angestellt sind, und solche, die bei den einzelnen Abgeordneten ein Beschäftigungsverhältnis haben), nicht auf die Abgeordneten – es bleibt bei den „rechtsradikal“ Identifizierten also bei 27 von 297 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
      Viertens bleibe ich dabei, dass ein „linksradikaler“ Brandstifter nicht besser ist, als ein „rechtsradikaler“ – wenn mein Auto abgefackelt wurde und ich den Stress mit Polizei, Versicherung und Neuanschaffung habe, sind mir die Motive des Verbrechers Wurscht. Und hier sind Teile der Linkspartei in Sachen Abgrenzung vergleichbar verdruckst in Bezug auf ihren „linken Rand“, wie die AfD mit ihrem „rechten“. Nur darum ging es im Text.
      Es ist schließlich eine völlige Fehlwahrnehmung, wenn unterstellt wird, die Politiker machten die Stimmung und Gesinnung – wie Claudia Roth erst wieder in Bezug auf Orbáns Wahlsieg meinte, sondern sie greifen die auf, um sie zu nutzen. Ansonsten bleibt es imperialismus-theoretisch dabei, dass sich die Gefährlichkeit Adolf Hitlers nicht aus Worten ergab, sondern daraus, dass die Mehrheit des deutschen Großkapitals seit 1918 den Revanchekrieg wollte. Heute ist es für den freiheitlichen Weltmarkt, das heißt für Merkel & Co. und gegen die AfD.

    • Peter sagt:

      Herr Scherer, ich denke ihre Einlassung ist ziemliche Geschichtsklitterung. Zuerst, alle kommen aus dem selben Ei. Rechts Links und die Mitte sind eine organische Einheit. Schauen sie sich jetzt einmal die CSU an.
      Ich bin kein Freund der Rechten, allerdings zu keiner Partei im jetzigen Parlamentarismus Deutschlands. Nur die Kritik an der AfD ist verlogen, sie, die AfD, ist entstanden aus den Widersprüchen der Gesellschaft die sie selbst nicht zu verantworten hat. Sie war auch nicht im Parlament als Kriege vom Zaun gebrochen wurde und hat auch kein Sagen bei den KZ die Deutschland, in Afrika für Flüchtlinge, mitfinanziert. Auch die Mörderbanden die Menschen im Mittelmeer ersaufen lassen finanziert Deutschland mit. Erdogan, Syrien und so weiter gehen nicht auf deren Lasten, selbst wenn sie dasselbe gemacht hätten, sie haben nicht.
      Was ich sagen will ist das Ohne selbstkritisch verpufft jede Kritik an den Rechten, selbst faschistische Hetzer werden als Lehrer im Beamtenverhältnis behalten. Das die KPD verboten ist wird nicht mehr in den Fokus gestellt.
      Hitler ist an die Macht gekommen weil er im Parlament Mehrheiten bekommen hatte, er hatte sie mit seiner Partei nicht.
      Was sie letztendlich sagen ist dass das ökonomische System das „unser“ leben bestimmt das richtige ist, das ohne in die Wirklichkeit zu schauen immer weniger Menschen produzieren immer mehr. Das immer mehr Menschen immer mehr Arbeitsstellen benötigen um „Über die Runden zu kommen“ wird nicht besprochen. Da spielt es keine Rolle was die AfD sagt, von wem haben wir uns da hinbringen lassen? Was ist wenn sich Industrie 4.0 durchgesetzt hat, wenn die Zölle erhöht werden und der Krieg losgeht?
      Die AfD hat keine Antwort darauf, welche haben die guten in der Mitte. Oder ist es nur des Messers Schneide auf der die turnen?
      Es bedarf doch nur eine Definition wo „wir“ in 30 Jahren sein wollen und wie wir dahin kommen. Welche Partei hat das? Welche von denen denken bzw. handeln über ein Wahlperiode hinaus?
      Die Presse macht das mit, es ist so heimelig.
      Der Kapitalismus landet im Katzenjammer, aus sich selbst heraus.

    • Werner Richter sagt:

      Dem interessanten Disput kann man einiges entnehmen, daß 1. die sog. Stahlhelm-Fraktion bis 1933 so gar nichts mit dem Faschismus zu tun hatte, ja dessen Opfer war, 2. vielleicht Hitler kein Faschist, sondern ein verkappter Sozialist (das ist kein Scherz, sondern ein aktuelles Standardargument bestimmter rechter Kreise mit Verweisen auf das Programm der NSDAP), 3. das „3. Reich gar nicht faschistisch, eher sozialistisch gewesen sei, deshalb Faschismus und Sozialismus identisch seinen, und 4. die Arier seit Jahrtausenden in Raumschiffen um die Erde kreisen, um ab und zu ein Volk, vorzugsweise das deutsche“, beglücken (auch kein Scherz). Und dann haben wir noch 5., und das ist von mir ernst gemeint, erweist sich die sog. Politologie als das, was Karl-Eduard über sie sagte, eine Scheinwissenschaft zu wissenschaftlicher Verklärung bestehender Machtverhältnisse ganz in Tradition eines gewissen Klaus Mehnert, dem Urahn dieser Richtung.

  37. Stephan Wohanka sagt:

    Kleiner Nachtrag zu eben geposteten Text: Gerade las ich in Berliner Zeitung vom 05.04.18, S. 5: „Wer sich in Ungarn umhört, spürt, wie tief die langen Phasen der Unfreiheit und das Ringen um Souveränität im kollektiven Gedächtnis sitzen: Die Belagerung der Osmanen im 17. Jahrhundert, der Vertrag von Trianon, der dem Land 1920 etwa zwei Drittel seiner Fläche kostete, die Belagerungen der Weltkriege…“.

  38. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Republik ohne Republikaner von Jörn Schütrumpf

    Schütrumpf schreibt: „Nach zwei bis drei Generationen, das weiß der Historiker ohnehin, ist alles vergessen“. Ich halte diese These für falsch. Völker werden im Gegenteil durch historische Ereignisse über Jahrhunderte geprägt. Das Beispiel ist meines Erachtens die Schlacht 1389 auf dem „Kosovo polje“, dem Amselfeld im heutigen Kosovo. Hier hätten die Serben nicht nur die europäische Christenheit vor dem Islam verteidigen wollen, hier habe es auch gegen die türkische Armee für fünfhundert Jahre seinen Atem ausgehaucht. Im 19. Jahrhundert entwickelte der Kosovo-Mythos sich zum „ideologischen Kitt“, mit dem man die serbische Nation zu schaffen suchte. Unter Tito verblasste er. Erst Milosevic setzte den Mythos 1989 in einer großen Rede neu in Szene: Wie das Kosovo 1389 für Serbien verlorenging, so werde man es jetzt zurückgewinnen, sofern man einig sei und dafür kämpfe. Was geschah, ist bekannt: Die Menschen folgten ihm; es kam zur Herrschaft der Gewalt; bis heute. Und widerspricht sich Schütrumpf nicht selbst, wenn er schreibt: „Auch die Franzosen können sich gar nicht anders verstehen, als in den Strom der französischen Geschichte eingebettet. Und wenn Polen von Polen reden, beginnt ´ihr Polen´ spätestens 1772: mit der ersten Teilung“?
    Nochmals Schütrumpf: „Wenn hingegen Deutsche von Deutschland reden, meinen sie zumeist das heutige. Diese Deutschen sind geschichtslose Wesen …“. Auch das hat – wenn schon – mit der längerfristigen Historie unseres Volkes zu tun. 1977 hielt der Literaturwissenschaftler Hans Mayer eine Rede, der er den Titel „Das deutsche Selbstempfinden“ gab. Er leitet das merkwürdig schwache Selbstgefühl von uns Deutschen, das sich in der Vergangenheit und in Teilen heute noch in Selbsthass äußert, sich zu Nationalismus aufbläht und in Hass und Gewalt gegen unsere Nachbarn, gegen Fremdes und Fremde ausbricht, aus der Geschichte her – aus jener „deutschen Misere“ seit den Bauernkriegen, die die Herausbildung einer nationalstaatlichen Basis hierzulande verhindert hat – anders als bei Franzosen und Engländern. Als bei diesen Nachbarvölkern eine neue Welt mit einer Blüte der Kultur sich gegen das Mittelalter durchsetzte, standen, so Mayer, die „Gedanken und Empfindungen“ der deutschen Schriftsteller und Philosophen zu oft „im Schatten einer politischen und gesellschaftlichen Niederlage“ und „im Gegensatz zu den politischen Ordnungen“. Dieser frühe Dualismus von Geist und Macht hat das deutsche Selbstempfinden an der Wurzel geschädigt, bis heute. Das deutsche Selbstempfinden sammelte sich im Untertan – einem Typ, der sich unheilvoll durch die Jahrhunderte zieht und in seiner heutigen Ausformung gegen deutsche Staatsbürger anderer Herkunft mit seinem „deutschen Blut“ und seiner Angst vor „Überfremdung“ steht. Und nicht weiß, dass seine irrationalen Vorurteile in jenes 17. Jahrhundert zurückreichen, in dem es Deutschland nicht gelang, einen Rechtsstaat wie England und Frankreich zu entwickeln.
    Im Juni 1991, als in der Frankfurter Paulskirche Frauen und Männer aus Ost und West den Entwurf einer Verfassung für einen „Demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder“ diskutierten („Verfassungsgebung ist ein Ausdruck gemeinsamer Selbstfindung“); ja, da war das deutsche Selbst- und auch Geschichtsempfinden einmal auf der Höhe der Zeit. Bekanntlich wurde nichts daraus.
    Der neuralgische Punkt im deutschen historischen Selbstverständnis ist jedoch Auschwitz als singuläres Jahrhundertverbrechen. Und auch dieses kommt nicht von ungefähr; so fragte der Historiker Ernst Nolte 1986: „Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte“? Zwar gab es immer wieder Versuche, eine „Normalität“ zu diesen Geschehen der NS-Zeit herzustellen, die es – so denke ich – gegenüber dieser Vergangenheit so einfach nicht geben kann.
    Wir Deutsche tun uns schwer mit unserer Geschichte, aber deshalb gleich „geschichtslos“?

  39. Rudolph Caracciola sagt:
    • Werner Richter sagt:

      Es ist schon amüsant, wie das „ehemalige Nachrichtenmagazin“ nach 4 Wochen Arbeit für Seibert dem Zug hinterher sprintet, als sei es immer kritisch gegenüber Großbritannien, Bundesregierung und diverse EU-Mitglieder gewesen. Natürlich nicht in der Sache, das jetzt ja auch nicht, sondern bezüglich der Zweckmäßigkeit bisheriger Darstellungen. Das vollzieht sich nicht nur beim „Spiegel“, das Abdrehen, keine Wende, ist auch bei ARD und Kleber-Fernsehen seit 2 Tagen zu beobachten. Dabei lassen sie sich genügend Zeit, doch noch Haare in der russischen Suppe zu finden. Erstaunen kann dies nur den, der immer noch den Hauptmedien traut. Das jetzt Sensationelle war schon vor 4 Wochen und noch ganz schön mehr in anderen noch Nachrichten vermeldenden Medien zu erfahren, Telepolis, voltaire.net, NachdenkenSeite u.a.

  40. Peter sagt:

    Ich finde die Affäre einfach lächerlich, das ist sie im Ergebnis nicht, dennoch.
    Was mir gefallen hat ist der Artikel bei Heise/TP https://www.heise.de/tp/features/Parallelen-zwischen-Salisbury-und-dem-deutschen-Plutonium-Skandal-1994-4009728.html
    Es ist also nicht nur der Iraküberfall der als Parallele hergenommen werden müsste.

  41. Rudolph Caracciola sagt:

    Skripal-Affäre

    Heute unter der Überschrift „Londons Position im Fall Skripal wackelt“ in der BERLINER ZEITUNG, S. 4:

    „Neue Zweifel an der Schuld Moskaus für die Nervengas-Attacke auf den russischen Ex-Doppelagenten und seine Töchter Julia in Salisbury machen der britischen Regierung zu schaffen. Der britischen Times zufolge hat London bereits Schwierigkeiten, die Allianz gegen Russland aufrechtzuerhalten, die Premierministerin Theresa May in den letzten Wochen um sich versammelt hat.
    Außenminister Boris Johnson wird von der Opposition mittlerweile beschuldigt, in Sachen Salisbury alle Welt ‚irregeführt‘ zu haben. In einem Interview mit der Deutschen Welle im März war Johnson gefragt worden, welche Beweise er denn dafür habe, dass das vom britischen Militärlabor in Porton Down identifizierte Nowitschok-Nervengas tatsächlich aus Russland stamme. Darauf hatte Johnson geantwortet, das hätten ihm die Forscher in Porton Down mitgeteilt.
    Wörtlich sagte der Minister: ‚Die Leute von Porton Down, vom Labor, waren absolut eindeutig. Ich habe diesen Typen dort persönlich gefragt. Ich habe gesagt: Sind Sie sich da sicher? Und er hat gesagt: Da gibt’s keinen Zweifel. – Also hatten wir sehr wenige Alternativen, als so zu handeln, wie wir gehandelt haben.‘ Diese Darstellung Johnsons stand in scharfem Gegensatz zu einer Erklärung, die der Generaldirektor des Militärlabors, Gary Aitkenhead, am Dienstagabend abgegeben hat. Aitkenhead sagte, sein Wissenschaftler-Team habe den Kampfstoff benennen können. Die ‚präzise Quelle‘ für den eingesetzten Kampfstoff sei aber unklar, so der Laborchef. […]
    Unterdessen löschte das Außenministerium am Mittwochmorgen in aller Eile einen zwei Wochen alten Tweet, in dem ebenfalls behauptet worden war, aus der Analyse Porton Downs sei ‚klar‘ hervorgegangen, dass das in Salisbury verwendete Nowitschok ‚in Russland hergestellt‘ wurde. Das Foreign Office sprach nach dem Löschen von ungenauer Wiedergabe einer Botschafter-Verlautbarung in Moskau und beharrte darauf, dass auch das Interview mit Johnson missverstanden worden sei.
    Die konservative Times sprach derweil von wachsenden Zweifeln an der Position Londons, ‚die die internationale Koalition gegen Moskau zu untergraben drohen‘. Das Blatt zitierte den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und CDU-Vize Arrmin Laschet mit den Worten: ‚Wenn man fast alle Nato-Staaten zur Solidarität zwingt, sollte man dann nicht sichere Belege haben?'“

    Gewiss sollte man! Aber da sich offenbar in der Politik nichts wirklich und schon gar nicht dauerhaft ändert, kann man eigentlich nur noch an Karl Kraus erinnern: „So wird die Welt regiert und in den Krieg geführt: Politiker belügen Journalisten und glauben’s, wenn sie’s lesen.“

  42. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Jörn Schütrumpf, Republik ohne Republikaner, 21. Jahrgang, Nummer 7, 26. März 2018

    Hinsichtlich der allzu gängigen Phrase von der „Republik ohne Republikaner“ bzw. der „Demokratie ohne Demokraten“ bin ich stets skeptisch. Es klingt flotter und pointierter, als es sich tatsächlich verhält; und das gilt bereits für die Erörterung der sog. „Weimarer Verhältnisse“, die oft verengt gesehen werden, indem man sie zwangsläufig durch das Jahr 1933 nurmehr rückschauend betrachtet – und insofern weniger aus dem damaligen Verlauf heraus.

    Was überhaupt das Problem ist, denn die Deutschen sind, wo sie sich überhaupt für das Politische interessieren, allesamt Absolventen geschichtsdidaktischer Programme. Der Deutsche dürfte – mehr als andere Europäer – immer in dem Maße Staatsbürger und Demokrat sein oder nicht (bzw. als solcher gelten oder nicht zu gelten), wie er es eben sein soll oder wie er es eben nicht sein soll. Interessant, wie die Deutung darüber, wie der Bürger gemäß dieses didaktisch geforderten Sollens politisch zu sein hat oder nicht zu sein hat, ideologisch innerhalb der letzten zwanzig Jahre eigendynamisch aufgerüstet und wie der Staat damit zugerüstet wurde.

    Dass es sich damit innerhalb anderer Nationen, die ja überdies ganz im Gegensatz zu Deutschland überhaupt Nationen sein wollen, anders verhält, führt zu anderen Problemen: Der ältere Brite mit dem „Poppy“ am Revers wird, mag sein, weniger über die Verbrecher seiner Nation, etwa die kolonialen, nachdenken wollen, so wie es in Frankreich offenbar noch unüblicher ist, die Geschichte der Neuzeit jenseits der Klischees von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ auch nur ansatzweise zu problematisieren.

    Um sich mit der Demokratie zu identifizieren, wie es immer so steril heißt, muss der deutsche Bürger seine Rechte kennen und gebrauchen. Wievielen Bürgern diese Rechte überhaupt noch wichtig sind, vermag ich nicht zu sagen. Ich glaube nur, ALDI und Amazon.de sind ihnen wichtiger. Die „Demokratiekompetenz“ dürfte indessen aus bildungspolitischen Ursachen heraus abnehmen, insofern bloßes Meinen längst für Urteilen gehalten wird und sich Techniken der Urteilsbildung und damit der Argumentation und des Diskutierens kaum mehr ausgebildet finden. Vielmehr geht es um Kampagnen, etwa um Attributierungen wie „Schule ohne Gewalt – Schule gegen Rassismus“, also um bloße überzuhängende Titel, die an die „politischen Initiativen“ im gelenkten DDR-Schulsystem erinnern.

    Wenn die Demokratie überhaupt in Gefahr sein mag, so ist sie es m. E. weniger wegen der Schreckgespensterei um Rechte und Populisten, sondern weil sie sich immer enger auf einen staatlich offenbar vorgeschriebenen Meinungs- und Urteilskorridor festgelegt findet, jenseits dessen nicht mal mehr Gespräche möglich sind. Diese „nationalskeptisch linksliberale Moralsphäre“ (Dietmar Dath), an der gerade gar nichts mehr liberal ist, führt mindestens zu einer Neurotisierung der Gesellschaft im Allgemeinen und der Diskussionskultur im Besonderen, insofern schon zu viele Begriffe entweder ideologisch konnotiert resp. kontaminiert oder semantisch völlig unklar sind. Was etwa hat die Ablehnung islamistischer Offensiven gegenüber dem säkularen Staat mit „Rassismus“ zu tun? Sie hat vielmehr mit Säkularismus zu tun. – Man prüfe im Wittgensteinschen Sinne überhaupt den Gebrauch besonderer Reizwörter („Europa“, „Bildung“, „Willkommenskultur“, „Populismus“ usw. usf.) innerhalb der Sprache, so wie überhaupt alle politische Kritik vor allem Sprachkritik ist. Demokratie hat um klare Sprache zu ringen oder politische Sprache immerfort der Klärung der Gedanken zu unterziehen. Wo dies in Gefahr ist, ist die Demokratie in Gefahr. Und genau dies scheint mir der Fall zu sein, weil eine staatlich bewehrte Didaktik die Freiheit verengt.

  43. Franka Haustein sagt:

    Skripal-Affäre

    Was treibt eigentlich Moskau, während Politik und Mainstreammedien des Westens sich offenbar zunehmend in einen neuen Kalten Krieg hineinsteigern? Dazu lässt uns die Rheinische Post heute dieses wissen: „Die russische Botschaft in London warf der britischen Regierung vor, ihre Pflichten aus dem Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen zu verletzen, weil sie offene Fragen nicht beantworte.
    Sie zählte 27 konkrete Fragen auf. Dabei ging es um politische Angelegenheiten wie die Verweigerung des Zugangs zu Skripal.
    Gefragt wurde auch nach den verabreichten Gegenmitteln oder dem Ort der Vergiftung. „Nervengifte wirken eigentlich sofort. Warum war das nicht bei den Skripals der Fall?“, heißt es. „Mit welchen Methoden haben Experten die Substanz (das Gift) so schnell identifiziert?“ Und woher hätten sie den Stoff zum Testen der Substanz gehabt?
    Für kommenden Mittwoch (4. April) hat Russland durchgesetzt, dass sich die Leitung der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) mit dem Fall beschäftigt. Die Unterorganisation der Vereinten Nationen hat bereits Experten nach Großbritannien entsandt, um Proben des gefundenen Gifts zu untersuchen.“
    http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/verh%c3%a4rtete-fronten-moskau-weist-deutsche-sicherheitsexperten-aus-botschaft-aus/ar-AAvjoDp?li=BBqg6Q9&ocid=OEMDHP17

  44. HWK sagt:

    Keine Ahnung, was mich veranlasst hat, bei Wikipedia über die Begründung des Irakkrieges nachzuschlagen:

    Begründung des Irakkriegs

    Als Begründung des Irakkriegs 2003 nannten die kriegführenden Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens seit Oktober 2001 vor allem eine wachsende akute Bedrohung durch Massenvernichtungsmittel des Irak und eine Verbindung mit dem Terrornetzwerk Al-Qaida, das die Terroranschläge am 11. September 2001 ausgeführt hatte. Eine große Bevölkerungsmehrheit in den USA glaubte diesen Angaben vor und auch noch Jahre nach der Invasion in den Irak.

    Die angegebenen Kriegsgründe waren international stark umstritten. Die von der UNO beauftragten Waffeninspektoren, einige Antiterrorexperten und Parlamentsabgeordnete widersprachen den Regierungsangaben vor dem Krieg und verwiesen auf fehlende oder unzuverlässige Quellen. Im Irak wurden keine Massenvernichtungsmittel gefunden. Der Bericht der 9/11-Kommission vom Juli 2004 widerlegte die genannte Verbindung zu Al-Qaida. Bis 2007 widerlegten weitere Untersuchungsberichte auch die übrigen genannten Kriegsgründe. Regierungs- und Geheimdienstvertreter wiesen sich wechselseitig die Verantwortung für die Falschangaben zu.

    Viele Historiker und Investigativjournalisten beurteilen die falsche Kriegsbegründung als vorsätzliche, kampagnenartige Täuschung, die ausreichende Zustimmung für die schon getroffene Kriegsentscheidung herbeiführen sollte. Andere sehen die Falschangaben als von damaligen Annahmen der Geheimdienste gedeckte Irrtümer. Viele Kriegsgegner halten wirtschaftliche und geostrategische Interessen der USA und Großbritanniens, vor allem am Erdöl, für die eigentlichen Kriegsursachen. Der britische Chilcot-Bericht von 2016 bestätigte nach jahrelanger Untersuchung alle schon vor der Kriegsentscheidung vorgebrachten Bedenken, schloss aber eine bewusste Irreführung der Öffentlichkeit durch Großbritanniens Regierung eher aus.

  45. HWK sagt:

    Jene Rede, in der der thüringische AfD-Chef, Björn Höcke, vor Jahresfrist in Dresden eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert hatte, ist in ihrer nahezu unglaublichen Unseligkeit hinlänglich kommentiert worden. Wer etwas genauer wissen möchte, womit dieser Hetzer vor dem Herrn sein damals vormehmlich junges Publikum zu entfesselten Beifallsbekundungen aufgeputsch hat, sollte das Protokoll dieser Rede lesen; auch auf die Gefahr hin, dass einem dabei schlecht wird:
    https://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518.html
    Dass der Anflug eines Parteiausschluss-Begehrens gegen den ehemaligen Geschichtslehrer (!) nach einem Jahr noch immer im Sand verläuft, sagt über die AfD mehr aus, als ihr das lieb sein kann.
    HWK

  46. Lieber Herr Wohanka, schön, dass Sie den Blick auf China etwas erweitern! Ich fühle mich eigentlich frei von Gewissheiten. Alles ist möglich, habe ja genug erlebt in fast acht Jahrzehnten. Doch ich stelle auch in Rechnung, welche Ursachen zu manchen Geschehnissen geführt haben können und woher handelnde Personen kommen, welchen Lebensweg sie hinter sich haben und welche Motivationen.
    Für China als Ganzes mit 1,4 Milliarden Einwohnern, einer sehr leidvollen (Kolonial-)Geschichte und angesichts jahrzehntelanger Einkreisungsbemühungen der USA sowie deren Aktionen nach dem zweiten Weltkrieg in aller Welt sieht Letztere heute ganz anders aus als für uns Europäer. Der Imperialismus Europas und der USA hat während des ganzen vorigen Jahrhunderts eine völlig neue Unsicherheit in die Welt gebracht. Deng Xiao Ping und die Reformer nach ihm haben gegen diesen Imperialismus eine neue Strategie entwickelt, indem sie die gleichen Mittel wie dieser benutzen, aber sich die politische Macht bewahrt haben, Ziel und Zweck allen Wirtschaftens zu bestimmen, diesen „chinesischen Kapitalismus“ zu dirigieren. Natürlich ist das ein von Vielen als höchst risikoreich eingeschätztes Unterfangen. Das dürfte wohl auch ein Grund dafür gewesen sein, dass Gorbatschow in den 1980er Jahren durch Erich Honecker vermittelten Annäherungsbemühungen der Chinesen an die Sowjetunion (von denen kürzlich Egon Krenz bei einem Vortrag im Karl-Liebknecht-Haus, Berlin, sprach) eine Absage erteilte. Zu groß scheint das allgemeine gegenseitige Misstrauen gewesen zu sein.
    Mir, Herr Wohanka, fiele es schwer, den Reformern selbst unlautere persönliche Absichten zu unterstellen. Gleichwohl können Macht- und Zielveränderungen in China nicht ausgeschlossen werden. Doch die jetzige chinesische Strategie könnte vielleicht auch andere Regionen in der Welt stark beeinflussen und zu einer Regionalisierung im Sinne der Herausbildung großer Wirtschaftsräume mit eigenen politischen Koordinierungszentren führen. Über solche Gebilde ließe sich möglicherweise auch eine vernünftige Bewirtschaftung unseres Planeten organisieren. Denn um die Welt von dem desaströsen, politisch gestützten und geschützten Prinzip „Kapitalverwertung“ als zerstörerischer Selbstzweck aller Produktion durch gesetzliche Grenzen für die Handlungsspielräume ökonomischer Akteure zu befreien und gesellschaftliche Ziele zu formulieren, bedarf es konzentrierter politischer Macht. Das hätte nichts mit „Kasernenhofgesellschaft“ (W. Richter) zu tun. Es geht um die allmähliche, aber zielgerichtete Herausbildung eines flexiblen Systems der Organisation ökonomischer Prozesse in der Einheit von Eigeninitiative und zentraler Steuerung im Interesse aller Menschen. Das wird meines Erachtens immer im Rahmen von Märkten geschehen, aber eben nicht notwendigerweise von Märkten einer privaten Kapitalverwertung, weil sie entsprechenden Regeln unterlägen.
    Was nun aber noch einmal direkt die Person des hierzulande höchst umstrittenen Xi Jinping betrifft, so sei eine Begebenheit angeführt, von der Egon Krenz bei seinem oben erwähnten Vortrag ebenfalls berichtete: Als Xi 1989 – damals noch als Minister der VR China – die DDR besuchte und, begleitet von E. Krenz, die Sehenswürdigkeiten von Weimar besichtigte, soll er seine deutschen Gastgeber mit seinen profunden Kenntnissen deutscher Geschichte und Kultur erstaunt haben, indem er beispielsweise (frei aus dem Gedächtnis und auf Deutsch!) aus dem Schluss von Goethes „Faust II“ zitierte. – „Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss. Und so verbringt, umrungen von Gefahr, hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr. Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.“ Und dieser Mann habe, so Krenz, auf dem jüngsten Parteitag der KPCh gesagt, dass nur durch Reformen ein Überleben des Marxismus-Leninismus möglich sein werde. Ich würde daraus einen Willen der Vernunft ableiten.

    • Peter sagt:

      Na klar ist Skepsis angebracht, dennoch sollte sie abgeleitet werden können aus der Sache und der Historie. Den Typus eines Kapitalismus zu postulieren ist als sagte Frau Merkel wir leben in der Sozialen Marktwirtschaft. Trotz der Blauen Luft sollte doch einmal geschaut werden was denn die Grundlage eines „jeden“ Kapitalismus ist, das ist die Warenproduktion und das Privateigentum an Produktionsmittel. Sie bleibt erhalten, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die „gute“ Demokratie bleibt auch erhalten die das alles sichert. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2017/01/Demokratie-contra-Kapitalismus.pdf
      (Hoffe es bleibt drin, habe es schon einmal Verlinkt)
      Womit „wir“es heute zu tun haben ist mit der Wirkung des „Tendenziellen Fall der Profitrate“ die die aufgezählten Erscheinungen notwendigerweise hervorbringt. Dadurch ändert sich nichts am Kapitalismus.
      Wenn es um Bedürfnisse geht so sollten die doch erst einmal definiert werden. Es ist ausgesprochen schwierig über die Bedürfnisse einer emnzipierten Gesellschaft zu Spekulieren. Auch über die notwendige Arbeit. http://peerconomy.org/text/peer-oekonomie.pdf Was „natürlich“ ist sollte auch definiert werden. Da würde ich dann sagen das Geld in einer emanzipierten Gesellschaft die Produkte erzeugt nicht geben wird, wozu auch?
      Was mich am meisten wundert ist das die Kapitalverwertung ein subjektives Element sein soll. Die die der Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus nicht nachkommen können finden sich beim Konkursgericht, egal was sie subjetiv wollten. Das übrigens findet zur Zeit nicht statt, wg. der Überproduktion von Geld. Alle „halten sich über Wasser“ mit zinsfreien Geld, bis die Zinsen notwendigerweise steigen. Noch nie gab es Primat der Politik über die Ökonomie. Umgekehrt ist es notwendigerweise.

    • Werner Richter sagt:

      Hallo Peter, daß es mehr als schwierig wird, Bedürfnisse zu definieren, dürfte klar sein. Welche Zusammenhänge dabei zu berücksichtigen sind, kann man erahnen anhand Siefkes „Beitragen statt tauschen“. Die Links sind durchaus angekommenj und wurden gelesen, keine Sorge. Nur ist zu warnen, d i e theoretische Lösung gefunden zu haben, Siefkes würde solches auch von sich weisen, das war nie seine Absicht. Diese war, eine einfache Plausibilitätsprüfung nichtwarenwirtschaftlicher Produktion von Gebrauchsgütern durchzuführen, weil eines der häufigsten Gegenargumente, das als Frontalschuß jedem, der diese Frage aufwirft, an den Latz geknallt wird, lautet: Zurück in die Steinzeit? Es dürfte sich auch um einen längeren ständigen Prozeß handeln, der durch die Voraussetzungen, die der Kapitalismus mit Marketing usw. schuf, dadurch Bedürfnisse durch Bedarf ersetzend, nicht leichter fallen wird. Das Paradoxe in der Theorie besteht darin, daß zwar Bedürfnisse am Anfang neuer Produktionsstrukturen stehen müßten, jedoch vorher die aktuelle mit ihren Gesetzen prinzipiell und konkret zu analysieren wäre. Der Fall der Profitrate ist dabei nur ein Aspekt, wie die anderen angerissen auch.
      Auch Sie kennen den Ort, an dem die Diskussion angeboten wird.

  47. Nochmals zu China

    Leider ist schon viel Zeit verstrichen, seit W. Richter und St. Wohanka sich zum Beitrag „China – Vernunft als Wille“ („Blättchen“, Nr. 5/2018) äußerten. Sei‘s drum, China ist für uns Deutsche und Europäer von großer Bedeutung, und darum möchte ich beiden doch noch antworten.
    Lieber Werner Richter, Skepsis wie die Ihre ist immer angebracht, denn es gibt keine Gewissheiten. Und denkbar ist natürlich auch, dass – womit Sie zu rechnen scheinen – „in China ein neuer Typus des Kapitalismus zur Welthegemonie entsteht“. Aber „aus dem Diktat des Kapitals, des Wertgesetzes und der Verwertungsnotwendigkeit des marktwirtschaftlichen Systems“ heraus? Dann wäre das Primat der Politik über die Ökonomie – so wie ich es als Beherrschung der „Verwertungsnotwendigkeit“ meine – nicht mehr gegeben. Ich glaube auch nicht mehr an die Wirkung „des Wertgesetzes“ und an eine „Verwertungsnotwendigkeit des marktwirtschaftlichen Systems“ in heutiger Zeit. Dazu folgendes:
    a) Womit wir es heute zu tun haben ist eine weitgehend monopolistisch und imperialistisch geprägte Erzeugungs-, Verteilungs- und Vernichtungsweise des Reichtums der Gesellschaft und ihrer Ressourcen.
    b) Die menschliche Gesellschaft stand schon immer unter dem Druck eines ganz allgemeinen Gesetzes der Ökonomie der Zeit, das heute energischer denn je Druck macht.
    c) Zu entscheiden war und wird immer sein, wieviel Arbeit jeder Einzelne und die Gesellschaft als Ganze bereit ist für die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse aufzuwenden. Dies ist der durchaus rationelle Kern der sogenannten Grenznutzentheorie, auch wenn diese natürlich nicht den Wertbildungsprozess erklären kann bzw. konnte.
    d) Dennoch muss, je weitgehender die gesellschaftliche Arbeitsteilung ist, dieser Ermittlung des Grenznutzens entsprochen werden – mit einer Möglichkeit des Schwankens der Preise um den gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwand, den die Gesellschaft immer wird ermitteln müssen, um zu haushalten. Insofern also marktwittschaftlich!
    e) Mit Kapitalverwertung muss das nicht notwendigerweise etwas zu tun haben. Kapitalverwertung ist ein subjektives, desaströses Ziel der Produktion, weil es dieser den vernünftigen Zweck der Bedürfnisbefriedigung nimmt und sinnlose Ressourcenvernichtung bewirkt bzw. akzeptiert. Die Befriedigung eines Bedürfnisses ins Verhältnis zum dafür notwendigen Arbeitsaufwand zu setzen ist dagegen ein (oftmals unbewusster) tatsächlicher und insofern objektiver Vorgang menschlichen Verhaltens im Zuge von Produktion Konsumtion des erzeugten Reichtums.

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Heerke, nicht was schnell geschossen wird, trifft sicher sein Ziel.
      Du folgerst m. M. nach richtig, daß „dann das Primat der Politik über die Ökonomie … nicht mehr gegeben (wäre)“. In der Tat hege ich Zweifel an diesem Primat, zumindest an mancher Auslegung. Bis vor einigen Jahren hätte ich an dieser Stelle genickt, der Maximum-Leninum hatte es uns vorgegeben. Es gibt keinen Zweifel, daß es innerhalb dieser Theorie Gültigkeit hat, das Primat ist dort logisch. Aber als allgemeingültige Gesetzmäßigkeit der Gesellschaftsentwicklung hat es sich m. M. nach als Irrtum erwiesen, die Begründung erspare ich mir jetzt. Es gibt dabei auch mit diesem Theorem einen Widerspruch zu anderen Postulaten, daß z.B. „die Politik der konzentrierteste Ausdruck der ökonomischen Verhältnisse“ sei. Dieses beinhaltet jedoch auch ein Primat der Ökonomie, der Produktionsverhältnisse. Das Primat der Politik über die Ökonomie ist demnach nicht der Realität gesellschaftlicher Beziehungen entsprungen, sondern einem Willen, dem „besonderen Weg“ des Marxismus-Leninismus per politischer Revolution eine andere Gesellschaft bilden zu wollen. Da jedoch diese Linie in Widerspruch zu den realen Verhältnissen geratend neue Widersprüche erzeugte, ist dann die Tendenz einer „Kasernenhofgesellschaft“ die logische Konsequenz. Die Beiträge hier zum Jahrestag der Oktoberrevolution haben das anschaulich belegt. Daß man nicht mehr an die Wirkung „des Wertgesetzes“ und an eine „Verwertungsnotwendigkeit des marktwirtschaftlichen Systems“ in heutiger Zeit (glaubt)“, ist jedem selbst überlassen, Glaubensfrage eben. Aber es kann durchaus der sehr begründete Nachweis erbracht werden, daß, solange Warenproduktion existiert, das Wertgesetz seine Wirkung, modifiziert natürlich, dominant entfaltet. Hier liegt übrigens der Ansatzpunkt, Kapital 1 Bd. I des Kapitals, in Verbindung mit den Grundrissen, Kritik, und auch jetzt Kapital 1.5, langsam als das zu begreifen, wie es Marx selbst als grundsätzliches Theoriesystem, also allen anderen Arbeiten immanent und quasi vor- und übergelagert , und nicht als Einführung darstellte und dabei befürchtete: «Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels … der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen.»
      Hier ist nicht der Ort einer Diskussion dazu, dieser ist wohl bekannt.

  48. Rebecca sagt:

    Sehr geehrter Herr Richter,
    ich teile ja das Mißtrauen gegen die aktuelle Anti-Rußland-Kampagne des Westens, muss aber doch auch anfügen, dass ebenfalls nur bedingt überzeugend argumentiert, wer seine „Gegenbeweise“ mit den Worten einleitet:
    „Es läßt sich m i t z i em l i c h e r S i c h e r h e i t sagen…“
    Sehr viel anders als die „große Wahrscheinlichkeit“, mit der ein Johnson seine Überzeugung umgibt, klingt das auch nicht.
    Rebecca

    • Werner Richter sagt:

      Es geht mir gar nicht darum, Gegenbeweise aufzustellen, sondern die Grundlagen der britischen Regierungsthesen zu prüfen. Und die sind selbst handwerklich gepfuscht, wie Beobachter in beträchtlicher Zahl konstatieren. Natürlich kann kein Außenstehender eine „Wahrheit“ verkünden, aber Infrage stellen ist hier durchaus angebracht. Empfehle zum Kontext das Interview mit Karin Leukefeld auf NachdenkenSeite:
      https://www.nachdenkseiten.de/?p=42716,
      um einen Eindruck zu bekommen, was da läuft.

