Immer noch gesucht: Mitstreiter
Das Blättchen-Team wirbt erneut um weitere Mitstreiter in der Redaktion.
Nach wie vor gilt, dass Erfahrungen im Journalismus, in der Germanistik oder einer vergleichbaren Sphäre keine Voraussetzung für eine Mitarbeit wären, wohl aber die Beherrschung der deutschen Sprache sowie praktische Fertigkeiten in digitaler Textverarbeitung.
Die Arbeitsweise der Redaktion erläutern wir gern im persönlichen Gespräch.
Angemessene Einarbeitung ist garantiert.
Weil für Letzteres sowie generell für die Zusammenarbeit räumliche Nähe hilfreich wäre, bevorzugen wir Bewerbungen aus Berlin und dem nahen Brandenburger Umland.
Trauen Sie sich und melden sich bei Interesse per E-Mail an: redaktion@das-blaettchen.de.
Der Wisperbaum
Er flüstert und wispert und lispelt und knistert, raschelt und säuselt, rauscht, knattert, rattert … flattert und zittert. Populus tremula. Die Zitterpappel/Espe. Pionierbaum (auch „Ammenbaum“ weil sie, besonderer Eigenschaften wegen, Kahlflächen für neuen Baumbewuchs vorbereitet).
Lichtbaum. – Sie meidet schattige Standorte, spendet jedoch durch ihre buschige Form wohltuenden Schatten an heißen Sommertagen. Bescheiden, was die Bodenqualität anbetrifft. Klimaresistent und standfest. Nutzbaum. – vorrangig in der Tierwelt für das Reich der Schmetterlinge gefragt (die fressgierigen Raupen tun sich am Laub ihr Gütchen). Ob der Vielzahl ihrer Vorzüge, erhob man die Zitterpappel in den Rang „Baum des Jahres 2026“ zu sein. In Mitteleuropa dominieren außer ihr Schwarz- und Silberpappel ururalter Herkunft.
Nach der letzten Eiszeit sorgte der Baum mitsamt der Birke für eine Wiederbelebung der trostlosen, öden Landschaft. Seither bezeichnet man diesen Zeitraum als Birken- und Espenperiode. Der volkstümliche Name der Wisperin unterlag einem langjährigen Wandel. Er führte von „apsa“ aus dem Indogermanischen über „aspo“, „aspa“ bis hin zu „aspe“, wie die Zitterpappel auch heute noch genannt wird. Ein neckisches Wortspiel. Gut zu wissen, dass „Espe“ nicht nur die Bezeichnung für einen interessanten Baum ist, sondern auch als aparter weiblicher Vorname gilt. In seiner Bedeutung vertritt er dann die Hoffnung.
Aspe, Espe, Zitterpappel,
du mit deinem Blattgezappel
klimperst auf besondre Weise
einmal laut und einmal leise,
was der Wind dir eingegeben
in deinem Zitterpappelleben.
Weht er sanft durch dein Geäste,
säuselst du aufs Allerbeste
in den neuen Tag hinein.
Stellt er jedoch sein Wehen ein,
dann lässt du auch das Flattern sein.
Ist sein Wüten riesengroß,
dann knatterst du, wie wild, drauflos.
So zitterst du, wie’s dir gefällt,
dich nach Belieben durch die Welt.
Das Hauptmerkmal des Wisperbaumes, das Zittern, gleicht einem biophysikalischen Wunderwerk der Natur. Das, meist eiförmige Blatt wird von einem 3 bis 8 Zentimeter schlanken Stiel gehalten, der seitlich stark abgeplattet ist. Schon das kleinste Lüftchen, wenn es auf den abgeflachten Stiel trifft, bringt das Blatt zum Schwingen. Ein vielstimmiges Zittern beginnt.
