Immer noch gesucht: Mitstreiter
Das Blättchen-Team wirbt erneut um weitere Mitstreiter in der Redaktion.
Nach wie vor gilt, dass Erfahrungen im Journalismus, in der Germanistik oder einer vergleichbaren Sphäre keine Voraussetzung für eine Mitarbeit wären, wohl aber die Beherrschung der deutschen Sprache sowie praktische Fertigkeiten in digitaler Textverarbeitung.
Die Arbeitsweise der Redaktion erläutern wir gern im persönlichen Gespräch.
Angemessene Einarbeitung ist garantiert.
Weil für Letzteres sowie generell für die Zusammenarbeit räumliche Nähe hilfreich wäre, bevorzugen wir Bewerbungen aus Berlin und dem nahen Brandenburger Umland.
Trauen Sie sich und melden sich bei Interesse per E-Mail an: redaktion@das-blaettchen.de.
Goldrausch
„What ever it takes“ („Was immer es kostet”), hatte der künftige Bundeskanzler bereits während der Koalitionsverhandlungen mit der SPD im März 2025 getönt und damit gemeint: Für die Aufrüstung der Bundeswehr sollten keinerlei finanzielle Grenzen mehr gelten. Im Mai 2025 schob Friedrich Merz in einer Regierungserklärung nach, der Bundeswehr würden alle finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt, die sie brauche, „um konventionell zur stärksten Armee Europas zu werden“.
Mindestens die Rüstungsindustrie hat den Schuss gehört, offenbart aber inzwischen ihre ganz eigene, um nicht zu sagen eigenwillige Interpretation dieser höchstobrigkeitlichen Auflassungen.
Ein Beispiel aus jüngster Zeit: 2027 soll die Panzerbrigade 45 der Bundeswehr in Litauen einsatzfähig sein, inklusive Treibstoffreserven. Daher sollten seitens des Pistorius-Hauses 902 Tankcontainer für Diesel (mit je 9000 Liter Fassungsvermögen) bei einem Hersteller geordert werden, der schon seit 2021 an die Bundeswehr liefert. Auftragsvolumen: 263 Millionen Euro, vulgo etwa 291.000 je Container.
Im Haushaltsausschuss des Bundestages wurde das Vorhaben jüngst gestoppt, denn dort war aufgefallen: 2021 hatte der einzelne Container noch knapp die Hälfte gekostet, obwohl seinerzeit lediglich 200 Stück beschafft werden sollten. Dieses Mal hatte das Pistorius-Haus dem Hersteller sogar die Abnahme von bis zu 4200 Stück avisiert. Der Preis explodierte trotzdem. Oder vielleicht – deswegen? „What ever it takes!“
Das Magazin Focus fasste zusammen: „Kaum ein anderes Beispiel veranschaulicht so eindrucksvoll, was in Deutschland gerade bei der Aufrüstung vor sich geht: Milliarden versickern […].“
Westend-Verlag
Eine Gruppe von 30 Autoren – darunter Gregor Gysi, Christoph Butterwegge und Andrea Ypsilanti – ist in einem Offenen Brief auf Distanz zum Frankfurter Westend-Verlag gegangen. In dem Brief heißt es unter anderem:
„Mit der Veröffentlichung des von Pauline Voss und Julian Reichelt herausgegebenen Bandes „Links-Deutsch / Deutsch-Links“ haben Sie […] das Spektrum Ihrer Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert. Dieses Buch ragt nicht nur dadurch heraus, dass Sie damit Ihren Verlag den Führungspersonen eines Portals* zur Verfügung stellen, das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft.
Der Band enthält zudem Texte von Autorinnen und Autoren, deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei.
Wir erkennen ausdrücklich Ihr selbstverständliches Recht an, zu veröffentlichen, was Sie wollen, auch wenn Sie damit rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine weitere Plattform bieten.
