20. Jahrgang | Nummer 4 | 13. Februar 2017

Bemerkungen

Film ab

Lange nicht gehört, den Begriff – „Kundschafter des Friedens“. Dazu zählten aus DDR-Sicht etwa Günter Guillaume (der traurigerweise 1974 einem kanzlermüden Willy Brandt den Vorwand zum Rücktritt lieferte) und Rainer Rupp (der aus dem NATO-Hauptquartier 1983 möglicherweise die entscheidenden Hinweise lieferte, dass das einen globalen Atomkrieg simulierende Manöver „Able Archer 83“ nicht der Auftakt zur Auslöschung der UdSSR werden sollte, der gegebenenfalls nur durch einen massiven nuklearen Präventivschlag zuvorzukommen gewesen wäre).
Nun also „Kundschafter des Friedens“ auf der Leinwand.
Nähme man Robert Thalheims, des Regisseurs, Äußerung ernst, mit der Geschichte auch von gebrochen Lebensläufen erzählen zu wollen, wie sie nach der Einheit auf dem Gebiet der Ex-DDR für eine ganze Generation alltäglich waren, müsste man ihm bescheinigen, das Thema mehr oder weniger komplett verfehlt zu haben. Stattdessen abgeliefert hat Thalheimer eine intelligent-witzige Persiflage, die das Genre des Agententhrillers sehr gekonnt auf die Schippe nimmt und zugleich eine augenzwinkernde Referenz an die HVA ist, die über Jahrzehnte im Vergleich zu den Schlapphüten aus Pullach nun einmal die weit erfolgreichere Auslandsaufklärung war.
Dass der Film überdies mit der Titelmelodie des DDR-Straßenfegers „Das unsichtbare Visier“ unterlegt ist – teilweise in Kombination mit Schnittarrangements, wie man sie aus frühen James-Bond-Filmen kennt – steigert das Kino-Vergnügen noch. Dass dieses ein durchgehendes ist, dafür sorgt vor allem eine bis in die Nebenrollen – Margit Bendokat steht als Dienstherrin des BND Judy Dench in nichts nach – stimmige Besetzung. Wobei insbesondere Thalheims HVA-Rentner-Quartett grandios zu nennen ist: Henry Hübchen (wird am 20. Februar 70!), Michael Gwisdek, Thomas Thieme und Womanizer, pardon, Romeo Winfried Glatzeder.
Ziemlich am Anfang des Streifens äußert der Held Jochen Falk (alias Hübchen) an die Adresse einer amateurhafter BND-Nachwuchscrew, die ihn nur deshalb zu stellen vermochte, weil ihn ein Knacken im Rücken an der Flucht durch Sprung auf eine fahrende S-Bahn hinderte: „Und so was hat den Kalten Krieg gewonnen. Das ist traurig.“ So viel Ostalgie darf sein.
Gegen Ende des Films wird behauptet: „Es gibt doch kein Leck im BND.“ Der das sagt, ist der Maulwurf höchstselbst, und dieser Gag darf durchaus als Erinnerung daran verstanden werden, dass der BND im Kalten Krieg löchrig wie ein Schweizer Käse war – zumindest für die Aufklärer aus dem Osten. Das begann mit Heinz Felfe in den 1950er Jahren, der bis zum Leiter des Referats „Gegenspionage Sowjetunion“ aufstieg und unter anderem mit der Suche nach einem vermuteten hochrangigen Verräter im BND betraut wurde, also mit seinem eigenen Fall, und reichte hin bis zu Markus Wolfs „Perle aus Pullach“ – FAZ-Sprech – die, zum Schluss im Range einer Regierungsdirektorin, 17 Jahre lang, praktisch bis zum Ende der DDR, aus dem Herzen der Finsternis nach Ostberlin berichtete.

Clemens Fischer

„Kundschafter des Friedens“, Regie: Robert Thalheim. Derzeit in den Kinos.

