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1.773 Beiträge im Forum

  1. Kontextleser sagt:

    Der Anspruch von Stephan Wohanka („Sprache und Politik“ in 6/2017) ist eine Einladung zur Freud’schen Aufgabe: „Deuten heißt einen verborgenen Sinn finden.“ Freud will etwas herausfördern, was sich unbewusst („unter-bewusst“ trifft das nicht ganz) „darin“ befindet, unabhängig davon, ob dies bewusst verborgen. Mit Risiko! Es kann wirklich nichts drin sein.
    „So viel knapp zur Theorie“, heißt es nach wenigen Zeilen in dem Essay. Fragt sich nur: Was und wo ist die Theorie? Worin besteht ihre Essenz? Die Mitteilung, soeben habe hier deren Erörterung stattgefunden, ist kein Nachweis. Der nachfolgende Exkurs, schon von anderen nicht so günstig beurteilt wie vom Verfasser gemeint, vermittelt auch keine Aufklärung. „Demokratie ist eine Sache der Sprache“ heißt es da lapidar. Ist das ein Alleinstellungsmerkmal, was für eine Definition unabdingbar ist, damit verglichen werden kann? Wo keine Demokratie – da wäre also keine Sprache? Anderswo herrscht also Sprachlosigkeit? Wie kämen dann Verständnisse zustande, mit denen Menschen diktatorisch veranlasst werden, sich im Produktionsprozess sinnvoll zu verhalten? Und: Werden Auseinandersetzungen in der „Demokratie“ von den Machern und der Machtstruktur her wirklich nur per Sprache, also mit gutem Zureden geführt? Keine Rechtsdurchsetzung ohne Diskussion, kein einseitiges Gewaltmonopol bei einer Demo, etwa? Da wird zumeist doch nicht so richtig demokratisch getalkt. Und „wehrhafte Demokratie“ hat bewiesen, dass durch deren hinreichendem Gebrauch kein Stein mehr auf dem andern bleibt. Kampfdrohnen reden nicht mit den Empfängern ihrer Botschaft. Und demokratische Institutionen, die – vom Autor unerwähnten – Instrumente von Demokratie, sind keineswegs nur etwa Parlamente mit unterschiedlicher Redezeit und von Wortkünstlern nach Muster von Sängerkriegen gestaltet.
    Also, wenn „Theorie“, dann gehört wohl doch etwas mehr dazu, oder man verzichtet auf so hehre Ansprüche im eigenen Produkt. Selbst im „Blättchen“ müssen ja nicht Theorien neu erfunden, sollten aber auch nicht unbegründet eigenwillig interpretiert werden. Das gilt wohl auch für Autoren-Befindlichkeit und deren Kundmachung, hier beispielhaft die Parteinahme zu: Wer darf „Wir“ sein, wer nicht? Etwa mit der Darstellung, wie der unzulässige Ausschluss von anderen funktioniert, verbunden mit der Warnung vor Missbrauch, wenn es sich um Anwendungen handelt „unter Ausschaltung der Mainstream-Medien … zählen die enthemmte, die direkte Ansprache des ‚Wir‘ sowie die Schnelligkeit und Reichweite der Verbreitung – ehe mögliche Dementis und Richtigstellungen überhaupt greifen können.“ Also Mainstream wird hier eindeutig als „gutes“, gleichsam „rechtmäßiges“ Korrektiv definiert, der beklagte Ist-Zustand hingegen vom Autor heftig bedauert.

    Damit noch zum Frageteil im Motto des Beitrags: „Was haben wir denn gemeinsames … ?“! Ich weiß die richtige Antwort, weil „Bild“-Leser. Und mit mir: Millionen wissen es, und Herr W. könnte es auch wissen. Genau seit dem 19. April 2005, 18.47 Uhr hatten „wir alle“ einen neuen Status: „Wir sind Papst“. Zehn Jahre später, am 18. April 2015, um 00.01 Uhr zusätzlich die Reprise mit noch höherem Anspruch: „Die Schlagzeile wird Kult. Vergleichbar nur mit der Bild-Schlagzeile vom 21. Juli 1969: ‚Der Mond ist jetzt ein Ami‘. … Zum katholischen Weltjugendtag, der wenig später in Köln stattfindet, druckt BILD 500.000 Anstecker mit diesen drei Worten. Sie sind sofort vergriffen, Jugendliche, Geistliche, Bischöfe, Nonnen aus aller Welt tragen ihn“. Wer könnte da jemals mehr sein, als wir Deutschen es sind: nun eben auch Papst.
    Die „Theorie“ und Praxis des Mißbrauchs von „Wir“ kommt da wohl eher aus dem etablierten Mainstream, dem der Autor freiweg mehr „moralische Trefflichkeit“ (Schopenhauer) unterstellt als jenen, die daran zweifeln. Tipp: Weshalb wohl nannte Hannah Arendt, ansonsten gern und häufig von unserem Autor zitiert, ihre beiden Aufsätze zu diesem Thema „Wahrheit und Lüge in der Politik“? Das war 1967 und 1971, und sie hatte den Mainstream als Täter im Visier, der seinerzeit bei Vietnam eigene Machtinteressen gern unter „Wir“ verbarg. Ich denke mal, das war nicht falsch gedeutet; ob mit, ob ohne Freud.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Witzig, witzig Herr Kontext- und Bild-Leser. Vielleicht ist die Lektüre genannten Blattes doch nicht … ach, lassen wir das. Sie wissen so gut wie ich, dass das „Wir“, um das es im Text geht, mit dem „Papst-Wir“ nicht das Geringste gemein hat. Das in Rede stehende Wir ist im Kern eine laute, aggressive Minderheit in diesem Lande. Die sich sachlicher Debatte verschließt und vor allem pöbelt und provoziert. Darum hat sich ein politisches Umfeld gebildet, seriöser, biedermännischer, gefährlicher, in Teilen die richtigen Fragen stellend, diese aber nicht oder wertend, vereinfachend und unterkomplex beantwortend (was auch anderen passiert). Oder aus meiner Sicht auch falsch; Sie dürfen das anders sehen.
      Ansonsten wiederhole ich, eine Unlust zu verspüren, mich mit Personen auseinanderzusetzen, die sich hinter Pseudonymen verbergen, ihr gutes Recht. Das meinige, sie nicht oder kaum zu beachten.

  2. wolfgangbr sagt:

    Lieber Stephan Wohanka,
    Sie hinterlassen mich einigermaßen ratlos – Sie billigen „der Sprache“ mehr Wirkungsmächtigkeit zu, als sie wirklich hat. „Fake news“ sind kein sprachliches Problem, sie sind ein kommunikatives. Und eine so neue Gefahr, wie derzeit ausgerechnet die Medien, die ambivalent mit Nachrichten umzugehen gewöhnt sind, lauthals klagen, ist diese Methode nun auch wieder nicht. „Fake news“ gibt es seit Jahrhunderten als durchaus bewährte Praxis im politischen Geschäft. Die Lüge, die bösartige Erfindung waren schon immer Bestandteil der medialen Werkzeugkästen. Man soll doch bitteschön versuchen, die Information und ihr Trägermedium auseinanderzuhalten.
    Dasselbe betrifft die mythenumwaberte „kulturelle Identität“ der Deutschen. Um die geht es Ihnen ja. Im Sinne von Homogenität hat es die nie gegeben. Wir trapsen da mitnichten durch mentales Neuland. Das war übrigens auch Jacob Grimm, den Sie zitieren, klar. Beiden Grimms war sehr wohl bewusst, dass ihre geliebte deutsche Sprache von einer extremen Vielschichtigkeit gekennzeichnet und diese letztendlich Ausdruck geographischer UND sozialer Differenzierungen sowie eines ständigen zeitlichen Wandels ist. Einen deutlicheren Beleg als ihr „Deutsches Wörterbuch“ gibt es dafür nicht. Man sollte nicht der Verführung erliegen, eine solche verlorene Identität herbei zu fabulieren. Daran ist schon die deutsche Romantik auf groteske Art gescheitert. Ihre universitären Sekundanten, die Professoren vom Schlage Jahns, Arndts und Fichtes legten mit solch Unsinn eine Jahrzehnte später blutig aufgehende Saat aus.
    Dem „‚Bürgerkrieg‘ der Sprache“ wünschen Sie eine „semantische Friedenspolitik“ entgegenzusetzen. Mit Verlaub, was auch immer das sein soll, es ist Unsinn. Sie verlangen selbst einen präziseren Gebrauch der Sprache. Dann wird sie im Falle von – vorsichtig gesagt: Interessenskonflikten – auch nicht konfliktarm daherkommen. Und das ist auch gut so und überfällig. Friedrich Schiller, dem sprachliches Herumgeschwiemel ein Graus war – er wusste um die Gaunereien, die man damit verbergen kann -, lässt das seinen Wallenstein auf den Punkt bringen: „Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit, / Leicht beieinander wohnen die Gedanken, / Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, / Wo eines Platz nimmt, muß das andre rücken, / Wer nicht vertrieben sein will, muß vertreiben, / Da herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt.“
    Es macht nur eines Sinn: Dafür Sorge zu tragen, dass „die Stärke“ den Namen der Vernunft und Menschlichkeit trägt. Die „Sachen“ stoßen sich noch immer – und mit zunehmender Heftigkeit. Die Dinge gehören klar benannt. Auch wenn sie „semantisch unfriedlich“ daher kommen. Schiller hatte recht behalten. Das soll man nicht wegreden.

    • Rudolph Caracciola sagt:

      Lieber Wolfgang Brauer,
      das wird ihn freuen, den Turnvater Jahn – der, des Gymnasiums verwiesen, kein Abitur ablegte, sich trotzdem an verschiedenen Universitäten (u.a. Halle, Greifswald, Göttingen) einschrieb, der jedes Mal, wenn man seiner fehlenden Matura auf die Schliche kam, relegiert wurde und dessen intellektuelle Karriere schließlich schon auf der Stufe eines Hauslehrers endete –, post festum nun doch noch zum Professor gekürt worden zu sein. Das ist auch angesichts unserer heutigen „Akademiker“ (von und zu Guttenberg, Koch-Mehrin, Mathiopoulos, Schavan, von der Leyen etc.) nur recht und billig!

    • wolfgangbr sagt:

      Nun ja, lieber Rudolph Caracciola, dass der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn ein Hochstapler vor dem Herrn war, reiht ihn tatsächlich in eine Riege heutiger Würdenträger ein. Da geb ich Ihnen recht. Nur ist das keine Erfindung „post festum“ meinerseits, wie Sie behaupten, das praktizierten schon die Zeitgenossen. Und der Rauschebart gab ihnen durchaus Anlass dazu und fühlte sich als verkrachter Maturist wohl auch gebauchmiezelt genug. Nur zwei Belege. Die Wiener „Jahrbücher für Literatur“ rezensierten in ihrem 5. Band 1819 Jahns „Die Deutsche Turnkunst“ (1816): „Dr. Jahn äußert: ‚Zierlichkeit ist einem verweichlichten Zeitalter am ersten zu entrathen.'“. Dr. Jahn, wohlgemerkt. Er ließ es sich wohl gefallen. 1824 weilte der angebliche Doktor Jahn in Kolberg. Nicht als Tourist, bekannterweise wurde er zum Opfer der damaligen „Demagogenverfolgung“ und musste in der Festung Kolberg unfreiwillig Wohnung nehmen. Sein Biograph Günther Jahn (nicht der ehemalige FDJ-Chef!) zitierte 1992 einen Kolberger Zeitzeugen: „Das sei der Professor der Turnkunst Herr Dr. Jahn aus Berlin; er sei ein Demagog, der die studirende Jugend zur Unzufriedenheit gegen die Regierung aufreitze.“ Dass die Zeitgenossen ganz objektiv zu dieser Einschätzung gelangen mussten, hat sicher damit zu tun, dass Jahn sich vornehmlich der akademischen Jugend widmete. Damit galt man seinerzeit als „Professor“. Heute ist das ein klein wenig schwieriger.
      Das geht jetzt nicht gegen das öffentliche (Schul-)Turnwesen. Dessen eigentlicher Stammvater Johann Christoph GuthsMuths aus Quedlinburg – er leitete die gymnastische Ausbildung am Salzmannschen Institut in Schnepfenthal bei Gotha – stellte dabei die Gesundheitsförderung in den Vordergrund. Für Jahn war das unwichtig. Für ihn zählten beim Turnen allein „Wehrfähigkeit“, „Erziehung zur Deutschheit“ und dergleichen mehr. Damit steht dieser selbsternannte Professor der Turnkunst – ich hätte ihn mit separaten Gänsefüßchen versehen müssen, eingestanden! – natürlich in einer Reihe mit den Herren Arndt und Fichte – auch wenn deren akademische Weihen nachgewiesenermaßen ohne Fehl und Tadel waren.

    • Werner Richter sagt:

      Mich drückt hier etwas anderes, ein Sprachproblem kann ch beim besten Willen nur in Ferne ausmachen. Man kann natürlich über „Fake News“ fabulieren, wie sie gewisse Kreise vorkauen. Jedoch ohne die Institution dieses Begriffes zu hinterfragen, findet man kaum ihre Funktion. Mir gefällt eher die Ausgrabung dieses seltsamen Streites, wer macht fake news und warum, wie sie die Serie „Game of Thrones“ bei telepolis angeht. Empfehlenswert. Dann erübrigt sich die Teilnahme am vorgegebenen manipulativen Richtungskampf Medien vs. Trump oder Mainstreammedien vs. Internetmedien. Die Hintergründe, in „Game of Thrones“ m.E. preisverdächtig dargestellt, sind viel interessanter als die vordergründig und scheinheilig ausgetragenen Hahnenkämpfe vorgeblicher Demokraten, gleich Mainstreammedien, Soros und Clinton-(Mafia)Familie, gegen Diktatur, gleich Trump. Und nichts ist falscher als diese Show, wie auch die zu Populismus, Hate Speach, amerikanischer Traum, Freiheit und Postfaktismus.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Wolfgang Brauer,
      Sie sagen, ich billigte der Sprache „mehr Wirkungsmächtigkeit zu, als sie wirklich hat“. Ich bin mir da nicht so sicher, ob Sie recht haben. Was ist nicht an Sprache gebunden? Ist Sprache nicht Träger von (Nach)Denken, Sinn, Erinnerung und Überlieferung, Schlüssel zum Welt- und Selbstverständnis sowie zentrales Mittel zwischenmenschlicher Verständigung, auch nonverbaler, von Kommunikation? Zumal wenn man Sprache so weit fasst, dass sie „Fakten, Logik, Kontext, aber auch Gefühl, Emotion, Mimik, Fiktionen“ beinhaltet, wie ich geschrieben habe. Das meint, dass wenn ich rede und ein anderer zuhört, dieses Zuhören zugleich ein „Fakten- und Logikcheck“ dessen ist, was ich sage, desgleichen werden Kontexte geprüft, Assoziationen ausgelöst und last but not least hat meine Mimik, mein emotionaler Zustand Einfluss darauf, wie das von mir Gesagte „gehört“ und verstanden, ja möglicherweise ins Gegenteil gekehrt wird. Zugleich hat auch der emotionale Zustand meines Hörers, dessen Mimik Rückwirkungen auf mich, auf das, was ich sage, weiterhin sage.
      Statt Träger könnte man auch Medium sagen. Dazu stellen Sie fest: „Man soll doch bitteschön versuchen, die Information und ihr Trägermedium auseinanderzuhalten“. Ja, sicherlich; aber vielleicht wieder etwas zu apodiktisch gesagt. Ich denke, dass Sprache – siehe oben – eben kein neutrales Trägermedium von Information ist, sondern die Information über „Zusatzelemente“ maßgeblich prägt, also Sprache (Medium) und Inhalt miteinander verschränkt sind. Hinzu kommt ein Zweites: Auch das Medium Sprache ist an Träger, Medien gebunden – sei es die menschliche Artikulation, der Druck, der Bildschirm usw., sogar das Bild. Die Gesellschaft wurde schon immer durch die Art dieser technischen Medien geprägt, mit denen die Menschen kommunizieren – nicht nur durch den Inhalt der Information. Diese Medien sind quasi eine „Technologie“, die den Maßstab, die Geschwindigkeit oder das Muster unserer Kultur mit prägt; man denke nur an den Buchdruck und dessen revolutionäre Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft oder die Internetmedien und deren noch nicht endgültig absehbaren Einfluss auf das menschliche Sein.
      Was nun die „mythenumwaberte ´kulturelle Identität´ der Deutschen“ angeht, „um die es mir ginge“ – da kann nur ein vollständiges Missverständnis vorliegen. Ich bin gerade der dezidierten Auffassung, dass es diese nicht gibt oder sie auch nicht herbeigeredet werden sollte! Ich zitiere im Text Jochen Mattern: „Die kulturelle Identität (garantiert) eine substantielle Übereinstimmung zwischen dem Volk und den Regierenden. Das mache politische Stellvertretung, eine plurale und parlamentarische Demokratie überflüssig“ und setze dagegen: „Moderne Gesellschaften, moderne Völker zeichnen sich jedoch in klarem Widerspruch zu einer vermuteten ´kulturellen Identität´ durch kulturelle Vielschichtigkeit und Mannigfaltigkeit aus, die wiederum ein mehr als simples Reden, sondern ein differenziertes Argumentieren – ergo ´die Stellvertretung, eine plurale und parlamentarische Demokratie´ notwendig machen“. Das ist meine Haltung, so lange ich im Blättchen schreibe.
      Ein Letztes. „Dem ‚Bürgerkrieg‘ der Sprache“ wünschte ich eine „semantische Friedenspolitik“ entgegenzusetzen, was „Unsinn“ sei. Also dem Krieg eine Friedenspolitik entgegenzusetzen – ist das nicht unser aller Ziel? Und wo steht geschrieben, dass Frieden respektive eine Politik dazu „konfliktarm“ daherkomme? Im Sprachlichen geht es mir darum, dass durchaus in der Sache hart, mit deutlichen, „präzisen“ Worten gestritten wird, jedoch unter Vermeidung von Beleidigungen, Diffamierungen, Fäkal- und Vulgärausdrücken. Dieses Vermeiden wäre – etwas pathetisch – „semantischer Frieden“.
      Ihr Stephan Wohanka

    • wolfgangbr sagt:

      Lieber Herr Wohanka,
      Sie schreiben: „Im Sprachlichen geht es mir darum, dass durchaus in der Sache hart, mit deutlichen, ‚präzisen‘ Worten gestritten wird, jedoch unter Vermeidung von Beleidigungen, Diffamierungen, Fäkal- und Vulgärausdrücken.“ – Da sind wir uns sehr einig. Darum geht es mir. Und was die „kulturelle Identität“ betrifft – die war auch in „vormodernen Zeiten“ ein sehr voluntaristisches Konstrukt.
      Mit bestem Gruß
      Ihr
      Wolfgang Brauer

  3. Literat sagt:

    Trotz mancher Ausnahmen will mir scheinen, dass man fürs „Blättchen“ alles Mögliche aufschreiben und auch darüber nachdenken kann, was nicht länger ist als drei Seiten. Dennoch gibt es auch den empfehlenswerten Zusatzaspekt, zwischen Text und verkündetem Anspruch (häufig werden Überschriften dazu genutzt) zumindest einen gewissen Zusammenhang herzustellen.
    „Alles Genscher oder was?“ hat Manfred Orlick in Nr. 5/2017 seine Information überschrieben, die von Schwierigkeiten mit der Huldigung desselben berichtet. Das ist eine unendliche Geschichte mit solchen Neu-oder Umbenennungen, zumal, wenn sie als Würdigung vermutet werden könnten. Kürzlich las man hier von der Malaise mit/bei der Uni in Greifswald. Also noch so’n Fall?
    Die Sache mit Genscher und „seiner“ Stadt hier aber so vorzulegen, dass dabei über Genscher selbst kein Wort verloren oder absichtlich geäußert wird, bewirkt Nachdenken. Vielleicht auch bei den Leuten, die sich mit einer möglichst hohen Ehrung aus anderen als formalen Gründen schwer tun, nicht nur: „Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte“.
    In der Wahl seiner Eltern und anderer gegebener Umstände kann man bekanntlich nicht vorsichtig genug sein, wie mit Berlin vertraute Blättchen-Leser in Verbindung mit der causa Holm erfuhren. Der ganze Berliner Senat, wohl auch alle Abgeordneten, haben sich aus gegebenem Anlass vorsichtshalber „gaucken“ lassen.
    Um bei der Nichtbeachtung der Person Genscher in dem Bericht zu dessen Ehrungsversuchen zu bleiben: Vielleicht erinnert man sich, auch Leute in Halle und drum herum, an dessen urplötzlichen politischen Rückzug im Mai 1992. Bis zu seinem Tod wurden es demnach noch knapp 25 weitere Jahre, nicht alle von Krankheit und nur von parteiinternen Querelen gezeichnet. Also: Warum?
    Da kamen manche auf diese Ungereimtheit: Im Februar 1990 gab es bekanntlich in Camp David das wichtige Gespräch von Präsident Bush mit Kanzler Kohl über die mögliche „Wiedervereinigung Deutschlands“, geplant von und mit den Außenministern. Dann entschied Bush, dies Thema als Chefsache zu behandeln, also ohne die Außenminister. So blieb Genscher davon ausgeschlossen, sein amerikanischer Kollege James Baker wurde allerdings dann doch dabei gebraucht. Fünf Monate später, am 16. Juli, gab es aus dem Kaukasus jenes Bild, das seither in jeder Ausstellung darüber im Zentrum platziert wird: Genscher, Gorbatschow und Kohl (in dieser Reihenfolge von links nach rechts) sitzend am Tisch, alle anderen Delegationsmitglieder stehen.
    Misstrauen und demonstrative Anerkennung in kürzesten Abständen; dann nimmt Kohl das dürre Rücktrittsgesuch ohne Sachbegründung von Genscher zustimmend entgegen, eigentlich auch ohne Bedauern.
    Da wucherte das Gerücht vom „großen Unbekannten“: Bei den Stasiunterlagen gab es den Nachweis für Informationen aus dem engsten Umfeld des erfolgreichen Außenministers – aber kein Informant war ausfindig zu machen. Genscher selbst bekundete, er habe vollstes Vertrauen in seine Mitarbeiter. Und niemand aus der HV A des MfS bekundete dauerhaften Eigenkontakt.
    Am 14. Oktober 2000 schrieb Gerhard Löwenthal im „Ostpreußenblatt“, das sich traditionell „in Kreisen“ gewisser Reputation erfreute, hauptsächlich hinsichtlich der Sabotage dessen, was „Ostpolitik“ genannt wurde: „Alle Denkanstöße im Fall ‚Genscher‘, wenn es diesen denn geben sollte, es könnte Wissenswertes darüber in Stasi-Unterlagen zu finden sein, gehen allerdings in die Irre. Es ist in einer anderen Zielrichtung zu suchen, nämlich in Moskau.“
    Wenn man das genau und nachhaltig bedenkt: Vielleicht, wenn auch aus ganz anderen Gründen, gäbe es zusätzlich Anlass, dauerhaft an Hans-Dietrich Genscher zu erinnern. Frieden und gutnachbarliche Beziehungen Deutschlands zu Russland – war ja nicht alles schlecht, auch damals schon. Jedenfalls nützlich!

  4. Werner Richter sagt:

    Zum Sonderheft „Spanienkrieg“
    Danke für diesen Beitrag, das Thema ist weitaus aktueller, als allgemein angenommen. Wir sangen früher zu allen Gelegenheiten „Spaniens Himmel“, zumeist, weil es alle kannten und es so romantisch war. Es waren nach unserer Überzeugungen zuerst Kommunisten, naja auch ein paar andere, die dort den Faschismus bekämpften. Spanier waren auch darunter, aber ohne die Avantgarde hilflos und ohne Chancen. Denn unter denen waren die Anarchisten, die der gemeinsamen Sache eher schadeten, in Überzahl. Dafür hatten dann bestimmte kommunistische Kräfte mutige und selbstlose Genossen, die dieses Übel konsequent ausmerzten. Das geschah leider durch die Umstände gezwungen meist im Hinterland, sodaß im Nachhinein hinter vorgehaltener Hand über so manchen prominenten Spanienkämpfer gemunkelt wurde, er habe den ganzen Krieg über nie einen Schützengraben gesehen, dafür aber viele Feinde zur Strecke gebracht. Mit der Zeit kamen mir durch eigenes Erleben und bestimmte Literatur (Alfred Kantarowicz, Tschapajew) Zweifel an der Stimmigkeit dieser Darstellung. Ein Freund meines Vaters, in den 50-ern in der DDR angelangt, war zweifellos einer der Spanienkämpfer, wurde aber nicht anerkannt. Da half es nicht, daß er zu den periodischen Spanienkämpfertreffen auf Drängen der Spanier eingeladen werden mußte, die ihn bestätigten. Er hatte den Krieg auf Seiten der katalanischen „Anarchisten“ gekämpft, also nicht in den „richtigen“ Einheiten. Seine wahrlich homerische Odyssee, französische Gefangenschaft, Erpressung zur Fremdenlegion, Flucht in der Wüste, spanische Gefangenschaft und deren Fremdenlegion, Flucht und wieder französischen Gefangenschaft einschließlich erneut Fremdenlegion, Flucht und als blinder Passagier endlich in Rostock angelangt endete als körperlich und geistiges Wrack, in seinem gelobten Land, er litt an temporärem Verfolgungswahn. Kein Wunder, aber die DDR-und Parteibürokratie ließ ihm eine Minirente zukommen, die er vorrangig für Literatur ausgab, seinem unbegrenzbaren Nachholbedarf. Wäre er nicht regelmäßig an unserem recht dürftigen Tisch mitversorgt worden und hätte er nicht Briketts mitnehmen können, er wäre in seiner Dachkammer eines Bauerhofs verhungert oder erfroren. Er beklagte sich nicht, war sich in seiner Zukunftsgewißheit (für die anderen) völlig sicher. So waren sie, die Anarchisten. Und Bernhard, so hieß der Mensch, sah überhaupt keinen Gegensatz zwischen diesen „Anarchisten“ und Kommunisten, sehr tolerant. Konsequent logisch war, daß mein Vater ein anständiges Grab aus unserer ärmlichen Tasche begleichen mußte.
    Auch wenn die Bücher von Kantarowicz wie auch das vorliegende naturgemäß einen „nationalen“, nichtspanischen Teil der Spanienkämpfer zu Recht würdigen, dezimieren sie so ungewollt den Ursprung des Strebens nach Freiheit, Demokratie und Sozialismus zur quasi Randerscheinung. Sie wurden zur abfälligen Behandlung der spanischen Kämpfer genutzt und manchmal erkenne ich eine Fortsetzung dieser „Tradition“ auch aktuell. Es interessiert kaum, daß in Linie der Bauernkämpfe zu Goyas Zeiten, war unser Vorbild “französische Revolutionen“ vielleicht durch spanisches Geschehen inspiriert, spanische Republik und Abwehr faschistischer Konterrevolution, baskische und katalanische Selbstverwaltung nunmehr seit über 100 Jahren und mit Erfolg, heute neue Bewegungen, anders als in kapitalistischen Zentralstaaten, fast gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Da entstehen Kooperativen völlig anderen Typs, weg von Kapitalismus und Warenproduktion, die uns viel zu sagen hätten, in recht großen Dimensionen und keinen interessiert es hierzulande. Ist das nicht erbärmliche Überheblichkeit?

  5. Korff sagt:

    Meldung von n-tv „DAS NEUESTE“ von heute, 07. März 2017 um 11.45 Uhr: „USA und Südkorea üben Ernstfall. Pjöngjang fühlt sich von Kriegsmanövern gereizt“.
    Frage an Radio Eriwan: Sind Nordkoreaner solcher Gefühlsempfindungen überhaupt fähig? Und wenn „ja“: seit wann dürfen sie das auch noch äußern?
    Spielverderber!

  6. Clüver sagt:

    außerdem heißt es ja „absolute und relative Verelendung“. Und das meint ja wohl den Anteil am gesellschaftlichen Reichtum und die Möglichkeiten der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben, die für die an der Armutsgrenze sich bewegenden wohl nicht gegeben sind.

  7. Bernhard Romeike sagt:

    Die These von einem allgemeinen sozialen Abwärtstrend ist durch die Realität nicht gedeckt. Der Kapitalismus entsteht nicht durch die Kapitalakkumulation (allein), sondern durch Massenkaufkraft, nicht dadurch, dass die Königin mehr Seidenstrümpfe kauft, sondern mit steigenden Löhnen auch die Bürgerinnen und schließlich die Arbeiterinnen. „Autos kaufen keine Autos“, hieß das bei Henry Ford.
    Am besten sieht man das an den harten Sozialdaten: die Lebenserwartung in Deutschland lag bei der Geburt vor dem ersten Weltkrieg für Männer bei 45 und für Frauen bei 48 Jahren, 1950 bei 65 bzw. 68 Jahren, 1980 bei 70 bzw. 76 Jahren und 2015 bei 78 bzw. 83 Jahren. Die Säuglingssterblichkeit (im ersten Lebensjahr Gestorbene bezogen auf 1000 Lebendgeborene) lag in der BRD 1950 bei 55,3, 1975 bei 19,7 und 1995 in Deutschland bei 5,3. Die Wohnfläche pro Person betrug in der BRD 1950 15 Quadratmeter, 1970 25 und 1990 35 Quadratmeter. Heute liegt sie in Deutschland bei 42 Quadratmetern. Mit Dusche/Bad und WC waren 1984 92,8 Prozent der Wohnungen in der BRD ausgestattet, heute 99 Prozent in West- und 98 Prozent in Ostdeutschland. Zentralheizung hatten in Westdeutschland 1984 79 Prozent der Wohnungen, heute sind es 97 Prozent (Ost wie West). Alles das wäre ohne die produktiven Leistungen der Volkswirtschaft nicht möglich. Und es wird wohl niemand behaupten wollen, dass höhere Lebenserwartung, niedrigere Säuglingssterblichkeit sowie größere und bessere Wohnungen Ausdruck eines „sozialen Abwärtstrends“ seien.
    Weltweit kommt hinzu: die Arbeitsplätze, die in den USA und vielen EU-Lämdern heute fehlen, sind in China, Indien, Malaysia und anderen Ländern des „Südens“. Der Kapitalismus wird problematisch, nicht weil alle ärmer, sondern weil durch die wachsende Produktion die natürlichen Grundlagen zerstört werden.
    Eine marxistische Debatte wird erst möglich nach dem Abschied von jeglicher Verelendungstheorie.

    • Peter sagt:

      Hallo Herr Romeike,
      ich den das sie nicht tief genug nachgedacht haben und den Blick für die Realität verloren haben. Sie beschreiben das es einen „kleinen“ oder anfänglichen Kapitalismus gab ( bei den Seifenstrümpfen der Königin) und dann gab es höhere Löhne und was dann? Die Systematik wie sie bei der Königin vorlag hat sich nicht geändert was sich geändert hat ist die Technik der Kapitalistischen Produktion, diese effizientere Produktion hat die Waren enorm verbilligt. So konnten auch die Produzenten die Autos kaufen die sie Produzierten. Das geht solange gut bis der „Markt“ gesättigt ist. Dann tritt das selbe wie zuvor ein. Am Kapitalismus und seiner Produktionsweise hat sich bis hier nichts geändert. Die sogenannte Überproduktion bzw Blasen nehmen zu und es findet immer wieder enorme Kapitalvernichtung statt….“Was hat die Überproduktion überhaupt mit den absoluten Bedürfnissen zu tun? Sie hat es nur mit den zahlungsfähigen Bedürfnissen zu tun. Es handelt sich nicht um absolute Überproduktion – Überproduktion an und für sich dem Wunsch nach dem Besitz der Waren. In diesem Sinn existiert weder partielle noch allgemeine Überproduktion“. MEW 26 507 ….http://www.guenther-sandleben.de/mediapool/57/574173/data/Enteignet.pdf

    • Bernhard Romeike sagt:

      Sie irren, guter Mann. Die ganze Verelendungsrabulistik geht an den realen Lebensverhältnissen in der deutschen Gesellschaft vorbei. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Linkspartei weiter deutlich unter 10 Prozent herumdümpelt.

    • Werner Richter sagt:

      Wer hätte gedacht, daß ein auch so relativ tief in Theorie gehendes Thema Aufmerksamkeit erzielt, entgegen allen Voraussagen! Find ich gut bzw. toll (wie beliebt anzuwenden). Zur „Verelendungsrabulistik“ ist zu fragen, ob es nicht genau umgekehrt interpretiert werden kann. Gewissen Machern der neuen Generation in der Linken ist eine Abneigung gegenüber den Prolls durchaus anzumerken und die Partei hat sich m.E. auch programmatisch von ihnen abgewandt, wodurch AfD, Pegida u.ä. das traditionelle Betätigungsfeld überlassen wurde. Klingt mir schon eher plausibel. Ein „Abschied von jeglicher Verelendungstheorie“ könnte tatsächlich die marxistische Debatte voranbringen, aber auch die Realität verfehlen. Marxistisch heißt hier wohl: Marx so anwenden wie immer, nur etwas angepaßt. Auch hat der Terminus ein erhebliches Diffamierungspotential, das an sich schon auf nicht vorhandene sachliche Argumente hinweist. Den Bezug auf „Realität“, die anders als „empfunden“ einen „allgemeinen sozialen Abwärtstrend“ nicht wiederspiegelt, würde ich nur mit Handschuhen anbringen. Bemerkenswerter Weise findet parallel die „empfundene“ Abhängung, in jüngster Zeit besonders zu den Vorgängen in den USA, im Medienmainstream als Teil globaler Manipulation Anwendung. Die untersuchte „Realität“ ist wohl eine in offizieller Statistik gefundene, nicht der erlebte Alltag. Machen Sie mal Erhebungen außerhalb des Üblichen z.B. zur Entwicklung prekärer Lebensverhältnisse im sozialen Bevölkerungsprofil sowie innerhalb dieser und mit weitaus aussagekräftigeren Koeffizienten. Das würde wohl eher den „allgemeinen sozialen Abwärtstrend“, der zugegebener Maßen noch relativ gering zu Süd- und Osteuropa ist, auch hier belegen. Aber: Warte, warte nur ein Weilchen! Von der Höhe eines erträglichen Auskommens aus läßt sich leicht die Bestätigung solcher „Realität“, uns geht es doch gut und immer besser, finden. Zur offiziellen Statistik kann man z.B. bei Klaus Müller „Geld…“ vor allem ab S. 430 Interessantes nachlesen. Er weist nach, daß schon in der Anlage der Statistik gewollt eine Schieflage eingebaut wurde, um ganz bestimmte “Realität“ abzubilden. Ich wünschte manchem der Schönwetterfinder mal ein paar Jahre die Realität zu erleben. Das ist gehässig, aber dann heilsam.

    • Bernhard Romeike sagt:

      Lieber Herr Richter,
      Sie sollten wenigstens lesen, was Sie kommentieren. Ich glaube nicht, dass die von mir angeführten Langzeit-Sozialdaten einer statistischen Manipulation unterliegen. Die längere Lebenserwartung und die größere Wohnung sind wohl kaum eine Sache des falschen Gefühls.
      Mit Freundlichkeit

    • Werner Richter sagt:

      Tja, Herr Romeike, das wär’s also. Hat nicht erst gestern der Sozialreport der Wohlfahrtsverbände in differenzierender Sicht einen Rückgang der Lebenerwartungen der unteren Bevölkerungsschichten festgestellt? Mir ist so. In anderen Bereichen soll es auch nicht besser aussehen. Ich sagte auch nicht, Sie würden manipulierte Zahlen verwenden oder gar selbst manipulieren, aber Sie verwenden doch bestimmt Daten des Statistischen Bundesamtes. Dort liegt der Hase im Pfeffer, schlag nach bei Müller.

    • Peter sagt:

      Herr Romeike,
      mir geht die ganze Verelendung sonst wo vorbei. Leider gehen sie nicht auf mein Argument zur Entwicklung des Kapitalismus ein. Es ist belanglos, es wird umso belangloser wenn sie mit Realität kommen und die noch nicht einmal Verorten. Ich könnte mir denke das „wir“ beide davon ausgehen das „wir“in einer Klassengesellschaft leben, dann hätten wir schon zwei Orte. Gehen „wir“ von Europa aus hätten „wir“ viel Orte. Hier sei Griechenland genannt. Ich sehe das es eine Kulturelle Entwicklung ist was arm bedeutet. Es gibt deshalb ja auch absolut und relativ. Was soll da debattiert werden, es ist Staub aufwirbeln. Die Partei „Die Linke“ mit der ich nichts zu tun haben will ist nicht wegen der Verelendung so schlecht im Parlamentarismus eingebunden sonder weil sie kapitalistische Politik betreibt. Leider betreibt keine Partei oder Gewerkschaft Arbeiterbildung, davor haben sie ein Horror, einen gebildeten Arbeiter. Dann könnte was „gehen.“ Es wäre schon schön wenn es Aufklärung über den Parlamentarismus und Demokratie gäbe, anstatt bei den Tafeln zu stehen und den Leuten sagen das sie verarmt seien. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2016/07/Kapitalismus-und-Staat.pdf
      Die Lohnabhängigen wissen nicht an wen sie sich wenden sollen, nachdem ihnen ausgetrieben wurde, ihre Probleme selbst zu lösen. Die Grünen sind nur fürs Kapital relevant die Linke genau so, da rennt er zur AfD die machen Lärm, da geht es nicht so Akademisch zu wie auf den Versammlungen bei den anderen. Das ganze Demokratie Gerede sollte mal diskutiert werden und die Fetische weggerissen. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2017/01/Demokratie-contra-Kapitalismus.pdf
      Wenn denn die Finger nicht von Marx gelassen werden können sollte sich mit dem beschäftigt werden. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2016/11/Gesellschaft-bei-M..pdf Zu guter Letzt, es fehlen keine Arbeitsplätze, bei mir im Keller Sägemehl aufstapeln, nur zu. Geld gibt es nicht.

  8. Manja Klinger sagt:

    Der soziale Abwärtstrend ist aus systemischer Logik geradezu notwendig, stellen Sie, lieber Herr Richter fest.
    Nun scheint m i r indes- als Nichtökonom zugegeben – folgende Kausalkette als logisch für den Kapitalismus:
    Kapital produziert Waren zum Zwecke des Konsums, über den sich das Kapital dann zu vermehren vermag, in dem Profit erwirtschaftet wird. So gesehen ist das Kapital und also der Kapitalismus existentiell darauf angewiesen, dass immer auch ausreichend Kaufkraft vorhanden ist, zwar um nicht alle Einzelhoffungen von Kapitalisten zu erfüllen, in der Summe aber doch, denn sonst ginge der Kapitalismus daran ein, dass ihm sein Partner,der Konsument, abhanden käme.
    Nun mag bzw. dürfte es zutreffen, dass die besagte Schere zwischen Reich und Arm (ein allerdings ziemlich relativer Begriff) weiter auseinandergeht, dass eine ungebremste Fortsetzung dieser Entwicklung nun aber im Interesse des Kapitals sein soll, ist mir auch dann nicht erklärlich, wenn mir bewußt ist, dass das Kapital nur ungern und oft genug erst durch Druck mehr Lohnkosten akzeptiert, als es muß.
    Wie ich Sie zu kennen meine, werden Sie mich gewiss über diese blauäugige Betrachtung aufklären.

    • Werner Richter sagt:

      Nö. Finde den Grundwiderspruch der Waren- bzw. Wertproduktion sehr gut wiedergegeben. Nun müssen Sie nur noch akzeptieren, daß innerhalb derartiger Gesellschaften mit indirekter Gütervermittlung über Märkte zum vorrangigen, ja eigentlich alleinigen Zwecke der Mehrwertaneignung/Profit der Widerspruch unlösbar ist. Dann sehen Sie unsere Zukunft strahlend vor sich.

    • Peter sagt:

      Hallo,
      das kann so gesehen werde ist allerdings Statisch. Erst im Prozess Ware gegen Geld ist der Vorgang der kapitalistischen Kapitalverwertung abgeschlossen. Da gibt es lediglich individualisierte Interessen, muss es auch sonst gäbe es keine Konkurrenz. Hier wird aber nicht jeder einen Käufer finden oder sein Waren sind zu teuer. Dessen Waren sind dann nicht wert und er ist auf dem Weg zum Konkursgericht. In dem ganzen Prozess darf der tendenzielle Fall der Profitrate nicht vernachlässigt werden. Der verbilligt die Waren und schafft „Überproduktion“. Das treibt zur Konzentration….. „Das Kapital zeigt sich immer mehr als gesellschaftliche Macht, … es zeigt sich als entfremdete, verselbständigte gesellschaftliche Macht, die als Sache … der Gesellschaft gegenübertritt. Der Kapitalist als Kommandeur der Arbeit verschwindet hinter dem Kapital als Sache. Der Widerspruch zwischen der allgemeinen gesellschaftlichen Macht, zu der sich das Kapital gestaltet, und der Privatmacht der einzelnen Kapitalisten über diese gesellschaftlichen Produktionsbedingungen entwickelt sich immer schreiender …“ MEW 25, 274f. Wie das gerne vertuscht wird..http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2015/01/Entfremdung-und-Ausbeutung-im-Trierer-Karl-Marx-Haus.pdf

  9. Clüver sagt:

    Digitalisierung führt zu Eliminierung großer Teile der Lohnarbeit, Druck auf die Mehrheit der Menschen verstärkt sich weiter, kaufkräftige Nachfrage reduziert sich weiter, Schere zwischen Arm und Reich wird noch größer.
    Das Kapital hat nur noch den Ausweg: Krieg und Faschismus
    Auch Teile der Oberschicht, der Vertreter des Kapital, haben das erkannt und sehen im BGE einen Ausweg.

    • Peter sagt:

      hallo Herr Clüver,
      es sieht so aus als würde eine veränderte Produktionsweise zur „Eliminierung großer Teile der Lohnarbeit“ führen, dem ist aber nicht so, Es ist das Kapital das die Lohnarbeit nicht mehr kauft ,weil die Produktionsweise, bei gleicher oder höherem Warenausstoß nicht mehr so viel menschliche Arbeitskraft ein saugt. Das ist eine schöne Vision. Stellen sie sich jetzt noch vor es gäbe noch gesellschaftlichen Transport, keine Werbung mehr (es wird ja nur das Produziert was der Konsument will) keine so dramatische Verpackungsindustrie, geplantes gesellschaftliches Essen und keinen Profit mehr. Dann wäre einiges gelöst.
      http://peerconomy.org/text/peer-oekonomie.pdf

      Gruß Peter

  10. Clüver sagt:

    „Kampf um soziale Teilhabe am Mehrwert ist berechtigt und notwendig, “ genau !!! und als Mittel zumZweck könnte das BGE herhalten. Faschismus wär wohl das Schlimmste – im Kapitalismus.

    • Werner Richter sagt:

      Hier ist nicht der Ort, die Diskussion über BGE weiter zu führen. Das, wenn beliebt, wäre auch ein Thema in der bald (endlich!!!) reorganisierten Website http://www.wirtschaftstheorie-forum.de/. Welche Funktion ein BGE haben könnte, ist unter den Vorüberlegungen zur gesellschaftlichen Transformation aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen heraus zu sehen. Da sei auf die mehrfach zitierten Arbeiten von H. Harbach „Wirtschaft ohne Markt“ und auch Karl Reitter in „Aufhebung des Kapitalismus“ verwiesen. Dabei ist BGE tatsächlich Mittel zum Zweck. Welcher Bezug dabei zu Faschismus sein soll, bleibt mir rätselhaft. Nach unserer Sichtweise ist es zweitrangig, welche konkrete Herrschaftsform der Kapitalismus temporär bevorzugt. Es ändern sich dabei natürlich die konkreten Voraussetzungen der Transformation, die auch unter den Bedingungen eines Faschismus hinter der sichtbaren Oberfläche objektiv mit der Entwicklung der Produktivkräfte weiter Land gewinnt. Aber diese Objektivität setzt sich bekanntlich nur durch aktives Handeln von Menschen durch. Das BGE ist dabei ein interessanter Hebel.

  11. clüver sagt:

    ich glaube, niemand der verfechter des bge will damit die soziale frage lösen. aber innerhalb des kapitalismus ist es vielleicht die möglichkeit, das schlimmste zu verhindern.

    • Werner Richter sagt:

      Das Schlimmste innerhalb des Kapitalismus ist letztendlich der Kapitalismus. Der soziale Abwärtstrend, langsam auch hierzulande angelangt und noch längst nicht am Ende, kann vielleicht etwas verzögert werden, ist aber aus systemischer Logik geradezu notwendig. Kampf um soziale Teilhabe am Mehrwert ist berechtigt und notwendig, allein schon, weil erst das Fressen kommt. Ohne Perspektive einer nichtkapitalistischen Ordnung wäre er aber illusionär und eigentlich sinnlos.

  12. Werner Richter sagt:

    Zu „Ein Grundeinkommen für die Leistungselite“ von Ulrich Busch
    Wortmeldung: Habe an den Überlegungen von Ulrich Busch nichts auszusetzen! Hätte keiner gedacht, stimmt’s? Und doch ist einiges anzumerken, geht nicht anders. Bemerkenswert ist, daß U.B. sehr gut zusammenfaßt, warum unter g e g e b e n e n Produktionsverhältnissen ein BGE keine Lösung der sozialen Frage bringen kann und er dies innerhalb dieser Verhältnisse eigentlich ausschließt. Ziehe den Hut! Dann ergibt sich mir daraus zwanghaft die Frage: Warum sprechen/schreiben wir dann noch überhaupt noch darüber? Logisch weitergefragt: welche gesellschaftliche Konstellation wäre zu dieser grundsätzlichen Lösung notwendig, welche Rolle könnte das BGE auf diesem Wege spielen? In der Diskussion, den umfassenden Überblick habe ich nicht, Sie wissen, ich lese nicht systematisch, sondern nach Neugier, nicht nicht, gehen einige Beteiligte, keinesfalls no names, wie Karl Reitter (Masch Hamburg, Aufhebung des Kapitalismus, Argument, 2015, S. 203 ff) und Rainer Roth (Zur Kritik des bedingungslosen Grundeinkommens, DVS, ISBN 3-932246-52-7) auch davon aus, daß ein BGE unter aktuellen Verhältnissen sich ins propagierte Gegenteil verkehren würde. Die Protagonisten wie Götz Werner oder Thomas Straubhaar, auch wenn sie das zu verschleiern versuchen, sehen im BGE das Potential zur Abwälzung von Produktionskosten auf die Allgemeinheit. Das spricht für sich. Aber z.B. Karl Reitter vermutet neben der prinzipiellen Durchführbarkeit eine wichtige Funktion des BGE in einer Übergangsgesellschaft. Da fragt sich: Übergang – wohin, und, über die von U.B. genannte aktuelle Bestandsaufnahme theoretischer Vorstellungen hinaus? Untrennbar damit verbunden ist die Frage nach, wo er im Artikel abbricht, einer nachkapitalistischen Gesellschaft, eine andere löst die Frage nicht, da sind wir eins. Wie sind der Auffassung, daß jede, auch sozialistisch bezeichnete Marktwirtschaft immer wieder die Keime der kapitalistischen in sich birgt, die früher oder später das Kapital zum Durchbruch bringen. U.E. kann nur eine „Assoziation freier Produzenten“ die Lösung sein, worin auch widerspruchsfrei das BGE, in welcher Form auch immer, Vollendung finden kann, ja sogar ein Grundelement der Gesellschaft bilden könnte. Dazu jedoch benötigte es eines Glaubens, daß der Mensch hierzu fähig wäre. Ansonsten verbliebe das Menschheitsideal auf den Bühnen der Welt. Es wäre gut, wenn U.B., natürlich auch andere, sich an dieser Diskussion beteiligen würden. Soweit mein frohgemutes Raisonnement, Herr Crome.

  13. Rüdiger Dinter sagt:

    Eine wie ich finde treffende Feststellung von Werner Lutz im „Eulenspiegel“ zum Verfassungsgerichts-Urteil in der Causa NPD:
    “ Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts ist die NPD zu klein, um verboten werden zu können. Wenn sie aber groß geworden ist, gibt es auf jeden Fall ein Verbot: nämlich das des Bundesverfassungsgerichts durch die NPD.“

  14. Wolfgang Ernst sagt:

    Für diejenigen, die an der Front gegen „Fake News“ und „Alternative Fakten“ kämpfen, hier ein Satz von Helmut Kohl aus dem Jahre 1989: „Die Wirklichkeit ist anders als die Realität.“

    • Korff sagt:

      So geht das nicht, Herr Ernst mit Ihrem Zitat! „Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit.“ So hatte Kohl in „ARD-Tagesthemen“ vom 22. Februar 1994 in vergleichbarer Situation befunden. Das ist die Ihnen gebührende Antwort!
      Denn grundsätzlich gilt bekanntlich nach Kohl: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“. (Pressekonferenz am 31. August 1994). Was bei Politik so rauskommt, ist – auch nach Kohl – auch auf das zurückzuführen, was da an Interessen hineingegeben wurde.
      Und dafür dies Beispiel aus seinem, also berufenem Munde verkündet: „Wir werden die Arbeitslosigkeit und die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer um die Hälfte reduzieren“, so als Wahlkampfziel der CDU 1982/83, zitiert nach taz vom 10. Juni 1998. Seinerzeit hat also die CDU dafür Wählerstimmen vermutet und auch geködert.
      Auf diese Ahnenreihe ist die AfD gegenwärtig entweder noch nicht gekommen, oder sie möchte zwecks Originalität als unverbrauchte Partei das Erstgeburtsrecht an einer ihrer heutigen Kernaussage nicht erörtern.
      In der Sache ist das aber ein erneutes Beispiel für das auch im „Blättchen“ kürzlich zitierte Bibelwort „Fleisch vom Fleische …“. Der aktuelle Umgang mit Sinn und Unsinn, mit Wahrheit und Lüge in der Politik geriert die Frage: wer, was und wo sind Populisten? Dazu in Abwandlung zum Spruch über „kritische Kritiker“: Schwer erträglich oder amüsant, wenn Populisten Populisten Populisten nennen.

