17. Jahrgang | Nummer 15 | 21. Juli 2014

Bemerkungen

Deutsche Freude

Am Morgen nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft – auch ich hatte in der Nacht zuvor mitgefiebert – verschlug es mich in Berlins City West. Der Müll des Sieges war verschwunden – und trotzdem musste ich runter vom Rad: Tausende Splitter hatten dem ersten Ansturm der Kehrmaschinen und dem der erbärmlich bezahlten Besenkehrer getrotzt.
Wenn andere Völker glücklich sind, tanzen, singen, lieben und – trinken sie. Wenn deutsche Männer Männer – Voraussetzung ist, sie sind im Besitz eines deutschen Passes – siegen sehen, zertreten deutsche Männer Glas.
In diesem Moment mochte ich mich nicht …

J. S.

Geist & Gewalt

Gewalt gegen Gewalt, Kraft gegen Kraft:
das ist die alte Wissenschaft.
Weißt du, Deutscher, wie die neue heißt?
Gegen Gewalt den Geist!
Nur der Geist kann die Streitaxt begraben!

Aber freilich: man muß einen haben.

Kaspar Hauser
Die Weltbühne, Nr. 3 / 1919

Correctness und Korrektheit

Ein sachlich korrekter Einsatz der Sprache bei der Behandlung (auch) politischer Angelegenheiten ist erstrebenswert – keine Frage. Was ein solches Ansinnen allerdings unter der neudeutschen Bezeichnung „political correctness“ unterdessen hervorgebracht hat, ist vielfach mehr als beklagenswert. Verwehrt es doch in vielen Fällen jene klaren Aussagen, die nicht nur zutreffend sondern auch zwingend nötig sind, um Flagge zu zeigen. Die braune Nachwuchsbrut (nicht nur) in diesem Lande, ist einer der sprachlichen Gegenstände, bei denen „political correctness“ eher Schützenhilfe ist denn Widerstand. Weil das so ist, lassen zwei verfassungsrichterliche Urteile aus jüngster Zeit aufmerken. Zunächst jenes, demzufolge Joachim Gauck von den Karlsruher Richtern praktisch ermächtigt wurde, NDP-Anhänger als „Spinner“ zu bezeichnen – auch wenn man für die Anerkennung dieser eher zurückhaltenden Etikettierung eigentlich kein Verfassungsgericht benötigen sollte.
Daneben hat das Landesverfassungsgericht des Saarlandes eine Klage der NPD gegen die Aussage des dortigen Bildungs-Ministers Ulrich Commerçon abgewiesen, der zufolge er vor Schülern vor einem Wiedererstarken der „braunen Brut“ gewarnt und die NPD-Anhänger als „Wiedergänger der alten Nazis“ bezeichnet hatte. Nach Ansicht der Saarbrücker Richter waren Commerçons Äußerungen durch die Verfassung gedeckt. Gerade angesichts der Wichtigkeit des Themas brauche auch eine wehrhafte Demokratie klare Aussagen.

Peter Gärtner

Aus anderen Quellen

Nicht nur Deutschland soll nach dem Willen eines Teils seiner Oberen „mehr internationale Verantwortung“ übernehmen, und zwar unter Einschluss militärischer Mittel. Auch der aktuelle japanische Ministerpräsident Shinzo Abe bläst in dieses Rohr und hat sich deswegen an einer Neuinterpretation des Artikels 9 der japanischen Verfassung versucht, der dem Land grundsätzlich Pazifismus vorschreibt („[…] verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten […]“). Das trifft im Lande auf Widerstand. Dazu schreibt wie Jeff Kingston, der Direktor des Zentrums für Asienstudien an der Temple University in Tokio: „Der Schritt Abes, das japanische Militär von der Leine zu lassen, tritt die Normen und Werte der japanischen Nachkriegszeit mit Füßen.“
Jeff Kingston: „Ein Tag der Schande“. Wie Shinzo Abe die pazifistische Nachkriegsordnung Japans auf den Kopf stellt, IPG. Internationale Politik und Wirtschaft, 07.07.2014. Zum Volltext hier klicken.

