17. Jahrgang | Nummer 6 | 17. März 2014

Bemerkungen

Hermann Sinsheimer – eine Wiederentdeckung

Auf der „Liste der auszusondernden Literatur“ (1946) der Deutschen Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone findet sich dreizehnmal der Autorenname Gerhard Pallmann. Poesievolle Liederbuchtitel wie „Flieger sind Sieger“ oder „Der Führer hat gerufen“ (beide 1941) zeigen an, wes Geistes Kind dieser Mann war. Ausgerechnet diesem braunen Barden vertraute die Witwe Hermann Sinsheimers das Manuskript der Erinnerungen ihres 1950 in London verstorbenen Mannes an. Pallmann leistete ganze Arbeit – neben den die gerade geleistete „Entnazifizierung“ allzu sehr in Frage stellenden Passagen flogen die Kurt-Eisner-Erwähnungen raus. Kein einziges Mal taucht in der 1953 in München erschienenen Fassung der Name Erich Mühsam, mit dem Hermann Sinsheimer eng vertraut war, auf. Aus Sinsheimers „Gelebt im Paradies“ machte der damalige Herausgeber ein ziemlich belangloses Theaterschnurrensammelsurium. Der Jude und Nazifeind Hermann Sinsheimer wurde so ein zweites Mal aus dem Lande getrieben. Auch in der DDR ignorierte man ihn weitgehend: Hermann Kähler nennt ihn gar nicht. Die verdienstvolle Exil-Darstellung des Leipziger Reclam-Verlages verschweigt ihn. Lediglich Ursula Madrasch-Groschopp versucht in ihrem „Weltbühnen“-Portrait eine Ehrenrettung. Die Schuld liegt hier sicher bei Heinrich Mann. In dessen Buch „Der Haß“ kommt sein Freund Sinsheimer überhaupt nicht gut weg. Mann behauptet, dass dieser sich von ihm ausgerechnet gegenüber Joseph Goebbels losgesagt habe. Das war rufzerstörend.
Nadine Englhart und Deborah Vietor-Engländer ist es zu danken, dass Sinsheimers Buch – und der Ruf des Autoren! – vollständig wiederhergestellt sind. Es erschien kürzlich als erster Band einer dreibändigen Werkausgabe bei vbb. Wer sich mit der Geschichte der deutschen Publizistik, insbesondere der deutschen Theaterkritik der Zeit von 1905 bis 1933, befassen will, wird um diesen Band nicht herumkommen. 1905 veröffentlichte der junge Sinsheimer sein erstes Theater-Feuilleton – keine Besprechung, sondern ein noch immer nachdenkenswertes Lob des Provinztheaters! – in Heft 12 der Schaubühne. Später wurde er „der“ Literatur- und Theaterkritiker der Neuen Badischen Landeszeitung in Mannheim, (gescheiterter) Theaterdirektor in München; von 1918 bis 1924 arbeitete er für die Münchner Neuesten Nachrichten und versuchte ab 1924 den Simplicissmus aus dem chauvinistischen Schlamm zu ziehen, in den dieser während des Krieges geraten war. Ab 1929 war er dann in Berlin, betreute den Ulk und arbeitete unter Theodor Wolff für das Berliner Tageblatt. Der Mann hat Theatergeschichte be- und Pressegeschichte geschrieben! Seine Erinnerungen enthalten aufschlussreiche Portraits der großen und nicht ganz so großen Mimen fast eines halben Jahrhunderts deutscher Theaterkunst – das ist mit Sachkenntnis und großer Liebe geschrieben. Sinsheimer geht aber auch hart mit sich und seinesgleichen ins Gericht, wenn er den Raum der Bühne verlässt und das Anwachsen der Flut des antisemitischen Schmutzes „in das öffentliche Leben und die Politik Deutschlands“ beschreibt. Und bitter ist sein Fazit, dass „wir“ Hitler „nicht ernst genug genommen haben“.
Übrigens wird in diesem Band auch die angebliche Mann-Denunziation richtiggestellt. Die von fürchterlicher Eifersucht geplagte Nelly Mann ist da nicht ganz schuldlos.

