29. Jahrgang | Nummer 2 | 26. Januar 2026

Zufluchtsort Prag

von Mario Keßler

„Wer sich vor dem uniformierten Mob der Nationalsozialisten in Sicherheit bringen und deshalb Deutschland verlassen will, muss mehrere Fragen klären: Ist der Reisepass noch gültig oder wenigstens gut gefälscht? Wie riskant ist eine Reise mit der Bahn? Ist der eigene Bekanntheitsgrad so, dass man damit rechnen muss, bereits im Frühjahr 1933 auf den schwarzen Listen von SA, SS und Grenzpolizei zu stehen, oder kann man noch auf die Lücken auf diesen Listen vertrauen? Und falls nicht: Die Grenze zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei ist 1500 Kilometer lang, ein Gürtel von Mittelgebirgen, zum großen Teil dicht bewaldet und schwer zu kontrollieren.“

Diese existenziellen Fragen standen vor den Flüchtlingen jener Zeit und sie stehen im Zentrum eines bemerkenswerten Buches, dem das Zitat entstammt. Sein Verfasser Peter Lange, geboren 1958, war von 2016 bis 2022 ARD-Hörfunkkorrespondent in Prag. Er behandelt das Thema kollektivbiografisch und verfolgt die Lebenswege von vierzig Männern und Frauen, die aus politischen oder „rassischen“ Gründen, oft aus beiden, Deutschland nach dem Machtantritt der Faschisten hatten verlassen müssen. Prag lag geografisch Deutschland relativ nahe, zur Einreise in die Tschechoslowakische Republik, die ČSR, war für Deutsche zunächst kein Visum erforderlich, und Deutsch war, auch dank der zahlenmäßig starken jüdischen Bevölkerung, für viele Prager die Zweitsprache.

Die Auslandsleitungen von KPD und SPD arbeiteten zeitweise in Prag. So wurde Prag für Walter Ulbricht, doch auch für Erich Ollenhauer und Fritz Heine zur ersten Exilstation. Zu denen, die kürzere oder längere Zeit in Prag lebten, gehörten ebenso Bertolt Brecht, Willi Bredel, John Heartfield, Wieland Herzfelde und der anfangs noch der Sozialistischen Arbeiterpartei zugehörige Max Seydewitz. Ernst und Karola Bloch verbrachten die Jahre 1936 bis 1938 in Prag, Hermann Budzislawski gab dort die Exil-Weltbühne heraus. Doch auch kommunistische Dissidenten wie Hans und Lisa Fittko oder Henry Jacoby und parteilose Linke, so der aus Prag stammende Willy Haas, erblickten in Prag ihren ersten – und wie sich zeigte nur zeitweiligen – Rettungsort.

Die Familie Mann erhielt durch die Hilfe von Staatspräsident Masaryk die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft verliehen, was besonders für Heinrich und Golo, für kurze Zeit auch für Thomas Mann zeitweilige Sicherheit bedeutete. Oskar Kokoschka war in Prag nicht nur als Maler, sondern auch kulturpolitisch unermüdlich tätig. Hanns Eisler lernte seine zweite Frau Louise (Lou) bei Filmaufnahmen in der Tschechoslowakei kennen, Oskar Maria Graf zog von Prag nach Brünn weiter, wo er einige sichere Schaffensjahre verbrachte, und für die beiden noch sehr jungen Schriftsteller Stefan Heym und Peter Weiss wurde Prag zum Startplatz von – damals noch undenkbaren – Weltkarrieren. Deutsche Bühnen boten Schauspielerinnen wie Tilla Durieux und Helene Weigel in Prag ein halbwegs geregeltes Einkommen.

Das Leben im Exil war und blieb gefahrvoll. Otto Strasser, Nazi-Rebell und Hitlergegner von rechts, überstand einen Attentatsversuch, der sozialdemokratische Philosoph und Publizist Theodor Lessing in Marienbad jedoch nicht. Die tschechoslowakischen Rechtsparteien lehnten die Aufnahme von Linken, auch von Juden ab, während Kommunisten und Sozialdemokraten ihren geflüchteten Genossen aus Deutschland und ab 1934 auch aus Österreich Hilfe boten. Doch die Spaltung der Arbeiterbewegung setzte sich, entgegen erster Hoffnungen, im Exil fort, wozu die Moskauer Prozesse entscheidend beitrugen.

