Kraus’sche Ansichten
Sollte „Schlachtbank“ nicht vielmehr von der Verbindung der Schlacht mit der Bank herkommen?
(1917)
Nationalismus
Daß du nicht meiner Mutter Sohn,
das wird mich dauernd empören.
Es ist und bleibt der Stolz der Nation,
zur andern nicht zu gehören.
(1920)
Je nachdem
Aus zwei Teilen besteht das Vaterland,
die nichts miteinander noch je verband,
und nichts wird sie je miteinander verbinden:
Wer nicht vorn steht, wird nur den Nachteil finden.
(1925)
Film ab
Gottfried Wilhelm Leibniz gilt als letztes Universalgenie Europas und als einer der bedeutendsten Philosophen des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts, als Vordenker der Aufklärung und als Erfinder des binären Zahlensystems (das der gesamten heutigen Informationstechnologie zugrunde liegt), ebenso wie zahlreicher praktischer Dinge – vom Klappstuhl über die Luftmatratze bis zur mechanischen Rechenmaschine. Überdies hatte Leibniz im Unterschied zu vielen seiner männlichen Zeitgenossen kein Problem damit, auch in Frauen zum Denken befähigte Wesen mit beachtlichen Fähigkeiten zu sehen.
Edgar Selge ist zweifellos einer der besten lebenden Schauspieler deutscher Sprache. Etliche seiner Rollen – ob als einarmiger ARD-Kriminalkommissar Jürgen Tauber in „Polizeiruf 110“, als Ebbo von Siering im Spielfilm „Poll“ oder als Dorfrichter Adam in „Der zerbrochene Krug“, dabei im Foyer des Berliner Gorki-Theaters splitterfasernackt ein Vorspiel gebend – sind in bleibender Erinnerung.
Da hätte es also nur der Mitteilung bedurft: Selge gibt Leibniz, um das Interesse am Besuch des gleichnamigen Streifens von Edgar Reitz nachhaltig zu wecken.
Doch es gab ja auch noch die diversen medialen Besprechungen des Films und manches Interview mit dem Regisseur und verschiedenen Darstellern.
Die Welt urteilte: „[…] ein ausgeruhter und kurzweiliger Film“, der „trotz ausgewalzter Gespräche über Gott und die Welt viel Raum für Humor bietet“.
„Das Leben eines Universalgenies in 100 Minuten“, fasste der SWR zusammen.
Die Berliner Zeitung schwärmte: „Antonia Bill strahlt einen an, als hätte sie ihr Herz direkt hinterm Auge und darin einen Scheinwerfer.“
Und epd film schrieb: Regisseur Reitz hoffe, dass sich das Publikum „mit der Glückseligkeit anstecken lasse“, die Sophie Charlotte (Antonia Bill) – einst Schülerin des Genies, nun Königin von Preußen – im Umgang mit Leibniz empfinde, „und dass der Kinobesuch so etwas wird wie die Entdeckung des erotischen Denkvergnügens“.
All diesem Lorbeer zum Trotz – nach etwa 30 Minuten offenbarte ein leichter Ellenbogenstoß seiner Kinomitgängerin dem Besprecher die schamvolle Erkenntnis, dass er augenscheinlich dabei war wegzunicken …
„Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, Regie und Drehbuch (Mit-Autor): Edgar Reitz; derzeit in den Kinos.
Dementi aus einer Parteizentrale
Es heißt, dass der Abgeordnete K,
Den Wahlkampf nur von ferne sah,
Weil er sich immer so devot benahm,
Dass er vorn auf die Landesliste kam.
Und weil er nie eigne Gedanken gedacht,
Sei der Fraktionszwang quasi für ihn gemacht.
Er werde nun brav wie ein Kätzelein
Der Parteiführung stets zu Willen sein,
Die auf jede Stimme angewiesen,
Weil Tausende Wähler sie verließen.
Wir können das so nicht akzeptieren
Und müssen darum heut dementieren:
Herr K hat tapfer wie ein Held
Sich gegen die Fraktion gestellt.
Die wollte ihm das Monatsgehalt kürzen,
Da drohte er, die Regierung zu stürzen.
Man ließ die Kürzungspläne fallen,
Denn dieses Kätzelein hat Krallen.
Kurioses und Nachdenkenswertes aus dem Tierreich
Der Mensch ist ein unverbesserliches Wesen. Einerseits will er die Welt retten, die Tiere und Pflanzen erst recht. Doch geht es an Profit und Privateigentum, sind all die Nachhaltigkeit und der Tierschutz vergessen. In den Ozeanen schweben mittlerweile Plastikteile in tiefsten Tiefen, der Abschuss von Wölfen ist schon wieder erleichtert und in Südamerika wird der Amazonas-Regenwald, die grüne Lunge der Welt, immer kleiner. Pflanzenschutzmittel werden reichlich ausgebracht und riesige Freizeitkähne durchpflügen die Meere zum Schaden von Walen, Delphinen, Haien … Ach ja, auch Windräder töten jährlich viele Vögel.
