Am 5. April 1875 erschien in der Kölnischen Zeitung ein Aufsatz unter dem Titel „Neue Allianzen“. Er beschwor die Gefahr eines gegen das damals noch junge Deutsche Reich gerichteten ultramontanen Bündnisses Frankreichs, Österreich-Ungarns und Italiens. Vier Tage später publizierte die freikonservative Post einen Artikel mit der provokanten Überschrift „Ist der Krieg in Sicht?“, der wie ein Blitz in die europäische Politik einschlug. Er behauptete, Frankreich bereite einen Revanchekrieg gegen Deutschland vor.
Hinter beiden Texten stand Otto von Bismarck. Der „eiserne“ Kanzler des Deutschen Reichs stellte zunächst rhetorisch eine Frage, die in der Sache alle Großmächte brennend bewegte: Wie sollte Europa gemeinsam mit diesem neuen Reich unter Wahrung der Interessen jedes einzelnen Landes künftig machtpolitisch gestaltet werden? Deutschland verdankte seinen Sieg über Frankreich 1871 auch der Neutralität Russlands. Wie würde sich Russland bei einem erneuten Waffengang der ambitionierten Großmacht Deutschland gegen Frankreich verhalten, wenn es seine eigene Position in Europa gefährdet sah? Wie würde man in Wien oder London reagieren? In wenigen Tagen und Wochen rollte eine diplomatische Lawine über die entscheidenden politischen Zentren Europas, die letztlich über Krieg und Frieden auf dem Kontinent entscheiden konnte. Die zwischen Berlin und Sankt Peterburg bereits angebahnten Verhandlungen besaßen dabei eine Schlüsselstellung. Die Gespräche verliefen auf verzweigten und komplizierten Bahnen, gipfelten jedoch in den persönlichen Begegnungen Bismarcks mit dem russischen Diplomaten Pjotr Schuwalow, der in jenen Tagen als russischer Botschafter in London wirkte. Die Treffen fanden in Berlin statt und gingen dem Artikel in der Post voraus.
Bismarck steuerte recht unverblümt auf sein Ziel zu: Russlands beste Politik sei ein enger Anschluss an Deutschland. Deutschland verspricht, der russischen Politik im Osten zu folgen, wenn Russland Deutschlands Interessen im Westen unterstützt. Doch Vorsicht! So berichtete es Schuwalow dem Botschafter Österreich-Ungarns, der die russischen Absichten in der Orientfrage mit Misstrauen verfolgte. Wollte Bismarck den Wiener Interessen schaden? Der Kanzler gab sich jeden falls siegessicher, bei Schuwalow auf offene Ohren gestoßen zu sein.
Bei allen Verhandlungen ging es dem Kanzler nicht nur darum, dass Russland sich ihm im Falle eines neuen Kriegs gegen Frankreich nicht in den Weg stellte. Er erstrebte die Reziprozität der beiden Großmächte! Deutschland wollte Russlands Orientpolitik billigen, wenn Russland Bismarck im Westen freie Hand ließe. Der ahnte jedoch nicht, dass Petersburger Diplomaten diese Wunschvorstellung brühwarm nach Wien und Paris trugen, um dort das Misstrauen gegen den deutschen Kanzler zu schüren. Denn die Absichten Bismarcks waren, so geschickt er sie auch ummanteln mochte, unschwer zu erahnen. Er bot dem Zarenreich an, die Hegemonie über Europa miteinander zu teilen und dadurch die mit der Reichsgründung 1871 aus der Achse geratene fragile Harmonie des Gleichgewichts der europäischen Mächte wiederherzustellen. Natürlich mit einem starken Deutschen Reich als Zentrum.
Dafür musste das Reich nicht einmal einen hohen Preis zahlen. Es besaß gegenüber dem Osmanischen Reich und dem Orient damals keine eigenen Absichten. Der russische „Partner“ konnte dort allerdings sehr wohl mit Großbritannien in Konflikte geraten. Andererseits hoffte Bismarck darauf, dass seine Liaison mit dem Zaren die Interessen Österreich-Ungarns auf dem Balkan nicht berühren würden. Das war jedoch unvermeidlich.
Zunächst ging es Bismarck vor allem darum, den „Deal“ mit Russland lediglich unterhalb offizieller Verträge auf der Ebene geheimer Absprachen zu halten, um den gefährlichen russischen Rivalen als möglichen Koalitionspartner Frankreichs auszuschalten, sich selbst aber die Hände gegenüber den anderen Großmächten freizuhalten.
