16. Jahrgang | Nummer 13 | 24. Juni 2013

Bemerkungen

Naturkatastrophen?

Geht es nach den sich häufenden Überschwemmungen, werden die Jahrhunderte immer kürzer. Doch schnell kehrt die Normalität wieder. Wenn die Japaner sich von keinem Supergau schrecken lassen, warum wir hier von einem Hochwasser? Zum Schluss erschlägt die mediale Dramaturgie die reale Tragödie durch ihren Hype. Zuerst ist die Welt fast untergegangen, doch dann ist wieder fast nichts passiert. Betroffenheit, das sollten wir nicht vergessen, ist nicht schlicht eine menschliche Größe, sondern oft Folge der Inszenierung. Sie wird nicht selten exogen evoziert, nicht bloß unmittelbar gespürt.
Sie geschehen nicht nur. Zwar sind Umweltkatastrophen nicht frei von Natur (verstanden eben als Geschehen ohne menschliches Zutun), doch primär sind sie den sozialen und ökologischen Zusammenhängen geschuldet. Das Unglück, das da oft hereinbricht, ist ohne gesellschaftlichen Kontext in der sich ereignenden Form nicht denkbar. Ja, man muss heute schon so weit gehen, den Begriff „Naturkatastrophe“ überhaupt in Frage zu stellen. Der führt in die Irre, weil er uns „höheren Gewalten“ ausliefert, um unsere eigenen Taten besser verbergen zu können. Die Verwertung ist die trächtige Mutter aller modernen Katastrophen. Mögen die Kinder nun Wachstum, Konkurrenz, Einkommen, Kauf, Arbeit, Mobilität, Müll oder anders heißen.
Katastrophen sind gemacht, ohne dass sie gemacht werden. Diese Unterscheidung ist nur auf den ersten Blick haarspalterisch, denn tatsächlich ist es so, dass es nicht in unserer Absicht liegt, darauf hinzuarbeiten, dass wir es aber doch mit aller Konsequenz tun. Und auch nicht einfach lassen können in einem System, wo nicht die Folgen interessieren, sondern alles auf Kosten und Lohn, Preis und Profit konzentriert ist. Die Ergebnisse, so sehr sie uns auch schädigen und ärgern, passieren aufgrund unserer Aktivitäten, aber nicht aufgrund unseren Wollens. Sie sind Folge unserer Entschlossenheit, die wiederum arm ist an Erkenntnis und Bewusstsein. Wille und Resultat wären also zu synchronisieren. Annähernd. Das sollte nicht nur möglich sein, das ist auch notwendig.

Franz Schandl

Big Brother global

Erst berichteten The Washington Post und The Guardian, dann bestätigte das Weiße Haus: Die Superabhörbehörde der USA, die NSA (40.000 Mitarbeiter, Jahresbudget: acht bis zehn Milliarden Dollar), zeichnet im großen Stil den weltweiten Internetverkehr auf. Das betrifft mindestens neun amerikanische Provider – Microsoft, Apple, Yahoo, Google, Skype, Facebook, Youtube, AOL und PalTalk, und der Zugriff erfasst komplett alle Formen der Internetnutzung (Telefonie, E-Mail-Verkehr, Videos, Fotos, Suchanfragen). Die NSA hat „alles über dich“, so ein Ex- Mitarbeiter der Behörde.
Die Abhöraktivitäten laufen unter dem Codenamen PRISM, wurden bereits 2007 gestartet und seither systematisch ausgeweitet. Das Weiße Haus hat zugleich beschwichtigt: PRISM richte sich nicht gegen US-Bürger in den USA selbst.
Dagegen werden Millionen Deutsche permanent erfasst – und zwar nicht nur, soweit sie direkt die Dienste der genannten Provider nutzen; es genügt bereits, mit Partnern, die über Mail-Adressen etwa bei Google (wie Das Blättchen) oder Yahoo verfügen, zu kommunizieren, um selbst mit erfasst zu werden. The Guardian hat überdies eine Karte veröffentlicht, aus der hervorgeht, wie stark die NSA im März 2013 den globalen Internetverkehr aus einzelnen Ländern aufgezeichnet hat. In Europa wurden demzufolge aus keinem Land mehr Daten abgesaugt als aus Deutschland, das damit im NSA-Abhörranking mit China und Saudi-Arabien auf einer Stufe stand. Der Geschäftsführer der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Bundestag, Volker Beck, sprach von einer „Totalüberwachung aller Bundesbürger durch NSA“, und der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) legte laut Handelsblatt Nutzern den Abschied von den genannten US-Providern nahe: „Wer das nicht mehr zu lassen will, sollte den Anbieter wechseln.“
Die NSA wird übrigens in Kürze ein zusätzliches und zugleich das weltweit größte Datenspeicherzentrum nahe Salt Lake City, Bundesstaat Utah, in Betrieb nehmen – Investitionsvolumen: zwei Milliarden Dollar; Kapazität: fünf Zettabyte. Zum Vergleich: 2012 betrug das global insgesamt erzeugte Datenvolumen 2,8 Zettabyte.