Wir nehmen allerdings für uns das Recht in Anspruch, unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen.“
In einem ausführlichen Interview für die Berliner Zeitung Stellung genommen zu diesem Vorgang hat Westend- Geschäftsführer Markus J. Karsten: „Das sind große Worte mit wenig Grundierung. Ich kann aber verstehen, dass es auf wenig Gegenliebe stößt, wenn man sich plötzlich anstrengen und überzeugen soll. Wir wollen das Visier hochklappen und uns dezidiert inhaltlich auseinandersetzen, statt wirkungslos Haltung bekunden. Im Übrigen: Wissen Sie, wie es anders gehen soll, wenn man grundsätzlich Andersdenkende überzeugen möchte? Ignorieren, Brandmarken und Haltung zeitigen offensichtlich keine Effekte.“ Und: „Allein durch Abgrenzungsarbeit scheint mir niemanden geholfen zu sein.“
Darüber hinaus beantwortet Karsten auch die – im Offenen Brief implizit ebenfalls angesprochene – Frage, warum der Verlag sich auf seiner Homepage nicht mehr als „Plattform für kritische, linke [Hervorhebung – gm] Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit“ bezeichne: „Linkssein ist ja ganz schön, aber werden andere durch mein Linkssein satt? Wir ringen mit unseren renommierten Autoren sehr um die Verwendung und Bedeutung dieses Wörtchens. Wir haben diese Passage auch nicht gelöscht […], sondern nur diesen Begriff, der mittlerweile vollkommen entleert ist und missbraucht wurde und wird, wie sich ganz offensichtlich immer deutlicher herausgestellt hat, und der der gesellschaftlichen Spaltung dient. Unser Eindruck hat sich zuletzt sehr verstärkt, dass eine selbstgerechte, sich als ‚links‘ bezeichnende Pseudolinke an Mächtige andient, statt sich für die Schwächsten und Schutzlosesten einzusetzen.“
Im Übrigen zeigte sich Karsten verwundert über Gregor Gysis Mitunterzeichnung des Offenen Briefes. Dessen einziges Buch bei Westend sei „vor elf Jahren erschienen“.
* – Gemeint ist NIUS, wo Reichelt (BILD-Chef bis 2021) Chefredakteur ist – ein „Onlinemedium, das als rechtspopulistisches und rechtskonservatives Portal im Stil von Fox News eingeordnet wird“ (Google).
Deutschlands Retter liegt parat
Im November 2003 stellte Friedrich Merz auf dem CDU-Parteitag in Leipzig seine Idee von „Steuersystem auf dem Bierdeckel“ vor. Das deutsche Steuersystem sollte so vereinfacht werden, dass man sich die eigene Steuerschuld auf einem Bierdeckel ausrechnen könnte.
Die Idee ist fast 23 Jahre alt, ihre materielle Grundlage noch etwas älter. Am 25. Oktober 1892 meldete der Dresdner Unternehmer Robert Sputh das Reichspatent 68499 für einen „saugfähigen Holzfilz-Bierglasuntersetzer“ an. Sputh hatte 1882 tief im Walde der Sächsischen Schweiz eine Holzschliffmühle erbauen lassen. Zum dortigen Arbeitsplatz nahmen 70 Menschen aus den umliegenden Dörfern lange Fußmärsche in Kauf. Dann aber stagnierten die Geschäfte mit dem Holz. Doch 1880 waren in einer Kartonagenfabrik bei Magdeburg die ersten Bierglasuntersetzer aus Pappe hergestellt worden, die die teuren Porzellanteller und die unhygienischen Bierfilze aus Wolle ablösten. Der findige Kaufmann Robert Struth entschloss sich zur Massenherstellung, was ihm Patente auch in Österreich-Ungarn und in den USA einbrachte.
Die industriell hergestellten Bierdeckel saugten das überschäumende Bier aus dem Krug in Sekundenschnelle auf. Sputh hatte Druckmaschinen vor Ort und konnte die Bierdeckel bedrucken lassen, mit Werbung für Zigaretten, Hindenburg oder Lederfett. Das Ganze wurde ein bombastischer Erfolg. Sputh konnte sich in Dresden eine Villa in bester Lage leisten.
Heute kann Deutschland wieder in beste Lage kommen, wenn der Bundeskanzler mit seiner Richtlinienkompetenz die Idee vom „Steuersystem auf dem Bierdeckel“ umsetzt.
Beseitigt man die Komplexität des Steuersystems, dann werden von den derzeit rund 90.000 Steuerberatern und Steuerbevollmächtigten in Deutschland nur noch 1.000 gebraucht. 89.000 Arbeitskräfte, vertraut mit Zahlen und Ziffern und der Suche nach knapp legalen Lösungen, könnten mit ihrer natürlichen Intelligenz die Künstliche Intelligenz ergänzen.
