Freunde, die jeden Spätsommer zur Erholung nach Marienbad fahren, schickten wieder Fotos von den schönen baulichen Anlagen des Ortes, den kulturellen Räumen, Konzertveranstaltungen. Die Bausubstanz spiegelt die architektonischen Schönheiten, die Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden. Die fürchterlichen Kriege des 20. Jahrhunderts hinterließen dort keine Spuren.
Dazu kam es, weil die Tschechen 1938/39 zähneknirschend erduldeten, dass die Deutschen das Land besetzten, und nicht versuchten zurückzuschießen. Nach 1945, nachdem die Deutschen den Krieg verloren hatten, haben sie die deutsche Minderheit, die damals als „Fünfte Kolonne“ Hitlerdeutschlands agiert hatte, aus dem Land gejagt. 1968, als sowjetische Truppen das Land besetzten, um es im Machtbereich Moskaus zu halten, blieben die tschechoslowakischen Truppen ebenfalls in den Kasernen. 1989/90 wandte sich das Land rasch und entschieden von der Subordination unter die Sowjetunion ab. Die Weigerung, zu den Waffen zu greifen, verhinderte Zerstörungen von Teilen des Landes, es gab keine Kriegsopfer. Man könnte sagen, der tschechische Nationalismus hatte immer ein Gespür dafür, wann eine günstige Stunde geschlagen hat.
Kurz nach Beginn des russischen Krieges in der Ukraine 2022 hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj den israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett um Vermittlung gebeten. Der war dann zuerst bei dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dann bei Selenskyj. Wie schließlich an die Medien durchgesickert wurde, hatte Bennett Selenskyj empfohlen zu kapitulieren. Hätte dieser das gemacht, würden tausende ukrainische und russische Soldaten noch leben, ebenso zehntausende ukrainische Zivilpersonen. Es hätten nicht Millionen Menschen fliehen müssen und die Städte würden noch stehen, ohne Zerstörungen. Der ukrainische Nationalismus wollte unbedingt zurückschießen. Obwohl es für das Leben der einfachen Leute eigentlich egal sein sollte, ob die Bojaren, die dann die korrupten Beamten vor Ort einsetzen, vom Zaren in Moskau oder dem Großfürsten in Kiew bestimmt werden.
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer – der der sogenannten realistischen Schule zuzurechnen ist – betonte, bereits kurz nach Kriegsbeginn 2022 wussten die Russen wie die Ukrainer am besten, dass sie einen Kompromiss-Frieden brauchen. Darüber hatten sie im März 2022 in Istanbul verhandelt; es waren die US-Regierung unter Joe Biden und die Briten mit Boris Johnson, die den Ukrainern das damals ausgeredet haben und ihnen suggerierten, mit Unterstützung des Westens könnten sie den Krieg gewinnen. Der Unterschied heute besteht darin, dass die Verantwortlichen der meisten EU-Staaten dies noch immer suggerieren, während die US-Regierung diese Idee aufgegeben hat.
Ein Essay über die „Sprache der Empathie“ in der Berliner Zeitung (26./27.04.2025) begann mit einem längeren Zitat über den Ukrainekrieg: „Dieser Krieg ist äußerst grausam. Ein tobendes Schlachtfeld, die Kugeln fliegen dicht an dicht, und oft sind menschliche Körper das Einzige, was sie aufhält. Vor allem die Körper junger Menschen. Die Todesrate ist extrem hoch. Und es ist doch ein wunderschönes Land, ein herrliches Ackerland, das von Kugeln und anderen Geschossen verwüstet wird. Es ist eine Schande, dass dieses Land immer noch schutzlos ist. Deshalb möchte ich alle Parteien an einen Tisch bringen und eine Einigung erzielen.“ Dann stellte der Autor die rhetorische Frage, ob diese Worte von Papst Franziskus oder UNO-Generalsekretär António Guterres stammen. Und betonte dann, dass das Worte von Donald Trump vom Februar 2025 waren.
Von keinem europäischen Politiker, weder von Ursula von der Leyen oder dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk, noch von Boris Pistorius oder gar Kaja Kallas sind derart empathische Worte in Bezug auf die Opfer des Ukrainekrieges zu hören. Die maßgebenden deutschen und EU-Politiker wollen auch weiterhin den Krieg zum Zwecke einer Niederlage Russlands „bis zum letzten Ukrainer“ fortsetzen. Als Trump bereits während des Wahlkampfes für seine zweite Präsidentschaft erklärte, er wolle diesen Krieg innerhalb eines Tages beenden, wurde in NATO- und EU-Europa gehöhnt, das werde nicht gelingen. Ist es auch nicht. Gleichwohl ist Trump seiner Linie treu geblieben, dies zu versuchen. Er betonte, dies sei ein Krieg Bidens, der nicht im Interesse der USA liege. In diesem Sinne wurden die Hilfen der USA für die Ukraine und deren Kriegsführung insoweit eingestellt, wie sie den US-amerikanischen Staatshaushalt und Steuerzahler Geld kosten.