„Simpel und doch außerordentlich“ – Eine Miszelle

Im elften Buch von „Dichtung und Wahrheit“ (1814) blickt Goethe auf seine frühen Straßburger Jahre. Die Rede ist von der Begeisterung der jungen Dichter für William Shakespeare. Goethe erinnert sich an Jakob Michael Reinhold Lenz, den er in späteren Passagen seiner Rückschau kritisch betrachtet. Er sei „als ein vorübergehendes Meteor“ nur „augenblicklich über den Horizont der deutschen Literatur“ gezogen, „ohne im Leben eine Spur zurückzulassen.“
Hier nun redet Goethe anders. Mit Respekt spricht er von Lenzens „Anmerkungen übers Theater nebst angehängten übersetzten Stück Shakespears.“ (1774) Gemeint ist Lenzens Übertragung der Komödie „Love‘ s Labour‘ s Lost“ (1594/5), („Verlorene Liebesmüh“), welcher der Nachdichter den Titel „Amor vincit omnia“ („Die Liebe überwindet alles“) gab. Er behandele, meint Goethe, „seinen Autor mit großer Freiheit, ist nichts weniger als knapp und treu, aber weiß sich die Rüstung oder vielmehr die Possenjacke seines Vorgängers“ gut anzupassen. „Die Absurditäten des Clowns machten besonders unsere ganze Glückseligkeit, und wir priesen Lenzen als einen begünstigten Menschen, da ihm jenes ‚Epitaphium‘ des von der Prinzessin geschossenen Wildes folgendermaßen gelungen war:

Die schöne Prinzessin schoß und traf
Eines jungen Hirschleins Leben;
Es fiel dahin in schwerem Schlaf,
Und wird ein Brätlein geben.
Der Jagdhund boll ! Ein L zu Hirsch,
So wird es dann ein Hirschel;
Doch setzt ein römisch L zu Hirsch,
So macht es fünfzig Hirschel.
Ich mache hundert Hirsche draus,
Schreib Hirschell mit zwei LLen.“

Ein Blick in die englische Originalausgabe von Alexander Pope (1725) zeigt, dass es in der zweiten Szene des vierten Akts kein Gedicht gibt. Lenz hat diese locker-lustige Leichenrede erfunden und kunstvoll in die Dramenszene „Ein Schuß im Walde“ gestellt. Holofernes bietet Nathanael, dem Dorfpfarrer, dem studierten Theologen (wie Lenz), an, ihm ein „epitaphieum ex tempore“ auf das tote Tier vorzutragen. Nathanael, nachdem er obigen Text gehört hat, schlägt in die Hände: „Ein rares Talent“. Der Vortragende ergänzt, sein Text sei „simpel und außerordentlich“. Die von Lenz gedichteten und in die Handlung verwobenen zehn Verse werden im sich anschließenden Komödientext Gegenstand des Dialogs. Der Vortragende erläutert gewissermaßen seine Poetik.
In der vorletzten Verszeile erscheint ein lyrischer Sprecher („Ich mache hundert Hirsche draus,“), der abschließend den Sprachwitz steigert und im letzten Wort wohl gar mit dem Namen Lenz („LLen“) spielt. Bei dem leichten Umgang mit dem Text knüpft Lenz, der erste deutsche Übersetzer dieses Stückes, mit Shakespeare an die Stegreifgreifkomödie der italienischen Commedia dell‘ arte an. In seiner Adaption betont er vor allem das Derb-Komische. Ironisch zeigt er den Sieg der Natur über die Künstlichkeit der höfischen Welt. Bereits in seiner Königsberger Studentenzeit hat sich Jakob Lenz (angeregt durch Schriften Herders) Shakespeare genähert, zunächst dem Komödienschreiber. „Sein“ Stück „Verlorene Liebesmüh“ gehört nicht zu Shakespeares Hauptwerken. In schmaleren Leseausgaben und üblichen Dramenführern ist es nicht vertreten. Der Nachdichter wählte einen Text, der keineswegs eine „reine“ Komödie ist, keinen klassischen Komödienschluss aufweist: Der Vater der (französischen) Prinzessin stirbt plötzlich. Alle drei der eingefädelten Hochzeiten sollen (der Trauer wegen) um ein Jahr verschoben werden. (Zu Beginn des Stückes hatten die drei Akademiker noch angestrebt, allem Sinnlichen zu entsagen.)
Während sich das große englische Vorbild für Komik oder Tragik entschied, wird für Lenz der ständige Umschlag von Komik und Tragik charakteristisch. Sein „Hofmeister“ von 1774 gilt als Musterbeispiel einer Tragikomödie.
Eine Frage bleibt offen: Warum versteckt sich Lenzens kleines Stegreifgedicht, das locker und spielerisch mit dem Tod umgeht, bis heute in Goethes Autobiografie beziehungsweise in der kaum gespielten Stückübersetzung. Gehört es nicht längst in jede Präsentation seiner Gedichte?

