Immer noch gesucht: Mitstreiter
Das Blättchen-Team wirbt erneut um weitere Mitstreiter in der Redaktion.
Nach wie vor gilt, dass Erfahrungen im Journalismus, in der Germanistik oder einer vergleichbaren Sphäre keine Voraussetzung für eine Mitarbeit wären, wohl aber die Beherrschung der deutschen Sprache sowie praktische Fertigkeiten in digitaler Textverarbeitung.
Die Arbeitsweise der Redaktion erläutern wir gern im persönlichen Gespräch.
Angemessene Einarbeitung ist garantiert.
Weil für Letzteres sowie generell für die Zusammenarbeit räumliche Nähe hilfreich wäre, bevorzugen wir Bewerbungen aus Berlin und dem nahen Brandenburger Umland.
Trauen Sie sich und melden sich bei Interesse per E-Mail an: redaktion@das-blaettchen.de.
Nochmals zur nuklearen Teilhabe
Die sogenannte nuklearen Teilhabe besteht darin, dass NATO-Mitgliedsstaaten, die keine Atomwaffen besitzen, nationale Trägersysteme (deutscherseits derzeit Tornado-, künftig F 35-Kampfbomber) bereitstellen, um im Falle eines Krieges mit Russland US-Atombomben, die in den betreffenden Ländern (hierzulande auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel) gelagert sind, zum Einsatz zu bringen. Dieses nach Auffassung einschlägiger Experten mit dem Atomwaffensperrvertrag, dem auch Deutschland angehört, unvereinbare Konstrukt war schon wiederholt Gegenstand in diesem Magazin; siehe zum Beispiel Blättchen 10/2020 und 11/2020.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat während ihrer gesamten Amtszeit die nukleare Teilhabe befürwortet, sich allerdings öffentlich nur wenige Male dazu geäußert. In einer Regierungserklärung im Jahre 2009 hob sie auf folgendes ab: „Die Bundesregierung hat […] die nukleare Teilhabe […] im Weißbuch verankert, weil wir wissen, dass sie uns Einfluss im Bündnis, auch in diesem höchstsensiblen Bereich, sichert [Hervorhebung – S.].“
Das war im besten Falle willentlicher Selbstbetrug, denn wie es in der Bündnisrealität um diesen Einfluss bestellt war (und bis heute geblieben ist), hatte schon 30 Jahre zuvor Gerd Schmückle, damals Vier-Sterne-General der Bundeswehr, seit Ende 1977 Stellvertretender NATO-Oberbefehlshaber und als solcher kein Gegner der nuklearen Teilhabe, dem Magazin Spiegel (Ausgabe 49/1979) erläutert:
„SCHMÜCKLE: […] Die Nuklearwaffen sind bis jetzt in den Händen der Nuklearmächte geblieben. Man darf sich darüber keinen Illusionen hingeben.
SPIEGEL: Halten Sie eine deutsche Mitbestimmung für erreichbar?
SCHMÜCKLE: Anfang der sechziger Jahre haben wir in Athen durchgesetzt. daß die Nicht-Nuklearen von den Amerikanern konsultiert werden, falls überhaupt Zeit für eine Konsultation bleibt. […]
Allerdings ist es den Nicht-Nuklearen nicht gelungen, auf den Entscheidungsprozeß einen größeren Einfluß zu gewinnen. Das heißt: Der Nato-Rat wird konsultiert, aber die letzte Entscheidung bleibt beim amerikanischen Präsidenten […]. Es kann also eine Konsultation mit einem Ja enden und trotzdem der amerikanische Präsident nein sagen oder umgekehrt. Das ist wahrscheinlich das Optimale, was man in einer Allianz zwischen Atommächten und nuklearen Habenichtsen erreichen kann.
SPIEGEL: Der Bundeskanzler hat eine Zeitlang auf ein Veto-Recht gedrängt. Ohne Bonner Einwilligung sollten auf deutschem Territorium keine US-Kernwaffen eingesetzt werden. […]
SCHMÜCKLE: Wir sind da an die Grenzen dessen gestoßen, was Nuklearmächte bereit sind zu akzeptieren.“
Bleibt festzuhalten: Ein Mitentscheidungsrecht der Bundesregierung, ob und wann US-Atomwaffen von oder (während des ersten Kalten Krieges) auf deutschem Boden eingesetzt werden, hat es nie gegeben und gibt es auch heute nicht.