P.S.: „Und auch beim Neubau der Zentrale des BND in Berlin gibt es strengste Sicherheitsvorkehrungen. Nicht wegen der Russen, sondern […] wegen der NSA. Die US-Späher haben noch nie vor Verbündeten haltgemacht. Eigentlich machen sie vor nichts halt“ so Hans Leyendecker dieser Tage in der Süddeutschen Zeitung.

Alfons Markuske

WeltTrends aktuell

Die Türkei ist in der Offensive, wirtschaftlich, aber auch politisch. Mit wachsendem Selbstbewusstsein wird sie mit ihrer islamisch orientierten Elite sogar als Modell für andere Staaten der Region gehandelt. Steht uns eine Phase des Neo-Osmanismus bevor? Staatspräsident Gül und Ministerpräsident Erdogan sorgen seit der Gründung der AKP dafür, dass sich der vormals „kranke Mann am Bosporus“ zum politisch aktiven Spieler im Nahen Osten entwickelt hat. Wie sieht die neue Außenpolitik der Türkei aus, welche Reaktionen gibt es darauf? Mit diesen Fragen befasst sich die aktuelle Ausgabe von WeltTrends – besonders interessant vor dem Hintergrund der jüngsten innenpolitischen Zusammenstöße am Bosporus.
„Somos Papa!“ – „Wir sind Papst!“, so der argentinische Ruf. Dazu ein Kommentar von Hans Küng. Außerdem unter anderem: Frankreichs Mali-Politik, die deutsch-chilenische Rohstoffpartnerschaft sowie die Beziehungen zwischen Japan und China aus chinesischer Perspektive. Und in der Analyse: Wie real ist Schwedens Neutralitätspolitik?

WeltTrends. Zeitschrift für internationale Politik, Nr. 90 – Mai/Juni 2013 (Schwerpunktthema: Türkei offensiv), Potsdam/Poznan, 9,50 Euro (für Bezieher des Newsletters: 6,- Euro) plus Porto. Weitere Informationen im Internet: www.welttrends.de.

