Die Nuklearstreitkräfte und die Modernisierung unserer nuklearen Abschreckung
sind die mit Abstand wichtigste Initiative für das amerikanische Militär.
Elbridge Colby
Under Secretary of War for Policy, August 5, 2026
Je größer die Anzahl und Vielfalt der Atomwaffen ist,
desto größer ist die Zahl möglicher Fehleinschätzungen […] in einer Krise.
Erin D. Dumbacher
Foreign Affairs, August 26, 2026
Vorbemerkung: Im Jahr 2024 hat Russland durch eine Veränderung seiner Nukleardoktrin die Option eines nuklearen Ersteinsatzes (ohne vorherigen atomaren Angriff) in der Doktrin verankert und damit die Einsatzschwelle für (taktische wie strategische) Kernwaffen im Falle eines Krieges mit der NATO merklich gesenkt – siehe dazu Blättchen 21/2024. Damit wurde dem Westen signalisiert, dass einer Entfaltung von dessen allgemeiner Überlegenheit bei konventionellen Streitkräften nach Ausbruch einer militärischen Auseinandersetzung gegebenenfalls ein atomarer Riegel vorgeschoben werden könnte. Wie jüngst erneut unterstrichen wurde. Als Polens Außenminister Sikorski von einer „drückenden Überlegenheit“ gegenüber der russischen Armee sprach, konterte sein russischer Amtskollege Lawrow laut WELT: Moskau hege zwar keine aggressiven Absichten gegenüber Europa, sollte es jedoch zu einem Angriff von EU-Ländern auf Russland kommen, „wäre das eine völlig andere Art von Krieg – und ein sehr kurzer“.
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Es gibt Indizien dafür, dass seitens der Trump-Administration an neuen Einsatzoptionen für Kernwaffen gearbeitet wird, was auch auf US-amerikanischer Seite eine weitere Absenkung der atomaren Einsatzschwelle zur Folge hätte.
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Historischer Exkurs: Im Jahre 2012 berichtet Der Spiegel darüber, dass die USA zu Zeiten des ersten Kalten Krieges bis zu 5000 atomare Sprengköpfe in der BRD aufgefahren hatten – „ein Teil davon für die dort stationierten Streitkräfte der Briten, Holländer, Belgier und Kanadier. Das entnahm das Magazin bis dahin unveröffentlichten Akten des Auswärtigen Amtes. Diese Stationierungen seien zum Teil hinter dem Rücken der Bundesregierung erfolgt: „Die USA hatten demnach seit Ende der fünfziger Jahre ‚mit allen Verbündeten, die Streitkräfte in der Bundesrepublik unterhalten, Verträge über die Lagerung amerikanischer Atomwaffen im Bundesgebiet für den Bedarf dieser Verbündeten abgeschlossen, ohne je unsere Zustimmung dafür einzuholen‘“.
Als Trägersysteme für die US-Atomsprengköpfe dienten vor allem Kampfflugzeuge, ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen und verschiedene Artilleriesysteme. Es waren aber auch abstruse Exoten dabei. So das nach einem US-Kriegshelden aus dem frühen 19. Jahrhundert benannte System Davy Crockett, ein Art Bazooka, rückstoßfrei, mit einer Reichweite von lediglich zwei und vier Kilometern; die Sprengkraft war zweistufig zwischen 0,1 und 0,2 Kilotonnen wählbar (zum Vergleich: bei der Hiroshima-Bombe betrug dieser Wert 15 Kilotonnen und in Nagasaki 21). Oder die sogenannten Atomic Demolition Munitions, auch als Atomminen oder „Rucksack“-Bomben bezeichnet, die von einem Soldaten getragen werden konnten und insbesondere zur Sprengung von strategisch wichtigen Brücken, Tunneln, Staudämmen und Eisenbahnknotenpunkten gedacht waren, um das Vorrücken sowjetischer Panzerarmeen aus der DDR in die BRD zu verlangsamen.
Nach Beendigung des ersten kalten Krieges, nach 1990, sind – mit einer Ausnahme – alle taktischen US-Atomwaffensysteme aus dem Ausland abgezogen und in den USA weitestgehend demontiert worden. Dass betraf insgesamt 14.000 taktische Waffen und denuklearisierte die US-Land- und -Überwasserseestreitkräfte. Die Ausnahme: Ein Rest von geschätzt 150 bis 180 atomaren Bomben ist im Rahmen der sogenannten nuklearen Teilhabe (siehe dazu Blättchen 1/2024) auf sechs Luftwaffenstützpunkten in fünf NATO-Staaten (Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande, Türkei) verblieben und deren Umrüstung auf den neu entwickelten Bombentyp B61-12 (zu diesem siehe Blättchen 1/2014) in jüngster Zeit abgeschlossen worden ist (siehe Blättchen 4/2025).