Wolfgang Brauer

Hermann Sinsheimer: Gelebt im Paradies.Gestalten und Geschichten, verlag für berlin-brandenburg, Berlin 2013, 432 Seiten, 24,95 Euro.

Schweizer Pioniertat

Der Schweiz geht der global rare und nicht eben negative Ruf voraus, sich Zeit seiner Existenz dank erklärter Neutralität aus Kriegen herausgehalten zu haben. Der Export von Kriegswaffen, dies gehört allerdings hinzugefügt, war auch im Alpenland nicht von Enthaltsamkeit betroffen. Was der Nationalrat in Bern nun aber diesbezüglich beschlossen hat, ist in doppelter Hinsicht von einer unsäglichen Relevanz. Zum einen ist es die Tatsache, dass die Kriegsmaterialverordnung dahingehend verändert wird, dass die Schweiz künftig auch in Länder exportieren darf, in denen Menschenrechte verletzt werden; eine einzige Stimme hat dafür nun den Ausschlag gegeben. Verboten bleiben solche Exporte nur noch dann, wenn ein hohes Risiko besteht, dass die Waffen für Menschenrechtsverletzungen benutzt werden – suche sich aus, wer darüber zuverlässig befindet.
Was bei vernunftbegabten und friedliebenden Menschen vielleicht aber noch mehr die Alarmglocken in Gang setzen sollte, ist die Begründung für diesen helvetischen Gesetzesakt. Die bisherige Regelung, so lautet sie kurzgefasst, habe die schweizerischen Unternehmen gegenüber der Konkurrenz benachteiligt. Mit anderen Worten – die Interessen der Waffenindustrie sind höher zu bewerten als Menschenrechte und Gewaltverhinderung. Darüber kann man empört sein und muss dies auch – und zwar nicht nur mit Blick auf die Schweiz, andererseits kann man der Schweiz vielleicht sogar dankbar sein für so viel Klartext, wenn es um jenes wirtschaftliche Kalkül geht, das so vieles Töten auf Erden möglich macht.

Frank Schäffer

Die Feinde

Zwei Feinde fuhren mit denselben Schiff. Weil sie möglichst weit voneinander entfernt sein wollten, ging der eine zum Bug, der andere zum Heck, und dort blieben sie. Ein mächtiger Sturm packte das Schiff und ließ es kentern. Da fragte der Mann am Heck den Steuermann mit welchem Teil das Schiff zuerst unterzugehen drohe. Der Steuermann erwiderte ihm: „Mit dem Bug.“ Daraufhin sagte er: „Dann tut es mir nicht mehr leid zu sterben, wenn ich mit ansehen kann, wie mein Feind vor mir ertrinkt.“

Äsop

Blätter aktuell

Die Frage nach der deutschen Schuld am Ersten Weltkrieg, wie nach seinen Konsequenzen, wird derzeit höchst kontrovers debattiert. Allerdings beschränken sich die Darstellungen zumeist auf den europäischen Raum und blenden dadurch Entscheidendes aus. Der indische Schriftsteller Pankaj Mishra zeigt auf, wie der Krieg und vor allem die darauf folgenden Friedensverhandlungen zweierlei besiegelt haben: den Abstieg des Westens und die panasiatische Emanzipation.
Im Zuge immer neuer Freihandelsabkommen werden die Rechte transnationaler Konzerne stetig ausgebaut. An einer globalen Durchsetzung von Menschenrechten mangelt es dagegen weiterhin; inhumane, umweltzerstörende Arbeitsbedingungen sind immer noch an der Tagesordnung. Sarah Lincoln, Referentin bei „Brot für die Welt“, beschreibt, wie schwierig es für Betroffene solcher Menschenrechtsverletzungen ist, ihre Rechte gegenüber global tätigen Unternehmen geltend zu machen.
„Seit 2006 konnte der Trend zunehmender Ungleichheit gestoppt werden“, so heißt es im umstrittenen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung aus dem vergangenen Jahr. Ulrich Schneider, Gwendolyn Stilling und Christian Woltering vom Paritätischen Gesamtverband zeichnen dagegen ein völlig anderes Bild: Nicht nur ist die Armut in Deutschland seit 2006 kontinuierlich gewachsen, auch die Bundesländer und Regionen driften immer weiter auseinander.
Dazu weitere Beiträge – unter anderem: „Schröder, Riester, Müntefering: Die Demontage der Rente“, „Drei Jahre Fukushima – verdrängt und vergessen?“ sowie „Zentralafrikanische Republik: Völkermord mit Ankündigung“.