Ulrich Kaufmann

Armes Deutschl …, nee, Handelsblatt

Am 6.Februar 2017 teilte das Morning Briefing der Zeitung mit: „Der Countdown läuft. Im Dezember dieses Jahres wird die Verlagsgruppe Handelsblatt ihr neues Hauptquartier im Herzen von Düsseldorf beziehen: 1500 Quadratmeter für mehr als 700 Journalisten, Grafiker, Softwareentwickler, Eventexperten und Researcher.“ Wäre man Huhn, wünschte man sich ob dieser drangvollen Enge wahrlich die Käfighaltung zurück. Gottseidank wird es aber für die Journalisten, Grafiker, Softwareentwickler, Eventexperten und Researcher wenigstens etwas Auslauf geben: „Oben lockt ein Sky Garden auf 720 Quadratmetern.“

hpg

Ein Physiker-Fasching schrieb „Geschichte“

Am 28. Januar 1967 titelte die Freiheit, das damalige „Organ der SED-Bezirksleitung Halle“, recht aufreißerisch: „Seht euch vor – die Physiker kommen“. Unter „Fakten und Fragen zur Erziehung der Studenten“ hieß es dann weiter „Die Physikstudenten der Martin-Luther-Universität haben eine moralische Bruchlandung vollführt“.
Was war geschehen? Die Studenten des 3. Studienjahres hatten einige Tage zuvor traditionsgemäß den Physiker-Fasching in der ehemaligen Zoo-Gaststätte ausgerichtet. Dabei hatten sie die Wanddekoration übernommen, die Studenten der Burg Giebichenstein für den Mediziner-Fasching angefertigt hatten, der wenige Tage vorher an gleicher Stelle stattgefunden hatte.
Am Abend des Physiker-Faschings erschienen nun aber Bereitschaftspolizei und FDJ-Kreisleitung, um die „unsagbar primitiven pornografischen Schmierereien“ von den Wänden zu entfernen. Dass es sich dabei teilweise um Karikaturen aus dem Eulenspiegel handelte, spielte in dem Moment keine Rolle. Die Freiheit sah sich in dem längeren Schmäh-Artikel außerdem gezwungen, „einige Fragen in aller Öffentlichkeit zu stellen“: Wie vereinbart sich dieser Physiker-Fasching eigentlich mit unserer sozialistischen Erziehung? Woher stammen solche demoralisierende Einflüsse? Und an die Professorschaft gerichtet: Ist das ein Spiegelbild Ihrer Erziehungsarbeit?
Abschließend forderte die Redaktion alle auf, denen „die Erziehung der jungen Studentengeneration zu guten Sozialisten“ am Herzen lag, sich zu diesen Fragen zu äußern. In den folgenden Ausgaben wurden daraufhin zahlreiche (freiwillige oder aufgeforderte?) Leserzuschriften abgedruckt – von der Hausfrau über den BUNA-Arbeiter bis hin zum Wissenschaftler. Sie alle empörten sich über das Verhalten der Studenten. Die betroffenen Studenten wurden mehrfach vor die FDJ-Kreisleitung geladen, um zu ihrer „moralischen Entgleisung“ Stellung nehmen. Schließlich wurde ein FDJ-Sekretär aus dem „roten“ Mansfeld-Kombinat beauftragt, ihnen „Sauberkeit und Würde des Menschen“ zu vermitteln. Aber die zwanzig Studenten waren keine „schmarotzenden Bürgersöhnchen“, wie die Freiheit versuchte, sie zu diffamieren, sondern Kinder von Arbeitern, Angestellten und Bauern. Natürlich hatten sie damals Angst um ihren Studienplatz, doch schließlich kamen sie, nachdem sich die ganze Aufregung etwas gelegt hatte, alle mit einem schriftlichen Verweis davon.
Inzwischen zielte die Stoßrichtung der SED und der FDJ gegen die Professorenschaft. Hatte man beim vorangegangen Mediziner-Fasching noch davor zurückgeschreckt (schließlich waren die Studenten Söhne von Universitätsgelehrten), ging man jetzt mit voller Breitseite vor. Heute würde man sagen: Physiker haben keine Lobby.
Immer mehr entpuppte sich die ganze Kampagne als Scharmützel der dritten Hochschulreform, die von der IV. Hochschulkonferenz im Februar 1967 eingeleitet wurde, und die die Effektivität von Forschung und Ausbildung sowie die Verbindung der Hochschulen mit der Wirtschaft verbessern sollte. Mit ihr wollte die SED jahrhundertealte Strukturen an den Universitäten zerstören. So wurden die meisten Institute aufgelöst und in Sektionen überführt. Darüber hinaus erlosch die bisherige Selbstverwaltung der Universitäten durch Senat und Fakultäten. An ihre Stelle traten hierarchisch aufgebaute Weisungsstrukturen.
Als der Deutschlandfunk Ende der 1960er Jahre in einem Feature über die Studentenbewegung 1967/68 in der DDR und in Osteuropa berichtete, wurde auch der Physiker-Fasching in Halle erwähnt. Das war jedoch am Ziel weit vorbeigeschossen. Es war ein ausgelassener, aber völlig unpolitischer Fasching, der damals durch Partei, FDJ und ihren Medien zu einer Auseinandersetzung mit sozialistischer Moral und Lebensweise hochstilisiert wurde. Übrigens beendeten alle betroffenen Studenten 1969 ihr Physikstudium und standen später in Beruf und Familie „ihren Mann“. Nach fünfzig Jahren können sie über die Vorkommnisse von damals nur noch lächeln.

