23. Jahrgang | Nummer 15 | 20. Juli 2020

Bemerkungen

Als die Welt neu geordnet wurde

Vor 75 Jahren wurde in Potsdam Weltgeschichte geschrieben: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, vom 17. Juli bis zum 2. August 1945, verständigten sich die Regierungschefs der Sowjetunion (Stalin), der USA (Truman) und Großbritanniens (Churchill, dann Attlee) über die Neuordnung der Welt – über das zukünftige Schicksal nicht nur vieler europäischer Staaten, sondern auch über weitreichende politische Konsequenzen für Länder des Mittleren Ostens und Asiens.

Die Konferenz sollte in Berlin stattfinden, wo sich infolge flächendeckender Zerstörungen durch anglo-amerikanische Bombardements jedoch keine geeigneten Räumlichkeiten für Tagungen und Unterkünfte fanden. In Potsdam hingegen war Schloss Cecilienhof, der letzte Bau der Hohenzollern – errichtet im Ersten Weltkrieg, als Millionen an den Fronten verreckten und Hunger auch in Deutschland die Bevölkerung plagte – unversehrt. Und in Babelsberg boten intakte Villen als Residenzen für die Konferenzchefs angemessene Unterkunft. Aus politisch-propagandistischen Gründen wurde das Treffen im Abschlussdokument gleichwohl als „Berliner Konferenz“ ausgewiesen.

Ihren besonderen Reiz erhält eine neue Exposition in Cecilienhof durch das ausführliche Tagebuch einer damals 19-jährigen Sekretärin, die als Teilnehmerin der britischen Delegation den Konferenzalltag aus ihrer Sicht festgehalten hat und damit ausnahmsweise auch einmal die kleinen Geschichten hinter der großen Historie („Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ – Brecht) lebendig werden lässt.

Nicht zuletzt erfährt man, dass Truman von Potsdam aus den Befehl zu einem der schwersten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges gab, zum Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Gegen das Votum seines Generalstabschefs Admiral William Leahy, für den dieser Akt die USA auf eine Stufe mit den Barbaren des Mittelalters stellte.

Manche Verkürzung der Ausstellungsmacher in der Darstellung allerdings zeichnet ein etwas einseitiges Bild der damaligen Vorgänge. So ist mehrfach davon die Rede, dass Stalins territoriale Forderungen gegenüber Polen, wofür dieses durch deutsche Gebiete östlich von Oder und Neiße entschädigt werden sollte, ein Streitpunkt zwischen den Siegermächten waren. Das klingt nach typisch russischem Expansionismus. Zumal nicht erwähnt wird, dass es dabei um ukrainische und weißrussische Gebiete ging, die sich Polen zwischen 1919 und 1921 im Ergebnis eines Krieges mit der jungen Sowjetmacht erst einverleibt hatte. (Bei der Gelegenheit hatte sich Polen auch Teile des 1918 unabhängig gewordenen Litauens unter den Nagel gerissen, wodurch dessen Hauptstadt Vilnius bis 1939 polnisch war.)

Alfons Markuske

Noch bis 1. November: „Potsdamer Konferenz 1945 – Die Neuordnung der Welt“, Schloss Cecllienhof, Im Neuen Garten 11,14467 Potsdam; täglich (außer Montag) 10:00 bis 17:00 Uhr, Eintritt: 14,00 Euro / ermäßigt (unter anderem für Rentner) 10,00 Euro; Tickets nur online.

Gabriel & Tönnies

Auf den gut dotierten, inzwischen beendeten Beratervertrag des Kotelett-Kaisers Clemens Tönnies mit Ex-SPD-Chef und Ex-Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel war in der vorangegangenen Blättchen-Ausgabe bereits in einer Antwort eingegangen worden. Zwischenzeitlich hat Gabriel, der manchen nicht nur in seiner Partei noch gut als formidabler Kotzbrocken in Erinnerung sein dürfte, die unter anderem von seinen Nachfolgern im SPD-Vorsitz Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans geübte Kritik als „neunmalklug“ zurückgewiesen und mit der ihm eigenen Chuzpe darauf verwiesen, dass 10.000 Euro im Monat „für normale Menschen“ zwar viel Geld sein mögen, aber „in der Branche ist das kein besonders hoher Betrag“.

