Bemerkungen

Immer noch gesucht: Mitstreiter

Das Blättchen-Team wirbt um weitere Mitstreiter in der Redaktion.

Nach wie vor gilt, dass Erfahrungen im Journalismus, in der Germanistik oder einer vergleichbaren Sphäre keine Voraussetzung für eine Mitarbeit wären, wohl aber die Beherrschung der deutschen Sprache sowie praktische Fertigkeiten in digitaler Textverarbeitung.

Die Arbeitsweise der Redaktion erläutern wir gern im persönlichen Gespräch.

Angemessene Einarbeitung ist garantiert.

Weil für Letzteres sowie generell für die Zusammenarbeit räumliche Nähe hilfreich wäre, bevorzugen wir Bewerbungen aus Berlin und dem nahen Brandenburger Umland.

Trauen Sie sich und melden sich bei Interesse per E-Mail an: redaktion@das-blaettchen.de.

 

 

Quizfragen

Von wem stammen folgende Worte über „das verflossene Jahr“?: „Was in aller Welt unter dem Namen Politik vor sich ging, war der Niederschlag von Knechtsinn, Brutalität und Dummheit. Für Europa bedeutet das […] Bankrott aller Staatskunst. Sie haben erreicht, dass die Kriegsangst in allen Ländern wirtschaftliche Verheerungen anrichtete, die schon nach dem Kriege selber schmeckten. Die ständig zunehmende Truppenpräsenz in allen Staaten muss ja einmal die Katastrophe des Weltkrieges herbeiführen.“

Und von welchem Jahr war dabei die Rede?

Auflösung am Ende dieser Bemerkungen.

 

 

Nestor kritischer Militärgeschichte

Anfeindungen haben Manfred Messerschmidt stets begleitet, doch seinem Weg ist er allzeit treu geblieben. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 1. Oktober 2026 erinnert ein Buch des Bremer Donat Verlages an das Lebenswerk des Historikers und Juristen. Es enthält wichtige Arbeiten von ihm, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben und ihn als klaren Denker charakterisieren. Darunter befindet sich auch ein Beitrag zur Militärkritik in der Weltbühne bis 1933.

Noch Ende der 1960er Jahre war die Legende von der „sauberen Wehrmacht“, die während des Zweiten Weltkriegs unbefleckt durch die Zeiten marschiert sein sollte, in der alten Bundesrepublik Deutschland weit verbreitet. Das änderte sich im Gefolge der Ernennung Messerschmidts durch Verteidigungsminister Helmut Schmidt 1970 zum „Leitenden Direktor“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) in Freiburg im Breisgau.

Allgemeingut geworden sind seine Erkenntnisse: Die Wehrmacht war der „stählerne Garant des NS-Systems“, und der von ihr geführte verbrecherische Krieg, der den Holocaust erst ermöglichte, muss als „kriminelles Ereignis“ bewertet werden. Gleiches gilt für sein vernichtendes Urteil über die mörderische Militärjustiz der NS-Zeit mit ihrer überbordenden Todesstrafenpraxis.

Im zweiten Teil des Buches veröffentlicht Wolfram Wette eine mehr als hundertseitige Biographie des Nestors der kritischen Militärgeschichte.

Messerschmidts weit gespanntem geschichtspolitischem Engagement für die Rehabilitierung der Opfer der Militärjustiz, seinem Auftreten als Redner und Gutachter im Rahmen der „Wehrmachtsausstellung“ und seiner Bedeutung als Historiker ist der dritte Teil des Bandes gewidmet, in dem fast dreißig Autoren zu Worte kommen.

Hervorgehoben sei hier lediglich der Beitrag von Ingo Müller, einem der Rechtsanwälte, die im Auftrag von Ossietzkys Tochter Rosalinde ab 1989 die Wiederaufnahme des „Weltbühnenprozesses“ von 1931 gegen Carl von Ossietzky anstrengten, um eine Rehabilitation des damals auf Betreiben der Reichswehr Verurteilten zu erreichen. Messerschmidt war einer der beiden Gutachter, die Ossietzkys Unschuld belegten. Doch das Berliner Kammergericht und der Dritte Strafsenat des BGH entschieden zur Schande der deutschen Justiz wie zuvor das Reichsgericht gegen Ossietzky.

