Abschmieren eines Überfliegers

von Sarcasticus

„Für die nukleare Teilhabe werden wir rechtzeitig
einen modernen Ersatz für die veralteten Tornado-Jets beschaffen.
[…] Das Kampfflugzeug F‑35 kommt als Trägerflugzeug in Betracht.“

Olaf Scholz, Bundeskanzler,
„Zeitenwende“-Rede, 27.02.2022

Es würde nicht verwundern, sollte die Schwemme zusätzlicher Finanzmittel für die Bundeswehr, vom Kanzler in dessen „Zeitenwende“-Rede als beschlossen der Öffentlichkeit unterbreitet, den potenziellen Nutznießern erschienen sein wie weiland die Verkündung der frohen Botschaft den Hirten auf dem Felde. Die Dimensionen sind danach: Nicht nur ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro wurde avisiert (und ist inzwischen auf die Schiene gesetzt – siehe ausführlicher Blättchen 6/2022), sondern auch künftig jährlich „mehr als 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“ fürs Militär. Damit könnte der Wehretat demnächst auf 70 Milliarden Euro per annum steigen.

Doch mancher Experte gab auch manches zu bedenken. Etwa Heeresinspekteur Alfons Mais – „das Heer hätte die 100 Milliarden Euro auch allein ausgeben können“ – im Interview mit dem Handelsblatt: „Wir müssen […] darauf achten, dass wir jetzt nicht nur alte Ladenhüter kaufen, weil sie gerade verfügbar sind, sondern auch die Zukunftsfähigkeit […] im Blick behalten.“

Gottseidank scheint der Kanzler mit dem als neuem Kernwaffenträger der Bundesluftwaffe ins Visier genommenen US-Mehrzweckkampfflugzeug F-35A Lightning II (bodengestützt, im Unterschied zur senkrechtstartfähigen Version F-35B für US-Hubschrauber-Träger) der sogenannten fünften Generation völlig auf der sicheren Seite zu sein. Zumindest wenn man den öffentlichen Elogen nach Scholzens Ankündigung folgt: „das modernste Kampfflugzeug weltweit“ (Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz), ein „Ferrari für die Luftwaffe“ (FAZ), eine „‚digitale Revolution des Kampfjets‘, vollgepackt mit leistungsfähigen Sensoren und Benutzerschnittstellen“ (Der Tagesspiegel).

Nach neuesten Angaben des US-State Departments werden die Kosten für die vorgesehenen 35 Maschinen für die Bundeswehr samt mitbestellter Munition und zugehörigem Equipment auf 8,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Hinzu kommen die laufenden Betriebskosten während des jahrzehntelangen Einsatzes, die sich ebenfalls zu Milliarden summieren dürften. Allein eine Flugstunde schlägt mit etwa 35.000 Euro zu Buche.

Und was bekommt man nun tatsächlich für diese Steuergelder?

Das Flugzeug soll eine Höchstgeschwindigkeit von 1930 Kilometern pro Stunde erreichen, was 1,6 Mach entspräche. Die Waffennutzlast wird vom Hersteller Lockheed Martin folgendermaßen angegeben – mit einer für einen Rüstungskonzern leicht befremdlichen Blumigkeit: „Die F-35C ist mit 20.000 Pfund internen und externen Waffen ausgestattet, was in etwa dem Gewicht von zwei männlichen Schwertwalen entspricht.“ Die Reichweite der F-35 soll rund 2000 Kilometern betragen, womit vom künftigen deutschen Standort aus, dem Luftwaffenstützpunkt Büchel in Rheinland-Pfalz, Ziele auf russischem Territorium – mit Ausnahme von Kaliningrad – nicht unmittelbar zu erreichen sein werden. Gesteuert wird die F-35 über Touchscreens im Cockpit, wobei dem Piloten über seinen Helm mittels Echtzeitbildern von entsprechend platzierten Infrarotkameras eine 360-Grad-Rundumsicht ermöglicht wird. Dazu nochmals der blumige Hersteller: „Bei dieser Technologie handelt es sich im Wesentlichen um dieselbe Technologie wie bei der Superheldenfigur ‚Iron Man‘ aus den Marvel-Comics.“

Vor allem jedoch gründet sich der Nimbus der F-35 als modernstes Kampfflugzeug der Welt auf seiner Tarnkappenfähigkeit (Stealth): Durch ein spezielles Design sowie eine Außenbeschichtung, die Radarstrahlen absorbieren kann, soll der Jet für die gegnerische Aufklärung praktisch unsichtbar sein und daher feindlichen Luftraum ungeschoren durchqueren können.