Manfred Orlick

Neues von der Gastro-Archäologie

Wir erleben derzeit die Geburt einer neuen Spezialrichtung der archäologischen Wissenschaften. Ich schlage den Namen „Gastro-Archäologie“ vor. Deren Erkenntniswert ist ungeheuer. Die wirtschaftlichen Auswirkungen, vor allem im Bereich Gastronomie und Lebensmittelindustrie, dürften noch nicht abschätzbar sein. Drei Beispiele mögen als Beleg genügen.
An der Europäischen Akademie (Eurac) in Bozen hat der Forscher Albert Zink jetzt herausgefunden, was das berühmteste Mordopfer der Alpen, ein gewisser Ötzi, vor 5300 Jahren aß, bevor er sich auf seinen letzten Gang zum Tisenjoch begab: Steinbockspeck. Und zwar ziemlich fettigen. Man kann mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass dieses neolithische Qualitätsprodukt aus Süd-Tirol – Ötzi stieg von der Süd-Tiroler Seite des Gebirges Seite Richtung Pass auf – demnächst zumindest bei den Tiroler Trecking-Ausrüstern im Angebot sein wird. Archäologie ist wirtschaftsfördernd! Dass Bozen in Süd-Tirol liegt, ist reiner Zufall.
Bei ihren patriotischer eingestellten Landsleuten dürfte sich zumindest Jette Linaa vom Moesgård-Museum in Højbjerg bei Århus in der Perspektive unbeliebt machen. Die verkündete nämlich die Analyseergebnisse eines bereits 1937 gefundenen und seitdem in einem Glasgefäß aufbewahrten Kothäufchens, das uns der Ålborger Bischof Jens Bicherod (1658–1708) hinterlassen hat. Eine Verwechselung ist nicht möglich. Der Bischof genoss mit seiner Gattin das Privileg, ein Klo allein benutzen zu dürfen. „Jetzt haben wir einen spezifischen Fäkalienhaufen, den wir einer Person zuordnen können, und daraus können wir Rückschlüsse auf seine Ernährung ziehen“, verkündete die Archäologin der erstaunten Weltöffentlichkeit. Unpatriotisch war des Bischofs Ernährungsweise: Man fand ein Pfefferkorn in seinen Exkrementen und die Überreste norwegischer (sic!) Moltebeeren. Dazu verzehrte er Weintrauben und Feigen. Schweinefleisch, Graubrot und Kohl sei hingegen das für die Durchschnittsdänen Übliche gewesen. Damit kann man nun wirklich keine Touristen anlocken. Jette Linaa sollte „des Bischofs Klumpen“, wie dänische Lästerer schon anmerken, aber schnellstens wieder wegschließen, bevor neben dem Spott den jütländischen Bäckern und Gastronomen wirtschaftlicher Schaden zugefügt wird. Der Wiener Standard hatte den bischöflichen Nahrungsrest schon als „Brownie“ klassifiziert. Sie wissen schon, das ist dieser amerikanische Klebekuchen…
Zumindest ideologische Auswirkungen werden Funde zeitigen, die ein Team um die Bristoler Archäologin Julie Dune in der libyschen Wüste ausbuddelte. Die Forscher fanden 10.200 Jahre alte Tonscherben mit Kochresten. Auf einigen waren nur Spuren gekochter Pflanzen, hauptsächlich wohl Wasserpflanzen, nachweisbar, auf anderen hingegen solche gekochten Fleisches, auf wieder anderen eine Mischung aus beidem. Wir schlussfolgern: Offenkundig handelt es sich hier um die ältesten Belege eines Konfliktes zwischen veganer und nichtveganer Esskultur der Menschheit. Die Ausgrabungsstätte hat das Zeug zum Kultort. Wie primitiv dagegen die Ernährungsweise des Homo erectus vor 1,2 Millionen Jahren im spanischen Atapuerca! Diese Leute kauten das Grünzeug roh, dabei hatten ihre Vorfahren nachweislich schon vor 1,8 Millionen Jahren das Feuer zum Aufbereiten ihrer tierischen und pflanzlichen Rohkost benutzt! Aber das war in Afrika, und Europa hinkte kulinarisch schon immer ein bisschen hinterher.
Mit Sicherheit ist von der Gastro-Archäologie noch Einiges zu erwarten!

