Die inzwischen 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) fand vom 13. bis 15. Februar 2026 im Hotel Bayerischer Hof statt. Der in Vorbereitung in Umlauf gebrachte „Münchner Sicherheitsbericht 2026“ trug den Titel: Under Destruction (Unter Zerstörung). Dort heißt es: „Die Welt ist in eine Phase der zerstörerischen Politik eingetreten. Radikale Zerstörung – statt sorgfältiger Reformen und politischer Korrekturen – ist an der Tagesordnung.“
Als „Wehrkunde-Tagung“ 1963 nach der Kuba-Krise (1962) begründet, hatte die heutige MSC stets eine „transatlantische“ Ausrichtung.
Das bekam in diesem Jahr eine besondere Note, nachdem die Rede von US-Vizepräsident JD Vance auf der MSC 2025 (dazu Blättchen, 4/2025) bei den „Atlantikern“ NATO-Europas lautes Heulen und Zähneklappern ausgelöst hatte. So betonte MSC-Vorsteher Wolfgang Ischinger jetzt in seinem Vorwort zu Under Destruction: „Die Münchner Sicherheitskonferenz 2026 findet in einer Zeit tiefgreifender Unsicherheit statt. Selten in der jüngeren Geschichte der Konferenz lagen so viele grundlegende Fragen gleichzeitig auf dem Tisch: zur Sicherheit Europas, zur Widerstandsfähigkeit der transatlantischen Partnerschaft und zur Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft, eine zunehmend komplexe und umkämpfte Welt zu gestalten. Die außerordentliche Aufmerksamkeit, die München in diesem Jahr auf sich zieht, spiegelt nicht nur die vielen Konflikte und Krisen wider, die die Welt beherrschen. Es ist auch eine Folge der veränderten Rolle der Vereinigten Staaten im internationalen System.“ Insofern war die Rede von US-Außenminister Marco Rubio von vornherein als die Hauptrede dieser Sicherheitskonferenz angesehen worden.
In Kommentaren zu dieser Rede wurde meist betont, sie sei „verbindlich und diplomatisch“, „im Ton freundlicher“ als 2025 gewesen, in weiten Teilen gar sanft – aber hart in der Sache. Auch Rubio habe „das Weltbild der ‚Make America Great Again‘-Bewegung“ vertreten, obwohl er früher als Senator anders geredet hätte. Er sei, so tagesschau.de, „vollständig auf Trump-Linie eingeschwenkt. Hier schloss sich der Kreis zur Schock-Rede von JD Vance“. Aber was hatte man denn erwartet? Es gibt keinen Außenminister in der Welt, der nicht die Position seiner Regierung vertritt.
„Ja, der Ton war deutlich versöhnlicher und bemüht konstruktiver als im letzten Jahr bei J.D. Vance“, räumte auch die die Politikwissenschaftlerin Claudia Major vom German Marshall Fund ein. „Aber an den inhaltlichen Unterschieden hat sich ja nichts verändert. Die Frage, ob wir die gleichen Ziele verfolgen, ob wir das gleiche Verständnis von Werten haben, diese Frage stellt sich ja immer noch.“
Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann erklärte: „Nur, weil die Rede von Marco Rubio freundlicher im Ton ist als das, was wir von JD Vances‘ Auftritt bei der MSC 2025 in Erinnerung haben, ist dadurch nichts in Ordnung in den so wichtigen transatlantischen Beziehungen […].“ Trump und seine Administration würden das Völkerrecht brechen, „drohen NATO-Partnern, verlassen internationale Organisationen“. Für Trump zählten nur die eigenen Interessen.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) dagegen meinte: „Das war die Rede, die ich erwartet habe.“
Rubio eröffnete seine Rede mit einem Rückblick auf den Beginn der Konferenzgeschichte 1963. Die Kuba-Krise habe die Welt an der Rand einer nuklearen Zerstörung gebracht, die apokalyptischer sein würde, als alles andere in der Geschichte der Menschheit. Gleichzeitig sei der Sowjetkommunismus auf dem Vormarsch gewesen, so Rubio, die jahrtausendealte westliche Zivilisation habe auf dem Spiel gestanden. Mit dem Mauerfall seien Ost und West wieder vereinigt. Die Euphorie über diesen Triumph habe jedoch zu einer „gefährlichen Täuschung“ geführt: „dass wir in das ‚Ende der Geschichte‘ eingetreten waren; dass jede Nation nun eine liberale Demokratie würde; dass die Bindungen, die durch Handel und Handel entstanden, nun von sich aus die Nationalstaatlichkeit ersetzen würden; dass die regelbasierte globale Ordnung – ein überstrapazierter Begriff – nun die nationalen Interessen ersetzen würde; und dass wir nun in einer Welt ohne Grenzen leben würden, in der jeder ein Bürger der Welt wurde. Dies war eine törichte Idee, die sowohl die menschliche Natur als auch die Lehren aus über 5000 Jahren aufgezeichneter Menschheitsgeschichte ignorierte.“ Die USA und Europa seien Teil einer Zivilisation, der westlichen Zivilisation, die Vereinigten Staaten und Europa gehörten zusammen. Deshalb sorgten sich die Amerikaner um die Zukunft Europas.
