„Das Volk ist doof, aber gerissen.“

von Ulrich Busch

Die Sentenz stammt von Kurt Tucholsky. Der schrieb das pejorative Wort mit nur einem „o“ und stellte die Sottise – unter seinem Pseudonym Peter Panter – einer feuilletonistischen Betrachtung über den damals gerade im Schwange gewesenen Gassenhauer „Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen“ als Motto voran. Der Text wurde in der Weltbühne vom 14. Dezember 1922 veröffentlicht. Studiert man ihn genauer, so merkt man sehr schnell, dass er trotz seines historischen Zeitbezugs auch heute noch eine gewisse Aktualität aufweist. Dies gilt erst recht für die Sentenz, die dem Essay vorangestellt ist und die hervorragend auf das Wahlverhalten von heute passt.

Tucholsky meinte, das populäre Lied enthalte „den vollendetsten Ausdruck der Volksseele“, denn es zeige ganz klar, „in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist und wie wir uns zu ihr zu stellen haben“. Es sei daher während der damals herrschenden Hyperinflation zu so etwas wie einem „deutschen Volkslied“ geworden.

Die Botschaft des Gassenhauers aber ist beängstigend und verstörend zugleich, denn sie besagt, dass die Sänger (das Volk) fest entschlossen seien, das Hab und Gut der Großmutter (die materiellen und ideellen Errungenschaften) „zu Geld zu machen und die so gewonnene Summe in spirituösen Getränken anzulegen“, also „zu versaufen“ (vulgo das Ersparte und den akkumulierten Reichtum dem kurzfristigen Genuss zu opfern). Die hierin zum Ausdruck kommende Metapher lässt sich ökonomisch, soziologisch und politisch deuten. Die wirtschaftshistorische Interpretation liegt auf der Hand, so Tucholsky: „Das kleine Lied enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz.“ Hinzu kommt, dass die Hyperinflation im Jahr 1922 es geradezu als sinnlos erscheinen ließ, an die Zukunft zu denken und in diese zu investieren. Was damals allein zählte, war die Gegenwart oder anders ausgedrückt, der Konsum oder Genuss des Augenblicks.

Dies trifft mit Abstrichen auch auf die aktuelle Situation zu: Verbrauch statt Erhalt, Konsum statt Investition, eskalierende Verschuldung statt Vermögensaufbau. Unterstützt wird ein solches Vorgehen durch eine Wirtschaftstheorie, die nur ein einziges Ziel kennt, nämlich den kurzfristigen pekuniären Gewinn. Und die deshalb den Gegenwartsnutzen über die Sicherung der Zukunft stellt. Auf diese Weise entsteht das, was wir heute überall beobachten können: ein hedonistischer Konsumismus, ein Leben auf Kosten der Zukunft und ohne Verantwortung für die Natur, für das Klima, für andere Menschen und für die nachfolgenden Generationen.

Nicht an die Zukunft zu denken und sehenden Auges in eine ökologische Katastrophe zu laufen, ist „doof“. Dies aber um kleinlicher Vorteile willen zu tun, um kurzfristiger Wohlstandgewinne wegen, ist auch nicht gerade klug, vielleicht nicht einmal besonders schlau, aber „gerissen“ schon. Die Kombination beider Adjektive beschreibt – damals wie heute – eine typische Verhaltensweise des Volkes: „doof, aber gerissen“. Kürzer und zutreffender lässt sich das auf den ersten Blick durchaus widersprüchlich erscheinende Verhalten von Teilen der Bevölkerung kaum zusammenfassen!