Dem soll gar nicht widersprochen werden. Doch eine kurze Nachwäsche ist trotzdem fällig.

Denn zum einen ist Tönnies eben nicht nur, wie Gabriel trotz beendetem Beratervertrag zu relativieren versuchte, „gerade das Gesicht für den gesamten Corona-Frust in der Bundesrepublik“, sondern ein ausnehmend unappetitliches Ausbeuter-Exemplar, dessen Profitmaximierung vor allem bei seinen ausländischen Werkvertragsarbeitern, aber gelegentlich auch bei den Kunden zugriff. Dazu haben die Kollegen von Report Mainz jetzt noch mal einiges zusammengetragen. (Zum Beitrag hier klicken.)

Und zum anderen weisen Gabriels Beratertätigkeit und sein Agieren in dieser Sache eben mehr als nur ein Geschmäckle auf. So heißt es einem internen Tönnies-Papier zur Tätigkeit von Gabriel für das Unternehmen: „Gegenstand des dem Auftragnehmer erteilten Auftrags ist die vereinbarte Leistung, nicht ein bestimmter Erfolg (Hervorhebung – A.M.).“ Das nicht als Blankoscheck für gegenleistungsfreies Abkassieren zu werten fällt schon schwer. Zumal Robert Tönnies, ein Neffe des Unternehmenschefs, mit Blick auf Vorgänge während Gabriels Zeit als Bundeswirtschaftsminister geäußert hat, dass dessen jetzige Beschäftigung die Frage aufwerfen könnte, „ob Herr Gabriel dem Unternehmen bei der Fortführung des Modells der Werkverträge oder bei der Niederschlagung der Kartellstrafe hilfreich zur Seite stand […]. Es war schließlich sein Verantwortungsbereich!“ Und die Kollegen von Panorama sind noch auf weitere bemerkenswerte Sachverhalte gestoßen. (Zum Beitrag hier klicken.)

Dass Gabriel sein aktuelles Tun damit zu rechtfertigen suchte, er sei schließlich „kein Politiker mehr“, veranlasste Panorama-Moderatorin Anja Reschke zu der mokanten Bemerkung: „[…] kein Politiker mehr? Vielleicht ist Siegmar Gabriel auch kein Sozialdemokrat mehr.“

Alfons Markuske

14 mal Luther im Panorama-Rund

Yadegar Asisis beeindruckendes Monumentalpanorama „Luther 1517“ ist von Renate Hoffmann bereits zum Zeitpunkt seiner Eröffnung, im Jahr des 500. Reformationsjubiläums 2017 ausführlich besprochen worden – siehe Blättchen-Ausgabe 10/2017. Doch manchen hat vielleicht der Besucher-Trubel im Jubeljahr abgeschreckt, und dann gerät manches eben manchmal auch einfach wieder in Vergessenheit …

Heute, etwa an einem gewöhnlichen Freitag, kann das Panorama – und zwar trotz Corona, wenn auch mit Maske – ohne Gedränge vor dem Eingang und drinnen in aller Ruhe besichtigt werden. Der sehr informative Audioguide hilft dabei, die meisten der insgesamt 14 szenischen Ensembles, in denen der Reformator in persona agiert – etwa beim öffentlichen Räsonieren über den damals im katholischen Europa ubiquitären Sündenerlass gegen klingende Münze (Ablasshandel) oder beim handgreiflichen Versuch, den nachmaligen Bauernkriegsführer Thomas Müntzer an einer Intervention beim sächsischen Landesherrn Friedrich dem Weisen zu hindern – auch tatsächlich zu entdecken. Und wer ein Fernglas dabei- sowie genügend Geduld hat, der wird auch auf diesem Panorama wieder ein Zeichen dafür entdecken, dass dem Schöpfer des Bildes ein gewisser Hang zum skurrilen Humor nicht abzusprechen ist. Waren es auf seinem Panorama „Rom 312“ mehr als ein Dutzend Katzen, die durch die Szenerien schlichen, oder bei „Pergamon 129 nach Christus“ die Skulptur des Dornenausziehers, den Asisi mit ins Bild setzte – allerdings in Fleisch und Blut – oder sein eigenes Porträt, das Besucher von „Dresden 1756“ entdecken konnten, so ist es dieses Mal zwar wieder – wie bereits auf seinem Panorama „Great Barrier Reef“ und anderen – etwas ziemlich Profanes. Doch nicht ohne Bezug zu einer Zeit, in der Dünnbier bereits zum Frühstück gehörte und Trunksucht ein weit verbreitetes Übel war: eine Bierflasche (in heute handelsüblicher Gestalt).

