29. Jahrgang | Nummer 12 | 20. Juli 2026

Schreckenspopanz Russland

von Sarcasticus

Deutschland und das Bündnisgebiet sind so bedroht
wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Boris Pistorius (SPD), Verteidigungsminister

 

2029 ist kein deutscher Zeitplan. Es handelt sich um eine
nachrichtendienstliche Einschätzung, auf die sich die NATO verständigt hat.

Generalleutnant Christian Freuding, Heeresinspekteur der Bundeswehr

 

Mit dem Bundeshaushalt 2027 wird, so die Planungen der Bundesregierung, die deutsche Staatsverschuldung weiter in die Höhe getrieben. In gigantischem Ausmaß: Derzeit – Stand: Anfang Juli 2026 – steht eine Nettoneuverschuldung von gut 200 Milliarden Euro in Rede. Chef-Schuldenplaner Lars Klingbeil (SPD), der Bundesfinanzminister, begründet das zuvorderst mit der Bedrohung durch Russland: „Dass wir Schulden machen, hat damit zu tun, dass wir unsere Bundeswehr aufrüsten […]“ Weil: „Man kann sich gegenüber Putin nicht mit der schwarzen Null verteidigen.“ So zitierte das Handelsblatt den Minister.

Doch gegen wen oder wann der Minister meint, Deutschland verteidigen zu müssen, dazu ist seinen Auslassungen weiterer westlicher Orakel zwar allgemeines Bedrohungsgeraune in Fülle, Konkretes an Fakten und Aufklärungsergebnissen hingegen selten und nur recht selektiv zu entnehmen.

Putin steht bei Klingbeil als Synonym für die russische Militärmacht. Und die liefert gegen die Ukraine auch im fünften Kriegsjahr eine Vorstellung ab, die einerseits in ihren Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung barbarisch, kriegsverbrecherisch ist, kriegshandwerklich an den Fronten allerdings von einem solchen Unvermögen zu erfolgreicher offensiver Kriegführung zeugt, dass jeder unvoreingenommene Beobachter sich unwillkürlich fragen muss, was daran für das stärkste Militärbündnis der Welt, die NATO, zum Fürchten sein sollte. Zumal die NATO im Bereich der konventionellen Streitkräfte hoch überlegen ist.

Gemini, die KI von Google, antwortete auf eine Anfrage des Autors, wie das konventionelle militärische Kräfteverhältnis zwischen der NATO und Russland einzuschätzen sei, am 6. Juli 2026 folgendes: „Das konventionelle militärische Kräfteverhältnis zwischen der NATO und Russland ist von einer tiefen Asymmetrie geprägt. Während die NATO als Bündnis in fast allen Bereichen (Finanzen, Gesamtpersonal, Luftwaffe und Marine) eine überwältigende materielle und technologische Überlegenheit besitzt, verfügt Russland – bedingt durch die Umstellung auf eine Kriegswirtschaft […] – über enorme Mengen an traditioneller Artillerie, Panzern (oft älterer Bauart) und bodengebundenen Luftabwehrsystemen.“ Und: „Allein die europäischen NATO-Mitglieder stellen deutlich mehr aktive Soldaten als Russland.“

Die Gemini-Angaben waren als „Stand 2025/2026“ ausgewiesen und erfolgten unter Verweis auf das „Standardwerk für militärische Daten […] ‚The Military Balance‘“ des Londoner International Institute for Strategic Studies und die Nachrichtenplattform 24/7 Wall St.

Zu einer vergleichbaren Einschätzung kommt eine im Mai 2026 veröffentlichte Greenpeace-Studie („Europa allein zu Haus?“) eines Recherche- und Autoren-Teams um Herbert Wulf, den langjährigen früheren Leiter des Bonn International Center for Conversion (BICC): „Die NATO-Staaten sind Russland auch ohne die USA in wesentlichen militärischen Kategorien überlegen.“

Andererseits – man kann das bestehende militärische Kräfteverhältnis natürlich auch komplett ignorieren. Für die glaubensfeste Verkündung und mantraartige Wiederholung mancher Botschaften ist das von Vorteil, wenn nicht gar conditio sine qua non:

– Russland sei „letztlich auch für die NATO“ eine Bedrohung: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“, sagte Verteidigungsminister Pistorius (SPD) am 5. Juni 2024 bei einer Regierungsbefragung im Bundestag und seither bei mancher weiteren Gelegenheit.

– „Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und denken, ein russischer Angriff kommt frühestens 2029“, meinte der Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND ), Martin Jäger, am 13. Oktober 2025 bei der jährlichen Befragung durch das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages für die Geheimdienste. Jäger gab sich überzeugt, dass Russland „auch eine direkte militärische Auseinandersetzung mit der NATO nicht scheuen würde“. Ihm sekundierten bei derselben Gelegenheit auch die Chefs des Verfassungsschutzes und des Militärischen Abschirmdienstes (MAD).

Mit vergleichbaren „Narrativen“ sind bereits seit längerem etliche Generale der Bundeswehr in der Öffentlichkeit unterwegs, um die Bevölkerung auf Kriegssituationen einzustimmen (siehe Blättchen 10/2025). Denn „das Mindset [die Denkweise – S.] der Bevölkerung“, so auf Nachfrage der damalige Viersternegeneral Christian Badia im Januar 2025, spiele eine „sehr entscheidende Rolle! […] Getreu dem Satz ‚The army wins the battle, the nation wins the war‘ […].“

Mit hoher Taktfrequenz agiert auch Generalmajor des Heeres Wolf-Rüdiger Stahl, Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), der nach eigenem Bekunden zentralen, ressortübergreifenden sicherheitspolitischen Weiterbildungsstätte der Bundesregierung. Ihr Zielpublikum sei „Spitzenpersonal aus Bund und Ländern sowie Führungskräften aus Wissenschaft, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen“. Stahl wisse, so der Focus im Dezember 2025, „wie kaum ein anderer, vor welchen Herausforderungen die Bundeswehr steht – und vor welchen Gefahren sie das Land beschützen muss“. Woher ausgerechnet der Chef einer Bildungsstätte einen sicherheitspolitischen Erkenntnisvorsprung gegenüber anderen Experten – „wie kaum ein anderer“ – haben sollte, interessierte das Blatt aber offenbar nicht.