Wer „nur“ sein Eigentum verloren hatte, ohne politische Gründe nachweisen zu können, galt in der Tschechoslowakei, je länger die Zeit fortschritt, umso mehr als reiner Wirtschaftsflüchtling. Dies betraf vor allem die Juden. Für sie erteilte die ČSR weder Arbeitserlaubnis noch staatliche Unterstützung und verwies die „Wirtschaftsemigranten“ zynisch darauf, sich von Deutschland unterstützen zu lassen. Zudem wurden als Flüchtlinge, schrieb die Ärztin Käte Frankenthal, „nur diejenigen aufgenommen, die an Leben oder Freiheit bedroht waren, ohne dass sie eine nach den [deutschen!] Gesetzen strafbare Handlung begangen hätten.“ Dies galt ab Ende 1935 sogar für „Verstöße“ gegen die Nürnberger Rassengesetze, die von der Tschechoslowakei damit de facto anerkannt wurden. Mithilfe von Verwandten, die finanziell durch ein Affidavit für sie bürgten, gelang Käte Frankenthal 1936 die Einreise in die USA. Doch nicht alle hatten dieses Glück.

Fast alle Flüchtlinge, außer die ganz wenigen, denen es noch gelungen war, Kapital aus Deutschland zu transferieren, waren von Alltagssorgen geplagt. Sie blieben auf Hilfskomitees angewiesen. Oft kamen sie zuerst nur in einem der Flüchtlingslager, meist in Turnhallen, unter, in denen bis zu einhundert Menschen das Zusammenleben erst erlernen mussten. Der Anteil dieser Flüchtlinge an der Gesamtzahl stieg durch den „Zuzug“ aus Österreich nach der Annexion des Landes am 11. März 1938 weiter: Er betraf nun bis zu neunzig Prozent aller Asylsuchenden. Unmittelbar darauf schloss die Tschechoslowakei die Grenze zu Österreich. Peter Lange schildert das ebenso beklemmende wie unwürdige Hin und Her, das tschechoslowakische Grenzbeamte den Flüchtlingen an den Grenzen zu Österreich und später zu Ungarn zumuteten. So sonderten die Behörden aus dem letzten Zug, der in der Nacht des 11. März 1938 Wien verließ, alle österreichischen Staatsbürger aus und schickten sie nach Wien zurück. Von ihnen endeten viele in Dachau und anderen Konzentrationslagern. Anderen gelang die abenteuerliche Flucht nach Palästina oder England. Nach dem Münchner Abkommen, das die Grenzgebiete der ČSR dem Hitlerregime auslieferte, wuchs die Zahl der Flüchtlinge ab Oktober 1938 weiter. Zu ihnen gehörten nun auch Bürger der Tschechoslowakei, die als Gegner des Nazistaates auf die Listen der Gestapo geraten waren. Einige, wie der Widerstandskämpfer Peter Forster, wurden noch 1938 von tschechischen Behörden an den Hitlerstaat ausgeliefert und dort ermordet. Andere, so Hans Werner Golz, einst bei der Literarischen Welt tätig, nahmen sich das Leben. Seine Frau Marianne ging in den Widerstand und wurde 1943 hingerichtet.

Unter all diesen Umständen blieben nur wenige Flüchtlinge länger im Land. In den sechs Jahren zwischen 1933 und 1939 hielten sich rund 20.000 Menschen aus Deutschland oder Österreich in der Tschechoslowakei auf, doch waren es nie mehr als 4000 gleichzeitig.

Ungeachtet aller Probleme, die der Autor im Detail schildert, bot Prag einen Aktionsraum für deutsche Verlage, Zeitungen und politische Exil-Organisationen. Dies aber war vor allem das Verdienst der tschechoslowakischen Arbeiterparteien, deren Angehörige ab dem 15. März 1939, dem Tag der Okkupation ihres Landes, das Schicksal von Verfolgung, Exil und Ermordung mit ihren Leidensgenossen aus Deutschland und Österreich teilten.

Peter Lange: Vertraute Fremde. Exil in Prag 1933-1939. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2025, 475 Seiten, 28,00 Euro.

Zum Weiterlesen empfohlen: Hannsjörg Schneider: Exil in der Tschechoslowakei; in: Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil, herausgegeben von Werner Mittenzwei und anderen, Reclam, Leipzig 1980; Kateřina Čápková/Michal Frankl: Unsichere Zukunft. Die Tschechoslowakei und ihre Flüchtlinge aus NS-Deutschland und Österreich 1933-1938. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2012.