Forum

Das Forum ist ein Ort, an dem Leser, Autoren und Redakteure ins Gespräch kommen können, vorzugsweise natürlich über Das Blättchen, seine Beiträge und Kontroverses sowie Interessantes mit Bezug dazu.

Sie können einen neuen Kommentar schreiben und auf vorhandene Kommentare antworten. Nutzen Sie gern die Absatzfunktion, um längere Texte leserfreundlicher zu gestalten.

Die Redaktion behält sich vor, Beiträge mit Positionen deutlich außerhalb des vom Blättchen vertretenen Spektrums, mit persönlichen Angriffen gegen Dritte sowie mit extrem einseitigen oder aggressiven Inhalten auch ohne gesonderte Angabe von Gründen gegenüber den Verfassern nicht freizuschalten.

Hinweis: Bitte keine – auch keine kurzen – kompletten Beiträge anderer Autoren (z. B. aus Tageszeitungen oder dem Internet), auf denen ein Copyright liegt, ins Forum stellen, da dies zu urheberrechtlichen Problemen führen könnte. Es spricht allerdings nichts gegen entsprechend gekennzeichnete – auch längere – Zitate.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

 Zeichen können Sie noch einfügen.

*

2.003 Beiträge im Forum

  1. Rita Scholz sagt:

    In der Rubrik „Aus anderen Quellen“ innerhalb der „Bemerkungen“ findet sich eine ausführliche und interessante Zustandsbeschreibung der kubanischen Wirklichkeit von heute. Dem französischen Autor von „Le monde diplomatique“ ist allerdings ein Fehler unterlaufen, der leider von einer zumindest partiellen Unkenntnis von dem zeugt, was gemeinhin unter Sozialismus und dessen Verteilungsprinzip verstanden wird.
    Den Grundsatz des Sozialismus, „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“, habe Raúl Castro in einer Rede vor Parteigenossen am 17. April 2016 umformuliert: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Arbeit“, schreibt Renaud Lambert.
    Castro hat nun gar nichts „umformuliert“, hat Marx den laut Renaud „sozialistischen Grundsatz“ doch dem entwickelten Kommunismus zugedacht und nicht dessen imaginierter Vorstufe, dem Sozialismus. Das dortige Verteilungsprinzip lautete immer schon: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“.
    Rita Scholz

  2. Bernhard Romeike sagt:

    In Neues Deutschland von diesem Wochenende (18./19.11.2017) wird der Schriftsteller, Pazifist und Sozialist Kurt Hiller zitiert, der 1932 in der Weltbühne schrieb: „Wer taugt mehr, ein kommunistischer Nichtdenker oder ein nationalistischer Selbstdenker? Möge Jeder diese Frage nach seinem Privatgeschmack beantworten (oder besser: nach andern Kriterien als denen des Geschmacks); allgemeingültig scheint mir zu sein, dass Selbstdenker, mögen sie auftauchen in welcher politischen Gegend auch immer, ernster Beachtung wert sind – zumindest in einer Epoche, deren herrschende Politik-Gruppen ein so erbärmliches intellektuelles Niveau zeigen (und daher so schaurige Resultate hervorbringen) wie die großen Parteien in diesem Deutschland: jene alten Vereine, die sich das Gesetzgebungsmonopol teilen, und jene jüngeren, ebenso fragwürdigen, die es ihnen entreißen wollen.“

  3. Helge Jürgs sagt:

    Ach, lieber Herr Adolphi: Nicht dass sich an der schwierigen Findung allein dessen, was wo und für wen Mainstream ist, gleich etwas ändern würde – aber könnten Sie sich nicht, wie in langen Blättchen-Zeiten der Vergangenhgeit, öfter mal wieder mit etwas ausführlicher ausgebreiteten Gedanken in diese Publikation einbringen als mit – mit Verlaub – Forum-Einträgen?
    Ich jedenfalls kann mir das sofort als bereichernd vorstellen.
    Freundliche Grüße,
    Helge Jürgs

    • Wolfram Adolphi sagt:

      Lieber Herr Jürgs,
      ich will’s versuchen.
      Auf bald,
      Wolfram Ad.

  4. Wolfram Adolphi sagt:

    Lieber Herr Ernst,

    danke für Ihre Reaktion auf meine Zeilen. – Die Frage nach der Haltung der LINKEN dazu ist natürlich immer richtig, und es ist auch schön, wenn man jemand hat, auf den man seinen Ärger richten kann – aber was mich betrifft, so liegt für mich der Hase im Pfeffer dort, wo es um die Verschiebung des Mainstreams nach rechts geht, und zwar mit einer schleichenden Intensität, die für mich alarmierend ist, und ich glaube nicht, dass man der Illusion nachhängen sollte, einige kluge Köpfe in der LINKEN hier und da könnten diese Mainstreamentwicklung aufhalten. Da braucht es ganz andere Gegengewichte – deren Kräftezusammenfassung natürlich erst einmal ein gemeinsames Verständnis davon, wass der Mainstream ist und was er tut, voraussetzt.

    In ihrer Rubrik „Leserworte“ veröffentlichte die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ) gestern exklusiv groß herausgehoben aus dem übrigen Leserbriefblock die folgenden per Facebook an die MAZ übermittelten Zeilen einer Leserin zu einem Artikel, in dem davon berichtet war, dass die Barbie-Hersteller jetzt eine Barbie mit muslimischen Kopftuch produzieren: „Das hat der Welt noch gefehlt. Würde mich mal interessieren, ob in muslimischen Ländern auch extra blonde Puppen mit kurzem Rock für Europäer verkauft werden.“

    Da ist wie in einer Nussschale alles versammelt, was man sich so an kleinem, ganz persönlichem Rassismus und Fremdenhass und Chauvinismus zusammenbasteln kann; und die Zeitung bringt’s buchstäblich groß raus. – Das ist es, was ich mit Mainstreamveaschiebung meine.

  5. Wolfram Adolphi sagt:

    Es ist immer mal wieder nützlich, zu schauen, wie hier und da im Land Weltbilder gebaut werden.

    Im Landtag Brandenburg – es regiert in Brandenburg bekanntlich eine Koalition aus SPD und der LINKEN – wurde am 14. November eine Ausstellung zum Thema „Polen und Deutsche gegen die kommunistische Diktatur“ eröffnet. Der Text der von der Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) unterzeichneten Einladung lautet: „Unter der Kontrolle der Sowjetunion wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in der späteren DDR und in Polen kommunistische Diktaturen errichtet. Fast ein halbes Jahrhundert lang rangen Polen und Deutsche in unterschiedlichen Oppositionsbewegungen und Widerstandskreisen um ihre Freiheit. Diesen am Ende erfolgreichen Kampf von 1945 bis 1989, der mit der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc ab 1980 einen Aufschwung nahm, dokumentiert eine informative Wanderausstellung aus polnischer und deutscher Perspektive. Sie ist Ausdruck des Respekts und der Dankbarkeit gegenüber all jenen, die sich in Polen und in der DDR gegen Unterdrückung und Verfolgung engagiert haben. Und sie will die Erinnerung an all jene bewahren, die den Sieg der Freiheit nicht mehr selbst erlebt haben. – Die Ausstellung ist in einer Kooperation des polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens (Außenstelle Krakau), der Stiftung Ettersberg und der Konrad-Adeenauer-Stiftung (Auslandsbüro Polen) erarbeitet worden. Nach Stationen unter anderem in Krakau, Warschau, Danzig, Posen, Breslau, Kreisau, Berlin, Schwedt und Frankfurt/Oder wird sie nunmehr im Brandenburger Landtag gezeigt.“

    So einfach kann Geschichte sein. Mit „Einführungsvortrag: Wolfgang Templin, Bürgerrechtler und Publizist“.

    Wolfram Adolphi

    • Wolfgang Ernst sagt:

      Und die Brandenburger Regierungslinke war so sehr mit Regieren und Gebietsreform befasst, dass sie keine Zeit hatte, sich damit zu befassen? Oder hat sie, und teilt diesen Standpunkt?

  6. Werner Richter sagt:

    Nochmals zur begonnenen und dann abgebrochenen Diskussion zum Wert als notwendige theoretische Basis aller Sozialismustheorien oder alternativer. Es sind kaum Reaktionen auf die Aufforderung, sich dorthin zu begeben, erfolgt. Man kann sich denken, warum. Kopf in den Sand, einfach ignorieren und so tun, als ob die Frage nicht gestellt oder gar wichtig? Wir haben uns erlaubt, die Wertauffassungen von Klaus Müller auf die Website zu bringen, um Anstoß zu geben. Dabei geht es nicht in erster Linie um Klaus Müller, der hat sich wenigstens geäußert. An seinen Auffassungen lassen sich die gebräuchlichsten Vorstellungen zum Thema abarbeiten. Dafür unser ausdrücklicher Dank.
    Wer einen Einblick bekommen möchte: https://www.wirtschaftstheorie-forum.de/wom/?p=11#comment-369

  7. Redaktion sagt:

    Reiner Braun, Michael Müller und Willi van Ooyen haben den folgenden Aufruf veröffentlicht. Die Unterzeichnenden, darunter Gewerkschaftsvorsitzende, Vertreter der Friedensbewegung sowie Wissenschaftler und Künstler, fordern von der (neuen) Bundesregierung: „Keine Erhöhung der Rüstungsausgaben – Abrüsten ist das Gebot der Stunde“.

    Aufruf abrüsten statt aufrüsten

    Die Bundesregierung plant, die Rüstungsausgaben nahezu zu verdoppeln, auf zwei Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung (BIP). So wurde es in der NATO vereinbart.

    Zwei Prozent, das sind mindestens weitere 30 Milliarden Euro, die im zivilen Bereich fehlen, so bei Schulen und Kitas, sozialem Wohnungsbau, Krankenhäusern, öffentlichem Nahverkehr, Kommunaler Infrastruktur, Alterssicherung, ökologischem Umbau, Klimagerechtigkeit und internationaler Hilfe zur Selbsthilfe.

    Auch sicherheitspolitisch bringt eine Debatte nichts, die zusätzlich Unsummen für die militärische Aufrüstung fordert. Stattdessen brauchen wir mehr Mittel für Konfliktprävention als Hauptziel der Außen- und Entwicklungspolitik.

    Militär löst keine Probleme. Schluss damit. Eine andere Politik muss her.

    Damit wollen wir anfangen: Militärische Aufrüstung stoppen, Spannungen abbauen, gegenseitiges Vertrauen aufbauen, Perspektiven für Entwicklung und soziale Sicherheit schaffen, Entspannungspolitik auch mit Russland, verhandeln und abrüsten.

    Diese Einsichten werden wir überall in unserer Gesellschaft verbreiten. Damit wollen wir helfen, einen neuen Kalten Krieg abzuwenden.

    Keine Erhöhung der Rüstungsausgaben – Abrüsten ist das Gebot der Stunde

    Erstunterzeichner*innen

    Jetzt Aufruf „abrüsten statt aufrüsten“ unterschreiben: abruesten.jetzt

  8. Rudolph Caracciola sagt:

    für Menschen, die am nächsten Morgen früh raus müssen, ist der Sendeplatz des ZDF-Satiremagazins DIE ANSTALT suboptimal. Die gestrige Sendung sollte man aber wegen ihres im Betreff genannten Themas trotzdem nicht verpasst haben. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

    – Man kann auf die Wiederholung auf 3sat am 12.11. warten. Die startet schon 20:15 Uhr.
    – Oder man kann auf den folgenden Link klicken:
    https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-7-november-2017-100.html (Und falls das nicht klappt: Einfach diese URL in den Internetbrowser kopieren.)