Zu den Fehlern, die beide gemeinsam gemacht hätten, gehörten der Freihandel, die Klimapolitik und die Massenmigration. Die nationale Souveränität sei fragwürdigen internationalen Organisationen geopfert worden. (Gemeint waren UNO wie EU.) Eine „dogmatische Vision von freiem und uneingeschränktem Handel“ sei uns teuer zu stehen gekommen, der „Abbau unserer Industrien führte zu weitgehender Deindustrialisierung, verlagerte Millionen von Arbeiter- und Mittelklassejobs nach Übersee“ und wir hätten „die Kontrolle über unsere kritischen Lieferketten an Konkurrenten und Rivalen“ verloren. Um einem Klimakult zu huldigen, hätten wir uns Energiepolitiken auferlegt, die uns verarmen ließen. Und der Glaube an eine Welt ohne Grenzen habe dazu geführt, dass wir unsere Türen „für eine präzedenzlose Welle von Masseneinwanderung“ öffneten, „die den Zusammenhalt unserer Gesellschaften bedroht, den Fortbestand unserer Kultur und die Zukunft unseres Volkes gefährdet“. Unter Präsident Trump würden die USA den Weg der Erneuerung und der Wiederherstellung ihrer Zukunft beschreiten.
Rubios Rede in Klartext übersetzt, lautet die Botschaft: Die Betonung der Einheit der westlichen Zivilisation ist daran gebunden, dass die Europäer den politischen Prämissen, den Ansdagen und insgesamt dem Weg der USA folgen. Das ist ein Angebot nicht an Gleichberechtigte, sondern des Imperiums an seine Föderaten, ja weisungsgebundenen Vasallen. In diesem Sinne gab es keinen Unterschied zwischen Vance 2025 und Rubio 2026.
Nichts desto trotz: Am Ende von Rubios Rede gab es „Standing Ovations“; auch die vertretenen deutschen Politiker erhoben sich von ihren Plätzen …
Vor Rubio hatte Kanzler Friedrich Merz gesprochen. Er verwies klagend und zutreffend auf eine heraufziehende Zeit der Großmächte, dokumentierte damit aber nur die Schwäche deutscher Politik.
Der chinesische Außenminister Wang Yi betonte die führende Rolle der UNO, denn bei einem Recht des Stärkeren gäbe es keine multilaterale Grundlage der internationalen Politik mehr.
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen fürchtet weiterhin um Grönland.
Der ukrainische Präsident Selenski suchte erneut um mehr Unterstützung und stärkeren Druck auf Russland nach.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, EU-Europa sollte willens und bereit sein, seine „Stärke entschlossen und proaktiv einzusetzen, um unsere Sicherheitsinteressen zu verteidigen“. Dazu brauche es eine neue Doktrin, „die im Grunde ganz einfach ist. Wir müssen sicherstellen, dass Europa jederzeit in der Lage ist, sein Territorium, seine Wirtschaft, seine Demokratie und seine Lebensweise zu verteidigen.“ Die EU müsse „eine europäische Säule von strategischen Schlüsselkapazitäten schaffen: Weltraumfähigkeiten, Nachrichtendienste und Langstreckenwaffen. Es darf dabei keine Tabus geben. Ich glaube, es ist an der Zeit, die europäische Beistandsklausel zum Leben zu erwecken.“ Das war die erneute Aufforderung, die EU zu einem Militärbündnis zu machen.
An der MSC 2026 haben 60 Staats- und Regierungschefs teilgenommen sowie Hunderte Minister aus mehr als 120 Staaten. Von Seiten der NATO, der EU sowie der UNO waren mehr als 40 Spitzenvertreter anwesend, darunter auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Die USA waren nicht nur durch Vertreter der Trump-Regierung präsent, sondern auch durch Politiker der Demokraten, insgesamt durch 50 Kongressabgeordnete, Gouverneure und Bürgermeister. Deren Prominentester war der kalifornische Gouverneur Gavon Newsom. Die europäische Seite erwartete von ihm wieder einmal die Ermunterung, dass die Trump-Zeit sei endlich. Er folgte dem erwartungsgemäß und erklärte: „Donald Trump ist auf dem Rückzug. Ich halte es für wichtig, dass die Menschen dies verstehen und sich dessen bewusst werden.“ Das gemeinsame Pfeifen im dunklen Walde war Teil des Programms.
Rubio flog von München nach Bratislava und Budapest. Viktor Orbán, der am 12. April 2026 seine nächsten Parlamentswahlen zu bestehen hat, sicherte der US-Außenminister die die Unterstützung der Trump-Regierung zu. Wenn es in Budapest Geldsorgen gäbe, weil die EU Ungarn zustehende Gelder nicht auszahle, würden die USA aushelfen. Darüber hinaus vereinbarte Rubio mit der Slowakei und Ungarn die Belieferung der dortigen Atomkraftwerke mit amerikanischen Brennstäben und Nukleartechnik. Wenn neue Atomkraftwerke gebaut oder bestehende rekonstruiert würden, werde dies durch den US-Konzern Westinghouse erfolgen, nicht durch den russischen Staatskonzern Rosatom. (Wie das mit bestehenden vertraglichen Bindungen beider Länder an Rosatom unter einen Hut zu bringen sein wird, bleibt abzuwarten.)
Eine ähnliche Vereinbarung hatte US-Vizepräsident JD Vance übrigens kurz zuvor mit Armenien getroffen. So rücken die USA im Gefolge des Ukraine-Krieges ganz gezielt in das geopolitische Machtvakuum zwischen Russland und der EU ein.
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