Wir sind das nächste Angriffsziel von Russland […],
und wir müssen uns auf Krieg in einem Ausmaß vorbereiten,
wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlitten haben.
Mark Rutte, NATO-Generalsekretär
Deutschland hat eines der sichersten Stromnetze der Welt …
Die Bundesregierung
Kürzlich hat die Süddeutsche Zeitung – offenbar an der Schwelle zur Hysterie, wenn nicht schon jenseits derselben – die Frage in den Raum gestellt: „Könnte Russland schon 2026 die NATO angreifen?“ Doch während nicht nur Mark Rutte, sondern auch Politiker unterschiedlicher Couleur hierzulande, dazu die sogenannten Leitmedien und nicht zuletzt Generale der Bundeswehr (Blättchen 10/2025) seit längerem einen Krieg mit Moskau förmlich herbeireden, bestehen selbst unter westlichen Experten kaum Zweifel daran, dass, sollte es zu einer direkten militärischen Konfrontation kommen, Russlands Streitkräfte der NATO im konventionellen Bereich nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hätten. Selbst wenn die USA sich heraushielten. (Zum Kräftevergleich vor den massiven russischen Verlusten in der Ukraine Blättchen 15/2022.) Und die russische Kriegführung gegen Kiew ist zwar barbarisch, insbesondere wo sie sich gegen zivile Infrastruktur und damit in erster Linie gegen die Bevölkerung richtet. Aber in den unmittelbaren Kampfgebieten rücken die Truppen – nach russischen Angaben immerhin 700.000 Mann – im Schneckentempo voran. Für den Westen alles andere denn zum Fürchten. Manche warnen daher mit Blick auf einen Krieg zwischen der NATO und Moskau völlig zu Recht vor der Gefahr eines frühzeitigen Atomwaffeneinsatzes durch Russland (Blättchen 21/2024 und 25/2024).
Denkbar sind jedoch auch andere Szenarien, mit denen Moskau seine konventionelle Unterlegenheit zu kompensieren trachten könnte. Mit einem dieser Szenarien befasst sich dieser Beitrag.
*
Die Bewohner jener Berliner Stadtviertel, die in den vergangenen Monaten infolge eher kleinteiliger Terroranschläge von größerflächigen, andauernden Stromausfällen betroffen waren, dürften der eingangs zitierten Verlautbarung der Bundesregierung zur Sicherheit des deutschen Stromnetzes mit Skepsis gegenüberstehen. Dabei waren die Berliner Vorfälle nur Marginalien im Vergleich dazu, was bundesweit drohen könnte.
Nach Angaben, die im Internet zu finden sind, gibt es im deutschen Stromnetz über 3000 Umspannstationen und -werke, davon rund 300 im Bereich des Höchstspannungsfernübertragungsnetzes. Wie sind diese Anlagen, überwiegend auf der sprichwörtlichen grünen Wiese stehend, geschützt? Durch Metallzäune, mal mit Stacheldrahtkrone, mal ohne, und natürlich durch Schilder mit Aufschriften wie „Betreten [streng] verboten! Lebensgefahr!“ Schutzvorkehrungen gegen Attacken durch Drohnen, Marschflugkörper oder gar ballistische Raketen gibt es nirgendwo in Deutschland. Das korrespondiert eigentümlich folgerichtig damit, dass in der Verlautbarung der Bundesregierung, aus der das Eingangszitat stammt, Phänomene wie Sabotage, Terrorismus oder Krieg als potenzielle Gefährdungen der Stromversorgung gar nicht vorkommen.
Für Fachleute dürfte es hingegen keine unlösbare Aufgabe sein, unter den 300 Umspannwerken im Fernübertragungsnetz die zwei, drei oder vier Dutzend besonders neuralgischen auszumachen, deren Ausschaltung kaskadenartige Effekte bis zu einer mehr oder weniger bundesweiten Lahmlegung der Stromversorgung auslösen könnte. Das leitet zu der Frage über, was als nächstes passieren würde und welche Folgen von einem derart umfassenden Blackout zu erwarten wären.
