Der Krieg in der Ukraine transformiert sich von einer Spezialoperation zu einem ‚Vaterländischen Krieg‘ gegen den Westen“, ließ der Präsident des Russian International Affairs Council (RIAC), der Politologe und frühere Oberst beim russischen Militärgeheimdienst GRU, Dmitri Trenin, kürzlich im Interview mit der Berliner Zeitung wissen.
Solche markanten Kernsätze des aktuellen sicherheitspolitischen Denkens in Moskau – verbunden mit dem Namen Trenins, aber auch S. Karaganows, A. Arbatows und anderer – waren bereits mehrfach Gegenstand der Betrachtung im Blättchen; siehe zum Beispiel in den Ausgaben 21/2024 und 14/2025.
Vor einigen Wochen hat sich mit Andrej Bezrukow, Professor am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) und Mitglied des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik (SWOP), eine weitere prominente Stimme zu Wort gemeldet. Mit ausführlichen Überlegungen im Journal Россия в глобальной политике (Russland in der Weltpolitik) zum Thema „Der neue Krieg und was wir tun sollten“.
Für Bezrukow steht es nicht nur außer Frage, dass die internationale Staatengemeinschaft „in die Phase einer weiteren totalen Neugestaltung der Welt eingetreten [ist] – eine Zeit nicht des Wohlstands, sondern des Überlebens“, sondern mehr noch: „Der Weltkrieg ist bereits im Gange […].“ Wobei der Verfasser immerhin konzediert: „Angesichts der russischen nuklearen Überlegenheit versuchen die Staats- und Regierungschefs westlicher Länder zu verhindern, dass der Konflikt mit Russland zu einer offenen Auseinandersetzung eskaliert, in der unserem Land kein anderer Ausweg bliebe, als Atomwaffen einzusetzen.“ (Befremdlich an dieser Feststellung ist höchstens, dass Bezrukow ein im letzteren Falle wahrscheinlicher reziproker Einsatz von Atomwaffen seitens des Westens gegen Russland samt seiner zu erwartenden Folgen keine Erwähnung wert ist.) Doch an die russische Staatsführung und Gesellschaft gewandt warnt er zugleich: „Wenn man bedenkt, wie sich die US-Führung im Iran und in Lateinamerika verhält und wie die EU-Bürokraten bereit sind, die Feindseligkeit gegenüber Russland über jede politische und wirtschaftliche Logik zu stellen, sollten wir uns auf das Schlimmste vorbereiten.“
In diesem Kontext läge der Kern des Ukraine-Konfliktes „keineswegs in der Festlegung neuer Einflussgrenzen in Osteuropa, wie es den Anschein haben mag. Es geht vielmehr darum, ob der kollektive Westen Russland seinen Willen aufzwingen kann. Wenn nicht, ist der Verlust des westlichen Einflusses unvermeidlich.“ Letzteres dürfte insofern zutreffend sein, dass ohne dauerhafte Paralysierung Russlands als Hauptverbündeter Chinas das Ringen um eine neue Weltordnung für den Westen noch weniger aussichtsreich sein dürfte, als es dies angesichts der eigenständigen Formierungserfolge des globalen Südens (BRICS, SOZ, jüngst der Vertrag von Mekka und anderes mehr) à la longue ohnehin schon ist.
Zur längerfristigen Perspektive für Russland (und damit auch den Westen) äußert sich der Autor dahingehend, dass „wir in den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten eine ‚Kriegsgesellschaft‘ sein [werden]“. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied zur Vergangenheit: „Wurden frühere Kriege meist zur Kontrolle von Territorien und Ressourcen geführt, so verfügt heute kein Land mehr über die für eine solche Aufgabe erforderlichen Millionen-Armeen. Ein realistisches Ziel ist nun nur noch die Destabilisierung des Gegners, die Untergrabung seiner Ressourcenbasis und die Schaffung einer Situation, in der er seinen Widerstand nicht mehr aufrechterhalten kann.“
Dieser Paradigmenwechsel im Hinblick auf realistische Kriegsziele hat Bezrukow zufolge Konsequenzen:
- „In der modernen Kriegsführung rücken Informations- und Spionagearbeit in den Vordergrund. Die Qualität ihrer Organisation wird zum wichtigsten Erfolgsfaktor.“
- „Wenn man sich die Destabilisierung des Gegners zum Ziel setzt, werden die Lebenserhaltungssysteme und die Strukturen der gesellschaftlichen Steuerung zu Hauptzielen – und damit auch die Schlüsselpersonen in diesen Systemen.“
- „Komplexe, hochtechnologische Industriebetriebe, insbesondere solche, die für die Verteidigung arbeiten, können nicht in großer Zahl errichtet werden und sind daher verwundbar.“
- „Eine moderne Gesellschaft, der wichtige Einrichtungen in den Bereichen Energie, Verkehr oder Kommunikation fehlen, kann nicht normal funktionieren.“
- „Die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten verliert ihren Sinn […].“
Vor diesem Hintergrund verordnet Bezrukow seiner Staatsführung und der russischen Gesellschaft eine Rezeptur, die unter anderem folgende Zutaten enthält:
