Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident – Es ist Ein durchaus nicht seltenes psychologisches Phänomen: Je älter man wird, desto mehr werden die eigenen Erinnerungen weichgezeichnet. In Ihrer Rede vom 3. Oktober 2026, zum Tag der deutschen Einheit, findet sich dieses schöne Beispiel: „Heute vor 36 Jahren feierten die Menschen in der wieder offenen Mitte von Berlin unter Feuerwerk und schwarz-rot-goldenen Fahnen […]. Und – auch das gehörte zu unserem Glück – unsere Nachbarn in Europa, ja Menschen in aller Welt haben sich ehrlich mit uns gefreut.“
Unsere Nachbarn im Osten hatten seinerzeit mit ihren eigenen Zusammen- und Umbrüchen ganz gewiss andere Sorgen. Und die im Westen? Nachdem die Mauer am 9. November 1989 gefallen war, machte die britische Premierministerin Margret Thatcher aus Ihrer offenen Abneigung gegen eine mögliche deutsche Vereinigung keinen Hehl. Frankreichs Präsident François Mitterrand reiste noch Dezember ’89 demonstrativ zum Staatsbesuch in die DDR, damit der Zug zur deutschen Einheit sich möglichst gar nicht erst in Bewegung setzte. Und Italiens damaliger Ministerpräsident Giulio Andreotti stichelte in Anlehnung an einen früheren Ausspruch des französischen Schriftstellers François Mauriac: „Ich liebe Deutschland so sehr, dass mir zwei davon lieber gewesen wären.“
Wolfgang Benz, Historiker, ehemals Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin – Sie sahen sich wütender Kritik ausgesetzt, als Sie unter anderem im Interview mit der Frankfurter Rundschau den Begriff Antisemitismus „im heutigen politischen Sprachgebrauch“ als „ultimatives Argument vor allem zur Abwehr jeglicher Kritik an der Politik oder an militärischen Handlungen des Staates Israel“ bezeichneten. Dabei versicherten Sie: „Ich lasse mich nicht von meiner Empathie gegenüber dem Staat Israel abbringen, die seit meiner Jugend Teil meiner Sozialisation ist. Genauso wenig lasse ich mich von meinem Mitleid mit der geschundenen Zivilbevölkerung Palästinas oder dessen, was von Palästina übrig ist, abbringen.“ Das müsse doch „jeder denkende und fühlende Mensch unter einen Hut bringen können“. Doch leider würden im Augenblick „mit erheblicher Wut und Verbissenheit“ alle als Antisemiten bezeichnet, die sich für einen palästinensischen Staat einsetzen. Besonders heftig fiel der Wutausbruch wahrscheinlich aus, weil Sie dem Tagesspiegel gesagt hatten: „Die Linke ist nicht antisemitisch.“ Wenn die Partei das Vorgehen Israels in Gaza als Völkermord beurteile, sei das „eine Feststellung, die […] von vielen Politikern in der Welt, in den Vereinten Nationen und auch von vielen jüdischen Bürgern Israels geteilt wird. Das hat mit Antisemitismus nichts zu tun.“ Die FAZ wetterte prompt „Professoraler Unfug“ und „Phrasen über Antisemitismus“. Die Jüdische Allgemeine schlug vor, Ihre ehemalige Arbeitsstätte umzubenennen in „Zentrum für Antisemitismus-Leugnung“. Womit Sie Ihre eingangs zitierte Aussage bestätigt sehen können.