Die Espe ist schnellwachsend. Als Moskau 1812 im Napoleonischen Krieg weitgehend verwüstet war, soll sich die Zitterpappel bereits ein Jahr später zwischen den Ruinen wieder hervorgewagt haben. – Sie kann sich 25 bis 35 Meter in die Höhe recken, und bezaubert durch eine weithin sichtbare Herbstfärbung in Gelb oder Orange oder Rot. Wenn der Wisperbaum im Mai seine feinbehaarten weißen Samen wirft, dann fällt „Pappelschnee“ wie ein Flockenwirbel zur Erde und wird vom Wind als Bestäuber davongetragen.
Espenholz ist sehr weich und sehr leicht. Es findet Verwendung in der Zellulose – und Papierproduktion. Da es auch für die Malerei geeignet ist, so wurde es häufig im Mittelalter als Malgrund eingesetzt. So lächelt Leonardos „Mona Lisa“ geheimnisvoll von einer dünnen Pappelholztafel.
Dank des hohen Alters erhielt die Zitterpappel einen Platz in der Mythologie. Mit der Zeustochter Persephone brachte man im griechischen Altertum die Espe in Verbindung. Und der Sänger, Musiker und Dichter Orpheus, so wird berichtet, soll ein Feuer aus Pappelholz entzündet haben, mit dessen Zauberkräften er seine Gattin Eurydike aus dem Totenreich zurückholen wollte. Es misslang. Aus männlicher Neugier! – Nun lausche man dem musikalischen Wisperer, wo immer man ihm begegnet, am Bachufer (Verwandtschaft mit den Weiden), auf Brachflächen und Steinhalden und erfreue sich an seinem Geplapper.
Regime change in Washington – so what?
Der Herr des White House zu Washington verliert vor den laufenden Kameras der Welt immer unübersehbarer den Verstand und ist im Begriff, ebendiese Welt so blindwütig vor die Wand zu fahren, dass sogar die Bilderberger ihre machtgewohnte Ruhe eingebüsst und ihr jährliches Geheimst-Treffen um einen Monat vorverschoben haben. Freilich geht, was diese mächtigen Herren hinter verschlossenen Türen besprochen oder gar beschlossen haben, uns Normalsterbliche traditionsgemäss einen Dreck an. Aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten muss man naturgemäß immer mit allem rechnen, sogar mit dem Unmöglichen – warum also nicht auch mit etwas so Populärem wie einem regime change? Darum sei hier die Frage erlaubt: What next, falls „der mächtigste Mann der Welt“ nächstens aus dem großen Spiel ausscheiden sollte, auf welche spektakuläre Weise auch immer: Amtsenthebung, Abwahl, Abgang, Abtritt, Abknall etc.? Haben wir ja alles schon gehabt und wäre nichts wirklich Neues (außer Impeachment). Man darf also gespannt sein. Hier nur eine kleine, bescheidene Spekulation über eine Zukunft ohne Trump (die ja früher oder später sowieso kommt): Kaum ist er weg, wird von den übriggebliebenen Mächtigen ein großes mediales Blame-Game-Drama aufgeführt und alle Schuld an allen Missständen in dieser Welt ihm, dem Regimegechangeten, angelastet – abgesehen natürlich von den üblichen Verdächtigen Putin, Xi und den Mullahs. Der Regime change, wenn er denn kommt, wird jedenfalls keinerlei Machtwechsel bringen.
Gerüstet statt gepflegt
Seit 2017 wird das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit nicht mehr in „Pflegestufen“ ausgedrückt, sondern in „Pflegegraden“. Diese Ähnlichkeit mit den militärischen „Dienstgraden“ könnte es gewesen sein, die dem beliebtesten deutschen Politiker einen Weg gewiesen hat, die Kriegstüchtigkeit zu erhöhen und gleichzeitig die Sozialausgaben zu senken.
Wie wäre es, mag sich der Minister gefragt haben, wenn man die nur einigermaßen „rüstigen“ Leute aufrüstet und hochrüstet? Dann würde man keine Steuergelder mehr dafür verschwenden, Humpelnden das Humpeln zu erleichtern und Bettnässer auf Windeln oder Beutel umzustellen.