Bismarck ging in die Offensive und ließ im April 1875 die provozierenden Zeitungsartikel veröffentlichen. Die diplomatische Krise nahm ihren Lauf. Doch sehr schnell brach das von Bismarck scheinbar so sorgfältig errichtete Kartenhaus in sich zusammen. Frankreichs Außenminister Louis Decazes konnte in Berlin, London und Petersburg überzeugend darlegen, dass Frankreich keinen Angriffskrieg plante. Bismarcks Pressekampagne hatte den Bogen überspannt und bei Europas Regierungen nur Argwohn hervorgerufen. Er galt als Schuldiger an der künstlich geschürten Krise.
Bismarcks größter Fehler bestand darin, sowohl die russischen Interessen als auch die Persönlichkeit Schuwalows falsch eingeschätzt zu haben. Zar Alexander II. und dessen Berater dachten mit keiner Silbe daran, die russische Vormacht in Europa begrenzen zu lassen oder gar an die aufstrebende Großmacht Deutschland abzutreten. Selbst in der Orientfrage heizten sie Habsburgs Argwohn gegen Bismarck und das Deutsche Reich an.
„Viel größeren Reiz bot es der russischen Seite, Bismarcks Angebot zu nutzen, ihn auszuspielen“, vermerkte Konrad Canis („Bismarcks Außenpolitik 1870-1890. Aufstieg und Gefährdung“, 2004).
Russlands Außenminister Alexander Gortschakow attackierte Bismarcks Pressekampagne und ermunterte Frankreich zu militärischer Stärke. Es könne im Falle eines deutschen Angriffs auf Russlands Beistand rechnen. Gortschakow, an und für sich als Hasenfuß karikiert, wurde ironisch. Über den französischen Botschafter in Berlin ließ er Bismarck mitteilen, Russland wolle gerne ein Verbündeter Deutschlands bleiben, aber kein Teilhaber werden, falls man dort Wege beschreitet, die nicht den russischen Interessen dienten. Das war für Bismarck eine glatte Zurückweisung. Die Krise war beendet und in Petersburg glaubte man, die Fäden der europäischen Politik wieder selbst in der Hand zu haben. Man konnte sich auch auf Großbritannien verlassen. Gemeinsam mit Frankreich sollte die Diplomatie dem Ziel dienen, eine weitere Ausdehnung des Deutschen Reichs zur politischen und militärischen Führungsmacht in Europa zu verhindern.
Bismarck leitete mach der Krise eine Wende in seiner außenpolitischen Konzeption ein und legte die Grundzüge im „Kissinger Diktat“ vom Juni 1877 dar. Im Unterschied zum Frühjahr 1875 erschütterte 1877 die Balkankrise, als russische Truppen in das Osmanische Reich eindrangen und auf Konstantinopel marschierten, das europäische Gleichgewicht. Angesichts dieser Entwicklung in der Orientfrage und unter Beachtung der Lehren aus der „Krieg-in-Sicht“-Krise entwarf Bismarck das Bild „[…] einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden.“ Das Reich konnte seine Macht in Europa nicht durch weitere Kriege ausdehnen. Stattdessen mussten Bündnisse der konkurrierenden Großmächte gegen Deutschland verhindert werden. Man könnte zum Beispiel deren Interessenkonflikte auf dem Balkan oder in der Kolonialfrage ausnutzen. Bismarck hielt da ein praktisches Beispiel parat: „Wenn England und Russland auf der Basis, dass ersteres Ägypten, letzteres das Schwarze Meer hat, einig würden, so wären beide in der Lage, auf lange Zeit mit Erhaltung des Status quo zufrieden zu sein, und doch wieder in ihren größten Interessen auf eine Rivalität angewiesen, die sie zur Teilnahme an Koalitionen gegen uns […] kaum fähig macht.“
Bei genauer Betrachtung fällt auf, das Bismarck in jenen Jahren zwar Tendenzen der internationalen Politik realistisch betrachtete. Aber er interpretierte sie ausschließlich im Interesse der deutschen Bestrebungen, die eigenen Positionen als europäisch Großmacht zu festigen. Er unterlief die Komplexität des europäischen Gleichgewichts und trug dadurch nicht dazu bei, auch nur eine einzige Frage auf dem Wege zu einem friedlichen Kontinent zu lösen. Selbst der Bismarck oft genug zugeschriebene und keineswegs üble Gedanke, Deutschland sei es im Bunde mit Russland stets gut gegangen, darf hier einmal mehr hinsichtlich seiner Autorenschaft in Zweifel gezogen werden. Diplomatie diente eben nicht per se dem europäischen Frieden.
Schlagwörter: Bismarck, Detlef Jena, Europa, Frankreich, Frieden, Kissinger Diktat, Krieg, Russland