Zinnober
Es war einmal ein Kaiser, der zufällig auch Präsident der Vereinigten Staaten war. Sein Name? Donald, der Erste seines Namens, Herrscher über Fastfood, Truth und Twitter, Beschützer von Golfplätzen und selbsternannter Nobelpreisanwärter. Die Welt hatte ihm den Friedensnobelpreis verwehrt – eine bodenlose Frechheit! – und so beschloss der Imperator, die Interessen seines großen Reichs in den Vordergrund zu stellen. Schließlich war Frieden ja auch irgendwie überbewertet, besonders, wenn man ihn nicht mit einem Preis vergoldet bekam.
Donald schrieb also einen Brief an den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre. Darin erklärte er, dass er sich von nun an nicht länger mit Frieden belaste, sondern sich auf Wichtigeres konzentriere: die Rettung von Grönland – durch Annexion, selbstverständlich. Denn wer könnte schließlich besser über Grönland bestimmen als ein Mann, der Island und Grönland regelmäßig verwechselt und glaubt, Leif Erikson sei ein schwedischer Möbelverkäufer?
Die Dänen konterten mit historischer Logik: Wenn ihre Wikinger schon vor 500 Jahren Amerika besucht hatten, dann könne man doch jetzt einfach alles zurückfordern. Make Greenland green again!, riefen sie – vermutlich in der Hoffnung, dass Donald es nicht für ein umweltpolitisches Projekt hält.
Inzwischen fragten sich die Vereinten Nationen, ob Donald eher ein störrisches Kind oder ein seniler alter Mann sei. Die Experten entschieden sich für die diplomatische Lösung: beides. In Davos hielt Donald der Große Reden, die ein kollektives Fremdschämen ausgelöst haben.
Sein neuestes Lieblingsspiel: Strafzölle verhängen, um sie dann kleinlaut zurückzuziehen, sobald jemand den Taco-Man ärgert. Taco steht als Akronym für „Trump always chickens out“, was frei übersetzt bedeutet: Trump zieht immer den Schwanz ein. Ein Titel, der den Kindkaiser vermutlich genauso stolz macht wie der imaginäre Nobelpreis, den er schon in seiner Pokalvitrine sieht.
Und so wandert Donald weiter durch sein Märchenreich, verfolgt Kritiker, droht, beleidigt, und verwechselt Inseln. Vielleicht ist sein Traum von Grönland nur ein Vorwand, um endlich ein zweites Mar-a-Lago auf einem „unsinkbaren Flugzeugträger“ zu bauen. Denn in Donalds Welt gilt: Amerika, das bin ich – und Grönland bald auch. Der Besitz von Grönland und Island, das Trump immer wieder mit Grönland verwechselt (vielleicht auch, weil es sein nächstes Projekt ist), würde sein Reich um viel Land unter Eis erweitern.
Shakespeares Sonette
Die 154 Sonette von William Shakespeare gehören zu den größten Schätzen der Weltliteratur. Liebe und Schönheit, Mensch und Natur, Leben und Tod, Zeit und Vergänglichkeit gehören zu den zentralen und existenziellen Themen des Sonett-Zyklus. Die europäische Sonettdichtung nahm im 14. Jahrhundert mit Francesco Petrarca ihren Anfang. Im Unterschied zu Petrarca verwendete Shakespeare jedoch nicht nur ein anderes Reimschema, sondern auch eine andere Figurenkonstellation, indem er die idealisierte Liebesbeziehung mit realer Leidenschaft konfrontierte und variierte. Der Zyklus erschien 1609 im Verlag von Thomas Thorpe in London unter dem Titel „SHAKE-SPEARES Sonnets – Neuer before Imprinted“ – das „u“ in „Neuer“ ist als „v“ zu lesen, sodass der Untertitel „Nie zuvor gedruckt“ lautete.
Shakespeares Sonette sind (nach der Bibel) auch das am häufigsten übersetzte Werk der Weltliteratur. Sie wurden ungezählte Male ins Deutsche übersetzt; zu den Versionen gehören klassische von August Wilhelm Schlegel (gemeinsam mit Ludwig Tieck) und neuere von Frank Günter und Christa Schuenke, die eine zweisprachige Gesamtausgabe schufen. Literaten wie Stefan George, Karl Kraus oder Paul Celan haben sich ebenfalls an Nachdichtungen versucht, nachdem Dorothea Tieck 1826 die erste vollständige Übersetzung geliefert hatte. Daneben existieren bereits seit 1787 mehrfache Prosa-Übersetzungen.