Das Buch entstand im Auftrag der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e. V.

Wolfram Wette / Günter Knebel / Detlef Garbe (Hrsg.): Manfred Messerschmidt. Historiker, Aufklärer, Vorbild, Donat Verlag, Bremen 2027, 336 Seiten, 29,80 Euro.

jühau

 

Der schicksalhafte Lacher im Ahrtal

Literarische Wiedergänger sind hierzulande eine Ausnahme, während sie etwa in Asien und Ozeanien bekanntlich immer wieder auftauchen.
In dieser in Deutschland seltenen Kategorie hat es Jakob Philipp Oberhäuser zu einiger Berühmtheit gebracht, der in seinem ersten Leben (1713 – 1776) ein entschiedener Gegner von Johann Christoph Gottscheds Theaterreform war. Seine Streitschrift gegen den „Literaturpapst“ trug den Titel „Etwas Vorläufiges gegen des Herrn Gottscheds feindliche Angriffe auf das Lebensrecht des Hanns Wurst“. Sie erreichte fünf Auflagen und wurde auch ins Rätoromanische übersetzt.
Nach seiner Wiederkehr 1999 wurde Oberhäuser zunächst als Liedermacher bekannt. Der Hip-Hop „Knut hat einen süßen Popo, doch ich bin leider hetero“ hielt sich wochenlang auf Platz 11 der Charts.
Inzwischen ist Oberhäuser ein politischer Influencer mit großer Reichweite und Strahlkraft. Sein Post aus dem August 2026 auf Zick-Zack – „Der schicksalhafte Lacher im Ahrtal – Wie Deutschland zu zwei untauglichen Kanzlern kam“ – wurde von mehr als 60.000 Followern auf Platz 1 in der Rubrik „Deutschland lacht Tränen“ gesetzt. Oberhäuser beklagt darin, „dass Armin Laschet, erfahrener und kompetenter Ex-Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens wegen eines unglücklichen Lapsus die Bundestagswahl 2021 verlor. Während der Beileidsrede des Bundespräsidenten Steinmeier im Juli 2021 nach der Flutkatastrophe im Ahrtal scherzte Laschet im Hintergrund, aber von den Kameras erfasst, mit einem Landrat. Bundesweite Empörung über diesen Vorfall trug erheblich zum Wahldebakel der CDU bei, deren Kanzlerkandidat Armin Laschet war. Er als Bundeskanzler hätte Deutschland souverän durch alle Krisen geführt und die AfD mindestens halbiert, ohne dies großspurig anzukündigen.“

Rainer Rönsch

Medien-Mosaik

Spätestens, seit er im Berliner Ensemble zwei provokante Inszenierungen bot und anschließend ans Wiener Burgtheater geholt wurde, wo er vorerst scheiterte, galt Einar Schleef als enfant terrible des deutschsprachigen Theaters. Der 1944 in Sangerhausen geborene Architektensohn, der Bühnenbildner, Autor, Regisseur sowie Schauspieler war und 2001 in Berlin an einem Herzleiden starb, hat sein Leben seit frühester Schulzeit in Tagebüchern, Fotografien und Tonbandaufzeichnungen dokumentiert. Der Münchner Regisseurin Sandra Prechtel ist es zu verdanken, in Archiven vergessene, darunter akustische Materialien gefunden zu haben, die den Anlass zu einer filmischen Betrachtung von Schleefs Lebens- und Arbeitsweise geben, die Frage ergründen, auf welches Ziel dieses Leben zulief.