    • Werner Richter sagt:

      Nochmal zum Thema. In meiner Verlinkung sind reichlich Fakten anzutreffen, wenn auch nur weiche. Das ist jedoch natürlich für Wortmeldungen von Outsidern. Aber im Gegensatz dazu bringt die britische Regierung gar keine und weigert sich, angebliche Fakten, über die sie verfüge, zu veröffentlichen bzw. den vertraglich jetzt zuständigen internationalen Gremien zur Verfügung zu stellen. Sie behauptet lediglich welche zu haben und wir sollen es glauben. Da kann keine Rede von einem Patt zwischen meiner Darlegung und der Johnson sein.

  49. Alfons Markuske sagt:

    Auf die Gefahr hin, dass jetzt nur die alten Genossen – also die von der SED – den Vergleich verstehen: Wenn das Parteilehrjahr nur halb so kurzweilig und pointiert wie das Programm „Wenn Deutsche über Grenzen gehen. Oder: Das Ziel ist im Weg“ des Berliner Kabaretts DISTEL gewesen wäre – man hätte nicht genug davon bekommen können!
    Und damit es intellektuell nicht zu anstrengend wird, dürfen kurze Atempausen in Gestalt kalauernder Witze auch mal unter der Gürtellinie enden. Wie etwa:
    Was ist der Unterschied zwischen Trumps Schlips und einem Ochsenschwanz?
    Der Ochsenschwanz bedeckt das ganze A…loch.

  50. Peter sagt:

    was um wessen Willen auch immer was ist daran „natürlich“?
    Es ist wohlfeil mit dem Finger auf andere zu zeigen und den Moralisch Überlegenen zu spielen.
    Was Staaten sich untereinander antun macht jeder Staat dem anderen. Da würde es gut tun den „eigenen“ Staat Moralisch aufzubauen.

  51. Hilmar Jantke sagt:

    In diesen Tagen ist – wegen der Wiederkehr des Ereignisses – vom Massaker von My Lai zu lesen, zu hören und vor allem zu gedenken und zu hinterfragen. Es wird bei diesem Krieg – je nach Sichtweise – von zwei bis fünf Millionen Toten allein in Vietnam ausgegangen, mehr als zwei Drittel sind zivile Opfer. Und am Anfang stand diese fake news vom Zwischenfall in der Tonking-Bucht. „Man“, wenn schon nicht mit Vorsatz, akzeptiert viele Millionen Tote um politische Ziele militärisch durchzusetzen und stellt an den Anfang eine Provokation oder auch bloß eine Falschmeldung. Wir sollten uns die Reihenfolge von Anlässen und Folgen provozierter kriegerischer Ereignisse im letzten halben Jahrhundert bewusst sein.

    Der Herr Stephan Wohanka möge vielleicht in der Berliner Zeitung von Anfang August 1964 blättern und finden, welche Erkenntnisse dieses Blatt zu diesem Zwischenfall seinen Lesern zu vermitteln wusste.

    Was wird sein, wenn die sogenannte Londoner Beobachtungsstelle vom Einsatz genau dieses Nervengifts in Syrien zu berichten weiß? Das ist meine große Befürchtung, zumal es da diesen Satz eines Präsidenten gibt: „Wir müssen wieder Kriege gewinnen.“ Doch dazu braucht man Kriege.

    Haben wir noch die Zeit und die Gelegenheit nach Jahrzehnten – wenn sich die Archive öffnen – auch zu dieser Krise die Wahrheit zu erfahren? Ich glaube nicht. Es möge die Vernunft in den gegenseitigen Beziehungen uns von diesem Abgrund wegführen. Das ist meine Hoffnung.

  52. HWK sagt:

    Die böswillige Interpretation von Johnson & Friends Investigation in Sachen Skripal gehört gegeißelt, denn nun liegen die Karten ganz so unwiderlegbar auf dem Tisch wie einst die Luftbilder von Husseins Chemiewaffen:
    http://www.der-postillon.com/2018/03/putin-salisbury.html?utm_source=feedburner&utm_medium=email&utm_campaign=Feed%3A+der-postillon%2FnjPS+%28Der+Postillon%29
    HWK

  53. Helge Jürgs sagt:

    Kaum hatte Boris Johnson gestern von „überwältigenden Beweisen“ gegen Moskau für den Anschlag auf Skripal gesprochen, legt er diese schon einen Tag später auf den Tisch der Weltöffentlichkeit: Es sei „höchst wahrscheinlich“, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die Nervengiftattacke auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal angeordnet habe.(Quelle: SpiegelOnline)
    Na bitte: Wenn das nun nicht auch den letzten Beckmesser aus dem Felde schlägt… Irgendwie erinnert mich das an das für die DDR-Presse seinerzeit ebenso peinliche wie supradialektisch erklärte Dementi einer gedruckten Meldung über den Besuch eines bulgarischen Kosmonauten in der sowjetischen Raumstation „Sojus 33“ im April 1979. Da der Umstieg dorthin zu eurasisch mitternächtlicher Stunde aus technischen Gründen nicht stattfinden konnte und sich damit die gedruckte Meldung auch über den brüderlichen Empfang mit Brot und Salz als propagandistische Luftnummer entpuppte, verwies die mediale Erlärung am dann übernächsten Tag darauf, dass der Umstieg eigentlich doch „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ hätte stattfinden können und müssen.
    Was Johnson (und mit ihm alle abendländische Politvasallen betrifft: Ein Kommentator hat es – jedenfalls für mich – heute auf den Punkt gebracht: „Für keinen Kleinkriminellen bekäme man bei solcher Beweislage auch nur einen Haftbefehl.“ In der Politik reicht das allemal…
    Helge Jürgs

    • Peter sagt:

      Ich möchte auch noch einmal daran erinnern das der Johnson mit für den Brexit „getrommelt“ hat. Kein Wort von dem was da alles gelogen wurde.
      Ein Beispiel aus Ostdeutschland kann ich nicht bringen. Aber gestern wurde gezeigt, wie zumindest Deutschland, Humanismus und Menschenrechte versteht. http://www.ardmediathek.de/tv/Monitor/Folterknechte-und-Menschenh%C3%A4ndler-Deuts/Das-Erste/Video?bcastId=438224&documentId=50874692

      Sendungen wie Monitor sollten beim berechtigen Bashing der öffentlich rechtliche immer mit im Blick sein.
      Peter Djordjevic

    • Werner Richter sagt:

      Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache und anstrengend, aber auf telepolis läuft gerade eine interessante Diskussion zum Thema. Neben viel Blödsinn, der da naturgemäß zu lesen ist, gibt es auch überraschend gute Beiträge und Links zu gewichtigen Wortmeldungen: https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Hacker-im-Dienste-der-russischen-Regierung/forum-399335/.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Präsident Putin sagte 2010 in einer Rede über Doppelagenten: „Verräter werden verrecken, glaubt mir. Die 30 Silberlinge, die sie erhielten – sie werden daran ersticken“.
      „Es scheint aber in Putins Apparat auch Kräfte zu geben, die alle geschriebenen und ungeschriebenen Regeln (niemals Gewalt anzuwenden auch gegenüber ausgetauschten Agenten – St. W.) infrage stellen wollen. Vor ein paar Tagen bezeichnete Kiril Klejmjonow, Moderator des Staats-TV-Senders Perwy Kanal, Skripal als ´professionellen Verräter´und warnte das Publikum, dieser Beruf sei einer der gefährlichsten und ungesündesten in der Welt. Besonders schlecht ergehe es den Berufsverrätern in Großbritannien. ´Leute hängen sich auf, vergiften sich, stürzen mit dem Hubschrauber ab und fallen aus dem Fenster, in fabrikmäßigen Mengen`“. (Quelle: Berliner Zeitung 16.03.18, S.6). Sagt der Mann das völlig uninspiriert?
      Das alles sind natürlich keine Beweise!

    • Werner Richter sagt:

      Es scheint, als sei wieder die alte Russophobie durchgebrochen und diese die westlichen Regierungen und „unsere Medien“ schon epidemisch erfaßt zu haben. Anders kann man sich deren „Argumente“ kolportierende Wortmeldungen kaum erklären. Zwischen die, von ARD und ZDF ohne eigene Recherchen ungefiltert und ständig wiederholt, und leider auch zu Herrn Wohankas Argumenten paßt kaum ein Blatt Papier, wie man so sagt. Ganz nüchtern und ohne eigene Vorurteile heran zu gehen, wäre nicht die schlechteste Idee. Dazu wäre zunächst inne zu halten und sich etwas mehr um zuhören. Da gibt es einige Stimmen, die aufhorchen lassen müßten.
      Artikel, die die Basis der Gesamtheit der Putin-Schuld-Darstellung aus den Angeln heben:
      https://www.heise.de/tp/features/Mythos-Nowitschok-3996384.html
      https://www.nachdenkseiten.de/?p=42998

      Es läßt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen:
      1. Es gibt nach Expertenauskunft keinen einzigen Beweis, auch keine Probe, auch nicht im Westen, für die Existenz des ominösen Kampfstoffes, außer in einem 20 Jahre alten Buch eines (vermutlich usbekischen Chemikers, der vor Jahren in die USA verzogen ist), der das behauptet. Heutzutage ist das allein ein Ding der Unmöglichkeit, es gibt keine Kampfstoffe der einen oder anderen Seite, die nicht bekannt sind.
      2. Es soll der Kampfstoff ausschließlich russischer Produktion sein, nur in Spezialanlagen Rußlands herstellbar. Nach dem ehemaligen britischen Botschafter Craig Murray, liegt der angegebene Ort jedoch nicht in Rußland, sondern in Usbekistan. Er habe die Fertigungsstätte selbst ohne Beanstandung auf vollständige Liquidierung kontrolliert, die „Reste“ seien vollständig den US-Behörden übergeben worden. Es könne, so der Botschafter keine russische Spezialproduktion geben, die abgewickelte Stätte sei eine usbekische gewesen.
      3. Der Behauptung, nur eine spezielle Produktionsstätte und ausschließlich russische wäre denkbar, steht die Aussage des „Beweisträgers“ in seinem Buch entgegen, die Konzipierung des Kampfstoffes sei auf eine leichte Reproduktion des Giftes in einfachen Labors gerichtet gewesen, jeder Chemiker oder Halblaie könne den Stoff in einfachen Labors nachbilden. Der Mann rühmt sich dessen ausdrücklich.
      4. Die britische Regierung weigert sich bis heute, obwohl vertraglich dazu verpflichtet, eine Probe des angeblich gesicherten Kampfstoffes der OPCW zu übergeben, was die russische Regierung auch fordert.
      Angesichts dieser Umstände wäre viel Grund zur Skepsis gegenüber der westlichen Darstellung zu haben.

    • Werner Richter sagt:

      Nochmals nachgelegt, lange gesucht, jetzt gefunden, weil in einem ordentlichen Haushalt sich nach längerem Suchen alles wiederfindet:
      Übersetzung von Craig Murrays Artikel:
      https://www.nachdenkseiten.de/?s=Craig+Murray&Submit.x=0&Submit.y=0

  54. Franka Haustein sagt:

    Zum Beitrag von Schwarz: „Wohin geht die NATO? …“ im Blättchen 6/2018, Stichwort: Nukleare Teilhabe

    Das „Mitspracherecht“ der NATO-Verbündeten der USA in der Nuklearen Planungsgruppe gehört zu den am geheimnisumwölktesten und am wenigsten hinterfragten Versatzstücken in der monotonen Liturgie der Befürworter der nuklearen Teilhabe. Umso wichtiger, dass Schwarz sein Augenmerk genau darauf gerichtet hat. Die von ihm vorgetragenen Indizien, Sachverhalte und Schlussfolgerungen sollten mindestens immer dann wieder öffentlich gemacht werden, wenn offenbar nur teilinformierte bis ahnungslose – es sei denn, man unterstellte den Willen zur vorsätzlichen Täuschung der Öffentlichkeit – Autoren wie Ganser, Lapins und Puhl von einem solchen Mitspracherecht sprechen, als sei es ein tatsächlicher Hebel, im Falle des Falles das Schlimmste zu verhindern und damit Grund genug, weiterhin US-Kernwaffen auf deutschem Boden nicht nur zu dulden, sondern implizit geradezu zu fordern.
    Ein deutlich apodiktischeres Beispiel als die genannten Autoren lieferte vor Jahren (2008) auch der sich offenbar selbst dafür Äußerungskompetzenz zubilligende Historiker Herfried Münkler ab, als er erklärte: „Sollten wir nicht mehr bereit sein, diese Waffen in Deutschland zu lagern, werden wir auch nicht mehr den Finger mit am Abzug haben können. Das ist vielleicht nicht schlimm. Entscheidend aber ist, dass wir dann keinen Finger mehr am Sicherungshebel haben, also auch keinen Einfluss mehr hätten, einen atomaren Angriff zu verhindern. Also sollten die Waffen bleiben.“ Beide Behauptungen – „Finger mit am Abzug“ und „keinen Einfluss mehr … einen atomaren Angriff zu verhindern“ – sind falsch, weil, wie Schwarz darlegt, beides schon in Friedenszeiten nicht einmal auf dem Papier steht. (Münklers seinerzeitiges Interview mit Spiegel Online stand übrigens unter der Überschrift: „Atomwaffen schrecken Dschihadisten ab“. Dazu muss man ja wohl heute nichts mehr sagen …)

    Bei einem anderen Punkt hätte Schwarz durchaus noch etwas tiefer bohren können: Ganser, Lapins und Puhl verbalisieren das Menetekel „eines von deut¬scher Seite erzwungenen Abzugs (der Bomben aus Büchel – W.S.)“. Einen solchen Abzug „erzwingen“ oder auch nur, wie weiland die griechische Regierung, erfolgreich dazu auffordern – das könnte die Bundesregierung, selbst wenn sie es wollte, seit dem NATO-Gipfel 2012 in Chicago gar nicht mehr. Seit Verabschiedung des dortigen „Deterrence and Defence Posture Review“ (mit Berliner Zustimmung) gilt eine Verpflichtung auf „the broadest possible participation of Allies concerned (dies meint alle Mitglieder der Nuklearen Planungsgruppe/NPG – Haustein) in their nuclear sharing arrangements, including in case NATO were to decide to reduce its reliance on non-strategic nuclear weapons based in Europe“ – also auf größtmögliche Beteiligung der betroffenen Verbündeten an den Vereinbarungen über die nukleare Teilhabe, einschließlich des Falles, dass die NATO die taktischen Atomwaffen reduzieren werde. Im Klartext bedeutet dies nach Auffassung von Experten: Eine weitere Reduzierung oder gar ein Abzug der letzten (bis zu) 200 US-Atombomben aus Europa erfordert einen einstimmigen Beschluss der Mitgliedstaaten der NPG, und ein solcher kann durch einzelne Mitglieder (Polen, baltische Staaten) jederzeit blockiert werden.
    Dass Angela Merkel als bekannte Verfechterin der Nuklearen Teilhabe der Bundesregierung in Chicago damit auf Dauer die Hände binden ließ, mag man verstehen.
    Warum der damalige Außenminister Westerwelle, der den Abzug der US-Kernwaffen als Zielstellung im Koalitionsvertrag von 2009 durchgesetzt hatte, dem allerdings zugestimmt hat, dieses Geheimnis hat er mit ins Grab genommen.

  55. Stephan Wohanka sagt:

    Zu Erhard Cromes Beitrag:
    Irgendwie hat China momentan – zumindest im Blättchen – einen tollen Lauf!
    Crome schreibt: „China malte Sigmar Gabriel im Grunde nur als ´Gelbe Gefahr´ an die Wand. Ohne die Politik des USA-Präsidenten Donald Trump zu nennen, weil er die USA ja als zweiten Pfeiler des Westens beschwören wollte, identifizierte der Minister den ´Protektionismus´ als eine weitere Bedrohung. Auf diesem Felde allerdings ist gerade China derzeit der wichtigste Verbündete des Exportweltmeisters und seiner EU gegenüber den Vorhaben Trumps, einen Handelskrieg gegen die Exportnationen vom Zaune zu brechen“.
    Offiziell heißt es in China, dass die dort registrierten EU-Firmen die gleiche Behandlung wie heimische Betriebe genießen sollten. Klagen über eine Bevorzugung chinesischer Firmen seien gegenstandslos. Die notwendige Modernisierung der Industrie erfordere vielmehr, dass sich China noch weiter öffne, um fortschrittliche Technologien einzuführen. Die westlichen Industriestaaten würden benötigt.
    China – doch der Bewahrer des Freihandels? Die Realität ist eine völlig andere. Zwar will Peking an „fortschrittliche Technologien“ kommen, aber EU-Firmen beklagen seit Jahren, dass sie nicht die gleiche Behandlung wie heimische Betriebe genießen. Sie werden zudem verpflichtet, Kooperationen mit chinesischen Firmen einzugehen, die sich dann rasch zu Konkurrenten entwickeln. Erst kürzlich legte die EU-Handelskammer in Peking eine Studie vor, derzufolge europäische Firmen ständig unter Druck gesetzt würden. Sie erhielten nur dann Zugang auf den chinesischen Markt, wenn sie den Chinesen ihre Technologie zur Verfügung stellten. Von „unfairen Bedingungen“ sprach EU-Kammer-Präsident Jörg Wuttke.
    Auch im Streit um Chinas Überkapazitäten gibt es wenig Bewegung. Trotz eines weltweiten Überangebots produzieren chinesische Staatsunternehmen weiter eifrig Tonnen an Stahl und Kohle. Sie ruinieren auf diese Weise weltweit die Preise. Im Herbst weigerte sich die EU, die Volksrepublik als Marktwirtschaft anzuerkennen, ein Versprechen, dass die Europäer im Zuge Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation bis 2016 eigentlich zugesagt hatten. „China erfüllt die Kriterien nicht“, heißt es bis heute von der EU-Kommission. Auch weigert sich die chinesische Führung weiter, Chinas exorbitanten Handelsüberschuss allen voran mit den USA als Problem anzuerkennen.
    Summa summarum wird sich Deutschland und die EU auch nicht auf China als „Verbündenden“ in Welthandel verlassen können. Deutschland und die EU sollten alles tun, ihre Stärken (weiter) zu bündeln und geschlossen auftreten. Das ist à la longue die einzige Strategie, die – vielleicht – trägt.

  56. Peter sagt:

    Ich kenne Putin nicht, von daher kann ich nicht sagen ob er ein“angenehmer Zeitgenosse“ ist. Was ich von ihm halte ist vollständig belanglos. Auf alle Fälle halte ich sein Handeln für „sein“ Land nachvollziehbar. Er vertritt die Interessen Russlands gut. Der „Westen“ hilft ihm dabei, die Sanktionen gegen Russland habe die Landwirtschaft dazu gebracht autark zu sein. Ich denke auch nicht das er sich als Opfer betrachtet. Es sind Interessen, die in der Politik befriedigt werden.
    Ich stimme ihnen zu bei der Sicht zu den „Skripal Vorfall“, da wird dann auch von Mord gesprochen obwohl noch keiner Tot ist. Auch das her leiten aus eben so dubiosen Vorfällen der Vergangenheit ist sehr schlicht. Es wird so getan als sein es in den Genen der Russen Menschen umzubringen, kolportiert aus Regionen die Millionen Russen umgebracht haben. https://www.heise.de/tp/features/Giftanschlag-Britische-Regierung-weist-23-russische-Agenten-aus-3994980.html
    Was kann Putin dafür das er verdächtigt wird? Auch wenn es ihm zupass kommen mag. Ansonsten Verschwörungstheorie.
    Meiner Meinung nach geht es darum das gegen Russland ein Wall aufgebaut werden soll. kann sich jemand vorstellen Russland, Deutschland, China? https://www.youtube.com/watch?v=x-XT7A6Drrg

  57. Martin Kirchner sagt:

    Vielleicht irre ich mich ja, aber ich finde, der Verweis auf dieses Engels-Zitat passt irgendwie in den Dissens
    von Mankwald und Richter, zu wessen Gunsten, das mag der Betrachter entscheiden.

    Friedrich Engels in einem Interview des französischen „Le Figaro“ vom 13. Mai 1893:

    „Und was ist Ihr, der deutschen Sozialisten, Endziel?“ Herr Engels sah mich einige Augenblicke an und sagte dann:
    „Aber wir haben kein Endziel. Wir sind Evolutionisten, wir haben nicht die Absicht, der Menschheit endgültige Gesetze zu diktieren. Vorgefaßte Meinungen in bezug auf die Organisation der zukünftigen Gesellschaft im einzelnen? Davon werden Sie bei uns keine Spur finden. Wir sind schon zufrieden, wenn wir die Produktionsmittel in die Hände der ganzen Gesellschaft gebracht haben, und wir wissen wohl, daß das bei der gegenwärtigen monarchistischen und föderativen Regierung ein Ding der Unmöglichkeit ist.“

    Martin Kirchner

    • Werner Richter sagt:

      Ich muß bekennen, daß ich das Zitat nicht kannte, danke. M.M nach korrespondiert es mit dem Marxschen Bekenntnis, kein „Marxist“ zu sein, als auch mit den Thesen von Dieter Wolf wie auch von Heinrich Harbach zur Kaspitalinterpretation.

  58. Peter Siegel sagt:

    Ich halte Wladimir Putin keineswegs für einen angenehmen Zeitgenossen, der lediglich als geopolitisches Opfer des Westens agiert und als solcher solidairsch zu betrachten wäre. Was die derzeitige Kampagne (nicht nur) der Briten in Sachen des vergifteten Ex-Doppelagenten Skripal gegen Russland angeht, so bin ich über deren Chuzpe allerdings wieder einmal einigermaßen fassungslos. Denn die einfache Frage, wem ein solcher Mord nützt, lenkt die Aufmerksamkeit jedenfalls nicht auf Putin, der weder an dem längst „verbrannten“ Skripal Interesse haben dürfte, noch viel mehr aber daran, den Vorwuf eines Auftragsmordes auf sich zu ziehen, wo er unmittelbar vor einer Wiederwahl und der mit neuerlichem Reputationsgewinn kalkulierten Fußball-WM steht. Dass die Bestandteile des gegen Skripal zum Einsatz gekommenen Giftes jederzeit und überall leicht zu haben sind, muss zudem selbst der Spiegel eingestehen.
    Peter Siegel

    • Stephan Wohanka sagt:

      Man kann das auch ganz anders sehen – möglich, dass Russland nicht hinter dem Anschlag auf Skripal steckt, aber die Verdächtigungen kommen dem Kreml gerade zupass. Sie verstärken jene Wagenburg-Mentalität, auf der Putins ganze Wahlkampagne aufgebaut ist: Die Welt ist gegen uns, und nur einer ist in der Lage, ihr die Stirn zu bieten.

  59. HWK sagt:

    SpiegelOnline weiß zu berichten:
    Donald Trump will Lehrer und anderes Schulpersonal ermuntern, sich freiwillig zu bewaffnen. Um außerdem mehr Lehrer im Umgang mit Waffen zu schulen, solle es staatliche Fördermittel für Schießtrainings geben, kündigte der US-Präsident nun an. Mit seinem Plan wolle er die Schulen in den USA „besser gegen Waffengewalt abhärten“
    Trump äußerte sich außerdem über einen Football-Coach der Schule, der starb, als er mit seinem Körper Schüler beschützte. „Hätte er eine Waffe gehabt, hätte er nicht rennen müssen, er hätte geschossen und damit hätte er dem ein Ende gesetzt“, sagte Trump laut „New York Times“.
    Und dabei gibt es doch auch in den USA jede Menge guter Psychiater, mag sich denn keiner mal für D.T. erbarmen bevor dieser Mann nicht nur sein Land in den Abgrund reisst?
    HWK

  60. Ulrich Busch sagt:

    Zwei Anmerkungen zu Stephan Wohankas Kritik an der „schwarzen Null“
    Inzwischen „quietscht“ es tatsächlich überall, aber lässt sich dies wirklich nur auf den Rückgang der Neuverschuldung des Staates zurückführen? Oder ist es nicht auch eine Folge des Verzichts des Staates auf Steuereinnahmen, z. B von Vermögenden, Erben, Spitzenverdienern, Unternehmen und internationalen Konzernen? So lange der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte mehr als zwei Billionen Euro beträgt und die Schuldenstandquote mit 65% immer noch über der selbst verordneten Obergrenze von 60% des BIP liegt, kann eine Begrenzung des laufenden Defizits doch nicht gänzlich falsch sein. Würde man mehr einnehmen, so könnte man auch ohne steigende Schulden mehr ausgeben. – Dieser Aspekt fehlt in dem informativen Beitrag.
    Eine zweite Ergänzung betrifft die Saldenmechanik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Der Autor führt aus, dass die Verschuldung des Staates mit der Vermögensbildung der privaten Haushalte korrespondiert. Er unterschlägt aber, dass auch der Unternehmenssektor netto mit 1,8 Billionen Euro verschuldet ist. Würden Unternehmen mehr investieren, so würde diese Größe kräftig zunehmen. Im Gegenzug würden die Vermögen der Bevölkerung weiter wachsen, ganz ohne eine Zunahme der Staatsverschuldung. Ökonomen sehen hierin eindeutig die volkswirtschaftlich bessere Lösung. Warum aber wird diese Möglichkeit hier ausgespart und stattdessen davon gesprochen, dass „Staatsdefizite die einzige Quelle des Nettogeldvermögens des nichtstaatlichen Sektors“ seien? Was so nicht zutreffend ist und die tatsächlichen Zusammenhänge allzu sehr verkürzt.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Natürlich hat Ulrich Busch recht, wenn er moniert, der Staat hätte auch mehr Steuern einnehmen können – nur hat er jemals auf diesem Gebiet den Ehrgeiz entwickelt, den er beim Sparen an den Tag legte? Das Leitmotiv Schäuble´scher Politik war Sparen, nicht Abbau des Verzichts auf Staatseinnahmen.
      Der genannten Staatsverschuldung steht ein Geldvermögen der privaten Haushalte von rund 5,8 Billionen brutto gegenüber. Desgleichen stehen den Staatsschulden ein beträchtliches Staatsvermögen in Form von Sachvermögen (Gebäuden, Infrastruktur usw.) und auch Geldvermögen gegenüber. Natürlich handelt es sich bei dem Staatsvermögen zum erheblichen Teil um ein reines „Buchvermögen“ – also namentlich Sachliches wie eben Straßen, Brücken, Infrastruktur. Stünde dieses Vermögen zum Verkauf, würden sich kaum Käufer finden, die auch nur annähernd bereit wären, den Buchwert zu zahlen. Diese Sachwerte werden jedoch der nachfolgenden Generation zur weiteren Nutzung übergeben. Und hier hat sich meines Erachtens die Sparpolitik – wie geschrieben – massiv versündigt: Wir hinterlassen diese Sachwerte einigermaßen ramponiert; der Investitionsstau der öffentlichen Hände ist legendär.
      Recht hat Ulrich Busch, dass ich in Sachen Saldenmechanik der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu stark verkürzt habe; es sollte nicht zu komplex werden, mein Fehler.

  61. Werner Richter sagt:

    Zu Bernhard Mankwald: Transformation
    Wiedermal taucht der Begriff Transformation in der Diskussion auf. Als er aufkam, wimmelte es vor Foren, sogar von Konferenzen dazu. Inzwischen hat er sich unter den anderen eingebürgert. Jedoch, man möge mir im Falle des Falles meine Unwissenheit nachsehen, konnte ich keinen Bäume ausreißenden Erkenntnisfortschritt vermerken. Außerdem habe ich den Eindruck, daß jeder diesen Begriff nach Gusto gebraucht, fast jeder mit seiner privaten Definition. Das ist m. E. ganz einfach damit zu erklären, die Mehrzahl der Wortmeldungen, auch diese hier und der hinzugezogene Artikel von Rolf Reißig tun dies auch, ist man auf die politische Handlung von Kräften, Bewegungen und Parteien fokussiert und betrachtet die Transformation ausschließlich unter diese Warte, sucht also die Kräfte, die dem Volke den Transformationsweg, was immer man darunter versteht, weisen. So ist logisch, daß alle über Transformation reden, aber jeder etwas anderes im Sinne hat.
    In der Logik der Theorie läge es allerdings, sich zunächst oder zumindest gleichzeitig mit dem P r o z e ß der Transformation zu beschäftigen, bevor man die Strategie festlegt bzw. deren Sinn oder Unsinn, Erfolg oder Nichterfolg in der Geschichte zu deuten versucht. Es wäre sinnvoller, die Ursachen einer Notwendigkeit der Transformation erst ein mal zu ergründen, als Forderung der Entwicklung der Produktivkräfte zu definieren, um daraus meinetwegen Strategie und Taktik entwickeln zu können. Das wäre eigentlich nur die Anwendung eines uns doch geläufigen Prinzips, das im M/L schon Gesetz war und seine Bedeutung nicht verloren haben dürfte. So kann man als Ergebnis die Annäherung der Standpunkte bis zu einem gewissen Grad erreichen. Das ist seit einiger Zeit das Angebot der Website
    wirtschaftstheorie-forum.de,
    aber seltsamer Weise scheint kaum jemand der Koryphäen daran Interesse zu haben. Da ist es halt bequemer, über die Transformation im Allgemeinen nach bisheriger Weise zu schwadronieren, um mal eine Wertung von Herrn Schwarz an anderer Stelle zu gebrauchen.

    • Werner Richter will uns weismachen, eine umfassende Demokratisierung, wie Karl Marx sie propagierte, würde sich nicht auch auf die „Entwicklung der Produktivkräfte“ auswirken. – Übrigens enthält das von mir zitierte Buch auch eine Zusammenfassung des ökonomischen Werks von Marx und eine Darstellung der Wirtschaft des vorgeblich realen Sozialismus aus meiner Sicht. Beides habe ich dem Kommentator schon vor Jahren zugänglich gemacht. Herr Richter ignoriert so etwas souverän und nutzt statt dessen jede noch so unpassende Gelegenheit zu dem Versuch, „Koryphäen“ für sein Lieblingsthema zu interessieren, indem er sie beleidigt. Ob das funktionieren kann?

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Herr Mankwald, wo Sie heraus fanden, daß ich darstellte, „… eine umfassende Demokratisierung… würde sich nicht auch auf die „Entwicklung der Produktivkräfte“ auswirken…“, erschließt sich mir nicht. Aber es bleibt Ihnen unbenommen, dies so zu sehen. Über Wechselwirkungen von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und das Primat dabei brauchen wir nun wirklich nicht mehr streiten.
      Aber ich bin Ihnen dankbar überhaupt für eine Reaktion, kamen doch langsam Zweifel, ob die Szene um die Theorie noch am Leben sei.
      Nein, das sind keine Beleidigungen, aber ja, das ist Provozieren und eventuell auch Stänkern, was ich da so treibe. Ich bekenne, Provokation ist mein zweiter Vorname, hat mir schon viel Ärger, richtigen Ärger, eingebracht, aber ich kann nicht davon lassen. Schuld sind die Widerspruchsgene meines Vaters. Ich bin unschuldig, „ich habe meine Tante geschlachtet, sie war alt und schwach …“. Und ja, Sie haben „mein Thema“ exakt getroffen. Mein Thema, soweit man es so bezeichnen kann, ist die mich fassungslos machende Ignoranz von Teilen der Ökonomen nach der Katastrophe des „Marxismus-Leninismus“, so, als ob die Theorie im Großen und Ganzen richtig gewesen sei, nur die Praxis hätte nicht gestimmt. Man trifft durchaus Kritik und Selbstkritik an der Theorie an, jedoch fast immer unter dem Aspekt, die Grundlinie sei durchaus richtig gewesen, einige Korrekturen machen es schon. Eine grundlegendere Durcharbeitung wird strikt abgelehnt. Da halte ich die Frage von einigen Ökonomen und Philosophen wie Dieter Wolf, Heinrich Harbach u.a. für dringend angebracht. Wie schon gesagt, ich bin kein Theoretiker, der eine bestimmte Richtung bearbeitet, ich bin nur aufmerksamer Beobachter der Szene, und von der Warte aus scheint mir die Infragestellung der dominierenden Kapitalinterpretationen sehr berechtigt zu sein, dafür steht die Website zur Verfügung. Davon werde ich nicht lassen, solange meine grauen Zellen und die Finger für die Tastatur mich befähigen, über den 200. Geburtstag von Marx, der zugleich mein 74. sein wird, hinaus. Ob es nützt, steht auf einem anderen Blatt. Es wird sich zeigen.
      Ihr Buch „Das Rezept des Dr. Marx“ habe ich, schon gewürdigt, erhalten, es hat, jetzt auch, seinen ständigen Platz (50 cm Abstand) hinter mir unter Marx, Hobsbawm, Piketty, Krugman, Flassbeck, Harbach, Klaus Müller, Siefkes, Hummel u.a. gefunden. Darüber steht mein Schrein, stilisierte rote Fahne, Leninrelief, Wojtyla-Foto, hübsch gerahmt, sowie die 3 Affen, unter der Nationalflagge mit Eulenspiegel-Symbol. Ja, ich halte Ihr Buch für durchaus angebracht zu „meinem Thema“, aber auch in der Form für nicht beitragsgeeignet zur Website. Es müßte dann von mir rezensiert in die Diskussionsform gebracht werden, aber das kann doch nicht die Aufgabe des Moderators einer Website sein, ich bitte Sie. Das hatte ich Ihnen nach meiner Erinnerung auch so klar zumachen versucht. Es steht weiterhin die Einladung, zu den Thesen der Website Stellung zunehmen. Naturgemäß ist eine andere Verfahrensweise, als auf den Vorgaben in dieser zu bestehen, nicht gegeben.
      Bin gespannt auf die kommenden Marxwürdigungen. Um beim Thema zu bleiben, sei ein Beitrag von Heinrich Harbach hier angebracht:
      https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081770.karl-marx-der-springpunkt.html
      Bis demnächst!

    • Lieber Herr Richter, erst mal vielen Dank für den treffenden Ausdruck – „Provozieren und eventuell auch Stänkern“ beschreibt das, was Sie da treiben, in der Tat besser. An der Vorgabe habe ich mich orientiert. – Ich fand es ärgerlich, dass Sie von meiner These über Demokratisierung als Weg zu einer wünschenswerten Transformation den ersten Begriff ausgeklammert haben. Sicher müssen dafür die materiellen Voraussetzungen gegeben sein, aber so wie Marx den Prozess verstand, wirkt er doch auch auf die materiellen Grundlagen zurück. – Soweit mein erster Satz in einer hoffentlich verständlicheren Fassung.

      Einen Widerspruch sehe ich darin, dass Sie von der „Katastrophe des ‚Marxismus-Leninismus'“ reden, diesen unglücklichen Bindestrich-Begriff, der ja im Grunde erst das Werk Stalins ist, aber nicht hinterfragen. In meinem Beitrag und in dem von Ihnen erwähnten Buch versuche ich zu zeigen, dass Lenin auf der politischen Ebene in entscheidenden Punkten im Gegensatz zu Marx stand. Der Leninismus ist für meine Begriffe der Klotz am Bein der Linken – und der Bindestrich ist der Strick, mit dem er befestigt ist. – Die von mir erwähnten ökonomischen Passagen stammen aus einem früheren Buch, das ich Ihnen mal für Herrn Harbach zusandte. Die Texte kann ich Ihnen gerne schicken; dazu bräuchte ich Ihre e-Mail-Adresse; Kontakt kann über das Link im Kopf dieses Kommentars hergestellt werden.

      Ob Ihre oben besprochene Taktik wirklich zu einem „Moderator“ passt? Interessant finde ich es immer, wenn Sie mal auf Ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen kommen; das wirkt dann gerade durch Ihren impulsiven Schreibstil sehr lebendig.

    • Werner Richter sagt:

      Es lebe der Streit! Ernsthaft, die Langeweile würde uns noch vor dem nächsten Weltuntergang töten.
      Wären Sie mit einer Eingabe Ihrer Beiträge in die Website-Diskussion einverstanden? Aber das können Sie mir ja mit eMail sagen, ich höre schon das Scharren im Hintergrund: Jetzt ist aber genug!
      Eine Frage bleibt jedoch, was mache ich mit dem schon von mir weiter oben genutzten Zitat von Marx „kein „Marxist“ zu sein“, wenn erst Stalin der Böse war? Ganz so einfach dürfte es wohl nicht sein. Da finde ich die viel weitergehende Feststellung aus der Buchbesprechung von Heiner Harbach, die ja inhaltlich fast ausschließlich eine Analyse zu „Kapital 1.5 Die Wertform“ ist und eigentlich „Die Wertform – das Fundament der kapitalistischen  Produktionsweise“ heißen sollte, zielgenauer, wenn er direkt auf Marx hinweist:
      „Er [Marx] war sich der Schwierigkeiten des Anfangs durchaus bewusst: «Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels … der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen.»
      Im ersten Kapitel haben wir es mit der Wertform und bei Darstellung von Ware und Geld mit dem Ausgangs- bzw. Anfangspunkt des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zu tun – und nicht mit einer historischen Einleitung ins «Kapital», wie gemeinhin angenommen wird.“
      So im erwähnten ND-Interview. Ich hoffe weiterhin, daß einige dieses lesen werden. Der Link ist im Forum weiterhin zu finden.