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„Welchen Schaden können da NSA, GSHQ, BND und Konsorten […] der Demokratie noch antun?“, fragt Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, und antwortet: „So gut wie keinen; der Rückbau der Demokratie läuft ohne sie.“ Das untersetzt er, bevor er zu weiterführenden Fragen kommt: „Wenn aber die elektronische Rundumerfassung aller wichtigen menschlichen Lebensäußerungen zur Ausschaltung der Demokratie gar nicht gebraucht wird, wozu wird sie dann gebraucht, und was hat das mit Kapitalismus zu tun?“ Streeck findet Antworten in zwei Richtungen: „Ich behaupte, sie wird gebraucht, um neuartige Steuerungsprobleme des wirtschaftlichen und politischen Lebens durch einen Wechsel von kollektiven zu individualisierten Formen sozialer Kontrolle in den Griff zu bekommen. Was den Kommerz betrifft, so dient die grenzenlose Datensammlung über jeden Einzelnen der Steigerung der Effizienz der Produktwerbung.“ Und: „Die flächendeckende Datensammelei durch die Geheimdienste […] soll […] irgendwann einmal alles Wissbare über jeden einzelnen lebenden Menschen […] vorrätig […] halten.“ Dieses Ziel folge der Logik des „Kriegs gegen den Terror“: „In ihm hat man es als Imperium nicht mit Staaten als Gegnern zu tun, sondern mit Individuen, die man erst einmal identifizieren muss, bevor man sie vor oder nach der Tat gezielt exekutieren kann. Dazu braucht man Daten, und zwar möglichst viele über möglichst alle, weil niemand von vornherein als unverdächtig gelten kann.“
Wolfgang Streeck: Kunde oder Terrorist? Wie Big Data den Menschen kategorisiert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2014. Zum Volltext hier klicken.

Leipziger Xenien

Deutschland und seine Denkmäler, allweil ein Thema voller Peinlichkeiten … Nicht nur das pompöse Einheitsdenkmal auf dem Berliner Schlossforum ist entgegen aller Pläne noch immer nur eine Blase, in die aus den verschiedensten Quellen nurmehr heiße Luft geblasen wird. Auch das thematisch gleichgeartete Memorial auf dem Leipziger Leuschnerplatz ist – zumindest zwischenzeitlich – wieder perdu, in der Heldenstadt vermag man sich nicht auf einen Geschmack zu einigen. Gewiss kein Zufall, wenn einem bei letzterem einer der Leipziger Studenten in Erinnerung kommt, der die Messestadt einst mit dem Satz adelte: „Mein Leipzig lob‘ ich mir, es bildet seine Leute.“
Dem Autor Goethe ließen sich aber zu diesem Thema gut und gern auch zwei seiner „Zahmen Xenien“ zuordnen, die da lauten:

Wolltet ihr in Leipzigs Gauen
Denkmal in die Wolken richten,
Wandert, Männer all und Frauen,
Frommen Umgang zu verrichten!

Und/oder:

Laßt euch mit dem Volk nur ein,
Popularischen! Entschied‘ es,
Wellington und Aristides
Werden bald beiseite sein.

HWK

Eh´ alles Wurst

Das Bundeskartellamt hat zugeschlagen: wegen verbotener Preisabsprachen hat es gegen 21 Wursthersteller – darunter auch die televisionär egalweg mit den treuen Blicken ihrer Mitarbeiter werbenden „Rügenwalder“ – ein Bußgeld in Höhe von 338 Millionen Euro verhängt. Respekt! Aber im Hinblick auf den Betrug am V erbraucher als solchen hält sich der Überraschungseffekt in Grenzen. Denn dass es sich bei ADAC, ZDF und nun auch der Wurstbranche nur um die Spitze des Eisberges handelt – wer zweifelte noch daran? Und so gesehen, ist es eh‘ schon Wurscht, was die Wurstmacher da preislich verwurstet haben.