Das Geld für die „Begutachtung der Kriegstüchtigkeit von Pflegegeldempfänger*innen“ käme aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Die Einstufung würde in drei „Rüstungsgrade“ erfolgen: „rüstig“, „gerüstet“, „hochgerüstet“. „Gerüstet“ wäre, wer das russischsprachige Kommando „Stoi!“ („Halt!“) akzentfrei ausspricht. Als „hochgerüstet“ würde eingestuft, wer eine Drohne mit bloßen Händen abwehren kann.
In einem weiteren Schritt würden die „Seniorenresidenzen“ zu kriegstüchtigen „Patriotenresidenzen“ umgestaltet. Für die materiell-technische Basis müsste das Ausrüstungsamt der Bundeswehr in Koblenz auskömmliche Beraterverträge in Höhe von 3,3 Millionen Euro vorbereiten.
Film ab
„Der Magier im Kreml“ ist ein Thriller, der Putins Weg vom Geheimdienstchef an die Spitze der russischen Machtvertikale und sein dortiges Wirken von der Ernennung durch den damaligen Präsidialalkoholiker Jelzin im Jahre 1999 (zunächst zum Ministerpräsidenten) bis etwa 2014 (Olympische Winterspiele in Sotschi) auf eine Art und Weise beleuchtet, dass die heute hierzulande grassierende Kriegsertüchtigungshysterie mit Blick auf Russland geradezu als einen Segen erscheinen lässt.
Erzählt wird das Ganze aus der Sicht eines während dieser Zeitspanne tätigen Spindoktors des Zaren, wie der russische Präsident in einer für westliches Publikum offenbar besonders leicht einzuordnenden Weise durchgängig genannt wird. Historisches Vorbild soll Wladislaw Surkow sein, der als juveniler Begleiter an der Seite Putins im Westen jahrelang als einer von dessen Haupteinflüsterern und operativen Strippenziehern galt. Der ukrainische Präsident Poroschenko etwa unterstellte Surkow, so Wikipedia, die Scharfschützen organisiert zu haben, die bei den Protesten auf dem Maidan in Kiew sowohl auf Demonstranten als auch auf Polizisten geschossen hatten.
Was ein Spindoktor mit quasi monopolisiertem Zugang zum Ohr seines Herrn (damals war’s der US-Präsident) anzurichten vermag, bis hin zur Anzettelung eines Krieges, das hatte Dustin Hoffmann als PR-Genie in „Wag the Dog“ bereits 1997 erahnen lassen. Doch war der Streifen damals ohne Weiteres als Satire zu erkennen.
Heute geht es um Putin und die Russen, da kommt außer (im Wortsinne) blutigem Ernst gar nichts anderes in die Tüte.
Doch wo die Furcht am Größten, da keimt auch Hoffnung: Der Zar im Kreml lässt den dann doch aus Gewissensgründen irgendwann abtrünnigen Spindoctor in Verkennung der Folgen, die er sich damit im wertebasierten Westen einbrockt (nämlich unter anderem diesen Film!), natürlich erst meucheln, als der alles brühwarm einem investigativen US-Besucher gebeichtet hat. Aber so sind sie halt, die Russen: absolut von Übel!
Jude Law hat man auch schon subtiler mimen sehen. Doch da von den Filmemachern offenbar ein holzschnittartig-abstoßendes Putin-Porträt intendiert war – „verkniffenes Mienenspiel, […] Haifischlächeln, […] Mafioso-Gang, […] verkrampfte Gestik, […] stupende Humorlosigkeit“ und „mit dem leisen Akzent nackter Brutalität, der […] unvermeidlich aus jedem Satz des Kremlherrschers spricht“, wie ein Kritiker in der FAZ addierte – soll konzediert werden: Das hat Law durchaus trefflich hinbekommen. Auch wenn die Chance „für eine bitterböse Putin-Karikatur“ verschenkt worden sei, wie der FAZ-Kritiker moniert.