  62. Rita Kessler sagt:

    Es ist schon frappierend, wie diesmal die Rubrik „Vor 90 Jahren“ mit ihrem Ossietzky-Text von 1928 zu Heutigem passt.
    Danke für dieses erhellende Fundstück.
    Rita Kessler

  63. Peter sagt:

    Es kann nicht schaden, auch wenn es illusionär ist.
    Ich lehne solche „Lächerlichkeiten“ ab, allerdings im wesentlichen wegen der Begründung. Die Welt wird nicht wegen Atomwaffen oder eines Atomkriegs untergehen. Ich denke, es ist schon so viel an der Lebensgrundlage des Menschen vernichtet und wird weiterhin vernichtet, dass so ein Appell ablenkt. Es wird auch nicht einen Augenblick auf die Ursache eingegangen, so als meine mensch, die Flammen in einem Feuer wären das „Problem“. Jeder weiß das, aber der Narzissmus lässt nicht zu, irgendwas zu „machen“, da kommt so ein moralischer Appell gerade richtig.
    „Heute führen wir den Kampf um den Weltmarkt … nicht mit der Möglichkeit der Preisunterbietung im Warenverkehr, sondern mit der gesteigerten Qualität unseres Volkes. Die Arbeiter kämpfen, wenn man das drastisch ausdrücken will, mit Gewehr und Handgranate für die Profitrate des Unternehmers, und dieser kann nur wünschen, daß sie recht ausdauernde Soldaten seien.“ (Theodor Heuss, 1. Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, 1915)“
    Da die Arbeiter weniger werden und nicht zuverlässig sind, müssen Atomwaffen her. Nichts Besonderes.

    • Werner Richter sagt:

      Schließt denn das eine das andere aus? Wieso soll Selbstmord aus Angst vor dem Tod bzw. Untergang nicht möglich sein? Ist nicht gerade deshalb der Kampf gegen die drohende Kriegsgefahr sinnvoll, um die Chance für eine andere Gesellschaft zu bewahren? Fatalismus war noch nie eine Lösung für irgendwas. Wir haben keine Chance? Also nutzen wir sie doch.

    • Werner Richter sagt:

      Noch eine Anmerkung, durchaus zum Thema. Die „Weltuntergangsstimmung“, eigentlich wohl auf Selbstbetrug (man kann eh nichts machen) aufbauend und eigene Ängste sowie Bequemlichkeit kaschierend, wird sekundiert von einer wahren Flut von wüsten Angriffen auf noch einigermaßen ordentliche Nachrichten- und Meinungswebsites in deren Foren. Ziel dieser Kampagne, wird wohl dahinter stecken, ist die Eroberung dieser Foren zur Diskreditierung und Einschüchterung von Autoren, die sich der Gefahr der Faschisierung entgegenstemmen und deren Hintergründe aufzudecken versuchen. Man informiere sich mal z. B. im Forum von telepolis, den meisten Lesern wohl geläufig. Dort gibt es aber auch einen Aufruf von Oberst Meyer, den rechtsradikalen, versteckt faschistischen und recht offen nationalistischen Trollen permanent die „Rote Karte“ zu zeigen. Es wäre nicht das Schlechteste, würden sich auch hier versammelte Leser dem anschließen und ihren überlegenen Geist dort aktiv arbeiten lassen.

  64. Das Blättchen sagt:

    Ein ökumenischer Aufruf fordert: Atomwaffenverbot ins Grundgesetz!
    Eine Gruppe bekannter friedensengagierter Christinnen und Christen hat gestern einen „Appell an die Regierung, an unsere Kirchen und an uns selbst“ gerichtet, in dem sie ihr „Nein zu Atomwaffen und zur atomaren Teilhabe Deutschlands“ erklären.
    Das geschieht vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen Monaten die Gefahr eines Atomkrieges dramatisch gestiegen ist und deutlich geworden ist, dass Atomwaffen nicht andauernde Sicherheit und Schutz bieten, sondern eine anhaltende Bedrohung der Menschheit und der Schöpfung bleiben. Vor 70 Jahren hat sich der Weltrat der Kirchen gegen Atomwaffen ausgesprochen, er ist der Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) beigetreten, die 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Im Juli 2017 haben 120 Staaten bei den Vereinten Nationen einem Vertrag zugestimmt, der Atomwaffen verbietet und nach dessen Ratifizierung geltendes Völkerrecht wird.
    Die Unterzeichner des Aufrufs mahnen: „Unsere Kirchen riskieren, als unglaubwürdig wahrgenommen zu werden, wenn sie die Bundesregierung nicht deutlich dazu auffordern, sich Abrüstungsinitiativen im Rahmen der UNO nicht länger zu verweigern, und allen Versuchen zu widerstehen, eine atomare Aufrüstung der EU zu unterstützen.“
    Sie erklären: „Wir lehnen die Politik der atomaren Teilhabe Deutschlands ab. Wir fordern den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland. Wir plädieren dafür, dass in unserem Grundgesetz ein Atomwaffenverzicht aufgenommen wird.“
    Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehören die frühere Brandenburger Ausländerbeauftragte Almuth Berger, der frühere Erfurter Propst Heino Falcke, der Schweriner Bürgerrechtler Heiko Lietz, die frühere Berliner Pfarrerin Ruth Misselwitz, der frühere SPD-Politiker Hans Misselwitz sowie der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser.

  65. Heino Bosselmann sagt:

    Zu Stephan Wohanka, Woran liegt’s bei der Linken?, 21. Jahrgang, Nummer 5, 26. Februar 2018

    Eine ausgezeichnete Bestandsaufnahme. Klug die Differenzierung der Linken in einen eher sozial und einen eher kulturell-intellektuell agierenden oder vielmehr nur noch empfindenden Salon. Mich bewegt zu der Thematik: Offenbar entwickelte die Berliner Republik und entwickelte „Europa“ im Überbau einen rhetorisch auftrumpfenden Scheinsozialismus totaler Gerechtigkeitsvorstellungen und Glücksversprechen, der sich an traditionell linken Themen und Forderungen bedient und diese dadurch ins Leere laufen lässt, dass sie – rein verbal – gar zur Staatsdoktrin erhoben wurden. Ich meine all diese Karikaturen wie gerechte und einfache Sprache, Bildungs- und Geschlechtergerechtigkeit, Genderei, Willkommenskultur für alle und jeden usw. usf. und sehe darin so etwas wie eine kollektiv-neurotische Reaktion darauf, dass im Gegensatz zu diesen ideologisch anmutenden Bekenntnissen und Verheißungen an der ökonomischen Basis selbst im Zuge neoliberaler Umgestaltungen knallhart eine Effizienzsteigerung griff (Übrigens gerade durch globale Arbeitsteilung, die anderswo prekärste Verhältnisse schafft!), die die tatsächliche, also soziale Ungleichheit verschärfte, mit problematischen Folgen für die Lebensweise: Billiglohn, latente Verblödung durch Medien und Netz, einerseits Sedierung, anderseits Nervosität steigende Reizüberflutung der Heranwachsen, zunehmende „Verhausschweinung“ (Konrad Lorenz), Herausbildung einer SUV-Bourgeoisie der Besserverdiener, mangelnde Demokratiekompetenz infolge allzu oberflächlicher Bildung, die zwar Bekenntnisse, kaum aber Urteilskraft zu entwickeln vermag, und ein alles überzuckernder Discounter-Hedonismus. Nicht nur die Populisten sind populistisch, die Parteiprogramme selbst sind es, die Glückserwartungen sowieso, wenn nicht überhaupt schon die „Demokratie“ ein durch und durch populistisch agierender Betreib ist. Man sehe sich marxistischen Blicks die Eigentumsverhältnisse an. Da sieht man, was durch Gerechtigkeits- und Chancengleichheitsgedöns eigentlich kaschiert wird. Gerechtigkeit soll einfach behauptet und als Schein dekretiert werden, zuallererst durch inflationiert ausgedruckte Bildungsabschlüsse. Die Linke gibt sich auch dadurch auf, dass sie solche Simplifzierungen mitmacht, gewissermaßen einerseits in Neuauflage des Junghegelianismus und andererseits des Trade-Unionismus. Eigentlich ein Witz: Das Gesicht des deutschen Sozialismus ist mittlerweile Frau Merkel. – Die Frage wäre: Welche Chancen hat die Linke überhaupt? Bleibt ihr wenigstens noch ein Platz als Korrektiv? Und: Wo sind ihre intellektuellen Köpfe? M. E. ist das Hauptproblem der Linken durch ihre gesamte Geistesgeschichte hindurch zum einen die von ihr generierte, rousseauistisch inspirierte Anthropologie, zum anderen die hegelianisch bestimme Geschichtsphilosophie. Aber das wäre ein anderes Thema. Wo die Linke je Staat machte, konnte sie zudem nie sie selbst bleiben und säkularisierte gewissermaßen eindrucksvoll ihre Illusionen. Wo war je „richtiger“ Sozialismus? In der UdSSR als leninistisch hinkonstruierter kafkaesker Albtraum, in Skandinavien als Randexistenz? Im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik? Ich suche da wirklich nach jemals bewährten Varianten. Und: Wer ist eigentlich Agens im Kapitalismus? Tatsächlich der auf dem Geldsack dräuende Kapitalist? Oder doch eher wir alle, die utilitaristisch agierenden Konsumenten, die wir uns allzu schnell Vernunft beilegen? Eines der eindrucksvollsten Phänomene ist sicher, dass dieser Kapitalismus noch den linksten Linken korrumpiert, indem er ihm ein iPhone in die Hand drückt, mit dem er seine Demos dokumentieren und seine Losungen versenden kann.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Ich möchte aus dem anregenden Kommentar zu meinem Text nur eine These Bosselmanns herausgreifen: „… wenn nicht überhaupt schon die ´Demokratie´ ein durch und durch populistisch agierender Betreib ist“.
      Mit Demokratie und Populismus kommen uns unsere Ursprünge entgegen – erstere hat griechische Wurzeln, letzterer römische. Natürlich hat Bosselmann nicht unrecht – wollen nicht alle „demokratischen“ Politiker dem Volk aufs Maul schauen? Ja, sogar Merkel, die zwar so gut wie nie vom „Volk“, aber von den „Menschen“ spricht. Populismus ist als Phänomen der Massendemokratie nicht unähnlich. Es geht um Mobilisierung von Massen und ihre Formierung zur „moral majority“; Legitimität nimmt stets doch ein wenig die Biederkeit und Rechtschaffenheit der kleinen Leute in Anspruch gegen die da oben. Sind Demokratie und Populismus also einander zugewandt, von ähnlicher DNA, oder stehen sie doch in gewissem Gegensatz?
      Ich denke – beides. Demokratische Politiker sind desgleichen auf Methoden angewiesen, derer sich Populisten ausschließlich bedienen. Je komplexer die Thematik, desto klarer müssen Politiker sich äußern, wenn sie die Bürger erreichen wollen. Ob Wirtschafts-, Sozial-, Außen-, Sicherheits- oder Migrationspolitik – Politiker müssen die Komplexität dieser Politikfelder reduzieren, um sich breiten Bevölkerungsgruppen verständlich zu machen, um Mehrheiten zu gewinnen. Vereinfachung bedeutet aber keineswegs Verzicht auf Präzision und Variation der Sprache, beinhaltet Spruch und Widerspruch. Ein aus Popularisierung folgender sachorientierter, technokratischer Politikstil ist namentlich geeignet, aktuelle, drängende Probleme zu lösen. Auf Dauer jedoch sollte „gute“ Politik, wie Merkels anhaltende Kanzlerschaft demonstriert und entgegen dem Schmidt´schen Diktum „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, den Ehrgeiz haben zu sagen, was sie längerfristig will; meint undogmatische und über über das Tagesgeschäft hinausgreifende Vorstellungen zu formulieren.
      Neben der Vereinfachung ist die Identifikation eine weitere durchaus demokratisch legitimierte populäre Vorgehensweise; das heißt die Bildung von Koalitionen aus diversen sozialen Gruppen und Milieus zu einem Ganzen. Populisten gehen weiter und machen daraus ein ausgrenzendes „Wir“ gegen die „anderen“. Eine „Steigerung“ erfährt die populistische Variante dann noch, wenn die Ausgrenzung zum Feindbild wird, wenn „Gegner“ vorgeführt werden, die angeblich „unseren“ Leuten ein besseres Leben vorenthalten – etwa Eliten im Regierungsapparat und in großen Unternehmen, in europäischen und internationalen Institutionen, womöglich auch ethnische Minderheiten, andere Nationen oder Religionen.
      Vereinfachung darf nicht in Ignoranz abgleiten, d. h. dass Kosten und Nebenwirkungen politischer Maßnahmen ausgeblendet und in der Debatte nicht mal thematisiert werden. Desgleichen auch nicht in verbale oder mediale Schwarzmalerei verfallen, was hieße, dass Negativität und Dramatisierung den Kommunikationsstil prägten und der Zustand der politischen Welt außerhalb der Reichweite populistischer Imagination als verkommen dargestellt würde. Übertrieben negative Beschreibungen gesellschaftlicher Zustände, manchmal garniert mit „alternativen Fakten“ (vulgo: Lügen), erzeugen den Eindruck unausweichlichen Verfalls. Wer vermeintlich Schuldige vorführt, der vergiftet das politische Klima und unterminiert das Vertrauen in jene Institutionen, ohne die Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und letztlich auch die Verächter der Institutionen nicht zu funktionieren vermögen.
      Vielleicht ist „Demokratie“ so doch kein „durch und durch populistisch agierender Betreib“, sondern doch (noch) ein halbwegs funktionierender, wenn es darum geht, kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen. Mich jedenfalls überzeugt immer noch die repräsentative Demokratie – will man aus diesen ganzen komplizierten und nervigen politischen Prozessen etwas herauskristallisieren, um es umzusetzen.

  66. Stephan Wohanka sagt:

    China – Vernunft als Wille
    Heerke Hummel schreibt: „Immerhin habe Xi – im Unterschied zu uns Europäern – für sein Land und seine Bewohner ein Konzept bereit, eine Vision: Eine Welt, in der man friedlich nebeneinander lebt, in der man sich gegenseitig hilft, statt sich zu bekämpfen, eine Welt in Harmonie und Sicherheit. Auch hier möchte man ergänzend hinzufügen: Für den Rest der Welt ist das sicherlich auch eine annehmbarere Perspektive als das frühere Gespenst einer proletarischen Weltrevolution“.
    Sicherlich – die Perspektive der Weltrevolution ist passé; aber daraus gleich eine chinesisch gestaltete „Welt in Harmonie und Sicherheit“ zu machen – ist das nicht etwas zu stark aufgeschnitten? Ich bin kein Kenner Chinas, insofern ist diese Frage auch zugleich Aufforderung zur Aufklärung…
    Klar ist – denke ich – über kurz oder lang wird China seine wirtschaftliche Macht auch politisch und vor allem geostrategisch einsetzen; was heute schon sichtbar ist: Mehrere Staaten streiten schon seit Jahren um das rohstoffreiche Territorium im Südchinesischen Meer. China versucht, sich mit Macht bei diesen Streitigkeiten durchzusetzen und beansprucht mittlerweile fast das gesamte Südchinesische Meer für sich – einschließlich der Regionen vor den Küsten von Vietnam, Malaysia und den Philippinen. Hält sich China dabei an internationale Normen und Regeln? Es schickt immer wieder Schiffe in das Gebiet und schüttet künstliche Inseln aus Sand rund um die Spratly-Inseln und am Mischief Reef auf – vermutlich um Militärbasen darauf zu errichten. Schürt nicht diese Art der „Landgewinnung“ in der Region Ängste vor dem übermächtigen Nachbarn? Auch mit Japan streitet China seit Jahren um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer.
    Zugleich verfolgt Peking seine Energie- und Rohstoffinteressen immer nachdrücklicher und sichert sich durch großzügige Entwicklungsbeihilfen und Investitionen wachsenden Einfluss sowohl in Asien wie auch in zahlreichen Ländern Afrikas und Lateinamerikas. Hat das nicht gewisse neokoloniale Züge?
    Also mehr Fragen als Gewissheiten… aber das ist wohl bezüglich China im Moment so.

  67. Jürgen Scherer sagt:

    zu „Deutsch“ Blättchen 5:
    Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. So könnte man die neueste Artikelreihe von Bosselmann sehen. Im Blättchen 4 ist die DDR Kronzeuge für die Auswirkungen des bösen Sozialismus(„Gedankentotalitarismus“), in Blättchen 5 wird ihr hervorragende Leistungen in bezug auf Rechtschreibung und Grammatik bescheinigt, von der aus der Not (?) geborenen literarischen Bildung ganz zu schweigen. War also doch nicht ganz so ein böser „DDRSozialismus“, Herr Bosselmann. Oder buchen Sie solche „En passant Hinweise“ unter der Rubrik Polemik, was ja auch immer eine gern gebrauchte stilistische Form ist, um sich notfalls rausreden zu können, quasi nach dem Motto: War ja gar nicht so gemeint, habt ihr die Polemik nicht erkannt? Wie dem auch sei, Ihre Argumentation bezüglich des Standes hinsichtlich Rechtschreibung und Grammatikwissen in unserer Republik zeigt zwar zu Recht nicht duldbare Defizite auf, kommt aber, wie anscheinend Standard bei Ihnen, leider nicht ohne Diffamierungen und Halbwahrheiten aus. Cui Bono?
    Natürlich gibt es den Schlenker zu den Achtundsechzigern, die mal wieder an der ganzen Misere schuld sein sollen. Bei Ihnen sind es die „postachtundsechziger Deutschdidaktiker“, die am Niedergang unserer literarischen Bildung schuld sein sollen. Teufel auch, was müssen das für unverantwortliche Menschen gewesen sein. Halten sich einfach nicht an den bewährten Kanon und die bewährte Methodik; jetzt ham wer den Salat! Dass hinter anderen Sichtweisen auf Literatur evtl. auch etwas Positives gestanden haben könnte, kommt Ihnen gar nicht in den Sinn bzw. unterschlagen Sie einfach: Nämlich einfach die Absicht, Literaturunterricht wieder interessant zu machen, neue und andere Zugänge zu ermöglichen. Was soll verwerflich daran sein, eine Kurzgeschichte mit anderen „Lösungen“ zu finden, können diese doch dazu dienen die vom Dichter gewählte besser, anders, genauer zu verstehen. Diese 68er, nichts war Ihnen heilig, so Ihr Mantra. Und jetzt steht unsere Kultur tatsächlich vorm Untergang, zumindest unsere Muttersprache. Die ist eine gar zu ernste Sache, um kreativ mit ihr umzugehen. Das bleibe mal den Könnern überlassen. Und die Diktate. Wären wir doch nur dabei geblieben, heute wäre alles besser. Auf die Problematik von Diktaten gehen Sie gar nicht ein. Nämlich dass Sie immer noch der Logik eines veralteten Lernsystems folgen, statt den Lerntheorien entsprechend da einzusetzen, wo es Sinn macht. Dass eine Rechtschreibreform in Richtung Kleinschreibung mir nichts dir nichts fast 50% der Fehler obsolet gemacht hätte. Stattdessen polemisieren sie mit Hilfe der Begrifflichkeiten Diktat und Diktatur. Was sollen solche Mätzchen? Nichts ist Ihnen zu billig, um für den Bildungsverfall in Sachen Deutsch den einzig Schuldigen zu finden: In linken Foren sprachen verwirrte Gemüter von „Grammatikfaschismus“. Solche abseitigen Statements dienen Ihnen dazu, den Feind aller Miseren zu benennen: alles Linke.
    Ich werde den Eindruck nicht los, Herr Bosselmann, dass es Ihnen mehr darum geht Ihre Dauerbotschaft von der „linksversifften Kultur“ unserer Zeit und der notwendigen konservativen Revolution, mit der wären Sie dann ja bei Herrn Dobrindt in guter Gesellschaft, unter die LeserInnen zu bringen, denn bei der durchaus diskutierenswerten Frage zu bleiben, was guten Deutschunterricht in unserem Lande ausmachen müsste/sollte. Unangebrachte Polemik, unzulässige Verallgemeinerungen und unsachliche Schuldzuweisungen scheinen mir keine guten Ratgeber für die Diskussion einer wichtigen Sach- und Gesellschaftsfrage.

    • Heino Bosselmann sagt:

      Haben Sie herzlichen Dank für Ihr ausdauerndes Interesse. Nur habe ich meinen Gedanken nichts hinzuzufügen und versuche stattdessen als Praktiker stets guten Mutes und hohen Engagements, was ich kann. Leider nicht hier, sondern nur auf Facebook läuft zu meiner Vorlage eine ergiebige Diskussion unter Lehrern. – Ich zitiere indessen nur mal einen Zufallsfund aus der FAZ dieser Woche vom 27.02.2018, abgefasst von Jürgen Kaube: „Zum Eingeständnis, dass vieles nicht gut läuft, konnte die Politik bislang weder durch die Befunde der Bildungsforschung noch durch die Entwicklung der Alphabetisierungsrate oder die Zertifikate-Inflation bewegt werden. Rüttgers, Bulmahn, Schavan, Wanka – immer war jeder Reformschritt einer zu mehr, gleicherer, chancenreicherer, inklusiverer und zukunftsträchtigerer Bildung. (…) Die Verantwortlichen haben sich, „mangelhaft umgesetzt“ oder „so war es nicht gemeint“ murmelnd, aus dem Staub gemacht. Ihre Nachfolger besitzen nicht die Kraft zur Ehrlichkeit.“ – So erlebe ich es auch. Indessen arbeiten meine Kollegen und ich wacker und verantwortungsvoll weiter. Selbstverständlich. – Seien Sie herzlich gegrüßt.

  68. Werner Richter sagt:

    Zu China – Vernunft als Wille von Heerke Hummel
    Das Phänomen China ist schon sehr interessant, ist es doch das einzige Land mit einer zumindest noch formal kommunistischen Führung, wenn man nur die Bezeichnungen betrachtet, das einen Weg eingeschlagen zu haben scheint, der am Horizont ein kommunistisches Fanal noch als möglich erscheinen läßt. Daß dies mittels Primat der Politik erreicht wurde, gilt wohl als unstrittig. Aber wo ist dieses Primat in der Gesellschaftsstruktur angesiedelt? Beantwortet man diese Frage auf herkömmliche marxistisch-leninistische Weise: mit dem Überbau als Platz. Die Produktionsverhältnisse jedoch wie die Produktivkräfte werden so der Basis zugerechnet. Unter diesem Blickwinkel hieße Primat der Politik zugleich Primat des Überbaus. Spätestens hier käme der Marxismus/Leninismus ins Stocken, kann ja eigentlich nicht sein. Beweise für die Existenz des Gegenteils sind hier überflüssig. Wer hat denn nun dieses Primat erfunden? Die Chinesen, die Schweizer? Nein, die Japaner. Das war der Weg Japans zum asiatischen Hegemon, und ganz im Sinne des Kapitals und ohne sozialistische Fernzielversprechen. Es ist durchaus damit zu rechnen, daß in China ein neuer Typus des Kapitalismus zur Welthegemonie entsteht, der die sozialistische Illusion aus innenpolitischen Gründen solange wie möglich aufrecht erhält. Nicht als bewußte Täuschung des Volkes, man kann auch der Führung ihren Glauben an einen sozialistischen Weg dergestalt nicht absprechen, sondern aus dem Diktat des Kapitals, des Wertgesetzes und der Verwertungsnotwendigkeit des marktwirtschaftlichen Systems. Noch soviel staatliche Regulierung kann letzteres nicht aufheben, im Gegenteil, die Erfahrungen der zusätzlichen Dysfunktionalisierung der Marktmechanismen durch staatliche Regulierung sind noch gegenwärtig. Wie z.B. in der DDR stets der Frage ausgewichen wurde, wie denn nach Vollendung der Kasernenhofgesellschaft eine selbstbestimmte freie Gesellschaft, vor allem die freie Assoziation freier Produzenten, erreicht werden kann, so wird auch in China dieser Frage ausgewichen. Es ist ein Umschlag von (Putin) “kontrollierter Demokratie“, die auch in China praktiziert wird, in eine tatsächliche auf dem Weg zu einem vollendeten Kapitalsystem schlichtweg nicht vorstellbar. Wer, wann, wo? Ob man es einsieht oder nicht, ohne vollständige Beseitigung der Grundlagen des Kapitalismus, Kapital, Wert, Ware und Geld geht selbst nach großen Crashs alles wieder auf Nullpunkt und der Kreislauf beginnt von vorn. Die Existenz des autonomen, brachialen und urwüchsigen Warensystems zwingt immer wieder dazu. Es ist in Zukunft zu beobachten, ob die KP Chinas diese Einsicht hat und parallele Strukturen der Bedarfsgüterproduktion außerhalb des Warensystems aufbaut bis zu deren Dominanz. Z.Z. sieht es eher nicht danach aus. Das Kapital selbst verhält sich zu staatlicher Regulierung abwartend, solange seine Interessen vertreten werden. Das war und ist überall so. Wenn aber die kurzfristigen Interessen ganz objektiv übermächtig werden, setzt es neoliberale Modelle durch und der Staat erfüllt das, dazu ist er da. Auf eine Änderung des Selbstverständnisses des Staates zu hoffen, wer soll das dann bewerkstelligen, ist wie den Mond anzubellen.

  69. Jürgen Heiducoff sagt:

    Jürgen Heiducoff zum Heft Nr. 5/2018
    „China – Vernunft als Wille“
    Es ist bezeichnend, dass der Autor des empfehlenswerten Buches „Sieben Jahre China – Erfahrungen aus dem Reich der Mitte“, Jörg Drenkelfort, keinen Verlag zur Veröffentlichung finden konnte. Die Wahrheit über China soll unterdrückt werden. Das gilt auch für die Mainstream-Medien. Unabhängig von J. Drenkelfort bin ich nach meinen vielen Aufenthalten in China zu analogen Einschätzungen gekommen. Ich habe ebenfalls an der Veranstaltung der Hellen Panke „Neue Ära oder baldiger Zusammenbruch in China“ teilgenommen und teile die hier geäußerte Kritik ausdrücklich.
    Hier eine meiner Erfahrungen aus China, dem Land, in dem ich einen Teil meiner Vorstellung von „Heimat“ wiedergefunden habe.
    http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews%5Bswords%5D=heiducoff&tx_ttnews%5Btt_news%5D=64130&tx_ttnews%5BbackPid%5D=65&cHash=92e41ce7de

  70. Peter sagt:

    Ich kann Ihre Sicht gut nachvollziehen, Herr Müller, und ich kenne es.
    Sie sagen, was Ihnen Angst macht, das ist was Sie in ihrem Umfeld sehen. Mir macht in dem Zusammenhang mehr Sorge, dass Deutschland andere bezahlt, damit sie KZ-ähnliche Zustände in Afrika schaffen. https://www.heise.de/tp/features/Europas-Kampf-um-die-Kontrolle-3379167.html?seite=3 Im Mittelmeer wird das Ertrinken von Flüchtlingen finanziert. https://www.youtube.com/watch?v=yEtyVI0x000 Wenn dann doch so etwas wie ein Marshallplan angeleiert wird. https://www.heise.de/tp/features/Europas-Kampf-um-die-Kontrolle-3379167.html?seite=3
    Das wird dann „wieder“ niemand was von gewusst haben. Ist ja auch kompliziert. https://www.youtube.com/watch?v=gOEmWb80efw&t=269s

    • Werner Richter sagt:

      Unabhängig von Thema verwundert doch das immer wieder kehrende Phantom Marshall-Plan zu allen möglichen Gelegenheiten. Dabei wäre ja eigentlich zu berücksichtigen, daß dieser Plan unmittelbar mit Krieg und massenhafter Zerstörung verbunden ist, denn mit diesem sollten und wurden nicht mehr benötigte Reserveüberbestände zu horrenden Preisen nach Europa verkauft. Ob das in unserem Interesse wäre, ist zu bezweifeln. Über den wohl wahreren Hintergrund des Propagandaspukes Marshall-Plan kann man sich in diesem Film ernüchtern: https://www.youtube.com/watch?v=DV8DsMmS65I. FF, viel Vergnügen!

  71. Jürgen Scherer sagt:

    Zu „Ganztagsschule gerecht“
    Schon die Einleitung bedient altbekannte Vorurteile. Ich jedenfalls kann mich nicht an solche „Arbeitszeiten“ erinnern. Auch der nächste Satz entspricht nicht den Tatsachen; denn politisch als Segen wird die Ganztagsschule nicht empfunden, eher schon als unumgängliche Notwendigkeit, als Reaktion auf Auswirkungen der neoliberalen Politik. Zwar wird sie, das sei zugegeben, als „Segen“ verkauft. Aber was verkauft die Politik nicht als Segen, wenn der regierende Kapitalismus dies wünscht. Mütter und Väter werden als funktionierende Arbeitskräfte benötigt und damit das klappt, hat der Staat für das Funktionieren der entsprechenden Sozialisationsinstanzen zu sorgen, wenn auch leidlich. Derzeit tut er dies u.a. mit dem Bildungsmodell Ganztagsschule. Das ist aber wie alles, was die Politik auf dem Gebiet der Bildung anpackt, eine Zangengeburt, weil immer nur die Löcher auf der einen Seite gestopft werden, die auf der anderen aufgerissen werden. Ein Nullsummenspiel, das jedoch vorgibt den gesellschaftlichen Gegebenheiten gerecht zu werden. Kaum verwunderlich ist, dass bei diesem Spiel allenthalben Unzufriedenheit herrscht. Die LehrerInnen werden überfordert, weil von Ihnen Dinge verlangt werden, die sie schlicht nicht leisten können: Immer wieder die Quadratur des Kreises. Die SchülerInnen werden überfordert, weil sie lernen sollen innerhalb dieses „geometrischen Gebildes“ zu funktionieren und zu reüssieren. Und die Eltern fühlen sich überfordert, weil das, was wie eine einfache Gleichung mit einer Unbekannten aussah, sich im Laufe der Zeit als eine schier unlösbare Aufgabe entpuppt: Freude, Gerechtigkeit und Zukunftszuversicht für den Nachwuchs, für den sie sich ja schließlich in diesem System den Arsch aufreißen.
    Und dann kommen Sie, Herr Bosselmann, und reden von angeblicher Gleichmacherei in einem quasisozialistischen Schulmilieu, das alle nach unten ziehe, statt den einzelnen gerecht zu werden in ihrer je individuellen „Begabung“. Zum Glück gibt´s den „DDRSozialismus“ als Kronzeugen. Allerdings ist es fraglich, ob dieser Kronzeuge wirklich so tauglich ist, wie er von Ihnen hingestellt wird, ist er doch letztlich nicht anderes gewesen als ein Kryptosozialismus. Versuche mehr Gerechtigkeit ins desolate Schulsystem zu bringen, schon deshalb zu desavouieren, weil sie nichts anderes seien als „sozialistische Gleichmacherei“ (übrigens ein Kampfbegriff aller Gegner fortschrittlicher Bildungspolitik), sind allzu wohlfeil. Zugegeben, was uns derzeit an Schulgemurkse entgegentritt, ist zum Verzweifeln. Aber die entscheidende bildungsökonomische Frage lautet doch: Was wäre wenn endlich mal genügend Geld aufgebracht würde, um den Schulen die Ressourcen an Menschen und Material zu Verfügung zu stellen, die notwendig wären, um Menschen heranzubilden, die fähig wären, selbstbewusst, solidarisch und menschlich zu agieren? Ach so, ich vergaß: Solche Menschen sind ja nicht gewünscht in unserem System, denn solchen Menschen könnte man nicht mehr so leicht ein X für ein U vormachen. Ich glaube immer noch, dass es lohnt für eine Gesellschaft zu kämpfen, die gerechter und gleicher ist als die gegenwärtig auseinandertriftende in unserer Bundesrepublik. Auch mit einer Bildungspolitik, die nicht Elite und den differenzierten Rest als Ziel verfolgt, vielmehr Solidarität auf gemeinsamer menschlicher Basis. Die Ganztagsschule müsste nicht der schlechteste Weg dorthin sein: Von der Idee her gut, als gesellschaftlich erfolgreiches Modell aber nicht im Sinne des herrschenden Neoliberalismus. Wo kämen wir hin, wenn es zu viele Menschen mit aufrechtem Gang gäbe? Das könnte ja zu einer Umwälzung der Verhältnisse führen. Gott behüte! Man kann ja nicht allem den Segen geben, was vielleicht sinnvoll sein könnte.

  72. Literat sagt:

    Zwecks Erinnerung, ohne Vermutung einer Beherzigung, diese Nachricht aus einem sehr fernen Land: „Ich will aber nicht Minister werden! Ich rede nicht erst von können, können scheidet schon ganz aus, aber ich will auch nicht. Vor allem will ich nicht.“
    So beginnt ein Roman von Hermann Kant, „Das Impressum“.
    Wie kommt man nur auf sooone Idee?

  73. Peter sagt:

    Kann es sein das wir eine unterschiedliche Sicht auf das was Währungen sind? Es ist nur Geld und das wird für alle Geschäfte benutzt die Profit erwarten lassen. Seit Geld keine Materielle Grundlage mehr hat (z.b.Gold) ist es nur ein „Schein“. Im übrigen ensteht Geld durch Schulden.

    http://fortune.com/2018/02/07/bitcoin-price-usd-prediction-goldman-sachs-cryptocurrency/
    https://102phim.com/video/96thj4PN03M/prof-max-otte-uber-den-nachsten-crash-inflati.html
    http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2016/07/3.7Heinrich-Geldfunktion.pdf

    • Werner Richter sagt:

      Die Sicht auf die Währung müßte eigentlich unerheblich sein, viele Ökonomen gehen allerdings genau so daran. Jeder pflegt seine eigene Gelddefinition nach Gusto, die mit Links Bedachten ebenso. So kann man phantastische Geschichten erzählen, ob sie aber die Realität widerspiegeln, ist eine andere Sache. U.a. entsteht so die Geschichte vom bloßen Schein ohne materielle Grundlage. Andersherum gefragt: gäbe es denn Scheine ohne materielle, speziell: Waren-, Produktion? Sind nicht die Repräsentanten des Geldes auf Leben und Tod an diese gebunden? Wenn es Repräsentanten des Geldes gibt, muß es doch auch Geld als Warenäquivalent geben, wenn es auch latent oder fiktiv in Produktionsverhältnissen angelegt ist und sehr wahrscheinlich vom (unsichtbaren) Wert geregelt wird. Über diese Zusammenhänge zu diskutieren ist das Angebot der Website http://www.wirtschaftstheorie-forum.de/. Dort sind die entsprechenden Thesen, die einer Erwiderung harren, zu finden.

    • Peter sagt:

      Herr Richter,
      ich meine sie Argumentieren ein wenig schlicht. Führen sie doch Beispiele an wo es sich nicht so verhält das die Aussagen sich nicht mit der Wirklichkeit decken. Mir würde es am besten gefallen sie würden Karl Marx oder Michael Heinrich kritisieren, Verlinkung liegt vor.
      Sie bleiben scheint es im ungefähren, das ist die Form auf der Pegida durch die Brennsuppe segelt. Im übrigen habe ich nicht von „Scheine“ geschrieben sondern vom Schein. Es gibt verschieden Formen des Geldes „Buchgeld“ ist nur ein Durchlauf-posten.
      Ihre Beworbene Seite lässt leider nicht zu, ernsthafte Gedanken zum Geld zu kommen, über das bestehende hinaus.

    • Werner Richter sagt:

      „Herr Richter, ich meine sie Argumentieren ein wenig schlicht.“ Ja, wenn von der Vielfalt der Erscheinungen auf die „Einfachheit“ des Wesentlichen geblickt wird. Es stimmt auch, daß die Website nicht vorhat, diese Vielfalt zu bedienen, denn es gibt genügend Anlaß, in der allgemein recht häufigen Erscheinungsdiskussion auf das Wesen zu verweisen. Ihre Argumente weisen eine ganze Reihe solcher Hinweise auf, „Geld durch Schulden“, „Es ist nur Geld“ (Bitcoin?),“ Geld keine Materielle Grundlage“ u.s.w. Ob nun „Schein“ oder „Scheine“ ist in diesem Zusammenhang, jaja: U-n-w-e-s-e-n-t-l-i-c-h! Oder meinten Sie so was wie Mondschein?
      Auch der sehr gute Basisartikel von U. Busch hat, vermutlich als Lapsus, einige fragwürdige Kategorienverwendungen, Wert, Marktwert, Preis. Die Frage dazu lautet: angebracht oder nicht? Aber das ist hier unwichtig.
      All das gibt Anlaß auf die wesentlichen Zusammenhänge, hier z.B. die „Marxsche Geldchiffre“, zu verweisen und dafür steht die Website: http://www.wirtschaftstheorie-forum.de/ zur Verfügung.
      Nebenbei sei der Hinweis erlaubt, Sie laufen Gefahr in Bakunins Fahrwasser zu geraten, darauf einen Marx!
      Kritik an Marx sowie auch Heinrich finden Sie im Übrigen im genannten Buch von Harbach zu hauf. Hier ist nicht der Platz für weitere Diskussion darüber, deshalb die Website.
      Man kann natürlich ohne das Wesen einer Erscheinung auskommen, die Foren dieser Medienwelt sind voll davon. So gesehen ist ihre Bewertung „Ihre Beworbene Seite lässt leider nicht zu, ernsthafte Gedanken zum Geld zu kommen, über das bestehende hinaus.“ auch verständlich. Auf dem Kopf stehend erscheint die Erscheinung als Wesentliches und Wesentliches als unwichtig. FF, viel Vergnügen bei der dann logischen theorielosen Gelddiskussion.
      Aus Erfahrung fasse ich meine Forumbeiträge zunächst in gesonderten Textdateien mit den zugehörigen Beiträgen anderer ab. Das verhindert ärgerliche Schreibfehler und gibt Zeit zum Überdenken. So vermeide ich überzogene Reaktionen, die zur Peinlichkeit geraten können. Hoffe ich zumindest. Ihr Pegida-Vergleich ist etwas dürftig, aber durchaus in die Reihe Antizionismus = Antisemitismus, Kommunismus = (rot lackierter) Faschismus u.ä. einordenbar. Einfach stillos.

  74. Peter Djordjevic sagt:

    Was für eine Erkenntnis, die Bitcoins sind „Spekulationswährung“. Da stellt sich die Frage welche Währung ist das nicht?

    • Ulrich Busch sagt:

      Es macht m.E. schon einen Unterschied, ob eine Währung a u c h für Spekulationen genutzt wird, oder ob dies ihr eigentlicher oder gar alleiniger Zweck ist. Beim Bitcoin scheint letzteres zuzutreffen.

