Ernst Bloch in Leipzig

von Ulrich Busch

Ein Aphorismus von Ernst Bloch lautet: „Wir sind nicht hier, um zu essen, sondern um zu kochen; gespeist wird später und zuletzt.“ Dies gilt nicht nur im Allgemeinen, sondern auch für ihn selbst und für sein Wirken als ein unermüdlich die Wahrheit suchender Philosoph.

Ernst Bloch war überzeugter Marxist, Antifaschist, ein vielseitiger Gelehrter und Publizist, Verfasser wichtiger Bücher zur Philosophie- und Geistesgeschichte, Religions- und Utopieforschung, kurz: ein Denker von europäischem Rang. Als gegen Ende der 1940er Jahre die Bemühungen um eine demokratische Erneuerung und den Aufbau einer eigenen Wissenschafts- und Hochschulstruktur in der Sowjetischen Besatzungszone konkrete Gestalt annahmen, fiel der Blick auch auf Ernst Bloch. Er erhielt, obwohl bereits im 64. Lebensjahr stehend, einen Ruf als Professor für Philosophiegeschichte an die Universität Leipzig. Ende Mai 1949 erfolgte die Amtseinführung. Unmittelbar darauf nahm er seine Vorlesungstätigkeit auf.

Es war sein erstes Lehramt und seine erste Begegnung mit Studenten, die seine Schüler werden sollten. Für ihn stand von Anfang an fest: Er wollte den Lehrstuhl nicht als Ruheposten, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen, sondern er wollte der „Koch“ sein, wenn es in Leipzig um die Konzipierung eines neuen Studiengangs und den Aufbau des philosophischen Instituts ging. Seine Berufung war für Leipzig ein Glücksfall, bedeutete aber auch für den Philosophen den lange erwarteten beruflichen Durchbruch – nach Jahren der Zurücksetzung, des Exils und einer Phase der Stagnation in seiner schriftstellerischen Arbeit. „Ich bin hier zufrieden“, schrieb er im Juli 1949 an einen Freund, „Essen ausreichend, da sehr hohe Bezugskarte. Bier ist von alter Güte, […] Wohnung. Jetzt ein hübsches Häuschen.“ Aber auch politisch beurteilte er die Situation als „überaus erfreulich“: Der Antisemitismus sei so gut wie ausgestorben, es gäbe keine „Lebensangst“ mehr, dafür herrsche überall „Solidarität“ und „Optimismus“. Und die Philosophie werde, so Bloch, „hoch geschätzt, von den Studenten wie von den staatlichen Eliten“.

Andreas Heyer – Publizist, Utopieforscher und Philosophiehistoriker –, der diese Aussagen in seinem informativen Buch über Bloch zitiert hat, findet sie „bemerkenswert“, da es sich dabei um private Notizen handelt und nicht etwa um „parteilich erwünschte“ Äußerungen eines staatlich privilegierten Philosophen.

Die Leipziger Idylle war jedoch nicht von Dauer. Schon bald traten einflussreiche Widersacher auf. Heyer zeichnet die philosophischen Kontroversen und die politischen Anwürfe, die Bloch Amt und Leben in Leipzig bald verleiden sollten, akribisch nach. Besonders hervorgetan hatte sich dabei ein heute zu Recht vergessener Ideologe, der ML-Professor Rugard Otto Gropp, welcher Bloch des Revisionismus und mystischen Irrationalismus beschuldigte. Nach den Ereignissen in Ungarn von 1956 spitzten sich die Auseinandersetzungen derart zu, dass Bloch (und mit ihm zahlreiche andere Intellektuelle der DDR) in Konfrontation zur SED-Führung geriet. Im Dezember 1956 hielt er seine letzte Vorlesung in Leipzig. 1957 wurde er mit 72 Jahren „zwangsemeritiert“. Im April 1957 fand in Leipzig eine von der SED-Parteileitung veranstaltete „Konferenz über Fragen der Blochschen Philosophie“ statt. Der Konferenzband umfasst 352 Seiten und enthält neben dem Referat von Gropp ausschließlich ideologisch kritische Beiträge zu Ernst Blochs Philosophie. Im Vorwort ist vermerkt, dass alle Autoren „übereinstimmend“ zu dem Ergebnis gekommen seien, dass Blochs Philosophie „nicht mit den Prinzipien der Lehre von Marx, Engels und Lenin zu vereinbaren sei“. Stalin fehlte hier bereits in der Aufzählung. Die Nichtübereinstimmung wäre sonst vermutlich noch deutlicher hervorgetreten.