am

Blätter für deutsche und internationale Politik, Berlin, März 2014, Einzelpreis: 9,50 Euro, Jahresabonnement: 79,80 Euro (Schüler & Studenten: 62,40 Euro). Weitere Informationen im Internet: www.blaetter.de

Film ab

Zu den Keimzellen und Fundamenten unserer Zivilisation zählen die Familie im engen und im weiteren Sinne als Gemeinschaft besonders eng miteinander verbundener und voneinander abhängiger Menschen: Großeltern, Eltern, Kinder, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Seit der Antike war das Phänomen, dass diese Gemeinschaft ein Synonym für die Hölle sein kann, die die zusammengehörigen, darin verstrickten Menschen einander und damit auch sich selbst bereiten können, ein Stoff für große Tragödien. An der Wiege des europäischen Theaters steht die „Orestie“ des Atheners Aischylos. Der Bogen in die Gegenwart verläuft über – jeweils pars pro toto – Strindbergs „Totentanz“ und Tennessee Williams‘ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ sowie Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Eindrückliches hat auch das Medium Film beigesteuert – etwa Bergmanns „Szenen einer Ehe“ vor einigen Jahrzehnten oder Lars von Triers „Das Fest“ in der jüngeren Zeit. Nun also „Im August in Osage County“: Das Trümmerfeld einer amerikanischen Mittelklassenfamilie in der Provinz des Mittleren Westens, irgendwo in Ohio, wo die Landschaft, folgt man den Großaufnahmen des Films, offenbar so platt und leer ist, dass der geografische Begriff dafür – the plains – fast noch als Euphemismus gelten muss. Großartig Meryl Streep als ausgebranntes, Pillen abhängiges altes Wrack und bis in die letzte Faser ihrer Seele teuflisch-böses Weib, das die Ihren auf eine mal brachiale, mal perfide Art und Weise terrorisiert, die jene lange ertragen, bis sie dann doch zurückschlagen müssen – der Gatte durch Selbstmord, an dem er vielleicht sogar gehindert werden will, aber nicht wird. Die drei Töchter durch Auflehnung und Abkehr, allerdings ohne Chance auf Erlösung aus der inzwischen längst auch Hölle ihrer jeweiligen eigenen Zweier- oder Familienbeziehungen, sondern nur mit der Konsequenz, die eigenen Schmerzen und Verletzungen noch zu mehren. Die Wucht einer antiken Tragödie erreicht die Inszenierung nicht zuletzt in ihren seltenen eher ruhigen Momenten. Etwa wenn andeutungsweise aufflackert, warum die Monster-Mutter wurde, wie sie ist. So lässt sie zum Beispiel völlig unvermittelt durchblicken, dass sie vom Seitensprung ihres Mannes mit ihrer Schwester seit Jahrzehnten wusste, und zerstört mit dieser Äußerung ebenso beiläufig wie vorsätzlich und zugleich schicksalsnotwendig die Lebensglückserwartung ihrer jüngsten Tochter. Und: Mehr Atem abschnürende Hoffnungslosigkeit als in einer der letzten Einstellungen des Films auf Julia Roberts‘, die Leinwand füllendem Gesicht war selten.
Dieser Streifen eignet sich im Übrigen auch als Einstieg in den Umstieg für Kinogänger, die bisher bloße Phantasieprodukte vom Format „A Nightmare on Elmstreet“ bevorzugt haben: Familie – das ist der wirkliche Horror.