Martin Kolbe

Medienmosaik

Wer die Musik der französischen Elektro-Dream-Pop-Band M83 mag, kommt auf seine Kosten. Wer nur mal sehen möchte, wie Alain Delons 19jähriger Sohn Alain-Fabien aussieht und spielt, ebenso (wenn er auch mehr aussieht als spielt). Wer raffiniert ausgeleuchtete Interieurs mag, kann sich den Film ebenfalls ansehen. Aber wer auf die versprochenen erotischen Entwicklungen hofft, wird sich bald getäuscht sehen. In seinem ersten Langspielfilm greift M83-Musiker Yann Gonzalez bei der Personage (Schlampe, Erotik-Hengst, Teenager, Transe, Ex-Star) tief in die Klischee-Kiste, um ein surreales Kammerspiel zu inszenieren, in dem die Charaktere verbal ihre Defizite enthüllen, die dann in Traumsequenzen münden. Gonzalez, der auch als Filmkritiker arbeitet, kennt sich in der Filmgeschichte aus. Bei ihm gibt es etwas Cocteau zu sehen, nur eine Prise Truffaut, eine dicke Scheibe Fellini und zu wenig vom überhöhten Realismus eines Bertolucci. Den Kenner mag diese Melange amüsieren, wer sich aber nur unterhalten will, könnte schnell ermüden.
Begegnungen nach Mitternacht, Regie: Yann Gonzalez, seit 10.7. in ausgewählten Programmkinos.

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Manchmal kann wiederlesen schön sein. Geriet nicht „Der Zeitsparer“, das Buch, das Tucholsky nach seinem „Rheinsberg“-Erfolg 1913 veröffentlichte, schon ein wenig in Vergessenheit? Tucholsky agierte hier als der verschrobene Ignaz Wrobel, ließ aber auch Peter Panter und Theobald Tiger zu Worte kommen. Der „Rheinsberg“-Erfolg wurde nicht wieder erreicht, aber Liebhaber konnten sich an Tuchos hintersinniger Abgründigkeit erfreuen, die wohl den Zeitgeist der Jahre kurz vor dem Weltkrieg widerspiegelte. Tucholsky hatte 1911 Franz Kafka kennen und schätzen gelernt. Sie waren damals – was dem Tucholskyschen Stil der besonders produktiven 20er Jahre nur noch bruchstückhaft zu entnehmen ist – Geistesverwandte. „Kafka, der Gespaltene, Melancholische, erkannte in Tucholsky den ‚Bruder‘“, schrieb Tucho-Biograf Michael Hepp. „Er fühlte dessen Gespaltenheit und den Weltschmerz, vor dem sich Tucholsky so fürchtete, den er verdrängte und angeblich noch nicht spürte.“
Vieles davon findet man in den drei, in der Neuausgabe des Mannheimer Kunstanstifter-Verlags wiedergegebenen Texten aus dem „Zeitsparer“ mit kongenialen Illustrationen von Franziska Walther. Sie durfte auf ganzen Seiten ihren Assoziationen freien Lauf lassen und hat das mit Verve getan! Sie porträtiert nach eigenen Intentionen die Herren Tucholsky, Wrobel, Panter und Tiger (Hauser hatte damals die literarische Bühne noch nicht betreten), und lässt Tuchos literarische Figuren wie Prof. Waltzemüller, Walter Jarotschiner und Andreas Grillruhm lebendig werden. Auch für besondere Situationen findet sie aufschlussreiche Bilder, wobei sie gerade in der Geschichte „Von dem Manne, der keine Zeitungen mehr las“ in die Gegenwart verweist, wenn sie ungeniert unser heutiges Vokabular in ihren Zeichnungen versteckt. Der Verlag hat die Texte sparsam auf die Seiten verteilt und dafür der Illustratorin lieber Raum für viele Interpretationen gegeben. Damit ist eine besonders anregende Ausgabe eines vermeintlich schon unmodern gewordenen Tucholsky-Buches erschienen.
Kurt Tucholsky, Der Zeitsparer, Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2013, 104 Seiten, davon circa 50 Seiten vollfarbige Abbildungen von Franziska Walther, 18,00 Euro.

bebe

Wirsing

Die Berliner Boulevardzeitung BZ meldete in ihrer Online-Ausgabe, dass eine Frau in der Sonnenallee von einem Bus verletzt wurde, und fuhr fort: „Vermutlich wurde die Person vom haltenden Bus erfasst, als sie am Bordstein stand, über die genaueren Umstände ist noch nichts bekannt.“ Die Umstände, wenn man von einem haltenden Bus verletzt wird, kann ich gut nachvollziehen. Als ich von der WM-Feier nach Hause ging, kam ein wildgewordener Laternenpfahl auf mich zu und versuchte, mir ein Loch in den Kopf zu schlagen. Ich habe ihn aber mit einer Umarmung überwältigt!

Fabian Ärmel