Berliner Unwille

Nun liegt er also, der Grundstein für das künftige „neue“ Stadtschloss in Berlins Mitte. 1443 – 2013 ist in ihn eingraviert, auf dass Archäologen nach der nächsten Eiszeit etwas mit den überwachsenen Überresten anfangen können, auf die sie auf der Spreeinsel dann möglicherweise stoßen. Nun ist auf einem Grundstein nicht genug Platz, um historische Hintergründe zu beschreiben. Das ist in diesem Falle sehr schade, denn dann hätte dort festgehalten werden können, dass der Bau der ersten hochherrschaftlichen Residenz in Berlin ein Gewaltakt des Adels gegen die Bürgerschaft der damaligen Doppelstadt Berlin-Cölln war. 1440 hatte Kurfürst Friedrich II. den autonomen Zusammenschluss beider Kommunen aufgehoben und sie gezwungen, ihm Land zur Errichtung eines Schlosses zu überlassen. Das wiederum hatte eine Protestbewegung der Bürger ausgelöst: 1448 nahmen Sie Hofrichter fest und verweigerten ihm das Recht, Berlin-Cölln zu betreten. Sie belagerten das Rathaus und vernichteten einen Teil der dort befindlichen Urkunden. Das für den Bau des Schlosses benötigte Stauwehrwurde wurde zerstört und der Bauplatz geflutet.
Die Bürgerschaft wurde – natürlich auf streng rechtlicher Basis – von der Aristokratie seinerzeit in die Knie gezwungen, der bereits damals kursierende Begriff vom „Berliner Unwillen“ ist aber geschichtsnotorisch geworden.
Nun regiert uns heute in Gestalt zeitgenössischer Landesherrlichkeiten bestenfalls noch ein „Adel des Herzens“, und ein sehr wohl vorhandener „Berliner Unwille“ gegenüber der teuren Nostalgie an der Spree sowie diverse andere, milliardenschwere Fehlinvestitionen wird zudem kommoder Weise kompensiert – von jenen Volksvertretern, die sich in Disneylands offenbar besonders wohl fühlen.

Gerd Rech

Kurze Notiz zu Bernburg

Bernburg ist schon zu bedauern. Als Kreisstadt des Salzlandkreises liegt es recht verloren in dieser herzlosen Mitte Sachsen-Anhalts, irgendwo zwischen Halle und Magdeburg. Im Kreis selbst konkurriert Schönebeck gleichauf mit Bernburg, Aschersleben und Staßfurt liegen nicht weit hinter der Kreisstadt. Und regional dominiert Dessau das alte Anhalt, das im vergangenen Jahr sein 800-jähriges Bestehen feierte. In diesem Jahr begeht Dessau den 800. Jahrestag seiner Gründung, während an der Saale das umfangreiche Schloss der in geistiger Umnachtung untergegangenen Anhalt-Bernburger noch immer in Bauplanen gehüllt ist.
Zu allem Überfluss wurde vor drei Jahren durch die Eingemeindung von sieben Dörfern aus dem Umland der Stadtcharakter und die Identität Bernburgs verwaschen – aber immerhin firmiert die neunt-größte Stadt im Land weiterhin unter ihrem Namen, was schon einiges bedeutet angesichts solcher skurrilen Gebilde wie Wettin-Löbejün, Oranienbaum-Wörlitz oder Dessau-Roßlau. Ein kleiner Triumph.
In Bernburgs Innenstadt selbst darf der Besucher nur eine Stunde parken, was einer ebenso klaren wie falschen Selbstbescheidung gleichkommt. Als ob diese kurze Zeit ausreichen würde, um all die aufgerissenen Straßen, das halbsanierte oder halbverfallene Schloss und die traurigen Blicke des kleinen Bären am Burggraben zu bestaunen!
Und nebenbei hat Bernburg noch wesentlich mehr zu bieten. Natürlich muss der Besucher nicht wie die Einheimischen zwischen Berg- und Talstadt, zwischen Alt- und Neustadt unterscheiden lernen, um sich heimisch zu fühlen: Er kann gelassen durch die von außen betrachtet gleich schön verträumten Viertel schlendern, auch wenn es in der „SonderBar“ am Markt keinen Kuchen gibt. Der Naturfreund kommt im Tierpark, dem äußersten Zipfel des Naturparks Unteres Saaletal, und natürlich überall an der Saale auf seine Kosten, der Geschichtsfreund in allen Gassen der Stadt – und im Schloss: Prinzen-Aura in allen drei Innenhöfen. Till Eulenspiegel sitzt noch heute im höchsten Turm des Schlosses, der mühselig über unterschiedlich steile Stufen erklommen werden muss. Die verehrte letzte Herzogin Friederike lässt sich wesentlich tiefer und daher einfacher in Öl bestaunen.
Wer es über Museumsbesuch und impressionistische Schlenderei hinaus etwas heftiger mag, ist in Bernburg falsch, denn hier gibt es nichts weiter. Die Stadt liegt eben im Niemandsland zwischen Halle und Magdeburg, in der Provinz der Provinz. Aber wenigstens liegt sie schön dort.

