26. Jahrgang | Nummer 17 | 12. Oktober 2026

36 Jahre Deutsche Einheit

von Ulrich Busch

Die offiziellen Feierlichkeiten zum Vereinigungsjubiläum sind vorüber. Der Staatsakt und das Volksfest in Bremen gehören der Vergangenheit an. Zwei Ereignisse dieser Tage aber klingen in der Erinnerung nach: Zum einen die Rede der Ostbeauftragten Elisabeth Kaiser im Deutschen Bundestag in Berlin und der ihr zugrunde liegende Bericht „In Bewegung bleiben“, zum anderen die mahnenden Worte des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Bremen. Flankiert wurden die Reden von Untersuchungsergebnissen der Wirtschaftsforschungsinstitute zur derzeitigen ökonomischen und sozialen Entwicklung in Ost und West. Konzentriert man sich hierauf und stellt man die vorgelegten Daten in einen Zusammenhang mit den jüngsten Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, so wird die Brisanz der gegenwärtigen Situation evident und eine Tendenz der Entwicklung offenbar, wie sie in den Festtagsreden bestenfalls angedeutet worden ist.

Gemeint ist der seit Jahren stockende wirtschaftliche und soziale Konvergenzprozess zwischen Ost und West und die damit verbundene Enttäuschung und Frustration vieler Ostdeutscher, die Bestätigung des Gefühls, weiterhin abgehängt zu sein durch die realen Fakten und die Hinwendung großer Bevölkerungsgruppen zu extremistischen Parteien als politische Reaktion hierauf.

Angesichts der bestehenden Probleme muss eingeräumt werden, dass mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik immer noch keine Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Ost und West erreicht worden ist. Vielmehr hinkt der Osten wirtschaftlich wie sozial weiter hinter dem Westen her und erfüllt damit, wenn auch regional differenziert, die Kriterien einer demografisch ausgedünnten, schrumpfenden, überalterten, wirtschaftlich zurückbleibenden und sozial wie kulturell vernachlässigten und abgehängten Region. Dies lässt sich anhand ökonomischer und sozialer Indikatoren belegen, geht aber auch aus den Ergebnissen einer Forsa-Umfrage hervor, wonach „eine zunehmende Entfremdung zwischen Ost- und Westdeutschland“ zu konstatieren sei. Demnach überwiegt „für 61 Prozent aller Befragten das Trennende“, wobei der Wert in den östlichen Bundesländern sogar „bei 75 Prozent“ liegt. Hieraus folgt, dass von einem „Zusammenwachsen“ keine Rede sein kann.

Ein paar Daten sollen dies belegen: Seit 1990 verläuft die demografische Entwicklung in Deutschland gegensätzlich: Während die Bevölkerungszahl im Westen seit der deutschen Vereinigung um rund 10 Prozent auf 67,5 Millionen gestiegen ist, schrumpfte sie im Osten um 16 Prozent auf 12,4 Millionen (ohne Berlin). Der Anteil junger Menschen war in der DDR größer als in der Bundesrepublik, der Anteil älterer Menschen geringer. Mittlerweile hat sich dies krass umgekehrt – und alle Prognosen gehen davon aus, dass dieser Trend anhalten wird. Nach wie vor gibt es zwischen Ost und West einen klar erkennbaren Abstand hinsichtlich der Wirtschaftskraft. Zuletzt hat sich die Kluft sogar wieder vergrößert, nachdem sie vorübergehend geringer geworden war. 2024 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner in den westlichen Bundesländern 52.966 Euro. In den östlichen Bundesländern (ohne Berlin) waren es 38.011 Euro. Das entspricht einem Niveau von 71,8 Prozent.