    Ein Experimentaldurchlauf des Neoliberalismus fand bekanntlich nach dem Putsch in Chile 1973 statt. Maßgeblich beteiligt waren Milton Friedman und seine Chicago-Boys. Friedman erhielt – auch dafür – 1976 den Nobelpreis für Ökonomie, der ja nicht von Nobel gestiftet wurde, sondern von der Schwedischen Reichsbank. Im Hinblick auf Träger dieses Preises meint Claus von Wagner in der ANSTALT: „Wenn Nobel wüsste, was da in seinem Namen alles ausgezeichnet wird, er würde sich eine Stange Dynamit in die Sitzritze schieben.“

  9. Helmut Kupfer sagt:

    Werner Richter ist, denke auch ich, beizupflichten, ich tue das jedenfalls gern: Die Sonderausgabe zur Oktoberrevolution verdient große Anerkennung.
    Wo, wie in diesen Beiträgen, Nüchternheit und Sachlichkeit obwalten, lassen sich auch Konsequenzen ableiten,aus denen – irgendwann einmal! – linkes Handeln so bestimmen könnten, dass ihm wirklich ein durchgreifender Erfolg beschieden ist. Das steht nun wahrlich nicht auf der Tagesordnung, und es ist heute auch nur begrenzt absehbar, wie sich entsprechende Verläufe zu gestalten hätten – aber ohne eine endlich illusionslose Kritik des (zumal so verhängnisvoll) Gehabten mögen den Menschen weitere Beglückungsversuche erspart bleiben. „Eine Revolution“, so habe ich mal bei irgendwem gelesen, „ist ein unerprobter Schöpfungsakt“. Das schließt nicht aus, dass über sie taktisch, strategisch und vor allem programmatisch nachgedacht wird – herbeizurufen sind sie aber nicht. Auch dann nicht, wenn die Organisatoren der jährlichen Luxemburg-Konferenzen auf einem Einladungsbanner auffordern, die Machtfrage zu stellen.
    Ob das wohl nächstes Jahr schon ´was wird?
    Helmut Kupfer

  10. Werner Richter sagt:

    Zu Sonderausgabe 03.2017
    Wenn es sonst niemand tut, muß ich wohl wieder ran, großes Lob ist fällig. Dem Ereignis angemessen ist es, so breit und umfassend darauf zu blicken. Ist im medialen Umfeld nicht selbstverständlich. Ach ja, hat sich ja ohnehin von selbst erledigt. Um so verdienstvoller sind die Beiträge, die gerade da ansetzen. Gleich in mehreren wird nach historischer Einordnung in den gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß die Frage gestellt, wo genau stehen wir bei der Entwicklung unserer Vorstellungen von einer erstrebenswerten anderen Gesellschaftsstruktur, die den jetzigen Teufelskreislauf in Richtung Abgrund aufhalten kann und muß. Gut ist, daß in Beiträgen ehrliche Feststellungen dazu getroffen sind, keine ewigen Grundwahrheiten als Ausflucht und Hemmnis. Diese ermutigenden Ansätze sind hier überraschend häufig zu finden, etwa bei Michael Brie (Lenin… hatte genau jene Institution beseitigt, die die Bolschewiki hätten hindern können, Sozialismus und Demokratie in einen feindseligen Gegensatz zu bringen, der bis 1989 unaufgelöst blieb. Der notwendige Suchprozess wurde beendet, bevor er überhaupt begonnen hatte.), oder bei Wolfgang Scheler (Die Auseinandersetzung über das Verhältnis von Sozialismus und Markt ist während der Geschichte der von der Oktoberrevolution hervorgebrachten Gesellschaftsform immer wieder neu aufgeflammt. Wie es scheint, ist sie bis heute nicht zu einer Klärung geführt worden. Für wesentlich halte ich den Gedanken von Fritz Behrens, dass die historischen Bedingungen ihrer Entstehung die „politische Ökonomie zu einer Apologetik eines bürokratischen Zentralismus degradiert“ haben.) oder Rolf Reißig („Ein Sozialismus aber ohne Demokratie und individuelle Freiheitsrechte, ohne Selbstbestimmung derjenigen (Arbeiter, Bauern, Intellektuelle), in deren Namen angeblich die Revolution stattfinden sollte; eine Gesellschaft ohne Öffentlichkeit, eine Wirtschaft ohne Marktbeziehungen konnte auf Dauer nicht überleben“… und …“Denn unter Transformation verstehen wir einen umfassenden und komplexen Wandel des gesellschaftlichen Entwicklungspfades, mit dem sich Grundstrukturen und Institutionen der Gesellschaft sowie die Lebensweise der Menschen verändern. Transformation ist also eine Einheit evolutionärer und revolutionärer gesellschaftlicher Wandlungsprozesse“… , „Die Herausbildung einer solchen Produktions- und Lebensweise basiert auf Innovationen, auf dem Wandel der Selektionsprozesse (gemeinwohlorientiert und ressourceneffizient) und ihrer gesellschaftlichen Institutionalisierung, so dass sich das neue sozial-ökologische und -kulturelle Entwicklungsprinzip schrittweise durchsetzen kann. Die entscheidende Frage lautet: Entsteht ein funktionierendes System wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung und individueller Selbstentfaltungsmöglichkeiten, vermittelt durch eine neue Regulationsweise. Ob dies tatsächlich gelingt, muss sich in der neuen Transformation erst noch zeigen.“ … sowie … „Auf neue Weise über Reform-Revolution-Transformation als praktisches und theoretisches Problem nachzudenken, erfordert zwar den kritischen Blick auf die Vergangenheit, vor allem aber den Blick auf Gegenwart und Zukunft und damit auf ein neues Wandlungs-, Gesellschafts- und Kulturkonzept. Notwendig ist daher heute mehr denn je auch ein Dialog zwischen den verschiedenen Segmenten der pluralen gesellschaftlichen und parteipolitischen Linken.“
    Hier sind Erkenntnisse formuliert, die ich schon bei Heinrich Harbach in seinen ökonomisch begründeten Ansichten gefunden habe, aber der See ruhte stille. Der Begriff Transformation kann auch als „Aufhebung“ des Kapitalismus verstanden werden.
    Die Botschaften hört ich wohl, hoffe aber auf Prozesse der Theoriebildung darüber hinaus. In meiner allgemeinen Skepsis, die ständig Nahrung findet, sehe ich statt dessen bei den potentiellen gesellschaftlichen Kräften dafür mehr ein das ausschließendes Geschäftsmodell Parlamentarismus. Die Worte vom Neu- und Weiterdenken bitte in Gottes Gehörgang.

  11. Die Redaktion sagt:

    NSU-Komplex: Als am 6. April dieses Jahres die Taschenbuchausgabe des Politthrillers „Die schützende Hand“ erschien, hatten der Autor Wolfgang Schorlau und sein Rechercheur Ekkehard Sieker das Buch gegenüber der Erstausgabe von 2015 um gravierende Aspekte erweitert – nämlich um forensische Belege dafür, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zum Zeitpunkt ihres Auffindens in Eisenach-Stregda am 4. November 2011 um 12:05 Uhr mittags bereits mindestens zwölf Stunden tot waren. Das lässt sich aus der Auffindesituation der Leichen und ihrer dokumentierten Totenflecken ableiten und ist auch im Blättchen ausführlich besprochen worden: http://das-blaettchen.de/2017/04/nsu-wann-wie-und-wo-starben-mundlos-und-boehnhardt-39577.html.
    Am 6. November nun, 20:15 Uhr, wird das ZDF die Verfilmung des Thrillers ausstrahlen. Dabei werden, wie bereits der Trailer zeigt (https://www.youtube.com/watch?v=5fEaVwGxTtg), etliche Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der offiziellen Darstellung der Ermittlungsbehörden zum Tode von Mundlos und Böhnhardt aufgegriffen …

  12. Wolfgang Ernst sagt:

    Bei den Debatten um lechts und rinks gilt am Ende wieder Tucholsky: „Deutschland ist eine anatomische Merkwürdigkeit: Es schreibt mit der Linken und tut mit der Rechten.“ Die „links“-kulturelle Pflege der politischen Korrektheit hat sich die Grube selbst gegraben, in die sie gerade fällt.

  13. Ergänzend zu der Leseempfehlung von Klaus Müller hier noch eine andere, ebenfalls die Entwicklung der Wertform betreffend: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Utopie_kreativ/212/212Hummel.pdf. Dort: Der Wert in der Finanzform, auf Marx aufbauend, aber ihn weiterdenkend.

  14. Peter sagt:

    Das Beste an Werner Richters Einlassen zu Marx ist seine Psychologische Fähigkeit zu wissen wann Marx resigniert und wann nicht. Dann würde ich „Es ist die alte Illusion, daß es nur vom guten Willen der Leute abhängt, die bestehenden
    Verhältnisse zu ändern… Diese ideelle Erhebung über die Welt ist der ideologische Ausdruck der Ohnmacht der Philosophen gegenüber der Welt. Ihre ideologischen Prahlereien werden jeden Tag durch die Praxis Lügen gestraft. MEW 3, S.363 “ nicht verstehen.
    Es kann auch nicht auf ein Fragment abgehoben werden, es geht um das Bewegungsgesetz des Kapitals, das ist mit der Wertform alleine nicht gemacht. Das Marx nicht an den Schulen gelehrt wird ist durchaus verständlich, sonst würde „Industrie 4.0“ spätestens beim „tendenziellen Fall der Profitrate“ verstanden.
    Na klar sind es wenige, die Linke ist eben zersplittert und schwach, sie stricken teilweise an den Fetischen mit. „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ zeigt wie es laufen könnte. Aber wer von den Narzissten will das wissen und wozu.
    Ich scheine kein Marxist zu sein, denn ich war nicht in der Kirche, braucht es als Marxist Absolution und von wem?
    Da lobe ich mir http://kritischeperspektive.com/kp/2017-35-keine-zeit-fur-mehr-gerechtigkeit/

  15. Werner Richter sagt:

    Analogie zu Kästners „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“
    Das Jubiläum ist ohne Vorfälle über die Bühne, 150 Jahre Band I des „Kapital“. Alle Marxisten gingen zum Gottesdienst, erhielten Absolution und die Predigten waren auch ganz nett. In einem linken Medium konnte man dürftig dünne Reflexionen erleben, in anderen in großer Zahl und vielseitig. Alles schön – ist der momentan modische Kommentar. Schön zu lesen, wem alles „Das Kapital“, eigentlich mehr allgemein der Marx an sich, so kurios oder logisch vor die Füße fiel. Zum „Kapital“ selbst findet man selten Bezüge. Viele haben es gelesen, ja, aber nur gelesen, wie eben andere Bücher auch. Aktuelle ständige Bedeutung war selten zu finden. Hatte das Marx am Ende geahnt, als er gegenüber Engels resigniert fragte: Was habe ich denn tatsächlich erreicht? Sein „Kapital“ wurde zur Bibel, die man als Beweis seiner Zugehörigkeit sichtbar unterm Arm trug. Zitate, Zitate und nochmals Zitate, so wurde und wird heute noch Marx viel gebraucht, da wird selten gefragt, ob das überhaupt so richtig in den veranlassenden Zusammenhang paßt. Für ganz Unbedarfte, aber mit Macht ausgestattete, lagen sogar Marxzitatesammlungen bereit. Diese Marxanwendung ist noch heute verbreitet anzutreffen, Marx ist tot, es lebe Marx, er verbleibt dort, wo er liegt. Marxens nihilistische Ahnung war so falsch nicht. Es wäre müßig, nochmals die eigentliche Bedeutung von Marxens Schaffen und die Arbeiten, wo sein ökonomisch-philosophisches System zu entnehmen ist, aufzuzählen. Das geschah zu Genüge, umsonst. Beim Mitjonglieren in modernen, besser: modischen Theorien des aktuellen Kapitalismus hält man am besten Marx undeutlich auf Ferne. „Das Kapital“ würde da nur stören, aber gut zu wissen, da gibt es das für den Notfall doch.
    Ganz schön unverschämt? Ich muß gestehen, ein altes Kriegsleiden. Aber da ist immer eine bohrende Frage: Warum scheuen so viele „Marxisten“ die aktuell sich anbietende Diskussion um Anwendung der Marxschen Werttheorie? Die wäre eigentlich zum Jubiläum fast schon schreiend sichtbar gewesen. Warum nach Monaten des Erscheinens kaum ein Wort zum „Kapital 1.5 Die Wertform“, als gäbe es das nicht? Da ist man an Harbach erinnert, dem so ist, als sei „Das Kapital“ nie geschrieben. Ist es Verwirrung, Verlegenheit, Ratlosigkeit, die in Ignoranz mündet? Man muß zugeben, es ist gewiß nicht leicht, so wie bisher mit von Marx stammenden Gedanken, die nicht in die eigenen, früher waren es die vorgekauten, passen, zu verfahren. Oder doch, einfach Klappe zu, Affe tot, läßt sich auch hier anwenden, wird es offensichtlich auch. Aber es sei allen gesagt, „Kapital 1.5 Die Wertform“ ist da und es gehört unweigerlich zum „Kapital“. Ausweichen geht nicht. Aber bisher vernahm ich lediglich eine (1!) verlegene Anfrage, was es denn mit diesem Buch auf sich habe und wo man dies zusammengefaßt erläutert finden könne. Das sind Bankrotterklärungen von Ökonomen, die sich auch noch bezüglich Marx selbst auf die Schulter klopfen.
    Man kann schon auf die geistigen Verrenkungen warten, die dann letztlich diese Schrift in die Relativierung schicken werden, in die Nebensächlichkeit bzw. Nichtaktualität. Das kommt, dem kann man gewiß sein. Wird jedoch nicht so leicht werden.
    Ein eigenartiges Jubiläum.