„Der Magier im Kreml“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Olivier Assayas; derzeit in den Kinos.
*
Wir, meine Ins-Kino-Mitgängerin und der Besprecher, waren disziplinierter als die beiden Damen neben uns, die das Kino recht bald wieder verließen. Wir harrten aus bis zum Abspann. Doch auch der weitere Verlauf des Streifens belohnte uns nicht. Das riss selbst der (inzwischen freilich reichlich reife) Charme von Daniel Auteuil, den zumindest meine Mitgängerin einmal mehr genoss, wie sie anschließend bekannte, nicht raus. Und Jodie Forster leider ebenso wenig. Die Filmkritik im Spiegel endete folgendermaßen: „Aber was der Film in der Summe nun ist, Komödie, Drama, Thriller? Das ist womöglich die größte Mystery von Paris.“ Dem muss klar widersprochen werden: Dieser allenfalls semipsychologische Schmarren ist nichts von allem – weder Dramödie noch Thriller. Da ist die Frage, warum ein Film, dessen Originaltitel „Vie privée“ („Privatsphäre“) lautet, in den deutschen Kinos – obwohl überhaupt kein Mord (Murder) stattfindet – als „Paris Murder Mystery“ aufschlägt, an sich belanglos.
Und im Übrigen, wem nach einem Thriller mit einer wirklich brillanten Jodie Forster gelüstet, dem sei empfohlen, den Preis für zwei Kinokarten besser in eine DVD zu investieren: „Flightplan – Ohne jede Spur“ aus dem Jahre 2005!
„Paris Murder Mystery“, Regie und Drehbuch (Mit-Autorin): Rebecca Zlotowski; derzeit in den Kinos.
Denkzettel
Wir nehmen die Verluste hin, einen nach dem anderen, und sind allesamt ernsthaft überzeugt, daß Rationalität uns besser tut als […] Wissen und daß jede Methode der Anpassung an Gegenwart wertvoller ist als die Lehre der Erinnerung. […] Das Allgemeine drängt zu nichts Allgemeinem mehr. Es geht über in ein offenes Schema von Sektionen und Disjunktionen […] Das Sekundäre breitet sich aus: Alles versinkt im Gerede, im Jargon, alles wird verschluckt vom unaufhörlichen Rauschen der „Informationen“, „Diskurse“ und „Texte“.
Wir werden der drei größten Güter des Lebens, Gesundheit, Jugend und Freiheit, nicht als solcher inne, solange wir sie besitzen; sondern erst nachdem wir sie verloren haben, werden wir uns derselben bewusst.
Alter bringt nicht immer Weisheit mit sich. Manchmal kommt es auch allein.
Politische Zeichner und die Schere im Kopf
Wenn es im Osten um Satire und Humor geht, muss unbedingt das Sommerpalais in Greiz genannt werden. Die ansonsten unscheinbare Stadt im Thüringer Vogtland beheimatete aber auch den Schriftsteller Michael Rudolf. Nach der Wende gründete Rudolf, der leider viel zu früh verstorben ist, den Verlag „Weißer Stein“ und gab vielen satirisch, herrlich fies und ironisch schreibenden Autoren eine Heimat. Selbst schrieb er Bier- und Pilzbücher, böse Texte für die Junge Welt und veröffentlichte mit Frank Schäfer ein Lexikon der Gitarristen. Oft wies Michael Rudolf auch auf das Satiricum im Sommerpalais seiner Heimatstadt hin. Über die jetzigen Ausstellungen hätte sich Rudolf gefreut, denn es geht um die in der DDR bekannt gewordenen Karikaturisten Harald Kretzschmar und Manfred Sondermann. Kretzschmar, der 2024 in Kleinmachnow verstarb, kennen viele Karikaturinterssierte, da er regelmäßig für den Eulenspiegel Porträtkarikaturen zeichnete, Glossen, Essays und Kunstkritiken für Tageszeitungen schrieb. Auch war Kretzschmar Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft und des Verbands Bildender Künstler der DDR, deren „Zentrale Sektionsleitung Karikatur“ er viele Jahre leitete. Für seine humorvolle Kunst erhielt er einige wichtige Ehrungen, wie