- „Ein multidimensionaler Krieg, in dem das ganze Land kämpft“ erfordere „eine radikale Neubewertung der Frage, was eine Armee ausmacht, sowie der Beziehungen zwischen Armee und Gesellschaft“. Nämlich: „[…] die Gesellschaft muss sich als Teil der Armee verstehen.“
- Aufgeworfen sei „die Frage nach einer dezentralen Verteilung der Bevölkerung […] über das Staatsgebiet“. Und: „Um den Erhalt der Bevölkerung zu gewährleisten […] und die Geburtenrate zu steigern, wird es […] notwendig sein, die Menschen aus den ‚Menschenkäfigen‘ in den Megastädten in komfortablere, flachbebaute Wohnareale umzusiedeln.“
- „Öllager, Pumpwerke, Stromerzeugungs- und -verteilungsanlagen sowie Rechenzentren müssen unterirdisch verlegt oder in einer befestigten Anlage errichtet werden, wie dies bei Kernkraftwerken der Fall ist. […] Gleiches gilt für einzigartige Produktionsstätten, die zudem in einer anderen, vorzugsweise abgelegenen Region dupliziert werden müssen.“
- „Es ist an der Zeit zu begreifen, dass das Finanzsystem des Westens feindlich gesinnt und dass ein Bruch mit ihm unvermeidlich ist.“
Dabei hält Bezrukow offenbar gerade unter Kriegsbedingungen für möglich, was in Russland zu Friedenszeiten bisher nicht hinzubekommen war: „[…] ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum, das […] eine planmäßige Entwicklung von Schlüsselbranchen vorsieht, deren Aufgabe darin besteht, die Souveränität in den für das Land wichtigsten technologischen Bereichen zu sichern […].“
Als quasi überwölbende strategische Empfehlung für seine Rezeptur gibt Bezrukow aus: „Damit der Gegner die Lust verliert, ‚Superprovokationen‘ zu inszenieren, muss er sich selbst als Geisel fühlen.“ Konfrontation mit Russland müsse „zu einem äußerst unrentablen Unterfangen werden“. Es sei „an der Zeit, dass wir aufhören, ‚die Guten‘ zu spielen. Wir sollten damit beginnen, ‚den Bedrohenden mit Bedrohung zu begegnen‘, indem wir zusätzlich zum Konzept der ‚garantierten gegenseitigen Vernichtung‘ auf nuklearer Ebene das Konzept der ‚Verursachung inakzeptablen Schadens‘ auf nicht-nuklearer Ebene in unser Arsenal aufnehmen.“
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Ob ein Staatsvolk – selbst das über Jahrhunderte leidenskonditionierte russische – nach Bezrukows Rezeptur mit sich verfahren ließe und bereit wäre, eine halbe Generation lang praktisch nur für Krieg mit dem Westen zu existieren, mag man füglich bezweifeln. Um so mehr, wenn die aktuellen russischen Verluste in der Ukraine sich tatsächlich auf um die 30.000 Mann pro Monat belaufen sollten.
Allerdings könnte der gegenwärtige Ost-West-Konflikt – mit seinem Stellvertreterkrieg um die Ukraine – durchaus sehr viel rascher und mit finalen Folgen für alle beteiligten Seiten zu Ende gehen. Etwa wenn es bei einem Manöver, wie es die NATO jüngst an den Grenzen der russischen Exklave Kaliningrad durchgeführt hat, zu einem ernsten militärischen Zwischenfall käme, der aus dem Ruder laufen könnte.
Zu diesem Manöver schwärmte Nico Lange, Senior Fellow bei der Münchner Sicherheitskonferenz, am 26.08.2026 im Handelsblatt online: „Die NATO flog […] ein großes Militärmanöver, das viele überraschte. Es gab dazu keine große Ankündigung. […] Es war ein hochkomplexes Luft-Boden-Manöver direkt neben der russischen Exklave Kaliningrad.“ Konkret: „Im Zentrum des Geschehens stand das neue amerikanische Flugzeug EA37B Compass Call. Eine technologisch hochgerüstete Plattform für elektronischen Kampf. Damit kann man Kommunikation unmöglich machen. Damit kann man Radare blenden. Damit kann man Steuerungssysteme für Luftverteidigungssysteme und Raketen ausschalten. Mit der Compass Call zeigt die NATO, was sie in Kaliningrad könnte, wenn sie müsste.“ Doch wenn sie täte, was sie könnte, werter Nico Lange, was hinderte dann Moskau am Einsatz atomarer ballistischer Hyperschallraketen vom Typ Oreschnik mit einer Reichweite von bis zu 5000 Kilometern aus ihren Stationierungsorten tief in Russland am Anflug gegen Ziele in Deutschland? Mindestens (und ganz sicher) gegen Ramstein, die größte US-Basis im Ausland, und gegen den Fliegerhorst der Bundesluftwaffe in Büchel, respektive gegen das dortige US-Atomwaffenlager?
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Mit der Feststellung „Kriege werden um den Sieg geführt, und der Sieger schreibt die Geschichte“ lässt Bezrukow seinen Essay ausklingen und verleiht damit seiner Überzeugung Ausdruck, dass das von Gorbatschow und Reagan bei ihrem ersten Gipfeltreffen in Genf 1985 formulierte Axiom, „daß ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals geführt werden darf“, für das von ihm imaginierte Russland offenbar nicht mehr gilt.
Schlagwörter: Andrej Bezrukow, Atomwaffen, der Westen, Krieg, Russland, Sarcasticus, Ukraine