    • Klaus Müller sagt:

      Für Werner Richter, der sich so sehr für die Wertformenanalyse zu interessieren scheint:
      https://www.jungewelt.de/artikel/318338.ma%C3%9F-der-werte.html?sstr=Ma%C3%9F%7Cder%7CWerte

    • Werner Richter sagt:

      Muß mich z.Z. übers iPhone abquälen, PC will nicht. Hat lange gedauert und jetzt gleich 2 Beiträge! Immerhin. Aber warum nicht direkt, da, wo es inhaltlich zugeht? Duell mit dem Staubwedel, JW? Wohlkalkuliert oder intuitiv? Zurückschießen, aber im Graben bleiben? Zumindest kann man schon einige Taktiklinien erkennen: So tun, als wäre die Sache ein alter Hut, der ignoriert werden kann. Ohne inhaltliche Begründung „Gegner“ erstmal in die Nähe der Neuen Marxlektüre stellen, eine Handvoll Sand in die Augen. Sieht man oft im Film. Und den Wert so nebenbei nach Gusto wie selbstverständlich definieren. Hier geht das, aber auf der Website, da müßte man schon etwas tiefer bohren. Nachtigall… Wer mehr als taktische Geplänkel will, muß schon dahin, wo Tacheles gefordert ist.

    • Klaus Müller sagt:

      Sehr geehrter Herr Richter, welche „Gegner“ ich – noch dazu ohne inhaltliche Begründung – in die Nähe der „neuen Marx-Lektüre“ gerückt haben soll, wissen vermutlich nur sie selbst. Ich kenne keine „Gegner“, mit denen ich dies hätte tun können. Mein Link zeigt Ihnen, dass Ihre Behauptung schlichtweg falsch ist, „Marxisten“ hätten es zum „Kapitaljubiläum“ unterlassen, sich zur Werttheorie zu äußern.
      Und noch etwas zum Umgang mit den Schriften von Karl Marx: Sie mokieren sich über Sammler von Marxzitaten. Richtig ist, dass mit aus Zusammenhängen gerissenen und unvollständigen Aussagen Missbrauch getrieben werden kann. Doch jemandem, der sich mit den Marxschen Texten beschäftigt, muss es nicht nur erlaubt sein, Marx selbst an passenden Stellen zu Wort kommen zu lassen. Es sollte für ihn ein Muss sein. Das gebieten Solidität und Seriosität wissenschaftlicher Arbeit. Wer dies bestreitet, will sich oft nur gegen Kritik an seiner eigenen Fehlinterpretation immunisieren.

    • Werner Richter sagt:

      Na dann warten wir mal auf den Nachweis der Fehlinterpretation der Werttheorie. Wird spannend. Der mögliche Ort ist benannt.

    • Werner Richter sagt:

      Noch laeuft mein PC nur im Aushilfsmodus, aber einen Hinweis bekomme ich auch so hin. Dieser ist mit einer Einschaetzung des Artikels von Klaus Mueller durch Heinrich Harbach gegeben. „„Den Mueller habe ich heute gelesen, der hat durchaus interessante Passagen. Bei der neuen Marxlektuere liegt er auch richtig und seine historischen Exkurse ueber das Geld sind ueberfluessig und schon xmal vorher in den verschiedensten Varianten erzaehlt. Die Leute verstehen alle nicht, dass das Geld ein naturwuechsig Allgemeines ist, welches durch die Wertform, den Austausch, naturwuechsig entsteht und nachtraeglich staatlich sanktioniert werden muss, sonst wuerde das System nicht funktionieren! Der grundlegende Fehler von Mueller ist aber, dass er nicht wirklich die abstrakt menschliche Arbeit versteht und aus ihr eine bestimmte Sorte konkret nuetzlicher Arbeit macht, auch wenn er das Gegenteil schreibt. Der Satz „Das Quantum der abstrakten Arbeit ist die Wertgroesse“ offenbart das ganze Dilemma. Abstrakt menschliche Arbeit als solche kann man gar nicht messen, es ist eine gesellschaftliche Form. Messen kann man nur die konkret nuetzliche Arbeit und die wird ueber einen gesellschaftlichen Ausgleichsprozess bewertet. Erst in diesem trial/and/error/Verfahren sieht man, wieviel gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit im jeweiligen Arbeitsprodukt realisiert, d.h. bewertet wird.““
      Darin liegt das theoretische Problem, das Marxisten jeglicher Couleur von Oekonomen der Alternative trennt, die nochmals anfangen, die bisherigen Marxinterpretationen ohne Ansehen der Experten zu hinterfragen, nichts ueber Marxens Theorie als quasi gottgegeben, also aus der Geschichte, die eigentlich dazu keinen Anlass bietet, denke man an das grosse Fiasko des Marxismus, gelten lassen und sein Theoriesystem von Beginn an zu verstehen versuchen. Eben weil dort, im Besonderen in der Werttheorie, aus bekannten politischen Gruenden eine falsche Richtung eingeschlagen worden zu sein scheint. Das ist die Fragestellung, die auf der Website wirtschaftstheorie-forum.de zur Diskussion steht, mit dem Buch von Harbach und seinen Thesen dazu. Wenn es Klaus Mueller , hier nur stellvertretend gemeint, und vielen anderen wirklich um die Sache, die Erkenntnis geht, dann ist kein Grund zur Diskussionsverweigerung zu erkennen. Wenn sie sich ihrer Sache so sicher sind, um so weniger. Wollten sie jedoch nur ihre Ruhe haben, dann bleiben sie eben fern. Ihrem Renommee wuerde das wohl nicht nuetzen.

    • Klaus Müller sagt:

      Konkrete Arbeit bildet den Gebrauchswert, abstrakte Arbeit den Wert. „Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist. Wie nun die Größe seines Werts messen? Durch das Quantum der in ihm enthaltenen ‚wertbildenden Substanz‘, der Arbeit. Die Quantität der Arbeit selbst mißt sich an ihrer Zeitdauer, und die Arbeitszeit besitzt wieder ihren Maßstab an bestimmten Zeitteilen, wie Stunde, Tag usw.“ Das sagt Marx. Und das ist eindeutig. Nach Harbach würde diese Aussage das ganze Dilemma offenbaren. Seiner Auffassung, dass man keine abstrakte Arbeit, nur konkrete Arbeit messen könne, war Marx ganz offenbar nicht. Warum und wie man abstrakte Arbeit und damit Wert messen kann, habe ich an anderer Stelle zu begründen versucht. Lesenswert in diesem Zusammenhang auch das Buch von Georg Quaas „Die ökonomische Theorie von Karl Marx“. Harbach ist zu empfehlen, nochmal über den Inhalt des Begriffs „abstrakte Arbeit“ nachzudenken. Da er das Gegenteil sagt wie Marx, lautet die Frage, wer von beiden Recht hat. Auf den Widerspruch zwischen Harbach und Marx wollte ich hinweisen. Nicht, weil ich um mein Renommee fürchte, Herr Richter.

    • Werner Richter sagt:

      Hier werden Sie keine sachliche Erwiderung finden, Herr Mueller, ich halte mich an die Regel, die die Blaettchenredaktion vorgibt und der ich zugesagt habe. Es kaeme sowieso nur unwilliges, wegbeissendes Kurzgeplaenkel heraus, keine gebotene ausfuehrlichere Diskussion. Warum nur weichen Sie dem aus?

  16. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Stephan Wohanka, Links und rechts oder Gesetz und Volk (20. Jahrgang, Nummer 20, 25. September 2017)

    Klug der beinahe im Luhmannschen Sinne systemtheoretisch anmutende Versuch, ein „soziales“ und „kulturelles“ Links zu unterscheiden – vermutlich in dem Ansinnen, beides hinge nicht grundsätzlich zusammen.

    Ein Dilemma der Linken bzw. ihres philosophischen Hintergrundes liegt m. E. in ihrer illusionären Anthropologie, ein zweites in ihrer Geschichtsphilosophie. Das eine geht maßgeblich auf Rousseau zurück, das andere auf den deutschen Idealismus.

    Dabei ist das Anthropologische offenbar ein so ausgemacht linkes Eigenproblem, dass dessen Thematisierung beinahe gänzlich dem konservativen oder gar rechten Denken, bspw. Arnold Gehlen und dessen Nachfolge, überlassen blieb; und die Geschichtsphilosophie der Linken bietet immer noch wenig mehr als die Hegelsche Übertragung der christlichen Eschatologie ins Metaphysische. So hofft man eben etwas quasireligiös weiter, erschüttert darüber belehrt, dass aus wohl ausnahmslos allen linken Gesellschaftsversuchen etwa das Gegenteil wurde als das Erhoffte. Was wiederum Typen hervorbrachte, die man sich überhaupt nicht wünschte und die dem „Gegner“ zum Verwechseln ähnlich sahen.

    Beides aber, der gute Mensch, dem angeblich nur die Umstände so widrig eingerichtet wären, dass er seine Güte nicht entwickeln kann, und der Vektor der Geschichte, der – idealistisch wie historisch-materialistisch – auf einen glückseligen, gerechten und vollends befriedeten Endzustand zielt, in dem ein brüderliches Band die Erde umschlingt und der Mensch endlich rundum gut wäre, trivialisiert das Erbe der Aufklärung, die ihrerseits schon genügend Potential daran erkannte, dass der Mensch, in Anteilen oder mindestens potentiell, vernünftig genug sein könnte, sein Schicksal einigermaßen erträglich zu gestalten.

    Auf Revisionen ihres Menschenbildes und ihrer utopistischen Hoffnungen reagiert die Linke nicht etwa mit Argumenten, sondern eher mit Allergieschüben und theatralischer Betroffenheit, am eindrucksvollsten nachzuvollziehen am durchweg tragischen Georg Lukács – und innerhalb seiner Schriften am deutlichsten in „Von Nietzsche zu Hitler oder Der Irrationalismus und die deutsche Politik“. Kern des Gedankens: Hätte es doch namentlich Schopenhauer und Nietzsche – diese beiden grandiosen Kritiker oder, anders betrachtet, Vollender der klassischen Aufklärung – bloß nie gegeben: Es wäre dann der deutschen und europäischen Geschichte die Katastrophe erspart geblieben.

    Könnte man anders verfahren? Durchaus. Nämlich mit dem Mut hinzuschauen und den Menschen wie seine Geschichte nicht zu verklären, sondern die Tatsachen zu nehmen, wie sie sich darstellen. Und daraus das Mögliche zu gestalten versuchen. Es ist dies meist wenig genug. Aber immerhin noch das, was uns überleben lässt, selbst wenn wir nicht „befreit“ sind, sondern vom Konsumismus korrumpiert bleiben und die verteufelte Ungerechtigkeit sich als schöpferisches Triebmittel des Fortgangs herausstellt.