Doch gerade in dieser Hinsicht ist der Wundervogel bereits im Jahre 2018 während der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Schönefeld bei Berlin merklich entzaubert worden. Damals präsentierte das deutsche Rüstungsunternehmen Hensoldt ein sogenanntes Passivradar, mit dem Stealth-Flugkörper sehr wohl erfasst werden können. Die beiden 2018 in Schönefeld ausgestellten F-35 mussten daher am Boden bleiben, um Hensoldt keine Gelegenheit zum praktischen Nachweis zu geben. (Darüber ist auch in diesem Magazin berichtet worden – siehe Blättchen 21/2019.) Das gleiche Spiel wurde auch bei der diesjährigen ILA geboten.

Da bis zur militärischen Einsatzreife des Passivradars nach Meinung von Experten aber noch Jahre ins Land gehen werden, könnte sich das Problem mit der löchrigen Tarnkappe im Hinblick auf die F-35 letztlich noch als das geringste erweisen. Denn am 25. März 2022, also nur knapp einen Monat nach der Scholz-Rede, berichtete DIE WELT unter der Überschrift „Schrottflieger F-35? Pentagon-Papier enthüllt 845 Fehler bei neuem Bundeswehr-Jet“: „Gerade erst hat die Bundesregierung die Großbestellung von F-35-Kampfjets bekannt gegeben. Und schon offenbart ein bislang geheimer Pentagon-Bericht massive Probleme des Tarnkappenjets. Die Mängel sind so gravierend, dass das US-Verteidigungsministerium schon Aufträge kappt.“ So sollen vom Pentagon im kommenden Haushaltsjahr 2023 statt geplanter 94 voraussichtlich nur 61 F-35A geordert werden.

Die erwähnten 845 Mängel, darunter sechs als gravierend eingestufte, die einen Absturz verursachen könnten, gehen auf den neuesten der jährlichen Prüfberichte des obersten Waffencontrollers des Pentagons („Director, Operational Test & Evaluation“) zurück. Diesen Bericht, einschließlich seiner geheimen Passagen, hat das 1974 gegründete US-amerikanische Center for Defense Information (CDI), heute bei der NGO Project On Government Oversight (POGO) angesiedelt, analysiert und die Ergebnisse ins Internet gestellt.

Hauptkritikpunkt des Pentagon-Berichts – die mangelnde Zuverlässigkeit der F-35. 2020 waren gerade einmal 54 Prozent der an die US-Streitkräfte ausgelieferten Maschinen einsatzfähig. Auch 2021 lag dieser Wert bei nur 61 Prozent und damit noch unter der bereits reichlich niedrig angesetzten Zielmarke von 65 Prozent.

Größter Schwachpunkt der F-35 – das Hochleistungstriebwerk von Pratt & Whitney. Ende September 2021 blieben allein 50 US-F-35 wegen Motorschaden am Boden. Diese Anfälligkeit erhöht zwangsläufig das Risiko für die Piloten, denn die Maschine verfügt nur über ein einziges Triebwerk. Medienberichten zufolge ist dafür bereits ein Ersatzmodell erwogen worden, doch konkrete Planungen oder gar Investitionsentscheidungen dazu liegen noch nicht vor. Exportkunden erhalten bis auf Weiteres folglich das hochanfällige Antriebsaggregat.

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Exkurs: Mit einstrahligen Kampfflugzeugen hat die Bundeswehr ihre eigenen Erfahrungen. Ab 1962 wurden insgesamt 916 Abfangjäger vom Typ Starfighter F-104 (Hersteller: ebenfalls Lockheed) beschafft, von denen insgesamt etwa ein Drittel abstürzte. Das kostete 116 Piloten das Leben. Bereits bei der feierlichen Einführung am 19. Juni 1962 erwischte es die komplette, aus vier Maschinen bestehende Kunstflugstaffel der Bundesluftwaffe. Nach den Starfighter-Erfahrungen galt es in der Bundeswehr jahrzehntelang als gesetzt, nie wieder ein Modell mit nur einem Triebwerk in Dienst zu nehmen.

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Ein weiterer Schwachpunkt der F-35 laut Pentagon-Bericht – die immens komplexe Software, die den Jet zum fliegenden Computer macht und die sowohl die zahlreichen Sensoren und die Steuerung integriert wie auch die Cockpitanzeigen sowie den Waffeneinsatz. Die Software-Entwicklung hinkt erheblich hinter dem Zeitplan her, bisweilen sind auch bereits ausgemerzte Fehler bei nachfolgenden Updates wieder „eingepflegt“ worden. Dadurch würde aktuell der Abschuss von Luft-Luft-Raketen vom Typ Aim-120 AMRAAM gerade mal wieder nicht funktionieren. Wann das nächste umfassende sogenannte „Block 4“-Hard- und -Software-Update überhaupt stattfinden kann ist derzeit völlig offen. Erst damit aber, so der Pentagon-Bericht, würden die technischen Voraussetzungen für den Einsatz der F-35 als Atombombenträger überhaupt gegeben sein.