Clemens Fischer

„Im August in Osage County“, Regie: John Wells; derzeit in den Kinos.

Kurze Notiz zu Sangerhausen

Die Stadt hat es gleich doppelt schwer. Zum einen ist Sangerhausen für alle, die nicht gerade aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz kommen und für Kreisämterdinge dorthin müssen, ein absolut unbekanntes Örtchen und wird für rein gar nichts geschätzt, geliebt, gewürdigt. Zum anderen ist Sangerhausen rundum von anderen Städten umgeben, die so namhaft sind, dass Sangerhausens Bedeutungslosigkeit noch offensichtlicher hervorsticht: Der alte Kurort Harzgerode im Norden, die Grafenresidenz Mansfeld, dann die Lutherstadt Eisleben, Bad Frankenhausen am Kyffhäuser im Süden, die Schnapsdestille Nordhausen und die Fachwerkstadt Stolberg im Westen. Ja, man möchte meinen, dass selbst Brücken-Hackpfüffel für sein Hackpfüffeler Loch noch wesentlich bekannter ist als Sangerhausen.
Die Anfahrt, sofern sie öffentlich erfolgt, ist müßig. Ein unglaublich keimiger Kupferexpress weckt Sehnsüchte nach einer Hepatitis-Impfung. Der Bahnhof ist eine Zumutung. Aber das trifft beinahe auf jeden Bahnhof im Land zu und kann nicht zu Buche schlagen. Was also dann? Eine schön restaurierte Innenstadt wie in Wittenberg. Eine hässliche Neustadt? Ließe sich verzeihen, wenn sie wie in Weißenfels so abseits liegt, dass ein flüchtiger Besuch nicht zwangsläufig daran vorbeiführt. Etwas Stadtmauer wie in Merseburg. Ein historisch anmutender Marktplatz wie in Eisleben: Das alles hat Sangerhausen, das ist schön. Ist es aber deshalb gleich sehenswert?
Wenn in einer Stadt in diesem Bundesland am Sonntag noch ein Café offen hat und wenn es am späten Abend noch irgendwas zu essen um den Bahnhof rum gibt – dann ist es eine bemerkenswerte Stadt! Beides trifft auf Sangerhausen zu. Lohnt sich aber darum ein Abstecher?
Mit einem Rosarium will man hier Touristen anlocken und ein Mammutskelett steht im Museum rum, aber die Touristinformation hat sich so sehr darauf eingeschossen, sämtliche Besucher auf alle möglichen Radtouren bloß aus der Stadt raus zu führen, dass ganz vergessen wurde, die Landesliteraturtage in der Auslage zu bewerben. Egal, die kommen ja bald wieder … oder?
Nein, nein, Sangerhausen lohnt sich wegen dem Rathaus. Oder besser: wegen des Rathauses. Oder noch besser: wegen des Ausblicks vom Rathaus aus. Von dessen nordwestlicher Ecke aus nämlich lässt sich die Göpenstraße einsehen und dahinter die Bahnhofstraße (beide ganz hübsch). Die ganze Stadt geht an dieser Stelle einen Hügel runter und in Grün über, bevor es wieder aufwärts geht. Und darüber thront imposant eine imposante Spitzkegelhalde. Doppelt zu erwähnen, da wirklich erwähnenswert. Diese graue Halde sagt vielleicht mehr über sämtliche Kupfer- und Silberminen als jede Schachtbesichtigung. Weil sie in den Raum wirkt, weil sie allgegenwärtig ist in Sangerhausen, weil sie zutiefst beeindruckt. Und darum geht es doch.