Hans-Peter Götz

„Luther 1517“, 360º Panorama, Lutherstadt Wittenberg, Lutherstr. 42, täglich 10:00 bis 17:00 Uhr, Eintritt 11,00 Euro, ermäßigt 9,00 Euro. Noch bis 31.10.2021.

Zwischen sich Wundern und Erstaunlichkeit

SIGNUM ist eine Zeitschrift für Literatur und Kritik und erscheint, herausgegeben von Norbert Weiss und Jens Wonneberger, zweimal jährlich seit 20 Jahren in Dresden.

Die Kolonne war eine Zeitschrift für Dichtung, die von 1929 bis 1932 erschien, herausgegeben von Martin Reschke und A. Artur Kuhnert. Von der einen wusste ich, von der anderen wusste ich nicht(s). In Klammern: Das häuft sich allmählich: dass ich immer weniger weiß, je mehr ich kennen- und lerne beziehungsweise vergesse und nicht mehr wissen will. Möglicherweise begreift der Mensch zum Ende hin, dass er je mehr er weiß, nichts weiß. (Ich grüße Sie, Onkel Sokrates, stimmiger Gedanke, der Ihnen zumythisiert wird.)

Die Aufgabe der Kolonne schrieb Martin Reschke (1905–1946) bestehe darin dem „Irrglauben Allzuvieler entgegen (zu)treten: wir lebten geistig noch immer in neunzehnten Jahrhundert und in einer rational erfassbaren Welt, die der Dichtung nicht mehr zu ihrer tiefsten Ordnung und Deutung bedürfte“.

Wir Jetzigen leben im 21. Jahrhundert; in welchem Jahrhundert leben wir? Auch so noch im Anfang, auch schon so im Unfassbaren, auch so schon, wenn wir fiebrig-ambitioniert sind, in der Sehnsucht nach „tiefster Ordnung und Deutung“ des Jahrhunderts davor? Das 20. Jahrhundert hat, glaube ich, nichts anderes gemacht als die Jahrhunderte davor: alles Leben und Sterben, alles Streben und Beben, alles Verdammte und Verschlampte in einen Thermomixer geschmissen. Was und wer als Kunst und Künstler schmackhaft den Kunst-Gaumen der Nachwelt streichelt, wird immer und immer wieder ein (im Thermomixer der Kultur- und Debattier-Maschine) kaum trennbares Produkt sein. Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – nee, so funktioniert Nachhaltigkeit von Namen nicht.

Nichtsdestotrotz. Die Kolonne weiß, dass sie keine „Genies erzeugen, wohl aber den Atemraum schaffen (kann), in dem auch das Größte sich geachtet verwirklichen könnte, wenn es erschiene“. Größeres gibt es nicht für einen schreibenden Drang: als sich veröffentlicht zu sehen. Atemraum – ein schönes Wort, ein schönes Angebot für Menschen, die mit ihren Texten die Öffentlichkeit beatmen und von ihr beatmet werden wollen. Es muss einen Glauben an die Wirksamkeit und Notwendigkeit von Geschriebenem gegeben haben … 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, 21. Jahrhundert … Die Liste der in der Kolonne veröffentlichten „Geister“ ist lang und stark.

Da sind die „Berühmteren“ (nennen wir: Becher, Brecht, Benn, Kramer) und die „Unbekannteren“ (nennen wir: Politzer, Gunnarson, Heuschele, Saalfeld). Und lang ist auch die Liste derer, die sich – so steht es festgeschrieben ab 2019 in SIGNUM – animieren ließen von Dichterinnen und Dichtern, die in der Kolonne veröffentlichten. Heinz Czechowski, Uwe Kolbe, Richard Pietrass, Lutz Seiler. Nicht zuletzt (oder doch fast zuletzt in dieser knappen Besprechung) Wulf Kirsten. Aufgefordert, etwas über Die Kolonne zu schreiben, beschreibt er die Berührung mit der Kolonne als eine ambivalente Arbeit: „Ablehnung oder Anpassung“.