Schade ist, dass Prechtel ihren Schwerpunkt auf die Jahre nach 1976 legte, als Schleef die DDR verlassen hatte. So bleibt Vieles unerzählt oder nur kurz angerissen, wie das Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee beim Bühnenbildner Heinrich Kilger, der Abstecher zu Hannes Hegen als „Mosaik“-Zeichner, die Zusammenarbeit mit B.K. Tragelehn, den man gern als Zeitzeugen gehört hätte. Bei beider Inszenierung von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ war er in seinen jugendlichen Hauptdarsteller verliebt. Dirk Nawrocki lebt nicht mehr, aber vielleicht hätte Henry Tuchlinsky etwas zu erzählen? Ein Skandal, der letztlich Intendantin Ruth Berghaus das Amt kostete, war die Strindberg-Inszenierung „Fräulein Julie“ mit Jutta Hoffmann in der Titelrolle. Die herausragende Darstellerin trat auch in den neunziger Jahren bei Schleef auf und spielte noch 2001 in dem Stück „Gertrud“, das Schleef seiner Mutter gewidmet hatte. Hätte sie nicht über seine Arbeitsweise erzählen können, und ob die sich in den Jahrzehnten geändert hatte? Die Regisseurin hat mit der Hoffmann gesprochen, aber im Film findet sich davon nichts. Schleefs Selbstreflexion dominiert, kritische Einwände sind an den Rand gedrängt.

Sicherlich ist der Film, der im Frühjahr beim Neiße-Filmfestival einen Publikumspreis gewann, eine wichtige Anregung, über Schleefs Werk nachzudenken, aber als Resümee eignet er sich nicht. Da bleibt viel Raum für junge Filmemacher.

Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden, Regie: Sandra Prechtel, Produktion und Verleih: Filmgalerie 451, geplanter Start: 05.11.2026.

*

Auch, wenn man aus Frankfurt am Main stammt und lange in Hamburg gelebt hat, kann man von Berlin fasziniert sein – wie die Autorin Brigitte Landes. Sie hat mit dem Buch „Die verschwundene Stadt“ ein lesens- und ansehenswertes Kleinod über das Tiergartenviertel geschaffen. Dass man es mit Genuss liest, liegt daran, dass die Autorin viele historische Erlebnisberichte und Kolumnen ausgewertet hat. Man kann Schriftstellern wiederbegegnen, deren Namen zu Unrecht nur durch Straßennamen lebendig bleiben, wie Fanny Lewald, Julius Rodenberg oder Karl August Varnhagen – aber die sind nicht im Tiergartenviertel, sondern in Prenzlauer Berg zu finden.

Der Berliner Tiergarten, ehemaliges kurfürstliches Jagdrevier, das Friedrich II. zu einem Lustpark für die Bevölkerung umgestalten ließ, hat sich bis heute behauptet, wenn er auch kleiner wurde, je mehr Platz Berlin brauchte. Im Stadtviertel gibt es heute noch die Sankt Matthäus-Kirche, deren Umgebung sich jedoch völlig verändert hat, und die heute das Kulturforum bestimmt.

Brigitte Landes hat die Atmosphäre dieses Stadtteils vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufgenommen, folgt Flaneuren wie Franz Hessel oder Erich Kästner. Was der Zweite Weltkrieg anrichtete, berichtet Gabriele Tergit in einem Aufsatz von 1948: „Die ganze Tiergartenstraße lag in Schutt und Asche. Nur der alte Fontane aus weißem Stein, den Mantel über der Schulter, der war stehen geblieben und sah mit weisen Augen auf die Trümmer.“ Damals pflanzten die Berliner im Tiergarten Kartoffeln an und fällten Bäume, um Brennholz zu gewinnen.

Landes führt die Geschichte fort bis zur Zeit, als der Potsdamer Platz im Niemandsland zwischen Ost und West lag und Curt Bois in Wenders‘ „Der Himmel über Berlin“ verunsichert feststellte: „Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden! Das kann er doch nicht sein!“

Wer sich mit den verflossenen Jahrzehnten auskennt, vermisst vielleicht manchen Autor. Hat doch Kurt Tucholsky in „Abends nach sechs“ die Pärchen im Tiergarten porträtiert. Auch Heinz Knobloch wäre um Auskünfte nicht verlegen gewesen, aber immerhin gibt die Autorin eine Kolumne von Julie Elias wieder, der Knobloch sein letztes, nicht mehr realisiertes Buch widmen wollte.