Der Schriftsteller und Übersetzer Kurt Kreiler hatte 2009 die vieldiskutierte Biografie „Der Mann, der Shakespeare erfand“ vorgelegt, in der er sich mit dem Mythos um den Dichter aus Stratford-upon-Avon befasste und die Theorie vertrat, dass der elisabethanische Aristokrat Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, der wahre Verfasser der Werke Shakespeares war. Nun hat er eine erste umfangreich kommentierte, zweisprachige Ausgabe von Shakespeares Sonettsammlung herausgebracht. Bereits im Vorwort betont der Autor, dass der Sonettzyklus mehr Fragen aufwirft als jedes andere Shakespeare-Werk – und die bisherigen Antworten darauf waren äußerst widersprüchlich.
Der Zyklus, über den so viel geschrieben und gestritten wurde, besteht aus zwei Teilen: die Sonette 1 bis 126 wenden sich an einen jungen Mann, dem der Autor Bewunderung zollt. In der Literaturgeschichte wird schon lange darüber diskutiert, an wen sich diese homoerotischen Verse richten. Mit Sonett 127 erscheint eine „black beauty“, die als „Dark Lady“ bekannt ist. Der Autor ist ihr leidenschaftlich verfallen: Die Lady wird als rätselhafte Herrin dargestellt, während der Dichter ihr Diener ist.
Kreiler beschreibt das Übersetzen als einen „Ritt über den Bodensee“, was für ihn ein Über-setzen bedeutet. Jede poetische Übersetzung sollte Substanz und Struktur des Originals erhalten. Das Hauptproblem bestehe oft darin, dass die Übertragung auch gereimt sein sollte, um ähnliche Wirkung wie das Original zu erzielen. Allerdings müssen unter dem Diktat des Reims oft Kompromisse eingegangen werden, die zu Verfälschungen führen können. Deshalb sollte der reine Reim bei heutigen Übertragungen nicht mehr Priorität besitzen.
Trotz möglichst wortgenauer Übertragung versuchte Kreiler, „der Idee und dem Puls der Originale nachzuspüren“, Wortklang und sprachliche Besonderheiten weitgehend zu bewahren. Es ging ihm nicht um eine Interpretation des Gesagten, sondern darum, was der Dichter gesagt hat. Jedes Sonett wird auf einer Doppelseite präsentiert: rechts das Original und die Übersetzung links. Außerdem bietet Kreiler einen detaillierten Stellenkommentar mit Informationen über Inhalt, Komposition, thematische Hintergründe oder Äußerungen anderer Literaturwissenschaftler an.
Die Neuerscheinung wird durch das umfangreiche Nachwort „Das Lächeln der Dark Lady“ ergänzt, in dem Kreiler offene Fragen diskutiert und auch das Problem der Autorenschaft beleuchtet. In zwei Tabellen werden die zahlreichen Werke englischer Sonettisten im Zeitraum von 1590 bis 1599 festgehalten. Zum Schluss folgen prägnante inhaltliche Zusammenfassungen sämtlicher 154 Sonette, die – vor mehr als 400 Jahren verfasst – durch diese Übersetzung neuen interpretativen Reiz erhalten.
Kurt Kreiler: Shake-Speares Sonnets, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2025, 500 Seiten, 58,00 Euro.
Rösche* Grundrechenarten
Was heißt und zu welchem Ende studiert man das Dividieren?
Einige Bundesländer wollen das schriftliche Dividieren aus dem Lehrplan der vierten Klasse streichen.
Dagegen gibt es berechtigte Bedenken, kann man doch das Niveau der ohnehin kränkelnden Schulbildung nicht ungestraft immer tiefer senken.
Einwände kommen auch aus anderer Sicht. Der Verband „Alte Lateiner in Deutschland“ verweist auf eine Sentenz der Römer: „Divide et impera!“ („Dividiere und herrsche!“) Mit der Lehrplanänderung schließe man ganze Jahrgänge von künftiger Herrschaft aus.
Der heftigste Protest kommt aus dem Bundesministerium für Verteidigung. „Wer keine Division beherrscht, kann nicht kriegsfähiger General werden; an denen aber haben wir einen vielfach zu multiplizierenden Bedarf.“
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Die erhöhte Grunddiät – soooo nahrhaft!
