Putin hingegen betreibt ein apokalyptisches Pokerspiel mit sich selbst.
Peter Sloterdijk
Unter dem Titel „Putin, ein mordsmäßiger Versager“ kommentierte Thomas Schmoll am 6. April 2022 auf ntv die kurz zuvor begonnene russische Aggression gegen die Ukraine. Hatte der Mann eine Glaskugel? Er schrieb – im April 2022 –, Putin sei „weit davon entfernt, die Ukraine einzukassieren, Russland zu neuer, alter Größe zu führen und gefühlte Demütigungen zu tilgen. Im Gegenteil zeigt sein Land gerade seine eklatanten Schwächen wie selten zuvor. Es ist einem Entwicklungsland näher als einem Imperium.“ Wobei Schmoll dem Westen durchaus eine „Mitverantwortung“ gab, der „Putin über Jahre als schlauen Fuchs und gewieften Strategen“ überzeichnete. „Alles Unsinn, wie sich jetzt herausstellt. Putin ist ein von Dilettanten und Speichelleckern umgebener Möchtegern-Zar.“
Auch die russische Armee wusste Schmoll schon präzise einzuschätzen – als „(zum Glück) technisch, logistisch und strategisch ein Jammerbild“ abgebend. „[…] bis auf die Hyperschallrakete ,Kinschal‘ ist nichts modern an der Ausrüstung seiner (Putins – St. W.) Truppe. Der geplante Blitzkrieg scheiterte kläglich, die Verluste an Soldaten und Material sind gewaltig. […] Zum Symbol militärischer Unfähigkeit ist der 60 Kilometer lange Konvoi geworden, der ein leichtes Ziel war.“ Auch zwei gleich zu Kriegsbeginn gefangen genommene russische Soldaten brandmarkten Putins Ukraine-Invasion als „Misserfolg“ und nannten den Präsidenten einen „Versager“ … Sie alle sollten bislang recht behalten.
Lässt man chauvinistische Überhöhungen und propagandistische Nebelkerzen außer Acht, wollte Putin mit seiner „Spezialoperation“ die Ukraine dauerhaft in Russlands Einflussbereich halten, eine weitere Stärkung der NATO verhindern, den Westen spalten und schwächen sowie Russlands internationale Stellung stärken.
Gemessen daran ist er bislang strategisch krachend gescheitert: Die NATO ist gewachsen; die traditionell neutralen Staaten Finnland und Schweden sind beigetreten (wenngleich Trump die NATO auch noch massiv zu schwächen vermag). Die von Russland immer wieder beklagte westliche Einkreisung hat, wenn schon, um hunderte Kilometer zugenommen. Die europäischen Staaten sind bei allen weiterhin bestehenden Differenzen geeinter als vor der russischen Invasion und erhöhten ihre Rüstungsausgaben teils drastisch (möge es bei der Sicherung der Verteidigungsfähigkeit bleiben). Die ukrainische nationale Identität und die Abgrenzung von Russland sind deutlich stärker geworden; Putins Krieg „betrieb“ quasi ein ukrainisches nation building. Russland wurde mit umfangreichen Wirtschaftssanktionen belegt und hat entscheidende wirtschaftliche und technologische Verbindungen zum Westen verloren. (China ist eingesprungen – ob nur aus purer Freundschaft?) Hunderttausende Menschen wurden getötet oder verwundet, und ein Teil der gut ausgebildeten Bevölkerung hat das Land verlassen. Der Krieg wird immer teurer für das Land. Eine ziemlich miese Bilanz. Der Sinn dieses Krieges – wenn es einen solchen überhaupt gab – steht völlig dahin. Andererseits ist das Land beileibe nicht „am Ende“; es vermag noch für längere Zeit genügend Ressourcen zu mobilisieren, um diesen unsäglichen Krieg fortzuführen.
Die Ukraine verteidigt sich zunehmend effizienter. Diesen Satz schreibend, ist mir bewusst, dass auch eine völkerrechtlich gerechtfertigte Verteidigung zivile Opfer verursacht. Für die jedoch der Angreifer verantwortlich ist. Was diese Opfer generell angeht, lohnt ein Blick auf beide Seiten. Fangen wir mit der Ukraine an: Die UNO hat seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 bis Ende 2025 mindestens 53.000 zivile Opfer verifiziert, darunter etwa 14.500 getötete; wahrscheinlich liegen die tatsächlichen Zahlen deutlich höher, da viele Fälle in umkämpften Gebieten nicht überprüft werden können. Zigtausende Traumatisierte kommen dazu. Zu den Zahlen getöteter oder verwundeter Soldaten macht die Ukraine – wie auch Russland – keine Angaben.
