29. Jahrgang | Nummer 10 | 8. Juni 2026

Trump in China

von Erhard Crome

US-Präsident Donald Trump hat China vom 13. bis 15. Mai 2026 einen offiziellen Besuch abgestattet. Präsident Xi Jinping empfing ihn mit großem Protokoll und militärischen Ehren. Trump sagte nach dem Besuch, es sei ein „Meilenstein“ gewesen, er hätte „fantastische Handelsabkommen“ erreicht. Die spanische Tageszeitung El País meinte: „China und die USA waren daran interessiert, mit einem Gipfel Tauwetter zu inszenieren und ein neues Kapitel aufzuschlagen, selbst wenn dieses inhaltsleer wäre. Ohne Resultate wollten sich beide Länder in einer Zeit besonderer Unordnung und europäischer Schwäche als das führende Duo der Welt präsentieren. […] Eine Art G2 statt G7, die ‚konstruktive strategische Stabilität‘ garantieren soll […]. Dabei schafft es Xi, sich auf Augenhöhe mit Trump zu präsentieren, während dieser versucht, die Kette eklatanter internationaler Misserfolge seiner zweiten Präsidentschaft zu beschönigen, von der Niederlage im Zoll- und Handelsstreit bis zu den katastrophalen Folgen des Krieges gegen Iran.“

Wir befinden uns seit Anfang des 21. Jahrhunderts in einer Phase hegemonialen Übergangs. Der ist durch den relativen Abstieg der USA als globale Hegemonialmacht gekennzeichnet und zugleich den Niedergang des Westens. Der betrifft auch EU und Deutschland. Dass China als Supermacht an die Stelle der USA tritt, entspringt falscher westlicher Perspektive. In einem globalen „Konzert der Mächte“ ringen mehrere mächtige Zentren um Macht und Einfluss bzw. global um eine Neuverteilung der Macht. Wir haben es wieder mit fünf Großmächten, einer „Pentarchie“ zu tun, wie in Europa vom Wiener Kongress 1815 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914. Hier waren dies Großbritannien, Frankreich, Russland, Österreich-Ungarn und Preußen/ Deutschland. Hinzu kamen Anfang des 20. Jahrhunderts Japan sowie die USA.

In der „Pentarchie“ von heute haben die USA nach wie vor eine der größten Volkswirtschaften der Welt, verfügen über die mächtigste Militärmaschinerie, ein profiliertes politisch-diplomatisches Potential sowie die größte „Soft Power“. Das versetzt die USA jedoch nicht in die Lage, der Welt nach Belieben ihren Willen aufzwingen zu können. Politisch, wirtschaftlich sowie technologisch und auch militärisch agieren China und Indien auf einer vergleichbaren Ebene. Die EU gehört wirtschaftlich ebenfalls zu der aktuellen Pentarchie, militärisch eher nicht; dagegen Russland militärisch, aber wirtschaftlich nicht.

Der renommierte chinesische Professor für Internationale Beziehungen an der Beijing Foreign Studies Universität, Cui Hongjian, betonte zu dem Trump-Besuch in China: „Aus chinesischer Sicht besteht das wichtigste Ziel in den Beziehungen zwischen China und den USA derzeit darin, ein grundlegendes gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, Stabilität herzustellen und Berechenbarkeit zu gewährleisten. […] Nach einem Jahrzehnt zeitweise eskalierender Rivalität benötigen beide Seiten eine Phase der Entspannung – und müssen ein neues politisches Gleichgewicht finden, das wirtschaftliche Verluste begrenzt und die Konfrontation eindämmt“.

Beobachter müssen einräumen, in diesem G2-Verhältnis auf Augenhöhe ist China stärker geworden, die USA vergleichsweise schwächer. Die relative Stärke des Trump-Amerikas, bis Ende 2025 zu verzeichnen, ist mit dem Irankrieg geopolitisch und strategisch verringert worden, wie die Russlands durch den Ukraine-Krieg, während die EU weltpolitisch an der Seitenlinie steht.

Bei dem Gipfeltreffen in China wurde offen über Taiwan gesprochen. Xi hatte gesagt: „Die Taiwan-Frage ist das wichtigste Thema in den Beziehungen zwischen China und den USA“. Werde sie falsch gehandhabt, „könnten die beiden Nationen aneinandergeraten oder sogar in einen Konflikt geraten“. Trump äußerte sich dazu erst auf dem Rückflug in die USA. Er und Xi hätten „viel“ über Taiwan gesprochen, er „möchte keinen Unabhängigkeitskampf sehen“.