    Was Carl Schmitt betrifft, so sehe man in ihm mehr als den „Kronjuristen des Dritten Reiches“ oder den „Totengräber der Weimarer Republik“, sondern – seine wesentlichen und übrigens sehr kurzen Schriften gänzlich zur Kenntnis nehmend – mutiger den „jüngsten Klassiker des politischen Denkens“ (Bernard Willms). Interessant immerhin, in welch prägnanten Darstellungen der Jurist etwa in „Der Begriff des Politischen“ oder in „Politische Theologie“ (Alles so schön wie schlicht bei bei Duncker & Humblot.) Macht, Herrschaft und das Wesen des Politischen zu fassen versuchte, in der reduzierenden Denkweise beinahe leninistisch anmutend, obwohl ganz aus der Tradition von Thomas Hobbes schöpfend, dem anthropologischen Antipoden zu Rousseau übrigens. Aber Schmitt wäre ein eigenes Kapitel wert, durchaus von dem frechen Gedanken ausgehend, inwiefern sich die sozialistischen Revolutionäre im Praktischen sehr schmittianisch verhielten. Damit aber stochert man in offenen Wunden.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Bosselmann,
      ein PS zum in Rede stehenden Blättchen-Text: Auch Gauland sagt, sich „unser Land und unser Volk“ zurückholen zu müssen…
      Was das „ein Dilemma der Linken bzw. ihres philosophischen Hintergrundes“ angeht, das wissen Sie, bin ich völlig Ihrer Meinung. Wir haben uns schon einmal darüber ausgetauscht; ich hatte damals – es war Ende Juni hier im Blog – auf den Kommunisten Charles Fiterman, Grillparzer und Werfel verwiesen und unter Verwendung ihrer Stichworte und Thesen gesagt, dass der Sozialismus ideell und praktisch drei Phasen durchlief: (1) Humanität, (2) Divinität, (3) Totalitarismus, Bestialität: Erst der (1) humane Ansatz aus der Marxschen Kritik des Kapitalismus und deren Verwandlung in eine Utopie der „gerechten“ Gesellschaft, dann das verhängnisvolle (2) Transzendieren, die Verabsolutierung der Idee zur einzig gültigen und zukunftsmächtigen einschließlich eines Götzendienstes an ihren „Trägern“, deren Verwandlung in Heilsbringer der neuen Lehre, ja Religion auf „wissenschaftlicher Basis“ wie Lenin, Stalin, Mao, auch Ulbricht und Honecker, verbunden mit den mit dem „Bemühen“, Andersdenkende gegen ihren Willen mit dem „Guten“ beglücken zu wollen – bis hin zu deren (3) physischer Vernichtung und letztlich von Millionen von Menschen im „Archipel Gulag“….
      Und ich denke schon, dass sich die heutige Linke – nachdem ihr das „System“ abhanden kam, sie politisch ungemein an Einfluss und Gestaltungskraft verloren hat – maßgeblich eine „kulturelle“ ist; mit all den beschriebenen Unsinnigkeiten. Mangelndes politisches Gewicht fand Ausgleich im Einsatz für Minderheitenrechte, in informellen Bewegungen und in der Bildungspolitik; Ihr Thema….
      Was Carl Schmitt angeht, „so sehe man in ihm mehr – sagen Sie – als den ´Kronjuristen des Dritten Reiches´ oder den ´Totengräber der Weimarer Republik´“. Richtig; wenn ich Schmitt nur in diesen Kontext zitiert habe, folgt das aus der Materie dessen, was zu sagen war. Und dass ich ihm nicht unrecht tat: Auch für Schmitt gilt „das Volk als Einheit“, anstelle eines Primats des Rechts fordert er den der Politik.
      Bemüht man sich um Schmitt, lässt sich leicht finden: „Das ist das geheime Schlüsselwort meiner gesamten geistigen und publizistischen Existenz: das Ringen um die eigentlich katholische Verschärfung (gegen die Neutralisierer, die ästhetischen Schlaraffen, gegen Fruchtabtreiber, Leichenverbrenner und Pazifisten)“. In diesem Selbstzeugnis Schmitts bedarf heute der Begriff „Schlaraffe“ einer Deutung – seinem Ursprung folgend ist der sorgenfreie Genießer gemeint. Schmitt vertritt eine Tendenz, eine Haltung, die verharrend, konservativ zu nennen ist. Sie richtet sich gegen die „Vermassung“ der Gesellschaft, gegen deren „Deformation“. Bedeutende Verfechter dieses Anliegens waren Protagonisten der „Konservativen Revolution“, heute der Neuen Rechten, deren Werke wieder breiter rezipiert werden. Die Klage über die Massengesellschaft, der Bannspruch gegen Spätgeburten des Liberalismus, aber auch das Heldische des Außenseitertums – alles Aspekte, die mit diesen Positionen verknüpft sind. Das nationale bzw. völkische Kollektiv ist (wieder) ideeller Fluchtpunkt romantischer Rückwendung.
      Das alles schließt nicht aus, in Schmitt, wie Sie in Anlehnung an Willms es tun, den „jüngsten Klassiker des politischen Denkens“ zu sehen. Wobei Willms, das wissen Sie auch, kein unbeschriebenes „rechtes“ Blatt ist; durch sein 1982 erschienenes Buch „Die deutsche Nation – Theorie, Lage, Zukunft“ gilt er als wichtiger Theorielieferant der Neuen Rechten: „Boykottieren Sie die Vergangenheitsbewältigung! Sie hält Sie nur davon ab, frei zu sein und die Fragen nach der Zukunft zu stellen“ und: „Das Bild des Grauens, das die rassistische Verfolgungspraxis der Nationalsozialisten in der Beurteilung der Sieger angenommen hatte, wirkte dahin, das Selbstbewusstsein der Deutschen im Ganzen nachhaltig zu erschüttern“. Die Nazi-Greuel als Ansichtssache der Sieger, bemerkenswert.
      Beste Grüße
      Stephan Wohanka

  17. Ger Pätzold sagt:

    Thailand gilt gewiss nicht als Gralshüter demokratischer Gepflogenheiten. Interessant allerdings wäre es, würde eine dort obwaltende Gesetzlichkeit auch abendländisch reüssieren, nicht zuletzt in unserem heimeligen Gemeinwesen. Immerhin hat das Oberste Gericht für politische Straftaten in Bangkok die ehemalige Ministerpräsidentin des Landes, Yingluck Shinawatra,soeben schuldig gesprochen. Es sah es als erwiesen an, dass sich die 50-Jährige in ihrer Amtszeit der Verschwendung von Steuergeldern und der Korruption schuldig gemacht hat. Der ehemaligen Regierungschefin wurde vor allem vorgeworfen, dem Staat mit Subventionen für den Reisanbau Verluste in Milliardenhöhe verursacht zu haben. Dass Yingluck nun nicht für fünf Jahre ins Gefängnis geht, verdankt sie lediglich dem Umstand, dass sie sich bereits in Ausland abgesetzt hatte. Aber nochmal: man stelle sich vor, eine unabhängige Instanz der Justiz urteilt über Steuerverschwendungen hierzulande …

  18. F.-B. Habel sagt:

    Zu „Querbeet“: Auch ich bin auf die 120jährige Tradition hereingefallen. Aber entweder hatte Kollege Wengierek riesiges Glück oder ich unglaubliches Pech, denn mit mir kreiste das Riesenrad nur 1 mal. Mit den zehn Euro hätte ich etwas Besseres anfangen sollen! Die Leser seien vorgewarnt!

  19. Ricarda Koch sagt:

    „Wir werden dennoch stolze Mitglieder der europäischen Nation bleiben.“ – So Theresa May in einem aktuellen Interview, das jemanden wie mich immerhin mit der überraschenden Information ausstattet, dass Europa eine Nation ist.

    Was Trump und Kim betrifft (wie ähnlich autokratische Figuren auch) erinnert mich deren Gehabe an einen alten Blättchen-Text, der mit der Aufforderung endet, sich die Protagonisten in kurzen Hosen vorzustellen. Ich meine auch, dass dies – jdenfalls oft – mehr erklärt als alle noch so bemühten Interpretationsversuche auf der politisch-ideologischen Strecke.
    Petra

  20. Stephan Wohanka sagt:

    In eigener Sache: Hatte ich im letzten Blättchen-Text die Auffassung vertreten, Trumps politisches Agieren führe zur Unterminierung und letztlich zur Zerstörung der US-amerikanischen Gesellschaft, so hat selbiger Trump nun auch den Beweis dafür angetreten, die Weltgemeinschaft desgleichen unterminieren und zerstören zu wollen. Nicht anders ist sein Auftritt vor der UN-Vollversammlung zu werten, wenn er den mühsam zustande gekommenen Atom-Vertrag mit dem Iran verbal zerstört, das Land einen „Schurkenstaat“ nennt, obgleich keine Beweise vorliegen, dass der Iran sich nicht an das Abkommen gehalten hätte. Dass Irans Politik im Nahen Osten nicht auf den Beifall des „Westens“ stößt, ist zwar richtig, sie ist aber kein Vertragsgegenstand.
    Der weltpolitisch zerstörerische Wahnwitz der Trumpschen Hetze liegt darin, dass er ähnliche Abkommen – vielleicht mit Nordkorea -, aber auch generell Absprachen unter Völkern und Regierungen massiv behindert, wenn nicht unmöglich werden lässt; wer weiß schon, wann es einer der vertragschließenden Seite nicht mehr in den Kram passt, sich an Vereinbartes zu halten? Und so mancher Gernegroß wie Polens Kaczyński, der er auch schon dabei ist, von polnischen Vorgängerregierungen völkerrechtlich verbindliche Abkommen aufzukündigen, hätte eine Berufungsinstanz. Selbst der damals als „Kalte Krieger“ apostrophierte Franz Josef Strauss hielt sich an die Maxim: pacta sunt servanda. Schöne Neue Welt!

    • Christian Werner Richter sagt:

      Es ist nicht selten nicht ganz klar, was Sie, Herr Wohanka, dem anonymen Diskurspartner eigentlich mitgeben wollen. Indirekte Anspielungen sind nicht selten zu vernehmen, weshalb zu raten angesagt ist. Wollen Sie sagen, hört auf, über andere Zusammenhänge zu sprechen, weil das Unikat Trump ausreichend für das Verständnis der Lage ist? Das wäre es sogar, hielte man sich an die Prinzipien der Propaganda, für die Erfassung der ursächlichen Verbindungen allerdings zu wenig. Propaganda ist es egal, ob Trump der Verursacher allen Übels ist oder nur die logische Erscheinung des gesellschaftlichen Verfalls, der Trump gebar, wenn sie auf Trump fokussiert ist. Dieser Subjektivismus scheint hierzulande um sich zu greifen, da auch schon Die Linke in die Richtung abbiegt, sich der Rechtsgefahr vaterlandsverteidigend entgegen stellen zu wollen. Anders ist die Richtung, zur Verteidigung von vermeintlichen guten Zuständen auf Systemkritik und alternative Vorschläge an die Gesellschaft zu verzichten, so wie es die bürgerliche Presse in Gleichklang mit den bürgerlichen Parteien einschließlich der SPD von den Linken fordert. Hat ja schon mal prima geklappt Anfang der 30-er Jahre, wegen der NS-Gefahr sich quasi monarchistisch hinter Hindenburg stellen, bis dieser dann Hitler zum Reichskanzler ernannte. Vielleicht klappt es diesmal.
      Auf andere Gefahren außer Trump hinzuweisen, Herr Wohanka, ist kein Trump-Verstehen. Wenn vor mir ein Kerl mit einem Knüppel steht, bin ich gut beraten, den hinter mir mit einem Messer nicht zu ignorieren.