Die differierende Leistungskraft spiegelt sich in den Einkommensrelationen wider. So verdienten Vollzeitbeschäftigte im Osten 2025 monatlich im Schnitt 4121 Euro brutto, im Westen aber 4961 Euro. Die Differenz beträgt 840 Euro oder rund 17 Prozent. Netto hatten die privaten Haushalte in den fünf neuen Bundesländern und in Berlin im Jahr 2025 im Durchschnitt 7247 Euro weniger in der Haushaltskasse als in Westdeutschland. Da die Differenz in den Jahren zuvor geringer war, weist dies auf eine Zunahme der Diskrepanz im Zeitverlauf hin, vielleicht sogar auf eine Trendumkehr. Dabei sind die Unterschiede zwischen einzelnen Bundesländern beachtlich: So betrug das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in Sachsen-Anhalt 38.284 Euro, in Bayern aber 53.067 Euro!

Bedeutend größer noch ist die Lücke bei den Vermögen der privaten Haushalte: Ostdeutsche verfügen über weniger als die Hälfte der Geld- und Immobilienvermögen westdeutscher Haushalte. So werden die durchschnittlichen Nettogesamtvermögen im Osten mit 125.500 Euro angegeben, im Westen aber mit 257.100 Euro. Interessant ist, dass die Unterschiede keinesfalls geringer, sondern sogar größer werden, wenn man keine Durchschnitts-, sondern Medianwerte miteinander vergleicht. Die verzerrenden Wirkungen, die durch die „großen Vermögen“ einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Milliardären und Multimillionären – fast ausschließlich Westdeutsche – entstehen, werden dadurch marginalisiert. Die mediane Ost-West-Relation der privaten Vermögen betrug im Jahr 2023 35.900 Euro zu 143.200 Euro. Das entspricht einem Verhältnis von eins zu vier. Hieraus geht hervor, dass sich bei den privaten Vermögen seit 1990 – trotz beachtlicher absoluter Zuwächse in Ost und West – keine Annäherung vollzogen hat, sondern eher das Gegenteil zu verzeichnen ist. Die Sozialstatistiker sprechen von einem Matthäus-Effekt („Denn wer hat, dem wird gegeben werden“ – Matth. 25.29).

Diese Aussagen lassen sich durch Hinzunahme der Betriebsvermögen, die sich größtenteils in westdeutscher Hand befinden, komplettieren. Damit korrespondieren die extrem hohen Erbschaften und Schenkungen im Westen im Vergleich zu den viel kleineren Summen, die im Osten vererbt werden: 95 Prozent der ver- und geerbten Vermögen entfallen auf Westdeutsche. Zudem verfügen westdeutsche Privathaushalte zu 45 Prozent über Wohneigentum, zahlen also keine Miete, während dies im Osten nur 29 Prozent sind. Da die Sparquote der ostdeutschen Haushalte signifikant unter derjenigen der westdeutschen Privathaushalte liegt, wird sich die Vermögenslage auch in Zukunft nicht angleichen, sondern weiter differieren und divergieren.

Was gab es in den zurückliegenden Jahrzehnten nicht alles für Versuche, die tatsächliche Entwicklung schönzureden oder die objektiven Kriterien der Lebenswirklichkeit in Ost und West durch subjektive Befindlichkeiten, Gefühle und Eindrücke zu ersetzen! Doch das alles hat wenig genützt. Die Stimmung ist trotzdem gekippt und immer mehr Ostdeutsche, sogar junge Menschen, die nach 1990 geboren sind, begreifen sich inzwischen als Geprellte, Benachteiligte und Betrogene des Vereinigungsprozesses.

Über all dies könnte und sollte man am 3. Oktober eines jeden Jahres offen reden. Dabei würden zwangsläufig neben unbestreitbaren Erfolgen und Fortschritten im Vereinigungsprozess auch Fehler und Versäumnisse der Vereinigungspolitik zur Sprache kommen. Zu einer derart kritischen Aufarbeitung und Kurskorrektur war bisher aber keine Bundesregierung bereit. Schon gar nicht eine von der CDU geführte, die die Hauptverantwortung für den Vereinigungsprozess trägt. Lieber überlässt man anderen Parteien das Feld und beschwört in jedem Jahr erneut die „Einheit des Landes“ als einen „Glücksfall“, der inzwischen aber 36 Jahre zurückliegt.