Brigitte Landes:, Die verschwundene Stadt – Im Tiergartenviertel, Insel-Bücherei Nr. 1539, Insel Verlag, Berlin 2024, 126 Seiten., 15,00 Euro.

bebe

Versunkene Welten

Heutzutage spazieren Millionen von Besuchern durch antike Ruinenstädte. Voll Bewunderung studieren sie die verfallenen Gebäude und Monumente und stellen sich vor, wie der Alltag der Menschen damals ausgesehen haben mag. Nostalgie und romantische Wehmut angesichts des Untergangs der alten Kulturen sind jedoch moderne Phänomene. Martin Zimmermann lässt seine Leser bedeutende Stätten wie Troja, Mykene, Ninive und Pompeji mit ganz neuen Augen sehen – nämlich mit denen der antiken Menschen selbst.

Städte sind wie Menschen – das war in der Antike eine verbreitete Vorstellung. Sie entstehen, um eines Tages zu sterben, während an anderen Orten neue erblühen. Ganz anders als heute ging man im Altertum mit den zahlreichen zerstörten Städten, die schon damals im Mittelmeerraum allgegenwärtig waren, wesentlich pragmatischer um: Ruinen hatten nichts Positives an sich, sie wurden entweder beseitigt, nicht zuletzt durch Nutzung als Steinbruch für neue Bauten, oder schlichtweg ignoriert. Nur in Ausnahmefällen wurden sie auch als Erinnerungsorte inszeniert und nutzbar gemacht.

Martin Zimmermann unternimmt eine faszinierende Reise durch die Trümmerlandschaften der Antike. Er erhellt die verschiedenen Gründe für den Zerfall einer Stadt (Kriege, Naturkatastrophen, Umsiedlungen) und zeigt eindrücklich, wie die damaligen Menschen durch Planungswille, Mobilität und Improvisationstalent immer wieder Auswege selbst aus den dramatischsten Situationen fanden.

Martin Zimmermann: Versunkene Welten. Ruinenstädte in der Antike von Troja bis Pompeji, C. H. Beck Verlag, München 2026, 544 Seiten, 39,90 Euro.

am

 

Kavaliere

Eines Tages kam ein sehr eleganter Herr zum Herrn Obersten v. Nagel und bat um eine Unterredung. Eine Viertelstunde später geleitete der Oberst seinen Besucher an die Tür und sagte: „Herr Baron – so peinlich der Fall ist –, seien Sie versichert: was an mir liegt, wird gewiß geschehen, um die Angelegenheit in Ordnung zu bringen.“

Am Nachmittag ließ der Oberst v. Nagel seine Offiziere antreten. Und hielt eine lange Rede an sie. Der Herr Oberst sprach von einem gebeugten Vater, der um das Glück seiner Tochter zittere …

Und der Herr Oberst sprach von den Pflichten des Kavaliers – einer Dame gegenüber, die vielleicht in einem Augenblick des Selbstvergessens zu weit gegangen sein könnte – eben mit diesem Kavalier.

Und der Herr Oberst sagte: er wolle keinen Namen nennen und die Angelegenheit überhaupt möglichst diskret behandeln – der betroffene Herr würde schon selbst fühlen, was er zu tun hat.

Am selben Abend hielten drei Leutnante und fünf Rittmeister um die Hand der Oberstentochter an.

Roda Roda

Längst vergessen?!

Aus dem Nachlass von Dr. Helmut Reinhardt, des letzten Herausgebers und Chefredakteurs der Weltbühne, ist die Blättchen-Redaktion in den Besitz der 14-bändigen Reprintausgabe der Wochenschrift Die Neue Weltbühne gelangt, die – nach dem Verbot der Weltbühne durch das Nazi-Regime in Deutschland – von 1933 bis 1939 erst in Prag, später in Paris erschien. Diese Ausgabe wurde vom Verlag K.G. Saur (München, London, New York, Paris 1992) editiert.