  21. Christine Kopper sagt:

    Es gibt eine Menge Möglichkeiten, sich vor Augen zu führen, wie krank unsere Gesellschaft ist. Wenn man bedenkt, dass es bei jungen Leuten um die Zukunft geht, die sie ja verkörpern, kann einem (auch!) angesichts solcher Mitteilungen nur schlecht werden: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/verkaufsstart-des-iphone-8-apple-fans-campieren-seit-tagen-vor-store-am-kudamm-28455614
    Christine Kopper

  22. Christine Kopper sagt:

    Es gibt eine Menge Möglichkeiten, sich vor Augen zu führen, wie krank unsere Gesellschaft ist. Wenn man bedenkt, dass es bei jungen Leuten um die Zukunft geht, die sie ja verkörpern, kann einem (auch!) angesichts solcher Mitteilungen nur schlecht werden: http://www.berliner-zeitung.de/berlin/verkaufsstart-des-iphone-8-apple-fans-campieren-seit-tagen-vor-store-am-kudamm-28455614
    Christine Kopper

  23. Helmut König sagt:

    Lieber Herr Wohanka, Sie sagen es: Der Herr Thierry Meyssan, den Sie irrtümlicherweise Thierry Meysan nennen, steht tatsächlich auf einer Seite, die, wenn mich nicht alles täuscht, jener Seite, auf der Sie möglicherweise oder auch sehr wahrscheinlich zu verorten sind, diametral gegenüber steht. Wie der Herr Meyssan tickt, das können wir seinem letzten Opus entnehmen, daß er bei Voltairenet.org, seinem Haus- und Magenblatt, eben in alle Welt posaunte:

    „Präsident Donald Trump hat den Mitgliedern seines Kabinetts jegliche Bezugnahme auf die so genannten „Islamistischen“ Verschwörer während der Gedenkfeiern der Attentate vom 11. September 2001 verboten Damals hatte Präsident Bush Osama Ben Laden und 20 Komplizen beschuldigt, diese Attentate organisiert zu haben und damit die erste Armee der Welt besiegt zu haben. Er hatte eine präsidentielle Untersuchungskommission gebildet, die seine Version bestätigt hatte, ohne jemals andere Interpretationen dieses Ereignisses zu prüfen.
    Anschließend hat die US-amerikanische Justiz nacheinander den Irak von Saddam Hussein und dann den Iran von Ayatollah Ali Khamenei beschuldigt, diese gleichen Ereignisse organisiert zu haben. Allerdings sind diese Prozesse noch nicht abgeschlossen und kein rechtskräftiges Urteil wurde ausgesprochen.
    Der Immobilienentwickler Donald Trump erwähnte auf dem New York 9 Fernsehsender, am Abend des 11. September 2001, die physikalische Unmöglichkeit der offiziellen Erzählung: Es ist physikalisch unmöglich, dass die zwei (2) Flugzeuge die Zwillingstürme zum Einsturz bringen konnten, ja noch weniger, alle drei Türme. Diese Meinung hat im Laufe der Zeit fast alle Physiker außerhalb der Vereinigten Staaten überzeugt.Wenn auch eine große Mehrheit der Amerikaner überzeugt ist, dass die nationalen Behörden über die Attentate gelogen haben, bleibt jedoch eine Minderheit davon überzeugt, dass sie von Islamisten begangen wurden.
    Wenn Präsident Trump auch von „Feinden“ sprach, hat Vizepräsident Mike Pence in seiner Rede am Denkmal von Shanksville eine Anspielung auf Daesch (ISIS) gemacht, obwohl klar steht, dass Daesch zum Zeitpunkt der Attentate nicht existierte und deshalb auch nicht als schuldig angesehen werden kann.
    Aus seinen verschiedenen Reden seit 16 Jahren kann geschlossen werden, dass Donald Trump der Auffassung ist, dass die Anschläge vom 11. September weder von Ausländern, noch von Islamisten begangen wurden.“

    Übrigens: Lieber Herr Wohanka, Sie erwähnen in ihrem Kommentar die Begriffe Verschwörungstheorie und/oder Verschwörungstheoretiker im Zusammenhang mit den Türmen von einer Firma mit Sitz in Langley/Virg.VSA kreiert und in die Welt gesetzt worden sind, doch das nur ganz nebenbei

  24. Kontextleser sagt:

    Zu Beginn der Unterhaltung über den Satz, daß „von nichts auch nichts wird“, hatte sich Petra Lücke am 11. September mit einer Attacke auf „orthodoxe Linke“einstellen lassen. Diese würden an ihrer falschen Meinung festhalten, „wie ein Katholik an der Dreifaltigkeit“. Ob bei diesem aktuellen Vergleich von erkannten Abwegigkeiten Erinnerung an Marx mitschwingt, der mit seiner „trinitarischen Formel“ ironisierend einen Schwenk zur christlichen Lehre von der Dreieinigkeit machte?
    Mit Bezug auf Marx oder nicht: Warum die Reduzierung auf den uneinsichtigen „Katholik“ als Gattung oder einzeln?
    Nehmen wir den nicht unwahrscheinlichen Fall, es käme erneut zu einer Vereidigung der Kanzlerin. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sie beim Eid dann des dreieinigen Gottes Hilfe beanspruchen – und das als Nicht-Katholikin. Ist eben nicht Bedingung. Sie kann dies im Wissen darum, daß das Festhalten an der Lehre und dem Glauben von der göttlichen Einheit in Dreiheit immanenter Bestandteil auch ihres protestantischen Glaubens ist. Im Zentrum steht der dreieinige Gott, nicht als Nebensache, nicht als: „ja, auch“. Interpretation im Rahmen ist zulässig und wird geübt, Substanz jedoch nicht verhandelbar.
    Kann man die Situation aber dennoch als gesellschaftlich überholt behandeln, weil Aufklärung prinzipiell gesiegt hat; also auch über den oben angeführten „Katholik“, der in der Zuschrift als hoffnungslos veraltet erscheint, es als gesellschaftliches Phänomen aber offenbar nicht ist?
    Um abzukürzen Zitat aus „Wikipedia“: „Der größte Teil der sich auf die christliche Bibel beziehenden Religionsgemeinschaften folgt dem trinitarischen Dogma. Sowohl die westlichen (römisch-katholische und evangelische) als auch die östlichen (östlich-orthodoxe und orientalisch-orthodoxe) Kirchen haben seit dem Ende des 4. Jahrhunderts durchgehend die Trinitätslehre vertreten.“ Aus aktuellem Anlaß besonders hervorzuheben: „Ebenso gehört das Bekenntnis der Trinität zu den Glaubensgrundlagen der evangelikalen Bewegung.“Wäre stärker zu bedenken bei weiteren Trump-Beiträgen.
    In Summe: Das sind doch ziemlich viel „Abweichler“ die da aktuell im Dogma verharren, wie der „Katholik“. Zwar nicht alle Religionen und Gemeinschaften haben dies Dogma, dabei auch solche, die uns nahe sind: „Der jüdische Glaube kennt keine Trinität.“ Der Islam auch nicht. Aber die mit „unseren Werten“ schon, auf die sich unsere Gesellschaften gern beziehen, auch mit der Erweiterung „christlich-jüdisch“.
    Zum Ausgangstext: „Orthodoxe Linke“ müßen ob des Vergleichs mit dem „Katholik“ also nicht frustriert sein; paßt nicht. Aber der hier eingeführte Marx vermochte offenbar, mit dem Zeitgeist zu seinen Gunsten umzugehen, auch mit Himmel und Erde.

  25. Ulrich Busch sagt:

    Zum Beitrag von Bernhard Mankwald in Nr. 19-2017

    Lieber Herr Mankwald,
    nun habe ich Ihren hübschen Essay über das „etwas“, das nicht „Nichts“ sein soll, zum zweiten Mal gelesen und weiß immer noch nicht, was Sie den Lesern damit sagen wollen. Ist es eine Satire auf Marx, Schumpeter, Riese u.a. wegen deren despektierlichen Umgangs mit der Bibelmetapher einer „Schöpfung aus dem Nichts“? Oder ist es eine Persiflage der monetären Ökonomie? Oder wollten Sie eine Parodie schreiben, indem Sie sich der wissenschaftlichen Sprache der Ökonomen bedienen, dann aber nur historische Banalitäten erörtern? Und was ist das „Geld schlechthin“ im Unterschied zu einer „bestimmten Währung“? Ich bin nicht dahinter gekommen. Vielleicht haben Sie sich nur einen Spaß gemacht. Ihr Beispiel von den Goldmünzen, die gesetzliches Zahlungsmittel sind, aber weder als Äquivalent fungieren noch zirkulieren, aber trotzdem „Geld“ sein könnten, wenigstens theoretisch, ist danach. Klären Sie mich bitte auf, wo sich hier der Witz verbirgt und welche hintergründige Wahrheit möglicherweise in ihrem Text enthalten ist.

    • Verehrter Herr Busch,

      wenn mein Text derart verblüffende Interpretationen zulässt, muss er noch vielschichtiger und damit besser sein, als ich ohnehin schon annahm. Versuchen Sie nur nicht, mich in den Größenwahn zu treiben. – Im Ernst: mich verdross die Art, wie Sie in Ihrem von mir erwähnten Artikel die durchaus gelungenen Beiträge von Heerke Hummel (im „Blättchen“ 4/2014) und Klaus Müller (17/2016) als „Vorurteile, Halbwahrheiten und Weisheiten von vorgestern“ abqualifizierten – und das war es dann auch schon an inhaltlicher Argumentation. So etwas liegt doch unter Ihrem sonstigen Niveau.

      Da Sie mit Ihrem Kommentar letzten Endes an die Leserschaft appellieren – die ja meine Überlegungen nach Ihrer Intention offenbar auf keinen Fall ernst nehmen soll – überlasse ich die Frage, ob einzelne der hier erwähnten Beiträge irgendwelche besonderen Vorzüge oder Nachteile haben, gerne dieser letzten Endes entscheidenden Instanz; über Meinungsäußerungen Dritter in diesem Sinne würde ich mich freuen.

    • Stephan Wohanka sagt:

      Ich erinnere mich – ich bewarb mich an einer Hochschule und sollte einen Probe-Vortrag über Geld halten. Ich begann damit, dass ich sagte, ich könne das mit einem Satz abhandeln: Geld kommt aus dem „Nichts“. Ich redete dann noch anderthalb Stunden…. denn das Nichts ist natürlich nicht unkonditioniert, es ist an Bedingungen geknüpft usw. Deshalb ist es als Metapher zu verstehen. Aber eben eine mit gehöriger Aussagekraft, die all die anderen „Theorien“ ad absurdum führt; z. B. die, dass Banken bei Kreditgewährung die hinterlegten Ersparnisse ihrer Kunden weiterreichen – nein, sie schaffen Giralgeld aus dem Nichts. Die Kredite der Notenbanken an die Geschäftsbanken sind der Kern der Währungssystems. Hier entsteht das sogenannte Zentralbankgeld, das die Basis für die Geldversorgung der Wirtschaft bilden soll. Die Zentralbank ist nicht der einzige Akteur im Finanzsystem, der Geld schöpfen kann. Auch die Banken selbst können das – und zwar mit jedem Kredit, den sie vergeben. Wenn sich also ein mittelständischer Bauunternehmer bei seiner Sparkasse 100.000 Euro leiht, um damit neue Lastwagen anzuschaffen, wächst die Geldmenge um den gleichen Betrag. Zahlt er den Kredit nach fünf Jahren wieder zurück, sinkt die Geldmenge wieder.
      Auch Ihnen ist das offensichtlich nicht klar. Und: Was heißt „Geld schlechthin (zu) produzieren“ – Geld kann immer nur als „bestimmte Währung“ emittiert werden, wie sonst? Gold ist eben kein „Geld“, sondern – Sie kennen doch Ihren Marx? – nur „Geldware“; ein Unterschied! Heute wieder auf das Gold oder andere Werte zu rekurrieren halte ich auch für falsch; entscheidend ist die Glaubwürdigkeit und Bonität des Emittenten.