Wolfgang Brauer

Blom

Um den Jahreswechsel erregte der Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) die Gemüter, weil er von den Herstellern und Vertreibern vegetarischer Produkte eigene Bezeichnungen forderte, die nicht mit den Begriffen Fleisch oder Wurst verbunden sind. Auch ein CSU-Politiker kann mal Recht haben. Mag sein, dass auch die Fleischerlobby ihren Anteil an Schmidts Vorstoß hat, wenn schon. Denn hier geht es um mehr. Es geht um das allgemeine Unvermögen oder die Faulheit der Deutschen, ihre Sprache weiterzuentwickeln, sie den modernen Anforderungen anzupassen.
Vorreiter dieser Entwicklungen sind die Marketingstrategen und die Elektronikindustrie, die uns seit Jahrzehnten mit amerikanischen Wortschöpfungen zupflastern. Es gibt nicht mal den Versuch, eigene, zur deutschen Sprache passende neue Begriffe zu entwickeln. Ironie des Schicksals: Einer der meist benutzten Begriffe „Handy“ aus diesem Spektrum ist ein Scheinanglizismus und wird nun von den Deutschen in die Welt getragen. Man kann im Netz viele Erklärungen finden, wie es dazu kam. Mir gefällt immer noch am besten die Herleitung von Mathias Richling. Als Opa das Ding zum ersten Mal sah, fragte er: „Hän die koi Schnur?“ Übrigens ist der Begriff markenrechtlich geschützt; seit 1958 für ein Geschirrspülmittel der MIFA AG. Dabei wäre es so einfach gewesen. Mobilfon! Das Wort ist leicht verständlich und ausreichend mit bekannten deutschen Begriffen wie Mobilität und Telefon verbunden. Gleiches wiederfährt uns von den Marketingleuten. Ich bin Silver Ager, Silver Surfer, DINK, LOHA, für mache ein WOOF, meine Frau eine GMILF (übersetze ich jetzt alles nicht!) Und alle machen mit.
Traurig wird’s, wenn ich vorwiegend ältere Menschen vor den Schaufenstern unserer Konsumtempel höre: „Mutti, guck ma, der Reseiwer ist hier im Sahle (geschrieben receiver und sale). Ich vermute, der Einzelhandel hat sich vom eingeprägten Sommerschlussverkauf, abgekürzt SSV – das konnte jeder verstehen- verabschiedet, weil unsere Storkower Sportler ihren Verein in Storkower Sportverein, kurz SSV umbenannt haben und Verwechslungen vermieden werden sollten. Doch nun zurück zum Ausgangspunkt.
Minister Schmidt hat die EU aufgefordert, für neue, klare Kennzeichnungen zu sorgen. Aber da können wir lange warten. Deshalb mache ich hier und jetzt einen Vorschlag: Alle vegetarischen Produkte, für die bisher mangels Alternative das Wort Wurst herhalten musste, sollen ab sofort „Blom“ heißen. Das Wort ist laut Duden noch nicht mit einer anderen Bedeutung besetzt. Es ist mündlich und schriftlich gut verständlich, auch die meisten Fremdsprachler können es lernen und aussprechen und es lässt sich wunderbar mit erklärenden Vor- oder Nachsilben ergänzen: Kräuterblom, Bärlauchblom, Blomsalat, Schnittblom, Blomallergie usw. Sie können jetzt einwenden, das Wort hätte keinen Bezug zu den Inhaltsstoffen? Dann stellen Sie mal einen Bezug von dem Wort Wurst zu den Inhaltsstoffen her. Darum geht es nicht. Es muss nur ein neues Wort gefunden werden, das in die deutsche Sprache und deren Lautbildung passt. Was noch fehlt ist ein passendes Geschlechtswort. Soll es nun der, die oder das Blom heißen? Ehrlich gesagt, ist das für mich zweitrangig. Ich plädiere für den sächlichen bestimmten Artikel „das“, also das Blom, aber könnte auch mit den anderen Varianten leben. Was meinen Sie? Nach einer kurzen Abstimmung, vielleicht per duhdel (doodle geschrieben) sollten wir den Vorschlag Herrn Schmidt übergeben. Mal sehen, was passiert. Eigentlich müsste er dankbar sein. Echter Bürokratieabbau! So, nun ist die oder der nächste dran, ein Wort für das falsche Fleisch zu erfinden.