Gesundheitsbewussten Menschen werden allerlei Diäten empfohlen; man denke an Mittelmeerdiät, Trennkost, Paleo-Diät und Intervallfasten.
Nun aber sollte aus Sachsen, dem Deutschland bereits das Leipziger Allerlei, das Meißner Porzellan und den Mundartsprecher Walter Ulbricht verdankt, etwas besonders Nahrhaftes kommen: die erhöhte Grunddiät.
Dabei handelte es sich nicht um einen Ernährungsvorschlag, sondern um die monatliche Zahlung für die Abgeordneten des Sächsischen Landtags. Sie beträgt bisher 7315 Euro plus Kostenpauschale von mindestens 4000 Euro. Weil man damit keine großen Sprünge machen kann, sollte sie ab 1. April 2026 erhöht werden.
Gewiss durch einen Volksentscheid, weil in der Demokratie die Macht, also auch die Finanzmacht, vom Volke ausgeht? Denkste! Das Draufgeld wollten sich die Landtagelöhner selbst bewilligen.
Doch im Sächsischen Landtag ist die entsprechende Initiative gescheitert. Weil die Abgeordneten von CDU und SPD ein soziales Gewissen haben? Schön wäre es! Aber abgelehnt haben die AfD, das BSW, die Linke und ein fraktionsloser Abgeordneter. Wer da noch an die „Parteien der Mitte“ glaubt, wird doppelt rot, aus Wut und Scham.
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Autorisierte Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Prof. Dr. phil. habil. Dr. jur. Johann Georg Faust alias Heinrich Faust, Träger des Mephistopheles-Blutordens am Tropf, und IHM
Professor Faust hatte in der ersten Folge der Talkshowserie Heavenly Sounds die einmalige Gelegenheit, IHN zu befragen.
Faust: Ach, du lieber Gott, niemals hätte ich das für möglich gehalten! Ich kann mich gar nicht genug für Ihre Gesprächsbereitschaft bedanken.
ER: Schon gut! Allerdings bitte ich vor aller Öffentlichkeit um eine weniger saloppe Anrede!
Faust: Gottchen, äh, ich meine, Eure Ewigkeit, herzlichen Dank, dass ich Ihnen heute einige Fragen stellen darf. Ich weile nun schon länger bei Ihnen, habe aber in letzter Zeit jemanden vermisst: Petrus.
ER: Petrus ist auf Dienstreise, weit, weit weg. Die Friedensengel sind derzeit nicht gut auf Leute zu sprechen, deren Name mit „P“ beginnt und mit „us“ endet.
Faust: Sie meinen damit alle Päpste, die Pius hießen?
ER: Die womöglich auch. Nächste Frage bitte.
Faust: Was treibt Mephistopheles derzeit als Geist, der stets verneint?
ER: Größenwahn einflößen. Ein russischer Geheimdienstler sieht sich als Zar aller Reußen. Und ein amerikanischer Grundstücksdealer will als Präsident die USA wieder groß machen.
Faust: Was ist mit den anderen Widersachern, zum Beispiel der Schlange?
ER: Die treibt sich als Parteichefin in Deutschland herum und gaukelt den Leuten vor, es gebe einfache Antworten auf komplizierte Fragen.
Faust: Wie geht es denn weiter mit Deutschland?
ER: Ach, ich muss mich um den Nahen Osten kümmern!
Faust: Verstehe, in Sachsen-Anhalt sind bald Landtagswahlen.
ER: Ich meine den Nahen Osten global. Weil mein erwähltes Volk anderen einiges von dem angetan hat, was ihm einst angetan wurde, muss ich es vor äußeren Feinden und inneren Verderbern schützen.
Faust: Möge Eure Allmacht sich da manifestieren!
* mittelhochdeutsch rösch = hitzig, schnell, verwandt mit rasch
Film ab
Über mehrere Jahre hat ein Filmteam um Regisseur Paul Smaczny den mittlerweile bekennend katholischen Maler Michael Triegel bei der Arbeit an jenen Teilen – konkret der Mitteltafel und der Predella – begleitet, mit denen der vor 500 Jahren von Anhängern der Reformation teilzerstörte Marienaltar Lucas Cranachs des Älteren im Westchor des Naumburger Doms wieder komplettiert wurde. Danach errichtete man das Retabel am ursprünglichen Standort neu. Geweiht wurde es im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes im Juni 2022.