    • Lieber Herr Wohanka, da die e-Mail mit Ihrem Kommentar vom 18.9. mich erst heute morgen erreichte, beschränke ich mich auf eine kurze Replik – zumal Ihre Ergänzungen meinem Beitrag (in No. 19/2017) ja nicht widersprechen: die Geldschöpfung „aus dem Nichts“ habe ich bereits im Titel meines Beitrags angesprochen, ihre „Akteure“ zumindest erwähnt. Da Sie sich aber auf Marx berufen, möchte ich Sie an dessen Einschätzung erinnern, wonach „obgleich Gold und Silber nicht von Natur aus Geld, Geld von Natur Gold und Silber ist“. – Die Entwicklung von diesem Zustand zu den heutigen, weniger „natürlichen“ Verhältnissen habe ich zu skizzieren versucht. – Ähnliches tut übrigens Klaus Müller weit ausführlicher in einem Text, den er in der Zwischenzeit in eine Forums-Diskussion zu einem verwandten Thema eingebracht hat:
      https://www.jungewelt.de/artikel/318338.ma%C3%9F-der-werte.html?sstr=Ma%C3%9F%7Cder%7CWerte
      Diese Darstellung finde ich rundum überzeugend – abgesehen vielleicht von der Detailfrage, ob sich nicht auch das heutige Geld als Ware verstehen lässt; oder wenigstens in manchen Zusammenhängen als solche behandelt wird. Hier wäre also vielleicht ein lohnenderer Ansatzpunkt für eine vertiefte Debatte.

  26. Jürgen Scherer sagt:

    An der See oder wo auch immer…
    Ja, ja, die Berufung auf die Alten, mal auf Perikles, mal, wie diesmal, auf Laotse, hat so ihre Tücken. Wer von Perikles` „Goldenem Zeitalter“ redet, um für die Wahl von „Mutti“ zu plädieren, sollte den anderen Perikles nicht vergessen, der durchaus nicht unschuldig war an den „Peloponnesischen Kriegen“. So golden waren die Zeiten dann doch nicht! Wer Laotse als Zeugen für das Besondere an Mutti aufruft, sollte allerdings mit der Exegese von dessen Weisheiten möglichst genau vorgehen. Denn die von Laotse gemeinte „Herablassung“ des weiblichen Elementes ist wohl als das sich „Einlassen“ zu verstehen. Hat also nichts mit der im Artikel angesprochenen negativen Konnotation von „Herablassung“ zu tun, mit der Herr Schulz zu kämpfen hat. … Dann auch noch ein Laotselob für „Mutti“ und ihre „tatlose Verwaltung“. Fertig ist der Mäusespeck! Was aber, wenn die Mäuse nur scheinbar froh sind, wenn sie nur meinen, sie wären froh, weil der Mäusespeck dazu da ist, sie einzulullen, sie in trügerischer Sicherheit zu wiegen, während die Katze schon ihre Fallen aufgestellt hat, in die die Mäuse nach den Mäusewahlferien tappen werden bzw. sollen? In Mäusekreisen, so geht das Gerücht, vermisst Maus durchaus die aufklärerische Diskussion unter den Katzen, was sie mit der Mäusepopulation nach den Ferien vorhaben. Auch wenn manche Obermäuse meinen, dass die Mäuse zu dumm für solche Diskussionen seien. Bisher war es nämlich meist so, dass, Laotse hin, Laotse her, die Mutterkatze für Überraschungen immer gut war. Fröhlich ging es dann nicht immer zu, außer für so ein paar Extramäuse. Wie sagte Kaotze doch so schön: Starke Katze – große Gefahr!

  27. Werner Richter sagt:

    Zu „Leninist“ Trump von Stephan Wohanka
    Verehrter Herr Wohanka, das ist alles richtig oder besser: nicht ganz falsch. Jedoch hat Ihre Darstellung eine verdammt weiche Stelle, sie ist eine Widerspiegelung der medialen Darstellung, nicht unbedingt der realen Vorgänge. Welche Kräfte eine mediale Nebelwand auch hierzu mit welcher Zielstellung, gerichtet auf die Konditionierung der Öffentlichkeit, erzeugen und das wirklich Wichtige zu verbergen versuchen, ist wohl nicht mehr notwendig zu erklären. In unserer so schönen Medienwelt kann man das täglich verfolgen. Erst gestern Abend noch wärmte die Kleber-Show nochmals das Märchen vom Völkermord in Myanmar auf, obwohl bereits tagelang Zweifel an dieser Darstellung durch die Weltpresse gingen, genauso wie vorher das Märchen von den „Letzten Männern von Aleppo“, der armen Bana, dem Giftgaseinsatz durch Assad, dem Buk-Abschuß der MH 17 durch die Russen, die Wahlfälschung in den USA durch Putin u.ä. Um sich den realen Vorgängen zu nähern, wäre, schon mal angemahnt, eine Anleihe vom Vorgehen anderer Diskursanten nützlich, z.B. von Thierry Meysan, der viele Hintergrundinformationen aus exklusiven Quellen besitzt und nüchtern analysiert. Mit seiner Methode kommt man zu ganz anderen Ergebnissen, Trump, bei aller Problematik, kämpft (vermutlich aussichtslos, weil darin selbst gefangen) nicht gegen die vermeintliche US- und auch westeuropäische Demokratie, um sie abzuschaffen, sondern gegen den sog. „Tiefen Staat“, den der CIA-Boß indirekt bestätigte und der die Demokratie, wenn es sie überhaupt je gegeben hat, längst abgeschafft hat. Also gegen einen Umstand, daß so etwas wie Demokratie vorgegaukelt wird, die Fäden jedoch immer von Gruppen entsprechend Mächtiger gezogen wurden und werden. Nicht mit hehren Absichten, das ist klar. Aber auch nur die kleinste Sympathie für eine „korrekte“ oder „korrektere“ Hillary würde ich mir verkneifen. Sie ist nicht zu Unrecht in Vieler Augen die Inkarnation der Verlogenheit. Auch nicht übersehen sollte man, daß die „Säuberungen“ im Apparat ein Teil des Kampfes gegen den „Tiefen Staat“ sei könnte, der in der Administration sich mit der Mehrzahl der Mitarbeiter festgesetzt hat und gegen Veränderungen intrigiert, siehe vergangene Kampagnen über gewisse Medien. Daß Trump hier einer Illusion aufsitzt und selbst unglaubwürdig ist, ist eine andere Frage. Trump ist auch nicht der Erfinder der Fake-News und er wendet sie auch nicht alleine an. Fake-News-Rufer, auch in den Regierungen und staatlichen Institutionen sowie Medien, nutzen diesen Vorwurf zur Transformation ihrer fakes zu „Wahrheit“. Ein Mitmachen bei der Trump-Monster-Show ist wohl oder übel eine Unterstützung der Desinformationsstrategie. Man sollte überlegen, ob man wie Stellung bezieht. Sonst aber wäre es nur recht und billig, auch den aktuellen Bundeswahlkampf als ernsthaft und wichtig und die dortigen Themen als entscheidend anzusehen. Um es mit Putin zu sagen (Erwiderung auf Netanjahus plötzliche Warnung, in Syrien jetzt offen militärisch mitmischen zu wollen): Na dann viel Glück!

    • Stephan Wohanka sagt:

      Lieber Herr Richter,
      Sie verweisen auf „Thierry Meysan, der viele Hintergrundinformationen aus exklusiven Quellen besitzt und nüchtern analysiert“. Ich kenne den Mann nicht; mache ich mich schlau, finde ich: „Meyssan vertritt zunehmend anti-zionistische und anti-US Positionen, und sucht die Nähe bekannter rechtsextremer Denker und Propagandisten wie Alain Soral und Dieudonné. Er … steht der Hisbollah sowie den iranischen und syrischen Regimes nahe; während des libyschen Bürgerkrieges“ war er „für Gaddafi und im syrischen Bürgerkrieg für die Regierung von Assad“. Sein Kumpel Soral „schloss sich 2006 offiziell dem Front National an und wurde Mitglied des Zentralkomitees nach einer Nominierung durch Jean-Marie Le Pen“, um dann „2009 aus dem FN aus(zuscheiden), nachdem er nach einer Auseinandersetzung mit Marine Le Pen keinen Spitzenplatz bei der Europawahl 2009 erhalten hatte. Bekanntheit erlangte Soral … durch seine Zusammenarbeit mit dem Komiker Dieudonné“. Der wiederum war „ursprünglich im linken politischen Spektrum tätig, wandte er sich zunehmend antisemitischen Positionen zu und gilt mittlerweile als prominenter Vertreter des Rechtsextremismus“.
      Ich habe das alles nicht überprüft; war mir im Augenblick zu mühsam. Aber bei aller Liebe, Herr Richter, Sie werden es mir nachsehen, dass ich den besagten Herr Meysan für eine so eine dolle Quelle, wie Sie unterstellen, nicht halte! Er ist wohl ziemlich klar einer Ecke zuzuordnen.
      Zum „Tiefen Staat“. Sie wissen es – die Idee des „Tiefen Staats“ geht auf die türkische Phrase „derin devlet“ zurück, die nach dem Zwischenfall von Susurluk aufkam und die für die unheimliche „Dreiecksbeziehung zwischen Mafia, Polizei und Politik“ (so die Tageszeitung milliyet) steht. Wie jetzt tatsächlich viele Publikationen und Bücher in den USA zeigen, ist die Idee des Tiefen Staats auch in den USA zum Mainstream-Thema geworden.
      Zwangsläufig stellt sich einem daher die Frage: Warum jetzt? Vor allem wohl deshalb, weil gewissen Kreisen daran gelegen ist, in Zeiten von 9/11, Irak, Bail-Out/-In, Migrationskrisen oder des Islamischen Staates einem breiten Publikum weiszumachen, dass die Politiker in der ersten Reihe (also ein Trump, eine Merkel oder ein Putin) nur diejenigen seien, die für die „Show verantwortlich“ wären, ganz andere jedoch die Fäden in der Hand hielten. Wobei Studien tatsächlich festgestellt haben, dass die USA nicht mehr ausschließlich von politischen Parteien respektive Politikern regiert werden, sondern auch von einer „Ansammlung besonderer Interessen“. Und damit sind nicht nur wirtschaftliche gemeint, nein, explizit auch politische; Stichwort Bannon und sein Breitbart-News-Network. Denen liegt daran, die tatsächlich schon unterminierte Demokratie weiter zu schwächen und möglichst zu stürzen. Ich sehe Trump als Exponenten dieser Interessen; wie weit ihm das bewusst ist oder nicht, inwieweit er deren Marionette ist oder eigenständiger Akteur, weiß ich nicht. Aber klar ist, dass mit Trump der Bock zum Gärtner gemacht wird, wenn er – wie Sie schreiben – den Tiefen Staat bekämpfe. Sie selbst schätzen ja ein „vermutlich aussichtslos, weil darin selbst gefangen“; eben.

