Im Wartesaal der Talente
Christian Buckards Buch „Café Babylon. Berlin, Romanisches Café, 1913–1933“ ist eine mitreißende Zeitreise in die Welt der Künstler, Intellektuellen und Bohémiens, die das Berliner Kulturleben zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus prägten. Auf 352 Seiten entfaltet sich ein Panorama der Aufbruchsstimmung, des Rausches und der drohenden Katastrophe, das diese zwei turbulenten Jahrzehnte umspannt. Buckard gelingt es, den legendären Mythos des Romanischen Cafés am Auguste-Victoria-Platz (heute Breitscheidplatz) gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche lebendig werden zu lassen, ohne jemals in bloße Nostalgie zu verfallen.
Das Romanische Café war weit mehr als nur ein Treffpunkt für Schriftsteller, Maler und Schauspieler – es war ein Schmelztiegel der Ideen, ein Ort, an dem sich die Berliner Moderne selbst inszenierte. Buckard zeichnet die Geschichten von Größen wie Egon Erwin Kisch, Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin, Mascha Kaléko, Billy Wilder oder Bertolt Brecht nach und zeigt, wie hier künstlerische Karrieren geboren wurden – und wie sie an den politischen Umbrüchen zerbrachen. Besonders eindrucksvoll ist, wie er das Spannungsverhältnis zwischen kreativer Euphorie und gesellschaftlicher Bedrohung einfängt, das die Zeit zwischen Erstem Weltkrieg und Machtergreifung der Nationalsozialisten bestimmte.
Die Stärke des Buches liegt in seiner Darstellungskraft: Buckard verbindet minutiöse Recherche mit einer anschaulichen Erzählweise, die den Leser mitten ins Getümmel des Cafés versetzt. Man meint, das Klirren der Kaffeetassen zu hören, die dichten Rauchschwaden zu sehen und den Lärm der Debatten zwischen Politik, Kunst und Klatsch zu spüren. Gleichzeitig zentriert der Autor das Romanische Café präzise im historischen Kontext und macht deutlich, wie sehr es als Spiegel und Motor der kulturellen Dynamik Berlins fungierte.
Besonders gelungen ist auch die Balance zwischen Einzelporträts und gesellschaftlicher Analyse. Buckard erzählt nicht nur die Biografien der schillernden Besucher, sondern beleuchtet ebenso die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen, die das Treiben im Café beeinflussten. Die Inflation, die Goldenen Zwanziger, die wachsende Bedrohung durch den Faschismus – all das fließt organisch in die erzählte Struktur ein.
Das Café hatte im Laufe der Zeit viele, witzige und todernste, Bezeichnungen: Autonomer jüdischer Rayon, Café Meschugah, Wartesaal der Talente, Kleines Shtetl, Universität, Café Ende und Café Auf der Flucht.
Für die meisten seiner treuen Stammgäste wurde es spätestens ab 1933 ein lebensgefährlicher Ort. Bruno Fiering, der Besitzer, starb im März 1933 nach einer „Nazisäuberung“ an einem „Herzinfarkt“. 1943 wurde das Romanische Haus durch britische Bomben zerstört.
Formal überzeugt das Buch durch einen klaren Aufbau und flüssigen Stil. Die Kapitel sind geschickt gegliedert, sodass der Leser sowohl thematisch als auch chronologisch durch die Ära des Romanischen Cafés geführt wird. Die Sprache ist lebendig, ohne ins Pathetische zu kippen, und vermittelt zugleich die tragische Dimension eines Kulturmilieus, das in den 1930er Jahren brutal zerstört wurde.
„Café Babylon“ ist damit nicht nur ein kulturhistorisches Werk, sondern auch ein literarischer Genuss. Es gelingt Buckard, die Atmosphäre eines verlorenen Ortes einzufangen, der für eine Epoche voller Widersprüche steht – voller kreativer Energie, aber auch voller Abgründe. Wer sich für Berliner Kulturgeschichte, die Weimarer Republik und die Verflechtung von Kunst und Politik interessiert, wird an diesem Buch kaum vorbeikommen können.
Fazit: Ein intensives, detailreiches und zugleich fesselnd erzähltes Porträt des Romanischen Cafés und seiner Welt – eine meisterhafte Hommage an die Hochzeiten und Untergänge der Berliner Bohème zwischen 1913 und 1933.
Christian Buckard: Café Babylon. Berlin, Romanisches Café, 1913-1933. C.H. Beck, München 2026, 352 Seiten, 26,00 Euro.
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Schwenken und schwanken
Mit ihrem Buch „Zweite Wende“ legt die Journalistin Marieke Reimann eine ebenso persönliche wie analytische Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Selbstverständnis und seiner Bedeutung für die gesamtdeutsche Gesellschaft vor. Die Autorin, in Mecklenburg-Vorpommern geboren, verwebt autobiografische Passagen, historische Einordnungen und aktuelle politische Beobachtungen zu einem Panorama, das die anhaltende Relevanz ostdeutscher Erfahrungen unterstreicht. Als Fernsehjournalistin war sie jüngste und erste ostdeutsche Chefredakteurin bei einem öffentlich-rechtlichen Sender (SWR) im Westen.