  15. Werner Richter sagt:

    Zu “ Hochverräter, Vaterlandsverräter“ von Jörn Schütrumpf
    Es ist mir etwas zu einfach gestrickt, die Gefahr von Don ausgehend. Das impliziert auch, wieder sehr einfach gesehen, weniger Gefahr von „Schreckschraube“ & Co. Es ist zu bedenken, daß Don, Le Pen, AfD usw. nicht die Ursache der Katastrophengefahr, sondern nur Ausdruck der Zuspitzung der Widersprüche des Systems und Ergebnis dessen sind. Trumps Gegenspieler waren und sind, wie auch hierorts schon öfter befürchtet, auf direktem Konfrontationskurs, den sie jetzt in Gefahr sehen. Trump muß und will wahrscheinlich zunächst den „Tiefen Staat“ eliminieren, der aus der Deckung hinter der offiziellen Regierungspolitik in diese Richtung lenkt. Es sei nur an die Stimmen erinnert, die mit 9/11 einen Staatsstreich erkennen. Der Vergleich mit Rasputin weist ja dann auch auf diese Relationen hin. Diese Sichtweise wird z.B. durch Thierry Meyssan, für uns etwas ungewohnt, aber nichts desto trotz durchaus einleuchtend, in voltairenet dargelegt. Eine nichtdeutschzentrierte Sicht, die uns helfen kann, über den Tellerrand zu schauen, übrigens auch zu Gabriels Profil und den Vorgängen in der SPD. Es gibt nicht wenige, die zunächst erst einmal aufatmeten, als Trump Boß wurde. Sie sahen eine viel größere unmittelbare Kriegsgefahr durch die Expansionisten, weniger durch Trump und die Isolationisten, drohen: Hätte Clinton gewonnen, wären wir jetzt schon im Krieg. Das ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Daß die Gefahr auch mit Trump nicht gebannt ist, kann schon der Gedanke an sein Wirtschaftskonzept, das wohl von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist, klar machen. Sarkastisch und am Rande des Zynismus ließe sich mit aller Vorsicht sagen: auch Trump, das Böse, hat seine guten Seiten, wie unlängst Thomas Mauch in news & stories, der Hitler seine Existenz zurechnete, weil seine Eltern aus Angst vor dem KZ einst seine Abtreibung unterließen.
    Die Einschätzung der Linken kann man nur klagend unterstreichen. Auch sie, allen voran Die Linke, hat sich auf den Weg der Machtteilnahme und damit des Kapitaldienstes gemacht wie einst die 68-er oder auch schon die USPD, dabei diese Unterstellung empört zurückweisend, noch. Allerseits dort, in deren Institutionen, aber auch hier im Blättchen, ist die Abneigung zu spüren, über dazu mögliche Alternativen nachzudenken, die allerdings nur frei von bisherigen, unumstößlichen und damit gesetzten Erkenntnissen (Warenwirtschaft forever) gedacht werden können. Aber, „es hat sich ja alles so schön eingeschaukelt.“

  16. Tanja Zorg sagt:

    Werter Herr Romeike, werter Herr Schwarz,
    Ihre Beiträge, so ich diese übersehe, haben in der Regel Hand und Fuß, der Gefahr einer gewissen Einseitigkeit entgehen Sie m.E. aber auch nicht immer.
    Zum Beispiel leuchtet mir nicht ein, wieso Trump laut Romeike den innenpolitischen Fokus von der Finanzwirtschaft auf die Arbeitsplatzbeschaffung verlegt, wo er doch soeben auch die Deregulierung eben des Bankenwsesens dekretiert hat. Was auch logisch zu sein scheint, vermag Trump doch seinen angekündigten Arbeitsboom nicht allein als seinem milliardenschweren Privatportemannaie zu bezahlen.
    Außerdem: Halten Sie es nicht für einäugig, das Heranrücken der NATO an Rußland nicht wenigstens ansatzweise mit Putins realer (!) Politik der militärischen (Ostukraine) und semimilitärischen Überrumpelung (Krim) in Zusammenhang zu bringen?
    Eben dies irritiert mich auch bei Wolfgang Schwarzens neuer Folge der Serie „Der Westen und Rußland“, in der der Beitrag Rußlands zur Wiederherstellung und Verschärfung des neuen Kalten Krieges unerwähnt bleibt; was dem unterstützenswerten Appell des Autors nach einer entspannungsförderden und kompromißbereiten Dialogpolitik b e i d e r Seiten leider ein wenig Abbruch tut, wie mein bescheidener Eindruck dazu lautet.
    Tanja Zorg

    • Wolfgang Schwarz sagt:

      Werte Frau Zorg,

      das Heranrücken der NATO an Russland in Gestalt der Erweiterungen des Paktes fand vor dem Ukrainekonflikt statt und zählt nach meinem Dafürhalten zu dessen Ursachen.
      Ihre Frage bezieht sich daher wohl eher auf die derzeitige Verstärkung der NATO-Militärpräsenz nahe russischer Grenzen. Und auf diese bezogen wollte ich deutlich machen,
      – dass damit die Krankheit nur verschlimmert wird, die eigentlich therapiert werden soll und
      – dass die realen oder zumindest empfundenen Sicherheitsprobleme des Baltikums mit Russland so nicht zu lösen sind.
      Sicherheitspolitisch kontraproduktives Verhalten, in dem Fall der NATO, wird ja auch nicht dadurch richtig, dass man auf Provokation mit Provokation antwortet. Brandt und Bahr hatten eine andere Logik, als sie 1969 mit der Neuen Ostpolitik begannen. Nur ein Jahr nach dem Einmarsch Moskaus und seiner Verbündeten in Prag.

      Und was den „Beitrag Rußlands zur Wiederherstellung und Verschärfung des neuen Kalten Krieges“ anbetrifft, den Sie bei mir vermissen, so soll bereits der Titel der Serie „DER WESTEN und …“ meinen Fokus deutlich machen. Im Übrigen halte ich es für überflüssig, in j e d e m Beitrag das Bekenntnis abzulegen, dass mir keineswegs alles, was Moskau tut, zusagt. Ich verweise dazu auf frühere Beiträge – etwa im Blättchen Nr. 19/2015 (http://das-blaettchen.de/2015/09/perspektiven-gesamteuropaeischer-sicherheit-33936.html.)

      Mit freundlichem Gruß,
      Wolfgang Schwarz

  17. Franka Haustein sagt:

    Wie andere teure Pannentechnik war auch der Militär-Airbus A400M schon Thema im BLÄTTCHEN: verspätet und überteuert ausgeliefert, dafür aber mit abgespeckten Leistungsparametern und praktisch kaum flugtauglich: http://das-blaettchen.de/2016/06/noch%e2%80%99n-multi-milliarden-grab-36234.html.
    In diesem Trauerspiel auf Kosten des Steuerzahlers gibt es einen neuen Zwischenstand: Derzeit verfügt die Bundeswehr, wie der gestrige SPIEGEL vermeldete, zwar über acht Maschinen, von denen aber nur eine wirklich in die Luft gehen kann.
    Der Rest? In Reparatur oder Wartung.
    Ironie des Schicksals: Vor einigen Tagen musste Ursula von der Leyen, die Dienstherrin der lahmen Enten, von einer Dienstreise aus Litauen mit einer uralten Transall-Maschine (Erstflug: Februar 1963) zurückfliegen, nachdem ihr A400M, einer der jüngsten im Bestand, ausgefallen war. Ursache dieses Mal: ein Ölleck im Triebwerk.

  18. Rudolph Caracciola sagt:

    Die NSU-Berichterstattung von G. Muthesius im Blättchen beschränkt sich ja im Wesentlichen auf die Ereignisse am 4. November 2011 in Eisenach Stregda, nachfolgende Vertuschungen und Legendenbildung sowie die teils befremdlichen Aufklärungsversuche der beiden NSU-Untersuchungsausschüsse des Thüringer Landtages.
    Bemerkenswertes in Hessen, aus dem dortigen Untersuchungsausschuss, berichtete gerade die junge Welt: https://www.jungewelt.de/2017/02-11/052.php

  19. Birgitte Nyborg sagt:

    Ex-Spitzendiplomat Wolfgang Ischinger, der in Kürze wieder Gastgeber einer Veranstaltung sein wird, die nach jahrzehntelanger Karriere als Wehrkundetagung nunmehr schon etliche Jahre Münchner Sicherheitskonferenz heißt, gab am 14.01. über DIE WELT im Hinblick auf die Ukraine zu Protokoll: „Neuerdings sagen mutige Stimmen in Kiew: Wir kom¬men im Konflikt mit Russland nur weiter, wenn wir schmerzhafte Entscheidun¬gen treffen. Wir müssen wohl das Ziel einer Nato-Mitgliedschaft aufgeben, je¬denfalls kurz- und mittelfristig. Ein neuer US-Präsident Trump könnte darüber mit Präsident Poroschenko in Kiew und Putin in Moskau reden und der Ukraine im Gegenzug zu einem Nato-Verzicht Sicherheitsgarantien anbieten, gemeinsam mit anderen, die allerdings mehr wert sein müssten als die von 1994. Damit wür¬de Russland das wichtige Argument genommen, die Ukraine instabil halten zu müssen, um die Nato-Mitgliedschaft zu verhindern, und Kiew hätte vielleicht ei¬ne bessere Zukunft als Ost-West-Brückenstaat.“
    Doch praktisch noch bevor man der Ukraine wünschen konnte, dass solcher Art Realismus möglichst rasch handlungsleitende Wirkung erlangen sollte, pfiff Gegenwind die Hoffnung schon wieder davon. Am 2. Februar ging die Meldung über die Ticker, dass der ukrainische Präsident Poroschenko ein Referendum zur Frage einer Nato-Mitgliedschaft abhalten wolle und dazu der Funke Mediengruppe gesagt habe: „Vor vier Jahren befürworteten nur 16 Prozent (der Ukrainer – B.N.) einen Beitritt der Ukraine zur Nato, jetzt sind es 54 Prozent.“

  20. Literat sagt:

    Dankenswerter Weise hat Frau Krahl darauf verwiesen, was „Schummelsoftware“ ohne Ansehen der Person so mit sich bringt. Das sind wirklich zwei exemplarische Beispiele für den Universitätsbetrieb. Sollte es Herrn Holm auch nur entfernt so ergehen: Recht geschieht ihm!
    „Spiegel ONLINE“ vom 28. Januar 2017: „Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll ein Zugpferd der CSU im Bundestagswahlkampf werden. … Seehofer hat ein Comeback Guttenbergs auch deshalb mehrfach ins Spiel gebracht, weil er damit einen Konkurrenten zu seinem Finanzminister Markus Söder aufbauen möchte. Söder strebt die Nachfolge Seehofers als Parteichef und Ministerpräsident an.“
    Zu der benannten Dame – vermutlich Anette Schavan gemeint – Zitat aus „Willkommen bei der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl … Wir freuen uns, daß Sie den Weg zu unserer Homepage gefunden haben.“ Lesen wir: „Juli 2014 Dienstantritt als designierte Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl. 8. September 2014 Übergabe des Beglaubigungsschreiben an Papst Franziskus.“ Und noch eine Angabe, die anzeigt, wie’s auch anderswo vorangeht: „Seit 2015 Gastprofessorin an der Shanghai international Studies University“.
    Merke: Theorie und Praxis der zweiten Chance gilt also nicht nur für Fußball-Bayern-Präsidenten, aber eben nicht für alle.

  21. Hans-Joachim Kroll sagt:

    Herr Hayn ist mir beim Thema NPD deutlich näher als Herr Bommarius. Die Justiz hat nun verhindert, was die Politik (immerhin!) mit dem Verbotsantrag erreichen wollte: Zumindest parteipolitisch organisiertem Haß und einschlägiger Gewalt einen Riegel vorzuschieben. Und all jenen Kräften, die noch legal in diesem Sinne tätig sind, ein Warn- ja ein Stoppzeichen zu geben. Das allein verhindert rechtsextremes Denken sicher nicht, aber es setzt seiner Praktizierung justitiable Grenzen; Grenzen die es braucht, um der Wiederholung eines Vorganges vorzubauen, die Deutschland in der Weimarer Republik verhängnisvoll durchlebt hat. Dass die Zahl der NPD-Mitglieder derzeit marginal ist, kann, wenn man aus der Geschichte gelernt hat, kein Grund sein, sie zu verbieten und ihr unseliges Treiben zumindest stark zu erschweren.
    Gewiss war die NSDAP in den späten 1920er Jahren allein schon ihrer Mitglieder- und Anhängerschar wegen eine sehr viel dräuendere Gefahr für die Demokratie als es die NPD heute ist. Aber auch die Altnazis haben sehr klein angefangen. Aber nicht einmal, als sie dann dank demokratischer Anerkennung in Sachen Macht ante portas standen, wurden die rechtlich vorhandenen und justiziell bereits vorbereiteten Möglichkeiten genutzt, sie zu verbieten. Im Unterschied zu heute versagte damals die Politik – was allerdings zweitrangig ist, wenn das Ergebnis auf dasselbe hinausläuft.
    Im Blättchen war einst ein Auszug aus Robert Kempners Schrift „Der verpaßte Nazi-Stopp“ aus dem Jahr 1930 zu lesen, der an dieses Versagen gegenüber den Barbaren im Detail erinnert. Man sollte sich das nochmal ansehen.
    http://das-blaettchen.de/2011/11/der-verpasste-nazi-stopp-8736.html

  22. Simone Krahl sagt:

    Als jemand, der Ulrike Steglichs Artikel sehr schätzt, bin ich angesichts ihrer Darstellung der Causa Holm doch recht überrascht, um nicht zu sagen, enttäuscht. Selbst ein „Ossi“, dessen Weg nach Wende nicht grade mit Rosen bestreut war, bin ich der vornehmlich ostdeutschen und dort wiederum von Linken beliebten Attitüde des Opferdaseins mittlerweile leid.
    Herr Holm verfügt sicherlich über die ihm nachgesagte Kompetenz und wäre vermutlich gut in jenem Amt gewesen, das ihm nun verwehrt worden ist. Nur eben muss, wer sich in ein öffentliches Amt zu begeben beabsichtigt, eine Prüfung auch auf den korrekten Umgang mit seiner Biografie rechnen. Und wenn er dort Angaben macht, die nicht nur vage sind sondern einen biografischen Umstand ziemlich eindeutig per Ahnungslosigkeit zu kaschieren versuchen, muss er (und hier auich diejenigen, die ihn für das politische Amt nominierten) mit einer Nachprüfung rechnen. Es ist betrüblich-lächerlich, wenn Andrej Holm, der per „Vorverpflichtung“ (beschämend genug für die, die den unmündig 14jährigen dazu nötigten), späterer neuerlicher Verpflichtung mit 18 Jahren eben zu einer hauptamtlichen Tätigkeit beim MfS nicht gewusst haben will, welche Perspektive er gewählt hat und dem sein Status nicht klar gewesen sei, sondern lediglich eine Grundausbildung absolviert zu haben meinte, die bei jedem, der zu jedweden „bewaffneten Organen “ eingezogen wird, Standard war. Selbst das geplante Journalistik zur Hauptstudium musste ihm als Zwischenstadium der MfS-Karriere bekannt gewesen sein, hatte sein Vater doch selbst einen solchen Weg in die Hauptamtlichkeit absolviert. Bei aller Berechtigung der Vermutung, dass politischen Gegnern der Linken und namentlich deren Wohnungspolitik Holm im Wege war, so fand ich eher respektabel, dass auch der SPD-Regierende sich zunächst auf eine Klärung der Umstände eingelassen und Holm keineswegs umgehend gefeuert hat.
    Wie ein Prüfverfahren von „Unregelmäßigkeiten“ vorgelegter Biografien auch sonst für die Beteiligten negative Folgen hatte, mögen Fälle wir der von Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU, Annette Schaven (CDU) – beide wegen Plagiats oder jüngst in Berlin Evrim Sommer, Linke, wegen berufsbiografischer Halbwahrheit, erinnern.
    Im Übrigen halte ich den linken Tenor für lächerlich, Holm wie einen wohnungspolitischen Messias zu handeln, ohne den die Beglückung sozialer Zustände nun verunmöglicht worden ist. Zum einen ist die beabsichtigte Wohnungspolitik im Koalitionsvertrag festgeschrieben und wäre also auch mit Holms Abgang nur dann obsolet, wenn die verantwortliche Senatorin nicht in der Lage sein sollte, die festgeschriebenen Ziele umzusetzen. Und zweitens kann die Berliner Linkspartei auf Holms Sach-Kompetenz ja wohl auch dann zurückgreifen, wenn dieser nicht als Staatssekretär fungiert. Und selbst für den sozialen Bruch Holms dank seiner Entlassung aus dem Hochschuldienst dürfte die Linke, die diesen Werdegang durch ihr pubertäres Trotzverhalten mitverschuldet hat, eine Lösung finden; die ihr nahestehende Luxemburg-Stiftung wäre zumindest ein denkbarer Platz für einen positiven Einfluss Andrej Holms auf eine wohnungspolitische und also sozial-gerechtere Zukunft Berlins.
    Das jedenfalls meint die langjährige Blättchen-Leserin Simone Krahl

    • Wolfgang Ernst sagt:

      In diesem Lande verjährt Totschlag nach 20 Jahren, eine von einem Achtzehnjährigen geleistete Unterschrift bei dem Stasi-Wachregiment Berlin auch nach 28 Jahren nicht. Das ist Rechtsstaat?

    • Lars Schönebeck sagt:

      Lieber Herr Ernst,
      Herrn Holm ist nicht seine in der Tat belanglose Stasi-Karriere zum entscheidenden Vorwurf gemacht worden sondern der Umstand, dass er diese durch mehr als zweifelhafte Eigenbeurteilungen in einem Dokument wie dem eines Lebenslaufes heruntergespielt hat. Dass diesem Verhalten ein Mangel anGlaubwürdigkeit und damit Lauterkeit unterstellt worden ist, kann meines Erachtens doch nur jemanden empören, der den Fall so betrachtet, wie er es der politische „anderen Seite“ gern (und allzuoft ja auch berechtigt) zum Vorwurf macht: ideologisch.

  23. Ulrich Busch sagt:

    Lieber Herr Richter,
    der „Böswillige“, von dem in Ihrem Kommentar die Rede ist, das sind doch wohl nur Sie selbst! Die anderen Leser haben, so hoffe ich wenigstens, sehr gut verstanden, dass ich einen korrekten Umgang mit Daten anmahne, keineswegs aber die Mathematik über alle Wissenschaft stelle. Natürlich gibt es Zusammenhänge, die keiner Quantifizierung bedürfen. In der Ökonomie aber sind diese eher selten. Und wohl auch in der Philosophie, wie Leibniz zu Recht betont hat. Und wir alle kennen Ökonomen, die über die Eleganz ihrer Formeln und Modelle deren wirtschaftspolitische Konsequenzen und Resultate vergessen. Eine solche „Schieflage“ im Verständnis der Disziplin aber sollten Sie bitte nicht mir unterstellen. Ein Blick in eines meiner Bücher würde Sie eines Besseren belehren, aber ich hatte vergessen, Sie lesen ja nichts, sondern kommentieren nur, was andere schreiben. Schade!

    • Erhard Crome sagt:

      Werter Herr Richter,
      Sie reklamieren doch gern für sich, einer der wenigen verbliebenen Gralshüter eines „wahren Marxismus“ zu sein. Da sind Sie mit dem Kampf gegen die Zahlen allerdings auf dem Holzwege. Friedrich Engels schrieb im Vorwort zur zweiten Auflage des „Anti-Dührung“ (1885): „Marx und ich waren wohl ziemlich die einzigen, die aus der deutschen idealistischen Philosophie die bewußte Dialektik in die materialistische Auffassung der Natur und Geschichte hinübergerettet hatten. Aber zu einer dialektischen und zugleich materialistischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft mit der Mathematik und der Naturwissenschaft. Marx war ein gründlicher Mathematiker…“. Das kann man in seinen „Mathematischen Manuskripten“ nachlesen (MEGA, Bd. 28). Die mathematischen Arbeiten haben seine ökonomischen Analysen begleitet und fundiert, oder anders gesagt: ohne die mathematischen Arbeiten hätte es „Das Kapital“ nicht gegeben. Aber Sie lesen ja nichts! Da hilft kein Hinweis.
      Weiter frohgemutes Raisonnement!

    • Werner Richter sagt:

      „Bekanntlich lässt sich die Wissenschaftlichkeit einer Disziplin oder einer Theorie, wenn auch nicht ausschließlich, so doch in beachtlichem Maße, am Grad ihrer Mathematisierung messen. Gemeint ist damit die Nutzung quantitativer Methoden entsprechend den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Disziplin. Oftmals werden Erkenntnisse und Forschungsergebnisse überhaupt erst durch ihre Quantifizierung brauchbar. Die Biologie hat dies erfahren, ebenso die Geografie, seit längerem auch die Ökonomie. Den Sozial-, Politik-, Geschichts- und Erziehungswissenschaften steht dies im Zuge der digitalen Revolution nun unmittelbar bevor.“ Ist das nicht der Ansatz der Quantitätstheorie in der Ökonomie? Wer mag das geschrieben haben?
      Eine Anmerkung noch kann ich mir doch nicht verkneifen. Selbstverständlich ist es unzulässig, einen Zeitschriftenartikel einfach zu lesen und sich Gedanken darüber zu machen, was da geschrieben steht. Es wäre schon angebracht, der Leser macht sich vorher, danach geht das nicht, mit dem Schriftgut des Autors vertraut, dann kämen ihm keine vom Autor nicht gewollten Interpretationen in den Sinn. Es ist aber leider zu befürchten, daß eine erhebliche Leserzahl dies eben nicht so tut. Sie liest einfach die Zeitung wie sie ist, ohne sich um das Werk des Autors zu kümmern. Statistisches Material zu dieser Frage dürfte es kaum geben und die berüchtigte Dunkelziffer läge bestimmt sehr hoch. Anregung, doch noch zu Zahlen zu kommen, könnte man sich in der berühmten Schrift zur Geschichte des Alltags des Volkes des hochgeschätzten J. K. holen, der in meiner Erinnerung im ersten Band zusammen gefaßt erkannte: Darüber gibt es keine Zahlen, aber die Mathematik ermöglicht uns, trotzdem an nötige Daten zu kommen, was wir in den folgenden Bänden angehen werden. Damals beließ ich es beim ersten Band und habe seit dem ein etwas gestörtes Verhältnis zu gewissen Werken überhaupt, ein inzwischen altes Leiden. Wie kann man aber den Widerspruch des vorliegenden Falles lösen? Es böten sich zwei Varianten an: man könnte dem Artikel eine Anmerkung zur Vorsicht beifügen, daß vor dem Lesen des Artikels unbedingt folgende Bücher … zu lesen seien oder eine Liste anhängen mit Personen, die diesen Artikel lesen dürfen, weil sie vorher ihre Verpflichtung abgaben, die folgenden Bücher des Autors … vor Lesen des Artikels zu lesen. Beides wäre etwas umständlich, aber handhabbar. Vielleicht gäbe es aber noch ganz andere Ideen zum Verfahren, wer weiß. Jedenfalls wäre bei richtiger Verfahrensweise nie die Idee aufgekommen, daß dem Artikel eine Abgrenzung von unterstellter Quantitätstheorie gänzlich fehle. Die wäre im Buch … des Autors gefunden worden. Ich bedauere zutiefst. Ein durchaus begrüßenswerter Nebeneffekt träte ein, die Beteiligung von Quasi-Laien im Vergleich zu Vollprofis an der Erörterung wissenschaftlicher Themen, besonders mit nervenden Einwänden, würde auf ein Minimum reduziert. Diese Haltung von Wirtschaftswissenschaftlern war schon immer imponierend, mir kommt da urplötzlich Günter Höll in den Sinn, und war einzig und allein auf den wissenschaftlichen Fortschritt gerichtet. Auch an deutschen Politikern ist das prophylaktische Wegbellen von Fragestellern Routine, im Gegensatz zu britischen, die erstaunlicherweise jede Frage als berechtigt wie selbstverständlich und sachlich beantworten, egal, wie unverschämt die Frage war. Mit deutschem Standesdünkel wäre dies völlig abseitig beschrieben.
      Werter Herr Crome, ich verzichte auf Kommentare, dazu hatte ich bereits geantwortet, aber die Website verschluckte das. Ich sagte da was zu Überheblichkeit, bewußte, aber recht billige, Fehlinterpretation und verwies auf den Beitrag von K. Müller, der meine Aufassung richtig wiedergibt. Es sei noch angemerkt, daß ich schon früher auf meine Nichtkompetenz als Theoretiker aufmerksam machte, lediglich das Gelesene mit m e i n e n Kenntnissen vergleiche und Fragen bei Widersprüchen stelle. Also gar nicht die Rolle des Gralshüters beanspruche.

  24. Theosebeios sagt:

    Da ich dem geistreichen Herrn Hofrat — mein wandelndes Lexikon, meinte der englische König — sehr zugetan bin:
    L e i b n i z , bitte sehr.

    • Klaus Müller sagt:

      Wer die Wissenschaftlichkeit einer Theorie, lieber Herr Richter, am Grad ihrer Mathematisierung messen will und dies expressis verbis auf die Ökonomik bezieht, hat durchaus recht, allerdings in einem etwas abgewandelten Sinne: eine unsägliche Modellschreinerei, nichtssagende Wachstumsmodelle von „fundamentaler Simplizität“, Verteilungsmodelle, in denen unterstellt wird, was bewiesen werden soll, leere Formeln, in denen der sozioökonomische Erkenntnisgehalt gleich Null ist, die Messung des Grenznutzens mithilfe von Differentialquotienten (!) … zeigen: Je stärker die Mathematik von der ökonomischen Theorie missbraucht wird, umso geringer deren Wissenschaftlichkeit. Die Neoklassik bringt mit großem Aufwand theoretischen Scharfsinns auf der Basis reiner Zirkeldefinitionen nichts anderes zustande als umständliche Formulierungen von begrifflichen Tautologien. Gustav Cassel, schwedischer Ökonom und der Marxschen Theorie alles andere als zugetan, bezeichnet die Grenznutzentheorie, das Fundament der Neoklassik, als „einen Versuch, die Psychologie der Nachfrage in eine abstrakte mathematische Form hineinzuzwingen … eine rein formelle Theorie, die in keiner Weise unsere Kenntnis der realen Vorgänge erweitert“ und die für die Theorie der Preisbildung überflüssig ist. Verbreiteter Reduktionismus, das Zurechtstutzen der Realität auf monokausale, einseitige Modellannahmen können selbstverständlich die Realität nicht angemessen abbilden. Es gibt aber auch das Gegenteil. Ich erinnere an die grandiosen Input-Output-Modelle Wassily Leontjews, in denen die Verflechtungen zwischen den Güterproduktionen einer Volkswirtschaft, die Primärverteilung der Produktionsfaktoren auf die produzierenden Bereiche und deren Beitrag für die Produkte der Endnachfrage (Konsum, Investition, Export) gezeigt werden können. Ein großartiger Erkenntnisfortschritt, beruhend auf dem Tableau économique des Franzosen F. Quesnay und den Marxschen Reproduktionsmodellen.
      Und was den guten, alten Leibniz angeht: Seinen Aphorismus über den Zusammenhang von Mathematik und Philosophie habe ich als Motto einem Buchkapitel vorangestellt, so toll finde ich ihn. Doch flunkert der Meister da nicht ein bisschen? Ich kenne Philosophen, die scheitern bereits daran, einen Bruch richtig zu schreiben, ohne dass sich die mathematische Schwäche negativ auf ihre Reputation ausgewirkt hätte.
      Gern kann mir widersprochen werden. Ich bestehe nicht darauf, dass, wer dies möchte, vorher meine „gesammelten Werke“ durchzuackern hat.

    • Theosebeios sagt:

      „Ich bestehe nicht darauf, dass, wer dies möchte, vorher meine „gesammelten Werke“ durchzuackern hat.“
      Das ist aber lieb von Ihnen, Herr Müller (wenn Sie der Münsteraner Müller sind :-))!
      Bei der Verbindung von Mathematik + Wissenschaft / Philosophie kann man nicht (mehr) erwarten, dass sie in einer Person eine günstige Liaison eingehen, es sei denn, Leibniz höchstselbst träte wieder in Erscheinung.
      Schön, dass Sie das „Calculons!“ als Motto verwendet haben, ich auch (als Kapitelüberschrift)! Die Durcharbeitung meiner Werke könnte ich Ihnen auferlegen, denn das wäre in Ihren nächsten Semesterferien zu schaffen. Spaß beiseite: Ich habe einige Jahre mit einem höchst versierten Zeitreihenanalytiker von GESIS kooperieren können. Es ging um die Entwicklung der Gefangenenzahlen in verschiedenen Bundesländern. Er hat auf der Basis der ihm von den Statist. Landesämtern gelieferten Daten Modelle entwickelt u. mich dann immer gefragt, wie ich dies oder jenes theoretisch erklären könnte. Meist habe ich geantwortet: gar nicht. Das hat mich selbst aber nicht irritiert, denn von den meisten diesbezüglich im Schwange befindlichen Theorien halte ich auch wenig. Sie sind sozusagen ideologisch versifft, kein einziger Mathematiker hat da seine Hand im Spiel. Bemerkenswert ist jedoch, dass es eine herrschende Meinung über die Gründe dieser Entwicklung gibt, die Kriminologen (also Wissenschaftler) gebetsmühlenartig wiederholen. Sie wissen es aber nicht, weil sie vor dem Hintergrund ihrer postmodernen soziologischen Theorien fest an ihre Spekulationen glauben.
      Nun, vielleicht hätte mein Freund im Laufe dieser sechs Jahre doch noch das „ultimative Modell“ finden können, aber natürlich mussten wir sehr bald die Daten selbst nach ihrer Richtigkeit prüfen. Das Bild war grausig. Da will ich mich jetzt nicht in den Details verlieren, sondern nur sagen: Mathematik + Wissenschaft könnte eine große Chance sein — u. wird es eines Tages, nur nicht so schnell, wie Leibniz wahrscheinlich glaubte. Denn — wo gibt’s denn diese Interdisziplinarität? In meinem (interdisziplinären!) Fach nicht. Da müsste man erst den soziologischen Spekulanten, die überall die Deutungshoheit haben, das Handwerk legen. Zurzeit unmöglich.

  25. Franka Haustein sagt:

    Sehr geehrte Frau Muthesius,
    ich habe gerade erst Ihr vorletztes NSU-Stück zur Verstrickung des Verfassungsschutzes in der Ausgabe 25/2016 (http://das-blaettchen.de/2016/12/nsu-%e2%80%93-teilkomplex-verfassungsschutz-38193.htmlg) gelesen. Es hätte, mit Verlaub, nicht geschadet, in der Sache noch einen Schritt weiterzugehen. So wie es Petra Pau im Interview mit der jungen Welt vom 20.12.2016 getan hat: „Für mich wäre es allerhöchste Zeit, dass aus dem Schweigekartell der Verfassungsschutzmitarbeiter endlich einer ausschert, seine staatsbürgerliche Pflicht erkennt und wirklich sein Wissen über das NSU-Netzwerk offenlegt. Das wäre ein Dominostein, der die Aufklärung voranbringen würde.“
    Mit freundlichen Grüßen
    F. Haustein

  26. Werner Richter sagt:

    Zu „Über den Umgang mit Zahlen“ von Ulrich Busch
    Der Autor hat eine gewiß notwendige Kritik angebracht, viele Meldungen und Meinungen werden uns so manipuliert vorgesetzt. Ein Böswilliger könnte aber auch folgendes aus dem Text herauslesen:
    Eine sehr kühne These: Mathematiker aller Länder, übernehmt alle Theorie und macht daraus Wissenschaft (bes. in Ökonomie u.a. Geistesgebieten)! Vergeßt die Deppen, die abstrakt Zusammenhänge verbal darstellen! Häuft Zahlen an, dann schlagen irgendwann eure Berechnungen in Wissenschaft um, quantifiziert alles! Was sollen noch Theorien, deren Gegenstand nicht mathematisiert werden kann, die können nicht Wissenschaft sein. Probiert dort zunächst, ob Modelle da reinpassen, versucht es, wenn sein muß mit dem Hammer. Paßt das Modell dann, kann jeder so geschöpften Theorie ein philosophisches Vorleben zugeordnet werden, aber dies wäre sowieso unwichtig. Denn Wissenschaft ist nur dann gegeben und von Nöten, wenn reale Prozesse zu gestalten sind, Wirtschaftspolitik z.B., nicht irgendwelche nichtquantifizierbare, weil nicht sicht- und meßbare Zusammenhänge. Ja nicht vorher irgendwelche grundsätzlichen Überlegungen, mathematisch gesehen als Bedingungen der Algorithmen, angehen, das hält nur ab. Denkt an den alten Leibnitz: „Ohne Mathematik dringt man niemals auf den Grund der Philosophie“. Das reicht, was er noch dazu sagte, sollte euch nicht interessieren.
    Es wäre unfair, dies dem Autor zu unterstellen, da sagt er auch nicht so, aber es wäre durch den Text annähernd gedeckt. Soll sagen: Vorsicht mit der Wanne, sie steht schon sehr schief, das Kind! Es wäre vielleicht überlegenswert, ob zur Darstellung der Rolle der Mathematik nicht zwingend die Rolle der Philosophie im Verständnis von Leibnitz und die Wechselwirkungen zwischen beiden Disziplinen zu behandeln ist, um nicht in Schieflage zu geraten.

    • Klaus Müller sagt:

      Ist man fair, muss man zugeben, dass die Anwendung der Mathematik in der Ökonomie Erkenntnisfortschritte gebracht hat. Eine gewisse Distanz ist dennoch geboten. Das neoliberale Projekt, die theoretische Ökonomie in eine mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplin, ähnlich der Physik, genauer vielleicht der Mechanik oder Hydrodynamik, zu verwandeln, ist grandios gescheitert. Komplexe sozialökonomische Systeme wie die Volkswirtschaft, in der hohe Variabilität und Unsicherheit herrschen und in der Menschen agieren, die selbst komplexe biopsychosoziale Geschöpfe sind, lassen sich nicht mit einfachen algebraischen Formeln beschreiben. Diese schlichte Wahrheit wird von der herrschenden ökonomischen Lehre, die durch formale Exaktheit zu glänzen versucht, beharrlich ignoriert. Einstein, der selbst zur Weiterentwicklung formal-mathematischer Methoden im Rahmen der Relativitätstheorie beitrug, hatte gesagt, dass man mit der Mathematik alles beweisen könne. Sie »ist die einzige perfekte Methode, sich selber an der Nase herumzuführen.« Die neoklassischen Ökonomen machen eifrig Gebrauch davon. Vor allem kritisieren wir zu Recht die von ihnen übertriebene, dem Gegenstand (soziale Beziehungen, Produktionsverhältnisse) nicht gerecht werdende Anwendung der Mathematik, die richtig genutzt, durchaus hilfreich sein kann. Verbunden mit unrealistischen, »heroischen« Vereinfachungen, wie z. B. der unbegrenzten Teilbarkeit ökonomischer Größen, der Stetigkeit und damit Differenzierbarkeit von von willkürlich konstruierten Angebots-, Nachfrage-, Produktions- und anderen Funktionen, täuschen die Modelle eine Exaktheit vor, die es in den Sozialwissenschaften nicht gibt. Die Mathematisierung der theoretischen Ökonomie hat in die Irre geführt. Ausgesprochen belustigend muss es uns erscheinen, um nur ein Beispiel zu erwähnen, wenn in den Gleichgewichtsmodellen der Mikroökonomik der Schnittpunkt zweier nicht existierender Kurven, der Angebots- und Nachfragekurve, ermittelt wird.

  27. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Stephan Wohanka, Neuteutonischer Furor oder vox populi?, 20. Jahrgang, Nummer 2, 16. Januar 2017

    Sehr geehrter Herr Wohanka,

    Sie reden zu Recht von Sprache, denn tatsächlich bilden unsere Begriffe und die gedankliche Syntax unsere Welt. Politik ist vor allem dies – Sprache. Jedenfalls dort, wo sie noch nicht in zwei andere Kommunikationsformen umschlug, das Schweigen oder die Gewalt. – Haben Sie vor diesem Hintergrund nicht den Eindruck, dass die Ursache des Ungemachs von einer Kontroverse um die Semantik ausgelöst ist – hinsichtlich „Europa“, „Demokratie“, „Bildung“, „Mitte“ und all dieser Leitbegriffe der von Ihnen gelobten Spät-Demokratie der Berliner Republik? Dass mittlerweile sehr kontrovers und gefährlich – Die Geschichte ist immer gefährlich! – eine Revision von Begriffen und Leitsätzen im Gange ist, die in den letzten Jahren allzu selbstverständlich instrumentalisiert wurden? Die Seibertsche Verlautbarungsrhetorik dürfte dafür ein Schulbeispiel liefern. Ich kann zumindest linguistisch kaum noch einen Unterschied erkennen zwischen der „unverbrüchlichen Freundschaft zum Lande Lenins“ und dem „Bekenntnis zu Europa“, insofern zu beidem keine weiteren Fragen gestellt werden sollen. Was war das „Land Lenins“ mehr als ein stalinistisches Gewaltkonstrukt? Was ist „Europa“ mehr als eine Folge des Marktes, wie es die Bezeichnung EWG noch redlich auswies, mit Betonung auf dem W.? – Dass diese Revision von rechts erfolgt, dürfte davon verursacht sein, dass die sog. Linke zu gesellschaftskritischer Wirksamkeit nicht in der Lage ist, weil sie sich korrumpiert und unkritisch in der sog. „Mitte“ einrichtete und zum systemimmanenten Establishment gehört. Überhaupt ist der Bürger vom Verbraucher abgelöst, mithin das Bürgerrecht vom Verbraucherrecht, die Verfassung von den AGBs.

    Erstarrten nicht ganz entscheidende Begriffe zu Phrasen und Lebenslügen, von denen es dann per Zuschreibung hieß, sie trügen „Grundvereinbarungen“? Die eigentlich nie jemand vereinbarte?

    So erlebte ich es in der untergehenden DDR: Die staatstragenden Legenden waren plötzlich nicht mal mehr Legenden. Dies ließ alles schneller stürzen, als es ökonomische oder soziale Missstände vermocht hätten. Die DDR ging m. E. eher an ihren Lebenslügen, also an ihren nicht mehr nachvollziehbaren Semantiken und Konnotationen zugrunde als an ihrer rissigen Ökonomik. Eine kritische Masse ertrug die fragwürdigen Zuschreibungen nicht mehr, ganz im Sinne des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern.

    Die Rechte hat bei dieser semantischen Revison die Initiative, weil sie als einzige Kraft bislang nicht zur Systemsteuerung der Berliner Republik gehörte. Dass dabei unangenehme Typen mitwirken, gehört zur Natur der Sache. Nicht alles findet im Salon statt. Die Rechte zu pathologisieren, weil das allein tröstet, wäre der nächste Irrtum. Vielmehr gilt es zu fragen, welche Ursachen der Rechten zu dieser Kraft verhalfen. – Glauben Sie, die Demokratie der Berliner Republik ist wesentlich mehr als ein zum politischen Prinzip erhobener Konsumenten-Utilitarismus? Und glauben Sie, diese Demokratie verfüge über eine vitale Verteidigung? Haben Sie den Eindruck, unsere Schulen wären etwa noch willens und in der Lage, einen urteilskräftigen Citoyen auszubilden, der über das Vermögen des zusammenhängenden Denkens und gar über qualifizierte Sprache und Urteilskraft in der Weise verfügte, wie er zudem gegen die Entropie des Konsumismus auch noch die Haltung aufbrächte, für etwas einzustehen, was über seinen Gehaltszettel, mediale Discounter-Unterhaltung und den Hedonismus des Prenzlauer Bergs hinauswiese? Finden Sie die kunterbunte Republik mit all diesen verphrasten Bezügen zu Toleranz um jeden Preis, Akzeptanz von allem und jedem wirklich klar und glaubwürdig – gar in der Weise, dass diese sich alternativ wähnende Antifa-Jugendkultur unfreiwillig skurril die junge Garde von Merkel, Gabriel und Gauck stellt? Gegen rechts? Diesem letzten Pauschalkonsens der bunten Republik?

    • Stephan Wohanka sagt:

      Sehr geehrter Herr Bosselmann,
      die entscheidende Frage Ihres Textes lautet: „Glauben Sie, die Demokratie der Berliner Republik ist wesentlich mehr als ein zum politischen Prinzip erhobener Konsumenten-Utilitarismus?“ Ja. Jedoch kein vollmundiges, keines mit Fanfare, aber dennoch ein Ja. Was mich zu dieser Schmallippigkeit verleitet, sind die Schwächen und Defizite dieser Demokratie, die Sie aufzählen; wobei mich noch zusätzlich irritiert, was gemeinhin als „blind auf dem rechten Auge“ bezeichnet wird; Stichwort „Dönermorde“ oder „Aufklärung“ des NSU. Und damit sind wir bei der „Rechten“, die – wie Sie sagen – „bei dieser semantischen Revison die Initiative hat, weil sie als einzige Kraft bislang nicht zur Systemsteuerung der Berliner Republik gehörte“. Richtig. Aber was oder wer ist die Rechte? Sie belassen es bei der wenn nicht kryptischen, so doch indifferenten Qualifizierung „Dass dabei unangenehme Typen mitwirken, gehört zur Natur der Sache. Nicht alles findet im Salon statt“. Ehe ich es konkret mache – noch eine Anmerkung: Sie wissen es wie ich: Es gibt Rechte, die halten den deutschen Nationalsozialismus für ein linkes Unterfangen! Nachtigall, ick hör dir trapsen… Also – wer sind die Rechten? Trump? Was sich bisher sagen lässt: Die USA sind in seinem Verständnis eine Export-Import-Agentur im Auftrag der – bitte schön – amerikanischen Handarbeiter; ich meine das nicht despektierlich, aber die massenhaften Demonstrationen gegen Trump beweisen – es gibt auch noch andere „Arbeiter“ in den USA. „America First“ ist das Versprechen, mit dem er tatsächlich rund 62 Millionen Stimmen für sich gewinnen konnte; immerhin rund drei Millionen weniger als seine Konkurrentin Clinton. Petry respektive die AfD? Noch ist nicht genau raus, was da (möglicherweise) werden soll. Noch irrlichtert die Partei: Will sie neoliberale Erbin der FDP werden (Meuthen) oder aber „Anwältin der kleinen Leute“ namentlich des Ostens (eher Gauland)? Ich habe dazu im Blättchen 7/ 28. März 16 geschrieben. Besser als das, was diese „Demokratie der Berliner Republik … als ein zum politischen Prinzip erhobener Konsumenten-Utilitarismus“ zu bieten hat? Da hab ich meine Zweifel! Le Pen, Wilders …? Ich nenne bewusst „politische“ Namen, denn es geht in unseren Disput um die politische Form. Ich könnte auch „Theoretiker“ nennen wie Kubitschek – wobei wir bei der “ vitalen Verteidigung“ dieser Republik wären, neben der Schule. Dazu nur das: Was die Schule, ihre Qualifikation für die Ausbildung eines „urteilskräftigen Citoyen“ angeht, so wage ich kein Urteil. Ich beobachte lediglich zwei Enkellinnen, die Abitur gemacht haben bzw. machen – und bin höchst überrascht: Was diese Mädchen leisten und was sie vermögen lässt mich sicher sein, dass sie über die Ihnen angemahnte „qualifizierte Sprache und Urteilskraft“ verfügen. Aber – wie gesagt – ein Einzelbild… Vitale Verteidigung also: Ich könnte auch wieder mit den USA beginnen – mit den „Alt Right“, den Alternativen Rechten. Mit Richard Spencer, der mit „Heil Trump“ einen neuen Führer ausruft. Bleiben wir bei K.: Es ließe sich viel über seine Ansichten, schreiben. Ich will es bei einer Aussage belassen: „Wo kommt diese Fernstenliebe her? Ich verstehe das nicht“. Er meint damit, dass Deutsche eher Deutschen zugewandt sein sollten, nicht „fernen“ Menschen; man könnte auch sagen – nicht Menschen im Allgemeinen. Ich wiederum kann mit der Fernstenliebe wenig anfangen, plädierte auch nicht für „Nächstenliebe“, sondern eher für „Menschenliebe“; da stünde ich in der Tat in gewisser Nähe zur „kunterbunten Republik mit all diesen verphrasten Bezügen zu Toleranz um jeden Preis, Akzeptanz von allem und jedem“. Ihre harsche, berechtigte Kritik daran und auch die vieler anderer einrechnend – was wären tragfähige alternative Ideen, Vorstellungen zu ihr, die über lediglich eine andersartige Problembeschreibung hinausgingen? Haben Sie Vorschläge? Wie kann man „Europa“, „Demokratie“ usw. wieder den Rang einräumen, der ihnen zukommt?

    • Henry Förster sagt:

      Mit der Bitte um peronalisierte Vorstellungen von dem, was Herr Bosselmann unter „den Rechten“ versteht, ist mir Stephan Wohanka zuvorgekommen; ich möchte diesen Wunsch nur bekräftigen . Undzwar nicht mit polemischer Absicht, sondern weil eine Präzisierung helfen könnte, die allemal interessanten und bedenkenswerten Überlegungen Bosselmanns noch besser verstehen zu könnnen.

    • Heino Bosselmann sagt:

      Sehr geehrter Herr Wohanka,

      vor allem möchte ich mich für Ihre Fairness bedanken, erschienen mir meine Einlassungen doch im Nachhinein als zu polemisch.

      1.) Tatsächlich glaube ich, dass in der permanenten Präsenz solcher Worte wie „Europa“ und „Bildung“ nicht sogleich klar wird, was der Sprecher genau meint. Es muss mittlerweile klargestellt werden, was gemeint ist, insofern diese Begriffe einer ideologischen Worthülserei ausgesetzt waren, die ihnen die semantische Kontur nahm. Es gibt dazu immer weniger Konsens zwischen den Sprechern. Besonders signifikant dabei der Gebrauch des Wortes „Europa“. Was ist etwa damit ausgedrückt, wenn Elmar Brok und Jean-Claude Juncker als begeisterte „Europäer“ gelten? Übrigens interessant, darüber gründlich nachzusinnen. –

      2.) Was ferner die Demokratie und deren Wert betrifft, der wiederum in ihrer Lebendigkeit liegt, bedauere ich zum einen, dass sie sich mindestens in Ostdeutschland aus der Fläche verabschiedete und schon in Gemeinden und Landkreisen – also dort, wo sie im Sinne der Polis begann – kaum mehr erlebbar ist. Zum anderen wurde durch Leitstellen politischer Bildung allzu lang per se didaktisch herausgestellt, was Demokratie sein soll, was wiederum eine Verkürzung auf „Political Correctness“ zur Folge hatte. – Mag etwa das Verschwinden des Konservatismus aus dem Spektrum der Parteien und der Publizistik dazu geführt haben, dass den selbstreferentiellen Wahrnehmungen und Darstellungen von links bis Mitte ein Korrektiv fehlte, insbesondere ein philosophisches, bspw. anthropologisches und geschichtswissenschaftliches? – Nachdem die alte Bundesrepublik in allzu vielen Bereichen zunächst bruchlos mindestens an das Personal des Dritten Reiches angeschlossen hatte und kraft „Wirtschaftswunder“ eine quasifaschistoide Spießigkeit, Behäbigkeit und Selbstgefälligkeit auszubilden begann, führte wiederum die 68er Korrektur dessen zu einer gesellschaftlichen Neurotisierung, deren Fehlwahrnehmungen konservatives Denken sogleich pathologisierte und ihm – ebenso wie dem dann verteufelten Nationalismus – vorwarf, bereits genotypisch faschistisch zu sein, insofern alles, was konservativ oder rechts begänne, sich unweigerlich quasi evolutionär rechtsradikal auswachsen würde. Während schon als links gelten durfte, was in der Weise der 68er Bürgersöhnchen, ausgestattet mit Papas Taschengeld, trivialmarxistisch bramarbasierte, sich aber mehr und mehr eine zweifelhafte Soziokultur nach eigenem Bilde zu schaffen verstand – weich, kunterbunt, vermeintlich tolerant, gerechtigkeitsrhetorisch im Überbau, neoliberal jedoch an der pragmatisch-kapitalistischen Basis. Für mich ist es ein Phänomen, dass gerade die sozial ungerechte Gegenwart sich ein Gerechtigkeitsvokabular schuf, wie es so nie existierte.