Thomas Zimmermann 

Die öffentlich-rechtlichen Fliegen

„Prinzessin Madeleine und  Chris O´Neill sagen ja“ – drei Stunden lang hat das ZDF am 8. Juni unter diesem Programmtitel die schwedische Adelshochzeit übertragen; live, versteht sich. Die Hochzeit meiner Tochter hat seinerzeit merkwürdiger Weise eine medial deutlich geringere Beachtung gefunden. Gar keine nämlich, obwohl doch sowohl laut Bibel als auch der Allgemeinen Menschenrechtskonvention alle Menschen gleich sind. Oder besser: sein sollen. Noch korrekter: sein sollten.
Dass die Unzahl süßlich-bunter Illustrierten einschlägigen Inhalts und der boulevardesken Tageszeitungen seit je mit jedem lauen Wind, der einem Aristokraten entfährt, ihr Geschäft machen, ist ebenso geläufig wie eklig. Aber wie auch bei Sex und Crime oder Pilcherkitsch berufen sich die Ingenieure solcherart Verblödungsmaschinerie stets auf das nachweislich vorhandene Interesse im Volk, das zu bedienen ja immerhin mediale Pflicht sei.
Das ist nun nicht von der Hand zu weisen, nur dass die Frage bleibt, ob man dieses Niveau zu heben versucht oder es nach dem Motto „Fresst Fäkalien, Myriaden Fliegen können sich nicht irren“ weiter und weiter zementiert. Einfacher ist es auf alle Fälle, denn es kostet die Macher ebenso wenig intellektuelle Mühe wie die Konsumenten, womit man sich aufs schönste vereint weiß.
Seit Jahr und Tag, genauer, seit Existenz des Privatfernsehens, unterhöhlen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ihren Programmauftrag zuungunsten von Information und Bildung hin zur Unterhaltung: Klatsch und Tratsch inklusive, Adelshochzeiten zu übertragen, ist nichts anderes als das. Und auch, wenn diesmal die ARD den Schwachsinn solcher Livesendungen nicht auch noch parallel betreibt, so bleibt dennoch festzustellen, dass der üppigen Systematik der 158.000 bekannten Zweiflügler längst auch die öffentlich-rechtlichen Fliegen hinzugerechnet werden müssen.
Auch wenn´s eigentlich keiner Autoritäten bedarf, soll Heine hier zum Thema angeführt werden: „Der Teufel, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, als man an sie glaubt“. Und: „ Auch in betreff des Adels werden wir im Laufe einiger Zeit die Erfahrung machen, dass die „bonne société“ aufhören wird, die „bonne société“zu sein, sobald der gute Bürgersmann nicht mehr die Güte hat, sie für die „bonne société“ zu halten.“
Nur – Heine hat keine Ahnung haben können, dass heutige Medien kräftig für das Gegenteil arbeiten. In einem Fernsehen, das wir alles in allem wohl verdienen.