Die Londoner Times schrieb: „Es würde durchaus zu Donald Trumps Charakter passen, Taiwan ähnlich zu behandeln wie die Ukraine, wo er Putin als den starken Mann bevorzugt und Selenskyj als das Opfer verachtet. Anstatt Taiwan als eine lebendige asiatische Demokratie zu betrachten, die es wert ist, geschützt zu werden, scheint er es einfach von seiner Liste zu streichen.“

Die italienische La Repubblica dagegen betonte: „Glaubt irgendjemand ernsthaft, die Amerikaner seien daran interessiert, einen Weltkrieg zu führen – also ihr Leben zu riskieren –, um Peking daran zu hindern, die Kontrolle über diesen rebellischen Archipel zu erlangen, für den Xi Jinping seine Kriegsbereitschaft erklärt hat? In der Diplomatie kann Sprache dazu dienen, Fakten und Absichten zu verschleiern, temporäre virtuelle Schauplätze zu schaffen, nicht aber die Realität dauerhaft zu verzerren. Vor allem, wenn die Fakten klar sind: Jeder Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und China würde schnell zu einem Atomkrieg eskalieren. Vielleicht würde er sogar als solcher beginnen. Washington will nicht für Taipeh sterben.“

In Deutschland wird argumentiert, das „demokratische“ Taiwan verdiene gegen das „autoritäre“ China westliche Unterstützung. Nun ist die völkerrechtliche Lage allerdings klar. USA-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill trafen sich auf dem Wege zur Teheran-Konferenz (mit dem sowjetischen Regierungs- und Parteichef J.W. Stalin) vom 22. bis 26. November 1943 in Kairo mit dem chinesischen Regierungschef Tschiang Kai-schek. In der „Kairoer Erklärung“ wurden die Ziele des Krieges gegen Japan vereinbart. Dazu gehörten die Fortsetzung des Krieges bis zur bedingungslosen Kapitulation Japans, dem Land „alle Inseln im Pazifik zu entreißen, die es seit Beginn des ersten Weltkrieges 1914 in Besitz genommen oder besetzt hat, und der chinesischen Republik alle Gebiete, die Japan den Chinesen gestohlen hat, wie die Mandschurei, Formosa [Taiwan] und die Pescadoren, zurückzugeben“. Korea sollte unabhängig werden. Diese Festlegungen wurden auf der Potsdamer Konferenz am 26. Juli 1945 bekräftigt. Als Japan am 2. September 1945 bedingungslos kapitulierte, akzeptierte es die Bedingungen der Potsdamer Erklärung.

Die von Japan zurückgegebenen Territorien wurden fester Teil Chinas. Der danach wieder ausbrechende chinesische Bürgerkrieg endete – für die USA unerwartet, zumal sie Tschiang Kai-schek umfangreich unterstützt hatten – mit dem Sieg der kommunistischen Seite und der Proklamierung der Volksrepublik China durch Mao Tse-tung am 1. Oktober 1949. Tschiang Kai-scheks Republik China flüchtete unter Mitnahme des chinesischen Staatsschatzes nach Taiwan. Nach Ausbruch des Korea-Krieges 1950 erklärte US-Präsident Harry S. Truman, um die weitere „Ausbreitung des Kommunismus“ zu verhindern, dürfe Taiwan nicht in die Hände der chinesischen Kommunisten fallen, und entsandte die 7. US-Flotte in die Taiwan-Straße, um einen Angriff der Volksrepublik auf die Insel, aber auch einen Angriff der Republik China auf das chinesische Festland zu verhindern.

China war eine der Siegermächte des zweiten Weltkrieges und erhielt einen der fünf Ständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat. Die USA erkannten die Volksrepublik China zunächst nicht an und sahen die auf Taiwan beschränkte Republik China als legitime Vertreterin Chinas an. Anfang der 1970er Jahre veränderte sich die Politik der USA gegenüber China, um es im Ost-West-Konflikt gegen die Sowjetunion zu nutzen. US-Präsident Richard Nixon besuchte 1972 die Volksrepublik China. Mit der Resolution 2758 der UNO-Vollversammlung wurde 1971 die Volksrepublik als alleinige legitime Vertreterin Chinas anerkannt. Sie erhielt auch den Sitz Chinas im Sicherheitsrat; die Republik China (auf Taiwan) wurde aus den Vereinten Nationen ausgeschlossen.

Unter US-Präsident Jimmy Carter wurden zum 1. Januar 1979 diplomatische Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik China aufgenommen, die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abgebrochen. Die USA bekannten sich zur „Ein-China-Politik“. Zugleich bestehen enge wirtschaftliche und militärische Beziehungen zwischen den USA und Taiwan.

Für jene Kräfte in den USA und im Westen, die gute Beziehungen zwischen China und den USA zu sabotieren bestrebt sind, erscheinen Spannungen in der Straße von Taiwan als wohlfeiles Mittel. US-Präsident Joe Biden erklärte mehrmals öffentlich, die USA würden Taiwan im Falle eines Angriffs der Volksrepublik China verteidigen. Solange auf der Insel jedoch nicht eine staatliche Unabhängigkeit erklärt wird, bleibt es ruhig in der Region. Das wollte Trump augenscheinlich bekräftigen.