Einer ziemlich provinziellen Posse der Icomos, einer internationalen Nichtregierungsorganisation, die als weltweiter Berater der UNESCO für den Schutz und die Erhaltung von Denkmälern, Ensembles und Kulturerbestätten fungiert, ist es zu danken, dass der Altar nach einigem Hin und Her aus dem Dom wieder verschwinden musste (siehe ausführlicher Blättchen 14/2024). Er befindet sich derzeit in der Diaspora, in einem katholischen Gotteshaus in Rom.
Triegel hatte sich in seinem Leipziger Atelier nie zuvor wirklich bei der Arbeit filmen lassen. In diesem Falle, so erläuterte der Künstler bei der Berliner Premiere des Streifens im Filmtheater am Friedrichshain am 31. Januar 2025, wurde es möglich, weil ihn mit Paul Smaczny ein aus langjähriger Bekanntschaft und Freundschaft resultierendes Vertrauensverhältnis verbinde.
So kann der Zuschauer nun Triegels Malweise sehr im Detail verfolgen und sich mit dessen Auffassungen zur Kunst und zum Malen wie in der Renaissance vertraut machen. Auch zum künstlerischen Werdegang Michael Triegels, über seinem Weg zum Katholizismus und zu manch anderem ist Interessantes zu erfahren. Nicht zuletzt darüber, warum Triegel auf der Vorderseite der Mitteltafel nicht nur seine Tochter als Maria, sondern auch seine Frau porträtiert hat. Letztere gleich zweimal: in ihrer heutigen Gestalt als Anna, Mutter Marias (rechts hinter Maria) und zum zweiten anhand einer 25 Jahre alten Porträt-Zeichnung aus jener Zeit, als er seine spätere Gattin Christine gerade kennengelernt hatte, als Heilige Elisabeth von Thüringen (links neben Dietrich Bonhoeffer). Wie Letzterer in das Bildensemble geriet, wird ebenfalls offenbart.
„Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“, Regie: Paul Smaczny; in 58 Kinos bundesweit.
Woke Volkserziehung
Der Journalist Kevin Gensheimer meinte kürzlich in der Berliner Zeitung den Film „Extrawurst“ mit Hape Kerkeling verreißen zu müssen. Die „Witze über Türken, Veganer und Gendertoiletten“ wären bereits vor zehn Jahren aus der Zeit gefallen, überhaupt „Witze über Veganismus, Hafermilch und spießige Prenzlauer-Berg-Eltern“.
Gensheimer hat Filmwissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert, arbeitete bei Film und Fernsehen und für die Nachrichtenagentur Reuters, seit 2024 schreibt in der Berliner Zeitung. Er hatte bereits frühzeitig öffentlich gegen die deutschen Wehrpflichtpläne geschrieben und begründet, dass er den Wehrdienst verweigert. Das macht ihn aber nicht zu einem lesenswerten Filmkunst-Betrachter. Vom hohen Ross einer in sich geschlossenen woken Weltsicht erklärt er die augenscheinliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung für zu blöd, ins Kino zu gehen.
Der „gemeine Mensch“ aber macht nach wie vor gern über Veganer, Hafermilch und Genderei seine Witze. In diesem Sinne monierte Gensheimer auch, dass „Das Kanu des Manitu“ 2025 mit über fünf Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film des Jahres war. Zu „Avatar 3“ schrieb er zum Jahresausklang: „Dieses Affentheater hält kein Mensch mehr aus.“ Den Film haben in den deutschen Kinos bis Ende Januar 4,8 Millionen Zuschauer angeschaut. Auch bei „Extrawurst“ meinte er Mängel ausmachen zu müssen, „die den Kinogang so unerträglich machen“. Dies haben die Zuschauer ebenfalls entgegen dem Eifer des woken Volkserziehers anders entschieden: am 31. Januar wurde der einmillionste Zuschauer gezählt. Im März 2026 startet Kerkelings neuer „Horst-Schlämmer“-Film.
Wettern der Woche: Eier in der Hose!
„Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoss ein Franzos“: Freudig und kopflos jubelnd zogen die Deutschen pflichtschuldigst in den WK I. Zieh’ schneller, Soldat. Im März 1916 begann das zehnmonatige Menschenschlachten in Verdun: 300.000 Soldaten, 400.000 Verwundete. Dennoch nichts gelernt.