  75. Ulrich Busch sagt:

    Zu: Bitcoins statt Tulpen
    Nachtrag: Die Spekulationsblase beim Bitcoin und anderen Krypto-Währungen ist jetzt offenbar geplatzt, die Kurse befinden sich im freien Fall. Anleger hoffen noch, dass es sich hier nur um eine „gesunde Marktbereinigung“ handelt. Es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass der Crash zu einem Totalverlust führt. Aktuell liegt der Kurs bei 5.612 Euro, das sind 65 Prozent weniger als noch im Dezember. Damit bestätigt sich die im „Blättchen“ vom 29.01. getroffene Einschätzung, wonach es sich beim Bitcoin um eine reine Spekulationswährung handelt, von der man lieber die Hände lassen sollte.

  76. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Wolfgang Brauer, Cottbus auf dem Weg zur „national befreiten Zone“

    Der Beitrag hat meine ganze Zustimmung. Er ist getragen von Sorge. Berechtigterweise. Ist Cottbus symptomatisch? Offenbar. – Wir erleben dort den Menschen, den Bundesbürger, den „Osten“, wie er jenseits von Sozialkundelehrbüchern und Reden zur Befeierung der deutschen Einheit existiert.

    Keineswegs von Allergieschüben gegenüber der Rechten belastet, bin ich umso aufmerksamer darin, welches Klientel sie anspricht, wer sich aufgerufen fühlt und was das für Figuren sind, die, von „Metapolitik“ rein gar nichts verstehend, laut und übergriffig werden. Sich den anzuschauen, der schnell bereit ist mitzurennen, ob nun für die Rechte oder die sog. Antifa, das ist soziologisch, kulturell und psychologisch von großer Bedeutung, weil sich das Leben selbst eben nicht im Feuilleton abspielt.

    Selbstverständlich ist eine Dynamik, wie sie in Cottbus deutlich wird, besorgniserregend. Man kann analytisch damit am besten umgehen, wenn man sich von Klischees des aktuell durchverordneten Menschenbildes befreit. Gefährlicher als „das Pack“ ist ein selbstreferentiell generiertes Bürgerbild, das voreilig meint, er, der Bürger, sei politisch durchgebildet, mithin urteilsfähig, vernünftig und empathisch sowieso. Dies ist schon in Ergebnis der Beschaffenheit des Bildungssystem kaum mehr zu erwarten. Nein, nicht nur der Populist selber, sondern ebenso der Bürger ist wesentlich „populistisch“, denn sonst sagte ihm der Populist nichts. Die Verkündungsrhetorik der staatstragenden Institutionen der Berliner Republik, bestimmt von einem Kompensationsbedürfnis gegenüber einer durchliberalisierten turbokapitalistischen Basis, wird „unten“ mittlerweile als oktroyierte Ideologie empfunden – und drückt sich auch in der Ausschließlichkeit einer Ideologie aus: So sei der Mensch! – Ist er aber nicht. War er nie. So wird er nie und nimmer hinzubilden sein. Wenn überhaupt etwas hilft, dann illusionsloser Realismus, der darauf schaut, was überhaupt möglich ist. Wenig genug.

    Letztlich: Offenbar gibt es das Bedürfnis zum „Widerstand“, wenigstens zur Renitenz. Widerstand ist naturgemäß gefährlich und ethisch, staatsrechtlich, rechtsphilosophisch immer ein Problem. Er beschränkt sich nicht darauf, Änderungsanträge bei der Cottbuser Stadtverordnetenversammlung einzureichen. Er artikuliert sich eben beim Friseur, in der „Sportler-Klause“, am den Nachwuchs prägenden Küchentisch. Ich glaube auch nicht, dass er „rassistisch“ motiviert ist. Er folgt Ängsten. Ängste sind präsent, fragen nicht nach Legitimität, legitimieren sich selbst. Was ist in Cottbus ihre Ursache, ihr Kern? Sicherlich eine Verunsicherung, die sich kaum klar zu artikulieren versteht, die aber intuitiv spürt, dass die Selbstwahrnehmung der Offiziellen und die dazugehörigen Begriffe nicht stimmen, sondern wiederum ideologisch konstruiert sind: Willkommenskultur, Toleranz, Einwanderungsland. Wie leblos, wie verbraucht, wie pauschal doch! Sprachkritisch angeschaut eine Worthülserei wie einst die Rede von der „deutsch-sowjetischen Freundschaft“ oder der „sozialistischen Völkerfamilie“. Die Leute spüren, da stimmt etwas nicht. Sie spüren ferner eine Differenz zum Fremden, wo immer er herkommt und was immer ihn treibt, und diese Differenz liegt nun mal im weitesten Sinne im Kulturellen, u. a. in dem Empfinden, dass die Konfrontation insbesondere mit jungen Menschen, deren Selbstverständnis in der islamischen Religion gründet, nun mal ein Problem ist, auf das ein Toleranzgebot nicht die einzige, vielleicht nicht mal die stimmige, im Extremfall eben überhaupt keine taugliche Antwort zu sein scheint. Rassismus? Mit asiatischen Zuwanderern etwa hätten die Leute nicht dieses Problem. Was kein Beweis ist. Und kein Argument für Selbstlegitimation zur Gewalt. Nur hilft allein klare Sprache, nicht populistisch, sondern dezidiert politisch. Die Menschen wissen: Ihr Land, ihre säkulare Kultur wird mit der Einwanderung der Umma kaum umgehen können.

    • Klaus Müller sagt:

      „Die Flüchtlingspolitik in unserem Land bewegt mich seit Jahren sehr, und mit Blick auf die Situation in Cottbus macht es mir Angst, was mit Menschen, die Schutz suchen, werden soll. Seit einem Jahr kümmert sich unsere Familie um einen somalischen Flüchtling. Wir erleben hautnah, welche Chancen er bekommt, um sich zu integrieren. Er hat verschiedene Deutschkurse absolviert, die zehnte Klasse in der Abendschule geschafft und sich um Jobs bemüht beziehungsweise eine Ausbildung angestrebt. Schon die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig, die Jobsuche auch … Obwohl Arbeitskräfte gesucht werden, stellt man Farbige nicht ein … solange es der Politik an Willen fehlt, die Integration voranzutreiben, wird auch das Volk auf die „Schmarotzer“ schimpfen und aggressiv reagieren. Ich bin zumindest für die Möglichkeit dankbar, einen Flüchtling persönlich begleiten zu dürfen und die Sorgen und Nöte zu kennen. Das hat mein Leben bereichert, und ich habe viel gelernt: über den Islam, über Somalia, auch über unser Land.“ Die Worte einer Leserin an das „neue deutschland“ (ndCommune, 24. Februar 2018, S. 6) müssten Herrn Bosselmann beschämen. Sie werden es nicht tun. Zu erwarten ist, dass dieser weiterhin das nicht „rassistisch“ motivierte „Pack“ – Worte, die er bezeichnenderweise in Anführungszeichen setzt – für weniger gefährlich halten wird, als eine Willkommenskultur und Toleranz, die für ihn untaugliche Worthülsen sind. Ich weiß, dass viele so denken wie er. Ich verstehe, dass man den Zwang in sich spüren kann, „linksversifftes Gutmenschentum“ schlecht zu reden. Warum das aber ausgerechnet im „Blättchen“ erfolgt, verstehe ich nicht. Auch wenn der Weg zu Frieden, Freundschaft, Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft weit ist und steinig, keine Minute ist vergebens, sich dafür einzusetzen. Zum Glück tun dies viele, wie auch der Leserbrief zeigt, aus dem ich zitiert habe. Die Differenz zum Fremden ließe sich überbrücken, betrachteten wir diesen nicht per se als Gefahr, sondern als Freund, den wir nur noch nicht kennen. Nur das kann uns helfen. Mit Sicherheit nicht die „klare Sprache“ eines Herrn Bosselmann.

  77. Achim Höger sagt:

    Ihre Antwort verfehlt das Thema, Herr Romeike. In meiner Schule hieß es: Erst die Aufgabe aufmerksam durchlesen und durchdenken, dann antworten. Die stand übrigens auch im Beitrittsgebiet.

  78. Kay Bliewand sagt:

    Zum Verweis auf Savonarola als moralischen Eiferer wider weiblicher Schönheit in den Bemerkungen:
    Gomringers Unverständnis in Sachen seines als sexistisch gebrandmarkten Gedichtes ist leider ein Zeichen betrüblicher Verbocktheit, wo Einkehr am Platze wäre. Sandro Botticelli – mit seiner „Geburt der Venus“ Schöpfer immerhin eines der bildkünstlerisch grandiosesten Abbildungen weiblicher Schönheit – war da aus vorbildlich anderem Holz geschnitzt. Der Maler hat des Predigers Furor damit Genüge getan, freiwillig eigene Gemälde auf einen jener Scheiterhaufen zu werfen, die im Florenz der Rennaissance als „Fegefeuer der Eitelkeiten“ auch alles Unzüchtige verbrannte – so reagiert man anghemessen auf konstruktive Kritik!
    Dass Savonarola im übrigen Frauen aufforderte, es den „Weibern der Muslisme“ gleichzutun und ihre Gesichter zu verhüllen, sei ebenso nur angemerkt wie der Umstand auf sein Ende auf dem Scheiterhaufen (was man im Falle der hier in Rede stehenden Analogie allerdings nur sinnbildlich verstehen möge).
    Kay Bliewand

  79. Bernd Köhler sagt:

    „Trotz roter Zahlen 2017 Deutsche Bank zahlt offenbar mehr als eine Milliarde Boni“ –
    Ist der Ruf erst ruiniert, kassiert es sich ganz ungeniert…
    Bernd

  80. Achim Höger sagt:

    Politische Prozentrechnung
    Bernhard Romeike macht in seinem Beitrag „Sozialdemokratische Schwankungen“ den Fehler so vieler Kommentatoren, die beispielsweise behaupten, die Sozialdemokraten hätten bei der vergangenen Bundestagswahl „5,2 Prozent verloren“. Eine Partei, deren Stimmenanteil von 25,7 auf 20,5 Prozent gesunken ist, hat nämlich ein rundes Fünftel, also etwa 20 Prozent, verloren – ihres Stimmenanteils wohlgemerkt. Tatsächlich nämlich sank die Zahl der Zweitstimmen für die SPD von 11,3 auf 9,5 Millionen, was einem Verlust von rund 15 Prozent ihrer Wählerschaft gleichkommt. Analoges gilt für die anderen Parteien. Auch CDU/CSU verloren nicht „8,6 Prozent“, sondern etwa 15 Prozent ihrer Zweitstimmenwähler, während die AfD nicht etwa 7,9 Prozent hinzugewann, wie der Autor schreibt, sondern die Zahl ihrer Zweitstimmen fast verdreifachte, genauer gesagt um 185 Prozent steigerte.
    Für Romeikes Verlust- und Gewinnangaben benutzt man gemeinhin die Bezeichnung „Prozentpunkte“ – laut Wikipedia „ein sprachliches Hilfsmittel zur Bezeichnung des absoluten Unterschiedes zwischen zwei relativen Angaben, die in Prozent vorliegen“. Dieses Hilfsmittel könne jedoch „mehrdeutig und missverständlich“ sein. Wie in vorliegendem Fall.
    Um aber vom Basiswissen in Prozentrechnung zur Politik zu kommen: Angesichts der beschriebenen SPD-Verluste und der AfD-Gewinne empfand ich die ursprüngliche Ablehnung einer großen Koalition durch die Sozis nicht als „politischen Unsinn“ wie Romeike, sondern als verständlich und ehrenwert. Das Argument, 9,5 Millionen SPD-Wähler hätten gewollt, dass diese Partei regiert, sticht nicht. Denn wer will behaupten, dass sie die SPD in jeglicher Konstellation regieren sehen wollten? Ob eine neue „GroKo“ zu einer „vergleichsweise kommoden Angelegenheit“ wird oder wirklich zu weiterem Niedergang der „ältesten deutschen Partei“ führt, muss sich erst noch zeigen.

    • Bernhard Romeike sagt:

      Die von mir benutzten Prozentzahlen sind die der offiziellen Veröffentlichung des Bundeswahlleiters. Für die Verteilung der Sitze im Bundestag ist – ohne Überhang- und Ausgleichsmandate – die prozentuale Verteilung der Zweitstimmenergebnisse relevant. Ansonsten hatte ich in der Schule bei der Einführung der Prozentrechnung gelernt, dass man keine Prozentzahlen von Prozentzahlen machen soll. Das war allerdings im „Unrechtsstaat“. Freiheitlich-demokratisch kann man gewiss selbstbestimmt anders rechnen.

  81. margit van Ham sagt:

    Die Redaktion macht auf die Stellungnahme des Willy-Brandt-Kreises vom 28.1.18 aufmerksam:
    Das nukleare Wettrüsten kehrt zurück und muss verhindert werden!
    Seit Jahren warnt der Willy-Brandt-Kreis durch Stellungnahmen vor der Gefahr des Auflebens des Kalten Krieges, in dessen Zentrum die nukleare Aufrüstung stand.
    Das Ende des Ost-West-Konfliktes hat eine umfassende nukleare wie konventionelle Abrüstung ermöglicht, die durch zentrale Verträge für die Europäische Sicherheit (INF-Vertrag, KSE-Vertrag, Wiener Dokumente, Open-Skies Vertrag etc.) abgesichert und umgesetzt wurde. Diese zentralen Verträge werden massiv in Frage gestellt und zerfallen, ohne dass Nachfolgeregelungen angestrebt werden. Der globale Nichtverbreitungsvertrag gerät verstärkt unter Druck. Alle Nuklearwaffenstaaten modernisieren ihre Nuklearstreitkräfte. Als Gegenreaktion haben 122 UN- Mitgliedstaaten am 7. Juli 2017 den „Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen“ beschlossen, der den Einsatz, den Besitz und die Stationierung von Kernwaffen für alle Vertragsparteien verbietet. Die Hoffnung ist, dass die Schaffung einer internationalen Norm in Bezug auf den Einsatz von Nuklearwaffen, aufgrund deren humanitärer Konsequenzen, auch die weitere Abrüstung der enorm hohen Nuklearwaffenarsenale aller Nuklearwaffenbesitzer ermöglicht. Die aktuellen Entwicklungen sind aber gegenläufig.
    Anfang Februar wird die Trump Administration ihren „Nuclear Posture Review“, also den künftigen Rahmen ihrer Nuklearwaffenpolitik und -beschaffung veröffentlichen. Die nicht-offizielle Vorversion enthält eine drastische Abkehr von Obamas Abrüstungspolitik und deren Richtung einer „Nuklearwaffenfreien Welt“ und der fortschreitenden Delegitimierung von Nuklearwaffen. Stattdessen tritt das Dokument für „stärker nutzbare Nuklearwaffen“ mit niedrigerer Ladungsstärke und neue seegestützte ballistische Raketen sowie Marschflugkörpern ein, obwohl die USA bereits über ein aufgeblähtes Arsenal von Nuklearwaffen verfügen. Neue Nuklearwaffen mit niedriger Sprengkraft (aber immer noch mit der Stärke der Hiroshima-Bombe) sollen entwickelt und deren Testmöglichkeit geplant werden. Der schrittweise Ausbau der nuklearen Triade durch neue strategische Bomber, U-Boote und Interkontinentalraketen für die nächsten 30 Jahre ist ebenso geplant. Der INF-Vertrag steht vor dem Aus! Russland soll neue landgestützte Marschflugkörper stationiert haben, die den INF-Vertrag verletzen. Russland wirft den USA ebenfalls Vertragsbruch vor, ohne dass die Vorwürfe ernsthaft geprüft und entschärft wurden. Der US-Kongress hat zudem als Reaktion auf den vermeintlichen Vertragsbruch Russlands bis zu $ 500 Millionen in Aussicht gestellt, damit die USA selbst ballistische INF-Systeme und Marschflugkörper entwickeln. Die Tür für ein neues Wettrüsten ist damit aufgestoßen.
    Die europäischen Verbündeten und allen voran die Bundesregierung müssen deutlicher für den Erhalt der jahrzehntelang erfolgreichen Rüstungskontrollregime, insbesondere den INF-Vertrag und den KSE-Vertrag eintreten und die Arbeiten für Nachfolgeregelungen forcieren. Auch muss Deutschland sich bei der NATO und der US-Regierung dafür einsetzen, dass keine
    Stationierungsentscheidungen durch die USA oder einzelne NATO-Mitglieder gefällt werden, die die NATO dann nur noch abzusegnen hat. Eine Neustationierung von Nuklearwaffen in Europa ist kategorisch abzulehnen. Zudem dürfen sich Deutschland und seine Nachbarstaaten nicht an der Neuentwicklung von Trägersystemen für Nuklearwaffen oder von neuen Nuklearsprengköpfen beteiligen. Das Atom-Abkommen mit dem Iran muss eingehalten werden, solange die Vertragsparteien sich daranhalten. Mit Russland müssen neue Wege für neue Rüstungskontrollarrangements gefunden werden.
    Wir fordern alle verantwortlichen Akteure auf, ein neues nukleares Wettrüsten zu verhindern!
    Heidemarie Wieczorek-Zeul Vorsitzende
    Peter Brandt Daniela Dahn Hans Misselwitz Irina Mohr Stellv. Vorsitzender Stellv. Vorsitzende Schatzmeister Beisitzerin

  82. Helmut Donat sagt:

    Die Worte und Argumente von Jürgen Scherer sind sehr ernst zu nehmen. Es
    muss nicht zutreffen, was er prognostiziert, aber er redet kein dummes
    Zeug. Es geht u.a. darum zu begreifen, welcher Moloch sich da auftut und
    die nötigen und richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Die
    jahrzehntelange Verharmlosung des Rechtsextremismus sowie die
    Nichtbewältigung deutsch-völkischen Denkens nach 1945 stellen die Basis
    dar für die neue Verbreitung deutschnationaler Vorurteile, Gesinnungen
    und Politikkonzepte. Wenn es nicht gelingt, dagegen ein breites Bündnis
    zu organisieren und den Kampf gegen Rechts auf eine neue Basis zu
    stellen, das den Höcke, Gauland etc. offensiv in Veranstaltungen und
    Bürgerkomitees etc. entgegentritt, wird die Linke möglicherweise das
    Nachsehen haben. Nichts fällt vom Himmel. Wo sind die Kräfte, die ihre
    ideologische Scheuklappen für weniger wichtig halten als eine
    Einheitsfront, die ein für allemal dafür sorgt, dass Rechtspopulisten in
    Deutschland zu einem politischen Ohnmachtsfaktor par excellence
    degradiert werden?

  83. Jürgen Scherer sagt:

    Werter Herr Romeike!
    Ihr überaus lesenswerter und treffsicherer Artikel zur „Neuen Bürgerlichkeit“, wie Sie sie nennen, endet leider mit einer Einlassung zu wenig. Diese sollte m.E., nach dem letzten Satz, lauten: Zum Glück. Denn das ist es wahrlich. Dass dem ultrarechten Bundeslager ein charismatischer Kopf fehlt. Ein Kopf, der es verstünde die menschenverachtenden Parolen dieser Partei, mit dem nötigen Charme unter die Leute zu bringen und zugleich der personalisierten Medienlandschaft, ein sympathisches Gesicht zu liefern. Wäre dies der Fall, wäre es sicherlich noch schwieriger hinter die Fassaden dieses Rechtspopulismus zu blicken als es derzeit für viele schon der Fall ist. Aber ich bin mir sicher, dass die AfD daran arbeitet und es ihr gelingen wird, im Laufe der nächsten Jahre, einen solchen Kopf zu finden. Dann wird die von Ihnen angedeutete Negativutopie Wirklichkeit werden: Die „Neue Bürgerlichkeit“ wird aufmarschieren in der Gestalt einer AfDCDUCSUKOALITION im Jahre 2021: Operation Söder.
    Es ist immer wieder jammerschade, zu beobachten, welcher Szenarien es bedarf, bis die Linke bereit ist, sich zusammen zu raufen und für eine emanzipatorische Politik zu kämpfen. Wobei das mit dem Zusammenraufen leider noch nicht mal gewährleistet sein muss, weil ja meist unter Linken der interne Kampf um die richtige ideologische Basis wichtiger ist als der gemeinsame gegen rechte Bedrohung. Aber vielleicht ist sie ja lernfähig, die deutsche Linke. Immerhin haben Lafontaine und Wagenknecht schon einen Stein ins linke Gewässer geworfen. Möge dieser die richtigen Kreise ziehen!
    Jürgen Scherer

  84. wolfgangbr sagt:

    Lieber Herr Orlick,
    ob es sich wirklich „ausgeluthert“ hat, ist noch gar nicht erwiesen. Ich denke eher, dass der arme Bruder Martinus in der abgelaufenen „Reformations-Dekade“ für die entsprechenden Mäuler passend tranchiert wurde, damit er wirklich problemlos den Schlund passiert. Die Zeit, in der man sich ernsthaft mit seinen Denkansätzen auseinandersetzen kann ohne gleich zwischen die Mühlsteine der Mainstream-Theologen und der (vermeintlichen) Müntzer-Fans zu geraten, wird wohl erst noch kommen. 2018 ist übrigens nicht gerade „arm“ an bedeutungsvollen Jubiläen. Vor 100 Jahren wurde mal wieder eine deutsche Revolution in den (blutigen) Sand gesetzt. Man kann es auch positiver formulieren: Vor 100 Jahren begann die erste deutsche Demokratie das Laufen zu lernen. Sie tippelte an der Hand missratener Eltern… Auch da wird es dickleibige Bücher geben. Ganz sicher. Der Informationswert wird nicht unbedingt über den der vorliegenden hinausgehen. Das wird so sein wie mit den neuen Wälzern über den Dreißigjährigen Krieg. Lesen Sie Golo Mann, Ricarda Huch und Friedrich Schiller. Herfried Münkler war ganz, ganz fleißig. Besser ist er nicht.

  85. Stephan Wohanka sagt:

    Mancher Blättchenleser hat die Rede des Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, sicherlich schon gelesen oder gehört; ihr Titel: „Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus“, gehalten auf der DFG-Jahresversammlung am 4. Juli 2017 in Halle.
    Der Redner erhielt für seinen Vortrag vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen die Auszeichnung „Rede des Jahres“. Sie sei „ein engagiertes Plädoyer gegen populistische Vereinfachungen und alternative Fakten“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Gleichzeitig aber wendet sich Strohschneider gegen eine Szientokratie, die demokratische Prinzipien unterliefe.
    Ich denke, diese Rede sollte auch über das Blättchen eine noch größere Verbreitung finden, deshalb der Link, unter dem sie nachzuhören ist: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/rede-des-jahres-dfg-praesident-strohschneider-erhaelt-auszeichnung-a-1184114.html

  86. Hella Jülich sagt:

    2017 Jahre nach Christi Geburt ist nunmehr eines der letzten biblischen Geheinnisse gelüftet: „Bayern ist das Paradies, das können wir uneingeschränkt sagen.“ (Horst Seehofer auf dem derzeitigen CSU-Parteitag). Damit hat der Prophet aus Ingolstadt die letzte Hürde genommen, um aus dem Amt des Ministerpräsidenten des Paradieses idemnächst in den Vatikan als Pontifex paradisicus zu wechseln.
    Hella Jülich

  87. HWK sagt:

    Sie, verehrter Peter, verraten uns nun sicher noch, wie die inhaltliche Auseinandersetzung mit einem visualisierten Mordaufruf aussieht, nicht wahr? Es würde mich nicht wundern,wenn dabei dessen Anerkennung als Kunst herauskäme.
    HWK

    • Manne Murmelauge sagt:

      Die kann man dann beim sogenannten Zentrum für politische Schönheit besichtigen.

    • Peter sagt:

      Ich weis jetzt nicht wer „Uns“ sein soll, aber ich habe die erklärung mit aufgeführt.
      Mir geht es eben nicht um „die Juden“ mir geht es eben darum das Grundsätzlich jeder Aufrufe zu einem Mord vor Gericht gehört. „Nicht wahr?“
      Was ich eher für Belanglos halte ist worüber sie sich wundern oder ist es das Wundern der „Uns“.So hat jader seine Schublade. Ich kann nicht beurteilen was Kunst ist. Ich kann es nicht einmal definieren.
      Peter

  88. HWK sagt:

    “Justizminister Maas über Antisemitismus: Wer „Tod den Juden“ ruft, gehört vor Gericht”, liest man mit Bezug auf die aktuellen antisemitischen Vorfälle in Berlin bei Spiegel Online. Dem ist m. E. nicht zu widersprechen. Man sollte eine einschlägige Klage indes besser nicht bei der Chemnitzer Staatsanwaltschaft einreichen, denn da hat sie wohl keine Chance. Hat man doch in Sachen PEGIDA-Minigalgen für Angela Merkel dort gerade erst entschieden, dass es sich um Kunst handele, die nicht zu verbieten ist. Warum soll das nicht für Wortkunst gelten?
    HWK

    • Peter sagt:

      Ich meine es ist eine nicht weiterbringende Einlassung ist.
      Zum ersten ist der Justizminister eben ein Sozialdemokrat, von daher scheint er nicht auf die Idee zu kommen das überhaupt „Tod…“ wem auch immer vor Gericht sollte.“Immerhin ist die Bundesrepublik gegen die Todesstrafe.“
      Was immer die Staatsanwaltschaft entschieden hat sollte inhaltlich debattiert werden und nicht Moralisch.

    • Werner Richter sagt:

      Nun glaube ich, daß es einen gewissen Unterschied gibt, wer die Parolen ruft. In Nahost ist das Alltagskultur, da begann z.B. die „demokratische Revolution“ in Syrien mit Demos im Anschluß an Freitagsgebete mit der Losung: Tod den Alawiten! In anderer Hinsicht ist das wohl auch normal. Nach Maßgabe einer Prüfung aller verfügbaren Aufnahmen war nicht eine mit Forderung nach Demokratie sichtbar. Somit ist es ein Unterschied, ob, auch hierzulande, dies Palästinenser rufen und dabei israelische Fahnen verbrennen oder unsere Mutanten. Die von allen großen Medien getragene Darstellung der Ereignisse nutzen genau diesen unsichtbaren Unterschied, um sich als Philo-Semiten zu produzieren, wie auch unsere Politiker. Da fällt automatisch hinten runter, daß auch Palästinenser semitische Wurzeln haben und sich der Anttisemitismusvorwurf eigentlich verbietet. Aber die Besten der Brachen schaffen es sogar, gegenüber der Politik Israels kritischen Juden diesen Vorwurf anzubringen.

    • Günter Hayn sagt:

      Es ist mir vollkommen egal, wer wann, wie, wo und mit welchen Absichten politischen Gegnern den Tod an den Hals wünscht. Es ist in keinem Falle tolerierbar, lieber Herr Richter.
      Da sollte auch bei allen – inzwischen ins Dümmliche abgleitenden – Debatten über die Relationen zwischen Antisemitismus und Kritik an israelischer Regierungspolitik (auch der Begriff „Israel-Kritik“ ist an bösartiger Hohlheit kaum zu toppen) die Scheidelinie sein. Und wenn Manne Murmelauge deutliche Worte in Richtung „Zentrum für politische Schönheit“ findet, so kann man dem nur hinzufügen: Wer meint, Nazis mit nazistischen Mitteln bekämpfen zu müssen, unterscheidet sich nicht sehr von ihnen. Der Zweck heiligt keineswegs die Mittel.
      Aber neu ist diese Erkenntnis eigentlich nicht.
      Der makabere Kleinkrieg zwischen „Querfront-Bekämpfern“ wie Herrn Lederer aus Berlin und seinem „antiimperialistischen“ Ur-Feind Dehm aus dem Niedersächsischen ist da nur geeignet, noch mehr wabernde Nebel über Konfliktlinien zu legen, die auf ekelhafte Weise nach Blut riechen. Menschenblut. Weshalb ausgerechnet der neue Heinrich-Heine-Preisträger Christian Bommarius in dieses Feuer noch Petroleum pusten musste (https://www.berliner-zeitung.de/politik/kommentar-wie-antisemitismus-in-deutschland-verharmlost-wird-29283602), ist mir ein Rätsel. Ich habe den Mann bislang für nachdenklicher gehalten.

    • Werner Richter sagt:

      Naja, wenn schon die Völker dort hinten in der Türkei…, dann soll wenigstens bei uns alles ruhig und gesittet abgehen? Denke, daß Fahnenverbrennung und Todessprüche hier wohl das geringste Problem von Menschen ist, die zu Hause öffentliche Steinigungen, Hinrichtungen, Hautabziehen bei lebendigem Leibe durch Islamisten auf Extrabühnen und ähnliche Shows erleben müssen, nicht können. Die werden dort üblicherweise unter Androhung des eigenen Todes dazu gezwungen. Habe die Schilderungen und Fotos unmittelbar danach selbst erfahren. Unser recht harmloses Problem ist da lächerlich. Mich stört die Sicht, macht zu Hause was ihr wollt, aber hier geht das nicht, wir sind die Zivilisierten. Und politisch, de Maiziere & Co. lassen grüßen, wird die Darstellung von Ausschreitungen gern dazu genutzt, um das eigene Vorgehen gegen linke Vereine (PKP, YPD u.a.) zu legitimieren. Insofern ist mir ein generelles Verständnis einschließlich der Parteinahme für die israelische Politik, die auch von israelischen Linken als faschistisch bezeichnet wird (Friedensjuden u.a.), nicht akzeptabel.

  89. Erhard Crome gibt im „Blättchen“ 25/2017 einen treffenden Kommentar zur innenpolitischen Lage. Eine Ungenauigkeit unterläuft dem Autor aber doch, wenn er schreibt, es gebe „ohne dreimaliges Scheitern einer vorgeschlagenen Kanzlerin keine Auflösung des Bundestages“. Erforderlich sind nach dem Grundgesetz lediglich zwei Wahlgänge, möglich sind so viele, wie sich nur in vierzehn Tage packen lassen. Ausserdem wird im letzten Wahlgang auf jeden Fall jemand gewählt, und nur wenn dies nicht mit absoluter Mehrheit geschieht, hat der Bundespräsident die Möglichkeit, den Bundestag aufzulösen. Wenn er das nicht tut, gibt es eben eine Minderheitsregierung. – In dem Zusammenhang verweise ich auch auf meinen Beitrag im „Blättchen“ 22/2017.

  90. Bernd Koch sagt:

    Meldung bei SpiegelOnline:
    Mit lebensgroßen Galgen reserviert für Bundeskanzlerin Angela Merkel und Sigmar Gabriel hatten Pegida-Demonstranten in Dresden vor gut zwei Jahren die Öffentlichkeit verstört. Die Staatsanwälte der Stadt hatten jedoch keinen Anlass gesehen, die Sache vor Gericht zu bringen. Die Ermittlungen wurden nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

    Die nachsichtige Haltung der sächsischen Justiz hat jetzt einen Devotionalien-Händler ermuntert, ein kleines Geschäft mit den provokativen Symbolen aufzuziehen. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, stehen kleine Nachbildungen der Galgen zum Verkauf – für 15 Euro das Stück. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz findet das in Ordnung. Die Galgen seien wegen ihrer vieldeutigen Botschaft als Kunst zu betrachten.

    Es sollte nicht wudnern, wenn der Devotionalien-Händler bei gleicher staatsanwaltlicher Beurteilung bald „vieldeutige“ Nachbildungen von Auschwitzer Verbrennungsöfen anbietet.
    Kann eine Bundesrepublik eigentlich auch einzelne Bundesländer
    rausschmeißen, damit sie sich derer nicht länger schämen muss?
    B. Koch

    • Peter sagt:

      Ja wenn ich jetzt auf die Moralische ebene Wechsel, Stimme ich Ihnen zu. Falle ich zurück fällt mir dazu ein, es soll doch was Aussagen das mit dem Aufhängen nichts zu tun hat. Ist der Bohei um Opel und jetzt Siemens nicht auch so als würden die Leute auf gehangen?
      Wenn ich die parlamentarischen Kasper anschaue kommt mir Sinngemäß auch in den Sinn alle weg zu jagen.
      Heute lese ich das Frau Kraft bei der Kohle unter kommt (leider nicht die Grünen) warum wohl, ein Blick auf ihre Politik lässt es logisch erscheinen. Da gibt es einige Parallelen zu Frau Merkel.
      Ich halte die Pegida und AfDler für verwirrte, sie werden mit ihren Programmen und Handlungen keinen unterschied zu den bürgerlichen Parteien herstellen. https://www.youtube.com/watch?v=q8EVJ_edjRg&t=683s

  91. Wolfgang Ernst sagt:

    Was wissen wir eigentlich, wenn wir das wissen, was Werner Richter uns am 1. Dezember mitteilte? Es laufen in diesen Zeiten zu Dutzenden Wunderheiler und Geisterseher durch die Lande, deren jeder meint, das wahre Wort Gottes bzw. Hegel-Marxens oder wessen auch immer predigen und als letzte und endgültige Weisheit verkündigen zu sollen. Um jeden dieser Prediger versammelt sich eine staunende Gemeinde. Die hält zugleich jede andere für besonders böse, ketzerisch und intrigant, hier also Richter als selbsternannter Sprecher einer Wolf-Harbach-Gemeinde vs. Steinitz und die Revisionisten und Arbeiterverräter von der RLS. Und was soll uns das im Blättchen? Siehe, ich verkündige euch Frohe Botschaft! Die Leser dieses Forums dürfen ihrer jetzt teilhaftig werden. Dass uns das noch in der Weihnachtszeit geschieht!

    • Werner Richter sagt:

      Au ja, endlich wird sich einer die Theoreme von Harbach und Wolf zur Brust nehmen und ordentlich Feuer an die obskuren Wundertheorien legen, um die schöne alte marxistische Theorie zu verteidigen. Gab es ja schon in Mengen, weiß nur nicht mehr wo. Immer zu, der vorbereitete Platz ist mehrfach hier benannt. Auch dafür sei dank, nochmals gebündelt (fast) alle bewährten Idiome so konzentriert genannt zu bekommen, mit denen ohne sachliche Argumente schon mal ein vermeintlicher Gegenüber diskreditiert werden kann. Könnte ins Lehrbuch der Propagandisten übernommen werden.

  92. Bettina Klausner sagt:

    Zunächst: Ich schätze Michael Brie und halte es auch für gegeben, Fragen aufzuwerfen, deren Beantwortung für die praktizierende (!) Linke von taktischem und gar strategischem Wert sind.
    Nur eben: Michael Brie ist ja einer (und nicht irgendeiner) der linken Vordenker. Ist es da nicht ein bischen wenig, fast 30 Jahre nach dem Ende des Realsozialismus nur Fragen zu stellen? Müsste es von Seiten eben solcher Vordenker wie Brie nicht eher Vorschläge für all das geben, was er in diesem Beitrag aber nur hinterfragt? Und müssten diese Anregungen dann nicht dergestalt sein, dass sich daraus praktikable (!) Links-Politik ableiten ließe? Es tut mir leid, aber wenn jemand, von dem man eher Antworten resp. Vorschläge erwartet, auch heute lediglich Fragen aufwirft, hinterlässt das bei mir eher Pessimismus, was eine wünschenswert größere Anziehungskraft linker Politik angeht. Da hilft jedenfalls mir auch der Dauerbezug auf Lenin nicht wirklich weiter.
    B. Klausner

    • 'Werner Richter sagt:

      Man kann sogenannten Vordenkern natürlich immer vorwerfen, nicht früher gewisse Fragen gestellt zu haben, aber der größte Vorwurf wäre ihnen zu machen, keine bzw. nie Rückschau zu halten und so zu tun, als ob alle Theorie, jetzt ein bißchen „modernisiert“, richtig war, sozusagen unumstößliche Grundaussagen unkritisch weiter zu verfolgen. Schuld an der Ignoranz notwendiger ständiger Infragestellung aller Erkenntnisse, ist die gottverdammte „praktische“ Maxime: entweder oder, denkt nicht soviel, handelt lieber. Die setzt sich nach nicht nur meiner Beobachtung weiter durch und führt letztlich zu theorieloser bzw. pseudotheoretischer Politikbestimmung. Ich weiß nicht, warum Brie nicht eher zu diese Besinnung kam, aber ich konnte zu DDR-Zeiten die Einhegung von unorthodoxen Geistern selbst beobachten und kann mir nicht vorstellen, daß danach dieses effektive Machtmittel in der Linken nicht weiter geführt wurde, mit anderen Methoden vielleicht. Ich kann nur hoffen, daß die Brie‘sche Replik bisheriger marxistisch-leninistischer Orthodoxie keine Eintagsfliege bleibt, er sich nicht beirren läßt und weitere „Vordenker“ oder besser: Nachdenker diesen bitter notwendigen Weg einschlagen, auch um Lenin zu überwinden. Brie bezieht sich nicht auf Lenin, er stellt ihn in Frage, und dazu muß er logisch auf die Grundsätze des Leninismus zurück greifen. Die vielfach gewünschte „größere Anziehungskraft linker Politik“ bekommt nur so eine feste Basis, durch die jetzige Wiederaufnahme des Ariadnefadens von SPD bzw. USPD aus den Zeiten von vor 100 Jahren mit Wagenknechtscher aufgewärmter Kartoffelsuppe, die als große Theorie verkauft wird, kann die ganz bestimmt nicht geschaffen werden. Darum: weiter so, Gen. Brie! Und den Übrigen die Frage: wie wäre es mal ausnahmsweise damit selbst zu denken?