Bereits vor 15 Jahren hat sich dafür der Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung interessiert und beim Büro für Technikfolgen-Abschätzung des Parlaments (TAB) eine Studie in Auftrag gegeben: „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften – am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“. Als Untersuchungsgegenstand definiert wurde, „zu untersuchen, wie sich ein langandauernder und großflächiger Stromausfall auf besonders kritische Infrastrukturen wie z. B. Trinkwasser, Abwasser, IuK-[Information- und Kommunikation – H.H.]-Systeme […] und Gesundheitsdienstleistungen auswirken könnte, insbesondere im Fall eines Kaskadeneffekts über Länder- und nationale Grenzen hinweg“. Seit 2011 ist diese Studie als Bundestagsdrucksache 17/5672 im Netz abrufbar.
Im Absatz „1.1 Anmerkungen zu den Ursachen eines langandauernden und großräumigen Stromausfalls“ der Studie spielte Krieg als möglicher auslösender Faktor seinerzeit keine Rolle. Gleichwohl lag den Untersuchungen die Annahme zugrunde, „dass der Stromausfall einige Wochen dauern könnte“.
Die Studie stellte für folgende Schwerpunktbereiche unter anderem heraus:
Informationstechnik und Telekommunikation: „Die Folgen eines großräumigen, langfristigen Stromausfalls […] müssen als dramatisch eingeschätzt werden. Telekommunikations- und Datendienste fallen teils sofort, spätestens aber nach wenigen Tagen aus. […] Damit entfällt […] für die Bevölkerung die Möglichkeit zur aktiven und dialogischen Kommunikation mittels Telefonie und Internet. Die Vielzahl der strombetriebenen Netzwerkknoten, Vermittlungsstellen und Funkantennen der Festnetz- und Mobiltelefonie sowie des Internets macht deren flächendeckende Wiederinbetriebnahme praktisch unmöglich […].“
Transport und Verkehr: In diesem Sektor „fallen die elektrisch betriebenen Elemente der Verkehrsträger Straße, Schiene, Luft und Wasser sofort oder nach wenigen Stunden aus. […] Aus einer Vielzahl von Unfällen, liegengebliebenen Zügen und U-Bahnen, umzulenkenden Flügen sowie Lkw- und Güterstaus in Häfen ergeben sich erhebliche Einschränkungen der Mobilität und des Gütertransports. Insbesondere in Metropolen und Ballungsräumen führen Staus und Unfälle im Straßenverkehr zu chaotischen Zuständen. Brandbekämpfung, Notrettung und Krankentransporte […] sowie eine Vielzahl weiterer Maßnahmen zur allgemeinen Schadensbewältigung werden erheblich behindert.“ Nicht zuletzt, da „alle Tankstellen ausgefallen sind“.
Wasserversorgung und Abwasserentsorgung: „Wasser ist als nichtsubstituierbares Lebensmittel und Garant für hygienische Mindeststandards eine unverzichtbare Ressource zur Deckung menschlicher Grundbedürfnisse. […] Eine Unterbrechung der Wasserversorgung wirkt sich umfassend auf das häusliche Leben aus: Die gewohnte Körperpflege ist nicht durchführbar; für die Mehrzahl der Haushalte gibt es kein warmes Wasser. Das Zubereiten von Speisen und Getränken ist nur reduziert möglich, und die Toilettenspülung funktioniert nicht. Mit fortschreitender Dauer des Ausfalls ist mit einer Verschärfung der Probleme zu rechnen.“
Lebensmittel: „Der Lebensmittelhandel erweist sich […] als das schwächste Glied der Lebensmittelversorgung. Schon nach wenigen Tagen ist mit ernsthaften Engpässen […] zu rechnen.“ In der Tierproduktion fällt die Stalltechnik aus, und die „Versorgung [der Tiere – H.H.] mit Futter, Wasser und Frischluft“ ist manuell nicht zu leisten. „Am problematischsten ist die Versorgung von Schweinen und Geflügel in Beständen mit mehreren Tausend Tieren. Unter diesen Bedingungen überleben die Tiere oft schon die ersten Stunden nicht.“ (Zu den daraus sich ergebenden, nicht lösbaren Kadaverentsorgungsproblemen drang die TAB-Studie nicht vor.)