Thomas Zimmermann

Musikalische Inspirationen bei einem Glas Rotwein

Bei dem alltäglich kursierenden Wortmüll bietet die CD-Veröffentlichung „peu à peu“ von Wolfgang Stutes Marea die Möglichkeit, sich von wirklich erfrischender Instrumentalmusik inspirieren zu lassen. Dem Rezensenten sei an dieser Stelle eine kleine Handlungsanweisung gestattet: Die CD einlegen, eine bequeme Sitz- oder Liegeposition einnehmen, um dann mit geschlossenen Augen eigene Texte oder kleine Filme zu den insgesamt 13 Musikstücken zu kreieren.
Wolfgang Stute ist als kreativer Komponist und Musiker (Gitarre, Percussion, Cajon) in den letzen Jahren auch in dem Akustikprojekt „Räuberzivil“ des Liedermachers Heinz Rudolf Kunze in Erscheinung getreten (siehe Das Blättchen Nr. 25/2012). Und mit Hajo Hoffmann (Geige, Mandoline) gehört der Marea-Band ein weiterer musikalischer Räuber an.
Stilistisch gelingt Stute der Spagat zwischen Folk und Flamenco, klassischen und kontemplativen Klängen.
Ganz ohne Einfluss auf diese Veröffentlichung war der singende Deutschlehrer Kunze übrigens nicht. Denn Wolfgang Stute bekundet in dem ausführlichen Booklet massive Probleme mit der Aufgabe, seinen Kompositionen passende Titel zu geben. Hierfür musste der Räuberzivil-Chef Kunze jedoch nicht zweimal gefragt werden. Man kann die von Kunze gewählten Titel aber auch als Herausforderung annehmen, um für sich selbst stimmige(re) Titel zu finden.
Eine Anweisung hat übrigens auch Herr Kunze für den geneigten Hörer dieser CD noch parat: „Ein gutes Glas Rotwein dazu schadet nie.“

Wolfgang Stutes Marea: peu à peu, CD, Rakete Medien 2013; circa 16 Euro.

Thomas Rüger

Backpfeifen

Die NSA-Horcherei wird von der Bundesregierung als „nicht hinnehmbar“ hingenommen. Was die Leute mit uns machen, gefällt uns nicht. Aber die Leute gefallen uns. Deshalb gehen wir freundlich mit ihnen um und geben uns Mühe, dass sie es uns nicht übelnehmen, dass sie uns mies behandeln. „Hauptsache Freunde“ titelt in diesem Sinne SPIEGEL ONLINE einen Bericht über den kürzlich erfolgten Besuch unseres Außenministers in den USA. Danach hat dieser sich „damit abgefunden, dass es kein ‚Sorry‛ oder kein No-Spy-Abkommen mehr geben wird“. Aber er wollte „wenigstens einen angemessenen Ton finden, um sich trotz Kritik wieder langsam anzunähern“. Johannes Gross hat 1995 geschrieben: „Die Deutschen sind die frömmsten Leute. Sie haben gar nicht so viele Backen, wie sie zum Streich hinhalten wollen“. Das kann so nicht stehenbleiben. Mancherorts gibt genügend viele Backen.

Evolution

Eine Regionalzeitung meldet an einem Donnerstag unter der Überschrift „Madeleine gibt Namen von Tochter bekannt“, dass das Baby der schwedischen Prinzessin Leonore Lilian Maria heißt. Dieselbe Zeitung meldet einen Tag später in gleicher Weise unter der Überschrift „Es ist ein Junge“, dass das im Leipziger Zoo geborene Gorilla-Baby den Namen Jango trägt. Die Überschrift über der Affenmeldung ist in großen dicken Buchstaben gedruckt und mit einem Ausrufezeichen versehen, während die Namensgebung Ihrer Hoheit unter einer Überschrift vermeldet wird, deren Buchstaben viel kleiner und dünner sind und ohne Punkt geschweige denn Ausrufezeichen auskommen müssen. Das Verhältnis zwischen Adel und Affen wird auf diese Weise sehr missverständlich ausgedrückt.