    • Carola Büchel sagt:

      Lieber Herr Richter, ich staune immer wieder, wie es gelingen kann, einem Text – in diesem Falle meiner kleinen Anmerkung – etwas dort nicht Gesagtes zu unterstellen, mit dem sich dann aber trefflich polemisieren läßt. Also nochmal: Ich werfe weder Brie noch anderen linken Vordenkern vor, zu spät Fragen zu stellen sondern – eben als Vordenker – nach 30 Jahren nicht auch Antworten anzubieten, ob die nun finaler Natur sind oder – wohl eher – nicht. Immerhin verfügt auch die Linke mit der Luxemburg-Stiftung über eine „Denkfabrik“, für dier nicht zuletzt Michael Brie steht. Würde aus dieser Quelle jemand Bries aufgeworfene Fragen mal in einer leidlich faßbaren Form zu beantworten versuchen – was könnte damit nicht zuletzt für die praktische Politik gewonnen sein.
      C. Büchel

    • 'Werner Richter sagt:

      Liebe Frau Büchel, ich maße mir nicht an zu beurteilen, wie Sie sich Ihre Meinung bilden. Sehen Sie mir es bitte nach, öfter werfe ich große Steine, die auch den Zuschauer treffen können. Ein altes Leiden, das abzustellen in meinem Alter sich nicht mehr lohnt. So kann es auch in Zukunft den einen oder anderen in Mitleidenschaft ziehen, werde mir jedoch Mühe geben. Aber, es ist desto trotz schon immer ein Kreuz der Linken mit den Erwartungen an die Vordenker, die dann auch gern für die eigenen Verfehlungen zuständig gemacht werden. Die Kehrseite dieses Zusammenhanges ist eben auch an der R-L-Stiftung u.a. auszumachen, die Arbeit nach business as usial, egal, was (hier: Analyse- und Denkarbeit) ansteht. Die bisherigen Theorielinien gelten so lange, bis von „oben“ eine Änderung angewiesen wird. Ich kenne nicht die inneren Vorgänge, aber von außen konnte ich schon auf einige solcher Abläufe schließen. Stellen Sie sich vor, Brie hätte schon früher diese Fragen so gestellt. Was wäre mit ihm passiert? Es gab dem Vernehmen nach auch in der Stiftung Erbhöfe bestimmter Personen, die mit allen Mitteln diese verteidigten. Wie es sich jetzt verhält, weiß ich nicht. Und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, hat sich M. B. in der Vergangenheit schon einige Male eine blutige Nase geholt. Egal, was vorher war, ist es gut, daß er die Fragen stellt. Zur Zeit stelle ich, nicht nur ich, allerdings fest, daß die „theoretische Leistung“ von S. Wagenknecht die Richtung vorgibt, vorher von Gysi, aus operativ-taktischen Gründen und seinem theoretischen Vermögen geschuldet, in die Spur gebracht. Aus ihren Büchern läßt sich befürchten, ein neuer Opportunismus setzt sich in der Theorie immer weiter durch. Um keine Mißverständnisse entstehen zu lassen, das operativ-praktische Andocken an Melenchon, Sanders, Corbyn in der bundesdeutschen Parteienpolitik ist nur zu begrüßen. Damit wäre ein hoffnungsvoller Weg gegeben, denn S.W. als Bundeskanzlerin, wie einigen vorschwebt, wäre nicht die schlechteste Version des Aufschwunges der Linken. Allerdings ist mit der Transformation von Inhalten der Politik in die Theorie der Rubikon überschritten. Die linke Theorie ginge so einem fatalen Weg nach (USPD!). Da ist es dringend, daß Leute wie Brie aufschreien. Sein früheres „Versagen“ kann nicht jetzt gegen ihn verwendet werden, es sei denn, es hilft den Erbhöfen.

    • Manne Murmelauge sagt:

      Manche glauben, man könnte vordenken, wie fleißige Hausmenschen vorkochen. Nachdenker haben oft nicht vorgedacht; Vordenker dafür nicht nachgedacht. Und morgen müssen andere die Denksuppe auslöffeln, die heute vorgedacht wurde,

    • Werner Richter sagt:

      Eine ergänzende Anmerkung zum Theoriepotential der R-L-Stiftung ist aufschlußreich. Lange Zeit war Klaus Steinitz in der Hellen Panke sowie in der Stiftung mit seiner speziellen Theorie der sozialistischen Marktwirtschaft maßgeblich tonangebend. Dank seiner Wassersuppe, so ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, wurden in seinem Sinne oder von ihm direkt inspiriert alle Angebote, über eine nicht-marktwirtschaftliche Zukunftsgesellschaft zu diskutieren, abgewiesen. Die Ablehnungen waren oft erkennbar fadenscheinig. Eine Zuspitzung dieses Konfliktes geschah 2013 in Vorbereitung einer Nicht-Marktwirtschafts-Konferenz der Masch Hamburg. Steinitz drängte die Veranstalter, ihn mit einem Referat einzuladen, was abgelehnt wurde. Dieser Vortrag hätte der Konferenz den Stempel für oder wider sozialistisch-marktwirtschaftlicher Konzepte aufgedrückt. Aber in diesem Gremium war die Zeit des Pro & Contra vorbei, man war weiter, wollte nur die Aspekte nicht-marktwirtschaftlicher Gesellschaften diskutieren. Daraufhin organisierte Steinitz in Berlin eine Art Gegenveranstaltung, zu der er ganz gezielt vorgesehene Referenten der Masch-Veranstaltung ab warb, er saß ja auf dem Geldsack. Auch in der Folge war sein persönlicher Einsatz gegen Theoretiker der nicht-marktwirtschaftlichen Variante zu vermerken, typisch sein provokantes, auf Skandal gerichtetes und infames Auftreten auf einer Veranstaltung von Dieter Wolf in der Hellen Panke. Diese mußte als Nicht-Helle-Panke-Veranstaltung zugelassen werden, da diese der Wunsch eines nicht näher bezeichneten, aber einflußreichen einzelnen Herren, war, wie mir der Veranstalter erklärte. Dieser wies den bei der Gelegenheit gemachten Vorschlag, wie mit Dieter Wolf mit Heinrich Harbach eine Diskussion in der Hellen Panke zu dessen Theorie anzugehen, mit dem Argument zurück, die Helle Panke führe keine Theoriediskussionen. Das geschah in der Pause einer Helle-Panke-Plan-Veranstaltung, in der der Philosoph der theologischen Fakultät der HU Andreas Arndt seine Sicht über Hegel darlegte. Der Mitarbeiter hatte es plötzlich sehr eilig. Bis heute ist da kein Blumentopf zu gewinnen. Diesem Einfluß aus dieser Richtung wird ein loses Netzwerk der Diskussionsverweigerung zugrunde liegen, denn dieses Ausweichen ist selbst im Blättchen zu spüren. Die zur Wertproblematik verfaßten, aber nicht gebrachten Artikel sind im Übrigen auf der Website:
      http://www.wirtschaftstheorie-forum.de/
      nachzulesen.
      Harbach verarbeitet dort die Arbeiten von Dieter Wolf, wie bereits erwähnt, jüngst da zu finden:
      DE GRUYTER https://www.degruyter.com/view/j/zksp.2017.4.issue-1-2/zksp-2017-0010/zksp-2017-0010.xml .
      Wolf stellt dort seine Überlegungen aus Marxens Hegel-Kritik vor allem zur Frage der abstrakt menschlichen Arbeit vor, anders, als im Marxismus üblich und nicht so leicht von der Hand zu weisen. Das wäre ein Ansatz, um einen besseren Weg in eine Zukunftsgesellschaft zu bestimmen. An dieser Frage scheiden sich die Geister, sie ist für die Theorie grundlegend. Dies entspräche auch den Überlegungen vom M. Brie „Welches Programm von Einstiegsprojekten aber hat die europäische Linke?“ und „…um emanzipatorische Gesellschaftsveränderung anders als er [Lenin] zu machen.“
      Das mag anmaßend provokant klingen, der Stein soll aber geworfen werden. Intellektuelle Selbstgefälligkeit mit gegenseitiger Bestätigung eigener Überzeugungen, die recht häufig anzutreffen ist, stände dem Blättchen nicht gut zu Gesicht. Eine Kommunity ohne Streit ist schon tot.
      Heutzutage nicht mehr so einfach zu finden, waren in der Bekanntmachung der Publikationen der R-L-Stiftung so manche gemeinsamen Schriften auch von hiesigen Autoren mit Klaus Steinitz aufgeführt. Man könnte daraus gewisse Schlüsse ziehen. Gottes Wege sind eben unergründlich.

  93. Werner Richter sagt:

    Zu M. Brie „Von Lenin lernen – und es anders machen“
    Diese Fragen des Autors haben es in sich, sie treffen den Nerv der Linken. Alle haben die Bilanz im Blick, wo steht die Linke und wie ist sie hinsichtlich des Weltgeschehens dafür gewappnet. Die zu ahnenden Antworten werden nicht gerade optimistisch ausfallen. Am schlimmsten wird es werden, wenn Linke kaum diesen Mahnruf aufnehmen, wie so oft auch in letzter Zeit zu konstatieren war. Einige anknüpfende Artikel, eine Diskussionsrunde vielleicht, dann drängt die Zeit, die „Tagesaufgaben“ warten, es geht weiter wie bisher, fürchte ich. „Wat brauchste Grundsätze, wenn de een Apparat hast“, noch parat, auch wen betreffend? Ist das nicht erschreckend? Das Bauchgefühl sagt, da ist was ganz Fundamentales in der Linken in Schieflage geraten, sehr nahe kommt Brie dem mit der zweiten Frage nach Strategie und Taktik, den programmatischen Vorstellungen und der Stellung der wissenschaftlichen Theorie darin. Der Aufhebung der Hegelschen Dialektik in der linken Philosophie kommt dabei auch m. E. entscheidende Bedeutung zu, dies verlangt geradezu nach einer dies betreffenden Diskussion, die ich aber nicht wahrnehmen kann, man korrigiere mich. Erst darauf, natürlich parallel dazu in Praxis, kann die philosophische Neujustierung gegründet werden. Es gibt Angebote von verschiedener Seite dazu, bisher im Wesentlichen ignoriert. Seit längerem stellt z.B. Dieter Wolf seine Betrachtung zum Thema in die Öffentlichkeit, u.a. aktuell nachzulesen z.Z. in folgender Publikation:
    DE GRUYTER https://www.degruyter.com/view/j/zksp.2017.4.issue-1-2/zksp-2017-0010/zksp-2017-0010.xml .
    Diese Arbeit basiert auf seinen Forschungsarbeiten zu Marx und Hegel, ist also schon „weiterverarbeitete“ Hegelkritik. Dabei stellt er die Frage nach dem Verständnis der abstrakt menschlichen Arbeit, ob denn deren Darstellung am Anfang des „Kapital“ tatsächlich, wie oft „marxistisch“ be- oder verurteilt, unwissenschaftlich wäre, genau so wie die Textpassagen, in denen Marx die abstrakt menschliche Arbeit als „Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im physiologischem Sinn“ charakterisiert. Wolf stellt die bisher im Marxismus übliche Darstellung der Rolle der abstrakt menschlichen Arbeit in Frage, deren Beantwortung ja kein unwichtiges Moment des Gesellschaftsbildes, der Erarbeitung (als Prozeß) von Strategie und Taktik der Linken, sein dürfte. Es ist dabei schon ein gewaltiger Unterschied, ob man den Wert als inneres Element der Ware, als Art von Arbeit, oder als spezielles historisches gesellschaftliches Verhältnis definiert. Die Vorstellungen zur Art und Weise der Abschaffung bzw. Aufhebung des Kapitalismus werden hiermit entscheidend geprägt. Vielleicht kommt man dann auch zum Schluß, daß Lenin seinen Hegel doch nicht ganz gelesen hatte und wir dessen Halbgegartem weiterhin nachhinken, wer weiß.

  94. Carola Büchel sagt:

    Das Dilemma der studentischen Tugendwächter_*Innen aus Berlin-Hellersdorf ließe sich doch eigentlich ganz einfach lösen.
    Ergänzte man das letzte Wort dieses Gedichtes „un admirador“ (ein Betrachter) durch ein „a“ ins feminine „una admiradora“,so wäre jedweder Sexusmus getilgt, dank einesd winzigen Buchstabens. Es sei denn, es ist auch sexistisch, wenn Frauen Frauen bewundern. Dann allerdings wüßte ich auch nicht weiter…
    Carola Büchel

    • Theosebeios sagt:

      TILGUNG DES SEXISMUS?
      Sehr geehrte Frau Büchel,
      ich muss mich aber sehr wundern, wenn Sie meinen, das „Dilemma der studentischen Tugendwächter_*Innen“ durch „una admiradora“ zu lösen. Sie sind nicht auf der Höhe des Sprachfeminismus. Entschuldigt sind Sie allein dadurch, dass Sie einen weiblich klingenden Namen angeben. Nach Auffassung der „Tugendwächter“ gilt das leider für viele Frauen, daher müssen sie durch sie, die „Tugendwächter — wie einst die Kader Leninschen Typs — sprachlich geschult werden. Wie dies geschieht u. auch die Wissenschaft zutiefst infiltriert, habe ich in meinem Beitrag für die Festschrift des Kriminalpsychologen Rudolf Egg („Bewährung für eine achtzehnfache Mutter“) dargestellt u. kann es hier nicht ausführen.
      Ein Beispiel für Ihre geradezu rührende Naivität — ich hoffe, die Redaktion lässt die Formulierung stehen, sie ist mit viel männlicher Courteoisie zu denken — ist der Gebrauch „studentisch“. Selbst der mutige Herr Wohanka schreckt davor zurück. Warum? Das Wort „Student“ gilt als abgeschafft, daher auch „studentisch“ nicht mehr vorzukommen hat. Diese Leute sind heute „Studierende“ (selbst dann, wenn sie nicht studieren). Fast alle Universitätsangehörige — u. nicht nur die der Alice-Salomon-Hochschule — haben solche Redeweisen verinnerlicht. Häufig wissen sie nicht einmal mehr, was da eigentlich abgelaufen ist.
      Natürlich ist es lustig zu lesen, wie Herr Brauer die Hellersdorfer Sprachfeministen, die ‚auf der Höhe der Zeit‘ sind, auf den Arm nimmt. Allerdings ist dieser bürgerlichen „Reflexionselite“ längst nicht mehr mit Persiflage beizukommen. Die besseren Argumente zählen schon gar nicht. Hier geht es um Machtansprüche. Darüber werden auch alte Mitglieder der Linkspartei aus SED-PDS-Zeiten gelegentlich wohl noch den Kopf schütteln, sofern sie nicht zu sehr gewöhnt sind, ihn bei unverständlichen Vorgängen demütig zu senken.

  95. Stephan Wohanka sagt:

    Eigene Bemerkungen, angeregt durch „Bemerkungen, Berliner Notizen – Poesie, Porno und die SPD“

    Als schon alles gesagt schien in dieser unsäglichen Debatte, veröffentlichten Studierende (um nicht Studenten zu sagen) der in Rede stehenden Hochschule diese Stellungnahme: „Angenommen ihr alle wohnt in einem Mietshaus und auf der einen Fassade dieses Mietshauses steht ein Gedicht. Ihr wisst nicht genau, wie der Dichter es gemeint hat, aber irgendwie gibt es euch ein komisches Bauchgefühl“. „Bauchgefühl“ also. Ist das nicht – hier zivilisiert gesagt und eintretend vermeintlich für eine gute Sache – der gleiche gedankliche Duktus, der auch „Angstbürger“ sich äußern lässt? Wenn „Bauchgefühle“ ins Spiel kommen, wird gesagt: Ich fühle mich verletzt, ich habe Angst. Und nicht: Ich bin anderer Meinung, ich vertrete diesen oder jenen Standpunkt. Wenn sogar Studierende Gefühle, Befindlichkeiten höher schätzen als den Austausch von Argumenten, von Fakten und Tatsachen, dann ist das Akademische selbst in Gefahr. Darauf hinzuweisen, ist nicht trivial: Von „Gefühlen“ und „Befindlichkeiten“ geleitete Debatten oder besser die dort nachzulesenden Ergüsse von Übellaunigkeit, Missgunst, Angst und Hass lassen auch nur Gefühle und Befindlichkeiten gelten und enden leicht in einem moralischen Debakel – Menschen werden enthumanisiert, objektiviert, außerhalb des Raumes von Toleranz, Mitgefühl und Solidarität gestellt. Klar – in jeder Gesellschaft, ausgenommen der nicht machbaren idealen, gibt es Radikale des rechten wie linken Lagers, gibt es Unzufriedene, Verlierer, Abgehängte und Ressentimentgeladene, potentielle Umstürzler und auch moralisch schlichtweg Verkommene. Wenn alle diese jedoch die soziale Dynamik, einst ausgelöst durch den Sieg von „liberté, égalité und fraternité“, aushöhlen, ja unterlaufen, wird es brenzlich; zumal wenn – wie gesagt – der akademische Nachwuchs nun auch noch „gefühlig“ werden sollte. Universitäten sind dann nicht mehr der Ort, in dem es nicht nur darum geht, was, sondern wie gedacht wird, an dem grundsätzlich erst einmal Meinungen verhandelbar sind, eigene Überzeugungen immer wieder herausgefordert werden; aber auch der Ort, der lehrt, Reibungen und Dissens zuzulassen und auszuhalten.

  96. Rita Scholz sagt:

    In der Rubrik „Aus anderen Quellen“ innerhalb der „Bemerkungen“ findet sich eine ausführliche und interessante Zustandsbeschreibung der kubanischen Wirklichkeit von heute. Dem französischen Autor von „Le monde diplomatique“ ist allerdings ein Fehler unterlaufen, der leider von einer zumindest partiellen Unkenntnis von dem zeugt, was gemeinhin unter Sozialismus und dessen Verteilungsprinzip verstanden wird.
    Den Grundsatz des Sozialismus, „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, habe Raúl Castro in einer Rede vor Parteigenossen am 17. April 2016 umformuliert: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Arbeit“, schreibt Renaud Lambert.
    Castro hat nun gar nichts „umformuliert“, hat Marx den laut Renaud „sozialistischen Grundsatz“ doch dem entwickelten Kommunismus zugedacht und nicht dessen imaginierter Vorstufe, dem Sozialismus. Das dortige Verteilungsprinzip lautete immer schon: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“.
    Rita Scholz

  97. Bernhard Romeike sagt:

    In Neues Deutschland von diesem Wochenende (18./19.11.2017) wird der Schriftsteller, Pazifist und Sozialist Kurt Hiller zitiert, der 1932 in der Weltbühne schrieb: „Wer taugt mehr, ein kommunistischer Nichtdenker oder ein nationalistischer Selbstdenker? Möge Jeder diese Frage nach seinem Privatgeschmack beantworten (oder besser: nach andern Kriterien als denen des Geschmacks); allgemeingültig scheint mir zu sein, dass Selbstdenker, mögen sie auftauchen in welcher politischen Gegend auch immer, ernster Beachtung wert sind – zumindest in einer Epoche, deren herrschende Politik-Gruppen ein so erbärmliches intellektuelles Niveau zeigen (und daher so schaurige Resultate hervorbringen) wie die großen Parteien in diesem Deutschland: jene alten Vereine, die sich das Gesetzgebungsmonopol teilen, und jene jüngeren, ebenso fragwürdigen, die es ihnen entreißen wollen.“

  98. Helge Jürgs sagt:

    Ach, lieber Herr Adolphi: Nicht dass sich an der schwierigen Findung allein dessen, was wo und für wen Mainstream ist, gleich etwas ändern würde – aber könnten Sie sich nicht, wie in langen Blättchen-Zeiten der Vergangenhgeit, öfter mal wieder mit etwas ausführlicher ausgebreiteten Gedanken in diese Publikation einbringen als mit – mit Verlaub – Forum-Einträgen?
    Ich jedenfalls kann mir das sofort als bereichernd vorstellen.
    Freundliche Grüße,
    Helge Jürgs

    • Wolfram Adolphi sagt:

      Lieber Herr Jürgs,
      ich will’s versuchen.
      Auf bald,
      Wolfram Ad.

  99. Wolfram Adolphi sagt:

    Lieber Herr Ernst,

    danke für Ihre Reaktion auf meine Zeilen. – Die Frage nach der Haltung der LINKEN dazu ist natürlich immer richtig, und es ist auch schön, wenn man jemand hat, auf den man seinen Ärger richten kann – aber was mich betrifft, so liegt für mich der Hase im Pfeffer dort, wo es um die Verschiebung des Mainstreams nach rechts geht, und zwar mit einer schleichenden Intensität, die für mich alarmierend ist, und ich glaube nicht, dass man der Illusion nachhängen sollte, einige kluge Köpfe in der LINKEN hier und da könnten diese Mainstreamentwicklung aufhalten. Da braucht es ganz andere Gegengewichte – deren Kräftezusammenfassung natürlich erst einmal ein gemeinsames Verständnis davon, wass der Mainstream ist und was er tut, voraussetzt.

    In ihrer Rubrik „Leserworte“ veröffentlichte die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ) gestern exklusiv groß herausgehoben aus dem übrigen Leserbriefblock die folgenden per Facebook an die MAZ übermittelten Zeilen einer Leserin zu einem Artikel, in dem davon berichtet war, dass die Barbie-Hersteller jetzt eine Barbie mit muslimischen Kopftuch produzieren: „Das hat der Welt noch gefehlt. Würde mich mal interessieren, ob in muslimischen Ländern auch extra blonde Puppen mit kurzem Rock für Europäer verkauft werden.“

    Da ist wie in einer Nussschale alles versammelt, was man sich so an kleinem, ganz persönlichem Rassismus und Fremdenhass und Chauvinismus zusammenbasteln kann; und die Zeitung bringt’s buchstäblich groß raus. – Das ist es, was ich mit Mainstreamveaschiebung meine.

  100. Wolfram Adolphi sagt:

    Es ist immer mal wieder nützlich, zu schauen, wie hier und da im Land Weltbilder gebaut werden.

    Im Landtag Brandenburg – es regiert in Brandenburg bekanntlich eine Koalition aus SPD und der LINKEN – wurde am 14. November eine Ausstellung zum Thema „Polen und Deutsche gegen die kommunistische Diktatur“ eröffnet. Der Text der von der Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) unterzeichneten Einladung lautet: „Unter der Kontrolle der Sowjetunion wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in der späteren DDR und in Polen kommunistische Diktaturen errichtet. Fast ein halbes Jahrhundert lang rangen Polen und Deutsche in unterschiedlichen Oppositionsbewegungen und Widerstandskreisen um ihre Freiheit. Diesen am Ende erfolgreichen Kampf von 1945 bis 1989, der mit der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc ab 1980 einen Aufschwung nahm, dokumentiert eine informative Wanderausstellung aus polnischer und deutscher Perspektive. Sie ist Ausdruck des Respekts und der Dankbarkeit gegenüber all jenen, die sich in Polen und in der DDR gegen Unterdrückung und Verfolgung engagiert haben. Und sie will die Erinnerung an all jene bewahren, die den Sieg der Freiheit nicht mehr selbst erlebt haben. – Die Ausstellung ist in einer Kooperation des polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens (Außenstelle Krakau), der Stiftung Ettersberg und der Konrad-Adeenauer-Stiftung (Auslandsbüro Polen) erarbeitet worden. Nach Stationen unter anderem in Krakau, Warschau, Danzig, Posen, Breslau, Kreisau, Berlin, Schwedt und Frankfurt/Oder wird sie nunmehr im Brandenburger Landtag gezeigt.“

    So einfach kann Geschichte sein. Mit „Einführungsvortrag: Wolfgang Templin, Bürgerrechtler und Publizist“.

    Wolfram Adolphi

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Und die Brandenburger Regierungslinke war so sehr mit Regieren und Gebietsreform befasst, dass sie keine Zeit hatte, sich damit zu befassen? Oder hat sie, und teilt diesen Standpunkt?

  101. Werner Richter sagt:

    Nochmals zur begonnenen und dann abgebrochenen Diskussion zum Wert als notwendige theoretische Basis aller Sozialismustheorien oder alternativer. Es sind kaum Reaktionen auf die Aufforderung, sich dorthin zu begeben, erfolgt. Man kann sich denken, warum. Kopf in den Sand, einfach ignorieren und so tun, als ob die Frage nicht gestellt oder gar wichtig? Wir haben uns erlaubt, die Wertauffassungen von Klaus Müller auf die Website zu bringen, um Anstoß zu geben. Dabei geht es nicht in erster Linie um Klaus Müller, der hat sich wenigstens geäußert. An seinen Auffassungen lassen sich die gebräuchlichsten Vorstellungen zum Thema abarbeiten. Dafür unser ausdrücklicher Dank.
    Wer einen Einblick bekommen möchte: https://www.wirtschaftstheorie-forum.de/wom/?p=11#comment-369

  102. Redaktion sagt:

    Reiner Braun, Michael Müller und Willi van Ooyen haben den folgenden Aufruf veröffentlicht. Die Unterzeichnenden, darunter Gewerkschaftsvorsitzende, Vertreter der Friedensbewegung sowie Wissenschaftler und Künstler, fordern von der (neuen) Bundesregierung: „Keine Erhöhung der Rüstungsausgaben – Abrüsten ist das Gebot der Stunde“.

    Aufruf abrüsten statt aufrüsten

    Die Bundesregierung plant, die Rüstungsausgaben nahezu zu verdoppeln, auf zwei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung (BIP). So wurde es in der NATO vereinbart.

    Zwei Prozent, das sind mindestens weitere 30 Milliarden Euro, die im zivilen Bereich fehlen, so bei Schulen und Kitas, sozialem Wohnungsbau, Krankenhäusern, öffentlichem Nahverkehr, Kommunaler Infrastruktur, Alterssicherung, ökologischem Umbau, Klimagerechtigkeit und internationaler Hilfe zur Selbsthilfe.

    Auch sicherheitspolitisch bringt eine Debatte nichts, die zusätzlich Unsummen für die militärische Aufrüstung fordert. Stattdessen brauchen wir mehr Mittel für Konfliktprävention als Hauptziel der Außen- und Entwicklungspolitik.

    Militär löst keine Probleme. Schluss damit. Eine andere Politik muss her.

    Damit wollen wir anfangen: Militärische Aufrüstung stoppen, Spannungen abbauen, gegenseitiges Vertrauen aufbauen, Perspektiven für Entwicklung und soziale Sicherheit schaffen, Entspannungspolitik auch mit Russland, verhandeln und abrüsten.

    Diese Einsichten werden wir überall in unserer Gesellschaft verbreiten. Damit wollen wir helfen, einen neuen Kalten Krieg abzuwenden.

    Keine Erhöhung der Rüstungsausgaben – Abrüsten ist das Gebot der Stunde

    Erstunterzeichner*innen

    Jetzt Aufruf „abrüsten statt aufrüsten“ unterschreiben: abruesten.jetzt

    • Peter sagt:

      Es wird sich durch den Aufruf nichts ändern, Unmengen solcher Aufrufe hat es gegeben (Schwerter zu Pflugscharen) Es ist eine wunderbare Ablenkung von den Zuständen die eben auch zu solchen führen, sie bewirken nichts. Sie sind auch Moralisch und sind Substanzlos. Es ist sogar nicht richtig na klar löst Militär Probleme, findet tagtäglich statt. Zum Beispiel in der Türkei da wird das auch noch von Deutschland unterstützt. Es kommt doch darauf an für welche Klasse das Militär Probleme lösen soll.
      Es geht um den Kapitalismus und seine Produktionsweise, da sind Organisationen bzw. deren Vertreter dabei, die dafür Kämpfen das weiter Kohle verstromt wird. Wenn das kein Angriff auf die Gesundheit des Volkes ist? Das VW und BMW weiter Menschen vergiften dürfen.
      Es sind derweil so viele „Baustellen“ auf, das sich doch die Frage gestellt werden muss sind das alles Singulare Erscheinungen oder können die zusammengeführt werden und ensteht dann ein Bild.
      Kritische intellektuelle werden nach hause geschickt. http://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/petition-fuer-die-weitere-genehmigung-von-lehrauftraegen-von-apl-prof-dr-ulrich-ruschig-der-universitaet-oldenburg/

    • Werner Richter sagt:

      Stimmt, Peter. Und trotzdem ist es richtig, immer wieder solche Aufrufe zu starten.

  103. Rudolph Caracciola sagt:

    für Menschen, die am nächsten Morgen früh raus müssen, ist der Sendeplatz des ZDF-Satiremagazins DIE ANSTALT suboptimal. Die gestrige Sendung sollte man aber wegen ihres im Betreff genannten Themas trotzdem nicht verpasst haben. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

    – Man kann auf die Wiederholung auf 3sat am 12.11. warten. Die startet schon 20:15 Uhr.
    – Oder man kann auf den folgenden Link klicken:
    https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-7-november-2017-100.html (Und falls das nicht klappt: Einfach diese URL in den Internetbrowser kopieren.)

    Ein Experimentaldurchlauf des Neoliberalismus fand bekanntlich nach dem Putsch in Chile 1973 statt. Maßgeblich beteiligt waren Milton Friedman und seine Chicago-Boys. Friedman erhielt – auch dafür – 1976 den Nobelpreis für Ökonomie, der ja nicht von Nobel gestiftet wurde, sondern von der Schwedischen Reichsbank. Im Hinblick auf Träger dieses Preises meint Claus von Wagner in der ANSTALT: „Wenn Nobel wüsste, was da in seinem Namen alles ausgezeichnet wird, er würde sich eine Stange Dynamit in die Sitzritze schieben.“

  104. Helmut Kupfer sagt:

    Werner Richter ist, denke auch ich, beizupflichten, ich tue das jedenfalls gern: Die Sonderausgabe zur Oktoberrevolution verdient große Anerkennung.
    Wo, wie in diesen Beiträgen, Nüchternheit und Sachlichkeit obwalten, lassen sich auch Konsequenzen ableiten,aus denen – irgendwann einmal! – linkes Handeln so bestimmen könnten, dass ihm wirklich ein durchgreifender Erfolg beschieden ist. Das steht nun wahrlich nicht auf der Tagesordnung, und es ist heute auch nur begrenzt absehbar, wie sich entsprechende Verläufe zu gestalten hätten – aber ohne eine endlich illusionslose Kritik des (zumal so verhängnisvoll) Gehabten mögen den Menschen weitere Beglückungsversuche erspart bleiben. „Eine Revolution“, so habe ich mal bei irgendwem gelesen, „ist ein unerprobter Schöpfungsakt“. Das schließt nicht aus, dass über sie taktisch, strategisch und vor allem programmatisch nachgedacht wird – herbeizurufen sind sie aber nicht. Auch dann nicht, wenn die Organisatoren der jährlichen Luxemburg-Konferenzen auf einem Einladungsbanner auffordern, die Machtfrage zu stellen.
    Ob das wohl nächstes Jahr schon ´was wird?
    Helmut Kupfer

  105. Werner Richter sagt:

    Zu Sonderausgabe 03.2017
    Wenn es sonst niemand tut, muß ich wohl wieder ran, großes Lob ist fällig. Dem Ereignis angemessen ist es, so breit und umfassend darauf zu blicken. Ist im medialen Umfeld nicht selbstverständlich. Ach ja, hat sich ja ohnehin von selbst erledigt. Um so verdienstvoller sind die Beiträge, die gerade da ansetzen. Gleich in mehreren wird nach historischer Einordnung in den gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß die Frage gestellt, wo genau stehen wir bei der Entwicklung unserer Vorstellungen von einer erstrebenswerten anderen Gesellschaftsstruktur, die den jetzigen Teufelskreislauf in Richtung Abgrund aufhalten kann und muß. Gut ist, daß in Beiträgen ehrliche Feststellungen dazu getroffen sind, keine ewigen Grundwahrheiten als Ausflucht und Hemmnis. Diese ermutigenden Ansätze sind hier überraschend häufig zu finden, etwa bei Michael Brie (Lenin… hatte genau jene Institution beseitigt, die die Bolschewiki hätten hindern können, Sozialismus und Demokratie in einen feindseligen Gegensatz zu bringen, der bis 1989 unaufgelöst blieb. Der notwendige Suchprozess wurde beendet, bevor er überhaupt begonnen hatte.), oder bei Wolfgang Scheler (Die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Sozialismus und Markt ist während der Geschichte der von der Oktoberrevolution hervorgebrachten Gesellschaftsform immer wieder neu aufgeflammt. Wie es scheint, ist sie bis heute nicht zu einer Klärung geführt worden. Für wesentlich halte ich den Gedanken von Fritz Behrens, dass die historischen Bedingungen ihrer Entstehung die „politische Ökonomie zu einer Apologetik eines bürokratischen Zentralismus degradiert“ haben.) oder Rolf Reißig („Ein Sozialismus aber ohne Demokratie und individuelle Freiheitsrechte, ohne Selbstbestimmung derjenigen (Arbeiter, Bauern, Intellektuelle), in deren Namen angeblich die Revolution stattfinden sollte; eine Gesellschaft ohne Öffentlichkeit, eine Wirtschaft ohne Marktbeziehungen konnte auf Dauer nicht überleben“… und …“Denn unter Transformation verstehen wir einen umfassenden und komplexen Wandel des gesellschaftlichen Entwicklungspfades, mit dem sich Grundstrukturen und Institutionen der Gesellschaft sowie die Lebensweise der Menschen verändern. Transformation ist also eine Einheit evolutionärer und revolutionärer gesellschaftlicher Wandlungsprozesse“… , „Die Herausbildung einer solchen Produktions- und Lebensweise basiert auf Innovationen, auf dem Wandel der Selektionsprozesse (gemeinwohlorientiert und ressourceneffizient) und ihrer gesellschaftlichen Institutionalisierung, so dass sich das neue sozial-ökologische und -kulturelle Entwicklungsprinzip schrittweise durchsetzen kann. Die entscheidende Frage lautet: Entsteht ein funktionierendes System wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung und individueller Selbstentfaltungsmöglichkeiten, vermittelt durch eine neue Regulationsweise. Ob dies tatsächlich gelingt, muss sich in der neuen Transformation erst noch zeigen.“ … sowie … „Auf neue Weise über Reform-Revolution-Transformation als praktisches und theoretisches Problem nachzudenken, erfordert zwar den kritischen Blick auf die Vergangenheit, vor allem aber den Blick auf Gegenwart und Zukunft und damit auf ein neues Wandlungs-, Gesellschafts- und Kulturkonzept. Notwendig ist daher heute mehr denn je auch ein Dialog zwischen den verschiedenen Segmenten der pluralen gesellschaftlichen und parteipolitischen Linken.“
    Hier sind Erkenntnisse formuliert, die ich schon bei Heinrich Harbach in seinen ökonomisch begründeten Ansichten gefunden habe, aber der See ruhte stille. Der Begriff Transformation kann auch als „Aufhebung“ des Kapitalismus verstanden werden.
    Die Botschaften hört ich wohl, hoffe aber auf Prozesse der Theoriebildung darüber hinaus. In meiner allgemeinen Skepsis, die ständig Nahrung findet, sehe ich statt dessen bei den potentiellen gesellschaftlichen Kräften dafür mehr ein das ausschließendes Geschäftsmodell Parlamentarismus. Die Worte vom Neu- und Weiterdenken bitte in Gottes Gehörgang.

  106. Die Redaktion sagt:

    NSU-Komplex: Als am 6. April dieses Jahres die Taschenbuchausgabe des Politthrillers „Die schützende Hand“ erschien, hatten der Autor Wolfgang Schorlau und sein Rechercheur Ekkehard Sieker das Buch gegenüber der Erstausgabe von 2015 um gravierende Aspekte erweitert – nämlich um forensische Belege dafür, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zum Zeitpunkt ihres Auffindens in Eisenach-Stregda am 4. November 2011 um 12:05 Uhr mittags bereits mindestens zwölf Stunden tot waren. Das lässt sich aus der Auffindesituation der Leichen und ihrer dokumentierten Totenflecken ableiten und ist auch im Blättchen ausführlich besprochen worden: http://das-blaettchen.de/2017/04/nsu-wann-wie-und-wo-starben-mundlos-und-boehnhardt-39577.html.
    Am 6. November nun, 20:15 Uhr, wird das ZDF die Verfilmung des Thrillers ausstrahlen. Dabei werden, wie bereits der Trailer zeigt (https://www.youtube.com/watch?v=5fEaVwGxTtg), etliche Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der offiziellen Darstellung der Ermittlungsbehörden zum Tode von Mundlos und Böhnhardt aufgegriffen …

  107. Wolfgang Ernst sagt:

    Bei den Debatten um lechts und rinks gilt am Ende wieder Tucholsky: „Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit: Es schreibt mit der Linken und tut mit der Rechten.“ Die „links“-kulturelle Pflege der politischen Korrektheit hat sich die Grube selbst gegraben, in die sie gerade fällt.

  108. Ergänzend zu der Leseempfehlung von Klaus Müller hier noch eine andere, ebenfalls die Entwicklung der Wertform betreffend: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/212/212Hummel.pdf. Dort: Der Wert in der Finanzform, auf Marx aufbauend, aber ihn weiterdenkend.