Jens Spahn (CDU), nunmehr nur noch Ex (-Bundesminister, -Fraktionschef, -Mitglied im Haushaltsausschuss [HHA] des Bundestages) – Nach Ihrem erzwungenen Rücktritt vom einflussreichen Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Juli 2026 wegen Inanspruchnahme einer (in Deutschland verbotenen) Leihmutterschaft hatte Ihre Partei Sie im Haushaltsausschuss des Bundestages zwischengelagert. Dieser Ausschuss tagte unlängst ohne Ihre Teilnahme, denn Sie urlaubten zeitgleich in Familie auf Sardinien. Was BILD dummerweise mit Ferienschnappschuss öffentlich machte. Da waren Sie bei denen – auch in der eigenen Partei –, die Sie eh auf der Abschussliste haben, natürlich wieder Mode. Ende September teilten Sie mit: „Nach reiflicher Überlegung […] werde ich auf meinen Sitz im HHA verzichten.“ Sie wollten sich „vorerst“ auf Ihre Arbeit im Wahlkreis und auf Ihre Familie konzentrieren. Und: „Alles rund um meine Person ist aktuell so politisiert, dass ein normales Arbeiten kaum möglich sein wird.“
Letztere Diktion lässt uns vermuten, dass Ihre Wahrnehmung des Eigenanteils an Ihrem Karriereknick nach wie vor gegen Null tendiert. Was zu der frohen Hoffnung Anlass gibt, dass Ihr nächstes Plantschen im Fettnapf nicht allzu lange auf sich warten lassen wird. Das könnte womöglich zur finalen Konzentration auf die Familie führen, wogegen nicht nur nichts einzuwenden wäre …
Angela Merkel (CDU), Alt-Bundeskanzlerin – Am 25. September 2026 nahmen Sie den (undotierten) Elisabeth Preis des Caritasverbands der Diözese Augsburg entgegen. Die Laudatio hielt die spitzzüngige Satirikerin Sarah Bosetti. Die lobte als Ihr größtes Verdienst, dass Sie uns „viele Jahre unsere Unterschiede aushalten“ ließen, fügte jedoch hinzu, dass selbst dieses Verdienst vor einer noch größeren Leistung beinahe verblasse, nämlich – uns „viele, viele Jahre vor Friedrich Merz bewahrt“ zu haben.
Wir wollen dem gar nicht widersprechen. Gestatten uns jedoch den Hinweis, dass es auch Ihre Politik war, die Friedrich Merz in der CDU schließlich die Chance eröffnete, wie Kai aus der Kiste wieder aufzuploppen und zu reüssieren. Die Folgen sind gerade live zu beobachten.
Das nennt man dann wohl die Dialektik des Lebens oder – noch bündiger: „Shit happens.“
Boris Pistorius (SPD), Bundesverteidigungsminister – Am 18. September wurde Ihnen im texanischen Fort Worth vom Rüstungskonzern Lockheed Martin der erste für Deutschland gebaute Kampfbomber vom Typ F-35 übergeben. 35 Maschinen für die Bundeswehr sind bisher bestellt worden. Zehn Milliarden Euro soll der Spaß kosten. Die neue Ära der Luftwaffe, berichteten Medien, habe für Sie „mit Gänsehaut begonnen“. Überdies erklärten Sie wörtlich: „Die F-35 wird die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes stärken.“
Allerdings ist der Begriff Verteidigungsfähigkeit in diesem Falle ein, mit Verlaub, zynischer Euphemismus. Gesteigerte Vernichtungswahrscheinlichkeit träfe die erwartbare Perspektive für Deutschland präziser. Denn die 35 Maschinen sind der sogenannten nuklearen Teilhabe zugedacht: Im Ernstfall würden diese deutschen Flugzeuge US-Atombomben (in Büchel in der Eifel lagernd) zu Zielen in Russland transportieren. Mit nuklearen Gegen-, wenn nicht gar Präventivschlägen Moskaus muss daher gerechnet werden …
PS: Dass die viel gepriesene F-35 offenbar ein ausgemachter Pannenflieger (Blättchen 16/2022) bleibt, war im Juni 2026 erneut einem Bericht des US-amerikanischen Rechnungshofes (GAO-26-108113) zu entnehmen. Danach sank die allgemeine Einsatzbereitschaft (mission-capable rate) der F-35-Flotte zwischen den Haushaltsjahren 2021 und 2025 von rund 67 auf 44 Prozent, während die Rate für die vollständige Einsatzfähigkeit (full mission-capable rate) von 38 auf 25 Prozent zurückging.