Günter Krone

Aus anderen Quellen

In dem von hyperventilierenden Wortmeldungen geprägten Medienauftrieb zur Krise um die und in der Ukraine sowie angesichts allgegenwärtiger Forderungen nach und Ankündigungen von Sanktionen gegen Russland, wahlweise konsequenten, harten oder massiven, werden besonnene Stimmen, die die aktuelle Entwicklung differenziert und überdies in einem historischen Kontext sehen, naturgemäß kaum wahrgenommen. Doch es gibt sie. Erhard Eppler etwa schreibt: „Dass die provisorische Regierung der Ukraine keine ausreichende Legitimation hat, die Zukunft des Landes zu bestimmen, ist rechtlich so einleuchtend wie das Pochen des Westens auf die Unversehrtheit des Territoriums der Ukraine. Aber die Weltgeschichte ist kein Amtsgericht. Wir Deutschen haben immer auf unser Selbstbestimmungsrecht Wert gelegt. Haben die Russen auf der Krim dieses Recht nicht? Muss das, was der Diktator Nikita Chruschtschow 1954 aus Laune dekretiert hat, auch gelten, wenn die Ukraine sich gegen jenes Russland stellt, dem die Mehrheit der Krimbewohner sich verbunden fühlt?“ Und Epplers Ausblick: „Langfristig sehe ich nur eine […] Perspektive: dass die Europäische Union ein so enges Verhältnis zu Russland findet, ökonomisch und politisch, dass Russland keinen Anlass mehr hat, der Ukraine Vergleichbares übel zu nehmen. Dabei müsste allerdings immer klar sein: Die Ukraine tritt nicht der Nato bei. Jedenfalls nicht, ehe Russland dies tut.“
Erhard Eppler: Putin, Mann fürs Böse, Süddeutsche Zeitung, 11.03.2014. Zum Volltext hier klicken.

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„Verluste werden sozialisiert, Gewinne privatisiert“, ist ein nicht nur unter Marxisten beliebtes Schlagwort. Damit forderte etwa Sarah Wagenknecht die Überschüsse der Deutschen Bank für die Allgemeinheit ein, denn ohne staatliche Rettung der Hypo Real Estate oder die Bankenrettung in Irland und Spanien wäre die Deutsche Bank pleite. Nach dieser Logik, so Hauke Janssen, müsste „in einer immer höheren und stärker risikobehafteten privaten Verschuldung und den daraus im Laufe der Zeit immer wieder resultierenden staatlichen Stützungs- und Rettungsaktionen eine wichtige Ursache für ansteigende öffentliche Schulden“ liegen. Sein Fazit, mit Verweis auf neue Studien: „In dieser Hinsicht haben die Linken recht […].“
Hauke Janssen: Münchhausen-Check: So viel Wahrheit steckt in Wagenknechts Banken-Bashing, Spiegel Online, 26.02.2014. Zum Volltext hier klicken.