Mit der Veröffentlichung dieses Dokuments poststalinistischer Diskurs-Unkultur war Bloch als Wissenschaftler politisch kaltgestellt. Heyer schreibt: „Die DDR kannte nach 1956 nur noch den Revisionisten Bloch.“ Nichtsdestotrotz erschienen seine Bücher weiterhin im Aufbau-Verlag, so dass die Beschäftigung mit seinem Werk nicht völlig abbrach. Nach der Schließung der innerdeutschen Grenze 1961 kehrte Bloch von einer Reise in den Westen und dem damit verbundenen Besuch der Bayreuther Festspiele nicht mehr in die DDR zurück. 1962 wurde er aus der Deutschen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er seit 1955 war, ausgeschlossen. Er ging nach Tübingen und widmete sich bis zu seinem Tode im Jahr 1977 der Pflege und Popularisierung seines umfangreichen wissenschaftlichen Werkes.

In seinem Buch stellt Heyer das Wirken Blochs in Leipzig in seinen zeithistorischen Zusammenhang. Dies ist die Begründung dafür, dass der Name Hegels im Titel auftaucht, denn ein Grund für die Kontroverse um Bloch war die Debatte um das philosophische Erbe Hegels in der DDR. Einen anderen Bezug stellt der Philosoph Georg Lukács dar, dessen Rezeptionsgeschichte eng mit dem Volksaufstand 1956 in Ungarn verbunden war. Eine dritte zentrale Figur des Buches ist Wolfgang Harich, um dessen Nachlass-Edition sich Heyer als Herausgeber und Kommentator große Verdienste erworben hat.

Hervorzuheben ist auch die Erinnerung Heyers an eine mutige Rede Blochs, die dieser am 14. November 1956 an der Berliner Humboldt-Universität gehalten hat: „Hegel und die Gewalt des Systems“. Damals hatte Bloch mit der SED unter Ulbricht politisch bereits abgeschlossen. Noch nicht aber mit der DDR, die bis 1961 seine Wahlheimat blieb.

Obwohl Bloch in der DDR zeitweilig beinahe so etwas wie ein „Staatsphilosoph“ war, firmierte er später als „Haupt“ der philosophischen Opposition. Heyer aber zeigt, dass beides, genau besehen, nicht stimmt: Bloch war Teil des Systems in all seiner Widersprüchlichkeit. Er profitierte davon und litt darunter. Letzteres war jedoch ein „selbstverschuldetes Unglück“. Und weiter: „Wer die Moskauer Schauprozesse [1937 – U.B.] verteidigt, der darf sich über eine Zwangsemeritierung nicht beschweren. Es waren ‚dieselben‘ Täter im sich nicht und niemals ändernden ‚selben‘ System“, welches Heyer als „Unrechtsstaat“ begreift und auch so benennt.

Es sind diese und ähnliche undifferenzierte Auslassungen des Autors, die in ihrer Rigorosität und betonten Intoleranz die Lektüre mitunter unersprießlich erscheinen lassen. Blochs Denken aber ist darüber erhaben. Es ist, so der Autor resümierend, „groß genug, um in seinen und mit seinen Verwerfungen und Fehlurteilen rezipiert zu werden. Entschulder oder Verteidiger, verdrehende, gar lügende, hat er nicht nötig.“ Wie wahr!

 

Andreas Heyer: Der preußische Staatsphilosoph als Praktikant der Opposition: Ernst Blochs Leipziger Jahre und das Vermächtnis des toten Hegel, Verlag Dr. Kovač, Hamburg 2024, 262 Seiten, 78,80 Euro.