den Preis der internationalen Ausstellung „Satire im Friedenskampf“ (1963), den Kunstpreis der DDR (1971) und den Vaterländischen Verdienstorden in Silber (1984). Im Satiricum Greiz gibt es nun eine Erinnerungsausstellung mit Porträts, politischen Karikaturen und großartigen Cartoons. Neben den Kretzschmar-Bildern hängen satirische Zeichnungen von Manfred Sondermann (1938-2025). Der Künstler, der bis zu seinem Tode in der Nähe des Satiricums lebte, wird mit einer umfassenden Retrospektive seines Werkes geehrt. Immer wieder griff Sondermann die Berufswelt auf und zeichnete den Spaß in die Technik- und Arbeitswelt. Später reifte er zum politischen Zeichner und karikierte Themen wie Umweltzerstörung, Verfall der Infrastruktur und die Falschheit des Systems. Nach 1990 entwickelte der Ingenieur und Karikaturist die Figur „Ossikar“ und begleitete mit ihr über 15 Jahre lang den Vereinigungsprozess aus der Sicht eines neuen Bundesbürgers, der immer noch ein Ossi ist.
Im Satiricum wurde die Bilderschau „Unterm Strich“ verlängert, die sich mit Karikaturen und Zensur in der DDR beschäftigt, außerdem mit staatlicher Auftragskunst und subtiler Kritik. Oft erkennt nur ein DDR-Bürger bei bestimmten Bildern den Witz zwischen den Zeilen. „Unterm Strich“ präsentiert die Schere im Kopf mancher Karikaturisten, die Alltagskritik mit Warteschlangen und Bürokratie, Parteianweisungen, die überhaupt nicht lustig waren, und die Umweltzerstörung, die von der Zensur als „allgemein, menschliches Problem“ akzeptiert wurde. „Unterm Strich“ ist eine Leihgabe der Stiftung „Haus der Geschichte“ Bonn und enthält originale Karikaturen und Cartoons, die aus dem Satiricum Geiz stammen. An alle Bürger der BRD: Zum lachen nicht in den Keller, sondern ins Satiricum.
Ausstellungen Harald Kretzschmar und Manfred Sondermann im Sommerpalais Greiz bis zum 28. Juni, Ausstellung „Unterm Strich“, Karikatur und Zensur in der DDR, verlängert bis zum 21. Mai 2026.
Aus anderen Quellen
„Die Amerikaner könnten ihre militärische Machtprojektion aus Europa heraus auch bilateral, zum Beispiel mit Staaten in Osteuropa, regeln“, so Erich Vad: „Wenn die US-Truppen, wie neulich von AfD-Co-Chef Tino Chrupalla gefordert, aus Deutschland abzögen, würden sie eben nach Polen gehen. Die USA brauchen vielleicht nicht unbedingt die NATO, aber weiterhin die geostrategische Kontrolle über Europa. Die werden sie nicht aufgeben, alleine schon mit Blick auf Russland und China.
Gudrun Dometeit: In der Eskalationsfalle (Interview mit Erich Vad), diplo.news, 06.04.2026. Zum Volltext hier klicken.
*
„Der Krieg gegen den Iran begann am 28. Februar mit einer Skrupellosigkeit, die kaum zu überbieten ist“, unterstreicht Michael von der Schulenburg und fährt fort: „Noch während vielversprechender Verhandlungen und entgegen allen internationalen Normen hat Israel durch einen massiven Raketenangriff einen Großteil der iranischen Führung getötet – darunter den religiösen und staatlichen Führer sowie Mitglieder seiner Familie in deren Residenz. Die auf Al Jazeera gezeigten Bilder lassen nur pulverisierte Mauerreste erkennen; man wollte offenbar sicherstellen, dass niemanden überlebt. Den Angriff als ‚Enthauptungsschlag‘ zu bezeichnen, zeugt bereits für sich von einem tiefen moralischen Verfall. Dass auch die europäischen Regierungen zu diesem Vorgehen schweigen, wird den gesamten Westen auf lange Zeit schwer belasten.“
Michael von der Schulenburg: Ein Tor zur Hölle. Wie der Krieg gegen den Iran dem Westen schaden wird, bsw-vg.de, 05.03.2026. Zum Volltext hier klicken.