Kirsten hat sich – so lese ich den Bericht seiner Recherche über Die Kolonne – tiefergehend mit dem Blatt beschäftigt. Schon vorher; SIGNUM, nehme ich an, wusste um Kirstens „Spezialistentum“. Am Ende kommt der Dichter zu dem Fazit: „Ich dachte, zur ‚Kolonne‘ sei längst alles gesagt.“ Wahrscheinlich ist das so für all diejenigen, die von Kolonne wissen, ihre Autoren kennen und lesen. Für mich war es eine feine Entdeckung.

Eckhard Mieder

Zwischen Wunder und Sachlichkeit, Die Kolonne, Zeitschrift für Dichtung, SIGNUM, Sonderheft 19, Herbst 2019.

Ein Fotoband für Hiddensee-Liebhaber

Eigentlich ist es nur ein kleines Eiland, doch die Ostseeinsel Hiddensee lockt mit weißen Sandstränden, endlosen Dünen und einer Steilküste mit sanften Hügeln auf dem nördlichen Dornbusch. Und dann ist da dieses Licht, das schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts viele Künstler anzog. Neben dem perfekten Licht fanden sie hier eine ursprüngliche Natur und leuchtende Farben zwischen Land und Meer.

Ein Blick in Internetforen genügt, dass es heute vor allem Touristen sind, die die Schönheiten der Insel mit Kompaktkameras oder Smartphones festhalten. Aus diesen gleichförmigen Hiddensee-Massenfotos heben sich die Farbaufnahmen von Uta-Katharina Gau wohltuend heraus. Gau (Jahrgang 1963) ist zwar keine waschechte Insulanerin, sondern kam erst 1990 auf die Insel, wo sie neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Mitarbeiterin der Evangelischen Kirchengemeinde auch als Fotografin und als Webdesignerin (hiddensee-web.de) tätig ist. In diesen drei Jahrzehnten ist sie zu einer Kennerin der Insel geworden – vor allem der unbekannten und entlegenen Ecken.

Obwohl Gau den Fotografenberuf nie erlernt hat, darf man ihre Fotos als meisterhaft bezeichnen. Erste Aufnahmen fanden Eingang in Bücher über Hiddensee. Nun liegt im Lehmstedt Verlag ein eigener Bildband vor. Auf den knapp neunzig Farbaufnahmen hat Gau die außergewöhnlichen Momente der Insel eingefangen – das Abendglühen nach Sonnenuntergang, die Spiegelungen am Bodden, überflutete Wiesen bei Vitte oder einen Inselblick im Nebel. Natürlich fehlen auch die bekannten Fotomotive wie der Leuchtturm auf dem Dornbusch, der Hafen von Kloster oder das Asta-Nielsen-Haus nicht. Die Fotos konzentrieren sich aber ganz auf die fast menschenleere Natur, auf das Zusammenspiel von Land, Meer und Himmel.

Die Autorin Steffi Böttger betont in ihrem Vorwort: „Das Geheimnis der Hiddensee-Bilder von Uta-Katharina Gau liegt zunächst einmal schlicht in der dauernden Anwesenheit der Fotografin auf der Insel.“ Tatsächlich gelingen solche Bilder nur, wenn man jahrein, jahraus, zu jeder Jahreszeit auf der Insel unterwegs ist. Man muss mit den Lichtverhältnissen, der Witterung und den Naturphänomenen vertraut sein. Doch das allein genügt nicht, man muss wie Gau auch den Blick, das Gespür für die besondere Situation haben. So sind Aufnahmen von fast meditativer Ausstrahlung entstanden.

Manfred Orlick

Uta-Katharina Gau: Hiddensee – Insel im Licht, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2020, 144 Seiten, 20,00 Euro.