Hella Jülich

Thälmann und Jungdumme Liberale

Ich kann mich gut an mein Grinsen erinnern, als ich – lange vor der Einweihung des Berliner Thälmann-Denkmals – eine Meldung las, die darüber Auskunft gab, dass der beauftragte sowjetische Bildhauer Lew Kerbel zu einem längeren Aufenthalt in der DDR weilt, um Studien zu seinem Thema zu betreiben. Als Gelächter wiederholte sich diese Heiterkeit  in mehrfacher Stärke, als dann das Ergebnis zu sehen war: Ein Kopf mit einer Faust vor einer Fahne– das Üblichste vom Üblichen …
Womit ich  sagen will, dass ich das Denkmal im Prenzlauer Berg unangenehm finde, seit es dort steht. Und klar ist längst auch, dass Thälmann nicht nur Verdienste um die kommunistische Bewegung in Deutschland hatte, was heute aber nur noch den überrascht, der sich sein schlichtes Weltbild von einst bruchlos erhalten möchte; nebbich.
Etwas anderes ist aber nun der Vorschlag der Jungen Liberalen, das Denkmal zu schleifen, werde damit doch kommunistische Menschenverachtung geehrt. Das raubt jungen Liberalen derart den Schlaf, dass sie unplanmäßig rasch altern und vorzeitig in der Hierarchie der Erwachsenen Liberalen unterzubringen sind, was bei der übersichtlichen  Größe der Partei nicht eben einfach ist.
Man kann darauf verweisen, welche Denkmäler allein in Berlin einzuschmelzen wären, würde man der lupenreinen Demokratenmoral der Julis folgen. Und man könnte darauf verweisen, dass Thälmann – anders als nicht nur die Liberalen der Weimarer Zeit – der einzige hellsichtige Politiker in Deutschland war, als er voraussah: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler; wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ Aber nebbich – das alles berührt ja bereits Fragen der Bildung, und woher soll die bei den ausgewiesen j u n g e n Liberalen auch kommen. Oder aber umgekehrt: Was hinter derartigen Vorschlägen von jungen Leuten des Jahrgangs 2013 steht, ist das Ergebnis von „Bildung“; jener Publizität zum Beispiel, wie diese in Sachen DDR jahraus, jahrein zu besichtigen ist. Wie gerade dieser Tage wieder, als es um den 17. Juni ging.

Helge Jürgs

Ein kreativer Kauz und seine musikalischen Grenzüberschreitungen

Es spricht erst mal nicht für eine überbordende künstlerische Produktion, wenn die „Ralfe Band“ nach ihrem Debütalbum „Swords“ (2005) und dem zweiten Werk „Attic Thieves“ (2008) mit „Son Be Wise“ im Frühjahr 2013 erst ihr drittes Werk veröffentlicht haben.
Doch der Kopf der Band, Oly Ralfe, ist eben nicht nur als Musiker aktiv, sondern auch als Filmemacher (so drehte er eine Dokumentation über einen notorisch besessenen Bob Dylan-Fan) und Illustrator. Selbstredend zeigt er sich auch für die künstlerische Gestaltung der CD-Hüllen verantwortlich.
Die Ralfe Band bringt eine typisch englische Melange aus Folk und Pop zum Erklingen. Gleich ob Gitarre oder Piano als zentraler Melodieträger fungieren – es ist eine verspielte, immer leicht schräge Musik, die eine optimistisch durchtränkte Melancholie zum Besten gibt. Dabei haben manche der ein Dutzend Songperlen durchaus das Format für einen Radiohit. Für den balladesken Touch einiger Songs sorgen die Hinzunahme von Streichern und Altsaxophon. Ein besonderer Farbtupfer ist das Gesangsduett mit Alessi Laurent-Mark im Lied „Barricades“.
Oly Ralfe ist ein kreativer Kauz, der musikalische Grenzüberschreitungen nicht scheut – auch osteuropäische oder südamerikanische Rhythmen fließen in seine Lieder ein. Von seinen Reisen nach Berlin und New York, Island oder Mexiko hat er sich sichtlich und hörbar inspirieren lassen.