Werner Krumbein

Aus anderen Quellen

„Klimawandel, Lebensmittelsicherheit, Überbevölkerung, Rückgang der Artenvielfalt, Epidemien, Übersäuerung der Meere. All diese Phänomene zeigen uns, dass wir gerade am gefährlichsten Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte stehen“, konstatiert Stephen Hawking, einer der bedeutendsten Astrophysiker unserer Zeit, und fährt fort: „Wir haben die Technologien entwickelt, die den Planeten, auf dem wir leben, nach und nach zerstören, aber nicht die Fähigkeit, der Erde zu entkommen. […] wir [haben] nur diesen einen Planeten, und wir müssen alle zusammen daran arbeiten, ihn zu bewahren. Dazu müssen wir die Schranken innerhalb und zwischen den Nationen abbauen und nicht noch verstärken.“
Stephen Hawking: Gefährlichster Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte, IPG. Internationale Politik und Wirtschaft, 06.01.2017. Zum Volltext hier klicken.

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Schlagzeilen aus und über Venezuela sind seit längerem überwiegend negativ. Renaud Lambert schreibt: „Vor zehn Jahren präsentierte Chávez im Wahlkampf die Fortschritte im Gesundheitswesen als ‚einen seiner größten Erfolge‘. Kein ernstzunehmender Gegner hätte das abgestritten. Heute fehlt es nicht nur an Aspirin und Paracetamol, auch an Medikamenten gegen Aids und Krebs.
Vor zehn Jahren wurde neben Dutzenden anderen Sozialprogrammen die ‚Mision Negra Hipólita‘ geschaffen, eine Hilfseinrichtung für Obdachlose in den Städten. Sie war eines der ersten Opfer der Krise. Heute gehört der Anblick von Menschen, die abends darauf warten, dass die Mülltonnen auf die Straße gestellt werden, wieder zum Alltag. Und auch auf die tausend Gesichter der Kinderarmut stößt man in Caracas wieder an jeder Ecke.
Inflation, Elend und Korruption: Was Chávez bei seinem Amtsantritt geißelte, ist wieder spürbar […]. Für die Rechte ist die Sache klar: Der Sozialismus scheitert immer. Bei den Linken, die Vene­zue­la als Leuchtturm in der neoliberalen Nacht betrachtet haben, kämpfen Unverständnis und Ungläubigkeit miteinander.“
Renaud Lambert: So viel Öl und nichts zu essen. Das Wirtschaftschaos in Venezuela und seine Gründe, Le Monde diplomatique (online), 12.01.2017. Zum Volltext hier klicken.