Der Titel des Buches ist Programm: Reimann beschreibt den Zustand Ostdeutschlands nach der politischen Wende von 1989/90 und plädiert heute für eine zweite, gesellschaftliche und kulturelle Wende, bei der Anerkennung, Gleichwertigkeit und Teilhabe im Mittelpunkt stehen. Sie kritisiert, dass die erste Wende oft nur als wirtschaftliche und institutionelle Angleichung verstanden wurde, während die sozialen und psychologischen Prozesse in der ostdeutschen Bevölkerung zu wenig Beachtung fanden. Reimann greift dabei auf Interviews, politische Analysen und persönliche Erinnerungen zurück, um ein vielschichtiges Bild zu zeichnen.
Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen sie schildert, wie tief das Gefühl mangelnder Wertschätzung in den neuen Bundesländern verankert ist. Viele Menschen, so zeigt Reimann, erleben ihre Biografien nach 1990 nicht als Erfolgsgeschichte, sondern als Abfolge von Brüchen, Umwegen und Entwertungen. Hier formuliert sie kein Klagelied, sondern analysiert die strukturellen und kulturellen Gründe für das anhaltende Gefühl der Fremdheit im eigenen Land.
Literarisch bewegt sich das Buch zwischen Reportage, Essay und persönlichem Bericht. Reimann schreibt klar, direkt und ohne akademische Überfrachtung, was die Lektüre angenehm zugänglich macht. Gleichzeitig bietet sie fundierte Einblicke in politische und gesellschaftliche Entwicklungen – von den Treuhand-Entscheidungen über die Medienlandschaft bis hin zu den Wahlerfolgen mancher Parteien in ostdeutschen Regionen. Dabei wird deutlich: Die zweite Wende, die sie einfordert, ist kein nostalgisches Projekt, sondern ein Plädoyer für eine gerechtere, inklusivere und selbstbewusstere Demokratie.
Reimann wurde 1987 in Rostock geboren. Die Mutter war alleinerziehend und Wendeverliererin. Marieke erlebte als heranwachsende, hochbegabte Schülerin unmittelbar, was es bedeutet, in der neuen Gesellschaft nicht ausreichend Geld zu haben.
Ein zentraler Mehrwert des Buches liegt in seiner Verknüpfung von individueller Erfahrung und kollektiver Geschichte. Reimann scheut sich nicht, eigene Zweifel, Schamgefühle oder Ohnmachtsmomente offenzulegen, und zeigt so, dass Identitätsfragen immer auch persönlich empfunden werden. Gleichzeitig entwirft sie eine Vision, wie die gesamtdeutsche Gesellschaft von einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Ost-Erbe profitieren könnte: durch ein stärkeres Verständnis für unterschiedliche Lebensrealitäten, die Anerkennung von Leistung jenseits westdeutscher Normen und den Mut, alte Machtstrukturen aufzubrechen.
Kritisch anzumerken ist lediglich, dass die Autorin an einigen Stellen sehr stark auf ihre eigene Perspektive fokussiert bleibt. Die Vielfalt ostdeutscher Stimmen – zwischen urbanen Milieus, ländlichen Regionen und den jüngeren Generationen – hätte stellenweise noch differenzierter abgebildet werden können. Dennoch gelingt es Reimann, einen Diskurs zu eröffnen, der weit über den Osten hinausreicht und die Frage stellt: Wie wollen wir in Deutschland im 21. Jahrhundert zusammenleben?
Mitunter erfordert die überbordende Menge an Fakten und Zahlen ein verschnaufendes Innehalten beim Lesen.
Auf dem offiziellen Foto zur fünfunddreißigjährigen Einheitsfeier am 3. Oktober 2025 in Saarbrücken sind neun Personen zu sehen. Im Netz wurde es kommentiert: „Neun Wessis freuen sich, dass die Einheit so gut vollzogen wurde. Cool.“ Oder: „Mehr Quizmaster als Ostdeutsche“ in Anspielung auf den mit abgebildeten Jörg Pilawa, Lebensgefährte der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Der Saarbrücker Foto-Fauxpas zeigt ein strukturelles Problem. Reimann kommentiert: „Es geht hier um Repräsentation und Sichtbarkeit, zwei wichtige Säulen einer wiedervereinigten Erinnerungskultur.“ Solange der Westen sich nur selbst inszeniert, sind wir von einer tatsächlichen Einheit weit entfernt.
„Zweite Wende“ ist kein nüchternes Sachbuch, sondern ein leidenschaftlicher Aufruf, die Geschichte der Wiedervereinigung weiterzudenken. Wer bereit ist, sich auf persönliche Reflexionen und gesellschaftspolitische Analysen einzulassen, erhält eine kluge, berührende und hochaktuelle Lektüre. Marieke Reimann zeigt, dass die zweite Wende uns alle betrifft – nicht als Kapitel der Vergangenheit, sondern als Aufgabe der Gegenwart.
Marieke Reimann: Zweite Wende. Warum Ostdeutschland uns alle angeht. Rowohlt, Hamburg 2026, 240 Seiten, 22,00 Euro.
Schlagwörter: Boheme, Christian Buckard, Intellektuelle, Jürgen Hauschke, Künstler, Marieke Reimann, Ostdeutschland, Romanisches Café, Weimarer Republik, Wende