Thomas Rüger

CD Ralfe Band: Son Be Wise (2013), circa 16 Euro

Aus anderen Quellen

Istanbul, Taksim-Platz: „Ist das ein linker Aufstand, der von der ;Bild‘-Zeitung bis zur ,taz‘ so einhellig gefeiert wird?“, fragt Tobias Riegel und fährt fort: Erdogan sei ein zwiespältiger Politiker, dessen konservative Rhetorik für Linke schwer zu ertragen sei. Die Pressefreiheit habe seit seinem Amtsantritt stark gelitten. Andererseits habe er die Gesellschaft entmilitarisiert wie kein türkischer Staatsmann vor ihm, den Kurdenkrieg beendet und die Offiziere entmachtet. Für seine soziale Gesundheitsreform habe er internationalen Respekt erhalten, und die Lockerung des Kopftuchverbots könne man in ihrer Wirkung sogar als fortschrittlich bezeichnen. „Doch praktisch über Nacht wurde […] in unseren Medien aus dem […] mehrfach bei einwandfreien Wahlen bestätigten Politiker ein sein Volk unterdrückender ,Sultan‘. Das macht stutzig.“
Tobias Riegel: Einen Schritt zurück. Türkei-Protest: Medien ohne Distanz, neues deutschland, 17.06.2013. Zum Volltext hier klicken.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel wird allenthalben vorgeworfen, sie regiere ohne politische Vision und sei so konturenlos wie pragmatisch. Für Harald Jähner ist das eine entscheidende Voraussetzung ihres Erfolges: „Unbestrittener Champion des Durchwurstelns ist Angela Merkel, die es mit dieser verachteten Strategie geschafft hat, zum dritten Mal in Folge vom Wirtschaftsmagazin Forbes zur mächtigsten Frau der Welt ausgerufen zu werden.“ Mehr noch: Jähner hält Kritikern, die Deutschland auf dem Rückweg ins Biedermeier sehen, entgegen: „Auch Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit landet am Ende seines Essays wider Angela Merkels Biedermeier beim Design. ,Es wäre fürchterlich‘, lautet der letzte Satz, ,würden spätere Generationen auch unsere Zeit vor allem mit Möbeln verbinden.‘ Warum bloß wäre das fürchterlich? Nach dem weltumspannenden Gestaltungsehrgeiz unserer Eltern und Ureltern wäre das Hinterlassen eines noch 200 Jahre später salonfähigen Stils mal endlich wieder eine wirklich große Leistung.“
Harald Jähner: Lob des Durchwurstelns, Berliner Zeitung, 07.06.2013. Zum Volltext hier klicken.

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Gernot Erler, Vizefraktionschef der SPD im Bundestag, plädiert für „Schluss mit dem Russland-Bashing“ und für „eine umfassende europäische Politik für Russland“. Er will dabei an das bekannte Konzept der „Modernisierungspartnerschaft“ anknüpfen: „Modernisierungspartnerschaft meinte nie allein technologische Kooperation, sondern zielte auf einen gesamtgesellschaftlichen Reformprozess, von einer effizienten Administration über funktionierende soziale Sicherungssysteme bis hin zu einer starken Zivilgesellschaft als kritischem Partner der Politik.“
Dass es dafür trotz der zunehmenden Abkühlung im Verhältnis Russlands zum Westen nach wie vor Ansprechpartner in Moskau gibt, zeigt zum Beispiel ein Beitrag von Wladislaw Inosemzew, der gegen eine Abschottung seines Landes nach Westen und gegen eine zu einseitige Orientierung auf China argumentiert und die Vision formuliert, dass eine „Wende der russischen Außenpolitik […] in ferner Zukunft auch in die Gründung einer, wie man sie vielleicht nennen könnte, ,Nördlichen Allianz‘ münden [könnte]. Diese würde die Europäische Union, die Russische Föderation, die Vereinigten Staaten und Japan vereinen […].“
Gernot Erler: Schluss mit dem Russland-Bashing, Die Zeit, 09.06.2013. Zum Volltext hier klicken.
Wladislaw Inosemzew: Der Fernere Osten. Ein russischer Blick auf China – und darüber hinaus,
Le Monde diplomatique, Nr. 5/2013. Zum Volltext hier klicken.