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Am 11. September 2026 publizierte das renommierte US-Magazin Bulletin of the Atomic Scientists einen Beitrag von Joe Cirincione, „Analyst für Atompolitik […] mit über 35 Jahren Erfahrung auf diesem Gebiet“, mit dem Titel „Pentagon‘s secret plan: Reviving Cold War doctrines to lower the threshold for nuclear war“ („Der geheime Plan des Pentagons: Wiederbelebung von Doktrinen des Kalten Krieges, um die Schwelle für einen Atomkrieg zu senken“). Der Autor teilt einleitend mit: „Im Geheimen nimmt eine neue Nuklearpolitik Gestalt an, die von einer kleinen Gruppe von Pentagon-Beamten ausgearbeitet wurde und Präsident Donald Trump mehr Möglichkeiten geben wird, einen Atomkrieg zu beginnen. […] Äußerungen von Beamten deuten darauf hin, dass sie eine der gefährlichsten Strategien des Kalten Krieges wiederbeleben könnte: die Verbreitung von Atomwaffen auf dem Schlachtfeld und deren frühzeitiger Einsatz in einem konventionellen Krieg.“
Ausführlich referiert Cirincione in diesem Zusammenhang eine Rede, die Elbridge Colby, Staatsekretär für Politik im US-Kriegsministerium, am 5. August 2026 auf dem diesjährigen Symposium des United States Strategic Command zum Thema Abschreckung gehalten hat. Colbys Auftritt sei zwar „weitschweifig, wirr und unstrukturiert“ gewesen, „doch einige Punkte stechen hervor“. Die zentrale Idee, so Cirincione weiter, „besteht darin, die Trennung zwischen konventionellen und nuklearen Streitkräften aufzuheben“ – mit dem Ziel, „dass Gegner die Vereinigten Staaten regional nicht herausfordern werden, wenn die Hürden für den Einsatz von Atomwaffen gesenkt werden“. Diese Kriegführungsstrategie (O-Ton Cirincione), für die Colby wiederholt den verharmlosenden Begriff „Eskalationsmanagement“ („managing escalation“) gebrauchte, sei nicht zuletzt darauf angelegt, „die Angst eines Präsidenten vor einem ‚tatsächlichen Einsatz von Atomwaffen‘ zu verringern“.
Zugleich deute Colbys Formel von einer „Erweiterung der [atomaren] Optionen“, so Cirincione, an, dass der beste Weg, die skizzierte Strategie umzusetzen, darin bestehe, mehr Atomwaffen und neue Arten von Atomwaffen zu bauen. Dazu gehörten „ein neuer, aus der Luft abgefeuerter Marschflugkörper mit einstellbarer Sprengkraft und ein neuer, vom Meer aus abgefeuerter Marschflugkörper (SLCM-N), der zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges die Renuklearisierung der Überwasserflotte einleiten“ würde.
Die Trump-Administration setzt damit einen Kurs fort, der bereits während der ersten Amtszeit des derzeitigen US-Präsidenten eingeschlagen worden war, als damit begonnen wurde, U-Boot-gestützte Interkontinentalraketen (SLBM) vom Typ Tident von strategischen 455-Kilotonnen-W88-Sprengköpfen auf taktische 8-Kilotonnen-W76-2-Sprengköpfe umzurüsten (siehe dazu auch Blättchen 4/2020). Inzwischen sind damit auf allen 14 im Einsatz befindlichen Träger-U-Booten der Ohio-Klasse je ein bis zwei Raketen ausgestattet. Cirincione: „Dahinter steht die Idee, dass ein Präsident eher bereit wäre, eine kleine Atomwaffe einzusetzen als eine riesige Stadtzerstörer-Bombe.“
In einem bewaffneten Konflikt mit Russland oder China allerdings hätten diese Systeme einen gewaltigen Haken: Sie haben die frühere klare Unterscheidbarkeit von strategischen und taktischen Atomwaffen aufgehoben. Elektronische Frühwarnsysteme könnten in diesem Falle nicht mehr klären, ob da ein strategisches oder „bloß“ ein taktisches System im Anflug wäre. Der eingeleitete Gegenschlag, so vermuten Experten, würde vom worst case ausgehen. Somit könnten sich ausgerechnet Systeme mit dem vergleichsweise geringsten atomaren Schadenspotenzial als Auslöser eines finalen Super-Gaus erweisen …
Cirinciones Fazit zur aktuellen Strategieentwicklung in den USA und zur anvisierten Aufstockung des atomaren Waffenarsenals: „Das ist ein Rezept für eine Katastrophe. Mehr Waffen, mehr Waffentypen, neue Einsatzdoktrinen, die die Grenze zwischen konventionellem und nuklearem Krieg verwischen oder aufheben, sowie die Ablehnung jeglicher Nukleardiplomatie werden das Risiko eines Atomkriegs erheblich erhöhen.“
Schlagwörter: Atomwaffen, Elbridge Colby, Kernwaffen, Krieg, Sarcasticus, strategisch, taktisch, USA