Eier in der Hose – ein Satz wie ein Schulterklopfen mit Stahlkappe, wunderbar in der Debatte heute, die Zupacken in Vollzeit statt telefonische Krankmeldung fordert.
Eier in der Hose – das ist Kraft, Potenz, Mann, Entschlossenheit, Tat statt Rat. Es signalisiert Durchsetzungswillen und Kriegstüchtigkeit selbst nach verlorenen Kriegen, wo solche Kampfbegriffe entstehen: Dort, wo Sprache über Nacht verroht. Die Sprache ist das neue KI-gestützte Waffenarsenal, der eigene Körper der Beweis, der andere ein einziges Defizit. Sprache verrät Gesinnung. „Eier in der Hose“ sagt, was man selbst gern wäre – Sieger, Zupackender, Gewinner – und was den anderen abgeht: Standvermögen, Schläue, Stärke. Wer zweifelt, taugt nichts. Wer zögert, fällt zurück. Wer scheitert, ist selbst schuld. Damals wie heute: Deitsch woll’n mer sei! Das ganze ideologische Gepretze wird meistbietend als Mut verkauft: Selber schuld, wer keinen hat.
Wer Eier in der Hose hat, fährt auch mit Sommerreifen bei Blitzeis mit fünf Maß Bier im Ranzen.
Beim Blick von der grönländischen Front rüber zum Festland USA fallen dieser Tage die bewaffneten Einsatzkräfte von Donald Trump auf: Die ICE Agents und Officers, verantwortlich für Mord und Totschlag. Sie sind den Versagern der Gesellschaft hart auf den Fersen, allen, die zu laut sind, nichts leisten, die anders aussehen, riechen, krank sind, um Hilfe betteln, die keine wetterfeste Erwerbsbiografie herzeigen können: „Move your ass!“
Im deutschen Diskurs bleiben wir (noch) höflich: Das spricht man von Eigenverantwortung, Belastungsgrenzen, Ordnung, Leistung, Leitkultur. Und das wird man doch noch sagen dürfen. 2025 ist das Vermögen der etwas Reicheren Menschen um weitere 2,5 Billionen US-Dollar gewachsen. Der Anstieg entspricht dem gesamten Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung. Also?
Wir stehen früh auf. Wir reißen uns zusammen. Wir halten durch. Auch wenn’s schwerfällt, bei drei Jobs. Gerade dann. Wir sind vernünftig, belastbar, pflichtbewusst und bleiben mit wohlfeilen Sätzen im sprachlichen Schützengraben.
Reiseempfehlung von Frauen nicht nur für Frauen
Die Serie des Emons Verlags zu 111 Orten in verschiedenen Städten gibt Reisenden vielfältige Anregungen – nicht nur zu sehenswerten Gebäuden und Museen, sondern auch zu kleineren Cafés und Läden. Wie immer sind nicht nur die Adressen, Öffnungszeiten und Anfahrtsempfehlungen beigefügt, sondern auch Übersichtskarten, die es erlauben, einzelne ausgewählte Zielorte zeitsparend zu verbinden. Beide Autorinnen haben dem Band wunderschöne Fotos beigefügt, die Lust machen, sofort loszulaufen. Insbesondere die prächtigen Jugendstilbauten aus der Zeit der Jahrhundertwende haben es ihnen (und mir) angetan. Das mache Budapest „so anders“ und geheimnisvoll. Für Dorothee Fleischmann und Carolina Kalvelage gehört Budapest zu den schönsten Städten Europas – und für mich gehört dieses Buch unbedingt ins Gepäck bei einer Reise in diese Stadt.
Dorothee Fleischmann, Carolina Kalvelage: 111 Orte in Budapest, die man gesehen haben muss. Emons Verlag, Köln 2024, 234 Seiten, 18,00 Euro.