    • Werner Richter sagt:

      Lieber Herr Wohanka, daß Meyssan ein bewegtes Leben hat, ist auf voltairenet.org von ihm schon mehrfach beschrieben worden. Aber nicht alle Veröffentlichungen über ihn sind wahr, sondern auch unter medialer Diskreditierung aus gegnerischer Richtung von bestimmten politischen Kräften, „Sicherheitskreisen“ und Geheimdienste zu verbuchen. Man kann z.Z. ein Beispiel verfolgen, wie das geht (1). Sie werden nirgends finden, daß ich Meyssan oder Trump als durchweg integre Personen darstelle, die die Wahrheit gepachtet hätten, aber sind denn dann alle Aussagen und (Meyssans) Analyseergebnisse rundweg abzulehnen? Haben wir nicht auch hier anderen (stellvertretender ISI-Chef Pakistans) Raum für ihre Darstellungen gegeben, wohl wissend, darin sind auch Fakes? Warum wohl? Die Inkarnation der Manipulation namens Trump ist Legende, aber sind deshalb die Behauptungen seiner Gegenseite das Gegenteil des Bösen, also gut? Was mich stört, ist die Schubladenmethode. Wenn zwei üble Gestalten wie Clinton und Trump sich mit Vorwürfen überschütten, ist eine einseitige Stellungnahme, die Versimplifizierungen erzeugen, eine Parteinahme der scheinbar etwas gemäßigteren Seite, die keineswegs human ist, nur verlogener. Das gilt ebenso für die Teilnahme an der üblichen Trump-Schelte. Meyssan hat in der Vergangenheit sowohl Analysen vorgestellt als auch sehr konkrete Vorgänge aus Bereichen der Geheimoperationen an die Öffentlichkeit gebracht, die sich als zutreffend erwiesen, ist dabei vielen Verantwortlichen empfindlich auf den Schlips getreten. Viele geheimdienstlich inspirierten und gelenkten exakt beschriebene Operationen wären ohne ihn im Dunkel geblieben. Jüngst bekannt gewordene geheime Versorgungsoperationen der Nato an den IS hat er schon vor Wochen dargestellt (2). Daß deswegen auch Operationen, und nicht nur verbale, gegen ihn laufen, ist nur logisch. Woher er diese Informationen bezieht, ist zweitrangig, und wofür in gewisser Beziehung auch. Wenn sie dem Zerreißen des medialen und politischen Nebelvorhanges dienen, sind mir alle willkommen. Sie für bare Münze zu nehmen, verbietet sich von selbst.
      Aus allen Vorwürfen, die im Raum stehen, ist ein Kern von Wahrheit zu gewinnen, das erzwingt die Totalität des Kampfes der Hyänen. Trump muß den aktuellen Tiefen Staat brachial angreifen und auch viel Wahrheit aussprechen, die unter anderen Umständen in der Versenkung geblieben wäre. Auch zum Zwecke der Etablierung seines eigenen Tiefen Staates. Das kann man als Verschwörungstheorie abkanzeln, wird auch zu Genüge getan. Aber die innenpolitischen Vorgänge hierzulande und besonders deutlich in Frankreich und Spanien lassen uns Besseres, eigentlich Schlechteres für die Hoffnung auf Demokratie befürchten. Die weltpolitischen Analysen von Meyssan würde ich nicht so abqualifizieren, sie haben sich immer wieder als zutreffend erwiesen.
      Übrigens, wie halten wir es mit der Vielzahl von Informationen aus unserem täglichen, auch politischen und medialen Umfeld? Lassen wir nur die gelten, die von Personen stammen, die das Potential zur späteren Heiligsprechnug in sich bergen oder nehmen wir nicht auch solche von Politikern einigermaßen respektvoll an, die sich schon als Lügner oder Täuscher erwiesen? Gibt es da unterschiedliche Normative?
      Zum Schluß, ich habe eine tiefe Aversion gegen den Begriff Demokratie für die Zustände, in denen wir als auch die USA-Bürger leben, das ist mir Blasphemie.
      1) https://www.heise.de/tp/news/Wie-die-Schweiz-sich-als-spanischer-Erfuellungsgehilfe-laecherlich-macht-3834203.html
      2) (https://www.heise.de/tp/features/Waffentransporte-vom-Balkan-ueber-Saudi-Arabien-nach-Syrien-3835034.html)

  28. Werner Richter sagt:

    Zu Das Beispiel Venezuela von Ulrich Busch
    Mit der Analyse gehe ich konform, sie trifft den ökonomischen Kern der „Sozialismusproblematik“. Sie ist insofern zu akzeptieren, wie sie sich auf die üblichen Betrachtungsweisen zur Unterscheidung von Kapitalismus und Sozialismus beschränkt. Auch hierbei ist das Marxzitat angebracht. Aber es gibt von Marx einige andere, grundsätzlichere Fragestellungen, die in Abhängigkeit von der herrschenden (Staats-/Partei)-Theorie, man hat sich ja ein- bzw. unterzuordnen, gewissermaßen Scheuklappen anzulegen, einst konsequent stetig übersehen wurden und noch heute negiert werden. Dazu zählen die von Marx für sein Gesamtwerk als allgemeingültig und durchgehend so gemeinten Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Produktion und speziell der Rolle des Wertes in der Warenproduktion. Es verwundert schon oder, nach einigem Nachdenken nicht mehr, warum in den Arbeiten der Ökonomen dieses Jahres das jüngst erschienene Kapital 1.5 Die Wertform keine Rolle spielt. Sollte ich hier irren, ich bin nicht Jesus und mir wächst kein Gras aus der Nase, lediglich wohl altersbedingt eine Menge Haare, korrigiere man mich. Diese Abstinenz ist allseitig, auch die dazu angebotene Diskussion auf der Website http://www.wirtschaftstheorie-forum.de wird von vielen Ökonomen bisher gemieden. Denn die im genannten Kapital 1.5 gesammelten Überlegungen von Marx stellen ganz einfach alle bisherigen Sozialismusdefinitionen und -modelle prinzipiell in Frage. Daraus erklärt sich auch die lange Geburt seit 1949. Wie wäre es, wird es nicht Zeit, sich diesen Fragestellungen zu zu wenden und zu beginnen, die Analysen gesellschaftlicher Verhältnisse auf die Analyse der Wirkung des Wertgesetzes zu stellen? Dann käme man vermutlich auf ganz andere Schlüsse als bisher. Der Autor hat es eigentlich schon angedeutet, auf der Grundlage des Wertes kann sich keine sozialistische Gesellschaft bilden, egal, welche Politik betrieben wird. Somit wäre auch die Frage nach dem Primat zwischen Ökonomie und Politik überflüssig bzw. nur für die aktuelle Situation in der Warenproduktion von Bedeutung. In einer wirklich sozialistischen, auf die Bedürfnisse aufbauenden Produktion, die nur als Nichtwarenproduktion diese Bezeichnung verdient, wäre auch Ökonomie nicht mehr existent, behaupten die Thesen der Website. Das müßte eigentlich den Widerspruch der „alten“ Ökonomen auslösen, aber nichts da, still ruht der See. Das alles könnte auf der genannten Website diskutiert werden, man muß nur den Mut aufbringen.

  29. Dieter sagt:

    Irgendwer hat einmal gesagt: Der Sieg der kapitalistischen Marktwirtschaft gegenüber der sozialistischen Planwirtschaft ist der Sieg der Algebra über das Wünschen. Das ist wohl leider wahr. Wie auch die Tatsache, dass gutgemeint eben keineswqegs zwangsläufig gut ist.
    Dieter

    • Peter sagt:

      Hallo
      Für mich wäre es schon wichtig wer “Irgendwer“ ist, dann könnte ich mir den Hintergrund denken. War es Hitler oder Ghandi oder gar niemand von denen?
      Es muss zumindest ein „flache“ Betrachtung sein, Kapitalistisch ist immer Markt und sozialistisch immer Plan, gemeinsam ist denen das sie Ökonomische Systeme sind. Was allerdings Algebra mit Wünsche für eine Schnittstelle hat erschließest sich mir nicht.
      Das es eine Tatsache sein soll das gut-gemeint eben nicht gut ist kann ich auch nicht nachvollziehen. Der der in dem Sinn gut handelt kann davon ausgehen das es für ihn gut ist, wieso sollte er es sonst tun. Wenn jemand anders es nicht gut findet ändert an der Sache nichts. Was überhaupt gesagt werden soll ??

  30. Petra Lücke sagt:

    Zu Ulrich Busch.
    Man könnte meinen, auch noch so orthodoxe Linke hätten spätestens seit dem Desaster des Realsozialismus begriffen, was Ulrich Busch hier ausführt. Aber selbst wenn das natürlich auch viele getan haben mögen – diejenigen, die weiter am Primat der Politik festhalten wie ein Katholik an der Dreifaltigkeit, bestehen selbst dann darauf, wenn sie von sich sagen, sie dächten den Sozialismus irgendeiner zukunft nun neu.
    Gewiss gibt es selbst in der Marktwirtschaft punktuelle Entscheidungen, denen ein Primat des Politischen zugrunde liegen, man denke an die nicht geringe Zahl von staatlichen Subventionen. Aber dass nur verteilt ,werden kann, was vorher erwirtschaftet worden ist, hat – da dies ein Quasi-Zitat ist – auch ein Honecker erst begriffen, als es im Grunde bereits zu spät war.
    Petra Lücke

  31. hwk sagt:

    „Ich strebe an, Bundeskanzler zu werden“, antwortete Schulz auf eine Frage , ob er für sich selbst nach der Bundestagswahl einen Einzug in ein neues Kabinett unter Merkel ausschließe – die Frage beantwortete er damit zwar nicht, fügte aber hinzu: „Und wenn Frau Merkel in mein Kabinett eintreten will, kann sie das gerne als Vizekanzlerin tun.“ (Spiegel-Online)
    Humor hat er ja, das muss man MartinSchulz lassen.
    Vielleicht lohnte sich ein SPD-Wahlsieg schon deshalb, weil man dann mit mehr Heiterkeit in der Poilitik rechnen könnte.

  32. Franz Berthold sagt:

    Gewiss muss man Le Bon nicht als sakrosankten Massenpsychologen ansehen, lesens- und bedenkenswert scheint mir sein Hauptwerk aber doch. Aktualitätsbedingt hier nur ein Auszug:

    Die Wählermassen
    Von Gustave Le Bon

    Die Wählermassen, d. h. die Gesamtheiten, die zur Wahl der Inhaber gewisser Ämter berufen sind, bilden ungleichartige Massen; da sie aber nur in einer ganz bestimmten
    Frage ihre Wirksamkeit entfalten, nämlich bei der Wahl zwischen mehreren Kandidaten, so lassen sich bei ihnen nur einige der früher beschriebenen Merkmale beobachten.
    Besonders hervorragend ist die geringe Urteilsfähigkeit, dann der Mangel an kritischem Denken, die Erregbarkeit, Leichtgläubigkeit und Einfalt der Massen. Auch entdeckt man in ihren Entscheidungen den Einfluß der Führer und die Wirkung der bereits angeführten Triebkräfte: Behaup tung, Wiederholung, Nimbus und Übertragung.
    Sehen wir nun zu, wie sie zu gewinnen sind. Ihre Psycho- logie läßt sich nach bewährter Methode klar ableiten.
    Als erste Eigenschaft muß der Bewerber einen Nimbus haben. Persönlicher Nimbus kann nur durch Reichtum ersetzt werden. Talent und selbst Genie sind keine Vor bedingungen für den Erfolg. Folglich ist der persönliche Nimbus des Bewerbers, um sich ohne weitere Erörterungen durchsetzen zu können, von ausschlaggebender Bedeutung. Daß die Wähler, die in der Mehrzahl aus Arbeitern und Bauern bestehen, so selten einen ihrer Leute als Vertreter wählen, erklärt sich daraus, daß ihre Standesgenossen keinen Nimbus bei ihnen haben. Sie wählen einen ihresgleichen fast nur aus nebensächlichen Gründen, etwa um einen hochgestellten Manne, einem mächtigen Arbeitgeber entgegenzutreten, weil der Wähler Tag für Tag die Abhängigkeit von diesem empfindet und sich so einbildet, einen Augenblick seiner Herr zu sein.
    Aber der Besitz des Nimbus genügt für den Bewerber nicht zur Sicherung des Erfolges. Der Wähler hält darauf, daß man seinen Begierden und Eitelkeiten schmeichelt. Der Kandidat muß übertriebene Schmeicheleien anwenden und darf kein Bedenken tragen, die phantastischsten Versprechungen zu machen. Vor Arbeitern kann man ihre
    Arbeitgeber nicht genug beleidigen und schmähen. Den gegnerischen Bewerber wiederum muß man zu vernichten suchen, indem man durch Behauptung, Wiederholung und Übertragung zu beweisen sucht, er sei der ärgste Schuft, von dem jeder wisse, daß er etliche Verbrechen begangen habe. Selbstredend ist es unnötig, etwas vorbringen zu wollen, was einem Beweis ähnelt. Ist der Gegner ein schlechter Kenner de Massenpsychologie, so wird er sich durch Beweise zu rechtfertigen suchen, anstatt auf verleumderische Behauptungen einfach mit andern ebenso verleumderischen zu antworten, und wird dann keine Aussicht auf Sieg haben. Das geschriebene Programm des Kandidaten darf nicht sehr entschieden sein, weil seine Gegner es ihm später entgegenhalten könnten, aber sein mündliches Programm kann nicht übertrieben genug sein.
    Die außerordentlichsten Reformen dürfen in Aussicht gestellt werden. Für den Augenblick erzielen diese Übertreibungen große Wirkung und für die Zukunft verpflichten sie zu nichts. Der Wähler kümmert sich später tatsächlich nie darum, ob der Gewählte sein Glaubensbekenntnis, dem man begeistert zustimmte und das angeblich die Voraussetzung für das Zustandekommen der Wahl war, auch wirklich befolgt hat.
    (…)
    Aus Gustave Le Bon, „Psychologie der Massen“, 1911

    • Klaus Müller sagt:

      Ergänzend eine weitere tiefsinnige Bemerkung Le Bons: „Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären versucht, stets ihr Opfer.“ Wer wollte da widersprechen?