Gesundheitswesen: „Innerhalb einer Woche verschärft sich die Situation derart, dass selbst bei einem intensiven Einsatz regionaler Hilfskapazitäten vom weitgehenden Zusammenbrechen der medizinischen und pharmazeutischen Versorgung auszugehen ist.“
Fallbeispiel „Gefängnisse“: „Die erste Phase des Stromausfalls ist am chaotischsten. Besonders problematisch ist ein Stromausfall am Tag, da eine große Zahl von Gefangenen außerhalb der Zellen ist. Sämtliche nicht mit Notstrom versorgte Sicherheitselemente, Anlagen der Gebäudetechnik sowie EDV-Anlagen und Kommunikationsmittel stehen nicht mehr zur Verfügung. Dies macht den Dauereinschluss der Gefangenen erforderlich. Neben der daraus resultierenden psychischen Belastung zeigen sich bei Gefangenen durch schlechter werdende hygienische Verhältnisse, ungenügende Nahrungsmittelversorgung sowie fehlende Heizung gesundheitliche Probleme. Auch das Personal der JVA ist zunehmend belastet und übermüdet.“
Verhalten: Die mit dem Ausfall der Stromversorgung „verbundenen Gefährdungen und Ungewissheiten verunsichern die Bürger und erschüttern ihre Überzeugung von der Kontrollierbarkeit ihrer Lebensbedingungen. Dies wird dadurch verstärkt, dass der Stromausfall die Betroffenen unvorbereitet und unter der Bedingung der zeitlichen Unbestimmtheit trifft. Stockt die Versorgung, fehlen Informationen und beginnt die öffentliche Ordnung zusammenzubrechen, entstehen Ohnmachtsgefühle und Stress.“
Ein großräumiger und langandauernder Stromausfall, so die TAB-Studie, wäre eine „Verbundkatastrophe“, ein „Paradebeispiel für kaskadierende Schadenswirkungen“. Und auch wenn die Autoren seinerzeit offenbar davor zurückschreckten, im Gefolge des sich beschleunigenden staatlichen und gesellschaftlichen Zerfalls bürgerkriegsähnliche Zustände zu prognostizieren, so führt die Summe ihrer Voraussagen doch zu einer entsprechenden finalen Perspektive.
Die Frage, ob ein derart über den Rand jeglicher geordneter Existenz hinaus betroffener Staat noch in der Lage wäre, tausend Kilometer weiter im Osten Krieg gegen Russland zu führen, muss vor diesem Hintergrund sicher nicht ernsthaft diskutiert werden.
*
Ob in Russland für den Fall eines Krieges mit dem Westen überhaupt in derartigen Szenarien gedacht, dafür geplant und gerüstet wird, ist dem Autor nicht bekannt und mag angesichts des bisherigen Verlaufs des Ukraine-Krieges auch zweifelhaft erscheinen. Doch allein die Möglichkeit müsste – ebenso wie die Gefahr eines russischen Atomwaffeneinsatzes – eigentlich die Erkenntnis befördern, dass Krieg gegen Russland nicht vorbereitet werden sollte und keinesfalls geführt werden darf.
PS: Seit den Berliner Terroranschlägen auf die Stromversorgung ist wieder viel die Rede davon, dass kritische Infrastruktur besser geschützt werden müsse. Dem ist schwerlich zu widersprechen, es wäre aber schon für eine Stadt von der Größe Berlins eine finanziell, personell sowie logistisch und damit vor allem politisch kaum zu bewältigende Aufgabe. Wahrscheinlich wissen oder ahnen das selbst die Verantwortlichen, und deshalb passiert in praxi – nichts. Wie die Berliner Zeitung jüngst recherchiert hat (zum Beitrag hier).
Im Hinblick auf das skizzierte Szenario jedoch ist „besserer Schutz“ einfach keine Option. Das deutsche Fernübertragungsnetz hat eine Länge von über 132.000 Kilometern, weitestgehend oberirdisch. Wer wollte dieses Netz wie gegen militärische Angriffe „besser schützen“? Verbunkern?
Mancher mag einwenden, hier werde auf eine Studie von 2011 zurückgegriffen – als ob seither nichts getan worden wäre!
Völlig korrekt. Denn „getan worden“ ist unter anderem, dass die Notstromversorgung deutscher Krankenhäuser und Kliniken, so sie inzwischen wenigstens damit ausgestattet sind, immer noch auf maximal 72 Stunden ausgelegt ist.
Schlagwörter: Bürgerkrieg, Deutschland, Hannes Herbst, Krieg, Russland, Sabotage, Stromnetz, Terror