Die Herstellung und das Bedrucken von rund 50 Millionen Bierdeckeln (je einem für jeden Deutschen mit Lohn- oder Einkommensteuerpflicht) brächte Aufschwung in die einschlägigen Industriezweige.
Doch die Vereinfachung muss unbedingt zu mehr Steuergerechtigkeit führen. Schluss mit der viel zu hohen steuerlichen Belastung der Arbeit gegenüber dem Vermögen! Weg mit den Ausnahmevorschriften, die allzu oft als Schlupflöcher für Überreiche dienen!
Ein gerechtes Steuersystem würde neues Vertrauen in die Politik und einen gewaltigen Aufschwung der Volkswirtschaft erzeugen.
Ein Porträt des Bundeskanzlers auf der Rückseite des Bierdeckels wäre dann ebenso akzeptabel wie die Werbung für Lederfett, nicht jedoch für Zigaretten oder Hindenburg.
Ich wär’ so gern …
Unser Leser Heinz Freiberg aus Dresden schrieb an die Redaktion: Der Beitrag von Detlef Hartlap „Ein Kerl muss eine Meinung haben“ in Heft 9/2026 beginnt mit Denis Scheck und endet mit ihm. Und nur, um dem „Literaturpapst“ einen kleinen Seitenhieb zu verpassen, schrieb ich 2020 das Gedicht „Ich wär’ so gern …“:
Ich wär’ so gern ein Buchregal,
aus Eiche, Fichte, Buche.
Die Gäste, tausend an der Zahl,
sind lang schon zu Besuche.
Der Goethe stößt den Schiller an.
Lessing haben wir verstanden.
Man schwatzt in der Familie Mann.
Und Marx kam nicht abhanden.
Dem Kafka macht man den Prozess.
Den Shakespeare gibt’s in Leder.
Twain schrieb einst für die Yellow Press.
Und Grass, den kennt auch jeder.
Der Hemingway grüßt Morgenstern.
Die Seghers weiß, was jetzt geschieht.
Die Eschenbach, die liest man gern.
Und Körner singt ein Freiheitslied.
Fontane schafft mit frohem Sinn.
Neben Luther steht Cervantes.
Zur Lorelei ziehts Heine hin.
Tolstoi schrieb Weltbekanntes.
Borchert ist draußen vor der Tür.
Die Kaléko ist tief gerührt.
Brecht ist dagegen und dafür.
Camus zum Lesen uns verführt.
Die Brüder Grimm sind griffbereit,
Karl May steht gleich daneben.
Der Harry Potter macht sich breit,
die Rowling kann davon gut leben.
Ich wär’ so gern ein Buchregal
und keine dunkelblaue Tonne.
Denn Scheck wirft Bücher ohne Zahl,
dort rein mit großer Wonne.
Wie halten Sie es mit Goethe?
Mal ganz ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal ein Goethe-Gedicht gelesen? Und wie oft fällt Ihnen ein Goethe-Vers ein, den Sie nicht richtig zitieren können? Geben wir es doch zu: Das ewige Auswendiglernenmüssen der zahllosen Strophen, denken wir an den „Zauberlehrling“ oder an die „Harzreise im Winter“, hat doch bei vielen von uns eher ein frühkindliches Trauma hinterlassen als die Liebe zur Poesie geweckt. Sollte man Goethe deshalb samt und sonders verdammen? Gustav Seibt sagt: Nein!
