Er gehört zu den großen Vergessenen in der ersten Generation der europäischen Nietzscheforschung: Oscar Levy. Geboren 1867 im pommerschen Stargard, Studium der Medizin in Berlin und Freiburg. Um Repressalien aufgrund seiner jüdischen Herkunft zu entgehen, emigrierte er 1893 nach England. Neben seiner Tätigkeit als Arzt versammelte er dort einen Kreis junger Intellektueller um sich, mit denen er in den folgenden Jahren an der bis dahin vollständigsten und umfassendsten Übersetzung der Werke eines ausländischen Philosophen ins Englische arbeitete. Möglich wurde das durch die Zustimmung von Elisabeth Förster-Nietzsche, die fast vier Jahrzehnte lang über den Nachlass ihres Bruders wachte. Der von Gert Theile und Steffen Dietzsch veröffentlichte Briefwechsel zwischen ihr und Oscar Levy versammelt rund zweihundert zum größten Teil erstmals veröffentlichte Briefe und Dokumente, die die Entstehungsgeschichte dieser bis heute einmaligen Ausgabe nachzeichnen.
Zu einer ersten Kontaktaufnahme zwischen den beiden kommt es im Oktober 1904. Levy übersendet Förster-Nietzsche ein Exemplar seines ganz „im Sinne Ihres von mir so hoch verehrten großen Bruders“ geschriebenen Buches „Das neunzehnte Jahrhundert“. Zwei Jahre später folgt die im Selbstverlag veröffentlichte englische Fassung unter dem Titel „The Revival of Aristocracy“. Ob Förster-Nietzsche das Buch je gelesen hat bleibt fraglich, zitiert sie doch in ihrem Antwortschreiben lediglich eine Aussage von Nietzsches langjährigem Freund Peter Gast, der meinte, „dass es doch sicherl[ich] eines der besten Bücher sei, das über Nietzsche’s Anschauungen geschrieben worden wäre“.
Am 7. August 1908 treffen Oscar Levy und Elisabeth Förster-Nietzsche im Weimarer Nietzsche-Archiv erstmals persönlich aufeinander. Über diese Begegnung schreibt Levy noch am selben Tag eine Freundin: „Es war aber doch noch etwas schlechter, wie ich erwartet hatte und ich bin den ganzen Tag in Weimar herumgelaufen und habe mich über das Rätsel gewundert, daß ein solcher Mann diese Schwester haben könnte!“ Seinen Zweck hatte die Zusammenkunft trotz allem erfüllt: „Schließlich übergab sie mir schriftlich ihre Generalvollmacht zur Vertretung ihrer Interessen in England.“
Zurück in London schreibt Levy an Förster-Nietzsche: „Es bereitete mir eine große Freude, daß ich bei meinem Besuche in Weimar im Stande war, mir Ihr Vertrauen zu erwerben, – seien Sie versichert, daß ich dasselbe rechtfertigen werde und trotz widriger Winde, Verleger-Klippen und Übersetzer-Untiefen (resp. Verflachungen) die Werke Ihres Bruders sicher und unbeschädigt in den englischen Hafen bringen werde.“ Am 24. August 1908 wird der entsprechende Vertrag von beiden Seiten unterzeichnet.
Bereits Ende 1909 kündigt Levy das Erscheinen der ersten vier Bände an. Am 15. Oktober 1910 kann er berichten: „Von den elf bisher veröffentlichten Bänden sind schon sieben in der zweiten Auflage“. In einem Brief an Adalbert Oehler, den Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Nietzsche-Archiv, würdigte Förster-Nietzsche die Leistung Levys, hatte er es doch „sehr geschickt verstanden, Nietzsche in England zu lancieren, weil er sich gute Übersetzer gewählt hat“. Nur fünf Jahre nach Vertragsabschluss liegt im Juni 1913 der 18. und letzte Band der „Complete Works of Friedrich Nietzsche“ vor.