      Nach meinem Eindruck wird Demokratie eher beschworen als gestaltet. Die Worte sollen die gewünschten Tatsachen erschaffen, nicht umgekehrt; sie fungieren als Zauberworte. Es ist wohltönend die Rede von Demokratie, und sie existiert grundgesetzlich vereinbart, zum Glück; ob sie indessen lebendig ist, bleibt die Frage. Lebendig ist der Konsumismus vor Hintergrund des Ökonomismus. Business as usual. – Interessant wäre eine Umfrage, welche Grundrechte den Bürgern gegenüber ihrem Bedürfnis nach Versorgung und Sicherheit wichtig wären und aus welche sie zugunsten sicherer Wohlfahrt schnell verzichten würden, weil sie diese Rechte ohnehin nicht wahrnehmen.

      3.) Hinsichtlich Bildung kann ich nichts beweisen. Ich unterrichte an einer kleinen Regionalschule und habe dort den Eindruck, dass es grundsätzlich schwerer fällt, die elementarsten „Kompetenzen“ zu vermitteln, nämlich das Schreiben und das Lesen, mithin das Wort und die Rede, die ihrerseits Voraussetzung einer demokratischen Debattenkultur sind. Ebenso wie das Urteilen im Gegensatz zum bloßen Meinen, das die Talkshow-Kultur bestimmt. Insofern dürfen Sie sehr erfreut sein, dass ihre Enkelinnen dergleichen offenbar beherrschen.

  28. Jörn Schütrumpf schreibt: „Bisher liegt der ‚realexistierende Sozialismus‘ wie ein Alp auf den Hirnen der Lebenden. Davon emanzipiert man sich nicht, indem man ‚die Geschichte abhakt‘.“ („Blättchen“ 2/2017)

    Wahre Worte! – Wie wäre es statt dessen mit einer materialistischen Analyse, die am Begriff der „Klasse“ ansetzt? Bei Marx und Engels wird man hierzu keine klare Definition finden, wohl aber eine Fülle von Beispielen: Bourgeois, Adel, Kleinbürger, Bauern, Proletarier, aber auch Bürokraten und Literaten werden mit diesem Begriff bezeichnet. – Wendet man diese Kategorien nun auf die vom Autor erwähnte Gesellschaftsform an, so kann man feststellen, dass es sich um die Herrschaft einer bürokratisch organisierten neuen Klasse handelte, die ihr Land mit despotischen Mitteln industrialisierte und modernisierte, bis sie es dann ratsam fand, sich den akkumulierten Reichtum privat anzueignen. – Den skizzierten Ansatz habe ich in einem Buch verfolgt, das 2006 erschien.

    Auf der Suche nach einem „Gegenentwurf“ könnte man bei der „Diktatur des Proletariats“ ansetzen und sich zunächst fragen, was Marx mit dieser widersprüchlichen Formel eigentlich meinte. Man könnte dann Gramscis Begriff der „Hegemonie“ aufgreifen, der eine allgemeine Einschätzung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse erlaubt. Man könnte argumentieren, dass dieser allgemeine Begriff den Sonderfall der „Diktatur“ in sich enthält und folglich im dialektischen Sinne aufhebt. Die gegenwärtigen Verhältnisse könnte man folglich als „Hegemonie des Kapitals“ charakterisieren. Daraus ergibt sich recht zwanglos ein Gegenentwurf, der allerdings so lange abstrakt bleiben muss, bis er in einer öffentlichen Diskussion konkretisiert wird. – So bin ich in einem Buch vorgegangen, das 2010 veröffentlicht wurde.

    Weitere Worte erübrigen sich, da ausführlichere Informationen zu den erwähnten Büchern über das Link im Kopf dieses Kommentars zugänglich sind.

    Seit 2012 schreibe ich nun im „Blättchen“ über diese und ähnliche Themen – auch hierzu ist eine Übersicht online verfügbar:
    http://das-blaettchen.de/?s=Bernhard+Mankwald
    Die gewünschte Debatte habe ich damit bisher leider nicht ausgelöst. Wer eine solche Debatte nicht führen mag, sollte sich aber auch nicht über geistigen Stillstand beschweren.

  29. Reiner Holz sagt:

    Zu Werner Richters klassenstadtpunkttreuer Einlassung ist mir eine Parabel eingefallen, die ich mal im Blättchen gelesen und aufgehoben habe und nun hier nochmal wiedergebe; weiß der Kuckuck, warum …

    (…) Ich sage nie mehr vielleicht/Ich schrei‘ hinaus was ich fühl’/Und setze alles auf’s Spiel/Ich will mehr/Ich will mehr/Ich will alles
    Nie mehr bescheiden und stumm/Nie mehr betrogen und dumm/Nein!
    Ich will alles/Ich will alles/Und zwar sofort (…)
    Gitte Haenning (Große dänische Häwelfrau)

    Der große Häwelmann
    Von Horst Jakob
    Es war einmal ein großer Junge, man könnte auch Mann sagen. (Gender-Anmerkung: wahlweise wäre natürlich auch die Kombination Mädchen oder Frau statthaft.)
    Nicht so sehr aus nächtlicher Langeweile, mehr aus einem unstillbaren Trieb heraus, die Welt zu ergründen und sie vor allem zu verbessern, erwies Häwelmann der Menschheit durch entschlossene Forderungen an die schlechte Welt, sich radikal hin zum final Guten zu verändern, einen immerwährend unschätzbaren Dienst.
    Was immer von anderen versucht oder auch verhindert wurde, das Leben von Vielen besser zu machen, so konterte er das mit dem Hinweis darauf, dass dies alles viel zu wenig sei und außerdem alles nur die Symptome beträfe, nicht aber die Wurzel. Da dies mit ihm nicht zu machen sei, senkte er seine Daumen Mal um Mal. Kam mal jemand mit Halbgegarten oder gar klassenfeindlich Perfidem, was für ihn eh das gleiche war, pfiff er überlegen und verächtlich durch seine Zähne; wusste doch niemand so gut wie er, was eigentlich zu tun wäre. „Mehr, mehr“ war seine Losung, ob er diese nun mutig hinausschrie oder in Leserbriefe fasste. „Mehr, mehr!“: Die Sonne solle nicht nur gelegentlich sondern immer und vor allem für alle scheinen, ab morgen und überall!
    „Mehr, Mehr, mehr!“ Das Paradies auf Erden! Allen solle es gut gehen und zwar subito, postulierte er, die widrigen ihn umgebenden Umstände, die Klassenfeind und Parteifreund zu verantworten hatten dabei unnachgiebig brandmarkend.
    Für Optimierungsversuche unterhalb dieses Niveaus war der große Häwelmann nicht zu haben, für all die knieweichen Kompromissler unter den anderen und also nicht wahren Häwelmännern, hatte er nur tiefe Verachtung übrig.
    Weil die ungebildeten Realitäten sich den Forderungen des großen Häwelmann aber nicht so ohne weiteres fügen wollten, und die, sie sich damit realiter herumschlugen, nicht einsichtiger und für die revolutionäre Apokalypse nicht zu gewinnen waren, wurde seines Schreiens nur immer lauter: „Mehr, mehr, mehr!“
    So strebte er, begleitet von anderen großen Häwelmännern, zur Sonne, zur Freiheit, dem Lichte empor.
    Leider erst im Fallen erinnerte er sich daran, dass ihm das als kleiner Hävelmann schon einmal passiert war.

    • Werner Richter sagt:

      Alle Achtung, Herr Holz, getroffen! Zwar keine „10“, aber immerhin. An dieser Einordnung ist gewiß was dran. Verzeihen Sie, aber das zu meinem Klassenstandpunkt ließ mich zuerst lachen, war das doch genau der zentrale Vorwurf in meinem Parteiverfahren, diesen Klassenstandpunkt eben nicht zu haben, weil ich mir anmaßte, zweifelnde Fragen zu Parteibeschlüssen und Theoriefragen latent und öffentlich zu stellen, nebst meinem sonstigen oft provokatorischem Verhalten. Letzteres war jedoch sekundär. Und nun ist mein Klassenstandpunkt Gegenstand der Kritik. Wie sich die Zeiten ändern… Andererseits beruhigt es mich, einen Klassenstandpunkt bestätigt zu finden, ansonsten hätte ich Grund zur Beunruhigung. In der Tat achte ich sehr darauf, diesen nicht zu verlieren, um nichts auf der Welt. Das ist nicht verwunderlich, entstamme ich doch altem Maxhütten-Adel, habe dessen Lebensumstände abseits jeglicher, auch noch so erbärmlicher Privilegierung von klein auf erfahren und nie verleugnet. Es macht stolz, besser: zufrieden, mich dieser Herkunft nicht entledigt zu haben, auch wenn ich dann andere soziale Wege gegangen bin. Die Klassenfrage, allen Unkenrufen zum Trotz, existiert, nicht nur für mich, weiter und zwar verschärft. Wobei die Definition der Klassen wohl anders zu finden ist als mit der alten Holzschablone. Daran ändern auch unverbindliche, vom „Klassenstandpunkt“ losgelöste Betrachtungen der Welt nichts. Ist doch so schlecht nicht, wenn ab und zu eine solche Verbindung eingeworfen wird. Schadet das jemandem oder wird jemand unangenehm an Leichen im Keller erinnert?
      Übrigens, der mit der Leitung des Parteiverfahrens als Bewährungsfeld beauftragte Nachwuchsleiter, inoffiziell als „Kronprinz“ gehandelt, war nach der Fama der erste, der sein Parteibuch abgab, der CDU beitrat und in der Treuhandanstalt eine hoffnungsvolle Karriere startete. Alles innerhalb weniger Tage.
      „Der kleine Häwelmann“ war eines der ersten Bücher, das ich zu Weihnachten bekam. Ich mochte es nie so richtig, irgendwie langweilig. Mir scheint jedoch diese Geschichte weitaus ambivalenter erzählt, als allgemein angenommen. Ich würde mich da nicht so einseitig festlegen. Den Text von Gitte finde ich auch gar nicht so verkehrt, aber leider mag ich ihre Dudelei auch nicht.

  30. Werner Richter sagt:

    Zu „Das Weltsystem verstehen“ von Erhard Crome
    Natürlich sind auch manche Marxsche Abhandlungen eurozentristisch abgefärbt, wie sollte es anders. Es kann angenommen werden, er himself würde dies heute unterschreiben, folgte er seinem Motto: Alles immer wieder in Frage stellen, selbst seine eigenen Erkenntnisse. Aber Vorsicht, in der Badewanne, schon arg schräg, sitzt noch das Kind! Soll fragen, was von Marx ist zu revidieren? Auf jeden Fall fallen einige Gedankengänge, die empirisch Geschichtsverläufe beschreiben, in diese Kategorie. Nobody is perfect, auch Marx nicht. Allerdings kann daran gezweifelt werden, ob seine systematisch-logischen Ableitungen, also jeder konkret gesellschaftlichen Form entledigten Erkenntnisse darunter fallen. Diese Verwischung ist seit seiner Lebenszeit immer wieder Lieblingsmethode seiner Grabfesttrampler, nicht sehr neu und schon in vieler Gestalt erfahren. Äußeres Symptom dieser Bemühungen ist seine Gleichsetzung mit anderen Theoretikern, hier müssen Sombart, Weber und Polanyi herhalten. Ausgerechnet Polanyi, meines Wissens selbst nach Schumpeter eine Null als Theoretiker. Ohne Marx als Säulenheiligen anzubeten, keine andere Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie hat seither so allumfassend und in sich widerspruchsfrei alle wesentlichen Zusammenhänge in hoher Abstraktion erklären können, woran auch Frank und andere nichts ändern werden. Wie gesagt, es ist wird hier der alte Streit zwischen empirischer und logisch-systematischer Geschichts- und Gesellschaftstheorie wieder aufgenommen. Wie groß muß der Drang zur Marxrevision sein, was veranlaßt dazu, was macht die Gedanken auch eines Frank so attraktiv? Ist hier vielleicht die aktuelle Strategie mancher linken Kreise, systemische Kapitalismuskritik zurück zu fahren, das Verteilungsproblem in den Vordergrund der Gesellschaftsproblemlösung zu stellen und regierungsfähig zu werden, dahinter zu erblicken? Wir werden sehen.

  31. Werner Richter sagt:

    Zu „Neoteutonischer Furor oder vox populi?“ von Stephan Wohanka
    Zum Vaterlandsverteidiger tauge ich nicht, melde mich deswegen ab. Vielleicht reicht es zur Allianz der Willigen, viel Glück! Aber dabei nicht vergessen: Vorhut, Seitensicherung und Nachhut, sonst kann es unliebsame Überraschungen geben. Ja, Demokratie gibt alle Möglichkeiten. Ist das auch im Demokratietheater so, schreibt da nicht einer Text und Handlung vor? Leben wir mehr in einer Demokratie oder mehr im gleichnamigen Theater? Diese Fragen stehen vor einem Marsch zur Verteidigung des Landes, gegen wen und wofür denn eigentlich? Der Fall Holm jedoch wirft mehr Fragen zur Rechtsstaatlichkeit auf als von ihm selbst vorschnell – nach dem Zitat – mit Lorbeer beantwortet. Eine etwas ernüchternde Einschätzung dazu gefällig?
    https://www.heise.de/tp/features/Pro-Mieter-Politiker-Holm-zurueck-in-der-Apo-3597704.html
    https://www.heise.de/tp/features/Klassenkampf-mit-der-Stasi-3597536.html
    Es ist durchaus Platz für Zweifel an dieser realen „Demokratie“ gegeben.
    Ist die kultivierte Sprache denn d a s Maß der Dinge oder nur Symptom realer politischer und gesellschaftlicher Vorgänge, die (auch) berechtigte Empörung hervorrufen? Wenn ersteres stimmte, müßte man auch Stephane Hessel als Geburtshelfer der an die Oberfläche gespülten Hasssprache identifizieren. Abwegig.

  32. Peter sagt:

    Zu Werner Richter 10.01.
    Ich finde viele ihrer Einlassungen meinem Gusto entsprechend, daher gut. Ich meine Sie hangeln an dem, was mit Nation gemeint ist, am „Problem“ vorbei. Worte transportieren ganze Welten, von daher ist die Definitionshoheit so wichtig.
    „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse. MEW 4, S.459“ Da kann wie zufällig anderes verbreitet werden, gleich zu Anfang über Herrn Putin. Ein ganz normaler Präsident, der die Interessen seines Landes durchsetzen will. Es geht so weiter, es muss doch auch immer gefragt werden, in welchem Zusammenhang ist Nation gemeint, wirtschaftlich ist nur noch Made in.. übriggeblieben und es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Nation da nichts zu suchen hat. Die freie Freiheit sei da eingeschränkt. Schöne Definitionen habe ich hier gelesen. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2016/06/J%C3%BCnke-Wood.pdf

  33. Erich Warlitz sagt:

    Leider sind, wie mir scheint, nicht alle Diskussionen im Bl. in Argumentationsstil und Inhalt interessant und lohnend. Da es hier offensichtlich anders ist, einige Überlegungen, die sich mir beim Lesen des Bosselmann-Kommentars einstellen:
    Tatsächlich hat die Nation als Staatsvolk noch eine Funktion im Sinne des Schulterschlusses der Bürger (und der Bürgerinnen, vergessen wir doch die Bürgerinnen nicht) – und das gerade angesichts einer krisenhaften Entwicklung. Wenn eine hohe Anzahl der Linken und Rechten (Afd) einen fremden Präsidenten, noch dazu einen so offensichtlich minderwertigen Potentaten wie Putin, der frei gewählten eigenen Regierungschefin vorziehen – so ist das ein bedenkliches Anzeichen für die fortgeschrittene Zersetzung der Nation. Wenn besagter Potentat über Bots, Trolle und den deutschen Wutbürger eine Desinformationskampagne durchzieht, und mit Erfolg – dann bestätigt das diese Vermutung. Ebenso, wenn außer den genannten linken und rechten Wutbürgern ganz offensichtlich ein nicht geringer Teil der blauäugig ins Land geholten russischen Kolonie sich wie eine fünfte Kolonne geriert. Oder wenn der islamistische Terror das in seinen Werten andersgelagerte Abendland versucht weichzukochen und/oder sturmreif zu bomben. Oder wenn ein Erdogan einen wesentlichen Teil „unserer“ Türken in ähnlicher Weise gegen die deutsche Regierung einsetzt wie Putins hier siedelnde Gefolgsleute – siehe z.B. „unsere Lisa“. Ebenso wenn Gutmenschen jeden Versuch, wieder Ordnung im Lande, also die hier gültigen Gesetze durchzusetzen, zu schaffen, als völlig unzulässigen Verstoß gegen die Menschenrechte usw. diffamieren. Auch sollte die Gewährleistung der Landesverteidigung unter dem Rekurs auf die Nation erfolgen – die Kommunisten wussten schon, warum sie ihr Militär NVA genannte haben. Lange Rede, kurzer Sinn: Ja, innerer Zusammenschluss auch im Sinne von Abgrenzung ist von Nöten.
    Die Nation jedoch pauschal gegen Europa und/oder die EU in Stellung zu bringen, das schießt m. E. über das Ziel. Das eben exerzieren ja wohl die Autoritären in Polen und Ungarn, nur mal als Beispiel. Ich bleibe dabei, dass die EU-Integration ein gewaltiger Erfolg ist, der leider durch einige unkluge Entscheidungen – wie den Euro und ein zu hohes Tempo – aufs Spiel gesetzt wurde.
    Allgemeiner gesagt: Das Hantieren mit der Nation, und dessen sollte man sich klar sein, bleibt eine hochgefährliche Angelegenheit, das Balancieren auf einem Rasiermesser. Denn nachdem die Religion immer weniger als Mittel der Massenmobilisierung gegen den Feind taugte, musste die Nation herhalten. Um wieder einmal ein Marx-Wort zu paraphrasieren: Die Nation ist aus jeder Pore bluttriefend zur Welt gekommen – und das nicht nur in Europa, sondern weltweit. Und auch noch Ende des vorigen Jahrhunderts: im Jugoslawien-Krieg. Und auch der aktuelle Nahost-Konflikt ist ein nationaler Konflikt, in den die Religion als Brandbeschleuniger hineingeblasen wird. Also: der Schoß ist fruchtbar noch …
    Genau das, was Bosselmann weiter unten systemtheoretisch benennt, macht die gefährliche Doppelnatur der Nation aus: Sie stärkt die Ingroup durch deren Zusammenschluss – und diskriminiert die Outgroup, macht sie irgendwann zum Feind. Das ist die Übertragung der menschlichen ersten Natur, der psychologischen Grundausstattung des Menschen, von der Jäger- und Sammler-Gruppe auf so hochkomplexe Gebilde wie den Staat. Nur nebenbei: Auch Schimpansen machen das schon so. Sie versuchen, wenn es ihnen möglich ist, die benachbarten Gruppen zu dezimieren, um sie dann zu vernichten. Moralisch vorbereitet wird das, wie Goodall meinte, durch eine „Deschimpansierung“, analog zur „Entmenschlichung“ bei ihren humanen Verwandten.
    Erich Warlitz

    • Werner Richter sagt:

      Was so alles mit einem Wort, Begriff, einer Definition angestellt werden kann! „Nation“ fällt in letzter Zeit häufig, auch Derivate davon. In der Regel geht das Gerede darüber vom Wort, aus ihm selbst aus, den Nabel im Inneren annehmend. Ist Nation Faktum oder eine Idee, ein reales Gebilde oder eine bestimmte Menge von Beziehungen, zu „Nation“ gekürt? Überlegungen zu „nationalen Fragen“ müßten auch das erfassen. Tut es das zumeist? Ich finde überwiegend das Wort als faktisch angenommen, weniger hinterfragt. Das Wort Nation – Einheit, von was, ohne die Einheit des Rechtes für alle, unter Brücken schlafen zu dürfen? Ohne die Vernichtung von Teilen der bis dahin definierten Nation, aus welchen Gründen auch immer? „Nation“ als Leim auf der Rute, Asylrecht abzuschaffen, Folgen des in der Welt angerichteten Unheils abzuschotten, wiedermal zum Marsch für Freiheit und Demokratie gegen ausgewählte Feinde in deren Ländern zu blasen, ohne das Wort zu explizit zu gebrauchen, aber zu inflationieren? „Westliche Werte“ reicht als Synonym, scheint sogar begrenzt internationalistisch. Gerissen! Nicht von allen klug nur angetippt, wie vom vertrottelten AfD-Oberst. Entblödet sich nicht, die Nation-Hirngespinste als Faktum zu deklarieren, in denen man kräftig rumrühren kann. Hej Oberst: Man handelt als Zyniker danach, verrät das aber nicht! „Vertrottelt“ ist nicht ganz zutreffend. Es wird mehr Trottel geben, die Oberste werden, als Oberste, die Trottel werden. „Herr Oberst, jestatten Bemerkung, Herr Oberst sitzen verkehrt auf dem Pferd!“ Alte deutsche Krankheit.
      „Nation“ kann beliebig genutzt werden. Und kurios, was auf die Unbestimmtheit des Begriffes, das Mythische und Mystische, kaum Reale, hindeutet. War doch in einer FS-Reportage über die Herstellung uralthergebrachter Käsesorten in den Alpen ein Käse als „steyrisches Nationalgericht“ ausgemacht worden. Ausgerechnet Käse. Steyrische Nation oder österreichische oder beide?
      Zwischen Nation als Faktum und „Völkischem“ ist nicht viel Platz, hört man jüngst auch wieder oft. „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“, mehr hab ich nicht, schreiben kann ich‘s auch nicht richtig, aber hinausbrüllen kann ich‘s. Wozu soll ich überhaupt auf irgendetwas stolz sein? Reicht es nicht einfach Mensch zu sein?
      Wie verantwortlich handeln „seriöse“ Politiker, die um ein paar Stimmen zur nächsten Wahl halber „die Sorgen und Nöte des Volkes (natürlich ohne das der „Nation“ im „völkischen“ Sinne nicht zugehörende) ernst nehmen“, also verstehend nicken und Mitgefühl vortäuschen, aber eiskalt ein Stückchen auf dieser Schiene hinterherrollen? Dann sind es auch logisch ausländische Potentaten, die böswillig die „Einheit der Nation“ spalten, die es unter Führung der bewährten Parteien jetzt gemeinsam, hinter den besorgten Parteien stehend, zu wahren gilt. Unabhängig von dem was eben diese Frauen und Männer bisher verbrochen haben, leider in unverantwortlichen Dokumentationen wie „Bubis-das letzte Gespräch“ (ARD-Mediathek) immer wieder aus der Grube geholt. „Stopp fake-news“, von westlichen Mächten seit 3 Jahren erfolgreich in der Ukraine getestet und jetzt hierzulande in Stellung gebracht, wird damit aufräumen. Bei einigen gar nicht mehr nötig.
      Es wäre für alle gesünder, dem Begriff handfestere Bedeutung zu geben, als dem nationalen Geschwafel der Vernebelung zu folgen, ihm Berechtigung zuzusprechen, der Debatte mit mehr Vorsicht und Mißtrauen zu begegnen.

    • Erhard Crome sagt:

      Ich weiß, werter Herr Richter, Sie lesen nichts mehr und schreiben nur noch. Für alle anderen: Auch das Thema Nation ist wissenschaftlich bearbeitbar. Hier zwei Hinweise:
      https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/manuskripte28.pdf
      Detlef Nakath / Heinz Vietze (Hrsg.): Die Linke und die Nation. Möglichkeit oder Widerspruch?
      WeltTrends, Potsdam 2014
      Wünsche weiter frohes Schwadronieren!
      Beste Grüße
      Erhard Crome

    • wolfgangbr sagt:

      Lieber Herr Richter, um welchen Käse handelt es sich? Ich bin demnächst in der Steiermark und würde das gerne überprüfen…
      Ihr Brauer

    • Werner Richter sagt:

      Dank für die Blumen, Herr Crome, sie riechen nur etwas, mit hoher Nase merkt man das nicht so. Es war eben mein Anliegen, nach Schwadronieren in höheren Regionen zu fragen und hinzuweisen, Bodenhaftung zu wahren. Ja, wer schwadroniert da.
      Den Käse kann ich nicht mehr genau bestimmen, lieber Herr Brauer, da auswärts und damit begrenzt internetfähig, aber in Mediatheken von ARD bis Phönix bestimmt nachzuriechen. Guten Appetit!

  34. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Polens Rolle rückwärts von Gerd Kaiser
    Polenkenner werden es noch im Gedächtnis haben – nach der Sejm-Wahl im Oktober 2015 titelte das politische Feuilleton: Mit 19 Prozent absolute Mehrheit für PiS. Kaiser schreibt: „Im Oktober 2015 wählte knapp die Hälfte aller Wähler im Land, 46,8 Prozent, die PiS“. Wer irrt hier?
    Wohl Kaiser, denn setzt man die Zahl der abgegebenen Stimmen gleich 100, dann errang die PiS nicht 46,8 Prozent, sondern nur 37,6. Setzt man jedoch „alle Wähler im Lande“ gleich 100, dann erreichte die PiS tatsächlich nur rund 19 Prozent, denn die Wahlbeteiligung lag bei lediglich 51 Prozent; die 37,6 Prozent halbieren sich dann quasi.
    Das ändert nichts an der grundsätzlichen Analyse des heutigen Polens, erklärt jedoch partiell den Widerstand im Lande gegen die aktuelle Regierungspolitik.

  35. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Stephan Wohanka, Die rechte Revolution (19. Jg., Nr. 26, 19. 12. 16)

    Vielen Dank! Treffende Analyse. Zwei ketzerische Gedanken jedoch:

    1.) Konsens dürfte darüber herrschen, dass sich die Linke – ob nun als Partei oder als intellektuelles Milieu – der als pauschal demokratisch verstandenen Hedonismus-Gesellschaft, der nichts über Ökonomismus und Konsumismus ging, in den Neunziger- und Nullerjahren geradezu angedient hat, weil sie ebenfalls „Mitte“ sein wollte. Eine grundsätzliche Kritik des Bestehenden – beispielsweise mit Blick auf die Bildungspolitik – war m. E. paradoxer- oder kurioserweise nur mehr aus der Position des verlorenen Konservatismus und von rechts her möglich. Und sie wurde dann auch gehört, freilich unter dem Vorwurf, alles Konservative und erst recht alles Rechte wären politisch nicht etwa nur umstritten, sondern reinweg pathologisch, worin ja gerade der übergreifende Konsens dieses Möchtegernkonstrukts der politischen „Mitte“ bestand und besteht. Ihr letzter Konsens, mündend in die billige Propagandaformel von Henkel bis Lafontaine: Gegen Rechts!

    2.) Nach wie vor erschließt sich mir überhaupt nicht, weshalb die Linke solche neurotischen Probleme mit dem Begriff der Nation hat und diesbezüglich ohne Not alle Plattitüden des Juncker-Europa nachplappert. Das klingt schon beinahe nach „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ Glaubt sie tatsächlich nach wie vor an Kants „Ewigen Frieden“ und schleppt sich mit ihrer Erblast ab, dem deutschen Idealismus Hegelscher Varietät, diesem metaphysisch verlarvten Christentum und seiner Eschatologie, alles wachse sich zum Ende hin doch noch weltgeistig „evolutionär“ zum Guten aus, passend zum zweiten Altgepäck der Linken, der fatalen Anthropologie Rousseaus, nach der der Mensch gut wäre und lediglich die Umstände ihn böse machten, so dass man eben die Umstände ändern müsse, um wieder einen guten Menschen zu ermöglichen? Hofft sie darauf, wir kämen nach wie vor irgendwann auf einem Plateau glückseliger Zustände an, wo der Wolf beim Lamm schlafen wird? Was sie mit Sein und was sie mit sie Bewusstsein meint, bringt die Linke häufig durcheinander. Ihr Versuch, einen Historischen Materialismus mit idealistischen Mitteln herzuleiten, erscheint von jeher fragwürdig. Während die Prozesse laufen, wie sie nun mal laufen, möchte sie Alternativen dazuerfinden, mit denen sie zu Utopien aufbrach, aber bislang hinter Stacheldraht landete. Noch bitterer: Wo die Linke je Staat machte, war sie quasi rechts und – mit Lenin – dicht bei Carl Schmitt.

    Und: Liegt nicht in dem verteufelten Begriff der Nation eine Möglichkeit von Maß, Beschränkung und Regelbarkeit, wie dies mit Abstrakta wie Weltgemeinschaft und Weltbürgertum nun mal unmöglich ist? Beispielsweise mit Blick auf den Laizismus. Entstanden die Territorialstaaten nicht u. a. als ein Reflex auf religiöse Gewalt- und Kriegsexzesse der frühen Neuzeit, mit der Konsequenz, dass Recht herrschen möge, um religiöses Heilsdenken vernünftig einzuhegen? Gar nicht zu reden von der Sprache, die kaum mehr ein Heranwachsender beherrscht, als mündiger Demokrat aber für Argumentation und Urteilskraft wenigstens leidlich gebrauchen können müsste. Das Vaterland gilt als reaktionär kontaminiert, die Muttersprache alsbald wohl ebenso. Ja, es sollte mitunter durchaus zurück gehen können, wenn es gilt, Sicherheiten und Verbindlichkeit wieder zu gewinnen. Die Reaktion hat innerhalb der Geschichte durchaus Berechtigung und Befugnis. Oft genug war sie Korrektiv.

    Insgesamt rate ich zur kritischen Prüfung sogenannter Leitbegriffe. Mit „Toleranz“ wird kein Konflikt entschieden, ebensowenig wie ein krieg allein mit Waffenstillstand beigelegt und dadurch zum Frieden würde.

    Mit Niklas Luhmann hat ein „System“ u. a. zwei Bedeutungen: Zum einen grenzt es sich von anderen Systemen ab, es diskriminiert, es unterscheidet also; und es betreibt in sich Problemreduzierung. Das könnte doch gerade gegenwärtig Aufgabe der Nation sein. Wenn wir noch eine hätten.

    • Ein anregender Kommentar von Heino Bosselmann! Dazu meinerseits einige widerspenstige Überlegungen:

      Es lohnt in der Tat, sich mit dem Begriff der „Nation“ auseinanderzusetzen – man muss dann aber auch über das „Volk“ reden. Bei näherer Betrachtung der Geschichte wird man finden, dass die Formel „das deutsche Volk“ kaum mehr als den frommen Wunsch verkörpert, die vielgestaltigen Stämme westgermanischer Mundarten in Mitteleuropa möchten sich doch endlich einmal einigen. Dieses Volk ist eben so groß, dass man mehrere Nationen daraus machen kann. Wie daraus etwa die österreichische Nation ausgegrenzt wurde, habe ich in meinem Beitrag zum Blättchen 10/2016 zu skizzieren versucht. Die jüngste Wahl des dortigen Bundespräsidenten – die ja letzten Endes weder von der Schlamperei einheimischer Behörden noch von derjenigen „reichsdeutscher“ Briefumschlag-Fabrikanten verhindert werden konnte – deutet nun wiederum an, dass eine starke Minderheit im Grunde deutschnational denkt. Andererseits ist der österreichische Wappenadler mit so eigenartigen Attributen wie Hammer und Sichel ausgestattet.

      In der Schweiz dagegen haben wir eine Nation mit mehreren Sprachen vor uns, die sich offenbar über den Umstand definiert, dass sie bereits seit dem Mittelalter in einer republikanischen Verfassung lebt – kein Volk von Fürstenknechten also, sondern, wie der schwäbische Dichter recht wohlmeinend formulierte, „ein einig Volk von Brüdern“. Und in der Tat haben auch schon lange keine Bürgerkriege zwischen Reformierten und Katholiken mehr das Idyll gestört.

      Wichtiger aber für einen l i n k e n Diskurs scheint mir der ebenfalls völlig vernachlässigte Begriff der K l a s s e. Marx wandte ihn durchaus auch selbstkritisch an – an einer wenig beachteten Stelle seiner bekanntesten Publikation bezeichnet er sich recht offen als „Bourgeoisideologen“. Der vom Kommentator erwähnte Lenin dagegen war nicht einmal ein Bourgeois, sondern ein in Ungnade gefallener Angehöriger des Amtsadels; in meinem Buch „Die Diktatur der Sekretäre“ habe ich ihn als „deklassierten Bürokraten“ bezeichnet.

      Der – vorgeblich oder tatsächlich ernst gemeinte – Versuch, Gemeineigentum mit despotischen Mitteln zu verwirklichen, war als offensichtlicher Widersinn zum Scheitern verurteilt. Genauer gesagt: er endete in zügelloser privater Aneignung der angeblich volkseigenen Produktionsmittel. Die Intellektuellen, deren Aufgabe es war, diese Missstände zu beschönigen, haben sich von ihren Anstrengungen offenbar noch nicht erholt – und dem Rest bleibt nicht viel anderes, als sich in der schönen neuen multikulturellen Welt des Kapitals einzurichten. Auch das habe ich bereits im Blättchen erörtert, und zwar in Nr. 2/2013.

      Wie Heino Bosselmann angesichts solcher Überlegungen behaupten kann, eine „grundsätzliche Kritik des Bestehenden“ sei nur „von rechts her möglich“, (oder möglich gewesen) erschließt sich mir allerdings nicht. Oder findet er, dass ich hier „mit idealistischen Mitteln“ argumentiere?

  36. Literat sagt:

    Von Brecht: „Ich brauche einen neuen Brauch, den wir sofort einführen müssen: nämlich den Brauch, in jeder neuen Lage neu nachzudenken.“
    Diese Empfehlung könnte auch auf den Umstand zutreffen, an den Frau Schindhelm mit der Autorität von Gregor Gysi erinnert: Seine seinerzeitige Überlegung, daß Linke nicht vorschnell über Verfassung und Verfaßtheit der „neuen“ Bundesrepublik urteilen sollten; es könne der Tag kommen, da sie das gegen „das wirklich Gesellschaftszerstörende“ verteidigen müßten.
    Der Korrektheit halber sei auf die Geschichte des Gedankens verwiesen, vielleicht auch auf Lernbereitschaft.
    Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde am 8. Mai 1949 mit 53 zu 12 Stimmen beschlossen. Dagegen stimmten die Repräsentanten der CSU, weil es es ihnen nicht föderalistisch genug war, und die Kommunisten Reimann und Renner, weil ihnen die demokratischen Rechte nicht weit genug gingen. Zur Verweigerung seiner Unterschrift erklärte Reimann: „Sie, meine Damen und Herren haben diesem Grundgesetz, mit dem die Spaltung Deutschlands festgelegt ist, zugestimmt. Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben.“
    Ob Gysi bei seiner Warnung diesen Hintergrund „auf dem Schirm“ hatte oder auf Eigenständigkeit bestehen würde, bleibt für die Urheberschaft unerheblich. Bemerkenswert, daß beide Quellen eine vermutete Notwendigkeit des Widerstandes behandeln.

  37. Peter sagt:

    Zu Frau Schindhelm Post

    „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen..“ MEW 25 825

    Na klar ist die Gesellschaft unvollkommen wie es jede Gesellschaft sein wird. Selbst in der Gesellschaft in der Demokratie unbekannt ist, unbekannt weil Herrschaft unbekannt ist. Es ist aus taktischen Gründen richtig für Reformen einzutreten sonst zu verachten.
    Es gäbe Sätze die einen Doktor zumindest Diplom verdienten für ihre Propaganda, dafür werden sogar Leute bezahlt um die zu entwickeln. Wie immer er es gemeint hat oder in welchem Zusammenhang dargestellt, es ist legitim. Es muss nicht geteilt werden, allerdings wenn Wahrhaftigkeit für eine Antwort in Anspruch genommen wird sollte sie sich daran messen lassen. Das schlechtest dabei erscheint mir nur was hinausposaunen und dann dann keinen Dialog zu wollen. Das hat nicht einmal Gregor Gysi, der Marx nach vorne Boxen wollte, gemacht. Gerade weil er die Theorie kennt wusste er das der Parlamentarismus von den Linken gerettet werden muss, das konnte Frau Wagenknecht wohl auch deutlich gemacht werden. Die Destruktion der sozialen Kämpfe ist immer von den Linken betrieben worden. http://www.deutschlandfunk.de/die-entstehung-der-faschistischen-ideologie-von-sorel-zu.700.de.html?dram:article_id=79633
    Es ist nicht schlecht nicht von sich auf andere zu schließen, dann muss Richter nichts anbeten schon gar keinen Idealzustand (der im Post gar nicht angesprochen ist)
    „Colin Crouch stellt fest, dass die parlamentarische Demokratie nicht mehr funktioniert, sondern in das Stadium der Postdemokratie übergegangen ist: die Fassade der Wahlen und des Parlaments funktioniert, aber die politischen Prozesse werden von den gewählten Politikern entsprechend den Wünschen der global operierenden Unternehmen gesteuert (Crouch 2008).“

    Die vermeintlich Moralische Keule der Toten Menschen und wer links ist ist nicht zu beantworten, denn deren beantwortet ist nicht gewünscht, zu dem behuf ist Herr Wohanka aus der Schublade befreit worden. Das im „P.S“ mit gleich hantiert wird ist lustig, das zum „beschimpfen“ die Zeit nicht zu schade ist, allerdings für die Antwort des Richter, passt.
    So hoffe ich ihnen einen Wunsch erfüllt zu haben.
    http://www.guenther-sandleben.de/mediapool/57/574173/data/Enteignet.pdf

    schönes neues Jahr
    Peter

    • Werner Richter sagt:

      Nun doch noch ein Wort. In Nebensache ist anzumerken, daß ein Bezug auf Gysi, wenn von Theorie oder Strategie die Rede ist, wohl wenig angebracht ist. Sein taktisches Potential ist enorm, gleich seiner Rhetorik. Strategische Leistungen sind recht dürftig und bei Theorie ist zappenduster. Pluspunkte bringt er also im Theoriestreit kaum. Auch mit Wagenknecht ist Vorsicht angeraten, dazu kam schon der Verweis auf ihre letzten Bücher. Wer ihrer wundersamen Wandlung nicht glaubt, dem sei zu Beruhigung das Interview von Albrecht Müller ans Herz gelegt: https://www.youtube.com/watch?v=FQC8Iz2UREA
      Wumm, und die traurigen Reste der „Kommunistischen Plattform“ sind ein rauchender Trümmerhaufen. Ist Nachfolgendes übertrieben oder ein weiterer Höhe-bzw. Tiefpunkt?
      https://www.heise.de/tp/features/Nationalsozial-in-den-Wahlkampf-3580672.html
      Oskar muß stolz wie Bolle sein. Ist auch gut fürs Geschäft.
      Da fällt sogleich auf, daß ihr Noch-Images so gar nicht mehr passen dürfte. Die Haarattitüde war dem nüchternen Betrachter schon immer nicht geheuer, aber die Jungen sind wohl so. Jedenfalls, wenn sie es genau nimmt, dürfte Rosa Luxemburg der Vergangenheit angehören, eine neue Leitfigur ist schwer zu finden. Fangen wir doch mal anders herum an. Mir fiele graues, straff nach hinten gelegtes Haar mit Dutt ein. Ja, Clara Zetkin! Von der habe ich auch noch nie was Theoretisches oder Strategisches vernommen.

  38. Werner Richter sagt:

    Anmerkungen zu „Rechte Revolution“ von Stephan Wohanka
    Zu: „…von einer „Zerstörung der verfassungsmäßigen Ordnung“ mag ich auch nicht sprechen.“ und dazu Gehörendes. Nein? Eher doch noch nicht ganz, erst am Anfang, aber langfristig angelegt. Es sei denn, Merkel merkte nichts davon, wie Stück für Stück der dämmenden Demokratiefassade entfernt, die Gesellschaft entkernt und eine dünne Propagandaschicht der westlichen Werte, reine Äußerlichkeit, sonst funktionslos, als optische Hülle darum gehängt, eine unsichtbare Ausnahmezustandsgesellschaft im Inneren (a la USA?) installiert und das Ganze als „neue Demokratie“ verkauft wird. Das soll der Physikerin für Agitation + Propaganda entgangen sein? Sie beschwört ja andauernd gerade die Werte, die ihr so heilig, gegen Putin allerdings nur und zur Begründung des gegenwärtigen und zukünftigen BuWe-/EU-Armee-Einsatzes zur Sicherung von Interessen. Dann sind wohl ihre klar in diesen Prozeß einfügbaren Aktivitäten reiner Zufall. Aber ich bitte doch! Die These würde ich so nicht länger stehen lassen. Es könnte eines Tages ranzig riechen.
    Zu: „Aber wie kommen wir zu (mehr) Gemeinsamkeiten?“ Wie und wo soll denn die Frage danach unter bestehenden Verhältnissen gelöst werden? Doch nicht etwa durch Moralisierung des Kapitals oder einer Abwendung des Staates nebst Regierung von seiner Herrschaftssicherungsfunktion (siehe Bertsch, oben). Was in der Gesellschaft abläuft, auch aktuell, sind „Sachzwänge“ der Kapitalverwertung, also stinknormal. Hätte nie gedacht, daß ein Fernsehfilm ausgerechnet im ZDF, aber dort läuft ja auch genauso unfaßbar die „Anstalt“, diese Zusammenhänge so plastisch zumindest im 1. Teil von „Gotthard“ darstellt. Wie einst Raimond Chandler in den 40-ern mit Blick auf Hollywood erstaunt feststellte: in diesem System dürfte kein gescheiter Film entstehen, aber ab und zu gelingt es doch. Verbesserungen der Lebensverhältnisse können politisch zwar im System als Voraussetzung erzwungen werden, jedoch eine Lösung des Problems ist nur in einer Nichtkapital- bzw. Nichtwarengesellschaft, die als einzige Gesellschaftsform die Bedürfnisse an allen Anfang stellen kann, erreicht werden. Aber davon ist wohl selbst S. Wagenknecht, ihre letzten Bücher legen dies nah, abgerückt. Z.B. Farofakis benutzt das entsprechende Bekenntnis wenigstens noch schamhaft als ceterum censeo, Wagenknecht nicht mal das.
    Zur Einschätzung der AfD: Diese hier greift etwas zu kurz. Es sollte nicht das Zusammenspiel der machthabenden Kräfte mit dieser Bewegung außer Acht gelassen werden. Vieles aus CDU + SPD offensichtlich gegen die AfD Kommende sind nur Scheinangriffe, die die politische Einvernahme der AfD-Parolen in die Regierungspolitik tarnen soll.

    • P. Schindhelm sagt:

      Herr Richter,
      Sie haben lediglich vergessen, die SPD des Sozialfaschismus zu zeihen, sonst haben Sie brav alles abgearbeitet, was man zwecks Zersetzung unserer – freilich höchst unvollkommenen und allzeit kritisierenswerten und reformierungsbedüftigen Gesellschaft – („Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand!“ Fontane), die sich – wie wir dank Ihnen wissen – eine nur angebliche Demokratie nennt, vorbringen kann:

      „…. Demokratiefassade entfernt, die Gesellschaft entkernt und eine dünne Propagandaschicht der westlichen Werte, reine Äußerlichkeit, sonst funktionslos, als optische Hülle darum gehängt, eine unsichtbare Ausnahmezustandsgesellschaft im Inneren (a la USA?) installiert und das Ganze als „neue Demokratie“ verkauft wird“

      – allein, was Sie in diesem Satz untergebracht haben, darf als Meisterleistung der Demagogie bezeichnet werden; oder ist Ihnen Agitation und Propaganda lieber?

      Kurz nach der Wende ist ein Gregor Gysi von einer Vielzahl der politisch Seinen mit Häme für seine Aussage bedacht worden, dass man vorsichtig sein möge mit höhnischen und vernichtenden Urteilen über die Freiheitlich demokratische Grundordnung, als die sich die Bundesrepublik bezeichnet – es könne der Tag kommen, wo die Linken diese verteidigen müßten gegen das wirklich Gesellschaftszerstörende.

      Dass diese Destruktion (je schlimmer, je besser) auch von Leuten kommen würde, die sich selbst als Linke ausgeben, weil sie sich vermutlich dafür halten, hatte Gysi seinerzeit vermutlich noch nicht auf dem Schirm.

      Beten Sie also weiter jenen Idealzustand jenseits der Warenwirtschaft an und helfen Sie ihn herbeizuführen, indem sie das Gegebene kaputtreden: Die radikale Linke hat auf diese Weise in Deutschland schon einmal zum Untergang der (seinerzeit noch viel unvollkommeneren) Demokratie beigetragen, das Ergebnis ist bekannt. Natürlich gibt es Ihnen nicht zu denken, wenn selbst sehr weit links stehende Politiker wie Wagenknecht und Varoufakis, wie Sie bedauernd feststellen, sich mehr oder weniger deutlich von dieser Utopie verabschieden, deren Verwirklichung viele Millionen Tode gekostet hat.

      Ich hatte vor, Herrn Bertsch auf eine allerdings ebenso freundlich-sachliche Weise, wie dieser seine Überlegungen abgefaßt hatte, ebenfalls auf die eben beschriebene Gefahr aufmerksam zu machen, bei Ihnen, so wie ich die Mehrzahl ihrer Einlassungen auf dieser Seite übersehe, ist damit allerdings keinerlei Aussicht auf Erfolg zu zeitigen; vornehmlich Herr Wohanka dürfte ein Lied davon zu singen wissen.

      Petra Schindhelm,

      die, um es gleich zu sagen, jedenfalls mit Ihnen keinen weiteren Austausch wünscht, dafür ist mir die Zeit zu schade; haben Sie also gern (wieder mal) das letzte Wort an diesem Ort.

    • Werner Richter sagt:

      Letztes Wort?
      Das ist mir etwas zu pauschal vereinfacht, werte Frau Schindhelm. Läsen Sie nochmals ohne Vorurteile gegen Kritik an bestehendem Gesellschaftssystem, das man m.E. immer weniger als Demokratie bezeichnen kann, und genau das ist meine Einschätzung, nicht Demokratie an sich habe ich im Visier, fiele Ihnen gewiß auf, daß meine Kritik nicht den Resten von Demokratie, sondern den fleißigen Abreißern dieser gilt, aber auch den zur Vorsicht Mahnenden, durch Kritik könne man die Demokratie selbst beschädigen, sowie den Verteidigern z.B. jetziger Architekten „wehrhafter Demokratie“. Im Gegenteil, es ist geboten, die Reste zu verteidigen, was ich wohl tue. Denke, Ihr Schema der Kritik „extremer Linker“ paßt hier nun ganz und gar nicht. Das ganze Links-Rechts-Schema ist auch hier fragwürdig. Meine Hinweise auf die prinzipielle Exklusivlösungsmöglichkeit nur in einem Nichtwarensystem, das als einzige Gesellschaftsform u.a. den Egoismus in menschlichen Beziehungen verhindern kann, basiert auf realen Entwicklungen in einigen Weltgegenden, zu deren Verstehen nur der Blick über die deutsche Provenzialität hinaus verhilft. Meine kritisierte Schlußfolgerung ist auch Ergebnis polit-ökonomisch wissenschaftlicher Arbeit, die keinerlei politischer Orientierung unterliegt und gesellschaftstheoretische Erkenntnisse aus allen bisherigen Theorien zieht. Auf die daran beteiligten Kreise (Masch Hamburg, TheorieKultur) und Veröffentlichungen (Harbach, Sieffkes, Meretz) ist nur noch mal hinzuweisen. Die genauen Links/Titel wurden im Forum früher bereits mehrfach genannt. Es wäre nicht verkehrt, sich zunächst mit den Thesen der Wissenschaftler, die dort nachzulesen sind, vertraut machen, bevor man den Stab bricht. Zur Entwicklung realer Ansätze einer möglichen Nichtwarenproduktion sei noch ein Link zur CIC (nicht der militärische US-Geheimdienst!) gegeben: http://cooperativa.cat/de/uebersetzung-revolucion-integral/
      Nach Spinnern sehen die nicht aus. Dort in Katalonien, wie in Griechenland und Rojava sind es die gesellschaftlichen Verhältnisse, die zur Suche nach neuen Beziehungen zwangen. Die dortige Bevölkerung erlebte die Vollendung des demokratischen Prinzips der Gleichheit für Arm und Reich, unter Brücken schlafen zu dürfen. Ein spezielles Südproblem, uns nicht betreffend? Naja, noch haben wir unsere Sklaven sehr weit weg, aber die Flüchtlinge! Was geschieht in absehbarer Zeit mit den freigesetzten Arbeitskräften aus anstehender Automatisierung, man spricht u.a. von 15.000 LKW-Fahrern, Bürokräften in noch größerer Stückzahl u.a. Werden die dann weiterhin HartzIV-reglementiert oder reicht die Kohle dann nicht mehr? Einen signifikanten Anteil an dieser Errungenschaft leisten auch linke Parteien mit „Beschwichtigung“. Klingelt’s? Ob es uns paßt oder nicht, der kapitalistische Grundwiderspruch bringt zwangsläufig diese Entwicklungen, und dessen antagonistischen Wurzeln sind letztendlich in der allgemeinen Warenproduktion (Wert) zu finden. Und die Abkehr der Linken von Gesellschaftsvorstellungen außerhalb der kapitalistischen pfeifen inzwischen die berühmten Spatzen von den Dächern. Die Einrichtungen und Funktionsträger wollen nicht mal mehr darüber diskutieren, stattdessen wird eine Diskussion über (verwaschene) Transformation geführt.
      Eigentlich bin ich ganz froh über Ihre Kritik, bietet sie doch Gelegenheit, etwas tiefer in gesellschaftliche Zusammenhänge zu gehen als hier üblich. Vielleicht habe ich Ihre Zeit doch nicht so sehr verplempert?