Aus anderen Quellen
„[…] ein Russland, das in der Ukraine seit vier Jahren gewissermaßen Schwierigkeiten hat, seine militärischen Ziele zu erreichen, gleichzeitig zu unterstellen, es würde morgen das Baltikum angreifen, dann nach Polen weiterziehen und übermorgen am Brandenburger Tor stehen, das passt ja überhaupt nicht zusammen“, argumentiert Johannes Varwick und fügt hinzu: „Und es passt überhaupt auch nicht zusammen, wenn man sich mal die militärischen Machtgleichgewichte anschaut. Russland, ich hatte Russland als militarisierten Staat bezeichnet, da stehe ich auch zu, das kann man, glaube ich, nicht anders sagen. Aber trotzdem ist dieses militarisierte Russland natürlich sehr viel schwächer als die NATO und auch sehr viel schwächer als die EU-Staaten.“
Johannes Varwick: Unsere Strategie setzt auf ein Verheizen der Ukraine (Interview), Overton Magazin. Zur Audio-Datei hier klicken.
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Aktive Bundeswehrgeneräle betreiben öffentliche Panikmache. Zum Beispiel Heeres-Inspekteur Christian Freuding, demzufolge der Russe quasi täglich angreifen könnte: „Wir nennen das ‚Fight Tonight‘ – sofort bereit zu sein, auch ohne Vorwarnzeit.“ Ein Rüffel vom Dienstherrn und Deutschlands beliebtestem Politiker, Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), ist nicht zu befürchten, rechnet der doch offenbar auch spätestens in drei Jahren mit dem Schlimmsten: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.“
Während Medien und Geheimdienste den eingeschlagenen Kurs forcierter Hyperrüstung und einer umfassenden Militarisierung der Gesellschaft mit befeuern, bleibt ein Sachverhalt allerdings befremdlich ausgeblendet: Dass das konventionell der NATO (auch ohne US-Beteiligung) deutlich unterlegene Russland im Falle eines Krieges mit dem Westen und einer drohenden Niederlage Gebrauch von seinem Kernwaffenarsenal machen könnte. Moskau sagt klipp und klar: würde.
Doch Informationen über die unmittelbaren und längerfristigen Auswirkungen eines möglichen Atomkrieges sind trotzdem kein Geheimnis, wenn man ein wenig danach sucht. Klaus-Dieter Kolenda hat einen Beitrag aus dem Bulletin of the Atomic Scietists in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht, in dem es vor der Darlegung der letalen Details heißt: „Wenn Sie das Glück haben, sich nicht im Explosionsradius einer dieser Bomben zu befinden, kann eine Atombombenexplosion zwar nicht an diesem Tag, aber bald danach Ihr ganzes vorheriges Leben zerstören.“
In einem weiteren Beitrag ging Kolenda folgenden Fragen nach: „Warum ist unsere Gesellschaft so kriegsbesoffen? Ist sie einfach nur ein Opfer der ausgefeilten herrschenden Propaganda und des seit vielen Jahren laufenden Informationskrieges gegen Russland? Warum wird das Thema eines möglichen Atomkriegs in den Hauptmedien wie die Pest gemieden, anders als in den 1980erJahren?“
Der US-Physiker Theodore Postol (siehe auch Blättchen 4/2019 und 5/2019), der in den 1980er Jahren für das Pentagon tätig war, erinnert an die nukleare Inkompetenz der nationalen Entscheidungsträger in den USA zu jenen Zeiten: „Die Leute, die routinemäßig mit der Planung von Atomwaffen zu tun hatten, hatten keine Vorstellung davon, was diese Waffen wirklich anrichten konnten. Sie waren nicht verrückt oder böse – sie waren unwissend.“ Und: „Auch Kommandeure, Drei- und Vier-Sterne-Admirale, wissen nichts. Wenn man also einen dieser Leute im Fernsehen sieht und er sagt, es sei alles in Ordnung, bluffen sie nur.“ Ob sich daran seither etwas geändert hat? Bekannt ist zumindest, dass seit Jahrzehnten kein US-Präsident mehr an einem Nuklearkriegsmanöver persönlich teilgenommen hat.