Amor, das Ferkel

Daniele da Volterra kennt heute kein Mensch  mehr. Dabei war  er einmal zumindest in italienischen Kunstkreisen ein Name, sogar ein Spitzname. „Hosenmaler“ wurde er genannt, der kurz nach Michelangelos Tod im päpstlichen Auftrag „Pictura in Cappella Apostolica coopriantur“ daran ging, die Bilder in der Apostolischen Kapelle, darunter zuvorderst Michelangelos „Jüngstes Gericht“ einzukleiden. Als man sehr viel später diese Gemälde auf ihren Originalzustand hin restaurieren wollte, stellte man bei einigen fest, dass das männliche Gemächt vor seiner kleidsamen Übermalung sogar komplett entfernt worden war. Bekannter als de Volterra ist vermutlich der florentinische Mönch Savonarola, der 1492 seine Hooligans durch die Stadt ziehen ließ, um namens der Herrn alles zu beschlagnahmen, was ihm als Symbol menschlicher Verkommenheit galt. Wiederum gehörten dazu Gemälde, die im Februar 1497 und auch 1498 auf der zentralstädtischen Piazza della Signoria verbrannt wurden. Von solcherart exorzistischem Furor verschreckt, warf selbst ein Mann wie Boticelli damals einige seiner Bilder eigenhändig in die Flammen…
Nun dürfte die Spezies jener Bibeltreuen, denen vermutlich sogar das kurze Nacktheitsdasein Evas und Adams peinlich ist, ihr exorbitantes Schamgefühl nie verloren haben – fundamentalistisch verfasste „Moral“ ist im allgemeinen unerschütterlich. Dass sich aber heute, über 500 Jahre nach den beschriebenen Zeiten, wieder Stimmen aus der Gruft Gehör zu schaffen versuchen, in denen die savonarolische Position überdauert hat, ist schon erstaunlich. So hat die Berliner Gemäldegalerie Alte Meister einen Offenen Brief mit der Aufforderung bekommen, Caravaggios „Amor mit dem Pfeil“ zu entfernen, da Amors Nacktheit eine „ausdrücklich obszöne Szene“ abbilde und auch geeignet sei, die perversen Neigungen Pädophiler auf sich zu ziehen.
Obsiegte solche Bild-Betrachtung künftig, käme einiges auf uns zu, denn wer weiß, an wie vielen Wohn- oder Schlafzimmerwänden ein Druck des Amor oder vergleichbarer Schweinskram hängen. Besser – hängt sowas schon mal ab. Und wer noch einen Ofen oder Kamin hat, sollte wissen, was zu tun ist, um ganz sicher zu gehen.

HWK

Medien-Mosaik

Inge von Wangenheim (1912-1993) hatte viele Talente. Sie war Schauspielerin und Regisseurin, Herausgeberin einer Zeitschrift, Autorin von vielbeachteten Romanen und Essays. Ihrer Enkelin Laura von Wangenheim ist es zu verdanken, dass man nun auch die Fotografin IvW entdecken kann. Die Enkelin, deren Bindung zur Großmutter nie sehr eng war, hat sich in den letzten Jahren entschlossen, den Teil ihrer Familiengeschichte zu erforschen, der in Stalins Sowjetunion stattfand. Inge war mit Gustav von Wangenheim, dem kommunistischen Schauspieler, Regisseur und Autor hierhin emigriert. Sie hat über diese Zeit die Bücher „Mein Haus Vaterland“ und „Auf weitem Feld“ veröffentlicht, in denen sie die wirklichen Probleme vom Leben unter stalinistischem Druck verschwieg. Auch, dass sie ihren zweiten Sohn dort unter bis heute unbekannten Umständen verlor, machte sie nie zum Thema. Als die Enkelin im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt die Negative von vermutlich nie entwickelten Bildern aus Moskau und von der Datscha auf der Krim fand, wurde diese Zeit plastischer. „Auf einmal waren all die Dinge zu sehen, für die ich mich immer interessiert hatte: Menschen, Autos, Stadtansichten, Kinder – ganz alltägliche Momente aus der Zeit des Exils.“ LvW schreibt in einem Essay mit Distanz, schonungslos und doch einfühlsam über ihre immer so unnahbare Großmutter, die nicht nur die Familie und den Alltag fotografierte. Einige deutsche und sowjetische Freunde und Kollegen aus dem Exil sind darunter, Johannes R. Becher, Fritz Erpenbeck, Alfred Kurella, Lotte Loebinger, Samuil Marschak. Fotos von den Dreharbeiten zu Wangenheims Film „Kämpfer“ zeigen den Hauptdarsteller Bruno Schmidtsdorf, der den stalinistischen Terror nicht überlebte. In einem einleitenden Aufsatz schildert Ewald Böhlke übrigens den Besuch Ernst Lubitschs bei Wangenheims in Moskau und wie er später Lubitschs Film „Ninotschka“ beeinflusste. Doch der Bildband ist mehr als ein Stück Exilgeschichte. Er erzählt von Schicksalen, wie sie unter Flucht und Vertreibung immer wieder geschehen können.