August Hanning, Ex-Chef des BND (1998-2005) – Ups, gerade sind Sie festgenommen worden. Wegen „mutmaßlicher landesverräterischer Ausspähung, Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchten Landesverrats und Spionage“ (Verlautbarung der Bundesanwaltschaft vom 6. Oktober). Für welches Ausland auch immer. Allerdings: „Nach Informationen von SZ, NDR und WDR geht es dabei […] nicht um Russland“, vermeldete die Süddeutsche Zeitung. Noch jahrelang nach Ihrem Abschied von den Schlapphüten soll Ihnen Ihr im Dienst verbliebener früherer Büroleiter Manfred D. gegen Bares höchst Geheimes gesteckt haben, das Sie Ihrerseits versilbert haben könnten. Die Rede ist von annähernd 2000 klassifizierten Dokumenten. „Es ist ein beispielloser Fall in der 70-jährigen Geschichte des Bundesnachrichtendienstes“, brachte es die Berliner Zeitung auf den Punkt.
Natürlich gilt bis auf Weiteres die Unschuldsvermutung. Auch für Ihren ebenfalls arretierten Büroleiter.
Sollte sich der Verdacht der Ermittlungsbehörden jedoch bestätigen, hätte die Affäre womöglich das Zeug, im Ranking bisheriger BND-Spionageskandale an die Spitze zu schießen – vorbei etwa an Heinz Felfe, der ausgerechnet als Leiter des Referats „Gegenspionage Sowjetunion“ bereits seit den frühen 1950er-Jahren (also bereits in der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des BND) für den KGB arbeitete, und an Dr. Gabriele Gast, stellvertretende Referatsleiterin „Politische Auswertung Sowjetunion“, die bis 1989 an Markus Wolfs HVA in Ostberlin berichtete …
Boban Dukic, Berliner Zeitung – Nach wie vor gibt es Zeitgenossen wie Sie, die die Flimmerkiste selbst dann laufen lassen, wenn Caren Miosga auf ARD einreitet. So kam die Nachricht auf uns, dass man sich am 27. September 2026, dem Tag des verkorksten Länderspiels der deutschen Nationalelf gegen Griechenland, den Abend danach „komplett versauen“ konnte: „Robert Habeck war zu Gast bei Caren Miosga, und es folgte eine jener Sendungen, die man nur mit einer ausgeprägten masochistischen Ader bis zum Ende durchhielt […]“ Geboten wurde dem Publikum „eine volle Dosis pseudo-staatsmännisch-intellektuellen Geschwafels. Denn der ehemalige Wirtschaftsminister inszenierte sich aus seiner neu gefundenen akademischen Bubble heraus als der große Welterklärer.“ Ihr Fazit: „Inhaltlich kam […] wieder einmal kaum etwas Belastbares herum. Ob es nun um sein neues Spezialgebiet Arktis ging […] oder um Fragen zur Berliner Linkspartei, der Gast blieb sich treu.“ Heißt ja wohl, Habeck redete viel, ohne etwas zu sagen (zu haben).
Gegen Ende der Zumutung sorgte zumindest die Mitteilung für Herzrasen, eine Rückkehr in die Politik könne er, Habeck, sich im Moment nicht vorstellen. Bevor noch Schnappatmung einsetzte, definierte er den Moment als „langen Zeitraum“.
Das ist an sich schon mal nicht gar nichts!
Trotzdem stimmen wir in Ihren finalen Seufzer ein: „Man kann nur hoffen, dass dieser lange Zeitraum möglichst dauerhaft prolongiert wird […].“
PS: Allerdings hat Habeck der Süddeutschen Zeitung bereits am 30. September 2026 gesteckt, er können nun „die persönlichen Defizite heilen, die die Jahre [in der Politik – die Redaktion] verursacht haben“. Nämlich? „Sich nicht immer so wichtig zu nehmen.“ Da wirkt die Miosga-Nummer fast schon wieder wie ein Rückfall …
Schlagwörter: Angela Merkel, Antisemitismus, August Hanning, BND, Boris Pistorius, Frank-Walter Steinmeier, Jens Spahn, Robert Habeck, Wolfgang Benz



