Das Wort „Klima“ ist seltener geworden
Schlagzeile der Berliner Zeitung
Einen so kalten Winter wie den gerade vorbeigegangenen hatten wir schon lange nicht mehr. Sind also die Erderwärmung und der Klimawandel doch nur, wie Gegner der selbigen sagen, „heiße Luft“? Nein! Der langfristige Trend zeigt im Mittel klar mildere Winter; einzelne extreme Kälteereignisse widersprechen diesem Trend nicht. Im Gegenteil.
Grundsätzlich wird die Stratosphären- und Troposphärenzirkulation über der Arktis durch den starken Temperaturgradienten zwischen Arktis und mittleren Breiten stabilisiert. Durch die überproportionale Erwärmung der Arktis – dokumentiert unter anderem durch das rasche Abschmelzen des Eises in der Arktis – verringert sich dieser Temperaturunterschied. Damit kommt der so genannte Jetstream ins Spiel – laut wikipedia ein atmosphärisches Windband mit einer horizontalen Strömungsachse und Windgeschwindigkeiten von bis zu 540 Kilometern pro Stunde. Dieser Jetstream wird durch die geringeren Temperaturunterschiede welliger, die Strömungsgeschwindigkeit nimmt ab, wodurch sich arktische Luftmassen weit nach Süden ausbrechen können. Das kann in Europa oder Nordamerika zu extremen Kälteperioden führen. Hinzukommt, dass diese Wetterlagen „blockieren“, das heißt sie dauern länger an. Was alles gerade in diesem Winter zu beobachten war. Kalte Winter sind so paradoxerweise gerade ein Beweis für den Klimawandel!
Mit dem Klima ist heute allerdings kein Staat mehr zu machen Zu viele politische und soziale Entwicklungen und Phänome stehen dem entgegen. In den letzten zehn Jahren ist die Klimapolitik aus den euphorischen Höhen des Pariser Klimaabkommens von 2015 – gleich dem übermütigen Ikarus, der so hoch hinaufflog, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz, woraufhin er ins Meer und in den Tod stürzte – auf dem auf dem Boden der harten Tatsachen aufgeschlagen. Im Alltag der Menschen spielt das Thema Klima kaum noch eine Rolle – und wenn, eher eine negative.
Auch das ein Paradox: Jedes Kind weiß heute zumindest in Ansätzen um die Brisanz des Klimawandels, weiß um die Bedrohung und macht sich Gedanken darüber. Allgemein ist man sogar äußerst besorgt deswegen: Soziologische Umfragen zeigen, dass kaum eine andere Sache die Leute derart beunruhigt. Das gilt häufig sogar für Menschen, die sich aktiv gegen „grüne Projekte“ wie Windräder ins Zeug legen. Das gesellschaftliche Bewusstsein von der Bedrohung ist also ausgeprägt. Und trotzdem hat das Thema keine Konjunktur.
Dieser Widerspruch erklärt sich wohl daraus, dass die Erwartung bedrohlicher Veränderungen viele Menschen eben nicht zu Maßnahmen mobilisiert, um selbige abzuwenden, sondern auf eine abwehrende Grundhaltung trifft. In einer Welt voller Anpassungsdruck werden präventive Maßnahmen und Regelungen gegen die Erderwärmung primär als weitere Zumutung erfahren. Einige machen trotzdem missmutig mit, andere lehnen nur noch ab. Am Ende ist da keine signifikante soziale Gruppe mehr, die die Transformation zu einer klimaneutralen Politik und Wirtschaft wirklich trägt.
Vorbei sind Zeiten, in denen Fridays for Future über Jahre hinweg den politischen Diskurs erheblich beeinflusste und den Klimaschutz auf der politischen Agenda – national wie international – nach oben pushte; vor allem mit globalen Massenmobilisierungen 2019 und danach. Desgleichen gehören die ob ihrer konfrontativen Taktiken wie Blockaden und Klebeaktionen zurecht umstrittenen Aktionen der Letzte Generation der Vergangenheit an. Dieses für die Sache schädliche Vorgehen endete in juristischen Auseinandersetzungen; führte dazu, dass Teile als „kriminelle Vereinigung“ gelten.
Bislang ist man der klimatischen Herausforderung stets auf die gleiche Weise begegnet – durch ökologische Modernisierung und den Versuch, so etwas wie einen grünen Kapitalismus zu praktizieren. Dafür stand Ex-Wirtschaftsminister Robert Habeck. Immer noch wird er angegriffen und mit Spott und Häme überschüttet und – verkannt. Denn ironischerweise war gerade Habeck kein Verfechter radikalen Wandels: E-Autos veränderten ja nicht die Art, wie gesellschaftliche Mobilität organisiert wird, sondern verlängern das bestehende Modell des zerstörerischen Individualverkehrs – eben nur mit Batterien statt mit Benzin und Diesel. Mit Wärmepumpen sollte es möglich werden, viel individuellen Wohnraum möglichst klimaneutral zu beheizen, statt sich quadratmetermäßig einschränken zu müssen. Habeck stand also für ein Wirtschaftsmodell, das alle Vorzüge in sich vereinen sollte: Jobs, Produkte und Dienstleistungen, kurzum permanenten Wohlstand, aber ohne negative Effekte wie die Zerstörung von Umwelt und Klima. Das war ein Versuch der Quadratur des Kreises.
