Der blaue Schein der roten Laterne 

von Ulrich Busch

Nachdem der erste Schock über die Ergebnisse der Landtagswahl vom 6. September 2026 in Sachsen-Anhalt verarbeitet worden ist, beginnt die Suche nach den Ursachen für das Desaster. Dabei folgt man dem üblichen Muster, indem man die „Schuld“ an dem Wahlsieg der AfD und dem erdrutschartigen Stimmenverlust der alten Volksparteien einzelnen Politikern zuschreibt, ihrem fehlenden Charisma oder ihrer unzureichenden Volksverbundenheit, sie in der Politik der Bundesregierung in Berlin sucht oder sie in der mehr als 36 Jahre zurückliegenden DDR-Vergangenheit verortet.

In einigen Analysen wird zudem darauf verwiesen, dass die bürgerlichen Parteien im Osten bisher keine parteibezogenen Milieus entwickelt haben, es hier deshalb kaum eine feste Parteibindung gibt und folglich viele Wechselwähler, die sich von kurzfristigen Zielen und Motiven leiten lassen.

Dies alles ist zutreffend, greift aber entschieden zu kurz und vermag letztlich das Wahlergebnis nicht schlüssig zu erklären. Was in den bisherigen Analysen vor allem fehlt, ist die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in Ostdeutschland und ganz besonders im Land Sachsen-Anhalt.

Komparative Studien für die 16 Bundesländer weisen Sachsen-Anhalt übereinstimmend in fast allen Positionen als das am wenigsten attraktive Bundesland, als „das Land mit der roten Laterne“, aus. So liegt die vor 1945 und in der DDR einmal führend gewesene mitteldeutsche Industrieregion im Ländervergleich der Bundesrepublik Deutschland heute beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf mit 38.452 Euro (2025) auf dem letzten Platz.

Damit korrespondiert die nachrangige Einkommenssituation: In Sachsen-Anhalt liegen die Bruttoeinkommen der Beschäftigten mit 41.163 Euro pro Jahr spürbar unter dem Bundesdurchschnitt von 45.913 Euro. Überdies ist die Bevölkerung im „Land der Frühaufsteher“ mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren die älteste in ganz Deutschland. Den entscheidenden Grund dafür bilden die Abwanderung junger Menschen sowie die niedrigen Geburtenzahlen seit 1990.

Sachsen-Anhalt verzeichnet seit der „Wende“ einen Bevölkerungsnettoverlust von mehr als 26 Prozent. Die Zuwanderung aus dem Ausland ist demgegenüber vergleichsweise gering: nur 11 Prozent der Sachsen-Anhalter haben eine Migrationsgeschichte. Im Bundesdurchschnitt sind es fast dreimal so viel. Fachkräfte fehlen. Trotzdem lag die Arbeitslosenquote 2025 bei überdurchschnittlichen 8,0 Prozent.

Es liegt auf der Hand, dass diese Bilanz die Sachsen-Anhalter nach den vielen Jahren mühevoller Arbeit und großer Aufbauopfer und Entbehrungen bitter enttäuscht. Und das trotz unbestreitbarer Erfolge und partieller Zugewinne, die niemand leugnet, die aber hinter den Erwartungen und den Versprechungen der Politiker zurückgeblieben sind. Hinzu kommen die düsteren Perspektiven: In keinem anderen Bundesland sind die Zukunftsaussichten weniger eingetrübt als hier.

Will man sich ein realistisches Bild von der tatsächlichen Lage machen, so sollte man nicht in die urbanen Zentren, nach Magdeburg, Halle/Saale oder Dessau/Roßlau fahren und auch nicht in die schmucken Vorzeigestädtchen Quedlinburg, Wernigerode oder Salzwedel, sondern sich Orte wie Staßfurt, Barby, Schönebeck, Genthin, Bitterfeld/Wolfen, Köthen, Merseburg, Querfurt, Jessen, Eisleben, Weißenfels oder Zeitz anschauen. Hier tut sich eine andere Welt auf, eine öde und abgehängte Welt, worin die Narben der Deindustrialisierung und Umstrukturierung der 1990er Jahre noch längst nicht verheilt sind und wo man den saturierten Wohlstand und die statuierte Lebensqualität der Bundesrepublik nur aus dem Fernsehen kennt. Die Verantwortung dafür trägt in den Augen der Wähler vor allem die CDU, die in Sachsen-Anhalt 28 Jahre lang regiert hat. Sie bekam dafür nun einen deutlichen Denkzettel.

Aber was wird die Zukunft bringen? Der Soziologe Steffen Mau äußerte dazu unmittelbar vor der Wahl: „Ich glaube, dass wir noch mehr Verhärtung haben werden. Und dass bestimmte Regionen und einzelne Bundesländer in die Hände der AfD fallen könnten.“ Genau das ist nun offenbar passiert. Und die Ökonomie ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis dafür, da sie die Lebensbedingungen und -verhältnisse der Menschen, ihre Hauptinteressen und Lebensperspektiven unmittelbar bestimmt. Alles andere kommt danach. In den Wahlberichterstattungen wurde daher zu Recht immer wieder betont, dass die wirtschaftliche Situation und Perspektive letztlich den Ausschlag für das Wahlverhalten der Menschen gegeben hat.

Aber warum gerade für die als gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD? Es hätte doch bessere Alternativen gegeben. Die Antwort auf diese Frage hat in der Vergangenheit schon andere Gemüter beschäftigt (siehe Blättchen, Nr. 7/2026). Und sie darf nicht allein auf dem Gebiet der Ökonomie gesucht werden. Die Tatsache, dass eine rote Laterne unter Umständen einen blauen Schein erzeugt, zeigt, wie komplex und paradox Politik heute, in Zeiten sozialer Medienkultur, umfassender Manipulation und einseitiger politischer Bildung, geworden ist. Hieraus leitet sich eine große und neue Verantwortung für alle Demokraten ab.