  109. Peter sagt:

    Das Beste an Werner Richters Einlassen zu Marx ist seine Psychologische Fähigkeit zu wissen wann Marx resigniert und wann nicht. Dann würde ich „Es ist die alte Illusion, daß es nur vom guten Willen der Leute abhängt, die bestehenden
    Verhältnisse zu ändern… Diese ideelle Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht der Philosophen gegenüber der Welt. Ihre ideologischen Prahlereien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft. MEW 3, S.363 “ nicht verstehen.
    Es kann auch nicht auf ein Fragment abgehoben werden, es geht um das Bewegungsgesetz des Kapitals, das ist mit der Wertform alleine nicht gemacht. Das Marx nicht an den Schulen gelehrt wird ist durchaus verständlich, sonst würde „Industrie 4.0“ spätestens beim „tendenziellen Fall der Profitrate“ verstanden.
    Na klar sind es wenige, die Linke ist eben zersplittert und schwach, sie stricken teilweise an den Fetischen mit. „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ zeigt wie es laufen könnte. Aber wer von den Narzissten will das wissen und wozu.
    Ich scheine kein Marxist zu sein, denn ich war nicht in der Kirche, braucht es als Marxist Absolution und von wem?
    Da lobe ich mir http://kritischeperspektive.com/kp/2017-35-keine-zeit-fur-mehr-gerechtigkeit/

  110. Werner Richter sagt:

    Analogie zu Kästners „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“
    Das Jubiläum ist ohne Vorfälle über die Bühne, 150 Jahre Band I des „Kapital“. Alle Marxisten gingen zum Gottesdienst, erhielten Absolution und die Predigten waren auch ganz nett. In einem linken Medium konnte man dürftig dünne Reflexionen erleben, in anderen in großer Zahl und vielseitig. Alles schön – ist der momentan modische Kommentar. Schön zu lesen, wem alles „Das Kapital“, eigentlich mehr allgemein der Marx an sich, so kurios oder logisch vor die Füße fiel. Zum „Kapital“ selbst findet man selten Bezüge. Viele haben es gelesen, ja, aber nur gelesen, wie eben andere Bücher auch. Aktuelle ständige Bedeutung war selten zu finden. Hatte das Marx am Ende geahnt, als er gegenüber Engels resigniert fragte: Was habe ich denn tatsächlich erreicht? Sein „Kapital“ wurde zur Bibel, die man als Beweis seiner Zugehörigkeit sichtbar unterm Arm trug. Zitate, Zitate und nochmals Zitate, so wurde und wird heute noch Marx viel gebraucht, da wird selten gefragt, ob das überhaupt so richtig in den veranlassenden Zusammenhang paßt. Für ganz Unbedarfte, aber mit Macht ausgestattete, lagen sogar Marxzitatesammlungen bereit. Diese Marxanwendung ist noch heute verbreitet anzutreffen, Marx ist tot, es lebe Marx, er verbleibt dort, wo er liegt. Marxens nihilistische Ahnung war so falsch nicht. Es wäre müßig, nochmals die eigentliche Bedeutung von Marxens Schaffen und die Arbeiten, wo sein ökonomisch-philosophisches System zu entnehmen ist, aufzuzählen. Das geschah zu Genüge, umsonst. Beim Mitjonglieren in modernen, besser: modischen Theorien des aktuellen Kapitalismus hält man am besten Marx undeutlich auf Ferne. „Das Kapital“ würde da nur stören, aber gut zu wissen, da gibt es das für den Notfall doch.
    Ganz schön unverschämt? Ich muß gestehen, ein altes Kriegsleiden. Aber da ist immer eine bohrende Frage: Warum scheuen so viele „Marxisten“ die aktuell sich anbietende Diskussion um Anwendung der Marxschen Werttheorie? Die wäre eigentlich zum Jubiläum fast schon schreiend sichtbar gewesen. Warum nach Monaten des Erscheinens kaum ein Wort zum „Kapital 1.5 Die Wertform“, als gäbe es das nicht? Da ist man an Harbach erinnert, dem so ist, als sei „Das Kapital“ nie geschrieben. Ist es Verwirrung, Verlegenheit, Ratlosigkeit, die in Ignoranz mündet? Man muß zugeben, es ist gewiß nicht leicht, so wie bisher mit von Marx stammenden Gedanken, die nicht in die eigenen, früher waren es die vorgekauten, passen, zu verfahren. Oder doch, einfach Klappe zu, Affe tot, läßt sich auch hier anwenden, wird es offensichtlich auch. Aber es sei allen gesagt, „Kapital 1.5 Die Wertform“ ist da und es gehört unweigerlich zum „Kapital“. Ausweichen geht nicht. Aber bisher vernahm ich lediglich eine (1!) verlegene Anfrage, was es denn mit diesem Buch auf sich habe und wo man dies zusammengefaßt erläutert finden könne. Das sind Bankrotterklärungen von Ökonomen, die sich auch noch bezüglich Marx selbst auf die Schulter klopfen.
    Man kann schon auf die geistigen Verrenkungen warten, die dann letztlich diese Schrift in die Relativierung schicken werden, in die Nebensächlichkeit bzw. Nichtaktualität. Das kommt, dem kann man gewiß sein. Wird jedoch nicht so leicht werden.
    Ein eigenartiges Jubiläum.

    • Klaus Müller sagt:

      Für Werner Richter, der sich so sehr für die Wertformenanalyse zu interessieren scheint:
      https://www.jungewelt.de/artikel/318338.ma%C3%9F-der-werte.html?sstr=Ma%C3%9F%7Cder%7CWerte

    • Werner Richter sagt:

      Muß mich z.Z. übers iPhone abquälen, PC will nicht. Hat lange gedauert und jetzt gleich 2 Beiträge! Immerhin. Aber warum nicht direkt, da, wo es inhaltlich zugeht? Duell mit dem Staubwedel, JW? Wohlkalkuliert oder intuitiv? Zurückschießen, aber im Graben bleiben? Zumindest kann man schon einige Taktiklinien erkennen: So tun, als wäre die Sache ein alter Hut, der ignoriert werden kann. Ohne inhaltliche Begründung „Gegner“ erstmal in die Nähe der Neuen Marxlektüre stellen, eine Handvoll Sand in die Augen. Sieht man oft im Film. Und den Wert so nebenbei nach Gusto wie selbstverständlich definieren. Hier geht das, aber auf der Website, da müßte man schon etwas tiefer bohren. Nachtigall… Wer mehr als taktische Geplänkel will, muß schon dahin, wo Tacheles gefordert ist.

    • Klaus Müller sagt:

      Sehr geehrter Herr Richter, welche „Gegner“ ich – noch dazu ohne inhaltliche Begründung – in die Nähe der „neuen Marx-Lektüre“ gerückt haben soll, wissen vermutlich nur sie selbst. Ich kenne keine „Gegner“, mit denen ich dies hätte tun können. Mein Link zeigt Ihnen, dass Ihre Behauptung schlichtweg falsch ist, „Marxisten“ hätten es zum „Kapitaljubiläum“ unterlassen, sich zur Werttheorie zu äußern.
      Und noch etwas zum Umgang mit den Schriften von Karl Marx: Sie mokieren sich über Sammler von Marxzitaten. Richtig ist, dass mit aus Zusammenhängen gerissenen und unvollständigen Aussagen Missbrauch getrieben werden kann. Doch jemandem, der sich mit den Marxschen Texten beschäftigt, muss es nicht nur erlaubt sein, Marx selbst an passenden Stellen zu Wort kommen zu lassen. Es sollte für ihn ein Muss sein. Das gebieten Solidität und Seriosität wissenschaftlicher Arbeit. Wer dies bestreitet, will sich oft nur gegen Kritik an seiner eigenen Fehlinterpretation immunisieren.

    • Werner Richter sagt:

      Na dann warten wir mal auf den Nachweis der Fehlinterpretation der Werttheorie. Wird spannend. Der mögliche Ort ist benannt.

    • Werner Richter sagt:

      Noch laeuft mein PC nur im Aushilfsmodus, aber einen Hinweis bekomme ich auch so hin. Dieser ist mit einer Einschaetzung des Artikels von Klaus Mueller durch Heinrich Harbach gegeben. „„Den Mueller habe ich heute gelesen, der hat durchaus interessante Passagen. Bei der neuen Marxlektuere liegt er auch richtig und seine historischen Exkurse ueber das Geld sind ueberfluessig und schon xmal vorher in den verschiedensten Varianten erzaehlt. Die Leute verstehen alle nicht, dass das Geld ein naturwuechsig Allgemeines ist, welches durch die Wertform, den Austausch, naturwuechsig entsteht und nachtraeglich staatlich sanktioniert werden muss, sonst wuerde das System nicht funktionieren! Der grundlegende Fehler von Mueller ist aber, dass er nicht wirklich die abstrakt menschliche Arbeit versteht und aus ihr eine bestimmte Sorte konkret nuetzlicher Arbeit macht, auch wenn er das Gegenteil schreibt. Der Satz „Das Quantum der abstrakten Arbeit ist die Wertgroesse“ offenbart das ganze Dilemma. Abstrakt menschliche Arbeit als solche kann man gar nicht messen, es ist eine gesellschaftliche Form. Messen kann man nur die konkret nuetzliche Arbeit und die wird ueber einen gesellschaftlichen Ausgleichsprozess bewertet. Erst in diesem trial/and/error/Verfahren sieht man, wieviel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit im jeweiligen Arbeitsprodukt realisiert, d.h. bewertet wird.““
      Darin liegt das theoretische Problem, das Marxisten jeglicher Couleur von Oekonomen der Alternative trennt, die nochmals anfangen, die bisherigen Marxinterpretationen ohne Ansehen der Experten zu hinterfragen, nichts ueber Marxens Theorie als quasi gottgegeben, also aus der Geschichte, die eigentlich dazu keinen Anlass bietet, denke man an das grosse Fiasko des Marxismus, gelten lassen und sein Theoriesystem von Beginn an zu verstehen versuchen. Eben weil dort, im Besonderen in der Werttheorie, aus bekannten politischen Gruenden eine falsche Richtung eingeschlagen worden zu sein scheint. Das ist die Fragestellung, die auf der Website wirtschaftstheorie-forum.de zur Diskussion steht, mit dem Buch von Harbach und seinen Thesen dazu. Wenn es Klaus Mueller , hier nur stellvertretend gemeint, und vielen anderen wirklich um die Sache, die Erkenntnis geht, dann ist kein Grund zur Diskussionsverweigerung zu erkennen. Wenn sie sich ihrer Sache so sicher sind, um so weniger. Wollten sie jedoch nur ihre Ruhe haben, dann bleiben sie eben fern. Ihrem Renommee wuerde das wohl nicht nuetzen.

    • Klaus Müller sagt:

      Konkrete Arbeit bildet den Gebrauchswert, abstrakte Arbeit den Wert. „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.“ Das sagt Marx. Und das ist eindeutig. Nach Harbach würde diese Aussage das ganze Dilemma offenbaren. Seiner Auffassung, dass man keine abstrakte Arbeit, nur konkrete Arbeit messen könne, war Marx ganz offenbar nicht. Warum und wie man abstrakte Arbeit und damit Wert messen kann, habe ich an anderer Stelle zu begründen versucht. Lesenswert in diesem Zusammenhang auch das Buch von Georg Quaas „Die ökonomische Theorie von Karl Marx“. Harbach ist zu empfehlen, nochmal über den Inhalt des Begriffs „abstrakte Arbeit“ nachzudenken. Da er das Gegenteil sagt wie Marx, lautet die Frage, wer von beiden Recht hat. Auf den Widerspruch zwischen Harbach und Marx wollte ich hinweisen. Nicht, weil ich um mein Renommee fürchte, Herr Richter.

    • Werner Richter sagt:

      Hier werden Sie keine sachliche Erwiderung finden, Herr Mueller, ich halte mich an die Regel, die die Blaettchenredaktion vorgibt und der ich zugesagt habe. Es kaeme sowieso nur unwilliges, wegbeissendes Kurzgeplaenkel heraus, keine gebotene ausfuehrlichere Diskussion. Warum nur weichen Sie dem aus?

  111. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Stephan Wohanka, Links und rechts oder Gesetz und Volk (20. Jahrgang, Nummer 20, 25. September 2017)

    Klug der beinahe im Luhmannschen Sinne systemtheoretisch anmutende Versuch, ein „soziales“ und „kulturelles“ Links zu unterscheiden – vermutlich in dem Ansinnen, beides hinge nicht grundsätzlich zusammen.

    Ein Dilemma der Linken bzw. ihres philosophischen Hintergrundes liegt m. E. in ihrer illusionären Anthropologie, ein zweites in ihrer Geschichtsphilosophie. Das eine geht maßgeblich auf Rousseau zurück, das andere auf den deutschen Idealismus.

    Dabei ist das Anthropologische offenbar ein so ausgemacht linkes Eigenproblem, dass dessen Thematisierung beinahe gänzlich dem konservativen oder gar rechten Denken, bspw. Arnold Gehlen und dessen Nachfolge, überlassen blieb; und die Geschichtsphilosophie der Linken bietet immer noch wenig mehr als die Hegelsche Übertragung der christlichen Eschatologie ins Metaphysische. So hofft man eben etwas quasireligiös weiter, erschüttert darüber belehrt, dass aus wohl ausnahmslos allen linken Gesellschaftsversuchen etwa das Gegenteil wurde als das Erhoffte. Was wiederum Typen hervorbrachte, die man sich überhaupt nicht wünschte und die dem „Gegner“ zum Verwechseln ähnlich sahen.

    Beides aber, der gute Mensch, dem angeblich nur die Umstände so widrig eingerichtet wären, dass er seine Güte nicht entwickeln kann, und der Vektor der Geschichte, der – idealistisch wie historisch-materialistisch – auf einen glückseligen, gerechten und vollends befriedeten Endzustand zielt, in dem ein brüderliches Band die Erde umschlingt und der Mensch endlich rundum gut wäre, trivialisiert das Erbe der Aufklärung, die ihrerseits schon genügend Potential daran erkannte, dass der Mensch, in Anteilen oder mindestens potentiell, vernünftig genug sein könnte, sein Schicksal einigermaßen erträglich zu gestalten.

    Auf Revisionen ihres Menschenbildes und ihrer utopistischen Hoffnungen reagiert die Linke nicht etwa mit Argumenten, sondern eher mit Allergieschüben und theatralischer Betroffenheit, am eindrucksvollsten nachzuvollziehen am durchweg tragischen Georg Lukács – und innerhalb seiner Schriften am deutlichsten in „Von Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus und die deutsche Politik“. Kern des Gedankens: Hätte es doch namentlich Schopenhauer und Nietzsche – diese beiden grandiosen Kritiker oder, anders betrachtet, Vollender der klassischen Aufklärung – bloß nie gegeben: Es wäre dann der deutschen und europäischen Geschichte die Katastrophe erspart geblieben.

    Könnte man anders verfahren? Durchaus. Nämlich mit dem Mut hinzuschauen und den Menschen wie seine Geschichte nicht zu verklären, sondern die Tatsachen zu nehmen, wie sie sich darstellen. Und daraus das Mögliche zu gestalten versuchen. Es ist dies meist wenig genug. Aber immerhin noch das, was uns überleben lässt, selbst wenn wir nicht „befreit“ sind, sondern vom Konsumismus korrumpiert bleiben und die verteufelte Ungerechtigkeit sich als schöpferisches Triebmittel des Fortgangs herausstellt.

    Was Carl Schmitt betrifft, so sehe man in ihm mehr als den „Kronjuristen des Dritten Reiches“ oder den „Totengräber der Weimarer Republik“, sondern – seine wesentlichen und übrigens sehr kurzen Schriften gänzlich zur Kenntnis nehmend – mutiger den „jüngsten Klassiker des politischen Denkens“ (Bernard Willms). Interessant immerhin, in welch prägnanten Darstellungen der Jurist etwa in „Der Begriff des Politischen“ oder in „Politische Theologie“ (Alles so schön wie schlicht bei bei Duncker & Humblot.) Macht, Herrschaft und das Wesen des Politischen zu fassen versuchte, in der reduzierenden Denkweise beinahe leninistisch anmutend, obwohl ganz aus der Tradition von Thomas Hobbes schöpfend, dem anthropologischen Antipoden zu Rousseau übrigens. Aber Schmitt wäre ein eigenes Kapitel wert, durchaus von dem frechen Gedanken ausgehend, inwiefern sich die sozialistischen Revolutionäre im Praktischen sehr schmittianisch verhielten. Damit aber stochert man in offenen Wunden.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Bosselmann,
      ein PS zum in Rede stehenden Blättchen-Text: Auch Gauland sagt, sich „unser Land und unser Volk“ zurückholen zu müssen…
      Was das „ein Dilemma der Linken bzw. ihres philosophischen Hintergrundes“ angeht, das wissen Sie, bin ich völlig Ihrer Meinung. Wir haben uns schon einmal darüber ausgetauscht; ich hatte damals – es war Ende Juni hier im Blog – auf den Kommunisten Charles Fiterman, Grillparzer und Werfel verwiesen und unter Verwendung ihrer Stichworte und Thesen gesagt, dass der Sozialismus ideell und praktisch drei Phasen durchlief: (1) Humanität, (2) Divinität, (3) Totalitarismus, Bestialität: Erst der (1) humane Ansatz aus der Marxschen Kritik des Kapitalismus und deren Verwandlung in eine Utopie der „gerechten“ Gesellschaft, dann das verhängnisvolle (2) Transzendieren, die Verabsolutierung der Idee zur einzig gültigen und zukunftsmächtigen einschließlich eines Götzendienstes an ihren „Trägern“, deren Verwandlung in Heilsbringer der neuen Lehre, ja Religion auf „wissenschaftlicher Basis“ wie Lenin, Stalin, Mao, auch Ulbricht und Honecker, verbunden mit den mit dem „Bemühen“, Andersdenkende gegen ihren Willen mit dem „Guten“ beglücken zu wollen – bis hin zu deren (3) physischer Vernichtung und letztlich von Millionen von Menschen im „Archipel Gulag“….
      Und ich denke schon, dass sich die heutige Linke – nachdem ihr das „System“ abhanden kam, sie politisch ungemein an Einfluss und Gestaltungskraft verloren hat – maßgeblich eine „kulturelle“ ist; mit all den beschriebenen Unsinnigkeiten. Mangelndes politisches Gewicht fand Ausgleich im Einsatz für Minderheitenrechte, in informellen Bewegungen und in der Bildungspolitik; Ihr Thema….
      Was Carl Schmitt angeht, „so sehe man in ihm mehr – sagen Sie – als den ´Kronjuristen des Dritten Reiches´ oder den ´Totengräber der Weimarer Republik´“. Richtig; wenn ich Schmitt nur in diesen Kontext zitiert habe, folgt das aus der Materie dessen, was zu sagen war. Und dass ich ihm nicht unrecht tat: Auch für Schmitt gilt „das Volk als Einheit“, anstelle eines Primats des Rechts fordert er den der Politik.
      Bemüht man sich um Schmitt, lässt sich leicht finden: „Das ist das geheime Schlüsselwort meiner gesamten geistigen und publizistischen Existenz: das Ringen um die eigentlich katholische Verschärfung (gegen die Neutralisierer, die ästhetischen Schlaraffen, gegen Fruchtabtreiber, Leichenverbrenner und Pazifisten)“. In diesem Selbstzeugnis Schmitts bedarf heute der Begriff „Schlaraffe“ einer Deutung – seinem Ursprung folgend ist der sorgenfreie Genießer gemeint. Schmitt vertritt eine Tendenz, eine Haltung, die verharrend, konservativ zu nennen ist. Sie richtet sich gegen die „Vermassung“ der Gesellschaft, gegen deren „Deformation“. Bedeutende Verfechter dieses Anliegens waren Protagonisten der „Konservativen Revolution“, heute der Neuen Rechten, deren Werke wieder breiter rezipiert werden. Die Klage über die Massengesellschaft, der Bannspruch gegen Spätgeburten des Liberalismus, aber auch das Heldische des Außenseitertums – alles Aspekte, die mit diesen Positionen verknüpft sind. Das nationale bzw. völkische Kollektiv ist (wieder) ideeller Fluchtpunkt romantischer Rückwendung.
      Das alles schließt nicht aus, in Schmitt, wie Sie in Anlehnung an Willms es tun, den „jüngsten Klassiker des politischen Denkens“ zu sehen. Wobei Willms, das wissen Sie auch, kein unbeschriebenes „rechtes“ Blatt ist; durch sein 1982 erschienenes Buch „Die deutsche Nation – Theorie, Lage, Zukunft“ gilt er als wichtiger Theorielieferant der Neuen Rechten: „Boykottieren Sie die Vergangenheitsbewältigung! Sie hält Sie nur davon ab, frei zu sein und die Fragen nach der Zukunft zu stellen“ und: „Das Bild des Grauens, das die rassistische Verfolgungspraxis der Nationalsozialisten in der Beurteilung der Sieger angenommen hatte, wirkte dahin, das Selbstbewusstsein der Deutschen im Ganzen nachhaltig zu erschüttern“. Die Nazi-Greuel als Ansichtssache der Sieger, bemerkenswert.
      Beste Grüße
      Stephan Wohanka

  112. Ger Pätzold sagt:

    Thailand gilt gewiss nicht als Gralshüter demokratischer Gepflogenheiten. Interessant allerdings wäre es, würde eine dort obwaltende Gesetzlichkeit auch abendländisch reüssieren, nicht zuletzt in unserem heimeligen Gemeinwesen. Immerhin hat das Oberste Gericht für politische Straftaten in Bangkok die ehemalige Ministerpräsidentin des Landes, Yingluck Shinawatra,soeben schuldig gesprochen. Es sah es als erwiesen an, dass sich die 50-Jährige in ihrer Amtszeit der Verschwendung von Steuergeldern und der Korruption schuldig gemacht hat. Der ehemaligen Regierungschefin wurde vor allem vorgeworfen, dem Staat mit Subventionen für den Reisanbau Verluste in Milliardenhöhe verursacht zu haben. Dass Yingluck nun nicht für fünf Jahre ins Gefängnis geht, verdankt sie lediglich dem Umstand, dass sie sich bereits in Ausland abgesetzt hatte. Aber nochmal: man stelle sich vor, eine unabhängige Instanz der Justiz urteilt über Steuerverschwendungen hierzulande …

  113. F.-B. Habel sagt:

    Zu „Querbeet“: Auch ich bin auf die 120jährige Tradition hereingefallen. Aber entweder hatte Kollege Wengierek riesiges Glück oder ich unglaubliches Pech, denn mit mir kreiste das Riesenrad nur 1 mal. Mit den zehn Euro hätte ich etwas Besseres anfangen sollen! Die Leser seien vorgewarnt!

  114. Ricarda Koch sagt:

    „Wir werden dennoch stolze Mitglieder der europäischen Nation bleiben.“ – So Theresa May in einem aktuellen Interview, das jemanden wie mich immerhin mit der überraschenden Information ausstattet, dass Europa eine Nation ist.

    Was Trump und Kim betrifft (wie ähnlich autokratische Figuren auch) erinnert mich deren Gehabe an einen alten Blättchen-Text, der mit der Aufforderung endet, sich die Protagonisten in kurzen Hosen vorzustellen. Ich meine auch, dass dies – jdenfalls oft – mehr erklärt als alle noch so bemühten Interpretationsversuche auf der politisch-ideologischen Strecke.
    Petra

  115. Stephan Wohanka sagt:

    In eigener Sache: Hatte ich im letzten Blättchen-Text die Auffassung vertreten, Trumps politisches Agieren führe zur Unterminierung und letztlich zur Zerstörung der US-amerikanischen Gesellschaft, so hat selbiger Trump nun auch den Beweis dafür angetreten, die Weltgemeinschaft desgleichen unterminieren und zerstören zu wollen. Nicht anders ist sein Auftritt vor der UN-Vollversammlung zu werten, wenn er den mühsam zustande gekommenen Atom-Vertrag mit dem Iran verbal zerstört, das Land einen „Schurkenstaat“ nennt, obgleich keine Beweise vorliegen, dass der Iran sich nicht an das Abkommen gehalten hätte. Dass Irans Politik im Nahen Osten nicht auf den Beifall des „Westens“ stößt, ist zwar richtig, sie ist aber kein Vertragsgegenstand.
    Der weltpolitisch zerstörerische Wahnwitz der Trumpschen Hetze liegt darin, dass er ähnliche Abkommen – vielleicht mit Nordkorea -, aber auch generell Absprachen unter Völkern und Regierungen massiv behindert, wenn nicht unmöglich werden lässt; wer weiß schon, wann es einer der vertragschließenden Seite nicht mehr in den Kram passt, sich an Vereinbartes zu halten? Und so mancher Gernegroß wie Polens Kaczyński, der er auch schon dabei ist, von polnischen Vorgängerregierungen völkerrechtlich verbindliche Abkommen aufzukündigen, hätte eine Berufungsinstanz. Selbst der damals als „Kalte Krieger“ apostrophierte Franz Josef Strauss hielt sich an die Maxim: pacta sunt servanda. Schöne Neue Welt!

    • Christian Werner Richter sagt:

      Es ist nicht selten nicht ganz klar, was Sie, Herr Wohanka, dem anonymen Diskurspartner eigentlich mitgeben wollen. Indirekte Anspielungen sind nicht selten zu vernehmen, weshalb zu raten angesagt ist. Wollen Sie sagen, hört auf, über andere Zusammenhänge zu sprechen, weil das Unikat Trump ausreichend für das Verständnis der Lage ist? Das wäre es sogar, hielte man sich an die Prinzipien der Propaganda, für die Erfassung der ursächlichen Verbindungen allerdings zu wenig. Propaganda ist es egal, ob Trump der Verursacher allen Übels ist oder nur die logische Erscheinung des gesellschaftlichen Verfalls, der Trump gebar, wenn sie auf Trump fokussiert ist. Dieser Subjektivismus scheint hierzulande um sich zu greifen, da auch schon Die Linke in die Richtung abbiegt, sich der Rechtsgefahr vaterlandsverteidigend entgegen stellen zu wollen. Anders ist die Richtung, zur Verteidigung von vermeintlichen guten Zuständen auf Systemkritik und alternative Vorschläge an die Gesellschaft zu verzichten, so wie es die bürgerliche Presse in Gleichklang mit den bürgerlichen Parteien einschließlich der SPD von den Linken fordert. Hat ja schon mal prima geklappt Anfang der 30-er Jahre, wegen der NS-Gefahr sich quasi monarchistisch hinter Hindenburg stellen, bis dieser dann Hitler zum Reichskanzler ernannte. Vielleicht klappt es diesmal.
      Auf andere Gefahren außer Trump hinzuweisen, Herr Wohanka, ist kein Trump-Verstehen. Wenn vor mir ein Kerl mit einem Knüppel steht, bin ich gut beraten, den hinter mir mit einem Messer nicht zu ignorieren.

  116. Christine Kopper sagt:

    Es gibt eine Menge Möglichkeiten, sich vor Augen zu führen, wie krank unsere Gesellschaft ist. Wenn man bedenkt, dass es bei jungen Leuten um die Zukunft geht, die sie ja verkörpern, kann einem (auch!) angesichts solcher Mitteilungen nur schlecht werden: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/verkaufsstart-des-iphone-8-apple-fans-campieren-seit-tagen-vor-store-am-kudamm-28455614
    Christine Kopper

  117. Christine Kopper sagt:

    Es gibt eine Menge Möglichkeiten, sich vor Augen zu führen, wie krank unsere Gesellschaft ist. Wenn man bedenkt, dass es bei jungen Leuten um die Zukunft geht, die sie ja verkörpern, kann einem (auch!) angesichts solcher Mitteilungen nur schlecht werden: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/verkaufsstart-des-iphone-8-apple-fans-campieren-seit-tagen-vor-store-am-kudamm-28455614
    Christine Kopper

  118. Helmut König sagt:

    Lieber Herr Wohanka, Sie sagen es: Der Herr Thierry Meyssan, den Sie irrtümlicherweise Thierry Meysan nennen, steht tatsächlich auf einer Seite, die, wenn mich nicht alles täuscht, jener Seite, auf der Sie möglicherweise oder auch sehr wahrscheinlich zu verorten sind, diametral gegenüber steht. Wie der Herr Meyssan tickt, das können wir seinem letzten Opus entnehmen, daß er bei Voltairenet.org, seinem Haus- und Magenblatt, eben in alle Welt posaunte:

    „Präsident Donald Trump hat den Mitgliedern seines Kabinetts jegliche Bezugnahme auf die so genannten „Islamistischen“ Verschwörer während der Gedenkfeiern der Attentate vom 11. September 2001 verboten Damals hatte Präsident Bush Osama Ben Laden und 20 Komplizen beschuldigt, diese Attentate organisiert zu haben und damit die erste Armee der Welt besiegt zu haben. Er hatte eine präsidentielle Untersuchungskommission gebildet, die seine Version bestätigt hatte, ohne jemals andere Interpretationen dieses Ereignisses zu prüfen.
    Anschließend hat die US-amerikanische Justiz nacheinander den Irak von Saddam Hussein und dann den Iran von Ayatollah Ali Khamenei beschuldigt, diese gleichen Ereignisse organisiert zu haben. Allerdings sind diese Prozesse noch nicht abgeschlossen und kein rechtskräftiges Urteil wurde ausgesprochen.
    Der Immobilienentwickler Donald Trump erwähnte auf dem New York 9 Fernsehsender, am Abend des 11. September 2001, die physikalische Unmöglichkeit der offiziellen Erzählung: Es ist physikalisch unmöglich, dass die zwei (2) Flugzeuge die Zwillingstürme zum Einsturz bringen konnten, ja noch weniger, alle drei Türme. Diese Meinung hat im Laufe der Zeit fast alle Physiker außerhalb der Vereinigten Staaten überzeugt.Wenn auch eine große Mehrheit der Amerikaner überzeugt ist, dass die nationalen Behörden über die Attentate gelogen haben, bleibt jedoch eine Minderheit davon überzeugt, dass sie von Islamisten begangen wurden.
    Wenn Präsident Trump auch von „Feinden“ sprach, hat Vizepräsident Mike Pence in seiner Rede am Denkmal von Shanksville eine Anspielung auf Daesch (ISIS) gemacht, obwohl klar steht, dass Daesch zum Zeitpunkt der Attentate nicht existierte und deshalb auch nicht als schuldig angesehen werden kann.
    Aus seinen verschiedenen Reden seit 16 Jahren kann geschlossen werden, dass Donald Trump der Auffassung ist, dass die Anschläge vom 11. September weder von Ausländern, noch von Islamisten begangen wurden.“

    Übrigens: Lieber Herr Wohanka, Sie erwähnen in ihrem Kommentar die Begriffe Verschwörungstheorie und/oder Verschwörungstheoretiker im Zusammenhang mit den Türmen von einer Firma mit Sitz in Langley/Virg.VSA kreiert und in die Welt gesetzt worden sind, doch das nur ganz nebenbei

  119. Kontextleser sagt:

    Zu Beginn der Unterhaltung über den Satz, daß „von nichts auch nichts wird“, hatte sich Petra Lücke am 11. September mit einer Attacke auf „orthodoxe Linke“einstellen lassen. Diese würden an ihrer falschen Meinung festhalten, „wie ein Katholik an der Dreifaltigkeit“. Ob bei diesem aktuellen Vergleich von erkannten Abwegigkeiten Erinnerung an Marx mitschwingt, der mit seiner „trinitarischen Formel“ ironisierend einen Schwenk zur christlichen Lehre von der Dreieinigkeit machte?
    Mit Bezug auf Marx oder nicht: Warum die Reduzierung auf den uneinsichtigen „Katholik“ als Gattung oder einzeln?
    Nehmen wir den nicht unwahrscheinlichen Fall, es käme erneut zu einer Vereidigung der Kanzlerin. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sie beim Eid dann des dreieinigen Gottes Hilfe beanspruchen – und das als Nicht-Katholikin. Ist eben nicht Bedingung. Sie kann dies im Wissen darum, daß das Festhalten an der Lehre und dem Glauben von der göttlichen Einheit in Dreiheit immanenter Bestandteil auch ihres protestantischen Glaubens ist. Im Zentrum steht der dreieinige Gott, nicht als Nebensache, nicht als: „ja, auch“. Interpretation im Rahmen ist zulässig und wird geübt, Substanz jedoch nicht verhandelbar.
    Kann man die Situation aber dennoch als gesellschaftlich überholt behandeln, weil Aufklärung prinzipiell gesiegt hat; also auch über den oben angeführten „Katholik“, der in der Zuschrift als hoffnungslos veraltet erscheint, es als gesellschaftliches Phänomen aber offenbar nicht ist?
    Um abzukürzen Zitat aus „Wikipedia“: „Der größte Teil der sich auf die christliche Bibel beziehenden Religionsgemeinschaften folgt dem trinitarischen Dogma. Sowohl die westlichen (römisch-katholische und evangelische) als auch die östlichen (östlich-orthodoxe und orientalisch-orthodoxe) Kirchen haben seit dem Ende des 4. Jahrhunderts durchgehend die Trinitätslehre vertreten.“ Aus aktuellem Anlaß besonders hervorzuheben: „Ebenso gehört das Bekenntnis der Trinität zu den Glaubensgrundlagen der evangelikalen Bewegung.“Wäre stärker zu bedenken bei weiteren Trump-Beiträgen.
    In Summe: Das sind doch ziemlich viel „Abweichler“ die da aktuell im Dogma verharren, wie der „Katholik“. Zwar nicht alle Religionen und Gemeinschaften haben dies Dogma, dabei auch solche, die uns nahe sind: „Der jüdische Glaube kennt keine Trinität.“ Der Islam auch nicht. Aber die mit „unseren Werten“ schon, auf die sich unsere Gesellschaften gern beziehen, auch mit der Erweiterung „christlich-jüdisch“.
    Zum Ausgangstext: „Orthodoxe Linke“ müßen ob des Vergleichs mit dem „Katholik“ also nicht frustriert sein; paßt nicht. Aber der hier eingeführte Marx vermochte offenbar, mit dem Zeitgeist zu seinen Gunsten umzugehen, auch mit Himmel und Erde.

  120. Ulrich Busch sagt:

    Zum Beitrag von Bernhard Mankwald in Nr. 19-2017

    Lieber Herr Mankwald,
    nun habe ich Ihren hübschen Essay über das „etwas“, das nicht „Nichts“ sein soll, zum zweiten Mal gelesen und weiß immer noch nicht, was Sie den Lesern damit sagen wollen. Ist es eine Satire auf Marx, Schumpeter, Riese u.a. wegen deren despektierlichen Umgangs mit der Bibelmetapher einer „Schöpfung aus dem Nichts“? Oder ist es eine Persiflage der monetären Ökonomie? Oder wollten Sie eine Parodie schreiben, indem Sie sich der wissenschaftlichen Sprache der Ökonomen bedienen, dann aber nur historische Banalitäten erörtern? Und was ist das „Geld schlechthin“ im Unterschied zu einer „bestimmten Währung“? Ich bin nicht dahinter gekommen. Vielleicht haben Sie sich nur einen Spaß gemacht. Ihr Beispiel von den Goldmünzen, die gesetzliches Zahlungsmittel sind, aber weder als Äquivalent fungieren noch zirkulieren, aber trotzdem „Geld“ sein könnten, wenigstens theoretisch, ist danach. Klären Sie mich bitte auf, wo sich hier der Witz verbirgt und welche hintergründige Wahrheit möglicherweise in ihrem Text enthalten ist.

    • Verehrter Herr Busch,

      wenn mein Text derart verblüffende Interpretationen zulässt, muss er noch vielschichtiger und damit besser sein, als ich ohnehin schon annahm. Versuchen Sie nur nicht, mich in den Größenwahn zu treiben. – Im Ernst: mich verdross die Art, wie Sie in Ihrem von mir erwähnten Artikel die durchaus gelungenen Beiträge von Heerke Hummel (im „Blättchen“ 4/2014) und Klaus Müller (17/2016) als „Vorurteile, Halbwahrheiten und Weisheiten von vorgestern“ abqualifizierten – und das war es dann auch schon an inhaltlicher Argumentation. So etwas liegt doch unter Ihrem sonstigen Niveau.

      Da Sie mit Ihrem Kommentar letzten Endes an die Leserschaft appellieren – die ja meine Überlegungen nach Ihrer Intention offenbar auf keinen Fall ernst nehmen soll – überlasse ich die Frage, ob einzelne der hier erwähnten Beiträge irgendwelche besonderen Vorzüge oder Nachteile haben, gerne dieser letzten Endes entscheidenden Instanz; über Meinungsäußerungen Dritter in diesem Sinne würde ich mich freuen.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Ich erinnere mich – ich bewarb mich an einer Hochschule und sollte einen Probe-Vortrag über Geld halten. Ich begann damit, dass ich sagte, ich könne das mit einem Satz abhandeln: Geld kommt aus dem „Nichts“. Ich redete dann noch anderthalb Stunden…. denn das Nichts ist natürlich nicht unkonditioniert, es ist an Bedingungen geknüpft usw. Deshalb ist es als Metapher zu verstehen. Aber eben eine mit gehöriger Aussagekraft, die all die anderen „Theorien“ ad absurdum führt; z. B. die, dass Banken bei Kreditgewährung die hinterlegten Ersparnisse ihrer Kunden weiterreichen – nein, sie schaffen Giralgeld aus dem Nichts. Die Kredite der Notenbanken an die Geschäftsbanken sind der Kern der Währungssystems. Hier entsteht das sogenannte Zentralbankgeld, das die Basis für die Geldversorgung der Wirtschaft bilden soll. Die Zentralbank ist nicht der einzige Akteur im Finanzsystem, der Geld schöpfen kann. Auch die Banken selbst können das – und zwar mit jedem Kredit, den sie vergeben. Wenn sich also ein mittelständischer Bauunternehmer bei seiner Sparkasse 100.000 Euro leiht, um damit neue Lastwagen anzuschaffen, wächst die Geldmenge um den gleichen Betrag. Zahlt er den Kredit nach fünf Jahren wieder zurück, sinkt die Geldmenge wieder.
      Auch Ihnen ist das offensichtlich nicht klar. Und: Was heißt „Geld schlechthin (zu) produzieren“ – Geld kann immer nur als „bestimmte Währung“ emittiert werden, wie sonst? Gold ist eben kein „Geld“, sondern – Sie kennen doch Ihren Marx? – nur „Geldware“; ein Unterschied! Heute wieder auf das Gold oder andere Werte zu rekurrieren halte ich auch für falsch; entscheidend ist die Glaubwürdigkeit und Bonität des Emittenten.