Laura von Wangenheim: In den Fängen der Geschichte, Rotbuch Verlag, Berlin 2013, 112 Seiten, 25 Euro.

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Von gelegentlichen Redaktionssitzungen der Weltbühne kannten sich Tucholsky und Kästner eher flüchtig, obwohl Tucholsky hier sogar die zufällig anwesende Ida Kästner kennengelernt hatte: „Da rückte Tucholsky seinen Stuhl neben den ihren und unterhielt sich mit ihr – über mich. Er lobte ihren ‚Jungen‘ über den grünen Klee, und das verstand sie nun. Das war ihr Spezialgebiet. Er aber sah mich lächelnd an und nickte mir zu als wollte er sagen: So hat jeder seine Interessen – man muß sie nur herauskriegen.“
Diese Episode wurde von Dieter Andresen bei der Lesung „Erich Kästner begegnet Kurt Tucholsky“ vorgetragen, die im vergangenen Herbst die beiden Weltbühnen-Autoren als „Vertreter der linksbürgerlichen Opposition in der Weimarer Republik, Aufklärer, Pazifisten“ in Kiel vorstellte. Zu den Themen, zu denen beide viel zu sagen hatten, zählten „Pazifismus contra Militarismus“, „Anprangerung der Justiz“ und „Finanzkrise und Spaltung in Arm und Reich“. Die Veranstaltung wurde dankenswerterweise mitgeschnitten und als Hörbuch veröffentlicht. Man findet eine schöne Mischung aus bekannten Texten und Entdeckungen. Ein kleines Manko besteht darin, dass selten die Autorennamen genannt werden. Die Vortragenden begnügten sich damit, am Anfang mitzuteilen, dass Andresen alles von Kästner und Erdmann alles von Tucholsky lesen würden. Da es sich bei beiden Herren, dem Pastor i.R. Dieter Andresen und dem pensionierten Altphilologen Dr. Gerd Erdmann um reife Herren mit sonorem Organ und leicht norddeutscher Färbung handelt, weiß der nicht ganz sattelfeste Hörer mitunter nicht, welchen Autor er gerade hört. Dafür lesen die beiden in Leseprogrammen durchaus geübten Herren mit so viel Verve, dass man alles andere vergisst.

Erich Kästner begegnet Kurt Tucholsky – Prosatexte und Gedichte zweier verbrannter Dichter, Auswahl und Redaktion: Gerd Erdmann, 2 CDs, 15 Euro, Bestellungen erbeten über e-Mail: hoerbuch@gerderdmann.de

bebe

Wirsing

Kürzlich verschreckte eine Meldung des NDR-Nordmagazins konfessionell gebundene Bürger und wohl auch Mitglieder der Amtskirche. Die Synode der Nordkirche verabschiedete ein Gesetz für gleichgeschlechtliche Paare, und dazu erklärte das Magazin: „Homosexuelle Pastoren und lesbische Pastorinnen sollen künftig in kirchlichen Wohnungen zusammenleben dürfen.“ – Wenn ich ein homosexueller Pastor wäre, hätte ich vielleicht andere Wünsche als unbedingt mit einer lesbischen Pastorin in einer Wohnung zusammenzuleben! Aber es geht noch weiter: „Voraussetzung sei, daß diese Paare zuvor eine standesamtliche Lebenspartnerschaft eingegangen sind.“ Ich glaube kaum, dass die Zahl der homosexuellen Pastoren und Pastorinnen, die miteinander eine Lebenspartnerschaft eingehen wollen, zu einer Wohnungsnot in der Nordkirche führen wird!

Fabian Ärmel