*
In der Nachwuchswerbung der Bundeswehr erscheint das Waffenhandwerk üblicherweise als löblicher Dienst am Volk und – wenn auch vielleicht nicht durchgängig – als abenteuerliche Herausforderung. Eines jedoch kommt ganz gewiss nicht vor – die ernüchternd-brutale und tödliche Kriegsrealität an vorderster Front, wo der Preis für jeden Meter eroberten oder zurückgewonnenen Bodens Verwundete und Tote sind. Auf beiden Seiten. Diese Realität wird auch in den täglichen Nachrichten vom Kriegsgeschehen in der Ukraine geflissentlich ausgespart.
Wer allerdings vom gegebenenfalls zu erwartenden Blutzoll weiß und seine Zukunft trotzdem in Uniform sieht, sollte vielleicht zunächst einen Arzt konsultieren.
Der oscarprämierte ukrainische Dokumentarfilmer Mstyslav Tschernov hat eine ukrainische Einheit ins unmittelbare Kampfgeschehen begleitet, die sich unter ständigen Verlusten und häufig von Erdloch zu Erdloch kriechend voranschiebt, um schließlich auf einem Trümmerfeld, das einmal ein Dorf gewesen war, die ukrainische Flagge zu hissen. Der Ort wurde im weiteren Kriegsverlauf wieder von russischen Invasoren besetzt.
Der Dokumentarfilm ist erst ab 18 Jahren freigegeben und kann daher nur in der Zeit zwischen 23:00 und 06:00 Uhr abgerufen werden.
Zur Bundeswehr verpflichten kann man sich hingegen bereits mit 17 Jahren.
„2000 Meter bis Andriiwka“ von Mstyslav Tschernov, ZDFinfo, 17.02.2026. Zum Video hier klicken.
*
Dmitri Trenin, ein führender russischer Sicherheitsexperte und seit 1. April 2026 neuer Präsident des Russischen Rates für internationale Angelegenheiten (RRIA), vertritt in einem Interview an Tag seiner Amtsübernahme die Auffassung: „Wir sind gezwungen, Krieg gegen einen bedeutenden Teil des kollektiven Westens zu führen. Gegen einen bedeutenden Teil, nicht gegen den gesamten, denn in Europa sehen wir unterschiedliche Herangehensweisen an Russland […].“ Kurz zuvor hatte er sich Gedanken darüber gemacht, wie sich der Charakter der Kriege in letzter Zeit verändert habe, und dabei unter anderem herausgefunden: „Neu ist, dass bestimmte Entscheidungen nun zur Ausarbeitung und Finalisierung an künstliche Intelligenz weitergeleitet werden können und ihre Umsetzung an autonome Systeme, die in der Lage sind, ohne menschliches Zutun Schläge gegen den Feind auszuführen, übergeben werden.“
Demgegenüber ist Nachdenken darüber, wie laufende Kriege diplomatisch zu beenden und künftige zu verhindern wären, in der russischen Politologie seit längerem ebenso wenig en vogue wie in der westlichen.
„Мы — нация самодержавная: ни под кем не ходим и не даем упасть миру“ (Interview), Коммерсантъ, 02.4.2026. Zum Volltext hier klicken. Zur deutschen Übersetzung hier klicken.
Dmitri Trenin: So hat sich der Charakter der Kriege der neuen Ära in letzter Zeit verändert, globalbridge.ch, 06.03.2026. Zum Volltext hier klicken.