Levys verlegerisches Interesse ging aber darüber hinaus. Schon Ende Juni 1909 hatte er sich ein weiteres Mal mit Förster-Nietzsche getroffen. Zum einen ging es um die englische Übersetzung von Nietzsches Briefen – dieses Projekt wurde jedoch zunächst zurückgestellt. Zum anderen äußerte Levy den Wunsch, begleitend zur Werkausgabe Förster-Nietzsches dreibändige, zwischen 1895 und 1904 veröffentlichte Biographie ihres Bruders erscheinen zu lassen. Da sie in dieser Zeit auf Vorschlag ihres deutschen Verlegers jedoch an einer gestrafften, auf das umfangreiche „Aktenmaterial“ verzichtenden Version arbeitete, musste sich Levy auch in diesem Fall gedulden.
Erst 1912 sollte „Der junge Nietzsche“ zeitgleich in Deutschland und England vorliegen. Levy konnte vermelden, die Übersetzung sei zwar ein „literarischer Erfolg“, „der uns hier bedeutend genützt hat“, allerdings verkaufte sich das Buch wahrscheinlich wegen des zu hohen Preises nicht so, „wie es zu erwarten gestanden hätte“. Selbst der englische Adel, den Förster-Nietzsche „als besonders für Nietzsche prädestiniert“ einschätzte, brachte dem Buch wenig Interesse entgegen. Woraufhin Levy ihr erklärte, dass dieser sich „wenn nicht mit Politik, nur mit Golfspielen, Fuchsjagden und Pferderennen [beschäftigt] und […] demgemäss selbst für die Lektüre solcher Schriften, die ihm nützen und stützen könnten, nur wenig Zeit“ hat. Dennoch war der englische Verleger bereit, auch den zu erwartenden zweiten Band „Der einsame Nietzsche“ herauszubringen. Denn, so Levy, „er weiß also, oder ahnt das wenigstens, daß Name und Gegenstand des Buches einen gewissen Unsterblichkeitswert haben“.
Im Sommer 1914 begann der Erste Weltkrieg. Zwar galt Levy nun als „feindlicher Ausländer“, blieb aber vorerst unbehelligt. „Ich verdanke meine ,Immunität‘ sicherlich Ihrem großen Bruder“, schrieb er an Förster-Nietzsche, „als dessen englischer Herausgeber ich mich eines gewissen Ansehens erfreue und dessen Lehren auch den Abgrund der bittersten nationalen Fehden zu überbrücken imstande sind.“ Allerdings sollte das nicht so bleiben. In einem nach dem Krieg veröffentlichten Artikel erinnerte sich Levy, wie er eines Tages ein Exemplar des Scotsman in seinem Briefkasten fand. Am 15. August 1914 hatte die Zeitung einen Beitrag des Geistlichen Walter Shaw veröffentlicht, betitelt: „The Philosophical Basis of German Militarism“. An den Rand des für Levy bestimmten Exemplars hatte der Überbringer geschrieben: „You have brought this poison to England!“ (Sie haben dieses Gift nach England gebracht!)
Im Gegensatz dazu stellte sich Nietzsches Schwester schnell auf die neue Situation ein und orientierte sich in ihrer publizistischen Arbeit auf die Darstellung ihres Bruders als „echt-preußische“ Persönlichkeit. Wie Briefe aus dem Herbst 1914 belegen, war sie stolz darauf, „dass Nietzsche so zu sagen ein Kriegsheld“ geworden war, der mit seiner „Lehre vom ,Willen zur Macht‘ als einer der Grund-Urheber dieser grandiosen Gesinnungsart Deutschland’s“ verstanden wurde.