  39. Stephan Wohanka sagt:

    Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon (CDU), spricht im Kontext des Berliner Anschlags von einem „Kriegszustand“. „Wir müssen konstatieren, wir sind in einem Kriegszustand, obwohl das einige Leute, die immer nur das Gute sehen, nicht sehen möchten“. Selbst ich, der nicht immer nur das Gute sieht, frage mich: Wenn wir uns hierzulande schon im Krieg befinden, was haben wir dann in Aleppo, in Mossul, im Südsudan?; man kann Namen hinzufügen.

  40. Rudolph Caracciola sagt:

    Ist Andrej Holm als Staatssekretär im Berliner Senat untragbar, weil er als junger Erwachsener wenige Monate als Offiziersanwärter bei der Stasi diente, bevor die Implosion der DDR ihm die Fortsetzung dieser Karriere verunmöglichte? Natürlich nicht. Die entsprechenden Vorwürfe interessierter politischer Kreise und Medien an die Adresse von Holm nennt Götz Aly in seiner heutigen (20.12.16) Kolumne in der BERLINER ZEITUNG denn auch zutreffend „bigottes, seit 25 Jahren eingeübtes Geschrei“.
    Ist Andrej Holm also tragbar als Staatssekretär? Laut Aly keineswegs, denn – ausweislich seiner Schrift „Revolution als Prozess. Selbstorganisation und Partizipation in Venezuela“ von 2007, aus der Aly zitiert – habe „sich der nunmehr auf die Berliner Verfassung vereidigte Staatssekretär Holm für die ‚Ablehnung der Strukturen der repräsentativen Demokratie – sei es in Form von Parlamenten oder Parteien“ begeistert. „Stattdessen warb er für eine rätedemokratische‚ parallele Machtausübung und -kontrolle im Sinne partizipativer und protagonistischer Demokratie‘. Protagonisten sind für den Autor Hartz-IV-Empfänger, Menschen, die an den Rändern der Gesellschaft leben, denen ‚Entscheidungsmacht‘ und ‚Hebel in die Hand gegeben‘ werden sollen, um ihre Interessen mit den Techniken der außerparlamentarischen Doppelherrschaft gegen ‚alte Bürokratien‘, überkommene Gesetze und Eigentumstitel durchzusetzen.“
    Alys Fazit: „Wer wie Holm aus dem sozialistischen Desaster Venezuelas ‚Denkanstöße‘ importieren und noch 2014 mit der türkischen ‚Jugendantifa‘ die Berliner Verhältnisse zum Tanzen bringen wollte, gefährdet das Wohl der Stadt!“

    • P. Schindhelm sagt:

      Keine Ahnung, welche Erfolgs- oder Mißerfolgsgeschichte R2G auch ohne die Causa Holm schreiben wird, dass der Inkriminierte vielleicht selbst auf die Idee käme – right or wrong – auf den Posten zu verzichten (um den er sich ja, wie man lesen konnte, eh nicht von sich aus beworben hatte), um nun wenigstens Schaden von der Perspektive irgendeiner gedeihlichen Regierungsarbeit abzuwenden – davon ist keine Rede. Möglicherweise liegt das nicht mal an ihm, sondern die Trotzköpfe der Linken wollen – ausgerechnet jetzt und an Holm – fußstampfend ein Exempel statuieren – wie kindisch.

    • Achim Höger sagt:

      Was Aly, Caracciola und Frau Schindhelm mit Dieter Nuhr verbindet? Sie halten den Status quo der Demokratie in „dieser unserer Republik“ offenbar für den besten aller denkbaren. Wie sonst – so Nuhr – wäre zu erklären, dass „die halbe Welt zu uns will“ (sinngemäß). Damit erübrigte, nein, verböte sich denn also alles Nachdenken über Alternativen. Und wer auch nur „Denkanstöße“ geben will, disqualifizierte sich ein für allemal. Nein, danke.

  41. Korff sagt:

    Die Frage von Kontextleser hinsichtlich deutscher Panzer für Litauen ist gewiß angebracht, aber noch nicht akut. Aktuell und auch aufwändig hingegen die Vorbereitunen beim Panzergrenadierbataillon 122.
    „In der Nähe der bayerischen Stadt und des US-Stützpunktes Grafenwöhr bereiten sich deutsche Truppen auf NATO-Operationen in Litauen vor ….Im Rahmen der verstärkten Vornepräsenz der NATO ‚Enhanced Forward Presence‘ üben die Soldaten vom Panzergrenadierbataillon 122 Seite an Seite mit ihren litauischen Kameraden …. . Während die kämpfende Truppe …. den verbundenen Feuerkampf probt, wird am Heimatstandort in Oberviechtach Material für die Großverlegung gepackt. 120 Seecontainer müssen so verladen werden. Ab dem kommenden Jahr macht sich dann als erstes deutsches Kontingent das Bataillon auf den Weg ins Baltikum.“
    So gemäß Bundeswehrkanal bei Youtube – soll ja alles, auch postfaktisch, gut vorbereitet sein!

  42. Die Redaktion sagt:

    Der unbequeme Fragesteller

    Der Journalist und Publizist Eckart Spoo ist am Donnerstag, dem 15. Dezember, in Berlin gestorben, vier Tage vor seinem 80. Geburtstag. Als Kind erlebte er Krieg und Faschismus in seiner Geburtsstadt Mönchengladbach und im Fluchtort im Harz; dies hat sein ganzes Leben geprägt. Mehr als drei Jahrzehnte schrieb er als Korrespondent der Frankfurter Rundschau Zeitungsgeschichte. Er galt als unbequemer Fragesteller in Pressekonferenzen und deckte manchen Skandal auf. Von 1970 bis 1986 war er Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union.
    Pressefreiheit, auch die »innere Pressefreiheit« in den Redaktionen und die damit erforderliche Abschaffung des Tendenzparagraphen waren Forderungen, die den Journalisten Spoo bis zu seinem Tode umtrieben. Die voranschreitende Monopolisierung der Zeitungsverlage und die damit einhergehende Vereinheitlichung und Verflachung der Zeitungslandschaft prangerte er an.
    Spoo sah die Pressefreiheit vom Grundrecht für alle zum Privileg einiger weniger Pressekonzerne verkommen, deren Eigentümer ihre Aufgaben darin sehen, den Kapitalismus und die von ihm geschaffenen gesellschaftlichen Verhältnisse zu rühmen und vor Kritik zu schützen – auch durch Verschweigen von Tatsachen, Verleugnen von Wahrheiten – und aus diesem Missbrauch der Pressefreiheit möglichst viel Profit zu ziehen. Spoo hielt publizistische Monopole für verfassungswidrig.
    In der Konsequenz gründete er 1997 zusammen mit weiteren Publizisten eine eigene Zeitschrift: Ossietzky. Die Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft steht in der antimilitaristischen und antifaschistischen Tradition der Weltbühne. Spoos Anspruch als langjähriger Ossietzky-Chefredakteur: jedes Heft voller Widerspruch gegen angstmachende und verdummende Propaganda, gegen Sprachregelungen, gegen das Plattmachen der öffentlichen Meinung durch die Medienkonzerne, gegen das vermeintliche Recht des Stärkeren und gegen die Gewöhnung an den Krieg. Zu diesen Themen veröffentlichte er auch eine Vielzahl aufklärerischer Bücher. Verlag und Redaktion Ossietzky werden Spoos Vermächtnis fortführen.

    Redaktion Ossietzky

    Die Redaktion des Blättchens schließt sich dem Respekt vor der politischen Lebensleistung Eckart Spoos und der Trauer um den langjährigen Chefredakteur von Ossietzky an.

  43. Kontextleser sagt:

    Verehrte Redaktion,
    für den unwahrscheinlichen Fall, daß es Ihnen und der Gemeinde entgangen sein sollte: Die Bundesregierung, in Sonderheit Ursula von der Leyen, haben im der Sache einen bedeutungsvollen Kommentar zum Aufruf „Entspannungspolitik jetzt!“ getätigt. Offiziell: „Zur Abschreckung von Rußland Bundeswehr schickt 26 Panzer nach Litauen“.
    Nach den Befunden zum desolaten Zustand der Ausrüstung – wie soll man ohne solches Herabreden mehr Mittel und Personal im Parlament durchkriegen? – dennoch meine besorgte Frage an den militärischen Sachverstand im „Blättchen“: Wo kriegen wir geeignete Panzer geleast? Immerhin sind es von Vilnius nach St.Petersburg (auch als Leningrad geschichtsträchtig!) 734 Straßenkilometer über Lettland, wofür 9 Stunden und 25 Minuten anzusetzen sind.
    Ich frage auch perspektivisch gedacht: Da die sehr bemühte Ministerin zeitgleich zur Drohung an Putin auch den künftigen US-Präsidenten gerügt hat, weil er nicht begreift, daß die NATO nach deutscher Weltsicht eben auch ein Instrument unserer Interessen ist. Falls er widerborstig bleiben sollte, wäre es doch gut, wenn wir dann aus dem Vollen schöpfen könnten.

  44. Die Redaktion sagt:

    Mit gestrigem Datum erreichte uns folgende Mail:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    liebe Kolleginnen und Kollegen,

    die wachsenden Spannungen zwischen der NATO und Russland beunruhigen viele Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks. Wir möchten Ihnen daher einen transatlantischen Aufruf „Die Spirale der Gewalt beenden – für eine neue Friedens- und Entspannungspolitik jetzt!“ vorstellen, der von zahlreichen Persönlichkeiten aus Politik und Zivilgesellschaft auf beiden Seiten des Atlantik unterzeichnet wurde.
    Die Unterzeichner/innen des Aufrufs, zu denen Vertreterinnen und Vertreter aus Kirchen, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft gehören, drängen auf eine breite gesellschaftliche und parteiübergreifende Debatte zur Durchsetzung einer neuen „Entspannungspolitik jetzt!“

    Beispielhaft für die Unterstützung aus den USA ist die Begründung von William vanden Heuvel, Präsident des „Amerikanischen Komitees für Ost-West-Verständigung“ (ACEWC), ehem. US-UNO-Botschafter und ein alter Freund von Egon Bahr: „Euer Editorial drückt aus, was ich zutiefst glaube, nämlich, dass eine ‚neue Entspannungspolitik’ notwendiger denn je ist, um die Krisen zu bewältigen, die zur militärischen Konfrontation und Möglichkeit eines Krieges beitragen.“

    Ein Bericht in der amerikanischen Zeitung „The Nation“ am 06.12. (zum Wortlaut hier klicken – die Red.) in einem OpEd „Détente NOW!“ motivierte Gruppen der Zivilgesellschaft beiderseits des Atlantiks zur öffentlichen Sammlung von Unterschriften.

    […]

    Mit freundlichen Grüßen

    Wiltrud Rösch-Metzler (Vorsitzende von Pax Christi)
    Ulrich Frey (Initiative „Neue Entspannungspolitik JETZT!“)
    Dr. Ute Finckh-Krämer MdB

    —————-

    Zum Wortlaut des Aufrufes und zur Liste der Erstunterzeichner hier klicken: http://das-blaettchen.de/wordpress/wp-content/uploads/2016/12/2016_77_Entspannungspolitik-jetzt.pdf

  45. Stephan Wohanka sagt:

    Ich zitiere Frau Haustein: „Ihre (das heißt meine – St. W.) Auffassung lautet – ganz kurz gefasst – dass Mengele und das jetzige Gesetz nicht das Geringste miteinander zu tun hätten. Dem ist, mit Verlaub, grundsätzlich zu widersprechen, und der Widerspruch kann ebenfalls ziemlich kurz gefasst werden: Beiden gemeinsam sind Versuche an Menschen ohne deren Einwilligung!“ Kein Kommentar.

  46. Peter sagt:

    Manche Texte hier interessieren mich, sehr oft ist die Debatte für meine Sichtweise aber sehr flach.
    Bei dem Text von Günter Hayn „Auf dem Weg zu Mengele?“ kann ich mit der Kritik gar nichts anfangen, hat eine starke Tendenz zu FB.
    Ich hatte erst das Problem, wie ich es betrachten sollte. Die Moral, die Günter Hayn erwartet, ging mir gegen den Strich, auch fast die ganzen Antworten. Leider ist es wichtig geworden, alle „Verwerfungen“ bei der Gesetzgebung isoliert zu betrachten, das ist unredlich. Die Gesetzgebung folgt lediglich der Wirklichkeit. (Sie muss nicht im „eigenen“ Land sein.)
    Um die Absichten, die hinter dem Gesetz stehen, zu beschreiben wird Mengele benutzt. Es ist schade, dass es personifiziert wird, damit sind wieder der Moral die Tore geöffnet. Mengele ist doch auch nur der Knecht eines Systems gewesen, genau so wie die Forschung heute. Ich könnte mir vorstellen dass das Foltern (nicht nur bei Politischen Gefangenen) heute mindestens auf dem Niveau von Mengele ist.
    Aber das beiseite. Das Kapitalistische System macht alles für den Profit, was den Profit steigert, wird gemacht (sonst machen es die anderen). Wenn es kostengünstiger ist, Menschen an Krankenhauskeimen sterben zu lassen, als Hygiene-Ärzte und entsprechende Gesetze zu erlassen, sterben die Menschen. Ganz öffentlich. Mit den Organen ähnliches, bezogen auf Profit. Mich verfolgt es schon lange.
    Es hat mit dem Krankenversicherungkostendämpfungsgesetz begonnen. Seit dem konnte ich nicht feststellen, dass etwas Positives für die Lohnabhängigen bzw. Versicherten dabei herausgekommen ist, was nicht für alle Menschen zählt.
    Meine Kritik beschränkt sich darauf, dass nicht das System kritisiert wird, in dem das besprochene Gesetz nur ein notwendiger Aspekt ist. Es wird so weitergehen, da fällt das Ruhig-stellen in Altenheimen durch die Medizin gar nicht mehr ins Gewicht. Schlimmstenfalls könnte noch „Thema verfehlt“ eingewandt werden.

  47. Korff sagt:

    Korff sagt:
    Da sind Sie vergleichsweise milde davon gekommen, Herr Hayn, nur der Unverschämtheit geziehen zu werden; hätte auch den Platzverweis geben können. Wie konnten Sie im Zeitalter von Folterhandbüchern als Fachliteratur aber auch nur auf die aberwitzige Vermutung kommen, Wissenschaft könne auch gegenwärtig Zwecken dienstbar gemacht werden, die Sie als inhuman empfinden und deshalb an Beispiele aus deutscher Vergangenheit erinnern mit der Mahnung, den Anfängen zu wehren!
    Im Februar 1962 wurde im Schauspielhaus Zürich ein Stück aufgeführt, dessen Absetzung einige damalige Platzwarte begehrten. Dürrenmatt hatte sich in einer Tragikomödie, erdreistet, mit „Die Physiker“ nachzuweisen, welche Gefahren die Wissenschaft in sich birgt, weil: Was gemacht werden kann, wird gemacht, mit oder ohne moralische Verhüllung der Nutzung. Und das gilt nicht nur für die Hochzeiten damaligen Kalten Krieges. Auch Einstein versuchte seinerzeit, sein Werk nachträglich davor zu bewahren. Das Ergebnis ist bekannt.
    Und was das Miteinander in dieser Gemeinde anlangt, verweise ich Sie auf diese Verfügung: „Hart in der Sache, aber ohne Feldgeschrei – so könnte ich mir jedenfalls einen fruchtbaren Diskurs auch auf den Seiten des Blättchen vorstellen“. Unter der Überschrift „Hegemon Deutschland?“ in 19/2005 vom 14. September des Jahres hier nachzulesen. So halten wir es denn auch, wie das Beispiel zeigt.. Der Autor: Stephan Wohanka.

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? (Matth. 7.3)
      Jener Wohanka aber stand in No. 19/2015.

  48. Günter Hayn sagt:

    Herr Wohanka, lesen Sie bitte genauer, bevor Sie losdreschen! Ich habe mitnichten Abgeordnete des Deutschen Bundestages als „Enkel Josef Mengeles“ bezeichnet. Ich habe noch nicht einmal gegenwärtig tätige Pharmaforscher als solche bezeichnet. Ich habe gesagt, hier wird eine Tür aufgestoßen zu einem noch dunklen Raum, in dem aber solche darauf warten, ihre „Versuche“ abwickeln zu können. Wenn Sie nicht offenbar beim ersten Lesen reflexartige Erregungszustände bekommen hätten – wie kann man solche Vergleiche, unerhört, das geht in Deutschland gar nicht! -, dann hätten Sie möglicherweise meiner Argumentation zumindest ansatzweise folgen können. Wenn Sie das nun auch nicht wollen, so nehmen Sie doch bitte wenigstens die Positionen der Evangelischen Kirchen in Deutschland und die der Vertreter der katholischen Kirche zur Kenntnis. Oder – besser noch – den Aufschrei der Betroffenenverbände. Da sprechen manche sogar von „Euthanasie“… Diese Einschätzung teile ich nicht. Das „T4-Programm“ war ein Programm bewussten Tötens. Hier geht es „nur“ um Pharmatests OHNE bewusste Zustimmung der Testpersonen. Das Gesetz ist das Aufstoßen einer Tür. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Und es ist die Pflicht denkender Menschen davor zu warnen, auf was man sich beim Durchschreiten einlässt. Und nun kommen Sie mir bitte nicht mit dem Ethos der Wissenschaften und unterstellen mir gar noch Wissenschaftsfeindlichkeit. Letzteres ist hausgemachter Unsinn. Und wie es mit Ersterem bestellt ist: Verfolgen Sie doch einfach mal ein wenig die Diskurse, die die Nationale Ethik-Kommission zu führen gezwungen ist. Ich wünsche Ihnen von Herzen nicht, Teilnehmer einer „gruppennützigen klinischen Prüfung“ zu werden. Ihnen nicht – und keinen anderen. Der Deutsche Bundestag ist gut beraten, in der nächsten Legislaturperiode ein „5. Änderungsgesetz des Arzneimittelgesetzes“ zu verabschieden, das nur einen einzigen Paragraphen enthält: ersatzlose Streichung von § 40b…

    • Stephan Wohanka sagt:

      Um damit zu beginnen – ich hätte, wenn der Begriff Euthanasie gefallen wäre, ebenso reagiert wie auf Mengele.
      Nun: Es doch unstrittig, dass – wie Sie richtig schreiben – es ganz erhebliche, wohlbegründete Vorbehalte gegen das Gesetz gibt; und bitte schön, Sie haben auch Veranlassung zu sagen, da werde eine „Tür aufgestoßen“. Ulla Schmidt, die Sie in Ihren Artikel erwähnen, sagt Folgendes: „Die vom Gesundheitsministerium geplante Forschung an nichteinwilligungsfähigen Erwachsenen, die davon keinen individuellen Nutzen haben, kommt einer Verzwecklichung des Menschen dar und ist ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Mit einer Öffnung der Forschung an nichteinwilligungsfähigen Erwachsenen muss äußerst sensibel umgegangen werden. Es besteht kein Bedarf, das geltende Verbot einer solchen Forschung aufzuweichen, daran muss weiter festgehalten werden. […] In vielen Studien sind massive Eingriffe in die Freiheitsrechte, wie Fixierungen oder Eingriffe in den gewohnten Tagesablauf nötig. Für Nichteinwilligungsfähige können diese Situation nicht selten zu Panik führen“. Es wurde deutlich: „Es gibt zu viele offene Fragen, um den Schutz dieser höchst vulnerablen Personengruppe aufzuweichen und eine Änderung der Gesetzeslage zu befürworten! Und deshalb plädieren wir dafür, dass die geltende Rechtslage beibehalten wird“. Das ist klar! Und stützt Ihre Argumentation – aber was zum Teufel hat das mit Mengele zu tun? Sie kennen ihn, wissen wer er war! Einer der übelsten Verbrecher des Nazi-Regimes: Als KZ-Arzt im Vernichtungslager Auschwitz war er „selektierend“ verantwortlich für den Massenmord an Hunderttausenden Juden. Berüchtigt sind seine Menschenversuche: Vor allem an Kindern, Zwillingen und Kleinwüchsigen führte er grausame medizinische Experimente durch. Dieses Menschheitsverbrechen ist doch wohl in keinster Weise auch nur in den entferntesten Zusammenhang zu bringen zu „Pharmatests OHNE bewusste Zustimmung der Testpersonen“, wie Sie schreiben.

    • Günter Hayn sagt:

      Alles hat einen Anfang. Den Anfängen muss man wehren. Und es fängt immer mit „kleineren Übeln“ an. Nehmen wir die ganz große Keule: Wer den „Gemeinwillen“ beschwört, der riskiert am Ende das Aussondern derer, die sich dem nicht unterwerfen wollen (oder können). Belege gewünscht? Warum zucken wir Deutschen bloss immer so zusammen, wenn uns die phänotypischen Modelle der eigenen Geschichte in die Quere kommen? Ist die Verdrängung wirklich so erfolgreich, dass wir nicht mehr an die „Frucht im Schoße“ (nach Brecht) erinnert werden wollen? Mengele war sicher der Übelsten einer. Er war kein Einzelfall, mitnichten. Und es wäre naiv anzunehmen, dass das Denken, das die Praxis dieser Leute erst ermöglichte, ausgerottet sei.

  49. Stephan Wohanka sagt:

    Zu: Auf dem Weg zu Mengele? von Günter Hayn
    Warum immer gleich die Nazi-Keule? Man kann gegen das in Rede stehende Gesetz viele und sehr begründete Einwände haben – aber warum muss dann gleich der als „Todesengel von Auschwitz“ bekanntgewordene Mediziner Josef Mengele herhalten? Hofft der Autor auf mehr Aufmerksamkeit? Zugleich ist es eine Unverschämtheit, Forscher respektive Abgeordnete, die auch Argumente für ihren Standpunkt haben, als „Enkel Josef Mengeles“ zu apostrophieren.

    • Franka Haustein sagt:

      Sehr geehrter Herr Wohanka,
      Ihre Auffassung lautet – ganz kurz gefasst – dass Mengele und das jetzige Gesetz nicht das Geringste miteinander zu tun hätten. Dem ist, mit Verlaub, grundsätzlich zu widersprechen, und der Widerspruch kann ebenfalls ziemlich kurz gefasst werden: Beiden gemeinsam sind Versuche an Menschen ohne deren Einwilligung!
      Wäre die „Würde des Menschen“ tatsächlich unantastbar, dann hätte dieses Gesetz unser Parlament gar nicht passieren dürfen. Und dies im Übrigen völlig unabhängig von Mengele & Co.

  50. Achim Höger sagt:

    Friedrich Dieckmann irrt, wenn er annimmt, Hans Pischner sei „wohl­ der­ einzige­ Deutsche,­ der­ sich­ sowohl­ den­ Vaterländischen­ Verdienstorden­ wie­ das­ Bundesverdienstkreuz an­ die­ Brust­ heften­ konnte“, gewesen. (Der Cembalist als Intendant – Gedenken an Hans Pischner / Heft 25) Auch die gerade verstorbene Gisela May und der Bass Theo Adam beispielsweise erfreuten sich beider Ehrungen. Und sie waren vermutlich nicht die einzigen – aus der Künstlergilde.

  51. Literat sagt:

    Das Gespräch Antje Vollmer – Wolfgang Schwarz ist wohl ein gelungenes Beispiel dafür, daß Politiktheoretiker und –akteure aus den seinerzeit und noch immer spürbaren beiden Deutschland in der Bewertung der deutschen Dinge in der Welt von heute sehr wohl “miteinander können”. Und einander dabei auch zu Informationen und Bewertungen animieren, die über das hinausreichen, was sie jeweils als “fruchtbare” Publizisten in die – sagen wir mal: “Halbwelt” – bisher schon gesetzt haben. Es wäre gewiß von Gewinn, wenn sich bei passender Gelegenheit solche tour d’horizon ( zwecks Gedanken und auch Erinnerungen!) Begegnungen wiederholen ließen. Frau Vollmer würde ich gern schon vorab mit einem Thema konfrontieren, für das sie aus ihrer Praxis als Vizepräsidentin des Bundestages von 1994 – 2005 prädestiniert ist, auch wenn es da vergleichbar um Pirouetten auf dünnstem politischen Eis geht: Umgang mit den Schmuddelkindern im Bundestag.
    Da war doch das blaue Kleid von Antje Vollmer, erinnere mich, in der ersten Grünenfraktion, und die Reaktion der vornehmen feinen Gesellschaft im Hohen Haus, zunächst auf das Äußere der “Neuen” fokussiert. Dann, zu ihren hohen Zeiten als Vizepräsidentin, da sie ob ihres freundlichen und korrekten Verhaltens zu Petra Pau und Gesine Lötzsch, mitunter auch aus der eigenen Fraktion, gerügt wurde. (Das liebenswürdige Verhalten der Lichtgestalt “Joschka” etwa.)
    Und nun perspektivisch: Wie wird das an ihrer früheren Arbeitsstelle, wenn auch ein Repräsentant der AfD Vizepräsident werden müßte? Gibt’s da schon einen geheimen Plan B zwecks Statutenänderung – oder meint man das alles gar nicht so ernst, wie von allen derzeitigen Bundestagsparteien so getan wird?

  52. Rudolph Caracciola sagt:

    „Insgesamt, so der UNHCR, sind im Jahr 2016 über 3000 unbegleitete Kinder in Griechenland eingetroffen. 9 % waren jünger als 14. In Italien betrug die Zahl der Kinder, die entweder unbegleitet über den Seeweg kamen, oder von ihren Eltern getrennt wurden, laut UNICEF über 22.000, 10.000 mehr als im Vorjahr. 700 Kinder sind in diesem Jahr bei der Überfahrt über das Mittelmeer ertrunken.“
    Diese Angaben hat Blättchen-Autorin Petra Erler auf Euractiv gepostet, und weiter heißt es bei ihr: „Regelmäßig zur Weihnachtszeit darf der deutsche Fernsehzuschauer „Ein Herz für Kinder“ verfolgen (diesmal am 7.12. im ZDF). Dann vergewissern wir uns unserer Kinderfreundlichkeit. Was aber ist mit den Kindern in den EU-Flüchtlingslagern, die ganz allein sind? Die vielleicht den Tod ihrer Eltern miterleben mussten? […]Wie lange wollen wir dieses ganz spezielle Elend weiter ignorieren, die Hände in den Schoss legen, den Amtsschimmel wiehern lassen?“
    Zum vollständigen Wortlaut des Beitrages diese URL in dcen Browser kopieren: http://www.euractiv.de/section/eu-innenpolitik/opinion/ein-herz-fuer-kinder/

  53. Da kann ich nur in vollen Zügen zustimmen.

  54. Werner Richter sagt:

    Zum Interview mit Antje Vollmer
    Welch wohltuende Vernunft in der Politik wäre so gegeben. Leider steht Frau Vollmer so ziemlich allein auf (fast) alle Parteien bezogen. Und doch ist da eine Nuance zu spüren, die irritiert. So richtig es ist, keinerlei Schuldzuweisungen für Vergangenes vorab auf den Tisch zu legen und damit Vorbedingungen aufzubauen, so merkwürdig ist ihre wie selbstverständlich wahrgenommene, üblich kaum hinterfragte „Aggressivität“ der Sowjetunion, jetzt Rußlands bzw. Putins. Dahinter ist zunächst das westlich in Kontinuität zur 1000-jährigen Zeit gepflegte Kindheitstrauma (Iß den Teller leer, sonst kommt der Iwan) zu vermuten. Auf dieser Basis ist es fast normal, sowjetischer oder russischer Politik in Vergangenheit und Gegenwart eine besondere Bedrohungsrolle zuzuweisen. Der Einmarsch in Ungarn, der CSSR oder in Afghanistan werden zum unerschütterlichen Beleg, während gleiche Eingriffe der USA, Nato und heute auch EU in die Länder ihres Einflußgebietes, die eine unerwünschte Entwicklung zu nehmen drohten/drohen, zwar als nicht schön, aber wegen der Interessenlage verständlich oder ein bißchen legitimiert abgemildert werden, obwohl in Zahl und Ausmaß den russischen/sowjetischen Eingriffen weit überlegen. Das deutet auf stark euro- bzw. US-zentristisches Weltbild hin, das im Grunde neokolonialistisch angelegt ist, auch wenn ihm ein demokratisches Wertemäntelchen umgehängt wird. Warum in Teufels Namen soll für die Anderen das europäische Wertemodell, das hierzulande immer schwieriger zu finden ist, eigentlich nur noch ohne Definition in Reden, immer weniger in Praxis, der Segen sein? Rußland hat ja den Versuch unter Jelzin mit absolutem Chaos bezahlt. Damals war selbst unter nüchternen Diplomaten der Seufzer zu hören: hoffentlich kommt ein starker Mann, der unsere Investitionen schützt und Ordnung schafft. Da das nicht sein durfte, wurden die so ausgerichteten Berichte nicht in die Lage aufgenommen, dafür nahm man lieber die wunschgemäßen Ferneinschätzungen z.B. der SWP u.a. Logischerweise wurden dann die Enteignungen von Milliardären, quasi vom Mund abgesparten Besitzes, wie im Falle Chodorkowski, als Ausdruck von Diktatur und die Betroffenen als Demokraten stilisiert, ein Treppenwitz der Geschichte. Gleiches wiederholt sich gegenwärtig mit den Anti-Assad-Kräften, wobei man heute vor keiner Torheit zurückschreckt. Es wäre uns zu wünschen, daß das Lied „Meinst du die Russen wollen Krieg?“ täglich über die Kanäle läuft. Wird nicht passieren.

  55. Jürgen Scherer sagt:

    Anbei eine gute Ergänzung zu Frau Muthesius`Bericht: Titel „Das unwahrscheinliche Ende des NSU“: http://www.nachdenkseiten.de/?p=35857

  56. Ich war selbst bei einer Sitzung des thüringer NSU-Untersuchungsausschusses dabei und kann ihre Kritik an der linken Abgeordneten Katharina König sehr gut nachvollziehen. Auch ich bin enttäuscht, eben weil ich gerade von dieser Partei kritische Distanz zur Polizei und Staatsferne erwarte.

    Die fehlenden Blutspuren hinter Mundlos fallen übrigens sogar „Lecorte“ auf. Daher nimmt er an, dass „Mundlos sich also mit dem Rücken zur Nasszelle und nicht zur hinteren Wand/Matratze des Aufenthaltsraumes erschoss.“
    Aber warum fiel Mundlos dann nicht rückwärts in Richtung der Nasszelle, sondern liegt mit dem Rücken an der Wand/Matratze? Außerdem ist das Austrittsloch des Geschosses nicht an der Decke der Nasszelle, sondern im hinteren Bereich des Aufenthaltsraumes.

    Es wäre ein unglaublicher Skandal, wenn der thüringer NSU-Untersuchungsausschuss die offizielle Darstellung des Ablebens von Mundlos/Böhnhardt bestätigen würde, aber danach schaut es aus.

  57. Chapeau, Frau Muthesius.
    —–
    Grundlegende Fragen wirft nach wie vor der Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf

    Die offizielle Darstellung der Ermittlungsbehörden lautet: erweiterte Selbsttötung – zunächst erschoss Mundlos Böhnhardt, anschließend legte er Feuer im Camper und erschoss sich danach selbst.[89]

    [89] – Im Abschlussbericht des ersten Thüringer NSU-Ausschusses heißt es: „Ergebnis der bisherigen Ermittlungen ist, dass Uwe Mundlos zunächst Uwe Böhnhardt erschoss, danach das Wohnmobil in Brand setzte und sich schließlich mit derselben Waffe das Leben nahm.“ (Abschlussbericht UA 5-1, S. 18.)
    —–
    Grober Fehler, den ich der sonst sehr gewissenhaften Dame nicht weiter ankreide.

    Es gibt keine offizielle Darstellung der Ermittlungsbehörden zum Tod von Böhnhardt und Mundlos. Kann es auch nicht geben, da unter Führung von Mentel alles mögliche stattfand, nur keine Morduntersuchung.

    Die Quelle, die zitiert wird, ist auch keine Behörde, sondern der Abschlußbericht von Politikern. D.h., die möchten gerne, daß es so gewesen sein mag. Darauf ist aber geschissen. Der TPUA ist keine Behörde, auch wenn die Wonneproppen immer so tun also ob.

    Auch Range hat das nicht ermittelt sondern am 21.11.2011 im Bundestag nur behauptet, was ihm der „könnte eventuell möglicherweise“ KOK Burkhardt auf den Sprechzettel schrieb. (Bd 4-1-01 Wohnmobil Allgemeines, S. 20f) Da hätten sie auch die Interpretation der Tierkreiszeichen in den Bericht reinschreiben können. Hat exakt den gleichen Aussagewert.

    • Gabriele Muthesius sagt:

      Sehr geehrter anonymer Eintrager,

      auch wenn die Ermittlungen um den Tod von Mundlos und Böhnhardt, insbesondere in der Zuständigkeit des damaligen Gothaer Polizeidirektors Menzel, so unglaublich unprofessionell geführt worden sind, wie dies auch aus meiner Darstellung hervorgeht, gibt es doch eine offizielle Hergangsdarstellung. Das ist in jedem Falle diejenige, mit der die Ermittlungsbehörden an die Öffentlichkeit gegangen und von der sie bis heute nicht abgerückt sind. Da macht es auch keinen Unterschied, ob ich diese Darstellung aus dem Abschlussbericht des ersten Thüringer NSU-Ausschusses zitiere, was ich getan habe, oder aus dem Protokoll der Aussage des damaligen BKA-Präsidenten Ziercke vom 21.11.2001 vor dem Innenausschuss des Bundestages („[…] dass der eine den anderen zuerst erschossen hat, dann den Brand gelegt hat und dann sich selbst erschossen hat. So ist jedenfalls der hypothetische Ablauf durch die Kriminalisten im Moment vom Stand her.“) oder aus dem Anklagesatz der Bundesanwaltschaft für den Münchner NSU-Prozess („Einem schon zuvor für den Fall der Entdeckung gefassten Entschluss entsprechend töteten sie sich selbst, wobei Uwe Mundlos zunächst Uwe Böhnhardt und sodann sich selbst erschoss.“).
      Wie plausibel oder gar zutreffend bzw. eben nicht diese Darstellung ist, das steht auf einem anderen Blatt und wird auch „Das Blättchen“ weiter beschäftigen.

      Mit freundlichen Grüßen
      Gabriele Muthesius

  58. Werner Richter sagt:

    Dem Augenblicke wollt ich sagen: Bleib noch a weng! Das noch erleben zu dürfen, die Heerschar der professoralen wie medialen Dummbeter konsterniert, starr wir die Kapitalheiligen im Los-Angelos-Tal, nur mit abgeklappten Unterkiefer. Herrlich, fast so schön wie ein Weltuntergang, leider nur ein Augenblick. Das halbe Leben keine Gehirnverrenkung scheuend mit erfundenen Begriffen und Zusammenhängen eine Traumwelt fürs Volk aufzubauen und jetzt das Kartenhaus durch einen Seufzer der Realität einstürzen zu sehen, welche Katastrophe. Die Kostgänger des Kapitals glaubten letztendlich selbst ihren Konstruktionen, verfingen sich aber im eigenen Netz, drohen zu stolpern. Lange Zeit ging das Illusionsspiel auf, solange eine kritische Menge dem glaubte. Wie logisch, dies Spiel ist ausgereizt, überreizt. Nichts geht so mehr. Selbst Leute wie Krugman stehen völlig neben sich: Ich glaubte, mein Volk zu kennen. Aber das erste Gestammel nach dem Blackout ist bereits zu vernehmen: Putin war’s! Alles nicht so schlimm, es wird sich alles richten und ein neues Illusionsgestrüpp erwächst auf dem eingestürzten Traumhaus. Ein neues Spiel beginnt, Le Pen, Poroschenko, Kaczynski, Orban, Erdogan, Putin, auch AfD, werden interessant. Sind deren Regierungsformen eben die neuen Demokratien. Da paßt die Zielordnung der EU ganz gut dazu. Die USA begannen schon vor geraumer Zeit, al-Kaida wieder hoffähig zu machen, mit al-Nusra, FSA. Siehe auch Clinton und die Muslimbrüder. Die Verdummungsmaschinerie läuft weiter.

    • Peter sagt:

      Manchmal muss mensch sich freuen dürfen. Ich stimme Werner Richter im wesentlichen zu. Vor allem auch weil die ganze Propaganda nicht geholfen hat. Ich würde es nicht ganz so Moralisch sehen das ist es nicht. Es ist die Sicht eines Alleinherrschers der Schrecken hat aufkommen lassen. Es ist nämlich keinen Verdummungsmaschinerei“ Es ist normale Politik.
      Über eine „Sache“ wird gar nicht geredet, es war eine politische Wahl. Der Sieg der Parlamentarischen Demokratie spielt keine Rolle mehr? Es heißt Wahl weil mehr als einer Antritt, aber einer nur gewählt wird, was ist daran Entsetzlich? „entsetzt und fassungslos“ (FAZ)
      Stimmt entsetzlich, hieße es das der andere Seite von Anfang an „kalt“ gestellt gewesen wäre, das wäre dann mit dem Vorwurf der an Trump gerichtet ist zu beantworten, Verlogenheit..
      Was nun? Die Welt wird überzogen mit Kriegen weil sie solche Wahlen abhalten soll, passt es den Herrschenden nicht, dann wird es sang und klanglos weg geputscht. Wenn durch Erdogan der Schein des Humanismus, des Westen aufrecht erhalten wird dann darf er ein bisschen Morden und weg sperren „drin sein“.
      Jetzt hat Herr Trump ein normaler reicher Amerikaner die Wahl zum Amt des Amerikanischen Präsidenten gewonnen und es wird in Deutschland bei den Parteien gejammert, allen voran bei den Grünen. Keine Siegesfeier, das die Mechanismen ihrer Demokratie funktionieren, sogar weil wie gemahnt, Herr Putin in dem Spiel sein soll. War nicht, muss auch nicht um Entschuldigung gebeten werden. Sicherheitshalber hat Frau Beck schon mal dasselbe für Deutschland gekräht. Diffamierung schadet Politikern nicht.
      Was ist es jetzt für eine Dramatik um Trump? Viel mehr, als das es nicht der Hintern ist, den deutsche Politiker sich gewünscht hätten in den jetzt zu kriechen, bleibt nicht.
      Historische Betrachtungen der Amerikanischen Politik zeigen das Trump nicht so schlecht sein wird. Jetzt schon gleich gar nicht da er noch nichts gemacht hat.
      Ein guter Zeitpunkt für den Friedensnobelpreis.
      In der FAZ wird jetzt (warum erst jetzt) zurück gerudert indem auf die „Fesseln“ des Systems hingewiesen wird. Denen der der Schreck noch in den Gliedern sitzt kann hier mal schauen wie es um die Präsidenten und ihre Friedfertigkeit und Ehrlichkeit bisher bestellt ist. https://www.heise.de/tp/features/Die-NATO-ist-ein-Angriffsbuendnis-3457523.html
      Zur Flüchtlingsfrage auch eine sehr gute Betrachtung. Hoffe es ist erlaubt zu Verlinken. http://kosmoprolet.org/proletarier-aller-laender-bekaempft-euch-anmerkungen-zur-fluechtlingskrise

  59. Rüdiger Kamps sagt:

    Die aktuelle, wieder sehr gut lesbare und interessante Ausgabe, veanlaßt mich zu zwei Anmerkungen.
    Die eine betrifft den Beitrag von Sartacicus, an dem ich bemerkenswert finde, dass der Autor die im linken Mainstream (den gibt´s schlielich auch) fast ausnahmslos obwaltende und auch im Blättchen bislang dominierende einseitige Verurteilung der westlichen Konflikt-Verschärfungen eine Betrachtung der Irrationalität russischer Haltung hinzufügt.
    Es dürfte mit der tradierten Solidaritätshaltung in linken Kreisen mit der Sowjetunion (und nun deren Hauptnachfolger) zu tun haben, Rußland noch immer den Status eines Opfers des westlichen Imperialismus zuzubilligen und sich somit solidarisch an seine Seite zu begeben. Dass alledem beidseitig imperiale Vormachtsbestrebungen zugrunde liegen scheint mir auch dann offenkundig, wenn das momentane Zwischenziel Russlands wohl zunächst darin bestehen muss, alte imperiale Macht erst einmal wieder zu gewinnen. Dass Moskau dabei gegenüber dem Westen derzeit in der Defensive ist, hat an aggressiver Machtpolitik an zunächst der Peripherie (Tschetschenien, Georgien, Krim, Ostukraine und – wenn auch etwas anders gelagert – Syrien) nichts geändert.
    Dabei scheint mir höchst plausibel, was auch Sarcaticus anführt: Der atomare Overkill reicht trotz zwischenzeitiger Abrüstung auf diesem Gebiet noch immer, um den Gegner von einem Krieg zwischen dem Westen und Rußland abzuhalten, zu dem jedweder direkte militärische Konflikt zwischen beiden Seiten früher oder später werden müsste.
    Was Russland betrifft, so erhebt sich für mich nicht zuletzt die Frage, warum das Land – wie in Sowjetzeiten auch – es lediglich auf den Gebieten Militär- und Weltraumtechnik zu wissenschaftlich-technischen und somit auch allgemeinwirtschaftlichen Fortschritten bringt und sonst kaum nirgend woanders. Sieht man von diesen beiden Ausnahmen ab, so befindet sich das Land nach wie vor im Quasi-Status eines Entwicklungslandes, für das kennzeichnend ist, dass es im Wesentlichen von Rohstoffexporten, viel weniger aber von der Veredlung der heimischen Reichtümer lebt.
    Allein Putin hatte bereits viele, viele Jahre Zeit und eine fast persönliche Allmacht, Russland diesbezüglich voranzubringen und nicht nur auf militärischem Gebiet sondern auch auf wirtschaftlichem dem Westen Paroli zu bieten – dass und wie das geht, hat China ja in einem ähnlich kurzem Zeitraum bewiesen, wobei hier unberücksichtigt bleiben soll, inwieweit es sich dort noch um „kommunistische Politik“ handelt.
    Bemerkenswert – wie so oft schon – scheint mir auch der Artikel der Rubrik „Vor 90 Jahren“, und hier vor allem der Vorspann, der begründet, dass und warum man jemanden wiedergibt, der eigentlich auf der Seite der politischen Rechten gelandet ist, der aber desungeachtet etwas zu sagen hat, dass die Weltbühne-Redaktion ihren Lesern als bedenkenswert nicht vorenthalten wollte. Ich erwähne das deshalb, weil auch im Blättchenforum gelegentlich Polemik mit anderen Lesern und mit Autoren auch mit dem totschlagenden Hinweis betrieben wird, Tucholsky und Co. würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie besagte Erregungstexte in ihrer Zeitschrift gesehen hätten. Abgesehen von der Frage, inwieweit sich solche Zensurenverteiler je die Mühe gemacht habe, in die Weltbühne wirklich und systematisch einzutauchen und nicht nur in vorliegende Extrakte, um daraus belastbare Bewertungen abzuleiten, so könnte jeder wissen, der sich ersterer Mühe unterzogen hast, dass die Weltbühne ja wirklich das war, als was Tucholsky sie einst so definierte: Die ›Weltbühne‹ verzichtet bewußt auf ein starres Dogma; bei uns wird diskutiert.“
    Für mich jedenfalls besteht genau darin der Wert auch des Blättchens als Quelle von Informationen, mehr noch aber von gedanklichen Anregungen. Dass die aktuelle Ausgabe gleich in zweierlei Weise dem besonders Rechnung trägt, wollte ich denn doch in der Hoffnung anmerken, dass sich Redaktion und Autoren dem auch weiterhin verpflichtet fühlen.
    Mit respektvollem Gruß

    • Werner Richter sagt:

      Haben Sie da was in den falschen Hals bekommen? Es gab schon ähnliche Artikel von Sarcasticus und ich kann mich nicht entsinnen, eine von Ihnen unterstellte Reaktion gelesen zu haben. Das Sarkastische seines Namens erzeugt auch den Duktus, den sollte man auch berücksichtigen. Also, inhaltlich stehen seine Darlegungen auch nicht in Abrede und können aber auch nicht in ein simples Links-Rechts-Schema eingepaßt werden. Nach diesem wäre Sarcasticus dem rechten Flügel zu zugeschustern, undenkbar. Kaffeesatzleser fänden bei einigen Diskussionsteilnehmern überlieferte prosowjetische Ressentiments, wären jedoch hier fehl am Platz. Daß Rußland wie jedes Land, besser: jede Regierung kapitalistischer Staaten, ausschließlich Interessen verfolgt, war bisher hierorts unumstritten und selbstverständlich. Jedoch daraus a priori aus der jetzigen Politik Rußland aggressive Machtpolitik zu postulieren, geht wohl etwas zu weit. Rußland kann, genauso wie einst die UdSSR, gar nicht an solche Eskapaden denken, es ist, wie Sie auch sagen, dazu viel zu schwach und vollauf mit der Abwehr der US-Angriffe nebst Vasallen ausgelastet. Das belegen auch die Ausführungen von Sarcasticus eindrucksvoll. Der Vorwurf gegenüber Putin, er habe genug Zeit für das Voranbringen Rußland gehabt und diese vertan, hat schon komische Züge. Als wenn ein Staatsoberhaupt nur den richtigen Schalter umlegen müsse, dann liefe es, könnte von Klein-Hänschen sein oder böswillig. Argumentativ ist das inhaltslos. Fürchte, Sie bekämpfen ein Phantom.
      Nett finde ich Ihren Versuch, die „Zensurenverteiler“ in die Schranken zu weisen, aber Polemik ist für dieses Forum wie auch für andere Diskussionen lebensnotwendig. Wer seine Meinung hier kund tut, muß auch mit Gegenwind rechnen, auch mit der Wichtung an unseren Altvorderen. Sollte etwa jeder seine Auffassungen ohne Widerspruch abgeben können? Der eine meine dies, der andere das und das war es? Das klingt eher nach Leserzuschriften. Diese Argumentation erinnert an die in letzter Zeit oft zu hörende Klage der Abendspaziergänger in Dresden, man könne nicht mehr seine Meinung sagen, sogleich werde man in die rechte Ecke gestellt. Aber da gibt es nichts zu stellen, es ist durch die Akteure vollzogen. Und das muß benannt werden, ist nicht zu tolerieren. Dazu ist ein Artikel gegen „absolute Toleranz“ bei Telepolis recht aufschlußreich: https://www.heise.de/tp/features/Talk-mit-dem-Menschheitsfeind-3460241.html?seite=2

  60. Ralf Nachtmann sagt:

    Wohankas Replik auf Romeike mutet stellenweise ein wenig sonderbar an. Zuweilen ist ein Blick in die nähere Historie (die heutzutage irrigerweise „Zeitgeschichte“ genannt wird und unter einer unsäglichen Guidoknoppisierung leidet) hilfreich. Und da Wohanka Schmidt und Kühn nennt, tue ich das auch, beginne aber schon eitwas früher:
    „In unserer Mitte arbeiten fast 2,5 Millionen Menschen anderer Nationen. Es ist aber notwendig geworden, dass wir sehr sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist und wo soziale Vernunft und Verantwortung Halt gebieten!“ Willy Brandt 1973
    ,,Unsere Möglichkeiten, Ausländer aufzunehmen, sind erschöpft. Übersteigt der Ausländeranteil die Zehn-Prozent-Marke, dann wird jedes Volk rebellisch.“ Heinz Kühn (SPD), Ausländerbeauftragter, 1981 (4,6 Millionen Ausländer in der Alt-BRD)
    „Mit weit über 4 Millionen Ausländern ist die Aufnahme der deutschen Gesellschaft erschöpft, wenn nicht ganz große Probleme entstehen sollen. Mehr als 4,5 Millionen Ausländer können wir mit Anstand nicht verdauen.“ – „Es ist ein Fehler gewesen, so viele Ausländer ins Land zu holen!“ – „Wir können nicht mehr Ausländer verdauen, das gibt Mord und Totschlag!“ Helmut Schmidt, 1981 bei verschiedenen Gelegenheiten
    ,,Mir kommt kein Türke mehr über die Grenze.“ Helmut Schmidt, in „Die Zeit“ vom 5. Februar 1982 (4,7 Millionen)
    ,,Wir sind kein Einwanderungsland. Wir können es nach unserer Größe und wir können es wegen unserer dichten Besiedlung nicht sein. Deshalb geht es darum, ohne Eingriffe in die Rechte des einzelnen und der Familie, ohne Verletzung der Grundsätze der Toleranz zu einer Verminderung der Ausländerzahlen zu kommen.“ Hans Dietrich Genscher, 1984 vor dem Bundestag (4,4 Millionen)
    ,,Ich habe mich entschlossen, heute selbst vor der Bundespressekonferenz zu sprechen, weil der Zustrom der Wirtschaftsasylanten Ausmaße angenommen hat; die zu einer ganz erheblichen Belastung für die Bundesrepublik
    Deutschland geworden sind und zu einer erheblichen Beunruhigung in der Bevölkerung geführt haben. Die Zahl der Asylanten steigt von Monat zu Monat. Ich bin nicht gewillt, diese Entwicklung tatenlos hinzunehmen. Die Sorgen der Bevölkerung müssen ernstgenommen werden, denn die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland und darf es auch nicht werden.“ Helmut Kohl, 1986 vor der Bundespressekonferenz (4,5 Millionen)
    „Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen. Weder aus Frankreich, noch aus England, noch aus Deutschland dürfen Sie Einwanderungsländer machen. Das ertragen diese Gesellschaften nicht. Aus Deutschland ein Einwandererland zu machen, ist absurd.“ Helmut Schmidt, 1992 in der Frankfurter Rundschau (6,5 Millionen in ganz Deutschland)
    „Die Grenzen der Belastbarkeit durch Zuwanderung sind überschritten.“ Otto Schily, 1999 laut Süddeutsche Zeitung
    (7,4 Millionen)
    „Die multikulturelle Gesellschaft ist gescheitert.“ Angela Merkel 2004 (6,8 Millionen)
    Wohanka schließt seinen Wortmeldung mit: „Es ist nicht vorstellbar, dass der faktische Zustand der Multinationalität respektive -kulturalität namentlich Westdeutschlands für einen „neuen Konsens“ verhandelbar, das hieße – einschränkbar wäre. Denn auf nichts anderes liefe dieser neue Konsens unter den obwaltenden Bedingungen hinaus – weniger Ausländer, weniger ethnische Diversität.“ Ja und? Es gibt mehrere Millionen Menschen in Deutschland, für die dies durchaus „vorstellbar“ ist, für die die Zahl hier lebender Ausländer durchaus „verhandelbar“ erscheint, ja verhandelbar sein sollte. Es ist ein Grundirrtum (dem auch Wohanka aufgesessen scheint), dass es einen weit verbreiteten „Wunsch nach mehr ethnischer Diversität“ gäbe. Es gibt ihn eben nicht.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Um mit dem Letzten zu beginnen – ich bin mir durchaus bewusst, dass, wie Sie schreiben, „es mehrere Millionen Menschen in Deutschland gibt, für die dies (weniger Ausländer, weniger ethnische Diversität – St. W.) durchaus ´vorstellbar´ ist, für die die Zahl hier lebender Ausländer durchaus ´verhandelbar´ erscheint, ja verhandelbar sein sollte“. Offenbar gab es diese Menschen schon immer; Sie zitieren reihenweise führende Politiker, die nichts anderes zum Ausdruck bringen. Und doch! Die Zahlen von Ausländern im Land, die Sie freundlicherweise neben den Politiker-Zitaten gleich mitliefern, sind – wenn auch nicht systematisch und linear, so doch deutlich gestiegen. Insgesamt lebten am 31. Dezember 2015 in Deutschland 9.107.893 Ausländer; das sind deutlich über zehn Prozent der Wohnbevölkerung. Entweder haben die zitierten Politiker gelogen, waren verkappte Multikulti-Fans, die den Menschen, Wählern (!) Sand in die Augen streuten, um dann ihr perfides Spiel der Zuwanderungserhöhung zu betreiben oder aber sie konnten einen „objektiven“ Trend trotz aller Bemühungen nicht stoppen.Ich denke, letzteres trifft zu.
      Wenn in kurzer Zeit Hunderttausende Menschen ins Land kommen, stellt das für jede Nation eine gewaltige Herausforderung dar. Inmitten der Hysterie und der zunehmenden Xenophobie kann uns nur Gelassenheit und Empathie weiterhelfen. In einer Welt, in der Geld und Waren frei zirkulieren – wovon Deutschland und viele seiner Bewohner, leider nicht alle, das ist wahr, profitieren – und ob deren Kugelform sich die Menschen „nicht ins Unendliche zerstreuen können“ (Kant), werden wir lernen müssen, mit den anderen zusammenzuleben und dem Positives abzugewinnen. Und uns daran gewöhnen müssen, dass auch Menschen „zirkulieren“.
      Nationale Identitäten sind nichts Starres, in dem man sich einmauern könnte. Identitäten zeichnen sich in der heutigen Welt dadurch aus, dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren. Der Historiker Eric Hobsbawm erklärte schon lange vor der Flüchtlingsfrage den Nationalismus für nicht zukunftsfähig: „Ethnische Gemeinschaften und Gruppen in modernen Gesellschaften sind vom Schicksal zur Koexistenz verurteilt, mögen viele auch immer noch von einer Rückkehr zu einer unvermischten Nation träumen“. Der Nationalstaat, so liest man auch bei dem polnisch-englischen Soziologen Zygmunt Bauman, sei perfekt für die Freiheit und Unabhängigkeit autonomer Völker und Nationen gewesen, für „Interdependenz“ in der modernen Welt hingegen sei er ungeeignet. Es fehle aber ein „kosmopolitisches Bewusstsein“, das unserer Lage entspräche. Diesen Mangel nützten in Politik und Medien diejenigen aus, die vom Schüren einer moralischen Panik („moral panic“) leben. Fremdenhass und Rassismus, auch das hatte schon Hobsbawm gesagt, seien „Symptome, keine Heilmittel“.
      Was – wie oben schon angedeutet – unbedingt zur Interdependenz in der modernen Welt hinzukommen muss, ist die Verbesserung der Wohlfahrt derjenigen, die bisher nicht an den aus Globalisierung – um einen anderen Begriff zu verwenden – folgenden Vorteilen teilnehmen können. Es muss aufhören, die existenzielle Unsicherheit, die zum Beispiel aus den prekären Arbeitsverhältnissen herrührt, den Einzelnen anzulasten. Menschen hierzulande dürfen nicht vor die gänzlich unerfüllbare Aufgabe gestellt werden, individuelle Lösungen für gesellschaftlich produzierte Probleme zu finden. Diese Menschen in der internationalen „Leistungsgesellschaft“ fühlen sich zurecht als Opfer, und um etwas von ihrer Würde und Selbstachtung zu retten, meinen sie diejenigen benennen zu müssen, die sie dazu gemacht haben. „Migranten“, um nochmals Bauman zu zitieren, „und vor allem die Neuankömmlinge unter ihnen erfüllen alle diese Voraussetzungen bestens“. Sind aber die Falschen….