Die Schreibweise des Originals wurde beibehalten.

Die Redaktion

Weg mit der Qualität!

Gottfried Benn sprach im berliner Rundfunk über „den neuen Staat und die Intellektuellen“: „Eine neue Welt ist geboren, jäh aufgetaucht wie eine vergessene Insel im Weltmeer, ganz aus den schöpferischen Urtiefen her, alle Maßstäbe sind zertrümmert, Qualität und Meinungsfreiheit sind schattenhafte Gebilde, wenn ihnen der totale Staat, die neue Wirklichkeit, nicht von seinem Blut einflößt. Träger dieser revolutionären Kraft ist die neue Jugend, deren kämpferisches Symbol nicht mehr der umrißlose, chaotische Sturm auf die Bastille ist, sondern der stumme, zuchtvolle, untergangsfreudige Kampf am Engpaß von Thermopylae …“

Dieser lyrische Dunst über der schmutzigen Wirklichkeit ist unerträglich. Zuchtvoll? Gottfried Benn suche die Arbeiter auf, die ein paar Tage in den SA-Kasernen dieser neuen Jugend verbrachten; und erkundige sich über die Art der dort üblichen Zucht. Untergangsfreudig? Sie will ja nicht sich selbst zum Opfer bringen, diese „neue“ Jugend; sie ist nur süchtig nach dem physischen Untergang des ohnehin schon niedergeworfenen Gegners, – nicht nach dem eignen!

Ja, gewiß – der Sturm auf die Bastille ist nicht ihr Symbol, denn sie ist reaktionärer, freiheitsfeindlicher als der verkalkteste Greis, diese Jugend. Aber den Kampf an den Thermopylen? Dort hat eine versprengte Truppe gegen einen übermächtig bewaffneten Gegner gekämpft; im Deutschland Benns peitscht eine Armee, gestützt und geschützt von einer gigantischen Staatsmaschinerie, den wehrlosen Rest der Antifascisten durch die Gassen. Und nur ein Wort aus der Rede des zur Macht gelaufenen Benn – der nie auf unsrer Seite aber lange ein mutiger Einzelgänger war – bleibt haften, weil es wahr und den Tatsachen nahe ist: „Qualität und Meinungsfreiheit sind schattenhafte Gebilde …“

Stefan Pollatschek
Die neue Weltbühne, 18/1933

Gesellschaftliche Konflikte im Krimi

Im Auftaktband der Reihe „Grenzfall“ („Der Tod in ihren Augen“) fährt Oberkommissarin Alexa Jahn zu ihrer neuen Dienststelle nach Weilheim in Oberbayern und wird gleich vom Bahnhof aus zu einem Fall gerufen. In einer Kletterwand hängt eine Leiche … Bei den Ermittlungen muss sie sich nicht nur mit ihren neuen Kollegen auseinandersetzen. Einer von denen hatte selbst auf die Beförderung in ihre Stelle gehofft und zum anderen ist sie ja „nur“ eine Frau, noch dazu eine junge. Im weiteren kommen Reibereien mit dem österreichischen Chefinspektor Bernhard Krammer hinzu. Überdies erfährt sie „so ganz nebenbei“, wer ihr Vater ist. Damit ist das Verhältnis zur Mutter erst mal gestört, denn diese hatte bisher beharrlich zur Erzeugerfrage geschwiegen.

Im zweiten Band („Ihr Schrei in der Nacht“) klappt die Zusammenarbeit mit ihren deutschen Kollegen besser, aber Alexa Jahn kommt erneut um eine gemeinsame Ermittlung mit dem vom Leben desillusionierten Bernhard Krammer nicht herum. Dessen Frust resultiert aus seiner persönlichen Biografie, vor allem aber aus durch Datenschutz, lange Antragsverfahren für bestimmte Maßnahmen und andere Sachverhalte eingeschränkten Möglichkeiten der Polizei, gegen diverse Delinquenten vorzugehen. Auch passiert es immer wieder, dass Beamte selbst kriminell werden. Und Ermittlungen in den eigenen Reihen sind bekanntlich besonders schwierig.

