Von Inseln des Kapitals zum Ende des Kapitalismus

von Jürgen Leibiger

Viele namhafte Wirtschaftshistoriker und -theoretiker haben über Entstehung und Geschichte des Kapitalismus geschrieben und gestritten: Karl Marx, Werner Sombart, Max Weber, Fernand Braudel und die Annales-Schule, Immanuel Wallerstein, Eric Hobsbawn. Über seine Wurzeln gab es die großen Debatten zwischen Maurice Dobb, Paul Sweezy und Robert Brenner. In jüngerer Zeit wurden wichtige Arbeiten von Ellen Meiksins Wood oder Jannis Milios vorgelegt. Einzelne Aspekte seiner Geschichte, so zum Beispiel die Einkommens- und Vermögensentwicklung, hat Thomas Piketty behandelt.

Wer sich künftig mit diesen Fragen beschäftigt, wird an „Kapitalismus. Die Geschichte einer Weltrevolution“ des deutsch-US-amerikanischen, an der Harvard Universität lehrenden Wirtschaftshistorikers Sven Beckert nicht mehr vorbeikommen. Es ist ein geradezu monumentales Buch. Monumental ist es wegen seines Umfangs von 1280 Seiten, aber auch wegen der einbezogenen Literaturmassive. Allein 160 Seiten Endnoten in kaum lesbarem Kleindruck mit schätzungsweise fünftausend oder mehr Literaturstellen. Monumental sind seine historischen und geografischen Dimensionen; das Werk umfasst eine wahrhaft globale, tausendjährige Geschichte. Möglich wurde das auf der Grundlage einer großen Zahl von Mitarbeitern und Ratgebern sowie einer weit gefächerten Forschung zu historischen Quellen in wichtigen Weltsprachen. Deren Digitalisierung erlaubt erst heute eine solche, alle Kontinente und viele Sprachen umfassende Auswertung. Beckert schreibt zwar im Vorwort, er habe viele historische Stätten selbst aufgesucht, mit vielen Historikern gesprochen und in den großen Bibliotheken der Welt gesessen, aber mit der Bibliotheksrecherche alten Stils lässt sich eine solch gewaltige Geschichtsforschung nicht betreiben. Ohne den „Alten“ nahetreten zu wollen, aber diese Tiefe und Breite empirischer Forschung war ihnen – auch wenn manche von Beckerts Funden ihnen bekannt vorkommen würden – einfach nicht möglich. Also ein „Hoch“ auf die digitalen Recherchemöglichkeiten unserer Zeit!

Die Weltsystem-Theorie von Wallerstein und Kollegen untersucht zwar auch die Geschichte des globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems, aber sie ist doch ziemlich eurozentristisch ausgelegt und mit ihrer Einteilung in Hierarchien und Schichtungen der Länder auch etwas starr und modellhaft. Beckert greift zwar das historische Material seiner älteren Historikerkollegen auf, setzt sich aber nicht direkt mit deren Theorien auseinander. Er fängt quasi „von Null“ an und findet seit dem Mittelalter in vielen Erdteilen dieser Welt frühe „Inseln des Kapitals“. Das Kapital habe nicht begonnen, sich von einem geografischen Punkt oder Raum aus auszubreiten (Milios schreibt von einem „Zufall in Venedig“), vielmehr habe es solche Punkte – Inseln des Kapitals – in Form von Handelskapital seinerzeit neben Europa auch in Arabien, an den arabisierten ost- und westafrikanischen Küsten, in China, Indien und anderswo gegeben. Minutiös und anschaulich schildert Beckert die Praktiken dieser Händler in Aden, Kairo, Samarkand, Mombasa oder im Transsaharahandel und den Ausbau der Handelsnetze über den Indischen Ozean oder das Mittelmeer. Viele dieser Händler – europäische Kaufleute eingeschlossen – häuften unglaublichen Reichtum an, der wieder in den Handel und mehr und mehr auch in die Landwirtschaft und den Bergbau investiert und zu Kapital wurde. Aus Händlern wurden Kapitalisten. Seit dem Mittelalter hätten sich immer enger verwobene Handels- und Finanzierungsbeziehungen gebildet und schließlich seien „kapitalistische Archipele“ entstanden. Das wirtschaftliche Übergewicht Europas habe sich mit den Eroberungen auf dem amerikanischen Kontinent, seinem von der indigenen Bevölkerung durch Seuchen und Völkermord freigeräumten, fast kostenlosen Grund und Boden mit seinen Bodenschätzen, insbesondere seinem Gold und Silber, später mit dem Anbau von Zucker und Baumwolle herausgebildet. Weitere Entstehungsfaktoren der europäischen Hegemonie seien die überragende Rolle der Staaten bei diesen Eroberungen, bei der Akkumulation von Kapital sowie dem militärischen Schutz der Handelsmonopole und ihrer Expansion in die Landwirtschaft und die Rohstoffgewinnung gewesen. Wie kein anderer Historiker vor ihm arbeitet Beckert die Bedeutung der Sklaverei und des atlantischen Dreieckshandels (Sklaven aus Afrika gegen Wolle in Amerika gegen Textilien und Industriewaren aus Westeuropa) sowie der Sklavenwirtschaft bis weit in das 19. Jahrhundert und von der Sklaverei ähnlichen Verhältnissen auch später noch heraus. Der Reichtum des „Nordens“ beruht historisch zu einem guten Teil auf der rücksichtslosen und meist grausamen Ausbeutung der Menschen und der Natur in seinen Kolonien.