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Sehr geehrter Herr Nachtmann, es gab immer wieder auch den Wunsch nach „mehr ethnischer Diversität“, etwa bei den West-Grünen von 1990, wie Claudia Roth, Angelika Beer oder Jutta Ditfurth, die zu Demonstrationen unter der Losung: „Nie wieder Deutschland!“ aufriefen bzw. daran teilnahmen. Zu dem Sprüche-Arsenal gehörte auch: „Lasst uns mit den Deutschen nicht allein!“ Ergebnis war, dass die Grünen 1990 aus dem Deutschen Bundestag flogen. (Nur die Ostler von Bündnis 90/Die Grünen kamen rein; es gab zwei Wahlgebiete,) Der Diversitäts-Wunsch blieb folglich unter fünf Prozent. Heute das Gegenteil zu behaupten, ist Geschichtsklitterung und setzt auf das Vergessen der deutschen Bevölkerung. Es ist jedoch Tradition der 68er, sich nachträglich eine Mehrheitsposition zu halluzinieren.
      Mit freundlichen Grüßen

  61. Stephan Wohanka sagt:

    Informationskrieg von Petra Erler
    Folgende kurze Passage gibt mir zu denken: „Doch selbst der edle Anspruch der Verteidigung der Heimat gegen einen Aggressor motiviert heute nicht mehr zwingend zur Kriegsteilnahme. Die vielen jungen Männer unter den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen belegen das weit anschaulicher als alle Umfragen.“
    Häufig ist hierzulande in einschlägigen Foren der – nicht nur unterschwellig fremdenfeindliche – Vorwurf zu hören, dass die „jungen Männer unter den syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen“ doch lieber ihr Land verteidigen sollten als hier Asyl, Hilfe, Unterstützung zu suchen und uns auf der Tasche zu liegen; frei nach dem Motto „haben wir doch früher auch gemacht“. Teilt Frau Erler diese Meinung? Wie häufig berichtet, fliehen Syrer, um sich der Rekrutierung durch die Assad-Armee zu entziehen, und dann auch durch die verschiedenen anderen bewaffneten Gruppierungen, „Fronten“, Terroristenlager. Warum sollten sie ihre jungen Leben in dieser Gemengelage für Kriegsherren, ja Kriegsverbrecher opfern?

    Doppelte Fehlwahrnehmung von Bernhard Romeike
    Herr Romeike schreibt: „Damals war der Ruf zunächst: ´Wir sind das Volk!´ Das war ein Ruf von unten, nicht Anordnung von oben. Daraus wurde dann: ´Wir sind ein Volk!´ Das meinte, die Deutschen Ost und die Deutschen West bilden zusammen das deutsche Volk, das sich nun vereinen sollte. Das war gleichsam die Geschäftsgrundlage der deutschen Vereinigung, die in diesem Jahr in Dresden gefeiert wurde.“ Irrt er da nicht ein wenig? Seine Worte suggerieren quasi eine Gleichheit, Gleichgewichtigkeit, gleiche Augenhöhe zwischen Ost und West. Ich denke, die hat es damals nicht gegeben. Eher ist der zusammenbrechende Osten wie eine überreife Frucht dem Westen in dessen unwilligen Schoß gefallen. Die immer wieder in westlichen Sonntagsreden beschworene Einheit war von denen, die sie verkündeten, kaum wirklich gewollt. Die Nachwehen dieses Vorgangs waren in Dresden zu beobachten. Weiter bei Romeike: „Damit (durch die Befürwortung der Einwanderung – St. W.) hat aber Göring-Eckardt jene Geschäftsgrundlage verlassen, und mit ihr die links-mittige Berliner Elite. Nicht diejenigen, die dagegen protestieren, in ihrer Hilflosigkeit oft auch politisch völlig inkorrekt, laut und dumpf“. Wie gesagt – die „Geschäftsgrundlage“ war keine solche und so konnte sie auch nicht „verlassen“ werden.
    Weiter: „Schließlich das Argument: die Ostdeutschen hätten ´den multikulturellen Konsens´ der Bundesrepublik aufgekündigt. Aber hat es den denn je gegeben? Ist überhaupt jemals eine Debatte darüber geführt worden, ob es einen ´multikulturellen Konsens´ in diesem Lande geben sollte, und wenn ja, worin er bestehen könnte“. Ob es in der alten Bundesrepublik einen „multikulturellen Konsens“ im Sinne einer endgültigen Aushandlung gab, sei dahingestellt; harte Debatten darüber gab es seit Langen und es gibt sie immer noch. So berief der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schon 1978 (!) einen Integrationsbeauftragten in Person von Heinz Kühn. Der veröffentlichte 1979 ein Papier, dessen zentrale Aussage lautete, dass die Bundesrepublik faktisch ein Einwanderungsland sei. Die These blieb damals noch ohne große Wirkung, aber 1989/90 war das Land ohne jeden Zweifel multiethnisch. Das war die DDR nicht, sieht man von den Minderheiten der Wenden und Sorben ab. Insofern scheint mir Romeikes Forderung, „es braucht tatsächlich einen neuen Konsens in dieser Gesellschaft, der auf Augenhöhe hergestellt wird, nicht im Sinne von ´Volksaufklärung´“ doch etwas übertrieben, Wunschdenken, so berechtigt sie auch klingen mag. Es ist nicht vorstellbar, dass der faktische Zustand der Multinationalität respektive -kulturalität namentlich Westdeutschlands für einen „neuen Konsens“ verhandelbar, das hieße – einschränkbar wäre. Denn auf nichts anderes liefe dieser neue Konsens unter den obwaltenden Bedingungen hinaus – weniger Ausländer, weniger ethnische Diversität.

    • Werner Richter sagt:

      Ich lese daraufhin wiederholt den Artikel von Petra Erler. Es bleibt mir ein Rätsel, wie und womit Stephan Wohanka darin auch nur ansatzweise einen solchen Bezug ausfindig machen kann. Sie liefert nicht den geringsten Anlaß, sich für etwas, was sie nicht gesagt bzw. geschrieben hat, rechtfertigen zu müssen, unterläßt es scheinbar auch, gut so. Umsonst der Maoritanz, es war das Spiegelbild und nicht der Gegner.
      Zur Sache. Es ist entgeisternd, angesichts der real aufziehenden, die Menschheit bedrohenden Gefahren, nicht aus dem All, von Menschen gemacht, in fast allen Medien die Ursachenzuweisung nur in eine Richtung, damit apologetisch und vermutlich die wahren Schurken flankierend, schön komponiert ertragen zu müssen. Auch ein Streit, dazu noch unbegründet, ob jetzt in einem Gedanken nicht ein Mikrokorn Unausgewogenheit stecken könnte, rein formal akademisch und philiströs riechend, geht neben die wichtigen Fragen. Jetzt ist wohl nicht die Zeit für derart Dispute, alldieweil die Kernwaffen geschärft werden und wir alle als Kollateralmasse ins große Spiel eingeplant sind. Diese werden nicht, wie biblisch vorgegaukelt, das Gottesgericht sein, nach den Sünden fragen: wie hieltest du es mit der Treue zum ureigenen Land Gottes? Die Sense wird alle Halme gleichermaßen treffen und auch nicht irgendwo hinten in der Türkei. Ich fürchte, das ist keine theoretische Frage mehr, sondern tatsächliche Perspektive. Man ist gedrängt mit Tucholsky zu fragen: Merkt ihr nischt? Selbst in Sendungen des ZDF ist ein Unwohlsein zu verspüren, man sehe nach dem Dokufilm von Hano zur Lage in den USA, unter „Zoom“ am 02.11.2016 ausgestrahlt, auch wenn Ami-Kleber sich danach, tapfer seinen Abwiegelungsposten erfüllend, ins Zeug legt. Eine bemerkenswerte Analyse der strategischen Zusammenhänge durch Thierry Meyssan, nicht so einfach als Meinung eines Einzelnen oder gar Verschwörung abzutun, ist auf voltaire.net in inzwischen 12 nummerierten Artikeln als „Tagebuch des Wandels der Weltordnung“ eindrucksvoll nachzulesen. Nicht aus Sensationslust, aus wohl gegründeter Besorgnis wird dort auch die Frage aufgeworfen: Ist der große Krieg noch vermeidbar? Möge uns im Augenblick der Wahrheit noch ein letzter Gedanke kommen, der in bitterer Resignation von Max Otte ausgesprochen ist: Die USA werden unser Untergang sein! Und auch eine letzte Mahnung Eric Hobsbawm: Es wird noch Blut fließen, sehr viel Blut und die USA werden ihren letzten Trumpf, militärische Überlegenheit, unausweichlich ausspielen. Sie sind gerade bei der Vorbereitung. Bis dahin können wir ja auch weiter belanglos streiten. Vielleicht ist auch ein Quentchen Verständnis für unsere Mörder in spe drin.

  62. Ilse sagt:

    zu Petra Erler „Informationskrieg“: Die andere Seite der Medaille ist, dass die Friedensbewegung und damit die Aufklärung über die Kriegsziele gezielt gespalten wird, indem einige Akteure als Antisemiten, Verschwörungstheoretiker, Querfrontler u.ä. verschrien oder ihre Aktivitäten einfach verschwiegen werden.
    Bitter ist, dass Linke und linke Medien wie nd und junge Welt da mitmachen, anstatt die Bündnisbildung zu unterstützen.

  63. Horst Bertram sagt:

    Keine Ahnung, wieso ich Kontext der Reaktionen auf Wohanka und mich auf dieses Credo komme:
    Links-Sein
    „Ich bin ein Linker in meinen kulturellen Reflexen, möchte jedoch diese Haltung nicht ohne Reflexion über mich ergehen lassen. Dementsprechend muss ich für den GAU gerüstet sein, wenn etwa ein Konservativer plötzlich Recht hat oder ein Vertreter des Fortschritts eine enorme Dummheit präsentiert. Jenseits dieser traditionellen Sicht fühle ich mich jenen Paradiesvögeln verpflichtet, die in einer Frage so, in einer anderen wiederum anders denken. Andersdenken ist für mich nicht nur eine Form der ideologischen Devianz, sondern auch das Recht, über etwas anderes als die Themen des gängigen Diskurses nachzudenken.“
    György Dalos
    Wobei – so ein wahrer Linker ist der Dalos ja sowieso nicht…
    H.Bertram

    • Wolfgang Ernst sagt:

      … aber der gängige Diskurs ist doch die Merkelei. Und das Blättchen eigentlich der Paradiesvogel. Wenn dieser Vogel auch merkelt, ist er das nicht mehr. Das ist eine Tatsachenfeststellung, nicht eine Wertaussage. Die hat mit „wahren Linken“ und aufrechten „Konservativen“ nichts zu tun.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Kann es nicht so sein, dass Ihre Behauptung, „dieser Vogel merkelt“ eine – um weiter bei Ihren Worten zu bleiben – eine Wertaussage und keine Tatsachenfeststellung ist?

  64. Horst Bertram sagt:

    Lieber Herr Wohanka,
    Andre Gide hat einst einen, wie ich finde, höchst treffenden Rat gegeben: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“ Der von Ihnen zitierte Leserbriefschreiber lässt einem kaum etwas anderes übrig, als ihn in der letzteren Kategorie zu verorten.
    Vor Ihrem Gleichmut, sich dessen (und anderer Leserbriefautoren) wiederholter Verunglimpfungsversuche immer wieder auszusetzen und darauf so sachlich und ruhig zu reagieren, habe ich großen Respekt. Da ich vom Blättchen keine finalen Verkündigungen erhoffe sondern Anregungen, hoffe ich auf Ihr Durchhaltevermögen; die Bescheidwisser haben immerhin einen langen Atem.
    MfG,
    Horst Bertram

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Werter Beiträger,
      das Kompliment verstehe ich nicht. Die Rolle des Wohanka, Sprecher der Merkelei in dieser Gemeinde zu sein, ist doch eine selbst gewählte, keine ihm oktroyierte. Die spielt er nun, mit ernstem Eifer.
      Hochachtungsvoll

    • Werner Richter sagt:

      Verehrter Herr Bertram, viel dazu noch zu sagen, lohnt der Mühe nicht. Eines jedoch sei erwähnt: Sie liefern ein schönes Beispiel von Gleichmut, den Sie so lieben. Im übrigen sollte man abwägen, wen man wo als Kronzeugen beansprucht, ansonsten gerät man leicht in Bredouille wie einst der ertappte Dieb des Witzes aus DDR-Zeiten mit seinem Bezug auf E.H., der gesagt habe: aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen. Viel Vergnügen weiterhin noch bei der sicherlich rein akademisch geführten Diskussion über die Berechtigung der Nato-/USA/EU-Politik zur Beglückung der Welt. Indes bitte nicht vergessen: Immer schön Rosen auf den Weg gestreut!

  65. Stephan Wohanka sagt:

    Im Blog des Blättchens wirft ein Kritiker einem der dort schreibenden Autoren Folgendes vor: „Über einen längeren Zeitraum betrachtet kann man aus einer Reihe seiner Meinungen durchaus den Schluß ziehen, daß eine Grenze bedenklich überschritten und so der Konsens der Blättchenleser verletzt wurde. Will er diesen peu a peu um eine weitere Nuance erweitern? Warum sollte man sich darauf einlassen? Geht es hierbei um Meinungsvielfalt? Muß die denn überall, auch im Blättchen, mit bisher hier nicht gewohnten politischen Ansichten gepflegt werden?“ Da kümmert sich einer um das Reinheitsgebot des Blättchens! Kennt man sonst nur vom deutschen Bier…
    Überschätzt der Kritiker da nicht einigermaßen den Einfluss des Autors auf den „Konsens der Blättchenleser“? Einfluss? Nein, hinter der „Grenzüberschreitung“ steht offenbar eine aktiv betriebene Veränderungsstrategie! Es drängen sich andere Fragen auf: Wo lebt der Kritiker? In welcher Zeit verharrt er? Hat er noch nicht mitbekommen, dass wir – der Autor, der Kritiker und alle anderen – in einer „offenen“ (Karl Popper) respektive pluralistischen Gesellschaft leben; ob uns das passt oder nicht. Die Pluralität des Menschen ist – wie Hannah Arendt sagt – die Grundlage demokratischer Politik. Daher: Wer entscheidet, wann oder wodurch „Grenzen überschritten“ werden? Der Herr Kritiker? Desgleichen gilt für die „gewohnten politischen Ansichten“; sind das nur seine? Was heißt „gewohnte“? Welche geistige Langeweile, wenn die „gewohnte“ eigene Meinung, nur variiert in Aussagen Gleichgesinnter, immer nur repetiert werden würde. Meinungsvielfalt statt Meinungseinfalt.
    Außerdem: Gibt es einen Konsens der Blättchen-Leser überhaupt? Wenn ich das Blättchen lese, kann ich einen solchen nicht festmachen; zugegeben, auch nur eine Einzelmeinung. Es steht in der Tradition auch von Tucholsky, und Jörn Schütrumpf – erster Herausgeber des Blättchens – wurde zwölf Jahre lang nicht müde, folgenden Tucholsky-Satz zu wiederholen: „Unser Platz ist immer zwischen den Stühlen“. Daran dürfte sich nichts geändert haben. Meinungsstreit und Meinungsvielfalt oder Konsens – „zwischen den Stühlen“ kann nur erstere meinen. Irgendwo ist zu lesen, dass zwischen den Stühlen zu sitzen, der anständigste Platz sei, den es gibt. Und: Meinungen, so man welche hat, sind dazu da, beständig infrage gestellt zu werden.

    • Werner Richter sagt:

      „…Und: Meinungen, so man welche hat, sind dazu da, beständig infrage gestellt zu werden.“
      Neujahr ist nicht mehr weit, Herr Wohanka. Würde ich unbedingt in meine Vorhaben einbeziehen. Das mit Jörn Schüttrumpf ist pfiffig, aber so hat er es bestimmt nicht gemeint. Schade, daß Sie das Gentlemen Agreement, den Konsens, nicht erspüren können. Ihre Entgegnung bleibt Ihnen unbenommen, ist aber kein ausreichender Grund, Ihre Meinung nicht zu kritisieren. Nach meiner Wahrnehmung sitzen Ihre fokussierten Meinungen recht fest auf einem Stuhl, nicht dazwischen.

    • Peter sagt:

      Hallo,
      mich beschleicht die Idee das hier die Aufstellung für eine „Schlacht“ konstruiert wird. Ich weis nicht welche, dazu lese ich hier zu kurz. Wie komme ich darauf? Es wird kaum Inhaltlich gestritten, es wird schlampig argumentiert,“Meinungen recht fest auf einem Stuhl, nicht dazwischen.“ gerade das es kein sitzen zwischen zwei Stühlen gibt macht die Aussage „bemerkenswert. Wenn erst gesessen ist kann es gemütlich werden egal wo. Es ist der ständiger Wechsel.
      Es ist auch belanglos, nie kann es einen Grund geben keine Kritik zu führen wenn ein Widerspruch gesehen wird. Das beinhaltetet doch auch das der Kritiker aus seiner Grube kräht. Ich sehe mich da eher , wenn es nett ist abgemahnt, ansonsten raus-geschmissen. Das ist die Grenze für mich. Oftmals braucht“es“ einfach Zeit um zu neuen Erkenntnissen zu kommen, schlimmer noch geliebtes zu beerdigen.
      Mich, zumindest stört es nicht wenn „große Namen“ angeführt werden, meist findet mensch auch das Gegenteil.
      Die Bestimmung wie was gemeint ist, ist müßig. Eines wollen „wir“ denn doch mal festhalten, ich habe Recht.

      „Die Deutschen leben von der Lebenslüge und der Dummheit. Letztere stinkt zum Himmel. Wenn du hier eine Woche lang sämtliche Zeitungen von rechts bis links gelesen hast, dann bist du reif für die Rückfahrt.“ Hannah Arendt

  66. Erhard Crome sagt:

    Der von mir sonst geschätzte Heerke Hummel hätte besser bei der Ökonomie bleiben sollen. Das Buch des Albert Krölls ist in Sachen Nation und Nationalstaat bar jeglicher Kenntnis der einschlägigen wissenschaftlichen Debatten und Literatur.

  67. Werner Richter sagt:

    Zu Ulrich Busch „Alternative Triaden“ Heft 21.2016
    Es ist wohl doch kein Zufall, daß der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ausgerechnet Leute wie Götz Werner viel abzugewinnen versuchen. Warum werden Milliardäre der unteren Kategorie davon fasziniert? Ein Erklärungsversuch könnte sein, diese Leute sind noch nicht so abgehoben wie die wirklich reichen und mächtigen, die an Zehn Fingern abzuzählen sind. Sie haben genügend Intellekt, um die schiefe Ebene der sie reich machenden Produktionsweise zu erkennen und sorgen sich um ihren Status. Da scheint die bedingungslose Verteilung eine interessante Idee zumindest zum Bremsen des Trends zu sein. Ökonomen ist vorbehalten, die Tauglichkeit im System zu prüfen.
    Die „Finanzierbarkeit“ ist hier wohl etwas vorzeitig und zu absolut in Frage gestellt, Karl Reitter wüßte von anderem zu berichten, aber diese Gedanken gehen durch die Bank zu sehr von der aktuellen Realisierbarkeit aus. Die Einpassung in die globalen Zusammenhänge bleibt ausgeblendet.
    Das Vollgeldkonzept erweist sich gewiß wie seine Vorgänger als eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Klaus Müller hätte hierzu bestimmt einiges zu sagen.
    Der Autor geht hier von der Selbstverständlichkeit einer Wirtschaft mit Wachstum als Normalzustand aus. Die aber ist in Praxis fragwürdig geworden (Ende des Wachstums?). Der prognostizierten Katastrophe bei Ausbleiben des Wachstums steht die bei weiterem Wachstum entgegen, Regen oder Traufe, das ist hier die Frage. Es kann also nicht nur, also eingeschränkt, um die Frage der Realisierbarkeit z.B. des bedingungslosen Grundeinkommens gehen, sondern die Wirksamkeit dieser Modelle zum Aufhalten des wachsenden Dysfunktionalität der Warenwirtschaft überhaupt. Eine andere Funktion als die der Systemstabilisierung kann dem wohl nicht zugemessen werden. Eine neue Gesellschaft jedenfalls ist im Zuge solcher Wirtschaftspolitik eher nicht zu erwarten. Alles wandelt sich zum Alten. Es ist zwar der Acker aktiver Ökonomen, die aufsprießenden Theorien, die in der Regel den Weg der Reform zur Entdeckung des ökonomischen Steines des Weisen finden wollen, zu testen. Aber der Stein wird so unsichtbar bleiben. Und man darf nie vergessen, wir sprechen immer über die Aufteilung des Kuchens in den weltwirtschaftlich herrschenden und ausbeutenden Ländern, der aus dem langsamen Verhungern des Restes der Welt gebacken wird. Das unberücksichtigt zu lassen würde der Idee des „nationalen Sozialismus“ näher kommen.
    Die dargestellte Alternative ist wohl mehr eine innerhalb des Verwertungssystems, nicht eine zum System. In diesem spielen Triaden verschiedenster Art und völlig anderen Sinnes eine ganz andere, treibende Rolle, aber keine systemverändernde, eher eine, die dem autonom wirkenden System einen günstigeren Weg ebnet.

    • Peter sagt:

      Hallo,
      Rainer Roth hat sich Gedanken zum bedingungslosen Grundeinkommen gemacht, nach der Lektüre war mit klar das Götz Werner dafür ist.
      http://www.klartext-info.de/broschueren/Rainer_Roth_Zur_Kritik_des_BGE.pdf

      Ansätze dazu gibt es ja schon lange. Wenn davon ausgegangen werden sollte das die Reproduktion-kosten der Preis der Arbeitskraft ist,und damit soll dann die Reproduktion der Arbeitskraft gesichert sein. Was ist dann Kindergeld und Wohngeld? Subvention der Lohnkosten für den Käufer. So wird auch mit dem Grundeinkommen verfahren. Genannt wird es dann Sozialstaat.

  68. Peter sagt:

    Nun Herr Nachtmann,
    Zeilenhonorar gibt es hier nicht, somit ist die Frage obsolet. Außer, Sie wollen das Ihnen von der Leserschaft was gezahlt wird. Ich würde es nicht tun. Ich halte es allerdings auch nicht für so wichtig für die Zeilen hier Geld zu bekommen, wenn es Inhalte zu bedenken gäbe würde es mir reichen.

  69. Peter sagt:

    Zu Ralf Nachtmann von 7.Okt.
    Ich weis jetzt nicht für wen Sie sprechen, wenn Sie, „wir“oder „uns“ schreiben. Mag ja sein das ihnen die Analyse zu der „verachtung“ führt die Sie anführen. Es bleibt dennoch Inhaltsleer. Damit die Angst besänftigt wird und es weitergehen kann wird auf den Einsteller der Zitate Bezug genommen. Zu welchem Zweck, um die leere der Argumentation zu bemänteln?
    Da ist es dann sicherer zu „bedeuten“, das als Wirklichkeit zu nehmen und dann in einer „anderen Welt“ weiterzumachen.
    Was es leider nicht gibt, ist ein Auseinandersetzung über die Frage der Staatsform oder ob überhaupt ein Staat nötig ist. Ich wäre gerne eines besseren belehrt worden. Soziale Emanzipation ist mit Staatsmacht kaum möglich. http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2009/07/demirovic.pdf

    • Ralf Nachtmann sagt:

      liebe leser, lohnt es sich, darauf überhaupt zu antworten?

    • Manne Murmelauge sagt:

      Nein. Ein hohler Satz, zu dessen Erhärtung ein zweiter hohler Satz hinzugefügt wird, bleibt ein hohler Satz.

  70. Peter sagt:

    Zu: Rudolph Caracciola
    Hallo,
    ich kann das moralisch verschleiernde Gequassel nicht mehr hören. Die Welt ist nicht verrückt, die meisten Menschen wissen nicht einmal was in der Welt passiert, bzw. das Ihre „Welt“ eine andere ist als die des Schreibers. Es ist auch keine andere möglich, für die die im Kapitalismus leben. Das ewige Gejammer der Lobbyisten seien es gewesen, wer lässt die denn in den Bundestag. Dann die Rüstungsindustrie? Was für ein Blödsinn wenn Waffen gemeint sind. Die wirklichen Waffen sind die Waren, damit haben „wir“ alles Sturmreif geschossen und dafür, für die Warenproduktion werden Kriege geführt. Wenn denn mal verloren wird bekommt der Kapitalismus es wieder zurück, gerde ist der 3. Okt. gefeiert worden, der Tag an dem der Kapitalismus sein verlorenes Terrain wieder bekam.
    Eine Fuge wird gerne übersehen das Kurdische Kobane, vor allem die Frauen dort, die kämpfen für soziale Emanzipation. Die werden wieder „hängen“ gelassen. Wo übrigens sind die „Frauen bewegten“?
    Dennoch bleibt es richtig „Raus aus der Nato“ zu fordern, das ist auch ein Stück Emanzipation. Mir ist es wichtig aus der Sicht der handelnden und wofür sie handeln, zu sehen. Na klar kann militärisch gewonnen werden, das ist so ein Mantra das nie belegt wird. Die Sklaven in Amerika sind mit militärischer Gewalt „befreit“ worden.
    Nicht nur „heutige militärische Lage ist höchst bedrohlich“ nein, das Leben ist bedrohlich, es kann doch nicht bei Atommüll, Luftverschmutzung, Wasservergiftung von nicht bedrohlich reden. Die Welt ist nicht Sicher wenn die Militärsichern Waffen weg sind. Was ist denn das Friedenszeichen, das so auch nur ein Mantra bleibt. „Gemeinsames Handeln“ wofür oder wogegen? Der größte Hohn ist allerdings den Fetisch der parlamentarischen Wahlen an zuführen. Das ausführende Organ des Kapitals an zu beten, das genau das was Kritisiert wird ausgeführt hat. So wird es noch lange dauern und nichts wird passieren.
    „Und es gehört jene eigentümliche Krankheit dazu,die seit 1848 auf dem Kontinent sich ausbreitet, der parlamentarische Idiotismus, der die Angesteckten in eine eingebildete Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles Verständnis für die raue Außenwelt raubt.“ MEW 8 S.178
    Die Friedenstaube. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2016/10/Friedenstaube.jpg

    • Ralf Nachtmann sagt:

      naja, der parlamentarismus hat durchaus seine – uns allen bekannten – schwächen. die verachtung aber, die ihm „peter“ entgegenbringt, kann ja nur eins bedeuten: „peter“ möchte wieder eine diktatur. ihm muss es in den vergangenen diktaturen (sofern er sie überhaupt selbst er-lebt hat und nicht nur vom hörensagen kennt) saugut gegangen sein.
      applaus, applaus. und nie vergessen: heute noch an/auf der seite der führenden, morgen schon im gulag. viel spaß, mein lieber peter!

  71. Rudolph Caracciola sagt:

    Hallo zusammen!

    Kann man in dieser verrückten Welt wirklich nichts tun?
    Ist der Krieg in Syrien, Afghanistan und die Hetze gegen Russland unvermeidbar?

    Doch man kann und sollte etwas tun.
    Etwas entgegensetzen den Lobbyisten der Rüstungsindustrie und den Kriegshetzern in den Massenmedien.

    Auf zur Friedensdemo am 8. Oktober!

    Hier der Aufruf der Organisatoren:

    Auf nach Berlin zur Friedensdemo! „Die Waffen nieder“
    Demonstration am 8. Oktober 2016 in Berlin

    Auf nach Berlin – Friedensbewegung wieder unübersehbar auf die Straße

    Fortdauernde regionale Kriege, globale Kriegsgefahr, Zunahme von Rassismus und Nationalismus. Die Welt ist aus den Fugen. Die offizielle Politik steht vor den Scherben ihres andauernden militärischen Eingreifens. Krieg, Aufrüstung, Drohgebärden und innere Militarisierung bewirken eine weitere Gewaltspirale. Im Ergebnis: Tod, Vernichtung, Perspektivlosigkeit und Hass. Unsere Welt kann sich weitere Kriege nicht mehr leisten.

    Eine andere Politik ist nötig und möglich, um aus dem Teufelskreis des Militärischen auszubrechen. Dazu gehören der Abzug der Bundeswehr aus allen Auslandseinsätzen, die drastische Reduzierung der Rüstung sowie der Stopp der Rüstungsexporte. Wir wollen Kooperation statt NATO-Konfrontation. Überall auf der Welt – vor allem auch in Syrien. Wir rufen die Konfliktparteien auf: Lasst die Waffen ruhen. Es kann keinen militärischen Sieger, sondern nur Verlierer geben.

    Die heutige militärische Lage ist höchst bedrohlich. Deshalb wollen und müssen wir ein deutliches Friedenszeichen setzen. Mit unserem Wunsch nach Frieden sehen wir uns mit der großen Mehrheit unserer Bevölkerung im Einklang. So können wir Einfluss auf die zuständige Politik ausüben, was besonders im kommenden Wahljahr von Bedeutung ist.

    Gemeinsames Handeln ist in allen Teilen der Friedensbewegung angesagt. Die Vorbereitungen unserer großen bundesweiten gemeinsamen Demonstration sind gut angelaufen. Jetzt müssen wir noch einen Gang höher schalten. Wir sehen uns in Berlin am 8. Oktober 2016. Die Friedenstaube wird wieder allgegenwärtig sein.

    Für den Vorbereitungskreis
    Reiner Braun und Horst Trapp

    Weitere Informationen:
    http://www.koop-frieden.de/aktuelles/artikel/auf-nach-berlin-am-810-friedensbewegung-wieder-unuebersehbar-auf-die-strasse.html

  72. Literat sagt:

    Literat sagt:
    Der Interpretation der Berliner Wahlergebnisse durch Herrn Hayn verdanken wir auch dies:
    „Damit sind wir bei der AfD. Wenn von Wahlsiegern die Rede ist, sind zuvörderst die Rechtsextremen zu nennen. … Es ist hier nicht der Platz, einen genauen Blick auf die Zusammensetzung der AfD-Fraktion zu werfen. Sie ist selbst für diese Partei deutlich rechtslastig.“ Auch der ungenaue Blick offenbart uns ein Urteil des Autors.
    Ja, wer hätte wohl vermutet, daß die Partei der „Rechtsextremen“ (mehr „rechts und „extrem“ in einem Begriff geht wohl nicht) auch eine „rechtslastige“ Fraktion stellt? Oder ist Gefahr im Verzuge, die Berliner AfD könnte von der Fraktion rechtslastiger überholt werden, obgleich – nach Meinung des Autors -„der gesamte Berliner Landesverband“ auch rechtslastig?
    Wenn dem aber so ist, könnte die Zusammensetzung der Fraktion doch noch weniger überraschen.
    Zunehmend stellt sich die Frage nach Kriterien von Bewertungen und innerer Differenzierung eines Stoffes, auch in Auseinandersetzung mit der AfD. Und das Prinzip bezieht sich keineswegs nur auf diesen Beitrag, zumal „AfD“ hier nur ein Teilaspekt des literarischen Berichts zu den Berliner Wahlen ist.
    Vielleicht wird dies ein Anstoß – Anlaß ist gegeben.

  73. dlog sagt:

    Zu: „Vertrauen schaffen zwischen Russland und dem Westen“

    Man muss nicht die Sichtweise des „Anderen“ verstehen aber sich in dessen Lage hineinversetzen zu können, sollte doch nun wirklich eine Grundvoraussetzung jeglicher diplomatischer Tätigkeit sein. „Freundschaft zwischen Völkern“ auf dieser Ebene ist eine Illusion. Es geht immer nur um die Vertretung und Durchsetzung von Interessen. Nüchternheit ist gefragt, Rationalität – und nicht das Wolkenkuckucksheim politischer oder religiöser Traumtänzerei und den damit verbundenen Ideologien.

  74. Ralf Nachtmann sagt:

    Zu Jürgen Brauerhoch: Ja, auch ich passierte den Bahnhof Probstzella, allerdings fast 40 Jahre später. Damals und bis heute will sich kein so rechtes Glücksgefühl einstellen. Lag es daran, dass das „Privileg“, engste Verwandte, die ich zu Lebzeiten mehr als 20 Jahre nicht sehen durfte, in die Erde begleiten zu dürfen, so gar nichts Erhebendes, so gar nichts „Befreiendes“ hatte? Als ich zurück fuhr (tags, nichts nachts, wie bei der Hinreise), schaute ich eine Weile nach den Kontrollen aus dem Fenster. Als erstes sah ich einen verrotteten, zusammenfallenden Zaun, an dem ein rotes Stofftransparent hing: „Vorwärts zum 10. Parteitag der SED“ (oder so). Dem Mann neben mir, einem Westberliner, sagte ich nur: „Jetzt weiß ich, was in den vergangenen zehn Tagen irgendwie gefehlt hat.“ Ja, so war das damals. In einem jedoch hat J.B. nicht ganz Recht: Einen „Tag der deutschen Einheit“ anlässlich des 3. Oktober zu feiern, halte ich für abseitig; es ist für mich der „Tag des Anschlusses“, nur dass damals Leute wie HD Genscher sich auf keinen „Heldenplatz“ stellten und ausriefen: “ … verkünde ich vor der Geschichte den Eintritt meiner Heimat in das deutsche …“
    Dennoch: Die gewonnene Freiheit möchte auch ich nicht missen. So ambivalent ist Geschichte mit ihren Umbrüchen halt immer. Über einen tatsächlich zu feiernden „Tag der deutschen Einheit“ werde ich mich, so ich das noch erlebe, ganz bestimmt freuen.

  75. Peter sagt:

    zu Henry-Martin Klemt ELFTER SEPTEMBER

    Ein Gedicht unserer Zeit, im wahrsten Sinne. Ich bestreite das es Hass war das gebrannt hat bei dem Kindherz. Woher sollen Kinder was von Hass wissen. Es muss ihnen erst eingebläut werden. „Das Gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“ Ein Kind würde Angst und Trauer empfinden, zutiefst Menschlich und der Muttermilch geschuldet.
    Was beklagenswert ist, das nichts mehr empfunden wird im Bezug zur Historie, dabei sind sie dieselben Widersprüche die heute noch schmerzen. Heute wird Kindern geholfen, Retalin ist das Zauberpulver das wie die „Erwachsenen“ Stromlinienförmig macht, um den Ungehorsam zu verwalten.

  76. Peter sagt:

    Sehr geehrte Frau Böttcher,
    ihrer Kritik, die ich vollständig teile, erscheint mir ein Hinweis auf Adam Tooze „Sintflut“ unabdingbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Peter

  77. Peter sagt:

    Zu Herrn Ralf Nachtmann,
    das sagen Sie was, wenn sie die Verschiebung zum Narzissmus in der Gesellschaft meinen haben sie vollständig Recht.
    „In einer Waren produzierenden Gesellschaft machen sich akademisch ausgebildete Menschen als Produktmanager Gedanken darüber, wie man Joghurtbecher und andere Verpackungen geschickt so gestalten kann, dass potenziellen Käufern ein größerer Inhalt suggeriert wird.Sie kombinieren Spielzeug mit Hamburgern, um bereits Kinder an die Geschmacksstoffe der Ernährungs-wissenschaftlich ungesunden Lebensmittel zu gewöhnen. Sie texten Texte für das Kleingedruckte, deren Inhalt, wäre er gut sichtbar am Produkt angebracht, eher verkaufsschädigend wäre. Sie tragen mit einem erheblichen Aufwand zur viel gepriesenen Warenvielfalt bei, indem sie den Konsumenten
    Markenvielfalt bieten,um ihren Wettbewerbern Marktanteile abzujagen. Unter dem Maßstab der
    Wertproduktion werden so Heerscharen von klugen Köpfen beschäftigt, ohne der Funktionalität von
    Gebrauchsgegenständen etwas Wesentliches hinzuzufügen. Wer sich für ein Mobiltelefon, eine
    Digitalkamera oder eine Packung Waschmittel interessiert, wird neben den Produkten
    konkurrierender Hersteller auch mit der Produktdifferenzierung innerhalb des Sortiments eines
    Herstellers konfrontiert. Betrachtet man in Warenhäusern das umfangreiche Sortiment unter dem
    Gesichtspunkt der Funktionalität der Gebrauchsgegenstände, ließe sich die Ausstellungsfläche, die
    für die Präsentation der wertmäßig um die zahlungsfähige Nachfrage konkurrierenden
    Markenvielfalt erforderlich ist, gut auf ein Drittel reduzieren.“ H.Lueer
    „Wir konsumieren mehr, sind innerlich aber leerer.Wir verfügen über mehr Atomwaffen, sind aber
    dadurch nur wehrloser. Wir sind gebildeter, gleichzeitig wurde unser kritisches Urteilsvermögen
    und unsere Überzeugungen schwächer. Wir sind religiöser und werden dabei immer
    materialistischer. Wir reden von der amerikanischen Tradition, welche hauptsächlich die geistige
    Tradition eines Radikalen Humanismus ist, und wir nennen jene“unamerikanisch“ die diese
    Tradition auf die heutige Gesellschaft anwenden möchten.
    Wir können uns – und viele tun das – mit der Annahme trösten, daß es nur wenige Generationen
    dauern wird, bis der Westen und schließlich die ganze Welt zu einem wirtschaftlichen Überfluss
    gelangt sein wird. Die Entscheidende Frage aber lautet: Was ist aus dem Menschen geworden?
    Wohin gelangt er, wenn wir den Weg weitergehen, den unser industrielles System geht?
    Um zu verstehen, warum jene Elemente, mit deren Hilfe es unserem System gelungen ist, einige
    seiner wirtschaftlichen Probleme zu lösen, zu einer immer größeren Unfähigkeit führen, das
    Problem des Menschseins zu lösen, müssen wir die Merkmale untersuchen, die für den
    Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhundert kennzeichnend sind.“
    E.Fromm „Über den Ungehorsam“ 1981
    es ist schon lange so.
    Beste Grüße

  78. Jürgen Scherer sagt:

    Betr. Erich Warlitz, 170916

    Danke Herr Warlitz für diesen längst überfälligen Beitrag!
    Auch ich hatte mich schon gefragt, in wessen Tradition
    das „Blättchen“ eigentlich steht – stehen will.

    Jürgen Scherer

  79. Erich Warlitz sagt:

    Die moralisch tief entrüsteten Reaktionen auf Stefan Wohankas “Kriegsbefürwortung” erinnert mich an einen kleinen Beitrag, der vor einiger Zeit im Blättchen gestanden hatte:

    Ein Zwiespalt

    Herr M. ist in der Stadt unterwegs. Am S-Bahnhof Walzerheide erblickt er einen kleinen Auflauf samt Geschrei. Herr M. wird rasch gewahr, was vor sich geht: Zwei Männer prügeln sich. Wobei – wenn es denn dabei je paritätisch zugegangen sein sollte: Die Prügelei ist ob der unübersehbar physischen Überlegenheit des einen ist für den anderen längst zu einer Gefahr für Leib und Leben geworden; ersterer schlägt und tritt wie rasend auf den am Boden Liegenden ein. Wie alle Umstehenden ist auch Herr M. empört über diesen Gewaltexzess. Auffordernden Rufen im Umkreis, einzuschreiten und den möglicherweise Moribunden zu retten, tritt M. indes mit der Mahnung zu Umsicht und vorausgehender Analyse entgegen. Da Gewalt nur die ultima ratio des Handelns sein könne, wäre also zunächst zu klären, welche Gründe und Motive die beiden Akteure zu dieser Prügelei veranlasst haben. Im Wissen darum gehöre dann abgewogen, auf wessen Seite das Recht sei. Sei das geklärt, wäre wiederum zu prüfen, welche Motive oder gar Parteilichkeiten, ja, welches Kalkül jeder einzelne der nach aktiver Einmischung Rufenden zu seiner Bereitschaft treibt, den Zwei-Personen-Krieg durch sein persönliches Einschreiten zu beenden. Seien so sämtliche hintergründigen Beweggründe ausgeschlossen, dann, ja dann wäre das Instrumentarium zu beleuchten, das zur Streitschlichtung verfügbar sei. Und sei darüber dann erst einmal Einvernehmen erzielt, o.k. – dann ließe sich mit einem guten Gewissen Hand anlegen. Herr M. hatte für seine Ausführungen ein durchaus verständnisvolles Publikum. Seinerseits nun tatbereit, hatte sich inzwischen eine herbeigerufene Erste Hilfe eingeschaltet und den Schwerverletzten ins Krankenhaus gebracht, wo er noch zwei Tage überlebte. Geblieben aber war Herrn Ms heiliger Zorn gegen die Gewalt.

    Hajo Jasper

    Noch so einer jener verächtlichen “Kriegsbefürworter”, die Eingang ins Blättchen gefunden haben, was nun im Forum gehörig gegeißelt wird. Recht so!

    Erich Warlitz
    

    • Sehr geehrter Herr Jasper,

      Ihr noch nicht einmal mehr hinkender Vergleich übersieht ebenso geflissentlich wie der transatlantisch gut „vernetzte“ Mainstream in ehemaligen deutschen „Leitmedien“ (empirischer Nachweis in: U. Krüger, Meinungsmacht, 2014), dass er sich zur politischen Apologie just jener Hegemonialmacht aufzuschwingen anhebt, die für ihr eigenes Handeln jede rechtliche Bindung arrogant abgestriffen hat – und deren politische Vertreter das auch lauthals bei jeder Gelegenheit öffentlich verkündigen.

      Selbst der angeblich zurückhaltene Obama hat in einer Rede, die politisch blinde & taube deutsche Leitartikler als „pazifistisch“ bejubelt haben, nämlich der vor der Westpointakademie 2014, in voller Hybris erklärt, die USA richteten ihren Anspruch auf globalen Interventionalismus allein nach eigenen hegemonialen Interessen aus. Es sei zwar wünschenswert, wenn sie ihre Kriegspolitik als eine darstellen könnten, die mit UN-Beschlüssen oder ihren „Verbündeten“ konform gehe, aber wenn das nicht möglich sei, spiele das auch keine Rolle.

      Das heißt: Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich der US-Machtapparat selbst ermächtigt, das Prinzip des völkerrechtlich orientierten Ausgleichs durch die blanke Selbstermächtigung zur nackten Gewalt zu ersetzen- und zwar weltweit. Nach Maßgabe der Kriterien, die US-Richter Jackson in der Hauptverhandlung der Nürmberger Prozesse formuliert hat, bedeutet dies, dass die US-Außenpolitik seitdem die zementierte Perpetuierung des dort verurteilten primären Kriegsverbrechens ist, um der gesamten Menschheit die Bedingungen diktieren zu können, unter denen sie leben müssen. Begründet wird dies durch einen stets nur tautologisch argumentierenden „American“ Exzeptionalismus.