Gezwungenermaßen verlässt Oscar Levy im Januar 1915 England und emigriert in die Schweiz, erst 1920 kehrt er zurück. Sogleich berichtet er nach Weimar: „Sie werden nicht gerade erstaunt sein, zu hören, daß der glänzende Name Ihres Bruders hier noch immer ,under a cloud‘ ist, und daß die alte Mythe, er sei der Urheber des Krieges, weil des Deutschen Übermutes, noch immer im großen Publikum grassiert.“ Im Rückblick auf die damalige Stimmung ist vor allem Levys Geleitwort interessant, das er anlässlich der Neuauflage der englischen Ausgabe in der Weltbühne veröffentlicht. (Siehe Blättchen 21/2025 – Die-Auferstehung-Friedrich-Nietzsches.)
Kaum zurück in London, wird Levy im Herbst 1921 als „former alien enemy“ ausgewiesen. Er geht zunächst nach Wiesbaden, wo ihn Ende Januar 1922 ein Brief Förster-Nietzsches erreicht. Bezugnehmend auf den kurz zuvor in England erschienenen Auswahlband mit Briefen ihres Bruders fragt sie Levy nach der Erlaubnis für diese Veröffentlichung. „Sie werden“, wovon sie ausgeht, „nicht so unkorrekt handeln u[nd] das N[ietzsche-]A[rchiv] schädigen.“ Das hatte Levy nie im Sinn. Er erklärt ihr die Rechtslage. Sie sei im Irrtum, alles hat seine Richtigkeit. Doch Förster-Nietzsche, der es einzig und allein ums Geld geht, ist anderer Meinung. Für sie ist Levy ein „kühl-berechnender Nietzsche-Schieber“. Auf Levys Schreiben reagiert Förster-Nietzsche mit der herablassenden Attitüde einer Person, die meint, über dem Gesetz zu stehen (siehe Blättchen Sonderausgabe 2019). So schreibt sie am 30. Dezember 1923: „Ihren Brief las ich mit jenem überlegenen Lächeln mit welchem man leere Ausflüchte betrachtet.“ Noch einmal versucht Levy, eine Einigung herbeizuführen. Doch seinen Brief vom 6. Januar 1924 versteht Förster-Nietzsche als neuerliche Provokation. Ihre Antwort schließt mit dem Satz: „Sie haben der Philosophie meines Bruders den grössten Schaden zugefügt.“ – Alles Weitere regeln die Anwälte. Am Ende bleibt es bei juristisch haltlosen Anschuldigungen.
November 1935, Levy lebt mittlerweile in Frankreich. Eine Woche nach dem Tod Elisabeth Förster-Nietzsches erscheint im „Neuen Tage-Buch“ sein Nachruf auf sie. Darin heißt es: „Die kleine, rotbackige, kurzsichtige Elisabeth: Das war der grosse, weltumfassende, zukunftdurchleuchtende und zukunfterschaffende Friedrich Nietzsche, übersetzt ins Deutsche, Lokale, Kleinbürgerliche, Hausfrauliche.“ – 1939 kehrte Oscar Levy zurück nach England, wo er 1946 starb.
In seinem Nachwort fasst Steffen Dietzsch die drei entscheidenden Punkte, die die erste englische Nietzsche-Gesamtausgabe möglich machten, in einem Satz zusammen: „Levy war der vielleicht authentischste Leser Nietzsches seiner Generation, er war Muttersprachler und schließlich war es ihm finanziell möglich, großzügige Mittel für die Edition selber bereitzustellen.“ Bleibt die Frage: Welchen Wert hat diese Ausgabe für uns Heutige? Überlassen wir die Antwort dem US-amerikanischen Germanisten Peter Heller: Die Ausgabe ist zwar „durchsetzt mit vielen Fehlern, aber herausragend durch ihren leidenschaftlichen Klang und ihre Absicht“.
Oscar Levy und Elisabeth Förster-Nietzsche: Briefwechsel 1904–1937, hrsg. von Gert Theile und Steffen Dietzsch, Schwabe Verlag, Berlin 2025, 288 Seiten, 56,00 Euro.
Schlagwörter: Briefe, Elisabeth Förster-Nietzsche, Friedrich Nietzsche, Gert Theile, Mathias Iven, Oscar Levy, Steffen Dietzsch