Beckert macht zwei große qualitative Veränderungen in der Geschichte des Kapitalismus aus. Als „großen Sprung“ bezeichnet er den Aufstieg des Industriekapitalismus zwischen 1760 und 1850 im Gefolge der Industriellen Revolution. Obwohl die Sklaverei für die Rekrutierung von Arbeitskräften außerhalb Europas nach wie vor bedeutsam war, sei neben den technischen Erfindungen die Entwicklung der Lohnarbeit auf der Grundlage einer Enteignung großer Teile der agrarischen Bevölkerung und ihre technisch und organisatorisch vermittelte Unterordnung unter das Kapital das prägende Merkmal dieses Sprungs gewesen. Ab 1870 sei es dann zu einer „globalen Neuordnung“ des Kapitals und der Arbeit gekommen. Begriffe wie Konzentration und Zentralisation des Kapitals oder Monopolkapitalismus erwähnt er zwar nur unter Hinweis auf andere Autoren, aber er schildert genau jene Prozesse der Herausbildung von „großen Kapitalagglomerationen“, die den Wettbewerb einschränkten, sowie des „Aufstiegs des Finanzkapitals“, die von Hobson, Hilferding, Luxemburg oder Lenin als Kennzeichen eines monopolistischen und imperialistischen Kapitalismus ausgemacht worden waren. Beckert konstatiert: Zu Beginn des 20. Jahrhundert waren „die Kapitaleigner nun eine einflussreiche politische Kraft, die den Kurs der politischen Ökonomie entscheidend beeinflusste. In ihren Reihen gewann eine neue Gruppe an Bedeutung: die Finanziers, die nicht in eine bestimmte Form von Kapital investierte, sondern in Kapitalakkumulation an sich. Die Neuordnung des Kapitalismus erhöhte auch den Druck auf den Globalen Süden – seine Bauern, Herrscher und Kapitalisten. In dieser Neukonfiguration erlangten die Kapitaleigner enorme Macht, nicht zuletzt aufgrund ihrer engen Verbindung zu den Nationalstaaten. In der Beziehung zwischen nationalem Kapital und Nationalstaaten kam es zu einer wegweisenden neuen Verschmelzung […].“. Wissenschaftshistorisch bewanderte Leser kennen natürlich, wenn auch anders auf den Begriff gebracht, diese Prozesse. Ihre historische Kennzeichnung und der Detailreichtum der Schilderungen von Beckert sind nichtsdestotrotz beeindruckend.

Wenn Karl Marx einst davon schrieb, die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft sei eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen, so stellt Beckert zwar nicht diesen Bezug her, aber er liefert einen umfassenden und überaus anschaulichen Beweis für diese These. Für die gesamte Geschichte des Kapitalismus stellt er die Entwicklung von Ausbeutung, Unterdrückung und Ungleichheit und die Kämpfe dagegen dar. Er beginnt mit den frühen Rebellionen der Bauern, Handwerker und Bürger, er schildert Aufbegehren und Aufstände der Manufaktur- und Maschinenarbeiter, er geht besonders ausführlich auf die dutzend-, ja hundertfachen Sklavenaufstände ein und analysiert die Bewegungen und den Kampf gegen Kolonialismus und Neokolonialismus. Unterbelichtet, wenn auch nicht gänzlich ignoriert, bleiben die Wirkungen des sozialistischen Weltsystems, des kalten Kriegs und der Militarisierung der Wirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg.

Das letzte Kapitel seines Buches widmet Beckert dem „neoliberalen Zeitalter“ zwischen 1973 und 2008, der Verstärkung von Ungleichheiten und Widersprüchen und nicht zuletzt der Zuspitzung ökologischer Krisen. Seinen Epilog überschreibt er mit „Die Möglichkeit einer Insel und die Zukunft des Kapitalismus“. Der Kapitalismus könne auch weiterhin eine hohe Dynamik und Flexibilität an den Tag legen, aber wie jedes Gesellschaftssystem habe er einen Anfang und ein Ende. Wie dieses Ende aussehen könnte, wann es erreicht sei und was dann folge, führt Beckert zwar nicht aus, gibt aber einen Fingerzeig. Mit Inseln habe es begonnen und mit Inseln könnte vielleicht auch das Ende des Kapitalismus einsetzen: „[…] was immer nach dem Kapitalismus kommt, (wird) lange brauchen […] , um sich zu entwickeln, und einen langen Zeitraum mit dem Kapitalismus verflochten sein.“ Neue „nicht kapitalistische Inseln werden entstehen, sich irgendwann miteinander verbinden und dann gemeinsam eine andere Art von Gesellschaft ausbilden.“ Manche solcher Inseln, „nicht kommodifizierte Räume“, würden bereits existieren. Beckert verweist auf den US-amerikanischen Soziologen Erik Olin Wright (dessen Kennzeichnung als Sozialist vermeidet er), der glaube, „der Kapitalismus werde ausgehöhlt, wenn in seiner Mitte alternative Logiken entstehen, die sich langsam und zermürbend von innen nach außen ausdehnen.“ Aber vielleicht stünden angesichts der ökologischen und sozialen Krisen solche Szenarien bald nicht mehr zur Debatte. Und künftige Historiker würden vielleicht gar nicht verstehen, „warum wir einem von Menschen geschaffenen Gott Opfer gebracht haben, der die Existenz unserer Art bedroht. Vielleicht werden sie fragen, wie wir es zulassen konnten, dass ein winziger Anteil der Weltbevölkerung über einen so großen Anteil der Ressourcen der Welt verfügen konnte. Womöglich verstehen sie nicht, wie wir so viel Mangel inmitten beispiellosen Überflusses zulassen konnten.“ Er endet: „Indem sie uns rätselhaft finden werden sie uns und vielleicht auch sich selbst besser verstehen.“

 

Sven Beckert: Kapitalismus. Die Geschichte einer Weltrevolution (Übersetzung aus dem Englischen: Helmut Dierlamm), Rowohlt, Hamburg 2025, 1280 Seiten, 42,00 Euro.