      Nach dem offenen Brief des damaligen stellvertretenen OSZE-Vorsitzenden Willy Wimmer, vormaliger Staatssekretär im Bundesverteidigungsministeriums unter Helmut Kohl, an Kanzler Gehrhard Schröder nach einer Konferenz in Bratislava im Jahr 2000 hat das US-Außenministerium bereits damals seine europäischen „Vasallen“ unterwiesen, dass sie sich zukünftig an einer aggressiven US-Interventionspolitik zu beteiligen und eigene Rechtsgrundlagen über Bord zu schmeißen hätten.
      http://www.medienanalyse-international.de/wimmer.html

      Das hat freilich nicht sofort geklappt – wie Gerd Schröders & Jaques Chiracs Widerspruch zum Irakkrieg und Guido Westerwelles Enthaltung zum Lybienkrieg bewiesen haben. Die Apologie der neuen Kriegslogik tut deshalb so, als sei die Verweigerung an der Beteiligung an einem Kriegsverbrechen (Wohanka: „deutscher Sonderweg“) die Perpetuierung des preußischen Militarismus, was eine blanke Verkehrung der Wirklichkeit darstellt. Aber der mediale Einheitsklang, der sieben Jahrzehnte Reflexion über den Nationalsozialismus über Bord geschmissen hat, zeigt, dass im Hintergrund ganze Lobbyarbeit geleistet wurde – unterstützt durch die eine oder andere kleine wirtschaftspolitische US-Erpressung, die mit einem totalitären Überwachungsapparat ja auch effektiv gelingt.

      Nun röhren die Claqueure des neuen „westlichen“ Herrenmenschentums, dass diesmal am transatlantischen Wesen die ganze Welt genesen werde und der auserwählte Machtapparat trage Stars & Stripes. Durch eine leicht zu durchschauende symbolische Kosmetik soll dabei verhüllt werden, wie sehr die neue Rettung der alten Machtelite & ihres imperialistischen Herrschaftsmodells dem alten gleicht.

      „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte zum Faschismus schweigen“, stellte bereits Max Horkheimer fest. Heute aber geht es nicht nur um den Erhalt des Kapitalismus als einzige erlaubte Form der politischen Ökonomie, sondern auch um die Beharrung der Suprematie seiner tradierten historischen Sachwalter gegen innerkapitalistische Konkurrenten, die er selbst hervorgebracht hat. Und wieder lautet die Devise: „Nach uns der Untergang.“

      Das ist die Logik, der Sie sich hier in der Verteidigung des ‚westlichen‘ Militarismus verschrieben haben.

      HG,
      Anja Böttcher

    • Erhard Crome sagt:

      Verehrter Herr, Karl Marx hatte bekanntlich methodisch darauf bestanden, dass man Politische Ökonomie bzw. Gesellschaftstheorie nicht entwickeln kann, indem man allegorisch mit Robinson Crusoe und Freitag anfängt. Das gilt auch für Gewalt in den Internationalen Beziehungen. Diese zu erklären trägt Ihre Prügelattacke nicht bei. Die Kriege des Westens in Afghanistan, Libyen und Syrien haben kein einziges der ursprünglich proklamierten Ziele erreicht, vielmehr das Chaos vergrößert. Oder – wie im Falle Libyens – erst geschaffen. Deshalb ist der Glaube der Regierenden und der ihnen zuarbeitenden Medien an weitere militärische Gewalt grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Das Blättchen stand bisher gegen bellizistische Positionen.

    • Sehr geehrte Frau Böttcher,

      Sie irren sich in der Adresse. Der von Ihnen so vehement kritisierte Kommentar stammt nicht von Hajo Jasper, sondern von Erich Warlitz, der den erstgenannten lediglich zitiert.

      Inhaltlich handelt es sich um eine Parabel aus dem gesellschaftlichen Leben. Die – auch für mich problematische – Übertragung auf die Ebene der zwischenstaatlichen Beziehungen liegt nahe; der Schluss wird aber weder von Herrn Warlitz noch vom eigentlichen Autor explizit gezogen. Wer mit dem Aggressor gemeint sein könnte, muss man sich schon selbst überlegen. Sie bekämpfen da also letzten Endes Ihre eigene subjektive Interpretation eines bewusst mehrdeutig angelegten literarischen Textes.

      Trifft unter diesen Umständen Ihre Kritik das richtige Ziel? Im Rechtswesen jedenfalls gelten solche Verfahrensfehler als hinreichender Anlass, ein Urteil einer Revision zu unterziehen.

      Mit freundlichem Gruß

      Bernhard Mankwald

  80. Peter sagt:

    zu „Anmerkungen zu den Wahlen“
    Eben doch, es geht doch bei Parlamentarischen Wahlen gar nicht anders.
    „Heute geht ihr… zur Wahl ! Nichts wird euch vorgelegt, kein Gesetz, kein Entwurf, gar nichts. Ihr geht mit einem amtlichen Wahlkuvert ins Klosett, steckt behutsam einen Zettel mit vorgedruckten Namen hinein, klebt zu, das keiner sehe was ihr denkt und beschließt, und werft das Briefchen in einen verschlossenen Topf. Was nun diese so gewählten Männer zu beschließen bekommen und wie sie sich entschließen, das geht euch nichts an, da habt ihr nicht mitzureden,… Und welche Aufregung , welches Gegacker um dieses Windei alle fünf Jahre! Und wie setzt immer sofort die Enttäuschung und der Katzenjammer ein, bis nach fünf Jährlein die Narretei auflebt und so wieder und wieder. Und was sie für Worte haben für dieses feige, inhaltslos, knechtische, überdumme Getue: Wahlschlacht,Wahlsieg,Triumph …Es wohnt viel Dummheit bei den Völkern dieser Zeiten, viel Abgeschmacktheit und viel Schamlosigkeit. Aber gibt es denn wirklich noch Einfältigeres, noch Öderes, noch Plebejischeres als das, was sie Wahl nennen?“ G. Landauer-Von der Dummheit und von der Wahl (1912

    „Und es gehört jene eigentümliche Krankheit dazu,die seit 1848 auf dem Kontinent sich ausbreitet, der parlamentarische Idiotismus, der die Angesteckten in eine eingebildete Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung,alles Verständnis für die rauhe Außenwelt raubt“ MEW 8 S.178

    Egal wie sich die Parlamente zusammensetzen es bleibt die Wirtschaft erhalten, das leitet sich aus dem Grundgesetz ab. In Zeiten das TTIP,Ceta und Mega Fusionen auf der einen Seite und Verelendung auf der anderen Seite soll sich das Politische Spektrum nicht ändern? Es ist auch das Gejammer aus dem Artikel zu verstehen, da jammert die Mittelschicht darüber das sie da landet wo das Lumpen-Proletariat schon ist. Da hat auch der Lohnverzicht bis auf das nötigste nicht gereicht. Da kommt die Konkurrenz für die Arbeitskraft aus Ländern bei denen Wohlstand da anfängt wo „unsere“ HartzIV Empfänger „aufhören“. Keine Versprechen erfüllt, keine blühenden Landschaften und kein geruhsamer Lebensabend. Da ist es dann gut wenn dick aufgetragen und in der Anonymität der Wahl„zelle“ Rache geführt wird. So vertuschen die anderen doch das sie die Stiefelknechte des Kapitals sind, selbst in der Opposition. Aufstand machen die Hofnarren.
    https://www.youtube.com/watch?v=U-q622brPXw
    https://www.youtube.com/watch?v=YjAQ_l2lQKg

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Jene Linken, die einst so von oben herab auf das „bürgerliche“ Wählen schauten, landeten konsequenterweise beim Gulag, manche als Insassen, die meisten als Bewacher.

  81. Hans Jahn sagt:

    Eine solch billige Replik wie die Ihre aber auch nicht, verehrter Herr Richter.
    „Stuß“ und „Geschwurbel“ – fertig ist die standhafte Meinung eines Bescheidwissenden.
    Wohanka bietet Überlegungen an. Wenn Ihnen diese nicht passen – nebbich. Aber mit einer kleinen Beleidigung zu antworten, ist mehr als dürftig; die schlichte Zensurenerteilung von Herrn Ernst inklusive. Solches jedenfalls lese ich zumindest im Blättchen-Forum sehr viel weniger gern als die zum Glück mehrheitlich anders verfaßten Einträge.
    Koennen Sie das Wasser wirklich nicht halten? (Sorry, wenn ich mich auf das Gebiet des Persönlichen begebe, Sie haben mich dazu leider animiert …)
    Hans Jahn, langjähriger Blätchen-Leser

    • Werner Richter sagt:

      Möge Ihnen, verehrter Herr Jahn, die Gedanken des Herrn Wohanka als Gesprächsangebot genügen, mein Gott. Mir bleiben sie Zumutung, kann nicht ernsthaft aus gezimmerten Zusammenhängen eine Basis zur Akzeptanz imperialistischer Aggressionspolitik und einer Diskussion darüber erkennen. Solches verbietet sich mir von selbst. Daran ändern auch die intellektuell konstruierten Ableitungen, die für ein solches Vorhaben unabdingbar sind, schon wegen der benötigten Unschärfe, nichts. Das nenne ich Verschwurbelung. Der Inhalt der Wohankaschen Gedanken bleibt ein übles Lüftchen der Geostrategie, also Unsinn, Stuß, außer für Befürworter offensiver Verteidigung abendländischer, nach Bedarf variabler „Werte“, sprich: Interessen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet kann man aus einer Reihe seiner Meinungen durchaus den Schluß ziehen, daß eine Grenze bedenklich überschritten und so der Konsens der Blättchenleser verletzt wurde. Will er diesen peu a peu um eine weitere Nuance erweitern? Warum sollte man sich darauf einlassen? Geht es hierbei um Meinungsvielfalt? Muß die denn überall, auch im Blättchen, mit bisher hier nicht gewohnten politischen Ansichten gepflegt werden? Ist Russophobie eine akzeptable Meinung? Als Friedenssprechblasenerzeuger mit liberalem Anstrich würde mir genau diese Taktik einfallen, bemerkenswert nah des „grünen“ Fischers Verhinderung eines 2. Auschwitz. Hat einen beachtlichen Preis erzielt für den Verkauf einer Partei samt dazugehöriger Bewegung. Gewissen gehörte nicht zum Lieferumfang, war nicht vorhanden. Aber da ist eh nichts mehr zu holen.
      Wäre ja mal ganz was Neues, das Blättchen als Ratgeber zur Stromlinienformung der Gewissenskarosse. Ossietzky, Tucholsky, hört man schon deren Rotieren?

  82. Ralf Nachtmann sagt:

    Zu: Warum Merkel scheitern musste:
    Ich erinnere mich an eine Zeit, in der es hieß: „Vom Ich zum Wir.“ Heute muss ich in Werbung lesen/hören/sehen: Für ich, Für Dich, unendlIch usw. usf.
    Wen also wundert was?

  83. Sehr geehrter Herr Mankwald,
    herzlichen Dank für den Zuspruch und die Links.
    Meine Befassung mit medienwissenschaftlichen Themen, die bereits im Studium einen meiner Schwerpunkte bildeten, kommt mehr aus meiner praktischen Arbeit. Da sich mein eigenes Unbehagen über den sich immer weiter verengenden und hegemonial verkürzten Kampagnenjournalismus mit der Erfahrung verknüpfte, dass immer weniger junge Leute irgendetwas mit unseren Leitmedien anfangen können, habe ich mich seit nunmehr zwei Jahren wieder wissenschaftlich firm gemacht, um (berufsbegleitend) an der Erstellung eines medienwissenschaftlichen Unterrichtswerks für die Sekundarstufe II zu arbeiten. Hierbei ging es jedoch eher darum, die Erkenntnisse anderer an Jugendliche zu vermitteln als selbst schöpferisch zu werden. Ob sich daraus Artikel verfassen lassen, muss ich erst überlegen.
    Jedoch habe ich bereits als „Nebenprodukt“ aus dieser Befassung mehrere Programmbeschwerden an das ÖR verfasst, wo ich fand, dass deren Beiträge nicht mit den Programmrichtlinien vereinbar waren. Beispiele sind hier (im zweiten Fall: als pdf angehängt):
    http://fe.termiten.net/node/111
    https://publikumskonferenz.de/forum/viewtopic.php?f=30&t=1438
    http://fe.termiten.net/node/503
    Zum Thema „Gramsci von rechts“:
    Da ich auch Anglistik studiert habe und US-Literatur lese, fiel mir unschwer auf, dass der sich ideologisch verengende Kampagnenjournalismus bei uns mit einiger Verzögerung einem ähnlichen Wandel in den USA nach 9/11 folgte. Seitdem sind dort in den ehemaligen journalistischen Flaggschiffen (NYT, Washington Post) tiefgehende Analysten politischer Macht nicht mehr gelitten; Investigation wird verfolgt (Glenn Greenwald, Jake Appelbaum, Laura Poitras, Sarah Harrington leben im Exil.) Graue Journalistische Eminenzen des Investigativjournalismus wie Seymour Hersh (Vietnam Massaker), Daniel Ellsberg (Pentagon Papers), Robert Parry (Iran-Kontra-Affäre), John Pilger (Pullitzer Preisträger) und Chris Hedges (Irakkrieg-Gegner) sind aus dem Mainstream verbannt und arbeiten nur für alternative Plattformen; Hersh ist europäisch ‚untergeschlüpft‘ (London Review of Books). Bei uns gibt es keine direkte Verfolgung von Journalisten, aber seit den Snowden Leaks und dem Coup in der Ukraine hat auch hier eine restriktiv demagogischer Umgang mit klassischen linken Positionen Einzug gehalten. (Selbst hier fungieren Herr Wohankas demagogische Winkelzüge ganz in diesem Sinne.) Doch merkwürdigerweise halten sozial Ausgegrenzte die CDU heute für links, obgleich sich (Bezugspunkt war und ist immer die politische Ökonomie gewesen!) niemand mehr in der CDU findet, der noch so links ist wie ein Norbert Blüm.
    Diese Verwirrung der Lechts/Rinks-Achse ist kein Zufall, sondern Resultat eines langfristigen kulturpolitischen Rollbacks der US-Neocons, die selbst zum bourgoisen Milieu zurückkonvertierte ehemals Linke (oft maoistisch oder trotzkistisch) waren und geschickt symbolische Inhalte der Linken aus ihrem sozialpolitischen Kontext lösten und zu Fetischen reduziert absorbierten. Einer ihrer Vordenker, Irving Kristol, hat Gramsci eingehend studiert. Dieser äußerst strategisch durchgesetzte Prozess ist von dem BBC-Filmemacher Adam Curtis in drei eindrucksvollen Dokumentations-Trilogien minutiös dargestellt worden, die nie ins Deutsche übersetzt wurden.
    Ich verlinke hier die jeweils ersten Folgen:
    https://freedocumentaries.org/documentary/bbc-the-power-of-nightmares-the-rise-of-the-politics-of-fear-baby-it-s-cold-outside-season-1-episode-1
    https://freedocumentaries.org/documentary/bbc-the-trap-what-happened-to-our-dream-of-freedom-f-k-you-buddy-episode-1
    https://freedocumentaries.org/documentary/bbc-the-century-of-the-self-happiness-machines-season-1-episode-1
    Leider sind diese Filme hier ebenso unbekannt wie die im Angelsächsischen viel diskutierten Buchpublikationen von Sheldon S. Wollin, Chris Hedges, David Talbott und Peter Dale Scott. Deutschland liegt im Dornröschenschlaf.

    HG,
    Anja Böttcher

    • Sehr geehrte Frau Böttcher,

      vielen Dank meinerseits für die Informationen. Damit werde ich eine Weile beschäftigt sein; für die Filme müsste ich erst mein altertümliches Modem durch etwas moderneres ersetzen. – Es wird deutlich, dass Sie Stoff genug für interessante Beiträge haben; solche Inhalte für das „Blättchen“ aufzubereiten, ist eine Aufgabe, die ich für meinen Teil stets als spannend und lehrreich empfunden habe.

      Dass Gramsci auch bei Rechten auf lebhaftes Interesse stößt, ist mir bekannt; wir sollten diesen Leuten aber einen Autor nicht überlassen, dem es doch letzten Endes darum ging, die bürgerliche Hegemonie zu bekämpfen.

      Noch ein Wort zu meinem Hintergrund: ich habe als Psychologe Berufserfahrung bei privaten Forschungsinstituten und auch in der IT-Branche gesammelt, kam mit dem Kapitalismus aber nie besonders gut zurecht. Eine Zwangspause nutzte ich, um an Interessen aus der Studienzeit anzuknüpfen und ein Buch zu schreiben, in dem ich versuche, Aufstieg und Fall des vorgeblich realen Sozialismus nach einem recht bekannten Vorbild als Geschichte von Klassenkämpfen zu deuten. – Es erschien vor nun mehr fast zehn Jahren. Seitdem bin ich auf der Suche nach einem Publikum dafür und stieß dabei auf das „Blättchen“, bei dem ich mich als Leser und gelegentlicher Autor und Kommentator wohl fühle.

      Bei Interesse finden Sie Informationen über mein Buch und eine spätere Publikation, wenn Sie dem Link im Kopf dieses Kommentars folgen. – Ich würde gerne noch ausführlicher auf Ihre Überlegungen eingehen, will aber die Geduld des Forums-Publikums nicht übermäßig strapazieren. Ich bin aber auf dem angegebenen Weg auch zu erreichen.

      Herzliche Grüße

      Bernhard Mankwald

  84. Stephan Wohanka sagt:

    Sehr geehrte Frau Böttcher,
    nachfolgend geht es um Ihren Blog-Beitrag vom 30.08.
    Was soll das mit der „´biodeutschen´ Bildungsbürgeroase“, in der ich lebe? Warum dieser Hieb ins Persönliche? Ich wohne desgleichen „in einer äußerst multiethnischen Stadt mit ziemlich hoher Arbeitslosigkeit und reichlich Kinderarmut“. Was die von Kriegstraumata gezeichneten Kinder und ihre Familien angeht, so hoffe ich, dass diese Menschen endlich in Deutschland Ruhe und Frieden finden, gut ausgebildet werden, um ihre weiteren Lebenswege selbstbestimmt gestalten zu können; trotz wachsender Xenophobie hierzulande, die zur zunehmenden Belastung des Landes wird. In deren Abwehr haben Sie in mir einen verlässlichen Mitstreiter, so „biodeutsch“ ich auch sein mag….
    Anderer Auffassung bin ich, was die gesamte Problematik der Stellung Deutschlands in der Welt angeht, seine Interessenvertretung, seine Übernahme von „mehr Verantwortung“ bis hin zu Militäreinsätzen; sehr prinzipielle Fragen. Wenn Deutschland Waffen exportierte und das weiterhin tut – wogegen man sein kann -, ist es klar, dass diese Waffen (manchmal auch gegen zugesagte Einschränkungen) genutzt werden. Und dass „deutsche Kräfte“ dann an manchen Konflikten und Kriegen auch beteiligt sind, stimmt auch. Van Aken von den Linken sagt: „Lieber naiv als ein realpolitischer Kriegstreiber“, Krieg könne n i e ein legitimes Mittel der Politik sein; mit einer einzigen Mal Ausnahme in der Geschichte – dem Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland. So weit, so gut – wenn nicht der Nachsatz käme: „Aber da ich in den nächsten 20 Jahren keine Situation wie 1944 kommen sehe, kann ich eindeutig sagen, dass die Linke jede Art von militärischen Einsätzen ablehnt“. Geäußert im September 2013! War die „Situation“ erst 1944 reif dafür, den Nazi-Horden in den Arm zu fallen? Und nicht mindestens schon 1939 nach dem Überfall auf Polen, wenn nicht gar noch früher, nach der Annexion des Sudetenlandes und der Zerschlagung der Tschechoslowakei? Dazu eine Stimme aus der Friedensbewegung selbst (Diether Koch): „Ich nehme auch die ´Friedensbewegung´ von meiner Kritik nicht aus. An ihr stört mich, dass sie sich selbst zur edlen Bewegung stilisiert. Vor zwanzig Jahren bestand ihre Schwäche darin, dass in ihr Kommunisten willkommen geheißen wurden, die sich wohl gegen westliche Rüstungen aussprachen, östliche aber verteidigten und damit einer ähnlichen Denkfigur folgten wie die hiesigen Befürworter des Militärs. Heute stört es mich, dass diese Bewegung prinzipielle Gewaltlosigkeit als den Maßstab des Handelns propagiert und die Geschichte deshalb simplifiziert. Wenn jemand behauptet, Gewalt habe noch nie Positives bewirkt, denke ich an den Zweiten Weltkrieg, in dem Gewalt zuletzt der Unmenschlichkeit Grenzen setzte“.
    Ich erinnere ich mich eines Leitartikels vom März 2011, in dem die ablehnende Haltung der Bundesregierung in der UNO-Abstimmung zu Libyen geradezu hymnisch als deutscher „Sonderweg“ gefeiert wurde. Es waren (und sind) „Sonderwege“, die uns Deutschen immer wieder „auszeichnen“: Entweder soll die Welt unter unseren Stiefel gezwungen werden oder aber wir generieren uns als pazifistisches Gewissen ebendieser Welt. Beides ging und geht nicht auf. Pazifist zu sein, ist jedermann unbenommen; als Staatsdoktrin ist Pazifismus untauglich. Dann führt er zu diesem diffusen Moralismus, der die deutsche Politik des „Sonderweges“ charakterisiert: Öffentlich dagegen, heimlich mitmachen. Da ist es nicht weit bis zum fatalen Diktum: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen – im Guten wie im Schlechten, wobei die historische Abfolge eher nahe legt – im Schlechten wie im vermeintlich Guten.

    Ihre übrigen Einlassungen beziehen wohl auf meinen EU-Text. Den bitte ich nur gründlich zu lesen…
    Mit freundlichen Grüßen
    Stephan Wohanka

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Nun haben wir die kriegsbefürwortende Position der Regierungsparteien wieder einmal im Blättchen. Danke für Ihre Offenheit, Herr Wohanka. Jetzt ist genauer zu sehen, mit wem man es zu tun hat.

    • Sehr geehrter Herr Wohanka,

      angesichts der Tatsache, dass „Das Blättchen“ eine Zeitschrift mit eher geringerer Reichweite ist, seinen Platz daher als Ort gehaltvoller Diskussionen wahren sollte, ist es schon ärgerlich genug, wenn auch hier nur das Standardnarrativ zur Legitimation der fatal aus dem Ruder gelaufenen aktuellen Kriegspolitik jenes rasant an Einfluss verlierenden Machtgefüges, das sich „der Westen“ schimpft, breitgetreten wird, durch das sich selbst der Mainstream gerade das Gros seiner Leser vergrault.

      Nur noch enervierend aber ist es, wenn selbst hier Redakteure Kritik anstatt mit substanziellen Argumenten mit der abgedroschenen Rhetorik aus der Klamottenkiste des Diffamierungsarsenals jener heutzutage feuilletontauglichen Platitüden parieren, die bei Leuten verfangen mögen, deren historischer Verständnisrahmen sich auf den Radius eines August Winkler bis Herfried Münkler erschöpft.

      Darauf, dass die Verweigerung deutscher Teilnahme an Destabilisierungskriegen einer im Niedergang befindlichen Hegemonialmacht einen nationalistischen „Sonderweg“ darstellen sollten, kann wohl nur jemand verfallen, dem entgangen ist, dass das, was er für „die Welt“ hält, noch nícht einmal 10% ihrer Bevölkerung aufmacht und definitiv Bevölkerung selbst dort mit ihren kriegstreibenden Eliten nicht konform geht. Auch der Vergleich der transatlantischen Hegemonialkriege mit dem gegen Nazideutschland taugt allenfalls als Nachweis eines ideologische frisierten Geschichtsverständnis. Denn wäre die deutsche Regierung (und ihre Apologeten) von historischer Verantwortung angekränkelt, hätte sie sich nie im Leben den Konfrontationskurs eines aggressiven „Russian containments“ auf dem Balkan, in der Ukraine und dem Kaukasus angeschlossen und sich unterstellt, zu diesem Zweck im Einklang mit den US-Falken den Hebel des ukrainischen Nationalismus zu nutzen, den schon 1931 Joseph Roth als „ein deutsches Patent“ bezeichnet hat und hinzufügt: „Die Deutschen haben ihn erfunden, um den russischen Staat zu zerschlagen.“

      Denn genau dort im Osten war die Gegenwehr gegen Hitlers vernichtungsideologischen Angriffskrieg in der Tat ein „gerechter“ und er fand gegen einen böswilligen Aggressor auf eigenem Terrain statt. Wer aber die Geschichte der nazistischen Kriegsökonomie betrachtet, dem geht auch auf, warum der prinzipiell im Krieg sich gefallende Winston Churchill den Zweiten Weltkrieg als den unnötigsten Krieg aller Zeiten erachtete, entstammte doch das Potenzial dieses auf benzinverbrennenden Kraftfahrzeugen basierendem Kriegs primär aus der ihn fleißig fördernden wirtschaftlichen Kooperation des nazistischen Deutschlands mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

      Als Konsequenz aus diesen Verbrechen und in Anerkennung des Votums der Hauptverhandlung der Nürnberger Prozesse hat die Bundesregierung eines zu tun: entsprechend Artikel 26 (1) es zu unterlassen, als transatlantischer Annex „das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören“ (weder durch Teilhabe an Farbrevolutionen noch an kriegerischer Aggression) und erst recht keine Beihilfe zu völkerrechtswidrigen Kriegsverbrechen zu leisten. Falls Sie dies als „Staatsdoktrin“ „untauglich“ finden, dürften Sie das mit den Angeklagten von Nürnberg gemein haben. Die Gesetzeslage jedenfalls in unserem Land sieht jedoch anders aus.

      Im Resümee: Die Zeit war schon 1933 reif, Hitler nicht bis zur Kriegstauglichkeit aufzurüsten. Mit seiner damaligen Ausstattung wäre er nicht weit gekommen. Was aber macht man mit Staaten, die Fremdausstattung gar nicht brauchen? Mit anderen Worten: Wann, Herr Wohanka, halten Sie es denn geboten, dem Aggressor USA „in den Arm zu fallen“?
      Denn die Geflüchteten, mit denen Sie ganz offensichtlich nichts zu tun haben, hätten es jedenfalls vor allem verdient, nicht durch die Weltherrschaftsphantasien schwindender Hegemonialmächte überhaupt zu solchen gemacht zu werden, weil zufällig „die falsche“ Pipeline durch ihre Länder fließen sollte.

    • Werner Richter sagt:

      Soviel mit Verlaub Stuß bekommt man selten zu lesen, dazu noch so schön verschwurbelt. Dachte ich mir schon, Soldaten sind doch manchmal keine Mörder, reine Ansichtssache.

  85. Anna sagt:

    Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

  86. Backnang sagt:

    Zu „Besenrein“ – oder: „Wie viel Staat steckt im NSU?“ von Gabriele Muthesius

    Sehr geehrte Frau Muthesius,

    vielen herzlichen Dank für diesen Beitrag. Es fragen sich doch eigentlich alle, die sich mit dem „NSU“-Komplex ein wenig näher befassen, warum auch gestandene PolitikerInnen und JournalistInnen so dermaßen faktenresistent die staatlich vorgegebene Lesart zur Thematik unterstützen. In der Tat scheint es hier um Staatsräson zu gehen: Die Wahrheit dürfte so dermaßen erschreckend sein und weit entfernt von der offiziell nunmal verbreiteten Fassung, dass der Preis einer Umkehr als zu hoch erscheint. „Übergeordnete Interessen“ werden teils implizit, teils explizit immer wieder als Begründung herangeführt.

    Wie Herr Wohanka in seinem Forumsbeitrag vom 06.09. völlig zurecht erwähnt, ist es schon erschreckend, dass auch gestandene AntifaschistInnen der vorgegebenen Linie folgen. Da Sie in Ihrer Antwort explizit auch Herrn Ramelow nennen: Er stellt da leider keine Ausnahme dar. Seit er in der Regierungsverantwortung ist, habe ich von seiner Seite nichts mehr gehört, was der Wahrheitsfindung bzw. der Korrektur der behördlich vorgegebenen Lesart dienlich sein könnte.

    Und das war in der Tat einmal anders: Noch im Jahr 2013 verbreitete Ramelow, dass seines Wissens das Auffinden von Mundlos und Böhnhardt mehr oder weniger von Anfang an von den dt. Geheimdiensten flankiert wurde: „Mir wurde nach dem 4. November durch Polizisten mitgeteilt, daß ihnen in Gotha und Eisenach Leute von MAD und Bundesnachrichtendienst (BND) auf den Füßen herumtrampelten.“
    (http://www.bodo-ramelow.de/nc/politik/texte/detail_texte/zurueck/texte/artikel/staatsgeheimnisse-um-nsu/)

    In Interviews wies er mehrmals darauf hin, dass seiner Meinung nach von einem erweiterten Suizid im Wohnmobil eher keine Rede sein könne, sondern dass da jemand schneller gewesen sei: „Ramelow spekuliert weiter und spricht von einem Putzkommando, das die Täter hingerichtet habe.“
    (http://www.gea.de/nachrichten/politik/warum+kein+ausschuss+fuer+den+kiesewetter+mord+.3329853.htm)

    Beide Zitate finden sich noch online. Allerdings sind sie mit den zwischenzeitlich gesammelten „Erkenntnissen“ der Untersuchungsausschüsse unvereinbar – nicht etwa, weil sie faktisch widerlegt wären, sondern weil sich PolitikerInnen aller Couleur offenbar darauf verständigt haben: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Zweifel werden mit intellektuell größtenteils armseligen Totschlagargumenten abgebügelt („Verschwörungstheorie“, „Rassismus-Relativierung“, „Nazi-Hirn ist gerne mal etwas weniger, höhö“), die ich als antidemokratisch, ja fast als totalitär empfinde. Meine Schlussfolgerung: Wer in diesem Staat in Amt und Würden ist, von dem werden wir keine Aufklärung erwarten dürfen. Allerdings sind Sie sicher tiefer in der Thematik drin als ich – vielleicht sehen Sie ja mehr Chancen für die Wahrheit? Und dürfen wir uns darauf freuen, weiterhin von Ihnen zu diesem Thema zu lesen?

    Danke jedenfalls, dass Sie zur Herstellung einer kritischen Öffentlichkeit beitragen – und das mit einem Faktenreichtum, wie man ihn zu dieser Thematik andernorts leider vergeblich sucht.

  87. Stephan Wohanka sagt:

    Zu „Besenrein“ – oder: „Wie viel Staat steckt im NSU?“ von Gabriele Muthesius

    Wer sich mit dem NSU etwas befasst hat, kannte entscheidende Fakten, die der Text aufführt. Sein Verdienst liegt darin, sie nochmals kompakt und folgerichtig aufgelistet und mit – zumindest mir – bisher unbekannten Aussagen aus Protokollen, Gesprächen usw. bereichert zu haben. Danke! Was mich etwas irritiert und was ich fragen möchte: Frau Muthesius zitiert ziemlich ausführlich Frau Katharina König, die als Politikerin der Linken Mitglied im thüringischen Untersuchungsausschuss zum NSU war. Die Einlassungen von Frau König passen gut zur Überschrift „Wie viel Staat steckt im NSU?“, wenn die Genannte sich wiederholt gegen „Verschwörungstheorien“ äußert und meint, der in Rede stehende 4. September sei restlos und schlüssig aufgeklärt. Nun ist Frau König – auch durch ihren Vater Lothar König – vielen Jenensern (übrigens war es für mich als einem solchen wohltuend diese Bezeichnung für die Bewohner oder Institutionen der Stadt anstelle des sich verbreitenden „Jenaer“ zu lesen; auch dafür Dank) bekannt als engagierte Antifaschistin; so eigentlich unverdächtig, die Verbrechen des NSU „kleinhalten“ und nicht restlos aufklären zu wollen. Wieso teilt gerade sie nicht die massiven Bedenken und sachlichen Einwände, die im Text gegen die Polizeiarbeit und damit den „Staat“ erhoben werden, erhoben werden müssen, sondern macht sich zu einem Sprachrohr desselben?

    • Sebastian sagt:

      @ Stephan Wohanka

      Wenn der Staat – in welcher Weise auch immer- da mit drinne hängt dann würde die Aufdeckung die Grundfesten des Staates erschüttern. Weil ausnahmslos alle Parteien haben dann mitgemacht, vorverurteilt usw. CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, Linke…

      Alle.

      Bis auf die AFD…die Folge wäre ein massiver Vertrauensverlust für die etablierten Parteien. So wie damals in Italien nach der Aufdeckung von Gladio. Man hat ja im Prinzip auch lange das deutsche Volk für diese Taten mit verantwortlich gemacht usw.

      Gelder wurden gezahlt. Man hat sich so sehr in die Luege eingegraben das man jetzt nicht mehr herauskommt.

      Der BRD und den etablierten Parteien wird der NSU Fall um die Ohren fliegen. Man darf auch nicht vergessen das viele einfache Polizisten gelinde gesagt ziemlich ungehalten darüber sind das der Mord an ihrer Kollegin offensichtlich Unschuldigen angehangen wird und die Täter immer noch frei herumlaufen und von allen!! Parteien gedeckt werden.

      Wer mit dem Wort “ Verschwörungstheorie“ in einer so ernsten Sache kommt schützt in der Regel Staatsverbrechen und dem fällt nichts mehr ein ausser “ Verschwörungstheorie“.

      Ich habe schon vor der NSA Affaire gemeint das die Amis uns abhören…Verschwörungstheorie haben sie gesagt :)

      Nein. Der Staatsfeind Nummer 1 ist nur verdammt guter Film. Und der ist von 1999!!

      Und was möglich ist wird auch gemacht.

    • Gabriele Muthesius sagt:

      Sehr geehrter Herr Wohanka,

      zunächst eine kleine Korrektur: Katharina König w a r Mitglied des 1. Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses und i s t nach wie vor Mitglied des 2., derzeit arbeitenden Ausschusses.
      Ihre Frage allerdings („Wieso teilt gerade sie [Katharina König – G.M.] nicht die massiven Bedenken und sachlichen Einwände, die im Text gegen die Polizeiarbeit und damit den ‚Staat‘ erhoben werden, erhoben werden müssen, sondern macht sich zu einem Sprachrohr desselben?“) gibt auch mir ein Rätsel auf. Nicht zuletzt wegen der Aggressivität, mit der Katharina König im Grünen Salon – ich habe dies live miterlebt – alle Fragen und Argumente vom Tisch gefegt hat, die nicht ihrer Sichtweise entsprachen.
      Vor einem Rätsel stehen wir aber längst nicht allein. Auch Thüringens MP Bodo Ramelow, Parteifreund von K. König, soll dem Vernehmen nach keine Erklärung für deren Verhaltensweise haben …

      Die Blättchen-Redaktion hat den Beitrag übrigens gleich nach Erscheinen allen Mitgliedern des jetzigen NSU-Ausschusses in Erfurt zugeleitet. Der Ausschuss tagt meines Wissens wieder am 15. September. Vielleicht sehen wir danach in dieser Frage etwas klarer

      Mit freundlichen Grüße
      Gabriele Muthesius

  88. Erhard Weinholz sagt:

    Lieber Wolfgang Brauer,

    ein paar kritische Anmerkungen zu Ihrem Beitrag „Hermann Kant und die anderen“.
    Die DDR, dies zuerst, war meines Erachtens kein Staat der „kleinen Leute“, weder anfangs noch irgendwann später. Denn dazu hätten sie, diese Leute, die Möglichkeit haben müssen, ihre Interessen selbst zu bestimmen und frei zu äußern, was, alles in allem, nicht der Fall war. Grundlage der Staatspolitik war nicht der Volkswille, sondern das, was das Volk nach Meinung der Herrschenden zu wollen hatte. Und das ist ja nun zweierlei.
    Hermann Kant, zuletzt auch ZK-Mitglied, gehörte zum hiesigen Herrschaftssystem, hat dessen Macht nie ernstlich in Frag gestellt und sich im Zweifelsfalle stets an die Linie gehalten. Daß er 1979, so heißt es bei Ihnen, dem Rauswurf Heyms und acht anderer Autoren aus dem Schriftstellerverband nicht widerstanden habe, gelte kulturpolitischen Kleingeistern als Sündenfall par excellence. Habe der Mann nicht auch oft genug Hilfe geleistet? Doch dem bewußten Rausschmiß hat Kant nicht nur nicht widerstanden, er hat ihn entscheidend befördert. Es hat wahrlich nichts mit Kleingeisterei zu tun, wenn man diesem Vorgehen ein erheblich größeres Gewicht beimißt als der Unterstützung Loests und vielleicht noch anderer. Für solche Wertung ist man auch nicht auf Corino angewiesen.
    Kritiker seiner Art werden bei Ihnen als Typen abqualifiziert. Lese ich dies Wort, geht es mir wie Willi Schwabe einst in seiner Rumpelkammer: Da war doch was. In dem Falle waren da ein paar „impulsive Zeilen“ die Dieter Noll seinem Generalsekretär geschickt hatte. „Einige wenige kaputte Typen wie die Heym, Seyppel und Schneider“ kooperierten nämlich, wie er fand, emsig mit dem Klassenfeind (ND 22. 5. 1979). Wenn Sie jetzt Kant im gleichen Atemzug mit Heym nennen, dann frage ich mich doch nach dem Zweck der Übung. Denn die beiden kämpften, obwohl sie sich beide als Sozialisten verstanden haben, spätestens seit Ende der 70er Jahre nicht mehr auf der gleichen Seite der Barrikade. Eine andere Verknüpfung, die mir zumindest zweifelhaft erscheint: Kant habe seinen Genossen einen Spiegel vorgehalten, in den sie nicht sehen wollten. Wutentbrannt habe sich Hager seinerzeit vor dem Plenum der AdK über „Sinn und Form“ geäußert, nachdem das Politbüro wieder einmal den Inhalt eines Heftes mißbiligt hatte. Aber was hat Hagers Ärger mit Kant zu tun? Hat etwa ein Kant-Text in „Sinn und Form“ das Politbüro so auf die Palme gebracht? Verantwortlich für das Akademie-Organ war er jedenfalls nicht.
    Die bewußten Kleingeister, so lese ich weiter, würden in Deutschland immer wieder versuchen, kritischen Geistern – ist damit etwa Kant gemeint? – das Leben zur Hölle zu machen, ihnen fehle der Respekt vor intellektuellen Spitzenleistungen. Für den Fall, daß Sie tatsächlich Kant meinen sollten, habe ich mir noch einmal die lange Rede angeschaut, die er kurz vor seiner Wahl zum Verbandsvorsitzenden 1978 auf dem VIII. Schriftstellerkongreß gehalten habt: Er müht sich da recht geschickt, auch einige Autoren einzubinden, die mit der herrschenden Politik Probleme hatten (bzw. mit denen diese Politik Probleme hatte), bleibt wortlos, wo es um die Gründe und den Charakter der Differenzen mit ihnen geht, bleibt überhaupt wortlos, wo es um die Gründe und den Charakter von Konflikten geht, die Schriftsteller in der DDR auszufechten haben – obwohl sein Thema doch „Der Schriftsteller in den Kämpfen der Zeit“ ist -, verspricht des weiteren höhere Papierkontingente, schaut wie üblich auf den Westen herab, gibt den Verband als verständnisvollen Ansprechpartner aus usw. – intellektuelle Spitzenleistungen kann ich da nicht erkennen.
    Zuletzt noch: Daß Kants 76er Kunze-Schmähung „Kommt Zeit, vergeht Unrat“ ein Ausrutscher war, wie Sie meinen, halte ich für fraglich. Er hat sie in seiner 78er Rede wortwörtlich wiederholt.

    Es grüßt Sie Erhard Weinholz.

  89. Sehr geehrter Herr Richter,

    Uwe Krüger ist seit dem Wirbel um seine Dissertation mehrfach auf Veranstaltungen aufgetreten. Für einen Einblick hier einer seiner Vorträge im Sprechsaal, Berlin, auf Weltnetz TV (Thema: Unabhängigkeit in Gefahr? Deutsche Top-Journalisten und transatlantische Netzwerke):
    https://www.youtube.com/watch?v=0FRLUKr4dJY

    Ansprechbar für eine solche Veranstaltung ist gewiss auch der Journalist Lars Schall, der entscheidend bei einer der besten Radiosendungen zum Thema auf Deutschlandradio Kultur aufgetreten ist:
    https://augenaufunddurch.net/2016/04/06/feature-sender-thema-untertitel/#more-115

    Lars Schall selbst hat wieder auf seiner eigenen Website ein Video mit einem langen Interview mit dem Medienwissenschaftlicher Thomas Meyer über die soziale Homogenität heutiger Journalisten und ihre Ersetzung eines investigativen und berichtenden Journalismus unter dem Titel „Das ist gefährlich für die Demokratie“ interviewt:
    http://www.larsschall.com/2015/07/29/das-ist-gefaehrlich-fuer-die-demokratie/

    Das Interview bezieht sich auf sein Buch „Die Unbelangbaren“, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2015.
    http://www.suhrkamp.de/buecher/die_unbelangbaren-thomas_meyer_12692.html

    Einen dieser drei Herren dürften Sie gewiss für eine Veranstaltung gewinnen können. Dass sich Noam Chomsky dafür zu einem transatlantischen Flug bequemen dürfte, halte ich eher für unwahrscheinlich…

    Herzliche Grüße,
    Anja Böttcher

    • Werner Richter sagt:

      Letzteres versteht sich von selbst, aber mein Dank wird Ihnen ewig nachschleichen, danke nochmals.

  90. Literat sagt:

    Literat sagt:
    Wenn Herr Wohanka im einleitenden Text von Heft 18/2016 darüber sinniert, daß und warum es unter „den Europäern“viel falsches Bewußtsein von der nach seiner Darstellung und Meinung sehr guten allgemeinen Situation in allen gesellschaftlichen Belangen gibt, dann verblüfft sein Credo: „… das positive Meinungsbild der Europäer von sich selbst“ biete „durchaus Anknüpfungspunkte für ein Umsteuern“. Warum soll jemand der Akteure „Umsteuern“, wenn es die von ihm so gesehene Erfolgsgeschichte ist?
    Vielleicht soll aber auch nur um mehr „positives“ bewußtes Sein geworben werden, worum der Autor einklagend bemüht ist.

  91. Werner Richter sagt:

    Seit nunmehr schon einem halben Jahr habe ich fast täglich eine wundersame Erscheinung. Nicht Maria mit oder ohne Kind, so mehr im Fernsehen. Kaum eine Magazin-Sendung oder –Format, wie der Insider zu sagen pflegt, brachte keinen Beitrag „Wider dem Lügenpresse-Vorwurf“, auch 2 oder mehr wurden gesichtet. Monitor, Nachrichtenmagazine, u.a. machen mit, selbst „Kontraste“ konnte sich am 25. August nicht zurück halten. Das Halali blies das eigentlich medienkritische Magazin Zapp am 11.11.2015. Zapp befeuerte die Diskussion am 17.02.2016 nochmals mit dem Film „Medien in der Vertrauenskrise, was ist zu tun“. Die Redaktion ARD-Die Story legte mit „Vertrauen verspielt, wie Medien um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen“ am 11.07.2016 nach. Beide Sendungen sind aus der Mediathek abrufbar:
    http://www.ardmediathek.de/tv/Zapp/Medien-in-der-Vertrauenskrise-Was-zu-tu/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=3714742&documentId=33488482
    http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Vertrauen-verspielt/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=36493736
    Man gewinnt den Eindruck, es handle sich um ein außerordentlich bedeutsames gesellschaftliches Problem. Zugegeben, für die FS-Macher ist es eines, aber die sind doch wohl die absolute Minderheit. Um dieser Diskrepanz mal etwas mehr auf den Grund zu gehen hat das Haus der Demokratie unter Mitwirkung der Internationalen Liga für Menschenrechte und der Humanistischen Union geplant, Anfang nächstes Jahres in seinem periodischen Zyklus „Vesper“, stattfindend jeweils am letzten Donnerstag eines jeden Monats, ein Podiumsgespräch zum (Arbeits-)Thema „Lügenpresse? Was ist da dran?“ durchzuführen. Da eine allgemeine Diskussion wenig verspräche, wurde das „Format“ einer Podiumsdiskussion in Aussicht genommen. Nun bedarf diese Form einer kompetenten Podiumsbesetzung. Anfragen wurden gestartet, das Ergebnis ist noch offen. Vielleicht findet sich auch im Blättchen-Publikum der eine oder andere „Kompetenzträger“(us), der an einer Teilnahme interessiert ist, sie/er sind herzlich willkommen. Man melde sich, am besten über die Redaktion. Mitarbeiter von Zapp haben schon zugesagt. Letzteres in Gottes Gehörgang.

    • Sehr geehrter Herr Richter,

      ich halte die unheilvolle Entwicklung unseres Mediendiskurses, vor allem die Anpassung des Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunks an die medialen Strategien der PR-Industrie gleichfalls für ein ziemlich großes Problem von weit reichendem gesellschaftlichen Ausmaß. Ich wundere mich auch, dass gerade in der aggressiven Verteidiger der Medienmacher gegen den massiven Publikumsprotest so getan wird, als sei die Kritik ein Sakrileg. Besonders übel aber stößt mir hier, erkennbar in allen von Ihnen verlinkten und nur scheinbar selbstkritischen Sendungen, die massive Diffamierungsstrategie auf, die neuerdings jeder Gesellschaftskritik zuteil wird, wenn auch hier wieder ein Breitenprotest nur auf seine rechtspopulistischen Randstimmen reduziert wird. Wir konstatieren die asymmetrischste Verteilung von Vermögen seit dem Ende des 2. Weltkriegs, wir erleben eine Militarisierung der Politik, die erschreckt, zugleich verschmelzen Parteien, die vormals unterschiedliche soziale Milieus vertraten, zu einer ununterscheidbaren, nur noch ideologisch argumentierenden Repräsentanz einer sozial homogenisierten Minderheit – und dann wird so getan, als sei die Wiederentdeckung der Medienkritik allein ein „rechtes Phänomen“. Dabei handelt es sich um eine Domäne der bundesrepublikanischen Linken, seitdem nach dem 2. Weltkrieg Adorno und Horkheimer wieder dem Frankfurter Institut für Sozialforschung vorstanden. Ihr Schwinden hätte uns alle mehr alarmieren müssen, als die Tatsache, dass auch hier die populistische Rechte nur aufzeigt, was die Linke aufgegeben hat. Nämlich: mit der öffentlichen Kommunikation auch die Bereitschaft zum politischen Handeln.

      Das Roll-Back der Öffnung des öffentlichen Diskurses unter dem politischen Druck von unten in den 70er Jahren, als es durch den hohen Bekanntheitsgrad von Jürgen Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ weit verbreitet war, Medienkritik als Machtkritik zu betreiben, ist seit den 90ern in vollem Gange. Unser Mediendiskurs ist durch Marktkonzentration weniger Konzerne, die im Zuge der neoliberalen Marktradikalität lobbyistisch selbst den ÖR invasiv ‚erobert‘ haben, in einem Ausmaß zu einem so offensichtlich vermachteten geworden, dass in der Krise den vielen marginalisierten Menschen natürlich auffallen muss, dass sie in diesem Land keine Stimme haben. Die hochnäsige sozialchauvinistische Attitüde vormaliger Gesinnungs“linker“ unter dem Siegeszug von Reagonomics (als ihnen zufällig jedes Wissen um politische Ökonomie abhanden kam, sobald damit keine festen Stellen im ‚verschlankten‘ öffentlichen Sektor mehr zu gewinnen waren) verband sich mit der propagandistischen Wiederentdeckung des Kriegs als Mittel einer hegemonialen Machtpolitik zu einem Klienteljournalismus, der öffentliche Meinung beobachtbar von oben nach unten orchestrierte. Spätestens mit dem entfesselten Bellizismus der Russlandberichterstattung seit Anfang 2014, bei der die Meinungsmanager verkannten, wie stark offene Feindpropaganda noch an geschichtliche Traumata rührten, wurde die Meinungshegemonie eines von lobbyistischen Netzwerken durchzogenen Medienapparats offen angefochten.

      Als Lektüren verhelfen u.a. Habermas‘ „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, Chomsky/Hermanns „Manufacturing Consent“, Lutz Hachmeisters Untersuchungen des Berliner Hauptstadtjournalismus, Uwe Krügers empirische Untersuchungen des Einflusses transatlantischer Netzwerke auf Alphajournalisten (Meinungsmacht, 2014), Jörg Beckers Untersuchungen des Einflusses von PR-Agenturen auf den Mediendiskurs und Thomas Meyers Arbeiten zum Kampagnenjournalismus und der sozialen Homogenität der betroffenen Berufsgruppe zu einer soliden Orientierung.