Im dritten Band („In der Stille des Waldes“) geht es um Incels (Männer die der Meinung sind, ihnen stehe das Recht auf Sex mit Frauen zu sowie die Freiheit, diese zu verunglimpfen und eine Kultur toxischer Männlichkeit leben).

Im vierten Teil („Ihr Grab in den Fluten“) wird ein plötzlicher (von der Mutter nicht verarbeiteter) Kindstod zum Auslöser diverser Morde; Vorbehalte gegen und Angriffe auf Migranten sowie die Umtriebe der Reichsbürgerszene sind weitere Themen.

Im fünften Teil („Ihre Spur in den Flammen“) geht es scheinbar um einen Autounfall, der sich im weiteren jedoch als Brandstiftung mit Todesfolge herausstellt – eine Frau sieht keine andere Möglichkeit, als sich so aus häuslicher Gewalt zu befreien.

Im letzten Band („Ihr Grab in den Fluten“) erschüttert eine große Naturkatastrophe (angelehnt an die Flut im Ahrtal) die Gegend. Beschrieben werden nicht nur die unermüdlichen Aktivitäten der Rettungskräfte und der Polizei, sondern auch, wie Menschen versuchen, diese Situation nicht nur für Diebstähle, sondern auch zur Verschleierung von Morden auszunutzen. Dieser Teil ist sowohl eine Würdigung aller Einsatzkräfte (haupt- und ehrenamtlicher) als auch eine Beschreibung des unermesslichen Leids der Betroffenen und der immensen Hilfsbereitschaft sehr vieler vor Ort und von außerhalb.

Anna Schneider: Grenzfall – Der Tod in ihren Augen (1); Ihr Schrei in der Nacht (2); In der Stille des Waldes (3); Ihr Grab in den Fluten (4); Ihre Spur in den Flammen (5); Ihr Grab in den Fluten (6); alle gelesen von Julia Nachtmann, Argon Verlag, Berlin 2021 bis 2026, je 19,95 Euro.

Viola Schubert-Lehnhardt

Neue Limericks (XV)

von Thaddäus Faber

Die folgenden Limericks verdanken sich einer Reise nach Regens- und Augsburg. Insbesondere einer Radtour an den Gestaden der Regen, des oberbayerischen Nebenflusses der Donau. Der Planet brachte es am betreffenden Tage im Juni 2026 auf 36 Grad Celsius …

 

Ein ältlicher Pfaffe aus Zeitlarn
ließ auf der Kanzel einen mächtigen Furz fahr’n.
Der donnerte drauf
die Apsis hinauf .
Mi‘m Te Drum eher schlecht zu vereinbar’n!

 

Entlang des Ufers der Regen

wird man im Sommer als Zaungast verlegen:
Entspannt hingepackt

ruh’n dort Leute, ganz nackt.

Und von wegen – sich regen bringt Segen!

 

Limericks, die auch Kindern und Pubertierenden bedenkenlos zu Gehör gebracht werden können, sind nicht nur beim Verfasser der vorliegenden Fünfzeiler nicht die Regel. Doch ein Naturereignis am genannten Flusse inspirierte zumindest diesen:

 

Sechs Störche standen einst in der Regen,

ohne sich groß zu bewegen.

Es war brütend heiß

und vermutlich, wer weiß,

war das kühlende Wasser ein Segen.

 

Eines Nachts in Edlhausen

erhob sich ein bedrohliches Brausen.

Es knickte manch Baum

und in manchem Raum

ließ manch einer manch eine glatt sausen.

 

Ein triebhaftes Weib aus Schwanstetten,

das trieb’s mitnichten in Betten.

Sie trieb vielmehr schlapp

die Donau hinab.

Mausetot, darauf konnte man wetten.

 

Bei den Heteros im katholischen Schambach
fällt der Sex schon wegen der Scham flach.
Doch selbst queeren Lesben
geht es am besten,
werden auch sie nicht zu oft schwach.