In seinem jüngsten Buch, betitelt „Ein Sommer mit Goethe“, lädt Seibt dazu ein, den Geheimrat „in seinem Dichten und Nachdenken und Formulieren unmittelbar kennen[zu]lernen“. Weiß er doch aus eigner Erfahrung, dass Goethe „ein Autor fürs Immerwiederlesen, für immer neue Entdeckungen und Erfahrungen“ ist. Wobei er den Blick besonders auf dessen wenig beachtete Fähigkeit zur Kürze und unfehlbar treffsicheren Knappheit lenkt. In diesem Sinne versteht sich Seibts Parforceritt durch Goethes Werk als ein Vademecum, das man dank seiner Gliederung an einer beliebigen Stelle aufschlagen kann, in dem man sich festliest und das eine oder andere Mal, so die persönliche Erfahrung, tatsächlich zum Original greift. Wie sagt doch Seibt so treffend: „Es kommt darauf an, Goethe zu lesen, immer wieder, nicht ihn gelesen zu haben.“
Als ausgewiesener Goethe-Kenner versucht Seibt, vor allem die Scheu vor der inhaltlichen Größe der Texte zu nehmen. So zeigt er zum Beispiel, dass der zweite Teil des „Faust“ leichter zugänglich wird, „wenn man ihn als große Revue, als Stationendrama mit nur schwacher durchgehender Handlung auf sich wirken lässt“. Oder das uns „Torquato Tasso“ als ein durchaus bürgerlich-heutiges Stück vor Augen führt, „wie Kommunikation auf seelenzarteste Weise misslingt“. Goethes „Farbenlehre“ mag ein komplexes naturwissenschaftliches Werk sein. Doch es geht darin, vereinfacht gesprochen, um nichts anderes als die Hochschätzung der Sinne, vor allem des Sehens.
Ein anderes Thema sind die Leerstellen in der Goethe-Forschung. Mag das 1795 veröffentlichte 6. Buch von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ gemeinhin als äußerst langweilig angesehen werden, für eine feministische Lektüre, so Seibt, bleibt dieser Teil des Romans jedoch noch zu entdecken. Auch die zeitgleich veröffentlichten „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ verdienen nach Seibts Auffassung mehr Beachtung, denn: „Goethes lebenslanges Misstrauen gegen das amateurhafte Politisieren von Zuschauern und Zeitungslesern beschreibt eine Crux politischer Partizipation, die heute apokalyptische Ausmaße angenommen hat.“
Oder schauen wir auf das sicherlich berühmteste Goethe-Zitat, auf den Satz, mit dem er die Kanonade bei Valmy vom 20. September 1792 kommentierte: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Bei der Abfassung seiner dreißig Jahre danach niedergeschriebenen „Kampagne in Frankreich“ hat sich Goethe vor allem auf sekundäre Quellen gestützt. Seibt verweist hier vor allem auf eine, die bis heute von der Germanistik ignoriert wird. 1819 publizierte der Schriftsteller und Musikwissenschaftler Friedrich Rochlitz unter dem Titel „Tage der Gefahr“ einen Bericht von der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Nachweislich las Goethe dieses Buch während der Abfassung seiner eigenen Erinnerungen …
Lassen wir zum Schluss Goethe selbst zu Wort kommen. In unserer Gesellschaft ist das Thema des Älterwerdens allgegenwärtig. In seinem 75. Lebensjahr meinte der Dichter dazu: „Älter werden heißt selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen.“
Also: Schlagen wir einmal mehr bei Goethe nach!
Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe. C. H. Beck Verlag, München 2026, 272 Seiten, 25,00 Euro.
Gute und schlechte Angewohnheiten
Es gibt Angewohnheiten, die man nicht so schnell ablegt. Lange vor der Wende war das Ansehen der damaligen Berliner Abendschau vom SFB eine solche. Das Tagesgeschehen, egal von welcher Seite der Mauer besehen, war wichtig. Und wurde – jedenfalls damals – noch sachlich und korrekt beschrieben. In Worten und Bildern, die uns das Ostfernsehen seinerzeit vorenthielt. Aus gutem Grund, wie wir heute wissen. Nun passt sich das menschliche Hirn wahrscheinlich, ehe man es selber merkt, äußeren Gegebenheiten an. So merkt man kaum oder nur allmählich erst dann, wenn es nicht mehr zu übersehen ist, wie sich die Bilder/Zeiten immer mehr einander annähern. Inzwischen ist es so, dass ich die täglichen Bilder mehr und mehr als eine Neuausgabe der Aktuellen Kamera aus DDR-Zeiten, wenn nicht gar insgesamt als Kabarett sehe: Bilder von Baustellen an und in Straßen, an denen niemand arbeitet, derweil der Müll sich darin türmt, kaputte Brücken und Rolltreppen an wichtigen Bahnhöfen, verspätete Züge und defekte U-Bahnen, etliche Demonstrationen: Mehr Geld für alle und alles, was teuer ist – der Karneval der Kulturen: 1,54 Millionen Euro sind ja auch reichlich wenig für 100 000 knapp bekleidete beiderlei Geschlechts, die nichts lieber tun, als uns die Tänze ihrer Heimat vorzutragen, laut und eindringlich … Dazu noch Marcel Trocoli Castro in der nächtlichen Clubszene – die natürlich auch mit viel zu wenig Steuergeldern ausgestattet ist, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Vor allem, um den Müll zu beseitigen, den die Feiernden aus aller Welt Nacht für Nacht dort hinterlassen, derweil deutsche Rentner darin nach leeren Flaschen suchen …
Dazwischen gibt es immer wieder – sorgsam ausgesuchte – Stimmen von Passanten jedweder Herkunft in allen Sprachen der Welt, die das gerade Berichtete kommentieren. Positiv. Natürlich.