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Auch in Brasilien ist die Rechte auf dem Vormarsch. „Nach 14 Jahren, in denen die brasilianische Arbeiterpartei (PT) viermal die Wahlen gewonnen hatte“, so Guilherme Boulos, „gelang es den konservativen Kräften 2016, sich neu aufzustellen, die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff zu stürzen und durch den Vizepräsidenten Michel Temer zu ersetzen. […] Sein Rezept: hemmungsloser Liberalismus in der Wirtschaft und kämpferischer Konservatismus in der Politik. Nach seinen ersten Entscheidungen zeichnet sich bereits jetzt eine Phase des gesellschaftlichen Rückschritts ab, wie er in den letzten zwanzig Jahren in Brasilien undenkbar gewesen war.“
Guilherme Boulos: Das brasilianische Desaster. Eine korrupte Regierung beschließt den Rückzug des Staates,
Le Monde diplomatique (online), 12.01.2017. Zum Volltext hier klicken.

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Seinen Beitrag über Recep Tayyip Erdogan hatte Dietrich Alexander mit einer Frage betitelt: „Reformer oder Wolf im Schafspelz?“ und mit folgenden Worten begonnen: „Abschaffung der Todesstrafe, mehr Rechte für die Kurden, Erweiterung der Pressefreiheit, Abmilderung menschenrechtlich bedenklicher Strafrechtsparagrafen, Strafverschärfung für Schlepper, Organhändler und Folterer – die türkische Regierung arbeitet in atemberaubendem Tempo Brüssels Wunschliste ab. Die Türkei steckt mitten in einem heftigen Strukturwandel. Der Motor dieser Metamorphose: Recep Tayyip Erdogan, türkischer Regierungschef.“ Dann ein Blick auf die nur wenige Jahre zurückliegende Vergangenheit der Lichtgestalt: „1998 noch wurde der smarte und charismatische Macher wegen Anstiftung zu religiösem Hass zu zehn Monaten Haft verurteilt, von denen er vier absaß. ‚Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten‘, hatte der hoffnungsvolle neue Politstar bei einer Wahlveranstaltung in Südostanatolien aus einem religiösen Gedicht von Ziya Gölalp zitiert. […] Er verlor sein Amt als Bürgermeister von Istanbul sowie das Recht, sich politisch zu betätigen.“ Es wäre wohl besser dabei geblieben.
Alexander schrieb seinen Beitrag im Jahre 2004, und seine Eingangsfrage ist bereits seit einiger Zeit beantwortet.
Dietrich Alexander: Reformer oder Wolf im Schafspelz?, Die Welt (online), 22.09.2004. Zum Volltext hier klicken.

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Mit Plattheiten und Maskeraden an die Staatsspitze: Karl Marx schilderte 1852 im „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ den Putsch vom Dezember 1851 in Frankreich – und es liest sich, wie über eine Präsidentenwahl in unseren Tagen: Während Bonapartes Ministerium teils die Initiative zu Gesetzen im Geiste der Ordnungspartei ergriff, teils ihre Härte in der Ausführung und Handhabung noch übertrieb, suchte er andererseits durch kindisch alberne Vorschläge Popularität zu erobern […]. Geld geschenkt und Geld gepumpt zu erhalten, das war die Perspektive, womit er die Massen zu ködern hoffte. Schenken und Pumpen, darauf beschränkt sich die Finanzwissenschaft des Lumpenproletariats, des vornehmen und des gemeinen. Darauf beschränkten sich die Springfedern, die Bonaparte in Bewegung zu setzen wußte. Nie hat ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert.“ Gefunden haben dies die Kollegen von junge Welt.
Ernsthafter Hanswurst, junge Welt (online), 28.01.2001. Zum Volltext hier klicken.