 

 

Aus anderen Quellen

„Zwischen Russland, China und den USA existieren ganz unterschiedliche Geschichten“, konstatierte Daniele Ganser und führt aus: „Im deutschen Sprachraum hören wir vor allem die Geschichte der USA. Die Geschichte von China und Russland hören wir nicht. Für mich als Historiker ist es ein absolutes No-Go, ein Narrativ allein aufgrund der Nationalität abzulehnen. Man muss das Narrativ jedes Landes prüfen. Es kann stimmen und nicht stimmen. Das hängt nicht vom Land ab.“

Jonas Prien: „Wann hat die Sache für euch angefangen?“ (Interview mit Daniele Ganser); Berliner Zeitung, 22.09.2026. Zum Volltext hier klicken.

*

Hagen Kühn wirft „einen Blick auf die Grundstruktur einer kapitalistischen Demokratie“ und stellt fest: „Beobachter von einem fernen Planeten würden es wahrscheinlich sonderbar finden, wie ein Volk einerseits sein eigenes Schicksal demokratisch in die Hand nehmen, andererseits aber über Produktion, Reproduktion und Allokation seiner materiellen Lebensgrundlagen und mediale Informationen nicht selbst bestimmen möchte, sondern sie der Verfügung und profitablen Verwertung einer Minderheit von Kapitaleigentümern überlässt. Kapital ist nicht allein Verwertung von Erwerbsvermögen, sondern auch Herrschaftsbeziehung.“

Hagen Kühn: Unsere Demokratie?, Ossietzky, 18/2026. Zum Volltext hier klicken.

*

Zur Lage im Nahen und Mittleren Osten vermerkt german-foreign-policy.com: „Ein neues Militärbündnis im Mittleren Osten verschiebt die strategischen Beziehungen in einer für Deutschland wichtigen Region und hat womöglich weitreichende Folgen für die NATO. Das ‚Mekka-Abkommen‘ wurde kürzlich von Saudi-Arabien, Pakistan und der Türkei geschlossen. Es umfasst eine Beistandsgarantie ähnlich Artikel 5 des NATO-Vertrags und wirft die Frage auf, ob die NATO in einen Krieg gezogen werden könnte, wenn die Türkei im Rahmen ihrer Verpflichtungen aus dem Mekka-Abkommen angegriffen wird. Während viele spekulieren, das Hauptziel des Abkommens sei ein Schulterschluss gegen Iran, zeigt eine genauere Analyse, dass das neue Bündnis eine Reaktion auf den schwindenden Einfluss der USA ist und Schutz vor allem auch gegen Israel bieten soll, das im Nahen und Mittleren Osten zunehmend als Hauptaggressor wahrgenommen wird.“

Das Mekka-Abkommen und die Folgen, german-foreign-policy.com, 28.08.2026. Zum Volltext hier klicken.

*

Arn Strohmeyer rezensiert das neueste Buch von Omer Bartov: „Der Israeli Omer Bartov ist nicht irgendwer. Er ist einer der renommiertesten Holocaust­Historiker, in Israel geboren, in einem Kibbuz aufgewachsen, er hat in der Armee gedient, den Jom Kippur-Krieg 1973 als Soldat mitgemacht und dann seine akademische Karriere an der Universität von Tel Aviv begonnen. Zurzeit hat er einen Lehrstuhl an der Brown­University in Providence (Rhode Island, USA) inne. Wenn dieser Wissenschaftler sich kritisch über Israel äußert, dann hat das Gewicht. Und solche Kritik übt er nun gründlich in seinem neuen Buch, dessen Titel Israel: What Went Wrong schon Brisanz verspricht.“

Arn Strohmeyer: Kritik am Mythos Israel, Ossietzky, 18/2026. Zum Volltext hier klicken.