Aus anderen Quellen

Am 18. Juni veröffentlichte das US-Magazin The National Interest einen Beitrag des russischen Präsidenten Wladimir Putin über die „wahren Lehren“ des Zweiten Weltkriegs. (Eine deutsche Übersetzung ist auf der Homepage der Russischen Botschaft in Berlin aufrufbar.) Darin benennt Putin als eine der entscheidenden Ursachen des Krieges das Münchner Abkommen von 1938, mit dem die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs (sowie unter mittelbarer Beteiligung Polens) die Zergliederung der Tschechoslowakei beschlossen. Dazu Putin: „München zerstörte […] jene formellen und zerbrechlichen Garantien, die auf dem Kontinent geblieben waren, und zeigte, dass gegenseitige Vereinbarungen nichts wert sind. Gerade das Münchner Abkommen diente als Auslöser, nach dem ein großer Krieg in Europa unvermeidlich wurde.“
Götz Aly hat Putins Beitrag kommentiert: „Wer sich die Botschaft durchliest, wird feststellen, dass sie mit Fakten gespickt ist, die es in sich haben.“ Und: „Mit Recht bezeichnet er (Putin – die Redaktion) das Münchner Abkommen von 1938 als den zentralen Sündenfall.“
Eine ausführliche Analyse hat Michael Brettin geliefert. Darin heißt es unter anderem: Die „Gespräche zwischen Moskau und Berlin im Sommer 1939, die schließlich zum sogenannten Hitler-Stalin-Pakt führten, seien Frankreich und Großbritannien nicht verborgen geblieben. Beide „verstärkten ihre Bemühungen, ein Bündnis mit Stalin zu schließen, um Hitler in die Schranken zu weisen, konnten aber eine Hürde nicht nehmen: Polen verweigerte der Sowjetunion das Durchmarschrecht – Warschau wollte die Rote Armee nicht in ein Gebiet lassen, das polnische Soldaten ihr im Krieg von 1919 bis 1921 entrissen hatten.“

Vladimir Putin: The Real Lessons of the 75th Anniversary of World War II, nationalinterest.org, 18.06.2020. Zum Volltext hier klicken – und zur Übersetzung hier.

Götz Aly: „Hört endlich auf, Russland zu demütigen!“, berliner-zeitung.de, 6.7.2020. Zum Volltext hier klicken.

Michael Brettin: Provokation aus Moskau: Wer trägt welche Schuld am Zweiten Weltkrieg?, berliner-zeitung.de, 04.07.2020. Zum Volltext hier klicken.

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In „Politik am See“, seiner „Sommerschwafelserie“, hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) für die AfD den Rechtsextremen Andreas Kalbitz, vormals Mitglied im Bundesvorstand der Partei interviewt. Was schon mal insofern bemerkenswert ist, als Kalbitz im Mai offiziell die Parteimitgliedschaft entzogen worden war. Damit bewegt sich der öffentlich-rechtliche rbb immerhin auf Augenhöhe mit der AfD-Fraktion im Potsdamer Landtag, die ihr Missfallen über Kalbitz‘ Rausschmiss dadurch manifestierte, dass sie den hinterher erneut zu ihrem Fraktionsvorsitzenden wählte. Doch die rbb-Sendung hatte noch mehr zu bieten. Mely Kiyak fasste zusammen: „Nun saß er also mit Glatze in braunen Socken im rbb-Körbchen und wurde zu Gesundheits- und Umweltpolitik befragt, zu Baugenehmigungen und Strukturwandel. Sanfte Wellen im Badesee, ein blaues Schiff fuhr vorbei. Strukturwandel natürlich nicht im Sinne von Wandel von der Demokratie zum Faschismus, was ja doch seine eigentliche Expertise ist, sondern zu Tesla in Grünheide.“ Das wirft die Frage auf: „Will man die Pinnwand der Parteien sein und unwidersprochen die Politiker reden lassen? Dann darf man das nicht ‚Politik am See‘ nennen, sondern ‚PR am See‘.“ Und: „Würde man sein eigenes Format ernst nehmen, also den Anspruch besitzen, politjournalistisch Bedeutsames zu senden, dann würde man den Politikern Journalistinnen vorsetzten und nicht Fragestellerinnen. Tat der Sender alles nicht. Genauso wenig kam zur Sprache, dass Kalbitz vom Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft wurde […]. Offenbar schaut man nicht einmal mehr die eigenen Nachrichten. Jedes Schülerfernsehen einer Oberstufe verfügt über mehr Ehrgeiz und Vorbereitung.“

Mely Kiyak: Braune Socken am See, zeit.de, 08.07.2020. Zum Volltext hier klicken.