      Ob Podiumsveranstaltungen helfen hängt davon ab, ob sie wirklich das Problem fassen oder nur die verlorene Meinungshegemonie reparieren wollen. Denn das wäre verlorene Liebesmüh und gesellschaftlich wenig Produktiv. Es ist zu viel faul – nicht nur im Staate Dänemark.

      MfG,
      Anja Böttcher

    • Werner Richter sagt:

      Sie haben ja Recht, liebe Frau Böttcher. Aber hier tut sich ein Dilemma auf, die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Gegensteuerns sind gering und solche Diskussionen wirken etwas hilflos. Ich habe diesbezüglich keine Illusionen. Und doch plädiere ich dafür, auch solche Möglichkeiten zu nutzen, um Plattformen zu schaffen. Außerdem kann es nicht schaden, den selbstgefälligen Medienleuten einen Spiegel vorzuhalten, das zwingt zu neuen Manövern und mehr Offenheit. Der Zapp-Redaktion wurde angeboten, dabei auch Filme zu drehen mit der Hoffnung unsererseits, die auch im FS wieder zu finden. Das wäre ein schönes Stück Medienaufmerksamkeit für abweichende Positionen, finden Sie nicht? Mühsam ernährt sich… Ob denn die von Ihnen genannten Personen dies hier auch lesen und vielleicht interessiert sind? Ich hoffe sehr auf den einen oder anderen.

    • Werner Richter sagt:

      Ich antworte mir mal selbst. Leider hat sich meine Blauäugigkeit über linke Möglichkeiten ernüchtert. Aus dem Einfall, eine Podiumsdiskussion über die Rolle der Medien in der Gegenwart zu organisieren, wurde ein Trümmerhaufen. Es zerschlug sich die Hoffnung, rasch zum Ergebnis zu kommen, die Thematik verträgt keinen Aufschub. Der jedoch war die erste Bedingung der Entsche3idungsträger. Dazu kamen Bedenken verschiedener Art, das könnte nach hinten losgehen, das muß anders gestaltet werden, keine persönliche Beteiligung, bitte ein anderes Konzept. Die Revolution ist wieder mal gescheitert, wie immer an fehlenden Bahnsteigkarten. Uwe Krüger u.a. waren interessiert, aber die Bürokratie hat sich wohl in die ganze Gesellschaft eingefressen. Schade, deutsches Schicksal.

  92. Stephan Wohanka sagt:

    Vielen Dank für Uwe Feilbachs Beitrag zu Theodor Lessing; eine kleine Ergänzung:
    Interessanterweise traten gegen Ende des Ersten Weltkrieges zwei Historiker auf den Plan, die unterschiedlicher nicht gedacht haben könnten – Oswald Spengler mit „Der Untergang des Abendlandes“ (1918 bzw. 1922) und Theodor Lessing mit seiner „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919). Während ersterer der These vom geschichtlichen Determinismus frönt – er leitet mit der fulminanten These ein: In seinem Buch werde „zum ersten Mal der Versuch gemacht, Geschichte vorauszubestimmen“, woraufhin gefragt wird: „Wenn das kein Marxismus von rechts ist – wie sollte er dann anders lauten?“ -, so ist der Titel des Lessingschen Buches Programm! Lessing leugnet jede historische Gesetzmäßigkeit: „Die wohlbekannte Unvermeidbarkeit der historischen Facta ist nichts anderes als Forderung der Vernunft. Nachdem das Unerwartete, Widersinnige, Absurde, Abrupte, plötzlich eingebrochen und Ereignis geworden ist, wird der Mensch immer Gründe suchen und immer Gründe finden, daß alles habe kommen müssen, wie es eben kam. […] So liegt aller Geschichte eine logification post festum zugrunde, was auch immer auf Erden geschehen mag“. Für seine These von der Nichtexistenz historischer Gesetze gibt Lessing viele Beispiele, die aufs Unterhaltsamste die Rolle des Zufalls in der Geschichte illustrieren; um nur eines zu nennen: „Hätte der Vater Mirabeaus seinen hoffnungslos vorbeigeratenen Sohn nach den holländischen Besitzungen verschickt, woran ihn wiederum nur ein zufälliger Erlaß Ludwig des XVI. im letzten Augenblick hinderte, so wäre die Französische Revolution in ganz andere Bahnen gekommen…“. Geschichtsschreibung bezeichnet Lessing als „Willenschaft“, Wirklichkeit werde „nur konstruiert“.
    Ich gestehe – ich bin seit Langem sein Bewunderer.

    • wolfgangbr sagt:

      Lieber Herr Wohanka, es ist vollkommen Wurscht, ob der verkrachte Graf zum Katalysator der Revolution wurde oder nicht: Sie wäre auch ohne ihn gekommen. Möglicherweise anders. Mit anderen Herolden. Die Zeit war reif. Bei aller Verehrung für Theodor Lessing – aber hier irrte er. Das spricht allerdings weder für Spengler noch für einen in den Klippen der Geschichte aufgelaufenen Vulgär-HistMat. Um den geht es Ihnen doch? Also sagen Sie es bitte auch. Vielleicht sollte man die Sache mit den „historischen Gesetzmäßigkeiten“ nicht ganz so plakativ sehen wie gehabt? Die Realität ist tatsächlich komplizierter, der berühmte „subjektive Faktor“ stärker als in voluntaristischen pseudo-linken Geschichtsbildern gedacht, die Rolle des Zufalls ist schwer berechenbar (neuerdings schieben einige Historiker den Bastille-Sturm auf das Wetter…). Da gebe ich Ihnen recht. Aber statt dessen die Lessingschen Rechenfehler zu replizieren… Bei allen Respekt, wir wollen uns doch nicht in Marienbad wiedersehen? Das ist jetzt kein Zynismus, ich meine es sehr ernst. Und das ist kein alleinig deutsches Problem. Auf diesem Kontinent glimmt es in allen Ecken.
      Ansonsten schätze ich den Mirabeau sehr.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber wolfgangbr, eine kleine Nickligkeit am Anfang: Wenn Sie schreiben, dass die in Rede stehende Revolution „wäre auch ohne ihn gekommen. Möglicherweise anders“, dann sagt Lessing nichts anders: „….so wäre die Französische Revolution in ganz andere Bahnen gekommen“. Keine große Differenz, oder?
      Dass es mir, wie Sie wirklich schön sagen, um den „in den Klippen der Geschichte aufgelaufenen Vulgär-HistMat.“ ginge – ein bisschen schon, aber ich denke, auch die marxistisch-leninistische Geschichtswissenschaft ist wie jede andere Auslegung der Geschichte legitimiert; sie schnürte sich gleichsam ein in das Korsett ihrer ideologiegetränkten „Objektivität“. Auf dieser Grundlage erhob sie den nicht einlösbaren Anspruch, „das Entwicklungsgesetz der Menschheit“ ergründen zu wollen. Das Paradoxe daran: Was die geschichtliche „Einsetzung“ des Sozialismus angeht, so verließen sich dessen Protagonisten jedoch mitnichten auf das „objektive Wirken der Geschichte“ – nein, sie griffen beherzt in die Speichen, erzwangen förmlich dieses „Wirken“, fühlten sich als „Werkzeug der Geschichte“. „Objektiv“ wurde die Sache also lediglich dadurch, dass man sie „machte“; beseelt von der Idee, dafür gottgleich bestimmt zu sein, so und nicht anders handeln zu sollen und zu können…
      Das viel Wichtigere – meinen Sie tatsächlich, Europa befände sich in einer vorrevolutionären Situation? Dann allerdings erübrigte derartiger Austausch. Und das Blättchen müsste Alarm schlagen. Wahren Alarm, gegen den jetzige Kritiken Glasperlenspiele wären – wäre es wirklich so.

      PS: Ich muss um Entschuldigung bitten, irgendwie hatte ich diesen Antworttext aus den Augen verloren; trotzdem will ich ihn nachreichen.

    • wolfgangbr sagt:

      Lieber Herr Wohanka, wenn Sie den Lessing so auslegen wie in Ihrer Antwort, dann steht die These von der „Nichtexistenz historischer Gesetze“ aber auf sehr wackligen Füßen. Mit Verlaub, aber das ist oberflächliches Feuilletongeplätscher. „Willenschaft“ ist nicht weit weg von „Triumph des Willens“ und nicht besonders originell. Das war intellektueller Mainstream seit Gründerzeiten. Wenn freie Geister wie Theodor Lessing sich dieser Denkmodelle bedienten, macht es diese nicht überzeugender. Oder – weiter gegriffen -: Literarisch sind Stefan Zweigs „Sternstunden…“ großartig, geschichtsphilosophisch durchaus hinterfragenswert.
      Wenn Sie den Vormarsch der Nationalisten und Rechtsextremen in fast allen Ländern Europas als „vorrevolutionäre Situation“ bezeichnen wollen – ich habe den Begriff nicht gebraucht und ich finde ihn auch nicht besonders zielführend: Ja, dann stecken wir in einer solchen. Die Situation auf dem Kontinent ist eine extrem Gefährliche. DAS BLÄTTCHEN schlägt seit geraumer Zeit Alarm.
      Ich grüße Sie herzlich!

    • Lieber wolfgangbr,

      wenn wir aus der französischen Revolution Lehren für unsere heutige Situation ziehen wollen, sollten wir uns eher an Sieyès halten. Er bereitete sie mit seiner Schrift über den „Dritten Stand“ theoretisch vor – und er brachte sie auch zum Ende, indem er ausgerechnet Bonaparte für seinen Staatsstreich gegen die Republik engagierte.

      Wichtiger für die aktuelle Lage scheint mir aber die russische Revolution. Hier nahm der Bonapartismus meines Erachtens die Form einer professionell und autoritär organisierten Partei an, die sich selbst über die streitenden Klassen stellte. Der Irrglaube, dass d a s die „Diktatur des Proletariats“ war, wie Marx sie erwartete, lähmt die Linke noch heute, indem er sie jeder Zukunftsperspektive beraubt. Es gibt ja allenfalls sehr vage Vorstellungen, wie eine Revolution im positiven Sinne heute aussehen könnte.

      Von einer „revolutionären Situation“ kann also wirklich nicht die Rede sein. Das, was droht und vielerorts schon erschreckende Fortschritte macht, ist vielmehr eine konterrevolutionäre Welle, wie wir sie zuletzt um 1930 hatten. Das ist in der Tat ein Grund zur Sorge – und so lange die Linke sich nicht mit dem oben skizzierten Problem auseinandersetzen mag, wird sie diese Flut trotz aller Bemühungen kaum eindämmen können.

  93. Noch eine Bemerkung zum Gold
    (Klaus Müller, „Das Blättchen“, Nr. 17/2016)

    Klaus Müller fragt: „…wie erging es dem Gold seit dem denkwürdigen Tag im August vor 45 Jahren?“ – Um gegen Ende seines Beitrages festzustellen: „Gold hatte seine währungspolitische Bedeutung bewahrt; es war nach wie vor begehrt. Nur so ist der Rücktritt von der Umtauschpflicht logisch, und es wundert, dass der Mehrheit der Währungsexperten dieser naheliegende Grund bis heute nicht aufgegangen ist.“
    Ja, als ganz besondere, weitgehend wertbeständige und jederzeit tauschbare Ware blieb es, was es gewesen war: ein Edelmetall mit all seinen begehrten Gebrauchseigenschaften. Wegen dieser Eigenschaften hat es zwar auch seine währungspolitische Bedeutung bewahrt, doch diese währungspolitische Bedeutung dürfte es wohl kaum gewesen sein, was den Bruch des Abkommens von Bretton Woods durch die USA „logisch“ machte. Es war doch wohl vor allem die Gefahr des Totalverlusts eines ungeheuren sachlichen Reichtums und universellen Schatzes, die die USA zu diesem Schritt veranlasste. Hätten sie diese Gefahr 1944 für real gehalten, so dürften sie ihr Gold wohl kaum als Basis eines internationalen Währungssystems zur Disposition gestellt haben. Nur dank ihres Goldes konnten sie sich das Vertrauen aller Partner des Abkommens erschleichen und auf deren Kosten ihre imperiale Politik durch ungeheure Verschuldung finanzieren. Doch der Krug – um mit Heinrich von Kleist zu sprechen – ging so lange zu Wasser, bis er brach. Gerade mal 27 Jahre.
    Für mich ist die noch spannendere Frage: Wie erging es dem tatsächlich zirkulierenden (papiernen und elektronischen) Geld nach jenem „denkwürdigen Tag im August“? Was war aus ihm geworden? Rein äußerlich nichts Neues! Doch sein Wesen hatte sich verändert. Aus einem Bezugsschein auf Gold hatte es sich in einen Anspruch auf Wert schlechthin, gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit verwandelt. Und mich wundert vor allem, dass gerade dies der professoralen Wirtschaftswissenschaft bis heute nicht bewusst geworden zu sein scheint – mit all seinen ökonomischen und wirtschaftspolitischen Konsequenzen. Dazu gehört besonders eine ganz neue, regulierende wirtschafts- und geldpolitische Verantwortung der Zentralbanken und des Bankensystems als gesellschaftlicher Institution überhaupt. Unser Geld war – nicht erst damals, aber damals endgültig und eigentlich offensichtlich – aus einer Ware (wenn auch Geldware) zu einem gesellschaftlichen Dokument geworden, das allem Wirtschaften den privaten Charakter auch formal genommen hat. Und schließlich ist festzustellen: Aus einem System von Millionen privaten Betriebsabrechnungen ist dem Wesen nach ein System gesellschaftlicher Buch- und Rechnungsführung über Wirtschaftseinheiten hervorgegangen, die mit einem hohen Grad von Eigenverantwortung tätig sind. Nichtsdestotrotz hat in diesem neuen System die Allgemeinheit alle Konsequenzen des Wirtschaftens zu tragen: egal, ob es sich beispielsweise um die Nachfolgekosten der Atommüllentsorgung bei der Energiegewinnung handelt oder um die Kosten der Entwicklung von Anlagen zur Nutzung von Solar- und Windenergie oder um die Kosten des jüngsten VW-Skandals. Denn alle Kosten kommen irgendwann beim Endverbraucher und Steuerzahler an, der für alle Risiken des vergesellschafteten Wirtschaftens geradezustehen hat, weil der Einzelne, vermeintlich Private, das längst nicht mehr vermag und sich nach allen Seiten absichert. Die Kosten auch dafür lässt er die Allgemeinheit der Endverbraucher tragen.
    Doch das Erstaunlichste von allem ist, dass noch immer der Glaube dominiert und regiert, Kapitalverwertung, Verwandlung von Geld in mehr Geld, könne heute noch ein vernünftiges und effizientes Ziel gesellschaftlicher Produktion sein, und dass Spekulation auf Märkten aller Art noch immer als Möglichkeit der Einkommensvermehrung, sogar von Staatshaushalten, Lebens- und Rentenversicherungen, geachtet statt geächtet wird.

  94. Stephan Wohanka sagt:

    In Berlin ist Wahlkampf. Man bemerkte ihn kaum – hingen nicht an jedem zweiten Baum oder Mast kleinformatige Plakate; meist nichtssagenden Inhalts. Eines ist mir aufgefallen; auch deshalb, weil es vor meiner Haustür baumelt: „Die deutschen Eliten wollen wieder Krieg. Wir nicht“. Steile These, klare Aussage! Als Autorin zeichnet die PSG – Partei für Soziale Gerechtigkeit, Sektion der IV. Internationale – verantwortlich. Ein, zwei Klicks genügen, um herauszufinden, dass sich ihr Wählerpotential in Berlin über die Jahre zwischen 0,0 und 0,1 Prozent, konkret 565 und 1690 Stimmen, bewegt. Bloß Spinner? Vielleicht – jedoch sollte Krieg oder besser Frieden stets Gegenstand ernsthafter Erörterung sein. Also – die PSG beim Wort nehmen: Mit „wollen wieder“ in ihrem Wahlslogan wird klar auf die beiden Weltkriege rekurriert, denn dass die Bundeswehr sich schon gegenwärtig an Auslandseinsätzen beteiligt, ist bekannt, und so hätte nahegelegen zu plakatieren: „Die deutsche Eliten befinden sich wieder im Krieg. Wir sind dagegen.“ Sind aktuelle Militäreinsätze mit deutscher Beteiligung „noch nicht Krieg genug“? Dann ginge es den fraglichen Eliten offenbar um den dritten „großen“ Krieg; mit solchen haben sie ja Erfahrungen, wenn auch erwiesenermaßen schlechte, aber sie können es eben nicht lassen.
    Um den großen Krieg zu führen, brauchten die Eliten eine Armee. Die stünde ihnen als Bundeswehr grundsätzlich zur Verfügung. Jedoch – ich weiß nicht nur um Blättchen-Texte, deren Autoren in den Eingeweiden dieses halbtoten Wehr-Körpers genüsslich stochern: Kaum ein Flugzeug hebt ab, kaum ein Panzer rollt, Schiffe rosten, die Gewehrläufe krümmen sich in der Wüstenhitze, die Beschaffung neuen Kriegsgerätes tatsächlich ein fortwährender Skandal zugunsten der Gewinne einheimischer Waffenhersteller und Betrug am Steuerzahler. Es war sogar von einer „Armee des l’art pour l’art“ die Rede, zu der diese verkommen könnte…
    Ohne in spitzfindige soziologische Abgründe in Sachen „Elite“ wie Funktions- oder Machtelite usw. hinabzusteigen, frage ich: Wollen Merkel, Gauck, Seehofer, aber auch Klatten – richtig, die Großaktionärin von BMW -, die Bosse von BASF, VW, Siemens oder Harald Kujat, den einzigen (ehemaligen) Militär, der mir ein Begriff ist -, wollen die Krieg? Den großen gar? Oder auch die hinter ihnen stehenden Parteigänger, die Menschen in den dazugehörigen Instanzen, bürokratischen oder Machtapparaten, die Anteilseigner usw. usf.?
    Ich weiß – Gauck gilt nicht wenigen als „widerlicher Kriegstreiber“. Oder als “ ´Jihadist´ … der wie ein Irrer alle paar Monate dafür wirbt, dass sich Deutschland endlich wieder an Kriegen beteiligt“; auch hier „endlich wieder“? Eine Lesart. Man kann aber auch darauf verweisen, dass über 70 Prozent der Menschen hierzulande sich vor wachsender Gefahr fürchten, namentlich vor islamistischem Terror. Ist angesichts dessen die Forderung Gaucks, die Bundesrepublik solle „mehr Verantwortung übernehmen“ bis hin zu Militäreinsätzen, nicht ein wenigstens diskutables und nicht von vornherein ein zu diskreditierendes Ansinnen? Offenbar nur bedingt, denn 30 Prozent sehen es positiv, alle anderen skeptisch oder sehr skeptisch. Fazit: Die Nachfrage nach Sicherheit ist hoch, ja steigt; die Bereitschaft, dafür ein Engagement einzugehen, ist gering, ja sinkt – ein schizophrenes Bild. Welche Antwort auf dieses Dilemma hat die PSG? Sie hält sich für „die einzige Partei, die Militarismus und Krieg kompromisslos ablehnt“. Geschenkt. Weiter: „Wir sind für die Auflösung der Bundeswehr und aller Geheimdienste. Wir lehnen alle imperialistischen Bündnisse und Militärblöcke ab. Wir sind für die Auflösung der Nato und der Europäischen Union …“ Brächten diese Maßnahmen auf dem Hintergrund der geo- und wirtschaftspolitischen Lage unseres Landes mehr Sicherheit? Ich bezweifelte das. Dieser Nationalpazifismus, Ausdruck eines diffusen Moralismus, führte die deutsche Politik in eine Gestaltungs- und Politikunfähigkeit. Davor warnt Gauck.

    • Sehr geehrter Herr Wohanka,

      ich weiß nicht, in welcher – wie es so schön heißt – „biodeutschen“ Bildungsbürgeroase Sie so leben. Ich lebe in einer äußerst multiethnischen Stadt des Ruhrgebiets mit ziemlich hoher Arbeitslosigkeit und reichlich Kinderarmut. Und ich kann in nicht einer Schulklasse unterrichten, in der nicht mindestens fünf Kinder Krieg selbst erlebt haben oder mit Familienangehörigen leben, die von Kriegstraumata gezeichnet sind, ob sie nun vom Balkan, aus den Ländern des Nahen Osten oder aus dem Kaukasus stammen. Unterhalten Sie sich einfach regelmäßig auf Augenhöhe mit diesen Familien und spüren Sie nach, wie genau viele von denen erzählen können, in welchem Ausmaß deutsche Kräfte an den zu Kriegen auswachsenden geostrategischen Schachspielen in ihren Ländern beteiligt sind – und sie werden überrascht sein, was die Leute so wissen. Sie wissen zum Beispiel, wer Banden, die auf sie schossen, mit Waffen ausstaffiert hat, welche politischen Handlungsreisenden besonders eifrig Gestalten aufsuchen, die nachher zentral mit zu denen gehören, die Proteste gewalttätig auschreiten lassen usw.

      Obgleich schnittige Militärparaden wie zu Wilhelms Zeiten in der deutschen Bevölkerung nicht gut ankämen und deshalb auch nicht zu erwarten sind, lassen Erzählungen von Menschen, die zu uns kommen, mehr als nur erahnen, dass an dem Slogan der Friedensbewegung (unter denen rechtspopulistisch wirkende Aktivisten deutlich immer noch eine marginalisierte Minderheit sind) „Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt“ eine Menge dran ist.

      Was also, Herr Wohonka, wollen sie mit der Deklassierungsformel „Nationalpazifismus“ sagen? Einem aktuell bei Telepolis erschienenen Artikel zufolge, findet bei der Mehrheit der Bevölkerung eine wieder auf Diplomatie und politischen Annäherung und Moderation bestehende Friedensarchitektur mehr Zustimmung als einzig eine rein national definierte Sicherheitspolitik.

      Kann es vielleicht sein, dass die Durchschnittsbevölkerung friedenspolitisch viel linker ist als alle ihre Kriegsgefahren bagatellisierenden Kritiker, die nur deshalb mit Diffamierungen Leute rhetorisch in die rechte Ecke schieben, weil sie ihre eigene politische Konversion verschleiern wollen?

      In eine ähnliche Ecke scheint mir ihre Demagogie gegen Sozialkritiker zu gehen. Ich müsste mir die in ihrem Artikel beschriebene Statistik erst genau angucken, um zu schauen, ob ich sie für eine repräsentative halte. Aber die Verheerungen in Griechenland kenne ich aus regelmäßigen Schilderungen von Partnerregionen, in denen mehr als ein Drittel aller Familien nicht mehr krankenversichert sind. Dass junge Spanier hierher aus einem Land abwandern, dass keine Arbeit mehr für die Hälfte seiner unter 30jährigen hat und darin unter den Griechen, Portugiesen Schicksalsgenossen findet und dass auch Frankreich und Italien sich solchen Verhältnissen angleichen, kann kein gescheiter Mensch bezweifeln. Soziale Verwerfungen also als das hysterische Geschwätz völkischer Untergangsaposteln zu brandmarken, ist da schon eine verunglimpfende Spitzfindigkeit der besonderen Art.

      Aber warum macht dergleichen ein Autor hier im Blättchen?

      Dass im Nachhinein der Fall des Eisernen Vorhangs ein nicht genügend reflektiertes Sicherheitsvakuum hinterlassen hat, das leider die skrupelloseste Ideologie, nämlich die militaristische und marktradikale des Neokonservatismus, die Lücke besetzen ließ, mit deren Verheerungen wir heute zu tun haben, ist so offensichtlich, dass einer Leugnung extreme Borniertheit zugrunde liegen muss. Auch die extrem asymmetrische Vermögensverteilung, die sich seitdem entwickelt hat, ist einfach nicht abzustreiten, das es empirisch nachgewiesen wurde (z.B. von Thomas Piketty).

      Der demagogische Spin die Benennung der Probleme mit nationalistischen Antwort darauf gleichzusetzen, führt jedoch genau zu der Förderung dieses Phänomens. Es ist hochgradig verantwortungslos.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Anja Böttcher

    • Wolfram Adolphi sagt:

      Liebe Frau Böttcher, danke! Es ist unerhört wohltuend, an dieser Stelle wieder mal einen Beitrag aus dem wirklichen Leben zu lesen. Einen mutigen Text, in dem es Empirie gibt und Erfahrung und Bericht über die Reflektion derselben. Nochmals: Danke!
      Wolfram Adolphi

    • Werner Richter sagt:

      Den „Prediger der Unfreiheit“, so frühere Pfarrerkollegen, würde es freuen, soviel Wertschätzung zu erfahren und noch dazu im Blättchen! Ja, wenn er es lesen würde, was nicht wahrscheinlich ist. Es ist anzunehmen, daß er neben der Bibel und einige Luther-Schriften vor allem seine eigenen Reden bevorzugt. Das Blättchen ist für Spiegelung eigener Meinungen eher nicht geeignet. Ansonsten sonnt er sich gern im Licht der medialen Grubenlampen, die ihn zum Freiheitskämpfer und Bürgerechtler hochstrahlen. Gegen die Lampen aus, ist es zappenduster. Aber vielleicht liest doch sein getreuer Ekkehart unser Zeug, der kann ihm dann berichten. Machen wir es so, David? Und Gauck predigt weiter Freiheit ohne Gleichheit und Brüderlichkeit, was letztendlich auf Freiheit des Kapitals auch mit aggressiver Außenpolitik hinausläuft.

    • Sehr geehrte Frau Böttcher,

      Herr Adolphi hat Ihren Forums-Beitrag treffender kommentiert, als ich es könnte. Deshalb nur noch eine Anregung: haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihre praktische Erfahrung und Ihren theoretischen Hintergrund (der besonders im etwa gleichzeitigen Diskurs mit Herrn Richter deutlich wird) in einen Vorschlag für den redaktionellen Teil einzubringen? Die Redaktion lädt im Impressum ausdrücklich zu solchen Einsendungen ein; aus eigener Erfahrung weiss ich, dass sie das auch so meint. – Zu dieser Erklärung bin ich in keiner Weise beauftragt, kann daher auch keine Garantie für das Gelingen übernehmen, fühle mich aber dadurch befugt, dass ich so etwas von Ihnen sehr gerne läse.

      Zu den von Ihnen genannten Autoren (die mir allesamt ausser Chomsky recht fremd sind) habe ich noch einen eigenen Versuch über das aktuelle Meinungsklima anzubieten, der von Antonio Gramscis Begriff der Hegemonie ausgeht. Er besteht aus drei Teilen:
      http://das-blaettchen.de/2012/11/gramsci-und-die-buergerliche-hegemonie-17695.html
      http://das-blaettchen.de/2012/12/gramsci-und-die-hegemonie-seiner-partei-18955.html
      http://das-blaettchen.de/2013/01/gramsci-und-die-linken-intellektuellen-20500.html

      Sonst fiel mir noch auf, dass Sie auch die Möglichkeit nutzen, Beiträge im Forum mit einem Link zu verbinden. An der Stelle war ich allerdings doch etwas enttäuscht, da ich nichts weiter über Sie erfuhr und auch der Bezug zum Thema in der Fülle des Materials unterging.

      Mit besten Grüßen
      – aus dem Ruhrgebiet ins Ruhrgebiet –
      Bernhard Mankwald

  95. Klaus Müller weist in seinem sehr informativen Beitrag „Gold“ (im „Blättchen“ 17/2016) darauf hin, dass die Zentralbanken dieses Metall hüten „wie die Katzenmama ihre Jungen. Das ist kein Beweis, dass Gold Geld geblieben ist. Aber erst recht nicht, dass es kein Geld mehr ist.“

    Hierzu sei angemerkt, dass aus Gold nach wie vor auch Geld h e r g e s t e l l t wird. In der Bundesrepublik werden daraus zum Beispiel regelmäßig 100-Euro-Münzen geprägt, die hier als gesetzliches Zahlungsmittel gelten. In dieser Funktion wird man sie aber wohl kaum antreffen, da je nach Goldpreis der Materialwert etwa das sechsfache des Nennwerts beträgt. Das Metall hat seinen Tauschwert also nicht nur erhalten, sondern derart erhöht, dass es für alltägliche Transaktionen kaum mehr geeignet ist.

    Dazu sei auch auf einen früheren Beitrag im redaktionellen Teil verwiesen:
    http://das-blaettchen.de/2014/10/marx-und-das-geld-30577.html

  96. Stephan Wohanka sagt:

    Düstere Impressionen von Renate Drommer 

    So richtig es ist, den Beitrag in den USA „Die Szene könnte aus einem amerikanischen Film stammen“ zu beginnen, so einseitig und falsch ist der lediglich auf die USA und den Westen zielende Schluss „In diesem Krieg geht es nicht um Glaubensfragen, Freiheit oder mehr Demokratie. Es geht um den Einfluss Amerikas und der westlichen Großmächte in der arabischen Welt, um ihren Zugang zum kostbaren Öl“.
    Geht es um den Nahen Osten, setzt offenbar ein Denken gesteuert vom in die Jahre gekommenen „Kein Blut für Öl“- Slogan ein; und wenig darüber hinaus. Dass die USA mit ihrem unsäglichen zweiten Irakkrieg eine historische Verantwortung und Schuld für die gegenwärtige Lage in der Region tragen, steht außer Frage. Ebenso, dass die USA und andere westliche Länder mit Flugzeugen und Spezialkräften am Boden im besagten Raum militärisch agieren. Klar ist aber auch, dass der Iran, die schiitische Führungsmacht in der Region, nach der Beilegung des Atomstreits auf dem Weg zu internationaler Rehabilitierung ist – und damit zu alter Macht strebt. Und das gegen die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien. Syrien ist dabei zum Schlüsselstaat und Schlachtfeld geworden. Fällt das Land des Iran-freundlichen Assad mit sunnitischer Bevölkerungsmehrheit in den sunnitischen Einflussbereich, wäre das eine herbe Niederlage für Teherans Syrien-Krieger, die darüber hinaus die logistische Verbindung zu ihren Verbündeten von der libanesischen Hisbollah verlören. Und mischt nicht auch Russland aus wohlverstandenem eigenem Interesse mit Flugzeugen, die jetzt auch vom Iran (kürzere Flugstrecken, höhere Bombenlast) aus starten, und Bodentruppen mit? Desgleichen ist die Türkei als undurchsichtiger Spieler und Terrorpate mit von der Partie – alles „der Westen“? Die neueste Meldung: Laut der Nachrichtenagentur Xinhua will China die militärische Zusammenarbeit mit Syriens Regierung ausbauen. Die Armeen beider Staaten hätten traditionell freundschaftliche Beziehungen, verlautete aus der Zentralen Militärkommission Chinas bei einem Besuch in Damaskus.
    Diese Konflikte werden auch durch das Öl befeuert. Dessen niedriger Preis belastet den saudischen Staatshaushalt, was auch damit zu tun hat, dass der zweitgrößte Öllieferant Iran nach Ende der Atomsanktionen wieder auf dem Weltmarkt zurückkehrte. Er will von Förderkürzungen nichts wissen, was die politischen Spannungen weiter anheizt. Öl wurde und wird wie Sauerbier angeboten – auch deswegen, weil die USA und andere westliche Länder tendenziell immer weniger Öl nachfragen und die eigene Produktion steigern. Inzwischen ist China größter Ölimporteur aus dem Gebiet des Persischen Golfes, was zu Konflikten zwischen dem Land und den USA führt: Chinas Schiffe müssen die Straße von Hormus passieren, die vom amerikanischen Militär geschützt – und zugleich kontrolliert wird. Da kommen – siehe oben – „traditionell freundschaftliche Beziehungen“ zu Syriens Armee gerade recht.

    Dieses – unvollständige – Panorama sprengte natürlich den in Rede stehenden Text; aber ein knapper Hinweis auf die anderen Akteure wäre allemal möglich gewesen.

    • Werner Richter sagt:

      Da ist manches wohl richtig, Herr Wohanka, aber vieles wiederum auch nicht angebracht. Der Autorin diesen Vorwurf zu machen, z.B. Gehört das Agieren anderer Mächte unbedingt in diesen Zusammenhang? Zweifelhaft, ein Relativierungsbedürfnis hier anzumelden. Überhaupt verbieten sich einer humanen Gesinnung manche Relativierungen sowieso, auch wenn inzwischen der Verbraucher als Käufer billigen Fleisches als Verursacher der Nahrungsmittelskandale regelmäßig ausgemacht wird. Noch ist der Verkäufer seiner Arbeitskraft noch nicht so richtig als Verursacher der Ausbeutung erkannt, kann aber noch kommen. Ob ich die US-Macht mag oder nicht, man kann kaum den Ursprung aller Spannungen, ob Nahost oder Osteuropa, auf alle Beteiligten verteilen. Das Argument, was denn ohne die US-/EU-/Saudi-Arabien-Offensive gegen den „Machthaber“ Assad und zur „sunnitischen“ Eroberung des Nahen Ostens sonst zu befürchten wäre, kann doch nicht ernsthaft als Rechtfertigung dienen. Auch die in vielen Medien und durch „unsere“ Politiker vorgebrachten Zielargumente sind lieber nicht zu kolportieren. „Sunnitische Bevölkerungsmehrheit“ soll heißen, da wird die „demokratische“ Mehrheit unterdrückt, egal ob die „demokratische Opposition“, die niemand genauer zuzuordnen wagt, ihren Widerstand in Dara mit der Losung „Alle Alawiten an die Wand“ begann und mit Schüssen aus dem Hinterhalt auf die Polizei fortsetzte oder nicht, egal, ob Assad, gewählt, wie auch immer, aber besser als in manchen anderen Land der Region, die Mehrheit der syrischen Bevölkerung, das Bündnis aller nichtsunnitischen Kräfte nämlich, vertrat oder nicht, Assad, Iran, Moskau, Peking, Hamas, Hisbollah sind auch Übeltäter und zusammen genommen eigentlich die größeren. „Die USA schützen die Straße von Hormus“: Hoffentlich schützen sie nicht demnächst den Belt, dann wäre ein Flug über die Ostsee ein echtes Abenteuer. Auf diesen Schutz verzichtet man besser. Wann haben die je außerhalb ihres Territoriums irgendetwas anderes „geschützt“ als ihre Einflußspähren ohne Rücksicht auf Verluste, natürlich der anderen? „Iran will… von (Erdöl)Förderkürzungen nichts wissen, was die politischen Spannungen weiter anheizt“. Ist schon mächtig hinterhältig vom Iran, wenn er die Sanktionen einfach aufheben läßt und nicht brav seine ökonomischen Möglichkeiten nach Vorgaben von USA und EU selbst einschränkt. Er löst die Spannungen aus, nicht USA und Saudi-Arabien, die ja wohl den Erdölpreisverfall gegen Rußland und China gerichtet auch unter Hinnahme von Verlusten eingeleitet haben, auch mit Fracking im eigenen Land unter Hinnahme der Zerstörung der Umwelt Vieler?

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Richter, ich habe überlegt, Ihnen zu antworten respektive es zu unterlassen… Dann traf ich jedoch auf eine Interview-Passage, die ich zitiere: „… auch den Glauben an den Kunden [verloren]. Alle Welt regt sich auf, dass Tiere misshandelt werden, trotzdem kaufen alle das billige Fleisch….“ So ein gewisser Michael Fischer, Intimkenner des deutschen Discounthandels. Obwohl auch ich Ihrer These zuneige, nicht die Verbraucher in Haftung zu nehmen für Dinge, die in Handel und Dienstleistung schiefgehen, zitiere ich das deshalb, um Ihnen zu zeigen, dass es durchaus Menschen gibt, die eine Mitschuld des Kunden als „Verursacher“ sehen.
      Ein Zweites: Dass Assad erhebliche Bevölkerungsgruppen respektive -schichten wenn nicht unterdrückte, so doch durch seine Politik gegen sich aufbrachte, halte ich für erwiesen; warum standen denn gewichtige Teile derselben gegen ihn auf? Ich ahne schon: Die waren aufgewiegelt durch die üblichen ausländischen Verdächtigen USA/EU usw. Doch dazu gehören immer zwei: Einer, der aufwiegelt, und einer, der sich aufwiegeln lässt. Und: Lässt sich ein einigermaßen zufriedenes Volk respektive relevante Teile desselben so mir nichts dir nichts aufwiegeln? Zumal sehr schnell und hart seitens des Regimes reagiert wurde (diese Frage ist hinsichtlich Tunesiens, Libyens, Ägyptens desgleichen zu stellen). Dass „in Dara“ die Auseinandersetzungen „mit der Losung ´Alle Alawiten an die Wand´ begann und mit Schüssen aus dem Hinterhalt auf die Polizei fortgesetzt“ wurde – halten Sie das wirklich für ein tragfähiges Gegenargument? Ich nicht. Kann denn nicht – nur als Denkanstoß – auch die andere Seite mal provozieren?
      Ein Letztes: „Ist schon mächtig hinterhältig vom Iran, wenn er die Sanktionen einfach aufheben läßt und nicht brav seine ökonomischen Möglichkeiten nach Vorgaben von USA und EU selbst einschränkt“. Ich finde den Satz anmaßend und sachlich falsch. Der Iran hat die gegen ihn gerichteten Sanktionen nicht „einfach aufheben lassen“, sondern dem gingen jahrelange Verhandlungen einer westlichen Staatenallianz plus Russland und China (!) – gegen den dezidierten Widerstand Israels – über das iranische Atomprogramm voraus, die Anfang 2016 mit einem Abkommen endeten. Und warum sollte der Iran „seine ökonomischen Möglichkeiten nach Vorgaben von USA und EU selbst einschränken“? Selbst Ironie unterstellt – mir bleibt der Inhalt unverständlich…

      PS: Jetzt sind detailliertere Angaben über die im Iran startenden russischen Flugzeuge zu lesen: Es sind Überschallbomber, die für Flächenbombardements aus großer Höhe eingesetzt werden – was soll ihr Einsatz über Syrien?

    • Werner Richter sagt:

      No comment, denn es beruhigt zu wissen, daß auch Nato-Positionen im Blättchen Fürsprecher finden. Gut für die Ausgwogenheit.

  97. wolfgangbr sagt:

    Peter Petras weist zu recht auf zwei „Entwicklungslinien“ türkischer Politik hin. Allerdings kommt auch bei ihm etwas entschieden zu kurz, was bei der Sicht auf solche – uns den Kopf schütteln lassende – Entwicklungen weg von tradierten (west-)europäischen Demokratiemodellen nur schwer in linke Schädel reinzubekommen ist: Der Istanbuler Oberbürgermeister Erdogan „galt“ nicht als erfolgreich. Er war es. In seiner Ägide funktionierte – nur ein kleines Beispiel – erstmals wieder die Müllabfuhr. Wer das gering schätzt, sollte Neapel oder Assuan zu Fuss erkunden… Und (fast) allen anderen Parteien gelang es nicht, sich einigermaßen nachhaltig in breiteren Volksschichten zu „verankern“. Erstmals unter Erdogan verbesserte sich deren soziale Lage wenigstens ein bißchen. Auch wenn seine Wirtschaftspolitik eine Blase auf Pump ist – „unten“ kommt mehr an, als bei allen seinen Vorgängern. Ich meine schon, gerade sich irgendwie links Verortende sollten sich sehr genau das Phänomen der enormen Massenunterstützung Erdogans ansehen. Sicher spielen religiöse Fragen eine Rolle, sicher die Furcht vor dem Militär, sicher bei Einigen auch nächtliche Träume von einem neuen Osmanischen Reich… Sicherlich. Aber das, was da momentan passiert, lediglich als „Überbau“-Problem darzustellen greift entschieden zu kurz. Das ist übrigens nicht nur ein türkisches Problem: Während ALLE polnischen Parteien links von der PiS sozialpolitische Sprüche klopften, die sich dann als warme Luft erwiesen, setzte das Kabinett von Beata Szydło ein Kindergeld durch, das bis zu 20% des durchschnittlichen Nettoeinkommens einer polnischen Familie ausmacht. Das spricht nicht für PiS, das spricht gegen die anderen… Kürzlich stellte der Sozialforscher Wolfgang Merkel (WZB und Humboldt-Universität) fest, dass „junge Linke keinen Bezug zu den Unterschichten“ hätten. Er löste einen Sturm der Empörung gegen sich aus – aber sachlich konnte ihn niemand wiederlegen. Verhalten sich linke Bewegungen weiter so ignorant in ökonomischen und sozialen Fragen, die weiter als die banalen Feuilleton-Diskurse über Verteilungsgerechtigkeit und das „bedingungslose Grundeinkommen“ hinausgehen, wird unser aller Erwachen ein böses werden.

    • Peter Petras sagt:

      Lieber wolfgangbr,
      ich stimme voll zu. In den Erdogan-Jahren als Ministerpräsident gab es auch einen spürbaren gesamtwirtschaftlichen Aufschwung, dessen Ergebnisse „unten“ ankamen. Das Thema hier war aber der Putsch und der Putsch nach dem Putsch zum Zwecke des weiteren Ausbaus des Sultanats. Man kann in einem Blättchen-Text und seiner Kürze nicht alles unterbringen. Aber wem sage ich das?
      Im Blättchen 16 las ich übrigens einen Text von Bernhard Romeike, in dem die Merkel-Befunde und ihre Weiterungen für die real existierende Linke interpretiert sind. Warum spricht das polnische Kindergeld eigentlich nicht für Szydlo?
      Freundlichste Grüße

  98. Roswitha Clüver sagt:

    Wie komme ich an den Film (Abschied), außer über amazon ?

  99. Rudolph Caracciola sagt:

    Zu „Luther und die Juden“ von Wolfgang Brauer (Blättchen 15/2016)

    Karlheinz Deschner vermerkte zum Antisemitismus des Reformators in seinem, erstmals 1962 erschienenen Buch „Abermals krähte der Hahn“: „Es dürfte nicht leicht fallen, aus dem ‚Stürmer‘, der berüchtigten antisemitischen Nazizeitung, niederträchtigere Schmähungen der Jude zu eruieren, als aus den Werken Martin Luthers, auf die sich denn auch Stürmer-Herausgeber Julius Streicher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg berief.“
    Deschner zitierte die widerlichen Einlassungen des Wittenberger Thesenanschlägers dann ziemlich ausführlich, so dass sich weitere Kommentierungen praktisch erübrigten:
    „‚Ein solch verzweifelt, durchböset, durchfgiftet, durchteufelt Ding ist’s umb diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewest und noch sind. Summa wir haben rechte Teufel an ihnen.‘
    Oder: ‚Hierher zum Kusse! Der Teufel hat in die Hosen geschissen und den Bauch abermal geleeret. Das ist ein recht Heilightum, das die Juden und was Jude will, küssen, fressen, sauffen und anbeten sollen, und wiederum soll der Teufel auch fressen und sauffen, was solche Jünger speien, oben und untten auswerfen können. Hie sind die rechten Gäste und Wirthe zusammengekommen, habens recht gekocht und angerichtet … Der Teufel frißt nun mit seinem englischen Rüssel und frißt mit Lust, was der Juden unteres und oberes Maul speiet und spritzet.‘
    Oder: ‚Es ist hie zu Wittenberg an unser Pfarrkirchen eine Sau in Stein gehauen, da liegen junge Ferkel und Juden unter, die saugen; hinter der Sau steht ein Rabbin, der hebt der Sau das rechte Bein empor, und mit seiner linken Hand zeucht er den Pirzel über sich, bückt und kuckt mit großem Fleiß der Sau unter dem Pirzel in den Talmud hinein, als wollt er etwas Scharfs und Sonderlichs lesen und ersehen … Denn also redet man bei den Deutschen von einem, der große Klugheit ohne Grund furgiebt: Wo hat ers gelesen? Der Sau im, grob heraus, Hintern.‘
    In seiner 1543 verfaßten Schrift ‚Von den Juden und ihren Lügen‘, die man auf protestantischer Seite ‚das Arsenal‘ nannte, „aus dem sich der Antisemitismus seine Waffen geholt hat‘, fordert Luther: ‚Daß man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke, und was nicht verbrennen will mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder schlacke davon sehe ewiglich. Und solches soll man tun unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir Christen seien und solch öffentlich Lügen, Fluchen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben … Daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre. Denn sie treiben dasselbige drinnen, was sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner … Daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten, darin solche Abgötterei, Lügen, Ruch und Lästerung gelehrt wird … Daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfüro zu lehren … Daß man ihnen verbiete, bei uns öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren, bei Verlust Leibes und Lebens.‘“

    • wolfgangbr sagt:

      Das Fäkalsprachen-Zitat hat Deschner aus „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“ entnommen. Ich habe das absichtsvoll nicht zitiert. Das ist einfach nur eklig, darin wollte ich mich nicht suhlen, um in seiner Sprache zu bleiben. Die höchste Eskalationsstufe seiner Zeit erreichte Luther schon in „Von den Juden und ihren Lügen“ – dem (noch!) verklausulierten Aufruf „das Fleisch zu brennen“. Der Aufruf „zu den Quellen! [ad fontes])“ der klassischen Humanisten sollte auch bei Martin Luther gelten. Auch wenn die Sprache oft nicht leicht zu verstehen ist – wer sich ernsthaft mit den Wurzeln des deutsch-protestantischen Antisemitismusses auseinandersetzen will, kommt um die unappetitliche Lektüre dieser 328 Seiten nicht herum. Die aktuelle ist einfach die lesbarste Ausgabe, die derzeit zugänglich ist…

  100. Leseratte sagt:

    Bei ZeitOnline ist heute (3.8.) ein Text mit dem Titel: „Donald Trump – Die Notbremse“. Dazu heißt es in einem Kommentar:
    „Wer Clinton wählt, wählt den Krieg, und Trump zu wählen ist halt nicht mehr als eine Notbremse.“

  101. Werner Richter sagt:

    Dank Heerke Hummel sind TTIP + Ceta hier nochmals angesprochen worden. Leider hat sich der Beschluß der EU-Kommission als Rückzugsgefecht auf neue Angriffsstellungen erwiesen, man arbeitet an einem fiesen Trick: bis zur Klärung, ob Verträge oder nicht auf diesem Weg zustande kommen, soll erstmal in Praxis nach diesen Verträgen gehandelt werden. Dagegen klagen jetzt Gegner. Wer will und kann möge sich der Klage anschließen. Zugang findet man hier: https://www.ceta-verfassungsbeschwerde.de/?channel=campact
    Wenn auch hier nicht üblich, will ich zur Beteiligung aufrufen, es geht um sehr viel.

  102. Werner Richter sagt:

    Zu „Berliner Debatte Initial“ Blättchen 15-2016
    Nein, lesen werde ich auch Heft 2 des vierteljährlich erscheinenden „Sozial- und geisteswissenschaftlichen Journals“ trotz allem nicht. Mir reicht der Text hier, um einige Anmerkungen machen zu können. Es kann sein, daß die Charakterisierung der Arbeiten zu den Texten, es oft mit „Postsozialistischer Romantik“ in den Sozialismusideen zu tun zu haben, zutrifft, ich weiß es nicht. Jedoch allen „Reden von einer ‚linken Transformationsperspektive'“ generell Wissenschaftlichkeit abzusprechen, ein Ökonomiedefizit sowie Abkehr von Fortschritt und mit Technikabstinenz zu unterstellen und als moralisierend rückwärtsgewandt zu denunzieren, ist schon als gehässig zu bezeichnen. Marx und Engels derart wie im vorliegenden Informationstext einzuengen, ist der Refrain zum Marxtötungslied vieler Siegfriede. Propagandistisch zwar wirkungsvoll, theoretisch unhaltbar. Die Verhistorizierung von Marx und Engels kann deren grundsätzliche Methode, deren Zutreffen auch in Sozialismusfragen, wobei dieser Begriff schon verengt, nicht aufheben. Wahrer werden die Aussagen auch nicht, wenn sie von Ökonomen stammen, die sich zwar als alternativ bezeichnen, aber irgendwie dem Modell einer Marktwirtschaft, die sozial zu gestalten sei, nachgehen. Die Alternative von Utopie und Wissenschaft, so wie hier formuliert, ist fragwürdig. Nenne man mir eine Wissenschaft ohne Utopie, die einen Sinn ergäbe. Daß es wissenschaftliche Arbeit und Utopien an einer bedürfnisbasierten Gesellschaft ohne Marktwidersprüche gibt, die es nur auf höchster technischer Stufe, vermutlich nur in Automatisierung, geben kann, muß dann allerdings negiert werden. Es könnte jedoch nicht schaden, sich mal mit den Arbeiten von Harbach, Meretz, Siefkes, Fleissner, der Masch Hamburg u.a. auseinander zu setzen. Vielleicht hilft das, sein „Feindbild“ zu hinterfragen.

    • Manne Murmelauge sagt:

      Verehrtester, halten zu Gnaden, aber Ihre Äußerung geht wirklich völlig an dem vorbei, was in dem Heft steht. Vielleicht sollten Sie doch erst einmal dem freundlichen Hinweis von Ulrich Busch folgen und zunächst etwas lesen, bevor Sie sich darüber verbreiten.

    • Werner Richter sagt:

      Mann, Mann, Manne! Bitte nochmal hinschauen, der Info-Text in der Blättchenausgabe war angesprochen, da kann mir der vorher geschriebene Beitrag von U. Busch wohl nicht allzu viel sagen. Sei’s drum.