    • Lieber Herr Wohanka, da die e-Mail mit Ihrem Kommentar vom 18.9. mich erst heute morgen erreichte, beschränke ich mich auf eine kurze Replik – zumal Ihre Ergänzungen meinem Beitrag (in No. 19/2017) ja nicht widersprechen: die Geldschöpfung „aus dem Nichts“ habe ich bereits im Titel meines Beitrags angesprochen, ihre „Akteure“ zumindest erwähnt. Da Sie sich aber auf Marx berufen, möchte ich Sie an dessen Einschätzung erinnern, wonach „obgleich Gold und Silber nicht von Natur aus Geld, Geld von Natur Gold und Silber ist“. – Die Entwicklung von diesem Zustand zu den heutigen, weniger „natürlichen“ Verhältnissen habe ich zu skizzieren versucht. – Ähnliches tut übrigens Klaus Müller weit ausführlicher in einem Text, den er in der Zwischenzeit in eine Forums-Diskussion zu einem verwandten Thema eingebracht hat:
      https://www.jungewelt.de/artikel/318338.ma%C3%9F-der-werte.html?sstr=Ma%C3%9F%7Cder%7CWerte
      Diese Darstellung finde ich rundum überzeugend – abgesehen vielleicht von der Detailfrage, ob sich nicht auch das heutige Geld als Ware verstehen lässt; oder wenigstens in manchen Zusammenhängen als solche behandelt wird. Hier wäre also vielleicht ein lohnenderer Ansatzpunkt für eine vertiefte Debatte.

  121. Jürgen Scherer sagt:

    An der See oder wo auch immer…
    Ja, ja, die Berufung auf die Alten, mal auf Perikles, mal, wie diesmal, auf Laotse, hat so ihre Tücken. Wer von Perikles` „Goldenem Zeitalter“ redet, um für die Wahl von „Mutti“ zu plädieren, sollte den anderen Perikles nicht vergessen, der durchaus nicht unschuldig war an den „Peloponnesischen Kriegen“. So golden waren die Zeiten dann doch nicht! Wer Laotse als Zeugen für das Besondere an Mutti aufruft, sollte allerdings mit der Exegese von dessen Weisheiten möglichst genau vorgehen. Denn die von Laotse gemeinte „Herablassung“ des weiblichen Elementes ist wohl als das sich „Einlassen“ zu verstehen. Hat also nichts mit der im Artikel angesprochenen negativen Konnotation von „Herablassung“ zu tun, mit der Herr Schulz zu kämpfen hat. … Dann auch noch ein Laotselob für „Mutti“ und ihre „tatlose Verwaltung“. Fertig ist der Mäusespeck! Was aber, wenn die Mäuse nur scheinbar froh sind, wenn sie nur meinen, sie wären froh, weil der Mäusespeck dazu da ist, sie einzulullen, sie in trügerischer Sicherheit zu wiegen, während die Katze schon ihre Fallen aufgestellt hat, in die die Mäuse nach den Mäusewahlferien tappen werden bzw. sollen? In Mäusekreisen, so geht das Gerücht, vermisst Maus durchaus die aufklärerische Diskussion unter den Katzen, was sie mit der Mäusepopulation nach den Ferien vorhaben. Auch wenn manche Obermäuse meinen, dass die Mäuse zu dumm für solche Diskussionen seien. Bisher war es nämlich meist so, dass, Laotse hin, Laotse her, die Mutterkatze für Überraschungen immer gut war. Fröhlich ging es dann nicht immer zu, außer für so ein paar Extramäuse. Wie sagte Kaotze doch so schön: Starke Katze – große Gefahr!

  122. Werner Richter sagt:

    Zu „Leninist“ Trump von Stephan Wohanka
    Verehrter Herr Wohanka, das ist alles richtig oder besser: nicht ganz falsch. Jedoch hat Ihre Darstellung eine verdammt weiche Stelle, sie ist eine Widerspiegelung der medialen Darstellung, nicht unbedingt der realen Vorgänge. Welche Kräfte eine mediale Nebelwand auch hierzu mit welcher Zielstellung, gerichtet auf die Konditionierung der Öffentlichkeit, erzeugen und das wirklich Wichtige zu verbergen versuchen, ist wohl nicht mehr notwendig zu erklären. In unserer so schönen Medienwelt kann man das täglich verfolgen. Erst gestern Abend noch wärmte die Kleber-Show nochmals das Märchen vom Völkermord in Myanmar auf, obwohl bereits tagelang Zweifel an dieser Darstellung durch die Weltpresse gingen, genauso wie vorher das Märchen von den „Letzten Männern von Aleppo“, der armen Bana, dem Giftgaseinsatz durch Assad, dem Buk-Abschuß der MH 17 durch die Russen, die Wahlfälschung in den USA durch Putin u.ä. Um sich den realen Vorgängen zu nähern, wäre, schon mal angemahnt, eine Anleihe vom Vorgehen anderer Diskursanten nützlich, z.B. von Thierry Meysan, der viele Hintergrundinformationen aus exklusiven Quellen besitzt und nüchtern analysiert. Mit seiner Methode kommt man zu ganz anderen Ergebnissen, Trump, bei aller Problematik, kämpft (vermutlich aussichtslos, weil darin selbst gefangen) nicht gegen die vermeintliche US- und auch westeuropäische Demokratie, um sie abzuschaffen, sondern gegen den sog. „Tiefen Staat“, den der CIA-Boß indirekt bestätigte und der die Demokratie, wenn es sie überhaupt je gegeben hat, längst abgeschafft hat. Also gegen einen Umstand, daß so etwas wie Demokratie vorgegaukelt wird, die Fäden jedoch immer von Gruppen entsprechend Mächtiger gezogen wurden und werden. Nicht mit hehren Absichten, das ist klar. Aber auch nur die kleinste Sympathie für eine „korrekte“ oder „korrektere“ Hillary würde ich mir verkneifen. Sie ist nicht zu Unrecht in Vieler Augen die Inkarnation der Verlogenheit. Auch nicht übersehen sollte man, daß die „Säuberungen“ im Apparat ein Teil des Kampfes gegen den „Tiefen Staat“ sei könnte, der in der Administration sich mit der Mehrzahl der Mitarbeiter festgesetzt hat und gegen Veränderungen intrigiert, siehe vergangene Kampagnen über gewisse Medien. Daß Trump hier einer Illusion aufsitzt und selbst unglaubwürdig ist, ist eine andere Frage. Trump ist auch nicht der Erfinder der Fake-News und er wendet sie auch nicht alleine an. Fake-News-Rufer, auch in den Regierungen und staatlichen Institutionen sowie Medien, nutzen diesen Vorwurf zur Transformation ihrer fakes zu „Wahrheit“. Ein Mitmachen bei der Trump-Monster-Show ist wohl oder übel eine Unterstützung der Desinformationsstrategie. Man sollte überlegen, ob man wie Stellung bezieht. Sonst aber wäre es nur recht und billig, auch den aktuellen Bundeswahlkampf als ernsthaft und wichtig und die dortigen Themen als entscheidend anzusehen. Um es mit Putin zu sagen (Erwiderung auf Netanjahus plötzliche Warnung, in Syrien jetzt offen militärisch mitmischen zu wollen): Na dann viel Glück!

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Richter,
      Sie verweisen auf „Thierry Meysan, der viele Hintergrundinformationen aus exklusiven Quellen besitzt und nüchtern analysiert“. Ich kenne den Mann nicht; mache ich mich schlau, finde ich: „Meyssan vertritt zunehmend anti-zionistische und anti-US Positionen, und sucht die Nähe bekannter rechtsextremer Denker und Propagandisten wie Alain Soral und Dieudonné. Er … steht der Hisbollah sowie den iranischen und syrischen Regimes nahe; während des libyschen Bürgerkrieges“ war er „für Gaddafi und im syrischen Bürgerkrieg für die Regierung von Assad“. Sein Kumpel Soral „schloss sich 2006 offiziell dem Front National an und wurde Mitglied des Zentralkomitees nach einer Nominierung durch Jean-Marie Le Pen“, um dann „2009 aus dem FN aus(zuscheiden), nachdem er nach einer Auseinandersetzung mit Marine Le Pen keinen Spitzenplatz bei der Europawahl 2009 erhalten hatte. Bekanntheit erlangte Soral … durch seine Zusammenarbeit mit dem Komiker Dieudonné“. Der wiederum war „ursprünglich im linken politischen Spektrum tätig, wandte er sich zunehmend antisemitischen Positionen zu und gilt mittlerweile als prominenter Vertreter des Rechtsextremismus“.
      Ich habe das alles nicht überprüft; war mir im Augenblick zu mühsam. Aber bei aller Liebe, Herr Richter, Sie werden es mir nachsehen, dass ich den besagten Herr Meysan für eine so eine dolle Quelle, wie Sie unterstellen, nicht halte! Er ist wohl ziemlich klar einer Ecke zuzuordnen.
      Zum „Tiefen Staat“. Sie wissen es – die Idee des „Tiefen Staats“ geht auf die türkische Phrase „derin devlet“ zurück, die nach dem Zwischenfall von Susurluk aufkam und die für die unheimliche „Dreiecksbeziehung zwischen Mafia, Polizei und Politik“ (so die Tageszeitung milliyet) steht. Wie jetzt tatsächlich viele Publikationen und Bücher in den USA zeigen, ist die Idee des Tiefen Staats auch in den USA zum Mainstream-Thema geworden.
      Zwangsläufig stellt sich einem daher die Frage: Warum jetzt? Vor allem wohl deshalb, weil gewissen Kreisen daran gelegen ist, in Zeiten von 9/11, Irak, Bail-Out/-In, Migrationskrisen oder des Islamischen Staates einem breiten Publikum weiszumachen, dass die Politiker in der ersten Reihe (also ein Trump, eine Merkel oder ein Putin) nur diejenigen seien, die für die „Show verantwortlich“ wären, ganz andere jedoch die Fäden in der Hand hielten. Wobei Studien tatsächlich festgestellt haben, dass die USA nicht mehr ausschließlich von politischen Parteien respektive Politikern regiert werden, sondern auch von einer „Ansammlung besonderer Interessen“. Und damit sind nicht nur wirtschaftliche gemeint, nein, explizit auch politische; Stichwort Bannon und sein Breitbart-News-Network. Denen liegt daran, die tatsächlich schon unterminierte Demokratie weiter zu schwächen und möglichst zu stürzen. Ich sehe Trump als Exponenten dieser Interessen; wie weit ihm das bewusst ist oder nicht, inwieweit er deren Marionette ist oder eigenständiger Akteur, weiß ich nicht. Aber klar ist, dass mit Trump der Bock zum Gärtner gemacht wird, wenn er – wie Sie schreiben – den Tiefen Staat bekämpfe. Sie selbst schätzen ja ein „vermutlich aussichtslos, weil darin selbst gefangen“; eben.

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Herr Wohanka, daß Meyssan ein bewegtes Leben hat, ist auf voltairenet.org von ihm schon mehrfach beschrieben worden. Aber nicht alle Veröffentlichungen über ihn sind wahr, sondern auch unter medialer Diskreditierung aus gegnerischer Richtung von bestimmten politischen Kräften, „Sicherheitskreisen“ und Geheimdienste zu verbuchen. Man kann z.Z. ein Beispiel verfolgen, wie das geht (1). Sie werden nirgends finden, daß ich Meyssan oder Trump als durchweg integre Personen darstelle, die die Wahrheit gepachtet hätten, aber sind denn dann alle Aussagen und (Meyssans) Analyseergebnisse rundweg abzulehnen? Haben wir nicht auch hier anderen (stellvertretender ISI-Chef Pakistans) Raum für ihre Darstellungen gegeben, wohl wissend, darin sind auch Fakes? Warum wohl? Die Inkarnation der Manipulation namens Trump ist Legende, aber sind deshalb die Behauptungen seiner Gegenseite das Gegenteil des Bösen, also gut? Was mich stört, ist die Schubladenmethode. Wenn zwei üble Gestalten wie Clinton und Trump sich mit Vorwürfen überschütten, ist eine einseitige Stellungnahme, die Versimplifizierungen erzeugen, eine Parteinahme der scheinbar etwas gemäßigteren Seite, die keineswegs human ist, nur verlogener. Das gilt ebenso für die Teilnahme an der üblichen Trump-Schelte. Meyssan hat in der Vergangenheit sowohl Analysen vorgestellt als auch sehr konkrete Vorgänge aus Bereichen der Geheimoperationen an die Öffentlichkeit gebracht, die sich als zutreffend erwiesen, ist dabei vielen Verantwortlichen empfindlich auf den Schlips getreten. Viele geheimdienstlich inspirierten und gelenkten exakt beschriebene Operationen wären ohne ihn im Dunkel geblieben. Jüngst bekannt gewordene geheime Versorgungsoperationen der Nato an den IS hat er schon vor Wochen dargestellt (2). Daß deswegen auch Operationen, und nicht nur verbale, gegen ihn laufen, ist nur logisch. Woher er diese Informationen bezieht, ist zweitrangig, und wofür in gewisser Beziehung auch. Wenn sie dem Zerreißen des medialen und politischen Nebelvorhanges dienen, sind mir alle willkommen. Sie für bare Münze zu nehmen, verbietet sich von selbst.
      Aus allen Vorwürfen, die im Raum stehen, ist ein Kern von Wahrheit zu gewinnen, das erzwingt die Totalität des Kampfes der Hyänen. Trump muß den aktuellen Tiefen Staat brachial angreifen und auch viel Wahrheit aussprechen, die unter anderen Umständen in der Versenkung geblieben wäre. Auch zum Zwecke der Etablierung seines eigenen Tiefen Staates. Das kann man als Verschwörungstheorie abkanzeln, wird auch zu Genüge getan. Aber die innenpolitischen Vorgänge hierzulande und besonders deutlich in Frankreich und Spanien lassen uns Besseres, eigentlich Schlechteres für die Hoffnung auf Demokratie befürchten. Die weltpolitischen Analysen von Meyssan würde ich nicht so abqualifizieren, sie haben sich immer wieder als zutreffend erwiesen.
      Übrigens, wie halten wir es mit der Vielzahl von Informationen aus unserem täglichen, auch politischen und medialen Umfeld? Lassen wir nur die gelten, die von Personen stammen, die das Potential zur späteren Heiligsprechnug in sich bergen oder nehmen wir nicht auch solche von Politikern einigermaßen respektvoll an, die sich schon als Lügner oder Täuscher erwiesen? Gibt es da unterschiedliche Normative?
      Zum Schluß, ich habe eine tiefe Aversion gegen den Begriff Demokratie für die Zustände, in denen wir als auch die USA-Bürger leben, das ist mir Blasphemie.
      1) https://www.heise.de/tp/news/Wie-die-Schweiz-sich-als-spanischer-Erfuellungsgehilfe-laecherlich-macht-3834203.html
      2) (https://www.heise.de/tp/features/Waffentransporte-vom-Balkan-ueber-Saudi-Arabien-nach-Syrien-3835034.html)

  123. Werner Richter sagt:

    Zu Das Beispiel Venezuela von Ulrich Busch
    Mit der Analyse gehe ich konform, sie trifft den ökonomischen Kern der „Sozialismusproblematik“. Sie ist insofern zu akzeptieren, wie sie sich auf die üblichen Betrachtungsweisen zur Unterscheidung von Kapitalismus und Sozialismus beschränkt. Auch hierbei ist das Marxzitat angebracht. Aber es gibt von Marx einige andere, grundsätzlichere Fragestellungen, die in Abhängigkeit von der herrschenden (Staats-/Partei)-Theorie, man hat sich ja ein- bzw. unterzuordnen, gewissermaßen Scheuklappen anzulegen, einst konsequent stetig übersehen wurden und noch heute negiert werden. Dazu zählen die von Marx für sein Gesamtwerk als allgemeingültig und durchgehend so gemeinten Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Produktion und speziell der Rolle des Wertes in der Warenproduktion. Es verwundert schon oder, nach einigem Nachdenken nicht mehr, warum in den Arbeiten der Ökonomen dieses Jahres das jüngst erschienene Kapital 1.5 Die Wertform keine Rolle spielt. Sollte ich hier irren, ich bin nicht Jesus und mir wächst kein Gras aus der Nase, lediglich wohl altersbedingt eine Menge Haare, korrigiere man mich. Diese Abstinenz ist allseitig, auch die dazu angebotene Diskussion auf der Website http://www.wirtschaftstheorie-forum.de wird von vielen Ökonomen bisher gemieden. Denn die im genannten Kapital 1.5 gesammelten Überlegungen von Marx stellen ganz einfach alle bisherigen Sozialismusdefinitionen und -modelle prinzipiell in Frage. Daraus erklärt sich auch die lange Geburt seit 1949. Wie wäre es, wird es nicht Zeit, sich diesen Fragestellungen zu zu wenden und zu beginnen, die Analysen gesellschaftlicher Verhältnisse auf die Analyse der Wirkung des Wertgesetzes zu stellen? Dann käme man vermutlich auf ganz andere Schlüsse als bisher. Der Autor hat es eigentlich schon angedeutet, auf der Grundlage des Wertes kann sich keine sozialistische Gesellschaft bilden, egal, welche Politik betrieben wird. Somit wäre auch die Frage nach dem Primat zwischen Ökonomie und Politik überflüssig bzw. nur für die aktuelle Situation in der Warenproduktion von Bedeutung. In einer wirklich sozialistischen, auf die Bedürfnisse aufbauenden Produktion, die nur als Nichtwarenproduktion diese Bezeichnung verdient, wäre auch Ökonomie nicht mehr existent, behaupten die Thesen der Website. Das müßte eigentlich den Widerspruch der „alten“ Ökonomen auslösen, aber nichts da, still ruht der See. Das alles könnte auf der genannten Website diskutiert werden, man muß nur den Mut aufbringen.

  124. Dieter sagt:

    Irgendwer hat einmal gesagt: Der Sieg der kapitalistischen Marktwirtschaft gegenüber der sozialistischen Planwirtschaft ist der Sieg der Algebra über das Wünschen. Das ist wohl leider wahr. Wie auch die Tatsache, dass gutgemeint eben keineswqegs zwangsläufig gut ist.
    Dieter

    • Peter sagt:

      Hallo
      Für mich wäre es schon wichtig wer “Irgendwer“ ist, dann könnte ich mir den Hintergrund denken. War es Hitler oder Ghandi oder gar niemand von denen?
      Es muss zumindest ein „flache“ Betrachtung sein, Kapitalistisch ist immer Markt und sozialistisch immer Plan, gemeinsam ist denen das sie Ökonomische Systeme sind. Was allerdings Algebra mit Wünsche für eine Schnittstelle hat erschließest sich mir nicht.
      Das es eine Tatsache sein soll das gut-gemeint eben nicht gut ist kann ich auch nicht nachvollziehen. Der der in dem Sinn gut handelt kann davon ausgehen das es für ihn gut ist, wieso sollte er es sonst tun. Wenn jemand anders es nicht gut findet ändert an der Sache nichts. Was überhaupt gesagt werden soll ??

  125. Petra Lücke sagt:

    Zu Ulrich Busch.
    Man könnte meinen, auch noch so orthodoxe Linke hätten spätestens seit dem Desaster des Realsozialismus begriffen, was Ulrich Busch hier ausführt. Aber selbst wenn das natürlich auch viele getan haben mögen – diejenigen, die weiter am Primat der Politik festhalten wie ein Katholik an der Dreifaltigkeit, bestehen selbst dann darauf, wenn sie von sich sagen, sie dächten den Sozialismus irgendeiner zukunft nun neu.
    Gewiss gibt es selbst in der Marktwirtschaft punktuelle Entscheidungen, denen ein Primat des Politischen zugrunde liegen, man denke an die nicht geringe Zahl von staatlichen Subventionen. Aber dass nur verteilt ,werden kann, was vorher erwirtschaftet worden ist, hat – da dies ein Quasi-Zitat ist – auch ein Honecker erst begriffen, als es im Grunde bereits zu spät war.
    Petra Lücke

  126. hwk sagt:

    „Ich strebe an, Bundeskanzler zu werden“, antwortete Schulz auf eine Frage , ob er für sich selbst nach der Bundestagswahl einen Einzug in ein neues Kabinett unter Merkel ausschließe – die Frage beantwortete er damit zwar nicht, fügte aber hinzu: „Und wenn Frau Merkel in mein Kabinett eintreten will, kann sie das gerne als Vizekanzlerin tun.“ (Spiegel-Online)
    Humor hat er ja, das muss man MartinSchulz lassen.
    Vielleicht lohnte sich ein SPD-Wahlsieg schon deshalb, weil man dann mit mehr Heiterkeit in der Poilitik rechnen könnte.

  127. Franz Berthold sagt:

    Gewiss muss man Le Bon nicht als sakrosankten Massenpsychologen ansehen, lesens- und bedenkenswert scheint mir sein Hauptwerk aber doch. Aktualitätsbedingt hier nur ein Auszug:

    Die Wählermassen
    Von Gustave Le Bon

    Die Wählermassen, d. h. die Gesamtheiten, die zur Wahl der Inhaber gewisser Ämter berufen sind, bilden ungleichartige Massen; da sie aber nur in einer ganz bestimmten
    Frage ihre Wirksamkeit entfalten, nämlich bei der Wahl zwischen mehreren Kandidaten, so lassen sich bei ihnen nur einige der früher beschriebenen Merkmale beobachten.
    Besonders hervorragend ist die geringe Urteilsfähigkeit, dann der Mangel an kritischem Denken, die Erregbarkeit, Leichtgläubigkeit und Einfalt der Massen. Auch entdeckt man in ihren Entscheidungen den Einfluß der Führer und die Wirkung der bereits angeführten Triebkräfte: Behaup tung, Wiederholung, Nimbus und Übertragung.
    Sehen wir nun zu, wie sie zu gewinnen sind. Ihre Psycho- logie läßt sich nach bewährter Methode klar ableiten.
    Als erste Eigenschaft muß der Bewerber einen Nimbus haben. Persönlicher Nimbus kann nur durch Reichtum ersetzt werden. Talent und selbst Genie sind keine Vor bedingungen für den Erfolg. Folglich ist der persönliche Nimbus des Bewerbers, um sich ohne weitere Erörterungen durchsetzen zu können, von ausschlaggebender Bedeutung. Daß die Wähler, die in der Mehrzahl aus Arbeitern und Bauern bestehen, so selten einen ihrer Leute als Vertreter wählen, erklärt sich daraus, daß ihre Standesgenossen keinen Nimbus bei ihnen haben. Sie wählen einen ihresgleichen fast nur aus nebensächlichen Gründen, etwa um einen hochgestellten Manne, einem mächtigen Arbeitgeber entgegenzutreten, weil der Wähler Tag für Tag die Abhängigkeit von diesem empfindet und sich so einbildet, einen Augenblick seiner Herr zu sein.
    Aber der Besitz des Nimbus genügt für den Bewerber nicht zur Sicherung des Erfolges. Der Wähler hält darauf, daß man seinen Begierden und Eitelkeiten schmeichelt. Der Kandidat muß übertriebene Schmeicheleien anwenden und darf kein Bedenken tragen, die phantastischsten Versprechungen zu machen. Vor Arbeitern kann man ihre
    Arbeitgeber nicht genug beleidigen und schmähen. Den gegnerischen Bewerber wiederum muß man zu vernichten suchen, indem man durch Behauptung, Wiederholung und Übertragung zu beweisen sucht, er sei der ärgste Schuft, von dem jeder wisse, daß er etliche Verbrechen begangen habe. Selbstredend ist es unnötig, etwas vorbringen zu wollen, was einem Beweis ähnelt. Ist der Gegner ein schlechter Kenner de Massenpsychologie, so wird er sich durch Beweise zu rechtfertigen suchen, anstatt auf verleumderische Behauptungen einfach mit andern ebenso verleumderischen zu antworten, und wird dann keine Aussicht auf Sieg haben. Das geschriebene Programm des Kandidaten darf nicht sehr entschieden sein, weil seine Gegner es ihm später entgegenhalten könnten, aber sein mündliches Programm kann nicht übertrieben genug sein.
    Die außerordentlichsten Reformen dürfen in Aussicht gestellt werden. Für den Augenblick erzielen diese Übertreibungen große Wirkung und für die Zukunft verpflichten sie zu nichts. Der Wähler kümmert sich später tatsächlich nie darum, ob der Gewählte sein Glaubensbekenntnis, dem man begeistert zustimmte und das angeblich die Voraussetzung für das Zustandekommen der Wahl war, auch wirklich befolgt hat.
    (…)
    Aus Gustave Le Bon, „Psychologie der Massen“, 1911

    • Klaus Müller sagt:

      Ergänzend eine weitere tiefsinnige Bemerkung Le Bons: „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären versucht, stets ihr Opfer.“ Wer wollte da widersprechen?

  128. Jürgen Scherer sagt:

    Zu Literat vom 7.9.
    Nur der Vollständigkeit halber:
    Der Komödiant war Wolfgang Neuss, einer der begnadetsten Kabarettisten unserer Republik, und der Spruch lautete:
    Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken.

  129. Stephan Wohanka sagt:

    Ich denke, dass der aktuelle Disput im Blättchen-Blog ein Paradoxon abbildet: Einerseits ist der kulturell dominierende Habitus links, der Zeit g e i s t ist (immer noch) links, andererseits ist d i e Z e i t nicht mehr links: Links hat (partei)politisch-praktisch deutlich an Boden verloren; und Bosselmann hat recht, wenn er mit dem Satz „sollte das Linksintellektuelle hinsichtlich echten Wirkungsquantum je wiederzubeleben sein“ auf linkes Ausgelauchtsein hinweist. Kronzeuge ist Jörg Meuthen, Kovorsitzender der AfD: „Wir wollen weg von diesem links-rot-grün verseuchten 68ziger Deutschland“. Wenn links „nichts“ (mehr) zu sagen hat – was hat rechts zu sagen?
    Noch ein Wort zu links. Dies zerfällt in ein soziales und ein kulturelles Links. Das soziale Links steht für Umverteilung von oben nach unten, für organisierte Interessenvertretung und das Vertrauen in einen Staat, der Verteilungs- und Chancengerechtigkeit durchzusetzen kann. Das kulturelle steht für Minderheitenrechte, informelle Bewegungen und die Skepsis gegenüber etatistischen Lösungen. Das Staats- und Parteiwesen ist ihm fremd, in den Blick nimmt es vor allem Blick- und Sprachveränderungen – Genderforschung, political correctness; es geht ihm um Diskurs. Ich will ein brandaktuelles Exempel linker Bilder- und Sprachstürmerei besteuern: Der AStA an der Alice Salomon Hochschule Berlin will ein schlichtes, schönes Gedicht Eugen Gomringers, das die Worte „avenidas, flores, mujeres, admirador“ variiert, von der Hauswand entfernen lassen, weil es die „alltägliche sexuelle Belästigung“ von Frauen thematisiere, eine „patriarchale Kunsttradition“ perpetuiere und Frauen für ihr „körperliches Frau-Sein“ bewundert würden. Die PEN-Präsidentin Regula Venske nennt das AStA-Handeln „barbarischen Schwachsinn“, womit sie recht hat…
    Was hat also rechts zu sagen? Nach meinem Empfinden reibt sich die konservativ-rechte Debatte vor allem am Linkskulturellen, weniger am Linkssozialen. Oft in einer hermetisch-dunklen Kunstsprache (prototypisch Botho Strauss), die die Autoren dem Jargon der schnelllebigen, aus ihrer Sicht linkslastigen Mediengesellschaft entgegenstellen.
    Es geht deftig zur Sache: „Der Kampf um die Vorherrschaft im eigenen Raum ist ein Kampf, keine Diskussion. Wenn eine Seite die Kraft für die Auseinandersetzung nicht aufbringt, verschwindet sie einfach. Oder mit anderen Worten: Wenn wir Deutsche zu zivilisiert für die Notwendigkeiten des Vorbürgerkriegs bleiben, ist die Auseinandersetzung bereits entschieden: ´Nur Barbaren können sich verteidigen´, sagt Nietzsche“ und sagt Götz Kubitschek, Vordenker dieses Spektrums rechts-konservativer Denkungsart und zugleich Gründer des Instituts für Staatspolitik. „Zentrale Anliegen des IfS“ ist die „wissenschaftliche Arbeit“, um „eine historische Minorität wenn nicht zu repräsentieren, dann zu stiften“. Denn Geschichte werde letztlich von Eliten gemacht, da nur diese über „Einsicht, wirkliche Einsicht“ verfügten und nur diese „die tatsächlichen Zusammenhänge begreifen“. Das gilt auch für Gegeneliten, die einen Elitenwechsel anstreben: „Es müssen sich, um eine Formel Enzensbergers zu benutzen, ´historische Minoritäten´ bilden, die notfalls gegen erdrückende Mehrheiten ihre Position behaupten und [,] wenn der Fall eintritt, handlungsbereit sind“.
    Meine Sorge: Obiges in politische Praxis umgesetzt, eröffnete Möglichkeiten politischer Einflussnahme, die erschaudern lassen. Wenn dann noch Bemühungen hinzukommen, die „örtlichen oder auch deutschlandweiten Widerstandsbemühungen miteinander [zu] vernetzen und […] die Struktur einer wirkmächtigen Gegenbewegung“ gegen die „Auflösung unseres Staates“ erinnert das an finsterste Zeiten hierzulande – noch nicht die „Machtübernahme“, aber doch die Straßen- und Saalschlachten der Weimarer Republik. Und da schließt sich der Kreis: Wahrhaft linke Denker haben dem momentan wenig bis nichts entgegenzusetzen; ihre Denkungsart ist eine andere. Ein neues Thema.

  130. Literat sagt:

    Nochmals Goethe „Klappe! Die Zweite“
    2. Studierzimmer-Szene, Mephisto, nicht Faust:
    „Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
    mit Worten ein System bereiten.
    An Worte läßt sich trefflich glauben;
    von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.“
    Zur Beförderung unseres Diskurses soll „Börse von heute“ (6. September) diesen essenziellen Beitrag leisten:
    „Starke Autoaktien schieben Dax nach oben. Am meisten Gas geben dabei Daimler, die mit einem Plus von 3,2 Prozent an der Spitze liegen. Dahinter können VW und BMW immerhin noch jeweils 1,6 zulegen. Einerseits spekulieren die Anleger weiter um Aufspaltungen der Konzerne in Holding-Strukturen, wie Daimler sie bereits angekündigt hat. Andererseits profitieren sie weiter von den Äußerungen der Bundesregierung, nachdem ein Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren erst sehr langfristig erfolgen und ein Dieselfahrverbot vermieden werden soll.“
    Ehe die Bundesregierung die offenbar erfreuliche Entwarnung gab (Frau Merkel gemeinsam mit Herrn Steinbrück in vergleichbarer Situation: „Wir müssen abwarten, wie die Märkte reagieren“), waren Menschen aus dem AfD-Spektrum Wortführer dessen. Und dabei sind sie noch nicht mal im Parlament! Ob das mit gemeinsamen Interessen oberhalb von Parteien zu tun haben könnte, wofür bei der Machtausübung die politische Farbenlehre eben nicht verbindlich ist?
    Wie enthüllte doch einer der großen Komödianten die Situation? „Heut mach ich mir kein Mittag, heut mach ich mir Gedanken“. Das kommt davon.

  131. Jürgen Scherer sagt:

    Sehr geehrter Herr Bosselman! Nachdem Sie ja nun bzgl. Ihrer „politischen Hygiene“ Klarheit geschaffen haben, ein paar Worte zu der vermeintlich apolitischen Jugend und den „Bindekräften der Rechten“. Ich will nun nicht zum wiederholten Male die Gründe für die erschreckende Eindimensionalität in unserem derzeitigen Bildungswesen beschreiben, die apolitisches, systemkonformes Verhalten fordert und fördert, und zwar auf der Basis kapitalistischer Vorgaben und Forderungen. Stattdessen will ich, was politisches Handeln angeht, auf Organisationen wie attac oder greeenpeace verweisen, Organisationen, die Jugendliche als attraktiv ansehen und in denen sie sich in großer Zahl engagieren. Ein anderes Beispiel wären die Proteste gegen Ceta, TTIP etc., deren Öffentlichkeitswirksamkeit ohne die große Anzahl von Jugendlichen gar nicht denkbar gewesen wären. Also gänzlich unpolitisch ist unsere Jugend in Deutschland nicht. Vielleicht müssen wir uns von bestimmten Politikvorstellungen verabschieden, um das besser verstehen zu können, was unsere Jugend unter Politik versteht.
    Was nun die Bindekräfte der Rechten angeht, so sehe ich sie geprägt von eingebildeter und geschürter Angst vor „dem Fremden“, dem Fremden als Subjekt und zugleich als Abstraktum. Beides lässt sich leicht als Legitimation für Dumpfnationales, Deutschtümelndes, Nationalistisches heranziehen. Ich muss nur das Fremde nicht an mich heranlassen oder es mythisch-mystisch negativ aufladen. Diese Aufladung besorgen dann advocati diaboli wie ein Herr Sarrazin oder, heruntergeholt an den Stammtisch, Björn Höcke. Die AFD greift dann dieses gefährliche Gesummse auf und gießt es in eine politische Form, die teils offen faschistisch daherkommt (Flüchtlinge an der Grenze erschießen sagt Frau Storch) teils subtil von Gauland und Meuthen, die gerne mal jemanden „entsorgt“ sehen, z.B. in der Türkei. Insofern ist die von Ihnen verwendete Qualifizierung „unappetitlich“ für innerparteiliche Vorgänge innerhalb dieser Partei, gelinde gesagt, eine gefährliche Verharmlosung. Sie machen die Brandstifter zu Biedermännern und – frauen! Wie wir wissen zeigt der Eisberg immer nur ein Drittel seiner wahren Gestalt. Tucho ist da eigentlich ganz klar: „Wenn sie in ihren Sälen hetzen,/sagt: »Ja und Amen – aber gern!/Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«/Und prügeln sie, so lobt den Herrn./Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!/ Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.“ In diesem Sinne ist die AFD für mich eine quasifaschistische Partei, deren wahres Weltbild immer wieder entlarvt und an den Pranger gestellt gehört. Null Toleranz für Menschenverachtung und Unmenschlichkeit! Denn das sind die wesentlichen Bindekräfte der Rechten, virulent geworden aufgrund von Existenzängsten, für die unser Wirtschaftssystem verantwortlich ist. Da sehe ich nichts, was mit von Ihnen isnuniiertem aufgeklärten politischen Bewusstsein zu tun hat. „Die Fremden sind schuld an unserer Misere, nicht etwa die da oben. Weg mit dem/den Fremden und in Deutschland ist/wird alles wieder gut“, so das vereinfachte, auch und gerade von der AFD beeinflusste und geförderte, Weltbild.

  132. Klaus Müller sagt:

    Nun wissen wir es: Die Welt ist schlecht, weil es Menschen gibt, die das Gute wollen. Bosselmann hat nicht nur ein Problem mit Kausalitäten, er hat eins mit der Gesinnung, wenn er Bekenntnisse für Gewaltfreiheit, Toleranz, Antidiskriminierung und Gerechtigkeit für nicht gerechtfertigt hält. Er hasst alles, was den Anschein von links und rot hat, sympathisiert offen mit rechts und tiefschwarz. Das kann er ja tun, wäre aber in der „Jungen Freiheit“ mit seiner Meinung am geeigneteren Platz. Die stilistische Qualität seiner Texte weiß ich zu würdigen, obgleich mir deren Inhalte widerwärtig sind. Widerwärtiges wird ja nicht erfreulich, Absurdes nicht wahr, weil es uns eloquent mitgeteilt wird.

    • Heino Bosselmann sagt:

      Sehr geehrter Herr Müller, verbunden mit meinem Dank für Ihre Aufmerksamkeit: Sie sind recht flott im Urteil. Meine Einstellung, als Anleihe bei Max Weber: Verantwortungs- statt Gesinnungsethik. Gesinnungen erschrecken mich nicht; die Leute wechseln sie: Mein einstiger Politoffizier bei den Grenztruppen der DDR ging schnurstracks und problemlos zum Bundesgrenzschutz des einstigen Feindes, und aus Staatsbürgerkundekollegen wurden umgehend Sozialkundelehrer. Ganz problemlos. Mir geht es um den – zugegeben – recht kühlen, möglichst unaufgeregt sachlichen Blick. Glauben Sie mir bitte, dass ich dabei Skeptiker bleibe. Forderten Sie allerdings mit Hartmut König „Sag mir, wo du stehst!“, so wüsste ich Ihnen freilich keine so genaue Antwort zu geben, wie Sie die vermutlich parat hätten. Ja, das ist mein Dilemma.

      In der „Jungen Freiheit“ und sogar in der „Sezession“ veröffentlicht zu haben, dazu stehe ich. Gründe dafür lagen gerade für meine Tätigkeitsbereiche nahe, da sich bestimmte Kritik nirgendwo sonst äußern ließ. Namentlich die „Junge Freiheit“ dürfte heute als moderat-konservatives Blatt gelten können, freilich etwas AfD-zentriert, aber insgesamt in dem Raum politisch heimisch, den die CDU schon lange räumte, vermutlich fatalerweise. – Letztlich würde ich allerdings keinem Gesinnungsblatt zur Verfügung stehen wollen. Das „Blättchen“ verweist auf eine linksintellektuelle Traditionslinie; sein Vorläufer, „Die Weltbühne“, war kein Zentralorgan, sondern ein charmantes Background-Blatt. Ich mag hier keine typische Stimme sein, aber ich bin hier aus freien Stücken.

      Sollte das Linksintellektuelle hinsichtlich echten Wirkungsquantum je wiederzubeleben sein, wird es über die von Ihnen angeregte Gesinnungsethik hinauswachsen müssen. Sie erleben es an meinem bescheidenen Beispiel: Stellt man irgendwo etwas ein, was die Diskussion sogleich befeuert, gilt man schnell als Brandstifter, dem gegenüber nicht mehr argumentiert wird, sondern dem Gesinnung vorgeworfen wird und der dann, meinen manche, denunziert gehört. Die Linke redet doch seit Habermas von Diskursethik. Dazu gehört nun mal der Diskurs.