*

1956, daran erinnert Johann Althaus, vollzog der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer „eine radikale Kurskorrektur in der Wehrpolitik. Bis dahin hatte Adenauer Atomwaffen stets als ‚größte Gefahr für die gesamte Menschheit‘ gegeißelt. Das galt plötzlich nicht mehr. Der Kanzler drückte sich bewusst nebulös aus: ‚Es ist unerträglich, wenn zwei große Völker allein im Besitz von nuklearen Waffen sind und das Schicksal aller Völker dieser Erde in der Hand haben. Das ist für die anderen Völker ein unerträglicher Zustand‘, sagte Konrad Adenauer am 20. September 1956 in der regulären Sitzung des Bundesvorstandes der CDU. Und er kündigte noch vager an: ‚Wie wir da herauskommen, müssen wir sehen.‘“

Johann Althaus: Als Konrad Adenauer in der Atompolitik eine Kehrtwende hinlegte, welt.de, 20.09.2026. Zum Volltext hier klicken.

*

„Was passiert im Kopf eines Mannes, der die Frau tötet, die er angeblich liebt?“, fragt Gina Wendt und fährt fort: „ Eine Untersuchung von 108 vollendeten Partnerinnen-Morden zeigt: Bei 72 Prozent stand eine tatsächliche oder befürchtete Trennung oder Untreue am Anfang. Die Forscher sprechen vor allem von Besitzdenken und Eifersucht. Viele Täter waren zuvor bereits durch Gewalt, Kontrolle, psychische Probleme oder Sucht aufgefallen. Nicht die Trennung tötet. Es tötet der Mann: Wenn ich dich nicht haben kann, darfst du ohne mich nicht weiterleben.“

Gina Wendt: Femizide. Die romantische Lüge hinter Frauenmorden, Berliner Zeitung, 04.09.2026. Zum Volltext hier klicken.

*

„Berlin-Neukölln leidet unter einer Rattenplage“, teilt Paul Stänner mit. Dann berichtet er weiter: „Die Nager gedeihen prächtig, zumeist durch weggeworfene Lebensmittel. Das Bezirksamt hat Boxen mit Giftködern aufgestellt, aber nicht mit deutscher Tierliebe gerechnet. Tierfreunde haben Bauschaum in die Boxen gesprüht, Köder gestohlen, Schlösser aufgebrochen und Schädlingsbekämpfer beschimpft. Man könnte das als Lokalposse abtun. Aber hier zeigt sich etwas. Nämlich die wirre deutsche Tierliebe.“

Paul Stänner: Über die wirre Tierliebe der Deutschen, deutschlandfunkkultur.de, 16.08.2026. Zur Audio-Datei hier klicken.

 Zusammengetragen von Wolfgang Schwarz.

 

Auflösung der Quizfragen

Von wem stammen …? Erich Mühsam:

Und von welchem Jahr …? 1913.

 

 

Letzte Meldung (dieses Mal zwar recht betagt, aber – deswegen veraltet?)

„Würde ein Kleinwagen auf 100 Kilometern 414 Liter Treibstoff verbrauchen, dann müsste er alle zehn Kilometer tanken. Dann würde sich […] wohl kaum jemand finden, der dieses Auto kaufen wollte. Nicht in Zeiten, in denen der Klimaschutz eine immer wichtigere Rolle spielt.

Und doch gibt es Fahrzeuge mit solch einem Durchschnittsverbrauch – einen Leopard-2-Panzer zum Beispiel. Das Kettenfahrzeug steht hier sinnbildlich für zwei der weltgrößten Schadstoff-Emittenten, die nicht im Pariser Klimaabkommen auftauchen und vom Weltklimarat nicht zu Berichten verpflichtet werden: Krieg und Rüstungsindustrie.

Ambitionierte Klimaziele und Aufrüstung passen schwerlich zusammen. Die Fertigung von Waffen, Fahrzeugen, Jets und Schiffen verursacht Treibhausgase, Militär-Vehikel schlucken enorme Mengen Treibstoff, in Übung und Einsatz, die Wartung ist aufwendig, die Munition ein wahres Wegwerfprodukt. Wie viel CO2 das Geschäft verursacht, ist schwer zu beziffern. Staaten und Konzerne verstecken sich hinter fehlenden Berichtspflichten und dem Schutz der nationalen Sicherheit.“

Die Welt, 29.08.2020