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Exkurs: In fünf europäischen NATO-Staaten (Belgien, Deutschland, Italien, Niederlande, Türkei) sind nach Expertenannahmen rund 150 atomare US-Bomben vom Typ B61 eingelagert, die im Falle des Falles mit Trägerflugzeugen der betreffenden Länder zum Einsatz kommen sollen. Für Deutschland sollen dafür F-35 beschafft werden. Der Terminus technicus für das gesamte Konstrukt lautet Nukleare Teilhabe.

Die in der Praxis wahrscheinlich noch gar nicht vorhandene atomare Einsatzfähigkeit der F-35 hindert die NATO allerdings nicht daran, sich bereits jetzt Gedanken für die Zukunft zu machen. Am 13. April 2022 teilte die US-Plattform DefenseNews, eine nach eigenen Angaben „unabhängige, professionelle Nachrichtenquelle für die Entscheidungsträger im Verteidigungsbereich weltweit“, mit: „Nach der Entscheidung Deutschlands, eine Flotte von F-35-Kampfjets zu kaufen, haben die NATO-Planer damit begonnen, die Mechanismen der nuklearen Teilhabe des Bündnisses zu aktualisieren, um den Fähigkeiten der nächsten Generation von Kampfjets Rechnung zu tragen.“ Entsprechend äußerte sich Jessica Cox, Chefin der NATO-Direktion für Nuklearpolitik, in einer Diskussion des in Washington ansässigen Advanced Nuclear Weapons Alliance Deterrence Centers. Auch weitere Bündnismitglieder wie Polen, Dänemark und Norwegen könnten demzufolge mit ihren F-35-Beständen „mit der Unterstützung tatsächlicher Missionen zur nuklearen Teilhabe betraut werden“. Dazu käme möglicherweise Finnland, das kürzlich angekündigt hat, 60 F-35 erwerben zu wollen.

Insofern entbehrt das Menetekel, auf das der US-Experte Scott Ritter (einst beim Geheimdienst des US Marine Corps, dann Inspekteur der Umsetzung des INF-Vertrages und später UN-Waffeninspekteur im Irak) unlängst hinwies – dass nämlich in absehbarer Zeit seitens Russland „jede sich in der Luft befindliche F-35A als potenziell nuklear bewaffnete Bedrohung betrachtet werden muss“ – nicht einer gewissen Plausibilität.

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Die CDI-Analyse des Pentagon-Berichtes gelangt zu folgendem Fazit: „Mehr als zwanzig Jahre nach der Entwicklung der F-35 ist das Flugzeug in praktischer und rechtlicher Hinsicht immer noch nicht mehr als ein sehr teurer Prototyp. Allein die Tatsache, dass die Auftragnehmer und das Programmbüro nicht in der Lage waren, ein Flugzeug zu liefern, dessen Wirksamkeit durch ein umfassendes operationelles Testprogramm bewiesen wurde, deutet darauf hin, dass das ursprüngliche Joint Strike Fighter-Konzept fehlerhaft und jenseits jeder praktischen technologischen Realität war. Mit […] erheblichen Rückschritten im Jahr 2021 scheint es, dass das F-35-Programm auf absehbare Zeit in seinem derzeitigen Zustand verharren wird. Der Kongress blieb während der Haushaltsdebatten für das Jahr 2022 standhaft und weigerte sich, über den Antrag des Pentagons hinaus zusätzliche neue F-35 zu bewilligen. Dies war das erste Mal seit Beginn der F-35-Herstellung im Jahr 2007, dass der Kongress die jährliche Kaufsumme nicht erhöht hat. Es scheint, dass die offizielle Geduld mit dem sich langsam entfaltenden Desaster des F-35-Programms zu schwinden beginnt.“

Nun ja, vielleicht traut sich ja noch wer im Kanzleramt, dem Hausherrn diese Informationen zwischen die Tagespost zu jubeln. Immerhin hatte der in seiner „Zeitenwende“-Rede auch formuliert: „Das Ziel ist eine leistungsfähige, hochmoderne, fortschrittliche Bundeswehr, die uns zuverlässig schützt […]: Wir brauchen Flugzeuge, die fliegen […].“