Zugleich hat sich die Trump-Administration über alle lauthals verkündeten Boykott- und Sanktionsbeschlüsse hinweggesetzt und ein Treffen des Präsidenten mit Putin in Alaska veranstaltet – dort, wo sich die USA und Russland geographisch am nächsten kommen, und am weitesten weg von Europa. Das fand am 15. August statt. Wie aus verschiedenen Darstellungen folgte, ging es nicht nur um die Ukraine. Trump hatte bereits während seiner ersten Präsidentschaft mehrfach betont, dass die beiden größten Nuklearmächte berechenbare Beziehungen zueinander unterhalten sollten. Außerdem ging es offenbar um unterschiedliche „Deals“. So über gemeinsame Interessen in der Arktis, dass zum Beispiel russische Atomeisbrecher auch für die USA die Seewege freihalten; über Seltene Metalle, gemeinsame Projekte in der Erdgas- und Erdölproduktion. Das Treffen in Alaska sollte auch deutlich machen, das strenge Ultimatum zur Einführung umfangreicher indirekter Sanktionen in Form von Zöllen gegen russische Ölkäufer zu kassieren.
Im Hintergrund wird immer wieder spekuliert, es sei auch Zweck, die Verbindungen zwischen Russland und China zu lockern. Das aber liegt nicht mehr im Ermessen der USA, und die Teilnahme Putins an der Großen Militärparade in Peking zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges am 3. September sowie die vorhergehenden Beratungen der Schanghai-Organisation (SOZ) in China zeugen eher vom Gegenteil.
In Sachen Ukraine wurde vereinbart, ein Treffen zwischen Putin und Selenskyj durchzuführen, an dem später auch Trump vermittelnd teilnehmen könnte, um eine Beendigung des Krieges herbeizuführen. Dazu wurde Selenskyj nach Washington eingeladen, weil Trump mit ihm über die Ergebnisse des Gipfels mit Putin sprechen wollte. Allerdings hatten die NATO-/EU-Staaten signalisiert, dass sie nicht länger am „Katzentisch“ sitzen wollten. Deshalb fanden in Europa Beratungen der „Koalition der Willigen“ mit Selenskyj statt, in deren Ergebnis eine ganze Reihe Staatslenker am 18. August mit nach Washington reisten.
Diplomatisch interessant war die Sitzordnung im Weißen Haus: An der rechten Tischseite in der Mitte Trump, rechts neben ihm der französische Präsident Emmanuel Macron, daneben außen der britische Premier Keir Starmer; links neben Trump die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni, daneben Kanzler Friedrich Merz; Trump gegenüber saßen Selenskyj und der finnische Präsident Alexander Stubb; außen neben Stubb EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, am anderen Ende NATO-Generalsekretär Mark Rutte neben Selenskyj. Die Europäer waren am Ende stolz darauf, dass sie mitgeredet hätten. Trump hatte die Runde ohne Ergebnis abrupt beendet, indem er erklärte, er müsse nun – es war in Moskau mitten in der Nacht – Putin anrufen.
Mearsheimer schätzte kurz nach dem Treffen ein, der Gipfel im Weißen Haus habe deutlich gemacht, dass die Europäer keinen Frieden wollen, und Selenskyj mit denen unter einer Decke steckt. Deshalb hatten sie sich vorher abgestimmt, um Trump an einem Kompromissfrieden zu hindern und den Krieg weiterführen zu können. Sie würden sich immer noch einbilden, dass Putin den Krieg verlieren werde. Tatsächlich wurde jetzt weder Frieden noch ein Waffenstillstand erreicht. Trump sei klar geworden, dass er mit seinem Konzept nicht durchkomme, er werde die Idee, jetzt einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln, nun aufgeben. Der Krieg werde jetzt auf dem Schlachtfeld entschieden und die Ukraine erleide am Ende eine Niederlage. Für die USA bleibe das Geschäft: Sie liefern der Ukraine weiter Waffen, wenn die Europäer die bezahlen, und sie machen in der Ukraine dort Geschäfte, wo das – unter Berücksichtigung des Kriegsverlaufs – möglich ist.