Diese Strategie kann – denke ich – zumindest so lange nicht aufgehen, solange der Kapitalismus im gegenwärtigen wachstumsorientierten Akkumulationsmodus gefangen bleibt. Ob er prinzipiell in der Lage wäre, breit verstandenen ökologischen Anforderungen und damit auch dem Klimawandel gerecht zu werden, hinge davon ab, wie stark seine institutionellen Rahmenbedingungen transformiert würden. Dass es Anstrengungen dazu gäbe – das kann man nach einem Jahr „große“ Koalition sagen –, darauf deutet nicht das Geringsten hin…
… zumindest jedoch ist nun „der Habeck‘sche Spuk vorbei“, wie msn.com den Anlauf der Bundesregierung zu einer Neufassung des Heizungsgesetzes auf den Punkt brachte. Wirtschaftsministerin Katharina Reiche erklärte, die Koalition habe Wort gehalten: „Das Habeck‘sche Heizungsgesetz wird abgeschafft.“ Für alle Eigentümer gelte „künftig: freie Heizungswahl – vom Einfamilienhaus auf dem Land bis zur Mietwohnung in der Stadt“. Das hat schon obsessiven Charakter; der Mann ist Vergangenheit.
Noch als Chefin der Eon-Tochter Westenergie hatte Reiche dafür plädiert, Privathäuser mit grünem Wasserstoff zu beheizen, statt auf Wärmepumpen zu setzen. Eine gute Idee? Grüner Wasserstoff ist auf absehbare Zeit rar. Er wird mittels Elektrolyse mit – möglichst! –Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt; ist also energieintensiv in der Herstellung und damit deutlich teurer als fossile Alternativen. Er wird also erst einmal knapp bleiben. Ökonomisch und ökologisch folgt daraus, ihn zuerst in der Industrie, danach im Schwerlastverkehr, in der Luft- und Schifffahrt einzusetzen und erst zuletzt im Gebäudewärmemarkt. Grüner Wasserstoff ist ein strategischer Rohstoff für schwer dekarbonisierbare Prozesse – kein Massenbrennstoff für Einfamilienhäuser.
In der „freien“ Marktwirtschaft“ gilt Planungssicherheit zurecht als hohes Gut. Bei allen Schwächen, die das Heizungsgesetz vor seiner Novellierung hatte – es gab Planungssicherheit durch eine klare Regel, wonach neue Heizungen mindestens zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden sollten. Das hätte industrielle Skaleneffekte mit Standortvorteil für deutsche Produktion ausgelöst und war ein industriepolitisches Investitionssignal. Alles passé. Dagegen feiern die Medien das neue Gesetz mit „Vernunft, Freiheit und Tempo“ – letzteres wäre in Tat ein Gewinn.
Die Bundesebene versagt momentan in Sachen Klimawandel deutlich; viele Indizien sprechen dafür. Jedoch übernehmen offensichtlich verstärkt Kommunen Verantwortung für Prävention und Abwehr von Klimaschäden. In vier Fünfteln aller deutschen Städte und Gemeinden sind Konzepte zur Anpassung an den Klimawandel in Planung oder teilweise schon umgesetzt. Je größer die Städte, desto deutlicher sind in der Regel die Folgen des Klimawandels zu spüren. Die dichte Bebauung und die vielen versiegelten Flächen machten Städte zu „Brenngläser[n] des Klimawandels“, so Matthias Garschagen, Geograf und Klimaanpassungsforscher.
In 25 Jahren werden – vielleicht; wenn heutige Pläne aufgehen sollten – in Deutschlands Städten deutlich mehr begrünte Dächer, Fassaden, Vorgärten und Hinterhöfe zu sehen sein. Mehr Grün ist das wirksamste „Kühl-Mittel“: Bäume senken die Temperatur nicht nur durch Schatten, sondern auch durch das über ihre Blätter verdunstende Wasser. In einem unbetonierten und bepflanzten Hinterhof kann die Temperatur um bis zu zehn Grad niedriger ausfallen. Alles gut und richtig – ob jedoch ausreichend und rechtzeitig?
Der vorliegende Text gründet unausgesprochen darauf, dass der Klimawandel menschgemacht sei. Manche unterstellen ja, wir verstünden die Natur nicht gut genug, um dies zu behaupten. Kritiker ziehen daher Klimamodelle, die einen anthropogenen Eingriff belegen sollen, in Zweifel. Das darf aber nicht zu der Schlussfolgerung führen, den Klimawandel rundweg zu leugnen; ganz im Gegenteil. Unter Bedingungen ungenügenden Wissens und epistemischer Opazität, das heißt der nicht vollständigen Durchschaubarkeit von Prozessen, liegt die einzig kluge Verfahrensweise darin zu sagen: Wir haben keine Beweise dafür, dass wir dem Klima schaden; wir haben aber auch keine dafür, ihm nicht zu schaden. Wir können folglich nicht ausschließen, dass wir Klimaschäden anrichten. Die Beweislast, dass es zu keinen von Menschen verursachten Klimaschäden käme, läge so nicht bei den auf den Schutz des Klimas Bedachten, sondern bei denen, die Notwendigkeit dieses Schutzes in Abrede stellen.
Alles in allem – die gegenwärtige Regierung erfüllt in Sachen Klimaschutz weiterhin die Hoffnungen des breiten Publikums, die sich darauf richten, den Status quo noch so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Man wünscht eine Gegenwartsverlängerung und setzt weiter auf den „fossilen Pfad“. Also auf das Gegenteil der notwendigen Transformation.
Schlagwörter: Bundesregierung, Heizungsgesetz, Kapitalismus, Klima, Klimaschutz, Klimawandel, Stephan Wohanka