Zum Einsatz sogenannter taktischer Atomwaffen auf dem Gefechtsfeld gibt Postol zu bedenken: „Wenn eine Atomwaffe auf dem Gefechtsfeld gezündet wird, weiß zunächst niemand, was das bedeutet. War es eine einzelne Waffe? Werden ihr in wenigen Minuten oder Stunden weitere Atomexplosionen folgen? Wird der Gegner, den Sie gerade angegriffen haben, sofort oder erst in einigen Tagen mit einer oder mehreren Waffen nachziehen? Wird er versuchen, ihre Atomwaffenstandorte anzugreifen? Es herrscht ein totales Chaos, und ehe man es sich versieht, explodieren nicht nur ein paar Dutzend oder Hunderte, sondern Tausende von Atomwaffen. Das ist einfach unvermeidlich.“
Noam Chomsky resümiert: „Eine ausserirdische Spezies würde die Geschichte des Homo sapiens wahrscheinlich in zwei Epochen unterteilen: Die Zeit vor und die Zeit mit Atomwaffen. Die Ära mit Atomwaffen begann am 6. August 1945 mit dem ersten Tag des Countdowns bis zum möglicherweise unrühmlichen Ende dieser seltsamen Spezies Mensch. Diese erlangte zwar die Intelligenz, um Mittel zu ihrer Selbstzerstörung zu entdecken, aber nicht die moralische und intellektuelle Fähigkeit, ihre schlimmsten Instinkte zu zügeln.“
Klaus-Dieter Kolenda: Nukleares Armageddon – Die unmittelbaren und längerfristigen Auswirkungen eines möglichen Atomkriegs, nachdenkseiten.de, 14.12.2024. Zum Volltext hier klicken.
Klaus-Dieter Kolenda: „Die unmittelbaren und längerfristigen Folgen eines möglichen Atomkriegs“, nachdenkseiten.de, 30.10.2025. Zum Volltext hier klicken.
Éva Péli: Brisante Stationierungspläne – -Physiker Theodore Postol warnt vor Deutschlands Rolle als „Zündpunkt“ für den Atomkrieg, nachdenkseiten.de, 19.10.2025. Zum Volltext hier klicken.
Noam Chomsky: Ein Atomkrieg bleibt hypothetisch – bis er Realität wird, infosperber.ch, 04.01.2026. Zum Volltext hier klicken.
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Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises der Louis-Weiss-Stiftung an das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (SIPRI) hielt Earl Mountbatten – Admiral of the Fleet, letzter britischer Vizekönig von Indien, Ex-Generalstabschef des Vereinigten Königreichs sowie Onkel von Prinz Philip, dem Ehemann der Queen Elisabeth II. – am 11. Mai 1979 in Straßburg eine Rede, in der er unter anderem ausführte: „Ein neuer Krieg würde zwangsläufig den umfassenden Einsatz von Atomwaffen mit sich bringen. Ein solcher Krieg würde sich nicht über Jahre hinziehen, sondern könnte innerhalb weniger Tage vorbei sein. Und wie würde die Welt danach aussehen? Unsere schönen, großartigen Gebäude, unsere Häuser würden nicht mehr existieren. Die Jahrtausende, die es gedauert hat, unsere Zivilisation aufzubauen, wären umsonst gewesen. Unsere Kunstwerke wären verloren. Radio, Fernsehen und Zeitungen würden verschwinden. Es gäbe keine Transportmittel mehr. Es gäbe keine Krankenhäuser mehr. Die wenigen verstümmelten Überlebenden in einer Stadt könnten keine Hilfe von einer Nachbarstadt erwarten – es gäbe keine Nachbarstädte mehr, keine Nachbarn, keine Hilfe, keine Hoffnung. Wie können wir tatenlos zusehen und nichts unternehmen, um die Zerstörung unserer Welt zu verhindern?“
Mounbatten: Nuclear Warfare, studien-von-zeitfragen.de, o.D. Zum Volltext hier klicken. Zu einer Arbeitsübersetzung hier klicken.
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Künstliche Intelligenz und ihre zunehmende Verbreitung veranlassten Michael Andrick zu folgender Feststellung: „Wie jemand gehen können muss, wenn er tanzen will, so ist die stete Ausübung schon beherrschter Denkarbeiten die Grundlage dafür, selbstständig und kreativ zu denken. Wer sie an KI ‚auslagert‘, wird in diesem Maße denkunfähig (also dumm), was auf längere Sicht einen Verlust an Effizienz und Kreativität bedeuten muss.“
Michael Andrick: KI? Ich bleibe lieber intelligent, Berliner Zeitung, 17./18.01.2026. Zum Volltext hier klicken.
Letzte Meldung
Unter der Überschrift „Zahl der Arbeitslosen in Deutschland steigt auf höchsten Stand seit zwölf Jahren“ vermeldete die Welt am 30.01.2026: „Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist im Januar […] deutlich gestiegen und hat erneut die Marke von drei Millionen überschritten. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren 3,085 Millionen Menschen ohne Job gemeldet.“
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