Besonders ärgerlich: Immer mehr werden die Journalisten selbst zum Hauptdarsteller ihrer Reportagen. In mehr oder wenig lässiger Kleidung bzw. Aufmachung sind sie selbst mehr im Fokus der Reportagen als die von ihnen zur Berichterstattung ausgewählten Personen mit ihren persönlichen oder beruflichen Belangen. Bestes oder besser gesagt schlechtestes Beispiel dafür sind die Reportagen von Ulrike Finck im rbb, die genau das macht, was in jedem Journalistik-Studium vehement verurteilt wird: Sich als Reporter oder Reporterin permanent in den Vordergrund und direkt vor der Kamera zu postieren und somit dem Interviewten direkt den Platz streitig zu machen – egal, ob sie aus einer Gärtnerei, einer Bäckerei oder einem Kindergarten berichtet. Ständig ist sie vor der Kamera, auch wenn der Interviewte gerade spricht, seine Arbeitsabläufe oder Ansichten erklärt. Einer ihrer Lieblingsausdrücke ist „spannend“ – egal, ob in sie der „Gartenzeit“ Hortensien bestaunt oder im „Heimatjournal“ alte Kirchtürme besteigt und auf wunderschöne Landschaften blickt. Noch weniger verständlich, geradezu unverzeihlich ist die Umgehung von Hygiene-Regeln, etwa , wenn sie in Alltagskleidung ohne Haarnetz oder Mundschutz an Fritteusen oder Teigtrögen hantiert. Auch hier im ständigen Redefluss ohne Hirn und Herz – es geht nicht um die von ihr Interviewten, sondern um sie selbst, die 1,82 Meter große, die wohl lieber Model geworden wäre …
Ansteckende Spielfreude
Zufall oder nicht: Der Jazz-Rock hat den musikalischen Fans eine Reihe von besonders langlebigen Bands beschert. Renommierte Vertreter dieses Genres sind beispielsweise die Crusaders, Weather Report um Joe Zawinul oder Klaus Doldingers Passport.
Zu den erfolgreichsten Vertretern dieses Musikstils zählt auch die von dem Saxophonisten Jay Beckenstein zu Studentenzeiten ins Leben gerufene Band Spyro Gyra. Mit dem Mitschnitt „Live in Leverkusen 2022“ auf CD und DVD bietet sie einen guten Querschnitt ihres über fünfzig Jahre währenden Wirkens.
Im Rahmen der Leverkusener Jazztage traten sie am 7. November 2022 in folgender Besetzung auf: Jay Beckenstein (Saxophon), Tom Schuman (Keyboards), Julio Fernandez (Gitarre), Scott Ambush (Bass), Lionel Cordew (Schlagzeug/Percussion).
Ihre beiden größten Hits „Shaker Song“ und „Morning Dance“ sind in einem längeren Medley vereint. Melodramatisch bis melancholisch ist „Grooving for Grover“, eine Reminiszenz an den Saxophonisten Grover Washington jr. Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist für den Rezensenten „Dancing on Table Mountain“, eine musikalische Reise nach Südafrika. Das einzige Gesangsstück „De La Luz“ ist eine gefühlvolle Hommage an die Mutter des Gitarristen.