    • Thomas Möbius sagt:

      Sehr geehrter Herr Richter,

      wäre es nicht redlicher, zunächst den Beitrag selbst zu lesen, bevor man ihn so scharf verurteilt, und sich für die Kritik nicht nur auf die Information in den „Bemerkungen“ (Nr. 15) zu beziehen? Es haben gewiss alle mehr von Ihrer Kritik und der Diskussion, wenn Sie nicht nur reflexhaft „Wadenbeißen“ betreiben.
      Hätten Sie den Aufsatz von Ulrich Busch gelesen, wüssten Sie, dass es in ihm mitnichten darum geht, Marx und Engels ad acta zu legen, linke Transformationsperspektiven zu denunzieren oder einer sozialen Marktwirtschaft das Wort zu reden. Das stand im Übrigen auch nicht in der Zusammenfassung zu dem Heft in den „Bemerkungen“ vom 18. Juli.
      Der Beitrag analysiert, welche Rolle die Utopie für sozialistische Zukunftsvorstellungen spielte und spielt – hinsichtlich ihrer emanzipativen Bedeutung wie ihrer Probleme. Insofern geht es gerade auch darum, was es heute für eine sozialistische Transformationsperspektive braucht.
      Man muss die Position des Autors nicht teilen. Auch gegen polemische Zuspitzung ist nichts einzuwenden. Aber eine Diskussion muss auf Basis von Textkenntnis geführt werden, um uns weiterzubringen. Kenntnisfreie Vorverurteilungen und Besserwisserei helfen hingegen niemandem.
      Ansonsten: das Heft 2 der Berliner Debatte Initial enthält auch noch andere interessante Beiträge zum Thema Utopie. Also einfach mal durchblättern.

      Thomas Möbius

  103. Lutz Mühlfriedel sagt:

    Zu F.-B. Habels Anmerkung hinsichtlich Tucho & Jena muss aber außerdem angemerkt werden, dass der geschätzte damalige Jungautor wohl nur einen einzigen Tag in „Saalathen“ verbracht hat: nämlich Donnerstag, den 19.11.1915, dem Termin seiner mündlichen Prüfung anlässlich seiner Promotion vor der juristischen Fakultät der Universität Jena. Das gesamte vorausgehende Promotionsverfahren wurde von Tucholsky als in Berlin ansässigen so genannten externen cand. jur. auf dem Postwege mit den zuständigen Stellen der Jenaer „Gesamt-Universität“ abgewickelt.
    Selbst ob der frisch gebackene Dr. jur. Tucholsky die Nacht nach seiner erfolgreichen mündlichen Prüfung im Unistädtchen Jena verbracht hat, ist leider nicht überliefert. Vielleicht ist er auch am Abend des 19. November 1915 noch per Eisenbahn weiter ins nahe Goethe&Schillerstädtchen gereist, um den Tag festlich-klassisch ausklingen zu lassen. Oder aber der gebürtige Berliner hat doch noch den Nachtzug zurück in die (noch) wilhelminische Metropole genommen, wer weiß…

    Die Hintergründe zu Kurt Tucholskys Jenaer Promotion: http://www.jezt.de/2014/11/19/100-jahre-kurt-tucholsky-in-jena-teil-1-einer-spurensuche/

    Ein Beitrag der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena: http://www.thulb.uni-jena.de/Objekt+des+Monats/Objekt+des+Monats_+Dezember+2015.html

  104. F.-B. Habel sagt:

    Zum Beitrag über das „Bechern in Jena“ sei nur ergänzt, dass der „berühmteste Student“ der Stadt in seiner Zeit zumindest sekundiert wird von Kurt Tucholsky, der in Jena 1915 zum Dr. jur. wurde. Geschmälert wird das nicht dadurch, dass er sich vermutlich nur deshalb hier einschrieb, weil die Gebühren geringer waren.

  105. Ulrich Busch sagt:

    Zu Werner Richters Kommentar vom 14. Juli,
    Sehr geehrter Herr Richter,
    Ihrem Ruf als Hauskolumnist beim „Blättchen“ Rechnung tragend, lassen Sie kaum eine Gelegenheit aus, an veröffentlichten Texten wiederholt Kritik zu üben. Dies gilt auch für Rezensionen von Büchern, deren Inhalt Sie gar nicht kennen. Ehrlicherweise verschweigen Sie dies nicht einmal, sondern weisen die Leser ausdrücklich darauf hin. Aber wäre es nicht besser, Sie würden, bevor Sie sich kritisch dazu äußern, ab und an einen Blick in das betreffende Buch werfen? Ihre „Kritik der Kritik“ würde dadurch konkreter werden und ganz sicher substanziell gewinnen. Da Sie es sich zudem nicht nehmen lassen, Ihre Darlegungen, egal wozu, immer mit allgemeinen kapitalismuskritischen Überlegungen und einem Hinweis auf das „Kapital“ von Karl Marx und auf das Opus Magnum von Heinrich Harbach zu verbinden, könnte die dadurch möglich werdende Bezugnahme auf dieses oder jenes a n d e r e Buch zugleich für ein wenig Abwechslung sorgen. Ihre Kommentare könnten dadurch erheblich gewinnen.
    Ulrich Busch

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Herr Busch, Sie bringen mich ein wenig in Verlegenheit. Soviel Würdigung und vor allem die Zuweisung so hoher Dienststellung habe ich nun wirklich nicht verdient. Ich bin nur ein bescheidener Leser, der gern frank & frei seine Meinung äußert und im Stillen hofft, dem einen oder anderen auf die Nerven zu gehen, was dann gelegentlich sich in Wadenbeißen äußert. Ihnen und auch anderen bin ich durchaus dankbar, schon von Beruf wegen alles zu lesen und danach uns/mir darüber mitzuteilen. Das reicht einem alten Rentner, er muß dann nicht alles selbst verarbeiten und läßt ihm Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Leider ist das z.Z. die Frage nach einer Gesellschaft ohne Markt + Geld und da sind nun mal Marx, Harbach, Siefkes, Meretz und wie sie alle heißen angesagt. Sehen Sie mir bitte nach, daß für anderes keine Zeit bleibt und diese Herren auch in Zukunft hier genannt werden. Sie müssen sich schon damit arrangieren. Noch ein Tipp: überlesen Sie es doch einfach! Also werde ich mich weiterhin auf Ihre „Zuarbeit“ verlassen. Daran ist durchaus vieles ablesbar und reicht für den Hausgebrauch.

  106. Werner Richter sagt:

    Zu „Kapitale Fehlerdiskussion“ von Ulrich Busch
    Ohne den Buchinhalt zu kennen, läßt sich doch hier die Frage stellen: Gibt es ökonomisch gesehen überhaupt „Mißstände und Fehlentwicklungen“ und daraus logisch folgernd „plausible Strategien zu deren Überwindung“? Das scheint ein fundamentaler Irrtum aller Ökonomen, die danach suchen, zu sein. Diese Phänomene sind Ergebnis stinknormaler Wirtschaftsverläufe aus dem Wirken der Widersprüche der Warenproduktion bzw. Kapitalverhältnisse, keine Pestbeulen, die der Arzt beseitigen kann. Sowohl die Buchautoren als auch Herr Busch scheinen diese Grunderkenntnisse zu ignorieren und sich an der Bessermachung der aktuellen Produktionsverhältnisse beteiligen zu wollen. Legitim ist jedoch zweifellos, die Strategien und Taktiken der Kapitalismusverträglichmachung kritisch zu begleiten, jedoch angeratener weise auf Basis obiger Grunderkenntnisse. Kriterien müßten neben der technischen Durchführbarkeit und Zweckmäßigkeit die Auswirkung auf die soziale Lage der Bevölkerung und auf die Politikgestaltung, auch und zunehmend der Außenpolitik, sein. Sonst könnte man sich ja bequem zurücklehnen und sich eins feixen: Arme Irre, alles zwecklos. Gegenwärtig erleben wir ja, wie die Zuspitzung der inneren Widersprüche in den Koalitionen eine brachial aggressive Außenpolitik begünstigt und die Betonköppe in Vorhand bringt. „Es wird noch viel Blut fließen, sehr viel Blut“! mahnte uns Hobsbawm.
    Im Detail ist noch einiges zu bedenken zu geben. Nimmt man die beschriebenen Grunderkenntnisse ernst und addiere historische Erkenntnisse hinzu, ergibt sich völlig logisch für die Lösung der EU-Finanzprobleme der Schuldenschnitt letztendlich als Ultima Ratio, wenn auf anderem Wege die Kolben endgültig fest gefressen sein werden. Ergibt sich daraus nicht die Frage: warum dann noch abwarten? Letzteres erbringt todsicher der Bevölkerung nur höhere Lasten. Wie dem auch sei, keine der diskutierten alternativen Wege wird die Problem lösen und schon gar nicht sozial bessere Verhältnisse bringen, z.B. Brexit oder nicht. Hier wird uns wohl von Politik und Medien eine Sichtweise untergeschoben, deren Fragestellung schon die realen Perspektiven verschleiert. In jedem Falle wird der Mensch der Dumme sein, da steht schon das Kapital dafür. Ketzerisch könnte man meinen, laßt doch die ganze EU zusammenbrechen, denn der abzusehende im Stillen geplante Ausbau dieses Alptraumes verheißt uns nichts Gutes. An dieser Stelle bin ich den Briten dankbar, die den Konstrukteuren des EU-Molochs einen riesigen Stein in den Weg gerollt haben. Hoffentlich haben andere Völker auch den Mut, sich zu wehren. Auf das deutsche Volk kann man wohl alle Hoffnungen fahren lassen.
    Es kann durchaus sein, daß die beiden Autoren ins Rennen um die Gunst des Nobelpreiskomitees einzusteigen gedenken, das die „Neuen-Makro-Ökonomen“ eröffnet haben, nachdem schon jede ultimativ „revolutionäre“ Wirtschaftskonzeption sich nach kurzer Zeit an eigener Borniertheit oder der Realität den Kopf einrannte, aber den Preis erbrachte.

    • Peter sagt:

      Passend ist lediglich der Name „Richter“. Er ist wohl auch genau das was hier bewiesen werden soll. Ich hoffe das es ein Ausreißer ist und nicht Standard bei der Berufsgruppe.
      Einem Schulden schnitt ist zumindest die Betrachtung wie es zu den Schulden gekommen ist voranzustellen. Ist die Systematik durch einen Schulden schnitt zu beseitigen? Ist es nicht. Die Überproduktion und die Blasen sind nicht abzustellen im Kapitalismus. Hier sei die Geschichte bemüht.
      Es wird immer noch Krampfhaft Keynes bemüht, aber ist der nicht schon gelutscht? Da würde ein Blick bei Paul Mattick „Marx und Keynes“ klarheit bringen.

    • Werner Richter sagt:

      Da ist wohl was in den falschen Hals geraten, Peter. Der Hinweis bezog sich ausschließlich auf zu erwartende Wirtschafts p o l i t i k, die ja überhaupt nur die 2 bekannten Varianten zur Wahl nimmt. Eigenartigerweise schließt sich dieser Alternative ein beträchtlicher Teil auch der kritischen Ökonomen an. Jedenfalls begegnet einem selten der Standpunkt der Unlösbarkeit der Finanzkrise unter aktuellen, kapitalistischen Bedingungen in der Wirtschaftspolitikdiskussion. Unter dieser Bedingung, die natürlich auch keine Lösung der Widersprüche birgt, wäre der Schuldenschnitt die einzige früher oder später übrigbleibende Handlungsmöglichkeit. Sie brächte lediglich etwas Zeitgewinn bis zum nächsten Knirschen.

  107. Rudolph Caracciola sagt:

    Also Friedmans Auftritt fand bereits am 5.2.2015 statt und zwar vor dem Chikago Council on GLOBAL Affairs.
    Aber sonst OK.

  108. WeltTrends sagt:

    Richtigstellung der Zeitschrift „WeltTrends – Das außenpolitische Journal“

    1. Am 4.7.2016 strahlte die ARD im Abendprogramm eine Reportage des MDR mit dem Titel „Spiel im Schatten – Putins unerklärter Krieg gegen den Westen“ aus. Darin sollte, nach Eigendarstellung des Senders, gezeigt werden, „mit welchen Methoden Russland versucht, Deutschland zu beeinflussen.“ Im Verlaufe der Sendung wurde auf den russischen Nationalisten A. G. Dugin (AGD) und sein Netzwerk eingegangen. Wörtlich zitierte man: „Mit all diesen Persönlichkeiten haben sich AGD persönlich oder seine Vertreter getroffen.“ Parallel dazu blendete man eine Liste ein, die aus dem Jahr 2014 stammen soll, auf der WeltTrends und in kyrillischer Schrift „Journal. Linkszentristen“ steht.
       
    2. Herausgeber und Chefredakteur verwahren sich entschieden gegen diese tendenziöse und rufschädigende Darstellung der Zeitschrift WeltTrends durch einen öffentlich- rechtlichen Sender und behalten sich rechtliche Schritte vor. Es hat seitens der Redaktion und der Herausgeber weder ein Gespräch mit Herrn Dugin noch ein wissentliches Treffen mit einem seiner Vertreter gegeben. WeltTrends unterhält als außenpolitisches Fachjournal weltweite Kontakte, unter anderem nach Polen, in die USA, nach China und Israel, in arabische Staaten, nach Südafrika – und natürlich auch nach Russland. Das Journal wird weltweit vertrieben, an Personen und Institutionen, und hat auch eine Leserschaft in Moskau und anderen russischen Städten.
       
    3. WeltTrends ist eine monatlich erscheinende deutschsprachige Zeitschrift für Außenpolitik und internationale Beziehungen, die seit über 20 Jahren von deutschen und polnischen Akademikern produziert wird. Herausgeber sind das polnische West- Institut (Posen) und der in Potsdam ansässige Verein WeltTrends. Ein wissenschaftlicher Beirat umfasst über 35 national und international anerkannte Wissenschaftler, die das Journal aktiv mitgestalten. Das Journal liefert seit über zwei Jahrzehnten solide recherchierte Informationen, verständlich aufbereitete Zusammenhänge und klar formulierte Bewertungen zu internationalen Fragen sowie zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Dabei tritt das Journal ein:
       
      • für eine friedliche, gerechte und solidarische Welt und wendet sich konsequent gegen militärische Konflikte;
      • für eine multipolare, auf den Prinzipien der UN-Charta basierende Weltordnung und stellt sich gegen jegliche hegemoniale Politik;
      • für gewaltfreie, demokratisch organisierte Gesellschaften und gegen autoritäre und totalitäre Regime, die Andersdenkende gewaltsam verfolgen;
      • für eine engagierte deutsche Außenpolitik, die die friedliche Lösung von Konflikten weltweit unterstützt, für die Überwindung von Unterentwicklung und Ausbeutung aktiv eintritt, und sich jeglicher bellizistischer Ambitionen enthält;
      • für ein enges und freundschaftliches Verhältnis zu den Nachbarstaaten, insb. Polen, Frankreich und Tschechien sowie
      • für ein faires und respektvolles, zugleich selbstbewusstes und interessengeleitetes Verhältnis zu den großen Mächten der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts.

      Dafür wurden weltweit Autorinnen und Autoren gewonnen, die für einen kritischen, respektvollen und pluralistischen Diskurs stehen. Das schließt die Kritik an politischen Systemen, selbstverständlich auch des russischen, mit ein. Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Deutschland publizierten in den bisher veröffentlichten 117 Ausgaben.
       

    4. In den aktuellen Auseinandersetzungen zwischen „dem Westen“ und Russland stellt sich das Journal konsequent hinter die Aussage von Außenminister Steinmeier, dass Sicherheit in Europa nicht ohne Russland, schon gar nicht gegen Russland zu erreichen ist. In der neuesten Ausgabe der Zeitschrift (Juli 2016, Nr. 117) plädiert der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und zeitweilige Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, General a.D. Harald Kujat, mit Blick auf die Beziehungen zu Russland dafür, der „Realpolitik eine Chance zu geben“. Wir denken, dass dies im
      75. Jahr des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion für Deutschland eine historische Verpflichtung, aber auch im eigenen deutschen Interesse ist. Dass dabei die Interessen mittel- und osteuropäischer Staaten ebenso berechtigt sind und Beachtung verdienen, ist bei einer deutsch-polnischen Herausgeberschaft sicherlich nicht unerwartet. Stimmen aus Warschau, Prag, Bratislava gehören zu WeltTrends ebenso dazu wie Positionen aus Moskau, St. Petersburg oder Kemerowo.
       
    5. Wir bedauern, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der der journalistischen Seriosität verpflichtet ist, ein derart oberflächlich recherchiertes Material publiziert. Für eine Nachfrage seitens der Macher dieser Sendung hätten wir auch kurzfristig zur Verfügung gestanden. Man kann diese Sendung auch als eine bewusste Rufschädigung eines Journals bezeichnen, das seit Jahren konsequent gegen bellizistische Strömungen in der deutschen Politik und der hiesigen Medienlandschaft steht. Mit Blick auf den kommenden NATO-Gipfel, der von einigen interessierten Kräften als weiterer Schritt der Zuspitzung der Beziehungen zu Russland genutzt werden soll, würde eine solche Interpretation dieser „Reportage“ zu diesem Zeitpunkt noch verstärkt. Weder das friedliche Miteinander in Europa noch die Meinungsvielfalt in diesem Lande werden durch solche Sendungen einer „öffentlich-rechtlichen Anstalt“ gestärkt. Das ist sehr schade!

    Prof. Dr. Lutz Kleinwächter
    Vorsitzender des Vereins WeltTrends

    Prof. Dr. habil. Raimund Krämer
    Chefredakteur der Zeitschrift WeltTrends

  109. Franka Haustein sagt:

    Wenn einer Klartext über die Interessen der USA und ihre Politik in der Welt, betrifft es nun die Ukraine, die Beherrschung der Ozeane oder andere Fragen anbetrifft, dann ist es George Friedman, Chef und Gründer von Stratfor und Geopolitical Futures. Ende Mai hatte er, worauf ich jetzt erst stieß, wieder einen seiner erfrischenden Auftritte – in diesem Fall vor dem CHICAGO COUNCIL ON FOREIGN AFFAIRS. Hier Ausschnitte:
    https://www.youtube.com/watch?v=BocHPvIJXfk&feature=youtu.be
    Dazu fällt mit nur ein: Wer solche Freunde wie die USA hat, was will der noch mit Feinden?

  110. Werner Richter sagt:

    Zu den Brexit-Artikeln in Heft 14/2016
    Was war und kommt, darüber läßt sich streiten und wird doch keine eindeutige Antwort ergeben. Es scheint alles noch möglich zu sein, selbst im Sinne des Witzes: Kam ein Mann in die Kneipe und bestellte einen Wodka. Der Kellner brachte den, worauf der Mann seinen Wunsch änderte: Ach bringen Sie doch besser einen Cognac. Der Kellner nahm den Wodka wieder mit und brachte den nun gewünschten Cognac. Der Mann trank diesen und wollte die Kneipe verlassen. Daraufhin der Kellner: Sie müssen noch zahlen! – Was? – Na, den Cognac! – Den hab ich doch für den Wodka getauscht. – Dann zahlen Sie eben den Wodka! – Den habe ich aber doch nicht getrunken. Warten wir den Ausgang des Theaters (Hummel) ab, es bleibt Theater. Die Realität wird still ganz woanders und zu anderen Fragen verändert, die im Stück nicht zur Sprache kommen. Es ist frappierend, wir schnappen nach den Ködern, „Europa muß zusammen wachsen“, „Brexit erfordert intensivere Einigung“ usw., und nehmen diesen Theaterdonner anstelle der Realität in uns auf. Wenn Stephan Wohanka zuvorderst den Zusammenhang zwischen Brexit und EU tief hängt, so belegt er doch im Text das Gegenteil. Es hat wohl tatsächlich in den Überlegungen des Wahlvolkes die EU-Problematik kaum eine dominierende Rolle gespielt. Von allen Seiten wurde mit Ängsten manipuliert, klare Gedanken nicht unabsichtlich verhindernd. Für den Verbleib wurde mit sozialer Abtrift gedroht, die nach eventuellem Brexit durch Finanzpolitik als Strafe übers Volk gegossen würde, keinesfalls eine direkte Folge des Brexit. Die Gelegenheit würde man sich seitens der Herrschenden nicht entgehen lassen, ein driftiger Grund wäre im Brexit-Fall da, ohne sich outen zu müssen. In der Brexit-Bewegung, wie auch in anderem nationalistischen bis faschistoiden Stimmungsumschwung in fast allen EU-Ländern, zeigt sich Ahnung und Furchtgefühl aus dem Bauch, daß es mit der weiteren konzeptionierten EU-Gestaltung nicht um eine EU des Volkes oder der Völker geht, sondern um eine EU, die von unkontrollierten Bürokraten ohne Aufsicht und Rechenschaftspflicht und erkennbarer Volksbeteiligung regiert wird, die im Interesse der Weltfinanzmächte gestaltet werden soll. Dazu ist die Verlagerung der Macht nach Brüssel unter der Dominanz deutscher Finanzinteressen, der der Konzerne, Banken und Versicherungen, vorgesehen. Deshalb auch das vielfache Nein zur „Machtabgabe“ nach Brüssel. Daß im anderen Fall eher nationale Mächte dem Volk auch die Daumenschrauben anlegen würden, steht auf einem anderen Blatt, hierin liegt eine tief sitzende britische Illusion. Worin läge bei weiterem EU-Ausbau wie geplant der Unterschied zu feudalistischen Verhältnisse? Es ist der Weg von der Theaterdemokratie zum Demokratietheater, der dem Volk schmackhaft gemacht werden soll. Die sog. „Europäischen Werte“ und „Demokratischen Institutionen“, schon heute großenteils Realsatire, ergäben eine großartige Kulisse, mehr ist dafür nicht vorgesehen. Es geht auch beim Brexit-Streit um fundamentale Veränderungen in jedem Land und für alle Völker. Der oft zu lesende Rat, doch vernünftige EU-Reformen zu mehr Demokratie durch zu führen wird in keinem Falle je in Angriff genommen werden, das stünde den wirklichen Zielen direkt entgegen. Darauf zu hoffen ist töricht. Und es darf nicht übersehen werden, der ganze Streit um den Ausbau der EU ist immer nur ein Streit um den Anteil an der Beute, die dem Rest der Welt geraubt wird. Wenn sich Schäuble nicht entblödet, in dieser Lage den anderen die Erfolge „deutscher Sparpolitik“, ein unverschämter Euphemismus, zu empfehlen, ignoriert er ganz einfach den Preis, den die Ost- und Südländer dafür bezahlen müssen. Dem deutschen Kapital geht es deshalb so gut, weil es anderen Ländern immer dreckiger geht. Noch hält sich der Abwärtstrend in sozialer Lage der deutschen Bevölkerung erträglich, damit das Volk die Aufschwungkröte schluckt. Klappt bisher besten, bleibt aber nicht so, garantiert.

  111. Werner Richter sagt:

    Zu: Es geht um Europa und den gemeinsamen Wirtschaftsraum! von Wolfgang Büchele
    Verehrter Herr Büchele, es ehrt Sie Ihr Engagement für das Vorwärtskommen der EU, das east forum Berlin und die Normalisierung der Beziehungen zu Rußland. Ihre Statistik ist ebenso beeindruckend. Allerdings habe ich, wohl nicht ganz allein, damit einige Probleme: Nicht meine Interessen sind benannt, meine Statistiken ins Feld geführt, wenn Sie für EU plädieren. Das meinen auch sehr viele EU-Bürger, sie riechen den Braten, der auf eine noch direktere Interessenvertretung finanzmächtiger Gruppierungen mit zunehmender Ausschaltung des Bürgerwillens aus Brüssel hinausläuft. Ihre Statistik, üblich seit Jahrzehnten, ist genau darauf ausgerichtet. Mit dieser wurde der Aufschwung in Irland, Spanien, Portugal, Italien, Polen und den baltischen Staaten eindrucksvoll unterlegt, von Griechenland, den Balkanländern und den anderen osteuropäischen Ländern gar nicht zu reden. Haben Sie sich mal mit der Lage der Bevölkerung dort beschäftigt, wissen Sie um die allgemeine Not der Menschen dort, die um ihr täglich Brot regelrecht kämpfen müssen? Es geht nicht nur um den allgemeinen Zustand, sondern um die Lageverschlechterung seit dem Brüssel-Diktat! Warum wird die Bevölkerung dieser Länder mit diesem Aufschwung immer unzufriedener, warum verlassen z.B. ca. 10 Prozent der lettischen Bevölkerung ihr Land, wenn es ihnen viel besser als vorher geht? Die Statistik belegt Aufschwung nach dem Motto: Operation gelungen, Patient tot. Ist der Aufschwung vielleicht gar nicht für die Bevölkerung gemacht, der solche Statistik am Hintern vorbei geht, weil ihr Geldbeutel immer schmaler wird? Hat nicht deutsch dominierte Austeritätspolitik, die in katastrophalen Senkung der Bevölkerungseinkommen und Infragestellung derer Existenzen, durch diese Statistik kaschiert und in Verschärfung geplant, nichtgewählter Großkapitalvertreter aus Brüssel diese Widerstände erst hervorgerufen? Abgesehen davon, daß diese EU-Politik von nichtinteressengebundenen namhaften Ökonomen als fachliche Lachnummer qualifiziert wurde, wobei die Befürworter unter den Fachleuten zumeist sehr interessiert sind und der Rest auch sonst nicht allzu viel Grütze bewiesen hatte: nicht die Insubordination der Bürger ist Ursache der beklagten EU-Probleme, genauso wenig wie die Fluchthelfer Verursacher der Fluchtbewegungen sind, sondern die EU-Politik, die auch vorrangig für das Aufkommen nationalistischer, rassistischer und faschistoider Bewegungen verantwortlich ist. Es scheint, die Lehren von früher und aus der Weimarer Zeit wurden umsonst gezogen. Stimmt es nicht alarmierend, daß schon wieder die alten Lieder gesungen werden: Im düsteren Auge keine Träne, sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne, Deutschland, wir weben Dein Leichentuch, wir weben hinein den dreifachen Fluch! Oder: Ihr Schurken all, Ihr Satansbrut, Ihr höllischen Dämone, Ihr nehmt der Armen Hab und Gut und Fluch bleibt Euch zum Lohne! Fern vom Schuß und vom warmen Büroplatz aus, gut dotiert, sind Ihre Berechnungen erklärbar, widerspiegeln jedoch nicht das auch von der EU geschaffene soziale Chaos. Zur besseren sozialen Statistik ökonomischer Politik wäre Klaus Müller: Geld von den Anfängen bis heute, besonders S. 431 ff. zu empfehlen. Oder besser nicht, sonst drohte Ihnen das Schicksal des kurzzeitigen Pressesprechers des BER-Projektes und für Soziales sind Sie ja nicht zuständig. Artikel wie der hier zur Rede stehende zeugen auch von einer unglaublichen Ignoranz ostdeutscher Erfahrungen. Wir Ossis haben den Virus der Renitenz eingefangen und sind gegen die zahlreichen Belehrungen, wie was zu sehen sei, immun, was voraussichtlich noch Generationen anhalten wird. Es ist ein langwirkendes Gegengift, sich kein X für ein U vormachen zu lassen. Darauf sind wir auch noch stolz, na sowas. Noch schöne Grüße an UniCredit und Metro GROUP, die wahren Kämpfer der Menschheit. Sie werden der Bundesregierung schon die richtige Richtung vorgeben.

  112. ufo sagt:
    • Detlef Pries sagt:

      Was Original und was „Zweitverwertung“ ist, möge der Autor entscheiden.
      Die Redaktion

    • Heino Bosselmann sagt:

      Was meinen Beitrag „Schulstress“ betrifft, so gab es dazu auf der Website von „der Freitag“ tatsächlich eine von mir unter meinem einstigen Pseudonym skizzierte ältere Version, die ich mittlerweile löschte. Insofern ist die hier veröffentlichte Fassung gültig.

  113. Klaus-Dieter Grimmer sagt:

    Sehr geehrter Herr Schwarz,
    Dass Sie im gerade erschienen „Blättchen“ über das Thema „Der Westen & Russland – zum Diskurs“ einen Beitrag geschrieben haben, ist für mich Ausdruck der gegenwärtigen zugespitzten politischen Situation und des kürzlich begangenen 75. Jahrestages des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Dem Inhalt ihres Artikels kann ich nur beipflichten
    Kein geringerer als der deutsche Bundespräsident, der sich ab und an schon mit russophobischen Äußerungen schmückte, würdigte im Gedenken an diesen Jahrestag, den „großen, unersetzlichen und unvergesslichen Anteil der Völker der Sowjetunion am Sieg über den Nationalsozialismus“.
    Es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn die Rückbesinnung auf den Beginn eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu Einsicht und Mäßigung im Umgang miteinander führen würde.
    Bis dato lässt nur eines hoffen: Die Stimmen, die für einen realistischeren, nicht USA-getriebenen Umgang mit Russland plädieren, werden lauter.
    Unabhängig davon fühle ich mich, als ob wir alle auf einem riesigen Pulverfass sitzen und darauf gefasst sein müssen, dass irgendeiner die Lunte anbrennt und wir nur noch die Sekunden zählen können, bis es kracht. Da ich schon etwas älter bin und die Zeit des „Kalten Krieges“ insbesondere in den 80ger Jahren bewusst miterlebt habe, fühle ich mich wieder in diese Zeit versetzt und bange um die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder und alles, was mir lieb und teuer ist.
    Was passiert, wenn der durchgeknallte Diktator am Bosporus wieder einmal über Syrien ein russisches Jagdflugzeug abschießen lässt und die Russen dieses Mal unbesonnen mit einem militärischen Gegenschlag eine türkische Militärbasis ausradieren. Die Fähigkeiten Russlands, auch die Lust dazu, würde ich derzeit nicht für unmöglich halten. Erdogan hätte dann die Möglichkeit, nach dem Bündnisfall als NATO-Land zu schreien. Ob dann die Vernunft die Oberhand gewinnen wird, ist nur eine vage Hoffnung.
    Denn „Säbelrasseln und Kriegsgeheul gegenüber Russland“ ist „Mainstream“, der mitunter auch kuriose aber sehr gefährliche Blüten treibt.
    Kürzlich meldete sich die ehemalige Dozentin an der Leningrader Parteihochschule der KPdSU, derzeit Präsidentin Litauens, Dalia Grybauskaite, mit der Forderung zu Wort, wegen der russischen Bedrohung, in ihrem Land wieder die allgemeine Wehrpflicht einzuführen.
    Da bleibt mir nur noch der Spruch zu sagen übrig: „Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche“!
    Hoffen wir gemeinsam, dass sich Vernunft und Besonnenheit als Handlungsmaxime aller Beteiligten durchsetzen, wir haben schließlich eine Verantwortung für die heranwachsende und kommenden Generationen.

  114. Zum Artikel von Wolfgang Schwarz:

    Die bis zur gefährlichen Dummheit gesteigerte Geschmacklosigkeit des feindseligen NATO-Manövers, bei dem die personell desaströseste Bundesregierung der Nachkriegszeit unbedingt ihre „besondere Rolle“ spielen musste, liegt bereits in der Wahl des Namens „Anaconda“. Nomen est omen. Wer mantrahaft die Mär vom Verteidigungsbündnis in Pressemikrophone spricht, straft die eigenen Beschwichtigungsworte Lügen, wenn er solche Kriegsspiele nach einer Würgeschlange benennt, die erst ihr Opfer umkreist, um es dann zu erwürgen und schließlich zu verschlingen.

    Passender kann der Name eines Manövers eine Geopolitik nicht diskursiv vermitteln, die durch die geostrategischen Schriften von Zbgniew Brézinski („The Grand Chessboard“), dem durch Nuland und McCain auf dem Maidan regelmäßg präsenten PNAC („Rebuilding America’s Defenses“) und durch die Wolfowitz-Doktrin hinreichend jedem bekannt sein dürfte, der sie kennen will.

    Die Rolle, die die Bundesregierung dabei spielt, ist selbst an den Kriterien einer nüchtern technokratischen Interessenpolitik gemessen so irrwitzig, dass man sich ernsthaft fragt, durch welche strukturellen Versäumnisse ein derart unfähiges Personal die Kontrolle über maßgebliche politische Handlungsoptionen des größten westeuropäischen Landes erlangen konnte.

    Dass so viele konspirative Erklärungsansätze Konjunktur haben, ist eben diesem unerklärlichen Umstand geschuldet, zumal es in anderen EU-Staaten nicht viel besser aussieht. Wie konnten die Filter der Macht sich derart verschieben, dass – abgesehen von unterschiedlichen politischen Präferenzen – gerade diejenigen Personen durch sie in Entscheidungspositionen gelangen, die sowohl von ihrer Persönlichkeitsstruktur wie von ihrem substanziellen Können her dafür am wenigsten geeignet sind? Das treibt mich um, weil es ein gesamteuropäisches Problem zu sein scheint, das alleine durch die überragende US-Hegemonie, trotz ihrer umfassenden geheimdienstlichen und „Soft-Power“-Kapazitäten, nicht erschöpfend erklärt werden kann. Oder waren unsere politischen Strukturen immer schon so defizitär und haben wir bis in die 90er davon profitiert, dass eine Generation, die den Krieg zumindest noch im Kindesalter miterlebt hat, durch einen tiefen existenziellen Schrecken davor bewahrt wurde, allzu fatale Dummheiten begehen zu können?

    Doch ein weiterer Umstand ist bezeichnend: Die Bevölkerung bemerkt sowohl das Unvermögen von oben wie auch den Umstand, dass sowohl durch eine fatale wirtschaftliche wie diese militaristische Politik ihre eigene existenzielle Sicherheit gefährdet wird. Die Stimmung ist zynisch, doch es entstehen keine Gegenkräfte, denen eine alternative Handhabung politischer Kontrolle zugetraut werden kann. Die Wählerstimmen an nationalpopulistische Parteien stellen keinen Versuch eines Machttransfers dar als vielmehr symbolische Akte einer Missfallensbekundung, die vermitteln will, in welche Richtung die Leute wollen: nämlich zurück. Der schrille Bezug auf die politische Form des Nationalstaats verweist auf den Status quo vor dem transnationalen Erosionskonstrukt der EU nach 1990, die in dem drohenden Finanzmarktkollaps mit anschließenden bürgerkriegsüblichen Kämpfen einerseits, einem gefürchteten drohenden Krieg andererseits verlöschen könnte.

    Falls die Drohgebärde einer Aufrüstung gegen Russland die Schwäche der Konstruktion „des Westens“ verdecken sollte, ist das Kalkül dahinter, soweit es auf Einigung Europas unter dem Dach der NATO zielte, nach hinten losgegangen. In den Augen der von Weltkriegen geprägten Europäer verdichtet sich das dummgefährliche NATO-Gehampel zu der schweigenden Tiefenbotschaft: „Seht her, so sehr wisst Ihr, dass Eure Konstrukte uns nicht mehr halten können, dass Ihr den Notausgang Krieg wählt.“ Die Konfrontation wirkt als Erweis dessen, was sie verschleiern will, und beschleunigt so den Zerfall der Machtbasis westlicher Eliten. De-Eskalation wäre also auch ein Schritt der Stabilisierung nach innen.

  115. Wolfgang Schwarz sagt:

    Aus Anlass des 75. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion und des bevorstehenden NATO-Gipfels in Warschau hat der Willy-Brandt-Kreis eine Erklärung herausgegeben: „Der europäische Frieden ist in Gefahr!“.
    In einem Begleitschreiben fasst der Vorsitzende des Kreises, Friedrich Schorlemmer, zusammen:
    „Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat einmal gesagt, Deutschland sei zu groß, um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren. Das stimmt. Der NATO-Gipfel in Warschau gibt Deutschland die Chance, diesen Anspruch in verantwortungsvolle Politik im Dienste der Sicherheit und des Friedens in Europa zu übersetzen. Der NATO-Gipfel darf nicht zu neuen Spannungen in Europa führen, das Wettrüsten weiter anheizen und Europa zurück in das Zeitalter wechselseitiger Abschreckung führen. Dazu gehört auch eine angemessenere Erinnerung an 75 Jahre Überfall auf die Sowjetunion. Das hat mehr als symbolische Bedeutung.

    Die Mitglieder des Willy-Brandt-Kreises fordern die Bundesregierung auf, in Warschau folgende Gesichtspunkte zu vertreten:
    1. Grundakte und NATO-Russland Rat neu beleben!
    2. Militärische Vertrauensbildung stärken!
    3. Verhandlungen zum Abzug taktischer Atomwaffen beginnen!
    4. Raketenabwehrprogramm stoppen und neu verhandeln!
    5. Sanktionen schrittweise aufheben!
    6. OSZE stärken!“

    Zum Wortlaut der Erklärung hier klicken!

  116. Stephan Wohanka sagt:

    Der gerade – nota bene wenig glamourös – verlaufene Tag der Offenen Tür des Humboldt-Forums respektive des Berliner Stadtschlosses ist mir Anlass festzustellen, dass dieses größte kulturpolitische Projekt nicht nur Berlins, sondern Deutschlands im „Blättchen“ so gut wie keine Rolle spielt. Und ich denke, egal wie man zu dieser Sache steht, in einem Medium in der Nachfolge der „Weltbühne“ sollte sie vorkommen.
    Durchforstet man die „Blättchen“-Annalen, so findet man lediglich einen Text, der sich explizit der Sache annimmt – Michaela Klingbergs “ Auf der Suche nach dem Sinn“ (14. Jahrgang | Nummer 12 | 13. Juni 2011); nomen est omen – der Titel gibt den Inhalt wieder, aber das ist einige Zeit her, es gibt seit dem einiges Neue. Neben mehr oder weniger langen Einlassungen zum Schloss als solchem und einem Artikel zu Andreas Schlüter (Ulrike Krenzlin: „Schlüter – Das Drama eines Schlossbaumeisters“, 17. Jahrgang | Nummer 13 | 23. Juni 2014) geht lediglich Wolfgang Brauer auf das Forum ein und schreibt: „Im Martin-Gropius-Bau offenbart sich eine Welt ungeahnter Faszination. Geschuldet ist dies auch einer Ausstellungsgestaltung, die die Objekte in den Mittelpunkt rückt und sie ihre Geschichte erzählen lässt. Die uns geläufige willkürliche Unterscheidung zwischen Alltagsgegenstand, Ritualobjekt und Kunstwerk hat hier jegliche Bedeutung verloren. Das kann zu Missverständnissen führen. Sollte es aber gelingen, diese Art des Erzählens in das Humboldt-Forum zu transferieren, dann könnte die Verlagerung der ethnologischen Sammlungen der Dahlemer Museen in die Berliner Stadtmitte trotz des völlig verkorksten Bauwerks eine Erfolgsgeschichte werden. Dort sollte auch die politische Geschichte der Entstehungsorte dieser Kunst erzählt werden. Die Mitteilung, dass aufgrund der Durchsetzung der Plantagenarbeit die Tradition der Kopfjagden beendet wurde, reicht dann nicht mehr“ („Tanz der Ahnen“, 18. Jahrgang | Nummer 11 | 25. Mai 2015). Soweit ich das Projekt kenne, sehen das die mit dem Forum Betrauten ebenso….
    Wenn dir´s so wichtig ist – schreib doch selber; keine ganz unbillige Aufforderung. Nur – ich bin nicht der richtige Mann. Ich habe dem „Blättchen“ in der Vergangenheit zwei Texte vorgelegt – einem zum Gebäude, seiner Geschichte und städtebaulichen Bedeutung, den anderen zu Fragen, die sich um den „Sinn“, aber auch um die von Wolfgang Brauer berührten Fragen drehen. Beide wurden nicht veröffentlicht. Es ist und muss das Ermessen der Redaktion bleiben, welche Beiträge sie aus welchen Gründen und Motiven publiziert oder eben auch nicht. Das ist das Eine – das Andere ist, wie oben schon gesagt, dass es einem Periodikum „für Kunst, Politik und Wirtschaft“ in der „Tradition der Weltbühne“ gut anstünde, dieses Thema nicht auszulassen.

    • Wolfgang Brauer sagt:

      Lieber Stephan Wohanka, Wolfgang Brauer wird sich zum „Berliner Beitrag“ zum Humboldt-Forum äußern – im Sommer, wenn Genaueres vorliegt. Versprochen! Alles andere ist dermaßen mißverständlich unpräzis, dass sich längere Texte für DAS BLÄTTCHEN wirklich noch nicht lohnen. Man kann leider auch in der Kritik sich in einer Endlosschleife bewegen… Ansonsten haben Sie natürlich vollkommen Recht: Es ist nicht nur das ambitionierteste kulturpolitische Projekt der Republik – es ist auch das teuerste. Und das am wenigsten Transparente. Die Schlossbaudebatte – verbunden mit dem Phantomschmerzdiskurs über den Verlust des „Palastes“ – hat das notwendig zu Diskutierende förmlich unter einer dicken Ascheschicht zugedeckt.

  117. Stefan Bollinger erwähnt in seinem Beitrag über das „Selbstverständnis der Linken“ (im „Blättchen“ 12/2016) Lenin nicht namentlich. Dabei hätte sich statt des „Stalinismus im weiteren Sinne“, den der Autor als Kernbestandteil des Problems identifiziert, doch der knappere und präzisere Begriff „Leninismus“ angeboten.

    Die „Verschärfung des Klassenkampfs“ war letzten Endes die unausweichliche Folge von Lenins Drang zur Macht; mit dem Aufstand im Oktober 1917 halste er seiner Bewegung auch das Problem der „ursprünglichen Akkumulation“ auf, das Stalin dann auf seine Weise durchaus effizient löste – wobei sich der Klassenkampf auch gegen die angeblich aktuell herrschenden Klassen, Arbeiter und Bauern, richtete. Ausführlicher habe ich diese These schon früher formuliert:
    http://das-blaettchen.de/2013/05/engels-und-der-oktober-25065.html

    Zu den linken Erblasten gehört auch Lenins utopische Vorstellung, die angestrebte Revolution durch eine „eigens ausgeklügelte Organisation“ durchzusetzen. Auch das wurde auf diesen Seiten schon behandelt:
    http://das-blaettchen.de/2013/07/lenin-und-die-berufsrevolutionaere-25726.html

    Das „Unvermögen zur demokratischen Diskussion“, das der Autor konstatiert, lässt sich gleichfalls bis zur Praxis Lenins zurückverfolgen:
    http://das-blaettchen.de/2013/07/lenin-im-politischen-kampf-25862.html

    Letzten Endes wird man den Phänomenen „Stalinismus“ und „Leninismus“ nur dann gerecht werden, wenn man sie als spezifische Erscheinungsformen von Klassengesellschaften begreift.
    Aber wie sollen linke Intellektuelle, die sich an schwierigen Kunststücken versuchen – an Universitäten im Dienste des Staats Rezepte zu dessen Abschaffung zu ersinnen, in profitorientierten Medien gegen das Kapital zu schreiben, als linker Buchautor einen Verlag und ein Publikum zu finden – einen geeigneten Standpunkt für solche Betrachtungen finden? – Hierzu sei mir ein letzter Verweis gestattet:
    http://das-blaettchen.de/2013/01/gramsci-und-die-linken-intellektuellen-20500.html

    Soweit einige Überlegungen, die vielleicht der Weiterentwicklung des Selbstverständnisses dienen. Eine Auseinandersetzung mit diesen Themen kann meines Erachtens die Linken zu mehr befähigen, als nur ihr „Krisendasein zu pflegen“.

  118. Reinhardt Gutsche sagt:

    In der politischen Debatte wird „Populismus“ gern wie eine Streubombe zur Abwehr jeglicher Kritik an gesellschaftlichen Zuständen von den Kritisierten als rhetorische Konterwaffe in Anschlag gebracht. Dabei herrscht bei den diversen Definitionsversuchen und Verwendungen dieses Begriffes, den es in dieser pejorativen Aufladung erst seit den 60er Jahren gibt, ein heilloses semantisches Durcheinander. Sie reichen von „einem spezifischen Politikstil“, „einer Form der politischen Rhetorik“, einer „Strategie zum Machterwerb“ bis zu nichts weniger als einer eigenständigen „Ideologie“, aber ohne „bestimmtes, eigenes Wertesystem“ und „ideologischen Kern“ (sic!). „Populismus“ könne mit allen möglichen „politischen Richtungen und Zielsetzungen einhergehen“ (Karin Priester). Kurz – „Populismus“ ist demnach alles und – nichts, ein Passepartout-Begriff, eine rhetorische Allzweckwaffe für alle Fälle, ein Wechselrahmen politischer Beliebigkeit. „Populismus“ sei kein Substanz- sondern ein Relationsbegriff, so das höchstrichterliche Verdikt der Bundeszentrale für politische Bildung, damit einräumend, daß „Populismus“ ein Begriff ohne Substanz ist.
    Es gibt wohl kein politisches Phänomen in der Geschichte, auf welches das eine oder andere aufgelistete „Populismus“-Merkmal nicht anwendbar wäre. So etwa der „Anti-Elitarismus“, denn was waren alle Revolutionen und Aufstände der Weltgeschichte anderes als von „Anti-Elitarismus“ getrieben, also gegen die jeweiligen Herrscher-Eliten gerichtet, seien sie nun göttlicher oder sonstiger Provenienz? Nach Cas Mudde steht gar jegliche „Ideologie“, die in der Gesellschaft eine Klassenteilung anprangert und die Respektierung der „volonté générale“ einfordert, an diesem Schindanger des politisch Aussätzigen. Jacques Rousseau und Karl Marx – nichts als „Populisten“? Besonders pikant das Schandmal des „Anti-Intellektualismus‘“: Ludwig Erhard mit seinem Pinscher-Vorwurf an die Adresse unliebsamer kritischer Schriftsteller in der Notstandsdebatte der 60er Jahre – ein Populist? Wenn „Moralisierung, Polarisierung und Personalisierung der Politik“ Ausdruck von „Populismus“ sind (wiederum laut BzpB), dann ist die gesamte gegenwärtige Rußlandpolitik des Westens nichts anderes als Populismus reinsten Wassers.
    Wo ist denn nun, bitte schön, der „Populismus“ überall zu lokalisieren. Kai-Olaf Lang etwa identifiziert in den sog. post-kommunistischen Ländern „Nationalpopulisten, Linkspopulisten, Agrarpopulisten, Populisten der Mitte, Nationalliberale und Nationalkonservative, Sozialpopulisten sowie Law-and-Order-Populisten“, also das gesamte politische Spektrum. Andere wiederum sehen gar noch einen „neoliberalen Populismus“ und einem „Sozialpopulismus“ am Werke, der sich mit dem „demokratischen Sozialismus“ als „Wirtsideologie“ verbinde (dabei offen lassend, wer von beiden der Parasit ist!). Die SPD mit ihrem jahrzehntelangen Grundwerteprogramm des „Demokratischen Sozialismus‘“ – nichts als eine „populistische“ Partei? (Nicht zu reden von der SPD-Programmatik vor Bad Godesberg!)
    Nach all diesen Ortszuweisungen der unterschiedlichen „Populismen“ auf der politischen Klaviatur fragt man sich dann allerdings, welche Tasten denn dann noch übrig blieben, die davon gefeit wären, daß ihnen das Populismus-Etikett aufgeklebt wird? Nimmt man alle Definitionen zusammen, dann schrumpft diese Parzelle wie das Chagrinleder bei Balzac.
    Während einer Veranstaltung des Berliner „Progressiven Zentrums“ zu diesem Thema lautete die Antwort auf eine Zuhörerfrage, auf welche Begriffsdefinition man sich denn nun bei der ganzen Debatte beziehe, über den Begriffsinhalt herrsche in den Politischen Wissenschaften „Common sense“. Zu den Merkmalen des Populismus führt der einschlägige Wikipedia-Artikel nun pikanterweise wiederum auch die „Berufung auf den ,gesunden Menschenverstand‘ (common sense)“ an. Daraus ergibt sich nur ein logischer Schluß: Das permanente Rundum-Schwingen der rhetorischen Populismus-Keule ist nichts anderes als – Populismus…

  119. Werner Richter sagt:

    In Anregung aus „Blätter aktuell“ Heft 12 ist anzumerken: Mich stört der, wie es scheint ziemlich gedankenlos übernommene, verwendete Begriff „Populismus“, gewaltig. Ist denn Populismus nicht das, was alle Parteien, Staatstragende jeder Höhe, Medien zu jeder Gelegenheit und immer auch betreiben? Ist der Populismus für den, der dem Pöbel etwas weißmachen will, also ein X für ein U vormachen, das tun aber ausschließlich alle, ein geradezu hochnotwendiges Instrument? Dient dann die Verwendung des Begriffes nicht auch der Tarnung des eigenen Populismus, der Manipulation? Wir sollten vorsichtig mit solchen Begriffen umgehen. Mich deucht, mit der Darstellung „fortschreitender Renationalisierung“ als Übel für die EU wird der antidemokratische Charakter der EU-Konstruktion kaschiert und Widerstand gegen den weiteren Ausbaus des Königreiches Brüsseler Art verteufelt. Oder haben wir die Gemeinheit der 3-Wettter-Daft-Werbung immer noch nicht begriffen?