Analysiert man überdies, wie sich die Struktur der Gesellschaft, die soziale Differenzierung, die Einkommens-, Wohlstands- und Vermögensverteilung und das Glücksgefühl gegenwärtig verändern, so wird deutlich, in welche Richtung die Entwicklung geht: Die soziale Differenzierung wächst, die Zahl armer und armutsgefährdeter Menschen nimmt trotz volkswirtschaftlicher Erfolge zu, die Zukunftserwartungen sind eher negativ und das Glücksempfinden korreliert immer weniger mit materiellen Wohlstandsindikatoren. „Viele Menschen erleben zunehmende Unsicherheit und Armut“, so der aktuelle Bericht von Oxfam. „Eine Politik auf Kosten der Mehrheit führt daher dazu, dass immer mehr Menschen das Vertrauen in demokratische Institutionen verlieren. Das spielt antidemokratischen, rechtsextremen Parteien in die Hände, die vielerorts an Unterstützung und Macht gewinnen und die Zerstörung der Demokratie vorantreiben.“ (Oxfam 2026) Am deutlichsten aber macht sich die Kombination von „doof“ und „gerissen“ im politischen Leben „des Volkes“, namentlich im Wahlverhalten, bemerkbar: Da wird zum Beispiel eine Partei nicht mehr gewählt, weil sie eine strategische Zukunftsvision besitzt, einen Plan, und davon ausgehend ein mit Einschränkungen verbundenes Programm verfolgt, das auf die Sicherung der Zukunft hin angelegt ist. Lieber nimmt man mit dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und der Ressourcenverknappung langfristig hohe und unkalkulierbare Opportunitätskosten in Kauf, als dass man kurz- und mittelfristig in eine neue Heizungsanlage investieren oder auf das Auto mit dem Verbrennungsmotor verzichten würde.

Alternativ zu der auf zukunftssichernde Maßnahmen drängenden Umwelt-Partei werben konservative, autoritär-liberale, rechtspopulistische und -extremistische Parteien um die Gunst der Wähler, indem sie behaupten, unbequeme Verhaltensänderungen und kostspielige Investitionen, zum Beispiel in neue Energien, seien überflüssig. Wenn alles beim Alten bliebe, würde in Zukunft trotzdem alles besser werden. Das erscheint vielen bequem und kurzfristig von Vorteil. Dafür werden entsprechende Parteien gewählt!

Dies führt uns zurück zu Tucholsky. Im Lied ist die Rede von einer ersten und einer zweiten „Hypothek“, welche nach „Omas klein Häuschen“ auch noch vertrunken werden sollen. Tucholsky hält dies für „naiv“ und weist darauf hin, dass eine Hypothek eine Schuld sei, die man unmöglich vertrinken könne. Es bestünde aber die Möglichkeit, die für die eingetragene Hypothek als Darlehn gegebene Summe „in leichtfertiger Weise“ zu verkonsumieren: „So singt das Volk.“ – Liest man dies, so muss man sofort an den Begriff „Sondervermögen“ denken, der 2025 zum Unwort des Jahres gekürt worden ist. Tucholsky führt ähnliche Termini an und erblickt in der Entlarvung der irreführenden Begrifflichkeit eine „echte, unverlogene Lyrik“ des Volkes. Im Lied ist die Rede davon, nach dem Häuschen der Oma auch noch die Hypothek, die darauf liegt, vertrinken zu wollen. Heute wird der zusätzliche Konsum (zum Beispiel von Rüstungsgütern) als „Investition“ ausgegeben und über Schulden finanziert, die unter dem Begriff „Sondervermögen“ firmieren, während die infrastrukturelle „Substanz“ verkommt, weil die notwendigen Investitionen ausbleiben. Hierin ist unschwer zu erkennen, dass die verwendeten Begriffe der Verschleierung der wahren Tatbestände dienen. Es ist also nichts anderes als „verlogene Lyrik“. Das „Volk“ – „doof, aber gerissen“ – reagiert darauf, indem es die Parteien, die hierfür verantwortlich sind, abwählt und sich stattdessen Parteien zuwendet, die versprechen, die Zukunft zu sichern, ohne dass dafür in der Gegenwart Abstriche am Wohlstand vorgenommen werden müssten. Ganz im Gegenteil.

Ob das wohl funktioniert?

Falls ja, wäre die Quadratur des Kreises künftig eine Fingerübung für Erstklässler …