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Im aktuellen Skandal um das weltweite Abhören des Internetverkehrs durch die US-Behörde NSA verlautbarte seitens des Weißen Hauses, dass sich diese Aktivitäten unter dem Code-Namen PRISM nicht gegen US-Bürger innerhalb der Vereinigten Staaten richteten. Auch diese werden allerdings durch die NSA bereits seit Jahren flächendeckend bespitzelt, wie Jonathan Stock in seinem Beitrag über den NSA-Aussteiger Thomas Drake beschreibt. Der Autor gibt dabei zugleich Einblicke in die Art und Weise, wie die NSA die aufgezeichneten Datenmengen analytisch aufbereitet.
Jonathan Drake: Einer gegen Amerika, Der Spiegel Nr. 20/2013. Zum Volltext hier klicken.

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Die USA operieren bei ihren ungesetzlichen Hinrichtungen mittels Kampfdrohnen in verschiedenen Regionen der Welt auch von deutschem Boden aus. Das Fazit von Christian Bommarius: Das ist völkerrechtswidrig.
Christian Bommarius: US-Drohnen: Verstoß gegen Völkerrecht, Berliner Zeitung, 04.06.2013. Zum Volltext hier klicken.

Medien-Mosaik

Die beiden Herberts aus dem Hallenser „Polizeiruf 110“, Schmücke und Schneider, sind nun seit drei Monaten Legende. Der 50. Film war ihr letzter. Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler, die sich jahrzehntelang kannten und bei der gemeinsamen Krimi-Arbeit anfreundeten, haben gemeinsam mit Klatschkolumnist Andreas Kurtz zum Abschied ein amüsantes Buch verfasst, in dem sie Laufbahn und Kollegen noch mal Revue passieren lassen. Da gibt es viele Schnurren, etwa, wie Wolfgang Winkler seiner Oma vorspielte, er würde Ingenieur werden. Oder wie er zweimal seine Beine brach. Oder was er mit der Brust von Kollegin Ute Boeden machte. Von Jaecki Schwarz erfährt man das Geheimnis seines seltsamen Vornamens, oder wie er Winkler manche Rolle wegschnappte. Oder wer besser küsst: Uta Schorn oder Michael Gerber. Die gemeinsamen Filme werden in gewitzten Dialogen kommentiert, beispielsweise Kollegen in Film Nr. 20. „Jaecki: Mit Florian David Fitz. Schön wie der junge Morgen. – Wolfgang: Und mit Gudrun Okras. Schön wie der späte Abend.“ Beides stimmte.
(Andreas Kurtz: Herbert & Herbert, Eulenspiegel Verlag, 160 Seiten, 16,95 Euro.)