Nach der gemeinsamen Schadensanalyse von Weltbank, EU, UN und ukrainischer Regierung waren bis Ende 2025 rund 14 Prozent des ukrainischen Wohnungsbestands beschädigt oder zerstört und mehr als 3 Millionen Haushalte betroffen. Die barbarischen russischen Angriffe haben große Teile der ukrainischen Infrastruktur bewusst zerstört – Kraftwerke, Umspannwerke, Stromleitungen, Fernwärmenetze, Gasinfrastruktur, Wasser- und Abwassersysteme sowie Straßen, Brücken, Eisenbahnstrecken und Bahnhöfe, Hafenanlagen, auch öffentliche Einrichtungen Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude. Diese direkten Kriegsschäden werden auf über 195 Milliarden US-Dollar taxiert; der geschätzte Wiederaufbaubedarf läge deutlich über 500 Milliarden Dollar.
Für Russland gibt es keine vergleichbare, umfassende und zugängliche Erfassung. Die Zahl ziviler Todesopfer auf russischem Staatsgebiet liegt jedoch weit unter den ukrainischen Verlusten; sie bewegt sich zwischen 600 und etwa 1000. Im Vergleich zur Ukraine sind die Gebäudeschäden deutlich geringer und geografisch konzentriert; betroffen sind vor allem die Gebiete Belgorod, Kursk und Brjansk. Während ukrainische Städte wie Mariupol, Bachmut oder Teile von Charkiw schwer verwüstet wurden, gibt es auf russischer Seite bislang keine vergleichbaren großflächig zerstörten Millionen- oder Großstädte.
Die Ukraine hat zuletzt ihre Drohnenangriffe auf militärisch und wirtschaftlich wichtige Ziele wie Treibstofflager, Munitionsdepots, Militärflugplätze, Radar- und Luftverteidigungsanlagen, Eisenbahn- und Logistikknoten deutlich verstärkt. Besonders auffällig waren und sind Angriffe auf Raffinerien, die bedeutsame Teile der russischen Kapazität außer Betrieb setzten. Es kommt zu Engpässen bei der Treibstoffversorgung der Bevölkerung.
Diese Attacken beeinflussen das gesellschaftliche Klima im Lande. Ob man die in deutschen Medien nachzulesenden oder -zuhörenden innerrussischen Berichte, Interviews oder Analysen für bare Münze nehmen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber allein ihre Häufung deutet darauf hin, dass im russischen Machtapparat Risse, Frustration und Zweifel an der Führungsfähigkeit Putin zunehmen.
„Sabotageakte“ im Land nähmen zu, klagt Russlands Sicherheitsratssekretär Sergej Schoigu, der frühere Verteidigungsminister, – und zwar um 40 Prozent; er wittert eine Verschwörung. Andere Botschaften sind unmissverständlich: Die Wurzel aller Probleme des kriegsgebeutelten Russlands sei Putin selbst – „der Mann ganz oben, der alles lenkt“. Das können erste Absatzbewegungen sein oder auch Anzeichen der Suche nach einem Sündenbock. Auch von einem „baldigen Sturz“ Putins „durch einen Kreml-internen Putsch“ ist die Rede. Gennadi Sjuganow, Chef der Kommunistischen Partei Russlands, verwies auf „mehr als vier Jahre Angriffskrieg gegen die Ukraine“ als Faktor für die wirtschaftliche Misere.
Andere russische „Putin-Experten“ sind völlig anderer Meinung. Die russische Bevölkerung stehe treu zu ihrer Regierung, was dem wirtschaftlichen Aufschwung in den frühen Kriegsjahren, dem notwendigen Zusammenhalt in dieser schweren Zeit und der Alternativlosigkeit zuzuschreiben sei. Das Gefühl der Russen gegenüber Putin folgt aus der Frage: „Wer außer ihm könnte den Krieg beenden? Wenn Putin weg ist, könnte es noch schlimmer werden.“
Auch von ganz rechts weht Putin der Wind ins Gesicht. Alexander Dugin verlangt „tiefgreifende strukturelle Veränderungen“, „ohne diese können wir von einem Sieg nicht einmal träumen. Der Krieg durchleuchtete die Schwachstellen Russlands wie ein Röntgenbild.“
Vielleicht kann die Lage so zusammengefasst werden, wie es ein in einem Artikel der Berliner Zeitung zu lesen ist: „,Alle sind müde‘, sagte ein Gesprächspartner aus dem obersten Beraterkreis“ Putins.
Aber noch nicht so „müde“, um das sinnlose Morden und Zerstören zu beenden. Wladimir Kaminer schreibt: „Einen Krieg anzufangen, ist leicht. Einen Krieg zu beenden – das ist eine Aufgabe, der er (Putin – St. W.) nicht gewachsen ist.“ Möge Kaminer sich irren! Ob Selenskyjs Brief an Putin letzteren zu einem Sinneswandel ermunterte, ist bislang nicht bekannt. Man kann das öffentliche Schreiben vielleicht am besten als eine Mischung aus Gesprächsangebot und politischer Herausforderung charakterisieren: Selenskyj reichte die Hand zum Gespräch, tat es aber in undiplomatischem Ton, der darauf angelegt war, Putin zu verärgern. Genau deshalb konnten beide Seiten anschließend behaupten, ihre jeweilige Interpretation werde durch den Brief bestätigt. Und ein Kriegsende bleibt weiter aus …