*
Im Blättchen 7/2026 befasste sich der Beitrag „KI – Endspurt in den Abgrund?“ ausführlich mit grundlegenden Risiken Künstlicher Intelligenz. Nur wenige Tage später berichtete Maximilian Sachse: „[…] sein neues KI-Modell Claude Mythos hält Anthropic selbst für so mächtig und gefährlich, dass es die Software nicht allgemein zugänglich machen möchte. Konkret geht es um die Sorge, dass Hacker Claude Mythos nutzen könnten, um ohne großen Aufwand unzählige bisher unbekannte Sicherheitslücken in IT-Systemen aufzuspüren und auszunutzen.“ Und: „Wenn Angriffe autonom generiert und ausgeführt werden könnten, gebe es keine Garantie für ein Frühwarnsignal, kein verlässliches Zeitfenster für die Untersuchung und keinen Grund anzunehmen, dass Erkennungssysteme – trainiert auf Basis vergangener Angriffe – etwas völlig Neues erkennen würden.“
Maximilian Sachse: Warum Anthropics neue KI die IT-Welt in Panik versetzt, faz.net, 10.04.2026. Zum Volltext hier klicken.
*
„In der Berliner Zeitung warnte eine Frau: ‚In jedem Mann schlummert ein Monster.‘ Seitdem lausche ich in mich und vermag meine maskuline Monstrosität nicht zu spüren. Nicht im Sinne der Vorwürfe jener Ex-Gattin gegen diesen Schauspieler“, behauptet André Mielke allen Ernstes. Oder doch nicht? Immerhin erschien seine Kolumne am 1. April …
André Mielke: Die Scham des Buckelwals, Berliner Zeitung (print), 01.04.2026. Zum Volltext hier klicken.
*
„[…] der allermeiste aus Erdöl gewonnene Kunststoff“, so entzaubert Matthias Hochstädter eine Legende, „wird nicht recycelt, auch wenn die gefeierte Recyclingquote von 70 Prozent für 2024 von Umweltbundesamt und Verpackungsindustrie etwas andere suggeriert. Der deutsche Titel des Recycling-Weltmeisters basiert leider nur auf einem statistischen Trick. Die als Erfolg verkaufte Quote schrumpft in sich zusammen, wenn man die recycelten Mengen nicht nur theoretisch berechnet, sondern tatsächlich nachverfolgt.“
Matthias Hochstädter: Die Gelbe Tonne ist bankrott, Berliner Zeitung (print), 02./03.04.2026. Zum Volltext hier klicken.
Letzte Meldung
„[…] ein bislang ungebrochenes Tabu, das seit dem Abklingen der nuklearen Asche über Hiroshima und Nagasaki unantastbar war, könnte zerbrechen. Was einst absurd erschien, ist nun eine greifbare Möglichkeit. Als Trump, in Anlehnung an General Curtis LeMays Drohung von 1965 gegenüber Nordvietnam, damit drohte, den Iran ‚auszulöschen‘ und ihn „zurück in die Steinzeit zu bomben‘ – eine Rhetorik, die von Verteidigungsminister Pete Hegseth wiederholt wurde –, war das nicht nur eine Pose. Tatsächlich signalisierte er, dass in einer Regierung, die keine Normen respektiert, Atompilze akzeptabel sein könnten.“
The Bulletin of the Atomic Scientists, 10. April 2026
Schlagwörter: "Der reichste Mann der Welt", Anthropic, Arthur Schopenhauer, Baum des Jahres, Benjamin Kradolfer, Botho Strauß, Clemens Fischer, Der Magier im Kreml, Espe, Gelbe Tonne, Harald Kretzschmar, Iran, Karikatur, Krieg, Künstliche Intelligenz, Manfred Sondermann, Mark Twain, Paris Murder Mystery, Putin, Rainer Rönsch, Renate Hoffmann, Russland, Satiricum Greiz, Steinzeit, Thomas Behlert, Westen, Zensur, Zitterpappel