Im Einzelnen verriet der General dem Magazin: Putin rüste sein Land über die Maßen dessen auf, was er für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine benötige. „Er will 1,5 Millionen Soldatinnen und Soldaten haben. Der Startpunkt war bei deutlich unter einer Million.“ Damit schaffe Putin „Voraussetzungen […] für einen Angriff. Er fährt Personal hoch, er fährt Material hoch, er produziert mehr, als er verbraucht.“

Am 17. Februar 2026 trug Stahl bei einem Vortragsabend der Deutsch-Britischen Gesellschaft so Alarmierendes vor, dass selbst Medien im Vereinigten Königreich Notiz davon nahmen. Die Daily Mail zitierte Stahl: „Wenn ich mir anschaue, wie Putin bisher gehandelt hat, und die Art und Weise sehe, wie er […] eine Mission gegen den Westen verfolgt, dann stellt sich nicht die Frage, ob er militärische Mittel einsetzen wird. Wenn er die Gelegenheit dazu bekommt, wird er sie nutzen.“ Und: Europa werde „Dinge erleiden, die wir uns derzeit noch gar nicht vorstellen können“.

Vom Focus und anderen Interviewern wurde Stahl nach Kenntnis des Autors weder nach Belegen für seine Botschaften noch nach Konkretisierungen seiner allgemein gehaltenen Anwürfe gefragt.

Die Realität im fünften Jahr des Ukrainekrieges jedoch stellt sich deutlich anders dar. Laut The Independent vom 28. Mai 2026 äußerte sich Anne Keast-Butler, Chefin des britischen Geheimdienstes GCHQ, zu den russischen Kriegsverlusten an Militärpersonal dahingehend, „dass fast eine halbe Million russischer Soldaten seit Kriegsbeginn getötet worden sind“. Michael Clarke, ehemaliger Generaldirektor des britischen Royal United Services Institute (RUSI), meinte dazu: „Angesichts der Quelle sollte dies […] als offizielle Schätzung betrachtet werden.“ (CBS News, 28.05.2026)

Weitere Details sind einer gerade publizierten Studie des US-Thinktanks Center for Strategic & International Studies (CSIS) mit dem Titel „Russian Blood and Treasure. The Ballooning Costs of Putin’s War“ („Russisches Blut und russischer Reichtum. Die explodierenden Kosten von Putins Krieg“) zu entnehmen. Neben 450.000 russischen Gefallenen wird die Zahl von 1,4 Millionen Verwundeten genannt. Die monatliche russische Verlustrate wird für 2026 mit 30.000 Mann beziffert.

Hinzu kommen immense materielle Verluste, zu denen es regelmäßige Verlautbarungen des ukrainischen Generalstabs gibt. Anfang Juli 2026 hätte Russland demzufolge seit Kriegsbeginn im Februar 2022 verloren: 12.073 Panzer, 24.863 gepanzerte Fahrzeuge, 45.225 Artilleriesysteme, 115.237 Fahrzeuge und Treibstofftanks, 1912 Mehrfachraketenwerfer, 1463 Luftabwehrsysteme, 436 Flugzeuge, 353 Helikopter, 1809 bodengestützte Robotersysteme, 387.342 Drohnen, 4846 Marschflugkörper, 33 Schiffe, zwei U-Boote sowie 4380 Einheiten Spezialausrüstung.

Ungeachtet dieser Sachlage kann man die wiederholten Äußerungen Putins, dass keine russischen Absichten beständen, NATO-Gebiet anzugreifen – selbstredend als scheinheilige Propaganda einstufen, um den Westen einzulullen, und die konventionelle Überlegenheit NATO-Europas weiter hochfahren. Doch dichter an der Realität dürfte der NATO-Oberbefehlshaber Europa (SACEUR) sein. US-General Alexus G. Grynkewich erklärte nach Financial Times vom 11. Juni 2026 während der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin: „Ich habe die Geheimdienstinformationen sehr genau verfolgt. Russland sucht keinen Konflikt […] Sie verstehen den Begriff ‚Verteidigungsbündnis‘, und sie verstehen, dass wir eine Reihe asymmetrischer Vorteile haben.“

 

PS: Es gibt aber auch gute Nachrichten. Bei einem Pistorius-Auftritt während der Konferenz der Innenminister der Bundesländer am 19. Juni 2026 erklärte der Minister, „die zivil-militärische Zusammenarbeit“ solle ausgebaut werden. Anschließend berichtete die FAZ: „Bisher hakt es dabei gewaltig. Wenn etwa die Bundeswehr den Ländern mitteilt, wie viel medizinische Infrastruktur sie im Ernstfall braucht, war bisher unklar, wie man auch Strukturen für verletzte Zivilisten frei hält. Oder wenn im Falle eines Bündnisfalls die Häfen für die militärische Logistik in Anspruch genommen werden sollten, war bisher nicht mitgedacht worden, dass die Häfen auch für die zivile Versorgung relevant sind. Das soll sich nun ändern.“