Es ist nicht nur eine Werkschau, sondern auch ein hörbarer Beweis ihres Könnens. Alle Musiker haben mehrfach Gelegenheit, sich in den Vordergrund zu spielen. Hervorzuheben ist auch die hervorragende Ton- und Bildqualität. Merke: Ansteckende Spielfreude kann auch noch im gesetzten Alter zelebriert werden.
Spyro Gyra: Live at Leverkusen 2022, Label: Moosicus Records, CD/DVD 2026, ca. 19,00 Euro.
Aus anderen Quellen
Der frühere US-Diplomat Jeffrey Sachs hat erneut einen Offenen Brief an den deutschen Regierungschef gerichtet: „Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Merz, als ich Ihnen vor einem halben Jahr einen Offenen Brief schrieb, habe ich an Deutschland appelliert, die Diplomatie gegenüber Russland zu suchen, anstatt den Krieg zu normalisieren. Sechs Monate später hat sich die Lage in Europa dramatisch verschlechtert. Europa und Russland schlittern in einen offenen Krieg. In dieser Situation tragen Sie, Herr Bundeskanzler, eine einzigartige Verantwortung. Kein anderer europäischer Staats- und Regierungschef – weder in Paris, noch in Warschau, noch in Rom – verfügt über das Gewicht Deutschlands oder hat die Macht, die Sie persönlich besitzen, diese Katastrophe zu verhindern.“
Jeffrey Sachs: Herr Merz, Verhindern Sie offenen Krieg mit Russland!, Berliner Zeitung, 01.06.2026. Zum Volltext hier klicken.
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Daniela Dahn schreibt: „Der Berliner Journalist Hüseyin Dogru, Gründer von red.media, wurde am 20. Mai 2025, also vor nunmehr einem Jahr, vom Europäischen Rat für seine Berichterstattung über den palästinensischen Protest gegen den Krieg in Gaza mit Sanktionen belegt, obwohl er keine Straftat begangen und kein geltendes Recht gebrochen hat. Aber dieses Recht wird derzeit durch den sich als Wahrheitskommission gerierenden Europäischen Rat und seine willigen Vollstrecker in den Ländern vor unser aller Augen ausgehebelt. Der Europäische Rat hat darin offenbar uneingeschränkte Ermessensfreiheit.
Daniela Dahn: Wider die Wahrheitskommission, Ossietzky, 10/2026. Zum Volltext hier klicken.
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„Deutschland hat sich inzwischen zum mit Abstand größten Unterstützer der Ukraine entwickelt“, vermerkt Ex-Bundeswehrgeneral Helmut W. Ganser und fährt fort: „Bundeskanzler Merz will die Integration der Ukraine in die Europäische Union vorantreiben und hat vor dem Deutschen Bundestag erklärt, das Schicksal Deutschlands sei untrennbar mit dem Schicksal der Ukraine verbunden. Berlin hat unter den westlichen Unterstützerstaaten die Rolle übernommen, welche die USA während der Biden-Administration innehatten. Die Bundesregierung verschränkt Deutschland und die Ukraine inzwischen auch zunehmend in der Rüstungsproduktion. So weit, so gut – wenn man jenseits der eindeutigen völkerrechtlichen Bewertung die strategischen Risiken dieser Politik ausblendet.“
Helmut W. Ganser: Der Krieg rückt näher, ipg-journal.de, 26.05.2026. Zum Volltext hier klicken.
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„Zweieinhalb Jahre nach dem 7. Oktober 2023“ so Eyal Weizman, „ist der Gazastreifen weitgehend zerstört: Städte, Flüchtlingslager, Schulen, Universitäten, Moscheen, Krankenhäuser, die Landwirtschaft, Brunnen, der Boden selbst. Bomben, Artilleriegeschosse, Panzergranaten und Bulldozer haben eine toxische Landschaft hinterlassen. Besonders systematische Zerstörungen verrichteten die D9-Planierraupen des US-Herstellers Caterpillar. Diese gepanzerten Giganten rammten ihre Schaufeln in die Erde, zerwühlten ganze Felder, entwurzelten Obstbäume, machten Häuser platt, rissen Straßen auf, durchpflügten Friedhöfe.
Eyal Weizman: Gaza – Techniken des Genozids, monde-diplomatique.de, 07.05.2026. Zum Volltext hier klicken.