Um etwas über Tiere zu erfahren, die womöglich schon morgen ausgestorben sind, sollten Frauen und Männer das wunderbare Buch von Katherine Rundell lesen. Die Schriftstellerin aus dem englischen Kent (1987 geboren) rückt das Weltbild mit kurzen und spannenden Geschichten gerade. In der Welt der Tiere geschehen anscheinend unmögliche Dinge. Die Autorin schildert wundersame Begebenheiten und enthüllt Überraschendes über viele bedrohte Tierarten. Das liest sich teils lustig, teils erschreckt es: Die Stoßzähne des Narwals etwa, Bärenfett und anderes ließen Menschen sinnlos morden – eben wegen des Profits. Ein tolles Buch für alle Leser, die sich noch lange an Tieren erfreuen und sie bewahren wollen.
Katherine Rundell: Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt: und andere Kuriositäten aus dem Tierreich. Diogenes Verlag, Zürich 2025 (als Taschenbuch), 208 Seiten, 16,00 Euro.
Aus anderen Quellen
Im Rahmen der Kultur des politischen Witzes in der DDR gehörten die Fragen an den Sender Jerewan zu den besonders beliebten. Nach dem immer gleichen Schema könnte ein zeitgenössischer Vertreter des Genres heute folgendermaßen lauten:
Frage an den Sender Jerewan: Können die Faktenchecker von der ARD tatsächlich Fakten checken?
Antwort: Im Prinzip – ja. Aber – haben Sie schon mal einen Zitronenfalter Zitronen falten sehen?
Der Witz wäre ein passendes Fazit zu Peter Welcherings Untersuchung zum immer mal wieder höchst zweifelhaften Niveau des Faktencheckens bei der ARD.
Peter Welchering: Peinliche Lücken, Berliner Zeitung, 18.09.2025. Zum Volltext hier klicken.
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In seiner Betrachtung zum Thema Pazifismus gestern und heute schreibt Wolfgang Janisch: „Was es zum Stand des Pazifismus im Jahr 2025 zu sagen gibt, hat Terumi Tanaka in einem Satz zusammengefasst: ‚Wir leben in einer Zeit, in der Aufrüstung vielen Menschen wieder attraktiv erscheint.‘ So wurde Tanaka kürzlich in einem Zeitungsbericht zitiert. Der 93-Jährige überlebte vor 80 Jahren den Atombombenabwurf auf Nagasaki und hat sich dem Kampf für den Frieden verschrieben. Vergangenes Jahr gewann seine Organisation Nihon Hidankyo den Friedensnobelpreis. An seinem bitteren Fazit ändert das nichts. Die Menschen verlassen sich in Zeiten globaler Machtverschiebungen lieber auf militärische Stärke. Für mahnende Worte von Friedensfreunden hat das 21. Jahrhundert noch kein Gehör entwickelt.“
Wolfgang Janisch: „Dem Militarismus keinen Mann und keinen Groschen“, sueddeutsche.de, 04.09.2025. Zum Volltext hier klicken.
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Während Politiker nicht nur der bundesdeutschen Regierungsparteien, hohe Militärs sowie führende hiesige Medien sich ein ums andere Mal zur Möglichkeit eines großen Krieges mit Russland wie zu einer in naher Zukunft zu erwartenden Realität äußern (siehe Blättchen 10/2025 und 13/2025) und die Bundeswehr im öffentlichen Raum wie auch medial Eigenwerbung betreibt wie für einen Abenteuerurlaub, bleibt die brutale Kriegsrealität völlig ausgespart. Da kann es nicht schaden, auf historisches Anschauungsmaterial zurückzugreifen – etwa auf die Terra X History-Dokumentation über die Schlacht von Stalingrad von Jörg Müller.
Jörg Müller: Stalingrad – Die Schlacht, die niemals endet, ZDF, 29.01.2023. Zum Video hier klicken.
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„Märchen gibt es auch dort, wo man sie zuallerletzt vermutet: in der Steuerpolitik und im Steuerrecht“, beginnt Heribert Prantl einen seiner wöchentlichen Newsletter. „Dort nämlich wird noch immer das Märchen erzählt, dass man (etwa zur Finanzierung des Sozialstaates) eine Vermögensteuer beim besten Willen nicht einführen könne, weil das Bundesverfassungsgericht sie verboten habe. Das war falsch und das ist falsch: Den besten Willen gab es nie und ein Verbot der Vermögensteuer auch nicht.“
Heribert Prantl: Prantls Blick, sueddeutsche.de, 07.09.2025. Zum Volltext hier klicken.
Schlagwörter: ARD, Clemens Fischer, Edgar Selge, Faktencheck, Heribert Prantl, Karl Kraus, Krieg, Leibniz, Militarismus, Pazifismus, Rainer Rönsch, Stalingrad, Thomas Behlert, Vermögensteuer