      Meine Erfahrungen im Bereich der Rechten sind mindestens für mich politisch und philosophisch durchaus von Wert. Ja, ich würde der Linken geradezu raten, sich rechter Publizistik von Niveau kritisch zuzuwenden. Man infiziert sich da schon nicht; man wächst an der Auseinandersetzung und gewinnt Spektrum. Als EOS-Schüler las ich etwa die Auseinandersetzungen zwischen Ludovico Settembrini und Leo Naphta in „Der Zauberberg“ mit besonderem Genuss, freilich nicht erspürend, wie sehr Thomas Mann dies zu ironisieren verstand. Übrigens war mir Naphta sympathischer. Zugegeben. – Mal abgesehen davon, welche Anleihen die Linke dort, wo sie überhaupt je mal an der Macht war, bei der Rechten nahm, insbesondere rechts- und staatphilosophisch, machtpolitisch ja sowieso.

      Man sollt doch im Gegner den Gegner sehen – und nicht den Teufel. Zum Teufel werden oft genug gar die eigenen Leute.

      Ich versuchte hier seit einiger Zeit in vergleichsweise unmaßgeblichen Beiträgen etwas Anregendes zu äußern, gerade weil ich befürchte, dass die Rechte die Initiative hat oder perspektivisch allzu stark gewinnt, mit all jenen Gefahren, die von ihren radikalen Anteilen ausgehen. Die Linke reagiert darauf leider vorzugsweise mit Gesinnung, kaum mit mehr. Das ist ja das Problem.

      Eines zum Schluss, mit Blick auf Ihre Begriffe: Was etwa mit „Toleranz“ gemeint ist und inwiefern die innerhalb der Auseinandersetzung praktikabel ist – und inwiefern nicht -, das müsste man klären. Begriffe werden mir, semantisch unklar, von zu vielen verschiedenen politischen Kräften einfach zu schnell ventiliert, nur weil sie positiv konnotiert sind.

      Was den Streit hier betrifft, so halten wir besser den Ball flach. Genau das zeichnet dieses Forum gegenüber anderen aus. Ich dürfte, würden Sie mich kennen, ihrem Feindbild gar nicht entsprechen.

      In diesem Sinne ein herzlicher Gruß.

  133. Jürgen Scherer sagt:

    Zum Bosselmann-Kommentar zu Wolfgang Brauer: Rechtsextremismus psychoanalytisch gesehen (20. Jahrgang, Nr. 18, 28. August 2017)
    Sehr geehrter Herr Bosselmann!
    Wieder einmal gelingt es Ihnen mit bekannter Eloquenz, Ihre Botschaft unter die Gemeinde zu bringen: „Gerechtigkeit, Antidiskriminierung, Gewaltfreiheit, Toleranz, Transparenz, Gender-Mainstreaming usw. usf. “ gehören auf die Seite des Bösen. Mit einem einzigen Satz befördern Sie bürgerliche Errungenschaften, wohl gemeint bürgerliche, nicht sozialistische noch gar kommunistische, in den Orkus der Geschichte, reden von einem „rhetorischen Dauerschwall“ „und wohl nicht mal zu rechtfertigenden Bekenntnissen“. Welches Gesellschaftsbild schwebt Ihnen eigentlich vor? Inzwischen wird mir angst und bange, wenn ich Sie sie so daher schwadronieren höre und Sie zugleich für Toleranz für diverse Faschisten in unserem Land plädieren. Weder das voltairsche Toleranzgebot noch die auf Luxemburg zurückgehende „Freiheit für Andersdenkende“ lassen sich für Faschisten, seien es solche in Nadelstreifen, seien es solche auf der Straße, mit gutem Gewissen anführen. Deutschland hat erfahren müssen, was es bedeutet, wenn man Faschisten gewähren lässt. Deshalb muss eine wehrhafte Demokratie Grenzen ziehen, z.B. Vertretern der AfD nicht über Gebühr Plattformen anbieten, ihr rassistisches, menschenverachtendes Gedankengut unter die Menschen zu bringen, denn, ähnlich wie in Ihren zahlreichen Beiträgen zum Thema Bildung, übrigens auch wieder in diesem Beitrag von Ihnen, geht es denen darum, nach dem Motto vom steten Tropfen zu handeln. Mag ja sein, dass sich faschistisches Denken und Handeln nicht „ausmerzen“ lässt, es aber als gegeben hinzunehmen und auch noch öffentlichen Resonanzboden dafür zu fordern, wie Sie das tun, ist m.E. nie und nimmer eine Lösung. Blenden Sie eigentlich, um nur ein Beispiel anzuführen, die unzähligen Angriffe auf Asylbewerberheime in unserem Land einfach aus, wenn sie einen solchen „Toleranzbeitrag“ verfassen?
    Mit erstauntem Gruß

    • Wolfgang Brauer sagt:

      Lieber Herr Scherer,
      Heino Bosselmann verlangte mitnichten „Toleranz gegenüber Faschisten“. Er mahnt nur an, etwas genauer hinzusehen, ehe man losdrischt. Ein Beispiel gefällig? In meinem Heimatort rufen derzeit Antifaschisten (alles aufrechte Menschen, die mir nahe sind) zu einer Kundgebung unter dem Motto auf „Für solidarische Kieze! Gegen deutsche Kieze!“ Hintergrund ist eine NPD-Kundgebung unter dem Motto „Für ‚deutsche‘ Kieze“. Gegen die NPD muss man sich stellen, aber es ist nicht so recht zu verstehen, weshalb die Begriffe „solidarisch“ und „deutsch“ einander ausschließen. Mit solchen Dummheiten wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, ganz abgesehen davon, dass „solidarischer Kiez“ eine vollkommen substanzlose Sprechblase ist. Es ist genau dieses dummdeutsche Tugendgeschwafel, gegen das Bosselmann polemisiert. Er spricht zurückhaltend von einem „Korrektiv von rechts“, das damit herausgefordert werde. Das ist nun ein Euphemismus: Mit solchen Methoden werden den ganz Rechten Menschen in die Arme getrieben, die sonst nicht so schnell bei denen landen würden.
      Mit der AfD machen Sie es sich zu leicht. Noch ist es keine faschistische Partei, auch wenn sich in ihr offensichtlich Faschisten tummeln. Was heißt denn, denen „keine Plattform bieten“? Wen meinen Sie damit? ARD und ZDF? Die „Qualitätsmedien“? Die regionale Presse (da kenne ich durchaus Medienkonzerne, die genau das machen)? Aber gegen diese Leute scheint Ihr Einwand nicht zu gehen. In einem Bezirk, der republikweit als ausgemachte LINKEN-Hochburg gilt, wurde die AfD bei den letzten Landtagswahlen gemessen an den Zweitstimmen aus dem Stand stärkste Partei. Die bestimmen inzwischen Kommunalpolitik in Berlin mit. Da hilft das Beschwören der „wehrhaften Demokratie“ keinen Millimeter weiter. Übrigens erschienen die Mandatsträger der Partei bei allen antifaschistischen Gedenkfeiern dieses Bezirkes komplett, dazu im Sonntagsstaat und mit durchaus opulenten Gebinden. Die Vertreter der „demokratischen Parteien“ (Ausnahme DIE LINKE) hielten sich da eher zurück. Wahrscheinlich hatten sie wichtige Termine…
      Nein, den immer furchterregenderen Zuständen in diesem Lande kommt man mit den einfachen und leicht handhabbaren Argumentationsmustern des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr bei. Das meinte wohl Bosselmann, das meine ich auch.
      Mit bestem Gruß
      Ihr Wolfgang Brauer

    • Heino Bosselmann sagt:

      Zunächst aus einer kurzen Pause:

      Sehr geehrte Herr Scherer, zunächst: Sie müssen sich um mich und meine politische Hygiene keine Sorgen machen. Ich rede weder der AfD noch Faschisten das Wort. Zwar meine ich, dass der AfD hinsichtlich bestimmter Positionen durchaus ein Platz im politischen Spektrum zukommt, halte sie aber ganz persönlich nicht für wählbar, weil sie aus meiner Sicht keine Persönlichkeiten aufzubieten in der Lage ist, denen ich vertrauen könnte. Was sich innerparteilich dort abspielt, erscheint mir unwürdig bis unappetitlich, ist aber vergleichbar mit ähnlichen Phänomenen in allen Parteien und wurde bereits von Max Weber hinlänglich beschrieben, insbesondere in „Politik als Beruf“. Die Gefahr für unsere Demokratie sehe ich, meine aber, diese Demokratie ist durch ihre eigenen Lebenslügen bzw. schwindende Vitalität weit mehr gefährdet als von rechts. Sie kennen sich ja im Bildungsbereich aus: Unterhalten sie sich aufmerksam mit Heranwachsenden und finden Sie heraus, womit diese jungen Menschen identifiziert sind. Nach meinem Eindruck sind sie bedenklich apolitisch und leben mit einem recht verengten Weltbild, wofür es freilich Ursachen gibt. Dennoch erscheint mir diese „innerdemokratische“ Entwicklung nach Böckenförde fatal. Die Rechte aber, die ist sehr politisiert. Wo denn liegen deren Bindekräfte und Identifizierungsangebote? Sehen sie darin nur Manipulation und Fremdbestimmung?

      Differenzieren wir zwischen Konservativen einerseits und Radikalen andererseits. Was Faschisten oder Nazis betrifft, teile ich Ihre Sorgen absolut, meine gleichwohl aber, dass die Reaktionen der Mitte oder der Linken auf konservative und rechte Positionen oft genug nicht politisch klar und wirksam, sondern neurotisch und einritualisiert erfolgen. Aus einer Haltung der Gläubigkeit heraus, während ich mir eher qualifizierte Urteile wünschte, zu denen Mut gehört. Argumente statt Bekenntnisse! Und tatsächlich sehe ich im gesellschaftlichen Beschwören mancher Gerechtigkeitsphantasie eine gewisse Gefahr, insofern eingefordert wird, was m. E. weder realisiert werden kann noch auch nur realisiert werden sollte. Ungleichheit halte ich für realistischer als eine Gemeinschaft der Gleichen. Ich erörterte im BLÄTTCHEN bereits umfassend den freilich streitbaren Gedanken, dass ich im überbaulichen Bestreben, eine umfassende Gerechtigkeit, Transparenz, Nichtdiskriminierung und Toleranz garantieren zu wollen, eine wiederum neurotische Reaktion darauf sehe, dass wesentliche Basismechanismen der mehr und mehr versachlichten Gesellschaft immer deutlicher von Egoismus und Profitstreben gekennzeichnet sind. Die Frage könnte u. a. sein, ob Gesellschaften oder Kulturformen in ähnlicher Weise neurotisieren können wie Individuen. Oder Zuflucht zu religiösen Heilserwartungen nehmen – eine Tendenz, die mir noch unheimlicher ist, insofern ich bspw. monotheistische Religionen für per se intolerant halte, schon gemäß ihres jeweils ersten Gebots.

      Dass die Öffentlichkeit auf konservatives oder rechtes Denken allzu verschreckt und mit Theaterdonner reagiert, darin sehe ich tatsächlich ein Problem. Fürchtet man denn, die Rechten gewännen die Auseinandersetzungen, setzte man sich mit ihnen offenen Visiers und intellektuell anspruchsvoll auseinander? Im Sinne einer aufgeklärten Bürgerlichkeit – etwa so, wie sie von Odo Marquard beschrieben und angeregt wurde – gibt es doch mindestens publizistisch starke Stimmen, die mehr zu vertreten wissen als Betroffenheit. Man sollte die Rechte nicht als finstere Macht, nicht als so etwas wie die Todesser in Gefolgschaft Lord Voldemorts zu beschreiben versuchen, sondern sich ihnen offensiv stellen. Die fragwürdige, ja bisweilen unangenehme Didaktik des erhobenen Zeigefingers, mit der es etwa die mecklenburgische Landtagspräsidentin Frau Brettschneider, darin ganz Lehrerin!, versucht, kann auf keinen Erfolg hoffen, finde ich bedauernd. Geistreicher sein! Plakatabreißer und Mahnwächter bewegen nichts Entscheidendes.

  134. Wolfram Adolphi sagt:

    Zu Bosselmann und Brauer (angeregt zustimmend – und vielleicht weiterführend anregend?):

    Bertolt Brecht hatte eine Menge Gründe und Erfahrungen, als er 1935 – im vom Faschismus erzwungenen Exil – die Frage stellte, „wie […] jemand die Wahrheit über den Faschismus sagen [will], gegen den er ist, wenn er nichts gegen den Kapitalismus sagen will, der ihn hervorbringt“ (Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit, hier zitiert nach: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 22.I, 1993, Seite 78). Max Horkheimer fasste seine diesbezüglichen Überlegungen im September 1939 – auch er im vom Faschismus erzwungenen Exil – in seinem Aufsatz „Die Juden und Europa“ in den berühmt gewordenen Satz: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ (hier zitiert nach: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt/M 1988, Seite 308f). Und Horkheimer weiter: „Der Faschismus ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft, die von der Theorie von Anfang an getroffen war. Er fixiert die extremen Unterschiede, die das Wertgesetz am Ende produzierte“ (ebd., Seite 309).

  135. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Wolfgang Brauer, Rechtsextremismus psychoanalytisch gesehen (20. Jahrgang, Nr. 18, 28. August 2017)

    Ein sehr gehaltvoller und interessanter Beitrag. Zwei Gedanken dazu:

    1.) Ein Verhängnis in Einschätzung und Bewertung der Rechten und radikalen Rechten scheint mir darin zu liegen, „den Nazi“, „den Rechten“, die PEGIDA, die AfD nicht allein als Gegner zu identifizieren, was legitim und angezeigt wäre, sondern sie allesamt sogleich zu pathologisieren, also als etwas darzustellen, was es gemäß der Aufklärung vernünftigerweise ja gar nicht geben dürfte, weil es – wiederum vernünftigerweise – ja gar nicht zu denken wäre.

    Die politischen Bildungsbehörden der Republik sind darüber dann ja auch erschüttert, insofern sie meinen, dass ihre vielfältigen Kampagnen für „Toleranz“, für „Courage“, „gegen Rechts“, für eine „bunte Republik“ doch so gut gemeint wie wirksam sind. Gibt es „den Nazi“ dann aber immer noch, so ist ja gar nicht auszudenken weshalb. Folglich wird konstruiert, nur der eigentlich Kranke, der vollends Verlorene, der Perverse, der – gnostisch gesehen – ganz andere müsse es sein, der sich so gutmenschlicher Läuterung verschlösse. Ganz logischerweise sieht man dann nur noch in einer Quarantäne („Den Rechten kein Podium bieten!“) oder in einer Art Heilung eine Chance.

    Wäre es nicht der Sache angemessener, weniger verschreckt und weniger theatralisch aufgeregt davon auszugehen, dass „der Faschist“ nun mal zum Spektrum des Menschlichen gehört? Man muss das weder gut finden noch kühl mit einem Schulterzucken nehmen, man kann es bekämpfen; man kann sich aber nur auseinandersetzen, wenn man diesen anderen eben gerade nicht pathologisiert, sondern einfach von seiner Gegenwart ausgeht. Was an Radikalität, Anmaßung, Gewalt und Destruktivität zum Menschlichen gehört, erlebt man nicht erst in der Politik, nein, dazu reichen ein paar Kilometer Autobahnfahrt oder das Erlebnis von Nachbarn und vermeintlichen Geschäftsfreunden oder Kollegen völlig aus. Der Audi-Fahrer, der mir mit seinem Kühlergrill bissig auf der Stoßstange sitzt, um mich aus seiner linken Spur, die nur für die ganz großen Jungs gedacht ist, herauszuselektieren, mich wegzubeißen, bedroht mich nötigend mit nichts weniger als dem Verlust meines Lebens. Er handelt quasifaschistisch. Treten die politischen Hintergrundbedingungen dafür ein, werden solche Menschen bzw. konstanten Charaktermuster praktisch tätig und für Ziele nutzbar.

    2.) Liegt nicht in dem rhetorischen Dauerschwall von nicht zu realisierenden und wohl nicht mal zu rechtfertigenden Bekenntnissen zu Gerechtigkeit, Antidiskriminierung, Gewaltfreiheit, Toleranz, Transparenz, Gender-Mainstreaming usw. usf. die Tendenz zu einem höchst penetranten neu- und jungbürgerlichen Tugendterror, der ein Korrektiv von rechts geradezu herausfordert? Nicht etwa in Gestalt des bösen Nazis, sondern folgerichtig in einer intellektuellen Wiederbelebung rechten Denkens, dem, mindestens vom politischen Konservatismus her, sein berechtigter Platz zukommt und ohne das gegenwärtig keinerlei politscher Meinungsstreit möglich wäre. Nur im Beispiel: Die Schwächen der Bildungspolitik und ihre für modern gehaltenen illusionären „Grundvereinbarungen“ sind bspw. von links gar nicht mehr kritisierbar, weil sie durchweg sozialistisch sind; sie können nur noch von konservativer Seite in Frage gestellt werden. Soll überhaupt noch etwas in Frage gestellt werden? Oder wird nicht vielmehr sofort unterstellt, dass konservative, rechte und rechtsintellektuelle Positionen mit einem grausigen genetischen Fehler behaftet sind, der sie zwangsläufig und quasievolutionär zu nazistischen oder faschistischen Ausformungen hinüberwachsen lasse? Weshalb man sie besser gleich ausmerzen müsse, anstatt sich mal couragiert auf eine Auseinandersetzung einzulassen, wenn schon andauernd von Courage die Rede ist.

    Psychoanalytisch wäre also ebenfalls die Diagnose des so wohlmeinenden Deutschland interessant. Kann man politisch so gesund sein, wie es die Mitte ist?

    • G. Köhler sagt:

      Lieber Herr Bosselmann,
      um Ihre immer bedenkenswerten Einlassungen nachvollziehbarer zu machen, wäre eine Definition dessen hilfreich, was Sie unter „Rechts“ verstehen. Ich weiß, dass diese Art politische Kategorisierung eh nur eine Krücke sein kann und soll – umso mehr scheint mir wichtig, etwas näher zu erklären, was man darunter versteht; ansonsten gehen Argumentationen schnell ins Leere. Oder – schlechter noch – sie werden mißdeutet und gar noch mißbräuchlich als Berufungsvorlage benutzt.
      Was also ist „rechts“?
      Eine demokratische Denk- und Politikrichtung, wonach es bei Ihnen klingt? Wenn ja: Welche Kräfte zählen Sie dazu?
      Eine Variante politischen Extremismus´? Wenn ja: Welcher Art Extrem?
      Wertekonservatismus? Wenn ja: Welcher Werte?
      Oder etwas ganz anderes?

      Gerhard Köhler

  136. Kontextleser sagt:

    Achim Höger äußert Unmut zum Laternenkampf vermittels Plakaten (Bemerkungen in 18/2017) zum Bundestag: Warum überhaupt, wer macht oder braucht das? Das sind gewiss legitime Anfragen. Schwierig wird es beim Einklagen von Täter-Antworten, zumal wenn die Botschaft mehrdeutig ist.
    Da gibt es ein Plakat, auch an Laternen, unverkennbar ein Porträt von Gregor Gysi. Da können manche schon Mehrdeutigkeit vermuten und es damit bewenden lassen. Aber es gibt zusätzlich Text: Oben links.“Trotzdem“, unten rechts als Absender „Die Linke“. Heißt das: Gysi hält zwar nicht so viel von diesen Linken, möchte aber trotzdem als deren Kandidat gewählt werden? Oder signalisiert „Die Linke“ ihrerseits: Wählt uns, trotz Gysi? Oder wird überparteilich an das Prinzip „Trotz“ appelliert, verkörpert in einem dafür als geeignet vermuteten Kandidaten, den man vermittels der Partei „Die Linke“ in den Bundestag kriegen kann?

  137. Vera Körner sagt:

    Jener arrogante Kritiker, der in Ihren „Antworten“ Erich Kästner der Phantasiearmut zeiht, sollte sich selbst an die (hoffentlich noch ungepiercte) Nase fassen. Wohin die Reise bei der Selbstverstümmelung eigener Körper geht, belegt die folgende, brandneue Nachricht:
    http://www.der-postillon.com/2010/09/neuer-trend-organtatowierungen-immer.html#more

    • F.-B. Habel sagt:

      Liebe Frau Körner, ich habe mich gerade an dem ironischen Ton des Antworters erfreut, der uns vor Augen hält, welche Selbstverstümmelung vor Jahrzehnten noch unvorstellbar war. Glücklicherweise treffe ich noch Menschen, deren unverschandelte Haut ich streicheln kann und an deren Lippen ich mich nicht verletze. Das hoffe ich auch für Sie!

  138. Literat sagt:

    Schlag nach, bei Goethe, bei dem steht sowas drin:
    „Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
    Es war die Art zu allen Zeiten,
    durch Drei und Eins, und Eins und Drei
    Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
    So schwätzt und lehrt man ungestört.
    Wer will sich mit den Narr’n befassen?
    Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
    es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

    • Horst Keppler sagt:

      Ach, Literat, so haben Sie Ihr Goethe-Zitat ja vielleicht nicht gemeint, aber das halte nun wieder ich für eine Crux: ehrliches Bemühen um ein Nach- und Durchdenken von Gegebenheiten und deren mögliche Folgen durch Worte (womit denn sonst?) für einen geschwätzigen Schmarrn zu erklären; armer, missbrauchter Goethe. Es ist die schlichteste Form dessen, was sich dann vermutlich als souverän-offensive „Auseinandersetzung“ versteht.
      Als hätten wir nicht Zeiten hinter uns, die uns nicht zuletzt gelehrt haben sollten, dass und wie ideologischer Hochmut vor dem Fall kommt.

  139. Stephan Wohanka sagt:

    Lieber Herr Bosselmann,

    Sie wissen, ich schätze Ihre Texte; auch den vorliegenden: In sich stimmig, rund, überzeugend. Man kann ihm nicht widersprechen, er versagt sich einer Polemik. Und trotzdem – vielleicht gerade deshalb – kommt nach seiner Lektüre ein Gefühl des Unbehagens, der Verdrießlichkeit auf. Woran liegt das?
    Ich denke, der Text ist in gewisser Weise undialektisch, denn war moderne Politik jemals viel anders als sie jetzt ist? Sicherlich, Sie deuten es an, „drängende“ Probleme stehen an: Wie kann es gelingen, Konsum und Nachhaltigkeit wirklich in Einklang zu bringen? Wie kann der Welthandel fair gestaltet werden? Jedoch werden diese Themen von lächerlichen politischen Detailfragen verdrängt, zum Beispiel von der Mütterrente….
    Der gegenwärtige politische Prozess ist durch einen demokratischen Opportunismus („muddling through“) gekennzeichnet, der jedoch das unvollkommene, kompromissbeladene, mal zügigere, mal langwierig daherkommende, dabei jedoch das sozial und politisch nachhaltige Funktionieren der Gesellschaft gewährleistet. Nach Hans Jonas besteht „die Voraussicht des Staatsmannes also in der Weisheit und dem Maße, die er der Gegenwart widmet: Diese Gegenwart ist nicht um einer andersartigen Zukunft willen da, sondern bewährt sich günstigenfalls in einer gleichartigen Zukunft …“.
    Unsere Gesellschaft basiert auf sozialer Selbstorganisation; sie unterliegt einer ständigen Selbstveränderung: Millionen Menschen handeln permanent, sind immerzu tätig, agieren eigenen Zielen und Vorstellungen folgend, wodurch sich die Resultate dieser (individuellen) Handlungen mal überlagern und verstärken, dann wieder konterkarieren und sich aufheben…. Es erinnert an Adam Smith´ „unsichtbare Hand“; um es aus Sicht der Volkswirtschaft zu formulieren: Keiner der Marktteilnehmer strebt direkt danach, das Volkseinkommen zu steigern, jeder will nur seinen (Güter)Bedarf decken. Und doch führt der Marktmechanismus ergo die ´unsichtbare Hand´ unter den obwaltenden Bedingungen zum jeweiligen volkswirtschaftlichen Optimum; in der Regel weit entfernt von einem (theoretischen) Maximum, welches auch gar nicht feststellbar ist. Das kann mutatis mutandis auf alle Bereiche des sozialen Lebens übertragen werden. In der Folge lösen unvorhersehbar kreative Problemlösungen und stupende Misserfolge in Politik, Kultur, Wissenschaft usw. einander ab.
    Obiges Selbstregulieren bewirkt , dass Normabweichungen innerhalb des Systems selbst zur Korrektur der Zustände, die die Normabweichung hervorrufen und damit das System gefährden oder auch nur bremsen, führen. Das System „Politik“ ermöglicht sich also permanent durch sich selbst. Deshalb ist ein (politisches) System in dem Maße „krank“, in dem es nicht aus sich selbst heraus Veränderung zu seiner Veränderung respektive Stabilisierung hervorzubringen vermag! Naturgemäß führt das in der lebensweltlichen Praxis der Gesellschaft(en) zu Instabilitäten, Brüchen, Unvollkommenheiten; offenbar kann der Kapitalismus politisch-praktisch mit derartigen Schwierigkeiten „umgehen“; der Sozialismus konnte es aufgrund seiner unflexibel-doktrinären, politisch-ideologischen Strukturen letztlich nicht. Die dahintersteckende Logik aufnehmend kann man sogar folgern, dass der Kapitalismus gar nicht scheitern kann, da er im Unterschied zum Sozialismus als soziales System kein Ziel hat; er „will nichts bewirken“, er ist in Maßen „postideologisch“. Er „übernimmt“ sozusagen die politischen Inhalte des politischen Apparates, dem er „dient“, nicht ohne natürliche auf diesen und dessen Inhalte zurückzuwirken; er ist von hoher (politischer) Kompatibilität und Flexibilität!
    Aber – bleiben wir dialektisch – gibt es auch wieder Hoffnung: Die beschriebene Praxis ist unbefriedigend, aber wo ein ungelöster Rest bleibt, wird die Dynamik irgendwann neu anspringen… Zugegeben – das alles greift weit über das von Ihnen Intendierte hinaus. Sie wollten sagen, warum Sie Merkel wählen – und das leuchtet ein.
    Grüße
    Stephan Wohanka

    • Werner Richter sagt:

      Es ist wohl ein Fehlschuß, aus Herrn Bosselmanns gespielter Ratlosigkeit, er könne ja, aus welchen Gründen auch immer, eigentlich Mutti wählen, denn bei ihr wäre es am sichersten, noch einigermaßen glimpflich davon zu kommen, den Bourgeois zu filtern. Andere Kandidaten wären ihm da schon um einiges fragwürdiger. Da ist keine Aussage zu finden, daß Mutti als unsterbliche Kanzlerin die Lösung des Problems wäre, höchstens, die beste Trennwand zum Verbergen der langfristigen Problemzuspitzung bis zur eventuellen Katastrophe. Oder, so tickt der Michel. Also, nix mit Bourgeois Bosselmann, der tut nur so.
      Da hilft vielleicht ein gutes Essen weiter, zunächst der Hauptgang. Aus solcher Provokation entsprießt die Frage: „Wie kann es gelingen, Konsum und Nachhaltigkeit wirklich in Einklang zu bringen? Wie kann der Welthandel fair gestaltet werden?“. Peter gibt uns Antwort: Nein, geht überhaupt nicht, weil… Ist schon seltsam, viele wissen das, aber dem zum Trotz immer wieder diese obskure Fragestellung, über die hier zu palavern nicht Platz und Zeit ist.
      Gut zum Menü paßt dann die These vom „überlegenen Kapitalismus“, in Praxis bewiesen und immer wieder gehört und dem unvermögenden (Real)-Sozialismus aus Beton. Die Frage Peters, war das Sozialismus, nur weil er sich oder die politische Bewegung dies so bezeichnet analog der Deklaration sozialistischer Produktionsverhältnisse wegen der Festlegung „Volkseigentum“, und dies auch von als funktionsnotwendig im Interesse des Kapitals angedachten sozialen politischen Maßnahmen immer wieder durch die Landschaft geistert, gehört auch genau hierher. Windelweiche sozialdemokratische Reformpolitik von Sanders und Corbyn gilt bei Propagandabedarf sogar als kommunistisch.
      Als Dessert wäre die Übernahme von Adam Smith‘s „unsichtbarer Hand“ zu empfehlen, genau in dem Sinne, den Marx hatte, nicht. Macht sich aber immer gut, es flambiert und erzeugt eine etwas überdeckende Kruste. Darunter liegt „ Unsere Gesellschaft basiert auf sozialer Selbstorganisation …“ sowie das indirekte Streben und Wirken des Kapitals nach allgemeinem Wohlergehen usw. Ja, wenn es gelänge, den Kapitalisten unter moralischen Druck zu setzen, welch schöner Traum. Aber Vorsicht, nicht überzuckern!
      Appetit? Oh, den Aperitif vergessen. Vielleicht einen Pernot Macron?

    • Heino Bosselmann sagt:

      Im weiteren Sinne passt zu dem Thema ein gerade in der FAZ vom 21.08.17 unter dem Titel „Anerkennung durch Differenz“ erschienener Aufsatz des Soziologen Heinz Bude. Ich zitiere ein wenig:

      „Der Lebensstandard in den OECD-Ländern ist immer weiter gestiegen, nicht nur, was das persönliche Einkommen, sondern auch, was die öffentliche Infrastruktur unserer Gesellschaft betrifft. Wer kann sich eigentlich heute noch vorstellen, in einer Wohnung ohne Zentralheizung, ohne Bad, unter Internetanschluss und ohne dichte Fenster zu leben? Dazu kommen öffentliche Badeanstalten, ein System von Stadttheatern und eine kontinuierliche Verbesserung der Luft- und Wasserqualität. Daran gemessen ist die Kluft zwischen den OECD-Ländern und dem Rest der Welt immer tiefer geworden.
      Doch diese Geschichte, die mit dem Doppelschlag der politischen Revolution in Frankreich und der industriellen Revolution in England begonnen hat, ist vorbei. Im Vergleich der entwickelten und der der noch nicht so entwickelten Gesellschaften ist seit zwanzig Jahren eine Umkehr der Wachstumsgeschwindigkeit zu beobachten. (…) Die Menschen in den entwickelten Ländern ahnen, dass sie auf dem absteigenden, und die in den sich entwickelnden Ländern, dass sie auf dem aufsteigenden Ast sind. (…)
      Migration ist ein Wohlstandsproblem. (…) Mobil sind gerade nicht die Ärmsten der Armen, sondern diejenigen, die sich für ihr Leben noch etwas ausrechnen. (…) Das migrationspolitische Arrangement, gesellschaftliche Zivilität durch die wechselseitige Akzeptanz verschiedener Gruppen nach den Regeln indirekter Herrschaft herzustellen, ist ausgerechnet durch die Freizügigkeitsregelungen der Europäischen Union in Frage gestellt worden. (…)
      Die Zweifel beziehen sich in erster Linie auf das Qualifikations- und Kompetenzniveau der zumeist jungen Menschen, die mit Trikots von Bayern München, mit Sneakern von Adidas und mit großen Erwartungen auf ein besseres Leben um politisches Asyl bitten. Werden die Arbeitsmärkte wieder alles richten oder wird man sich in mittlerer Sicht auf die Versorgung eines migrantischen Wohlfahrtsklientels ohne berufliche Erstausbildung und ohne normale Beschäftigungsverhältnisse einstellen müssen? (…)
      Sind die relativ privilegiert lebenden Menschen in den europäischen Gesellschaften zu der notwendigerweise widersprüchlichen Haltung bereit, diese neue Form proletarischer Ungleichheit einerseits hinzunehmen und andererseits dafür Sorge zu tragen, dass man von ‚einfacher Dienstleistung‘ leben kann und dass die Kinder aus dieser nach Herkünften sehr gemischten Unterklasse die Chance auf ein besseres Leben haben? (…)
      Das Europa der Migration muss sich bei all diesen Fragen zu einem postsäkularen Zeitalter bekennen, in dem die Darstellung von Religion und Religionszugehörigkeit einen ganz anderen Stellenwert für das Selbstwertgefühl der Einwanderer und der Eingewanderten gewonnen hat. Die stille Mitgliedschaft, wie sie in den bundesrepublikanischen Zeiten der ‚Gastarbeiter‘ der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch gang und gäbe war, ist einer Performanz der prononcierten Differenzmarkierung gewichen. Die Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte gibt offen und selbstbewusst zur Kenntnis, woher sie kommt und woran sie glaubt. Anerkennung durch Differenz lautet die Formel der postmigrantischen Gesellschaft.“

      Und an diese wohlformulierte Harmonie glaube ich nicht. Der religiös gefärbte kulturelle Grundkonflikt mag es sein, der irgendwann das Ende der friedlichen Wohlstandsära Merkel beenden könnte. Wir erleben gegenwärtig die ersten Turbulenzen. Wie wird darauf reagiert? Mit dem Pauschalbekenntnis zur Toleranz und zur „bunten Republik“, also zur schönen Illusion, Lessings Ringparabel fände in der Bundesrepublik nun endlich ihre praktische Erfüllung. – Ich befürchte, das Gegenteil wird der Fall sein, nämlich das, was Religionen der Geschichte stets eintrugen: Zwist und Bürgerkrieg, in welcher aktuellen Form auch immer. Schlechte Aussichten.

  140. Peter sagt:

    Hallo Herr Bosselmann
    Wohl wahr, guter Vergleich. Damit hat es sich dann auch, bei den Griechen zählten die Sklaven nicht als Menschen und aus der Bürger Selbstverständnis durften sie wie die Frauen nicht wählen. Nicht einmal jeder Athener durfte wählen. Heute wie damals ist das, was Wahl genannt wurde, eine Farce. In dem Bereich agiert Frau Merkel in der Tat „schlang“.
    „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge
    unmittelbar zusammenfielen … MEW 25, 825.
    Was da ohne jegliche Definition „problematische Gerechtigkeitsvorstellungen“ sein sollen, wurde nicht heruntergeleiert. Die bourgeoise Gedankenwelt des Herrn Bosselmann lässt es scheints nicht zu, dass er sich in die Niederungen derer begibt, die nichts von seinen Beschreibungen finden konnten. http://www.klartext-info.de/broschueren/Was_ist_ExistenzminimumA4_c.pdf
    Wie im Gegensatz zu Adorno „http://www.fr.de/kultur/judith-butlers-dankesrede-kann-man-ein-gutes-leben-im-schlechten-fuehren-a-805966“ kann ein Gutes leben im Schlechten geführt werden. Dank Frau Merkel. Wie da der Sozialismus hineinpasst, bleibt schleierhaft. Was hier der Sozialismus sein soll, wird nicht angeboten, so bleibt es, der narzisstischen Gesellschaft jedem einzelnen überlassen, was es ist. So gibt es keine Sonderprofite über Steuern. Wenn Steuern nicht gezahlt werden so ist es schlicht Betrug, sagt Herr Hoeneß.
    Was der Unsinn soll mit „der vierten Phase der industriellen Revolution“ wird leider auch nur behauptet. Da passiert nichts anderes als bisher auch. Die Arbeitsteilung nimmt zu, es passt dann allerdings besser ein Fetisch, um so zu tun, als sei es ein Naturgesetz. Dass da keine Verwerfungen von seiten der Lohnabhängigen auftreten, wird ein Verdienst von Frau Merkel sein. Leider wird nichts vom Programm der Parteien gesagt, sondern nur von denen, die dem Sozialismus der Herrn Bosselmann frönen. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2017/05/Maschinerie.pdf

    Ein „urteilskräftiger Demokrat“ weiss, das „Land- und Volkswirtschaft funktionieren“, in wessen Sinn. Niedersachsen ist von Nitrat durchsetzt und die Luft mit Abgasen verpestet, dann kann es doch nur fürs Kapital gut „funktionieren“, da hält die Regierung auch ihre schützende Hand drüber.
    Der Linke Leser weiss das, es ist systemimmanent. Gut macht sich da die Relativierung „ Periode deutscher Geschichte“, was aber ist denn das Tolle? Da muss dann mit „Wir“ okkupiert werden, um innere Auszehrung auszumachen. Was soll Frau Merkel da denn noch?
    Ach ja die „überproduzierende industrielle Landwirtschaft“ ist elendig, gibt es Überproduktion überhaupt? Es wäre doch dumm, bewusst zu produzieren, was nicht verkauft werden kann. Ist nicht der ganze Export Überproduktion?
    „gefährliche Gleichheit“ – ja wie das, wenn alle zum Leben genug haben? Will das nicht Frau Merkel? Oder ist das zu spießig?
    Wenn es denn sein soll, so ist es egal, wer das Kreuz mit den Kreuzen auf sich nimmt, es ist völlig egal.
    Beste Grüße

  141. Die Redaktion sagt:

    Zu Paul Preston „Während das Volk starb…“ in der aktuellen Ausgabe erreichte uns folgende Zuschrift:

    „… bei aller Großartigkeit ein Fehler. Preston schreibt, dass es zur Zeit des Schriftstellerkongresses noch keine Übersetzung von Gides ‚Retouches à mon Retour de l´U.R.S.S.‘ gab. Das aber kann nicht stimmen. Das Büchlein (142 Seiten) erschien am 1.1. 1937 in Paris, knapp zwei Monate später erschien die von Ferdinand Hardekopf besorgte Übersetzung im Jean-Christophe-Verlag in Zürich. Gustav Regler z.B. schrieb in seinen Erinnerungen, dass er und seine Freunde die Reaktion Gides auf seine Kritiker gelesen und diskutiert hatten. Und was weitere fehlende Übersetzungen anging: Der größte Teil der Schriftsteller, so auch Kolzow, sprachen Französisch.“