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In einer Studie ist, wie Yana Milev schreibt, festgestellt worden, „dass trotz der vereinigungsbedingten Umwälzungen zwischen 1990 und 1993 der Konsum illegaler Drogen in den ostdeutschen Neuländern nicht signifikant anstieg. […] Grundsätzlich anders ist die Situation nach 20 Jahren. So entwickelte sich Chemnitz ab den 2000er Jahren zur Crystal-Meth-Hauptstadt Europas. Eine Studie des ‚European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction‘ erforschte den Drogenkonsum von Einwohnern mittels Abwasseranalysen. Im Vergleich von 60 Städten wurden 2017 in Chemnitz die größten Rückstände von Methamphetamin im Abwasser gefunden. Dieser Tatbestand ist einerseits mit den bisherigen offiziellen Drogenberichten inkompatibel, lässt aber andererseits auf einen krassen sozialen Wandel im Zuge der neoliberalen ‚Reformen‘ nach 1990 schließen.“

Yana Milev: Wie Chemnitz Crystal-Meth-Hauptstadt Europas wurde, berliner-zeitung.de, 07.07.2020. Zum Volltext hier klicken.

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Mit einem Interview hat Blättchen-Autor Otfried Nassauer die Hintergründe der Diskussion um die Nukleare Teilhabe erinnert. Als die NATO Ende der 1960er Jahre die Strategie der flexiblen Antwort (flexible response) einführte und die meisten ihrer Mitgliedsstaaten zugleich vor der Frage standen, ob sie dem Atomwaffensperrvertrag als nichtnukleare Mitglieder beitreten sollten, habe es im Interesse vieler westeuropäischer Staaten gelegen, sich Informations- und Mitsprachemöglichkeiten für den Fall eines erstmaligen Einsatzes atomarer Waffen in Europa zu sichern. Westeuropäische Trägersysteme und die Lager für US-Atomwaffen in Westeuropa dienten ihnen als Begründung für ihre Forderung.

Die aktuelle Debatte über die Zukunft der Nuklearen Teilhabe werfe die Frage auf, ob solche Mitsprachemöglichkeiten auch heute noch existierten und durch die Bereitstellung von nuklearfähigen Jagdbombern der westeuropäischen Stationierungsländer Deutschland, Belgien, Italien und Niederlande gewährleistet würden. Deren militärische Einsetzbarkeit zum Zweck des Überschreitens der nuklearen Schwelle sinke seit Jahren. Washington habe sich im Übrigen mit seegestützten substrategischen Atomwaffen deutlich bessere militärische Optionen zugelegt, mit denen es Konsultationswünschen seiner europäischen Partner künftig ausweichen könne. Die Beibehaltung der technisch-nuklearen Teilhabe garantiere heute eher eine ethisch-politische Teilhabe an der Verantwortung für einen potentiellen Bruch des nuklearen Tabus als Mitspracherechte im Vorfeld eines solchen Bruchs.

Kleinere Atomwaffen – größere Kriegsgefahr?, Transparenz TV, 10.06.2020. Zum Volltext hier klicken.

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In ihrem Beitrag zur Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar vermerkt Uta Baier: „Bevor es am Abend des 2. September 2004 dort brannte und 50.000 Bücher vernichtet und weitere 118.000 schwer beschädigt wurden, waren jährlich etwa 13.000 Besucher in den kleinen, architektonisch sehr harmonischen Rokoko-Bibliothekssaal gekommen. Der Brand machte ihn weithin bekannt. Seit seiner Rekonstruktion und Wiedereröffnung 2007 werden jährlich 80.000 bis 90.000 Besucher gezählt.“ Die Autorin berichtet ausführlich über die „Wunderwerke“ der Restauratoren: „Für die 15.000 Weimarer ‚Aschebücher‘ musste […] ein Verfahren entwickelt werden, das die Restaurierung großer Blattmengen gleichzeitig möglich macht. Denn nach der Gefriertrocknung, die nach dem Brand angewendet wurde, muss jedes einzelne Blatt gereinigt, jeder Rand von Asche befreit werden. Anschließend können zwei beschädigte Seiten zu einer Doppelseite verbunden, stabilisiert, getrocknet und gepresst werden. […] Seit 2008 wurden bereits 900.000 Blätter wiederhergestellt.“

Uta Baier: Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek: Aus Asche werden neue Bücher geboren, berliner-zeitung.de, 15.05.2020. Zum Volltext hier klicken.