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„Der Papst“, meint Marc Frings, „hat die vielleicht wichtigste politische Frage zur Künstlichen Intelligenz gestellt: Wer kontrolliert die digitale Ordnung der Zukunft – und wem dient sie? Während europäische Regierungen die KI-Debatte meist technokratisch oder wirtschaftspolitisch führen, formuliert Leo XIV. in seiner ersten Enzyklika eine grundlegende Kritik an Machtkonzentration, Datenkontrolle und digitaler Ungleichheit. Damit füllt er eine Leerstelle, die die demokratische Politik bislang offenlässt.“
Marc Frings: Gott gegen Google, ipg-journal.de, 28.05.2026. Zum Volltext hier klicken.
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„Es gibt Sätze, die klingen vernünftig und verraten gerade darin ihre politische Funktion. Einer davon lautet: Jeder ist für seine Ernährung selbst verantwortlich“, beginnt Holger Elias und hält dagegen: „Auf den ersten Blick scheint das unbestreitbar. Niemand führt einem erwachsenen Menschen mit Gewalt den Löffel zum Mund. Und doch gehört dieser Satz zu den elegantesten Verschleierungen unserer Zeit. Er verlagert Verantwortung aus den Produktionsverhältnissen in den Kühlschrank, aus Machtstrukturen in den Einkaufskorb, aus der Industrie in das schlechte Gewissen jener, die mit knappen Budgets auskommen müssen.“
Holger Elias: Der Darm und die Dividende, Ossietzky 9/2026. Zum Volltext hier klicken.
Letzte Meldung
Die aktuelle (26.) Ausgabe des „Global Wealth Report“ der Boston Consulting Group informiert: In Deutschland besitzen rund 5000 Superreiche mehr als ein Viertel des gesamten Finanzvermögens. Zugleich ist die Zahl der Menschen in Deutschland, die mehr als 100 Millionen US-Dollar (rund 86 Millionen Euro) besitzen, 2025 um rund 1100 gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Insgesamt zählt Deutschland mehr als 700.000 Multimillionäre.
Am unteren Ende der Pyramide finden sich 66 Millionen Deutsche wieder, deren Finanzvermögen geringer ist als 250.000 US-Dollar.
Eine Mittelgruppe von 3,2 Millionen Deutschen kann ihr Finanzvermögen immerhin auf eine Viertel- bis eine Million US-Dollar beziffern.
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Der dieser Tage veröffentlichte neueste Armutsbericht des Paritätischen
Wohlfahrtsverbandes weist unter anderem aus:
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Die Armutsbetroffenheit ist im Betrachtungszeitraum der letzten fünf Jahre auf ihrem Höchststand. Insgesamt 13,3 Millionen Menschen sind hierzulande von Einkommensarmut betroffen. Die Armuts-quote liegt bei 16,1 Prozent.
- Frauen sind mit 16,7 Prozent etwas häufiger von Armut betroffen als Männer mit 15,6 Prozent.
- Bei älteren Menschen ist die Situation unvermindert angespannt: Die Armutsquote liegt bei 19,5 Prozent. Damit ist inzwischen etwa jede fünfte Person ab 65 Jahren von Armut betroffen.
- Ein-Personen-Haushalte und Alleinerziehende zählen zu den am stärksten von Armut betroffenen Haushaltstypen. Mit einer Armutsquote von 30,3 Prozent bei Alleinlebenden und 28,9 Prozent bei Alleinerziehenden ist jeweils rund jede dritte Person in diesen Lebenslagen betroffen.
- 4,6 Millionen Personen leben in erheblicher materieller Entbehrung. Darunter etwa eine Million minder-jährige Kinder und Jugendliche und 650.000 Altersrentner.
Schlagwörter: Armut und Reichtum, Aufrüstung, Bierdeckel, Bundeskanzler, Ernährung, Fernsehen, Friedrich Merz, Gaza, Genozid, Global Wealth Report, Goethe, Gustav Seibt, Hüseyin Doğru, Jazz-Rock, Jeffrey Sachs, Journalismus, Künstliche Intelligenz, Lesen, Mathias Iven, Papst, Rainer Rönsch, Renate Parschau, Sanktionen, sarc, Spyro Gyra, Steuererklärung, Thomas Rüger, Ukraine, Ulrike Finck, Westend-Verlag