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Der Lieblingsfilm der dänischen Olsenbanden-Macher war immer die Nummer acht „Die Olsenbande sieht rot“. In diesem 1976 erschienenen Film brechen die drei Ganoven während einer Aufführung ins Königliche Theater ein, und ihre Arbeitsgeräusche sind genau auf eine Ouvertüre von Friedrich Kuhlau abgestimmt. Es war eine Reverenz an Alfred Hitchcock, der in „Der Mann, der zuviel wußte“ 20 Jahre zuvor eine ähnliche, kurze Szene zeigte. Die Autoren Erik Balling und Henning Bahs trieben es hier auf die Spitze. Diese Szene ist auch Kernstück einer Dramatisierung, die an mehreren (ost-)deutschen Bühnen gezeigt wurde. Deren Schauspieler erzählen davon im Bonusmaterial der neuen remasterten Olsenbanden-DVD-Edition, die bei Icestorm jetzt in HD entstand und ganz frisch in die Läden kam.
Der Erfolg der Olsenbande liegt neben vielen anderen Gründen darin, dass sie Stereotype internationaler Groteskfilm-Legenden verwendeten. Egon Olsen (Ove Sprogøe) hat fast nie gelacht, sondern blieb stoisch wie Buster Keaton, allerdings nicht so stumm. Synchronautor Wolfgang Woizick und Olsen-Sprecher Karl Heinz Oppel geben dazu im Bonus-Material Auskunft. Benny und Kjeld (Morten Grunwald und Poul Bundgard) erinnerten immer ein bisschen an Stan & Ollie, deren keifende Frauen (beispielsweise in „Die Wüstensöhne“) ihr Pendant in Yvonne (Kirsten Walther) fanden. In „Die Olsenbande steigt aufs Dach“ hängt Egon an den Zeigern einer Uhr wie einst Harold Lloyd, und in „Die Olsenbande schlägt wieder zu“ gerät er in ein Zahnradgetriebe wie seinerzeit Charlie Chaplin. Über diese und andere Hintergründe erzählen die Autoren des legendären Olsenbande-Fan-Buches Frank Eberlein und F.-B. Habel im Bonusmaterial, das auch sonst reich an Überraschungen ist und beispielsweise Ove Sprogøes Auftritte im DDR-TV enthält. Und man kann die Originaldrehorte mit ihrem heutigen Zustand vergleichen. Neben der DEFA-Synchronisation gibt es auch die Originalfassungen, bei denen man entdeckt, was DDR-Zuschauer nicht sehen sollten.
(Die Olsenbanden-Edition, Icestorm, einzelne Filme 9,99 Euro, alle 14 Filme zusammen 99,99 Euro)

bebe

Zack und weg

Doch, ich kann schon ziemlich viele Sätze auswendig. Ich meine, so auswendig, dass ich sie früh um vier ohne nachzudenken kann. Zum Beispiel „Der ph-Wert ist der…“ oder „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ oder „Menja Sawut …“ , oder „Nun ward der Winter unsres Missvergnügens…“. Alles so was. Und dann den noch: „Was immer Sie mir verkaufen wollen, ich will es nicht. Ich bitte um Verständnis. Guten Tag“. Den habe ich noch nie früh um vier gesagt. Aber sonst zu allen möglichen Tageszeiten. Es ist dann so, dass das Handy klingelt und die Nummer auf dem Display beginnt mit 0800. Erst einmal gehe ich nicht ran. Dann gehe ich noch mal nicht dran. Manche von diesen Menschen, die ihr Geld im Call Center verdienen müssen, sind gebildet oder ihr Instrukteur ist es: „Du musst es dreimal sagen“ ist ein teuflischer Satz von Goethe und es ist wohl das teuflische Motto dieser Anrufer. Sie können nichts dazu, es wird von ihnen erwartet. Also versuchen sie es dreimal, manchmal noch öfter. Sie sollen irgendetwas verkaufen, mir. Und wenn sie da kein Häkchen hinter meinen Namen in ihrem Computer machen, dann versuchen sie es immer wieder.
Das nervt, sie und mich. Also gehe ich irgendwann ran und sage diesen Satz. Nicht meinen Namen, nicht „Guten Tag“, nichts, was ihnen eine Chance gäbe, mit mir zu reden. Ich ballere los ohne Punkt und Komma. Und dann auflegen. Zack und weg. Dieser Tage auch wieder. Und in der Sekunde zwischen dem „Guten Tag“ und dem Wegdrücken ein helles Frauenlachen und ein „alles klar“. Ich wollte noch etwas sagen, eine Frau, die nach diesem Text lacht, kann weder unsympathisch noch dumm sein, aber es war zu spät, ich konnte den trainierten Ablauf nicht mehr unterbrechen. Falls dieses Call Center in Thüringen stand: Sie waren sehr gut.
Aber ich brauche trotzdem nichts.

Henryk Goldberg