  33. Jürgen Scherer sagt:

    Zu Literat vom 7.9.
    Nur der Vollständigkeit halber:
    Der Komödiant war Wolfgang Neuss, einer der begnadetsten Kabarettisten unserer Republik, und der Spruch lautete:
    Heut mach ich mir kein Abendbrot, heut mach ich mir Gedanken.

  34. Stephan Wohanka sagt:

    Ich denke, dass der aktuelle Disput im Blättchen-Blog ein Paradoxon abbildet: Einerseits ist der kulturell dominierende Habitus links, der Zeit g e i s t ist (immer noch) links, andererseits ist d i e Z e i t nicht mehr links: Links hat (partei)politisch-praktisch deutlich an Boden verloren; und Bosselmann hat recht, wenn er mit dem Satz „sollte das Linksintellektuelle hinsichtlich echten Wirkungsquantum je wiederzubeleben sein“ auf linkes Ausgelauchtsein hinweist. Kronzeuge ist Jörg Meuthen, Kovorsitzender der AfD: „Wir wollen weg von diesem links-rot-grün verseuchten 68ziger Deutschland“. Wenn links „nichts“ (mehr) zu sagen hat – was hat rechts zu sagen?
    Noch ein Wort zu links. Dies zerfällt in ein soziales und ein kulturelles Links. Das soziale Links steht für Umverteilung von oben nach unten, für organisierte Interessenvertretung und das Vertrauen in einen Staat, der Verteilungs- und Chancengerechtigkeit durchzusetzen kann. Das kulturelle steht für Minderheitenrechte, informelle Bewegungen und die Skepsis gegenüber etatistischen Lösungen. Das Staats- und Parteiwesen ist ihm fremd, in den Blick nimmt es vor allem Blick- und Sprachveränderungen – Genderforschung, political correctness; es geht ihm um Diskurs. Ich will ein brandaktuelles Exempel linker Bilder- und Sprachstürmerei besteuern: Der AStA an der Alice Salomon Hochschule Berlin will ein schlichtes, schönes Gedicht Eugen Gomringers, das die Worte „avenidas, flores, mujeres, admirador“ variiert, von der Hauswand entfernen lassen, weil es die „alltägliche sexuelle Belästigung“ von Frauen thematisiere, eine „patriarchale Kunsttradition“ perpetuiere und Frauen für ihr „körperliches Frau-Sein“ bewundert würden. Die PEN-Präsidentin Regula Venske nennt das AStA-Handeln „barbarischen Schwachsinn“, womit sie recht hat…
    Was hat also rechts zu sagen? Nach meinem Empfinden reibt sich die konservativ-rechte Debatte vor allem am Linkskulturellen, weniger am Linkssozialen. Oft in einer hermetisch-dunklen Kunstsprache (prototypisch Botho Strauss), die die Autoren dem Jargon der schnelllebigen, aus ihrer Sicht linkslastigen Mediengesellschaft entgegenstellen.
    Es geht deftig zur Sache: „Der Kampf um die Vorherrschaft im eigenen Raum ist ein Kampf, keine Diskussion. Wenn eine Seite die Kraft für die Auseinandersetzung nicht aufbringt, verschwindet sie einfach. Oder mit anderen Worten: Wenn wir Deutsche zu zivilisiert für die Notwendigkeiten des Vorbürgerkriegs bleiben, ist die Auseinandersetzung bereits entschieden: ´Nur Barbaren können sich verteidigen´, sagt Nietzsche“ und sagt Götz Kubitschek, Vordenker dieses Spektrums rechts-konservativer Denkungsart und zugleich Gründer des Instituts für Staatspolitik. „Zentrale Anliegen des IfS“ ist die „wissenschaftliche Arbeit“, um „eine historische Minorität wenn nicht zu repräsentieren, dann zu stiften“. Denn Geschichte werde letztlich von Eliten gemacht, da nur diese über „Einsicht, wirkliche Einsicht“ verfügten und nur diese „die tatsächlichen Zusammenhänge begreifen“. Das gilt auch für Gegeneliten, die einen Elitenwechsel anstreben: „Es müssen sich, um eine Formel Enzensbergers zu benutzen, ´historische Minoritäten´ bilden, die notfalls gegen erdrückende Mehrheiten ihre Position behaupten und [,] wenn der Fall eintritt, handlungsbereit sind“.
    Meine Sorge: Obiges in politische Praxis umgesetzt, eröffnete Möglichkeiten politischer Einflussnahme, die erschaudern lassen. Wenn dann noch Bemühungen hinzukommen, die „örtlichen oder auch deutschlandweiten Widerstandsbemühungen miteinander [zu] vernetzen und […] die Struktur einer wirkmächtigen Gegenbewegung“ gegen die „Auflösung unseres Staates“ erinnert das an finsterste Zeiten hierzulande – noch nicht die „Machtübernahme“, aber doch die Straßen- und Saalschlachten der Weimarer Republik. Und da schließt sich der Kreis: Wahrhaft linke Denker haben dem momentan wenig bis nichts entgegenzusetzen; ihre Denkungsart ist eine andere. Ein neues Thema.

  35. Literat sagt:

    Nochmals Goethe „Klappe! Die Zweite“
    2. Studierzimmer-Szene, Mephisto, nicht Faust:
    „Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
    mit Worten ein System bereiten.
    An Worte läßt sich trefflich glauben;
    von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.“
    Zur Beförderung unseres Diskurses soll „Börse von heute“ (6. September) diesen essenziellen Beitrag leisten:
    „Starke Autoaktien schieben Dax nach oben. Am meisten Gas geben dabei Daimler, die mit einem Plus von 3,2 Prozent an der Spitze liegen. Dahinter können VW und BMW immerhin noch jeweils 1,6 zulegen. Einerseits spekulieren die Anleger weiter um Aufspaltungen der Konzerne in Holding-Strukturen, wie Daimler sie bereits angekündigt hat. Andererseits profitieren sie weiter von den Äußerungen der Bundesregierung, nachdem ein Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren erst sehr langfristig erfolgen und ein Dieselfahrverbot vermieden werden soll.“
    Ehe die Bundesregierung die offenbar erfreuliche Entwarnung gab (Frau Merkel gemeinsam mit Herrn Steinbrück in vergleichbarer Situation: „Wir müssen abwarten, wie die Märkte reagieren“), waren Menschen aus dem AfD-Spektrum Wortführer dessen. Und dabei sind sie noch nicht mal im Parlament! Ob das mit gemeinsamen Interessen oberhalb von Parteien zu tun haben könnte, wofür bei der Machtausübung die politische Farbenlehre eben nicht verbindlich ist?
    Wie enthüllte doch einer der großen Komödianten die Situation? „Heut mach ich mir kein Mittag, heut mach ich mir Gedanken“. Das kommt davon.

  36. Jürgen Scherer sagt:

    Sehr geehrter Herr Bosselman! Nachdem Sie ja nun bzgl. Ihrer „politischen Hygiene“ Klarheit geschaffen haben, ein paar Worte zu der vermeintlich apolitischen Jugend und den „Bindekräften der Rechten“. Ich will nun nicht zum wiederholten Male die Gründe für die erschreckende Eindimensionalität in unserem derzeitigen Bildungswesen beschreiben, die apolitisches, systemkonformes Verhalten fordert und fördert, und zwar auf der Basis kapitalistischer Vorgaben und Forderungen. Stattdessen will ich, was politisches Handeln angeht, auf Organisationen wie attac oder greeenpeace verweisen, Organisationen, die Jugendliche als attraktiv ansehen und in denen sie sich in großer Zahl engagieren. Ein anderes Beispiel wären die Proteste gegen Ceta, TTIP etc., deren Öffentlichkeitswirksamkeit ohne die große Anzahl von Jugendlichen gar nicht denkbar gewesen wären. Also gänzlich unpolitisch ist unsere Jugend in Deutschland nicht. Vielleicht müssen wir uns von bestimmten Politikvorstellungen verabschieden, um das besser verstehen zu können, was unsere Jugend unter Politik versteht.
    Was nun die Bindekräfte der Rechten angeht, so sehe ich sie geprägt von eingebildeter und geschürter Angst vor „dem Fremden“, dem Fremden als Subjekt und zugleich als Abstraktum. Beides lässt sich leicht als Legitimation für Dumpfnationales, Deutschtümelndes, Nationalistisches heranziehen. Ich muss nur das Fremde nicht an mich heranlassen oder es mythisch-mystisch negativ aufladen. Diese Aufladung besorgen dann advocati diaboli wie ein Herr Sarrazin oder, heruntergeholt an den Stammtisch, Björn Höcke. Die AFD greift dann dieses gefährliche Gesummse auf und gießt es in eine politische Form, die teils offen faschistisch daherkommt (Flüchtlinge an der Grenze erschießen sagt Frau Storch) teils subtil von Gauland und Meuthen, die gerne mal jemanden „entsorgt“ sehen, z.B. in der Türkei. Insofern ist die von Ihnen verwendete Qualifizierung „unappetitlich“ für innerparteiliche Vorgänge innerhalb dieser Partei, gelinde gesagt, eine gefährliche Verharmlosung. Sie machen die Brandstifter zu Biedermännern und – frauen! Wie wir wissen zeigt der Eisberg immer nur ein Drittel seiner wahren Gestalt. Tucho ist da eigentlich ganz klar: „Wenn sie in ihren Sälen hetzen,/sagt: »Ja und Amen – aber gern!/Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«/Und prügeln sie, so lobt den Herrn./Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!/ Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.“ In diesem Sinne ist die AFD für mich eine quasifaschistische Partei, deren wahres Weltbild immer wieder entlarvt und an den Pranger gestellt gehört. Null Toleranz für Menschenverachtung und Unmenschlichkeit! Denn das sind die wesentlichen Bindekräfte der Rechten, virulent geworden aufgrund von Existenzängsten, für die unser Wirtschaftssystem verantwortlich ist. Da sehe ich nichts, was mit von Ihnen isnuniiertem aufgeklärten politischen Bewusstsein zu tun hat. „Die Fremden sind schuld an unserer Misere, nicht etwa die da oben. Weg mit dem/den Fremden und in Deutschland ist/wird alles wieder gut“, so das vereinfachte, auch und gerade von der AFD beeinflusste und geförderte, Weltbild.

  37. Klaus Müller sagt:

    Nun wissen wir es: Die Welt ist schlecht, weil es Menschen gibt, die das Gute wollen. Bosselmann hat nicht nur ein Problem mit Kausalitäten, er hat eins mit der Gesinnung, wenn er Bekenntnisse für Gewaltfreiheit, Toleranz, Antidiskriminierung und Gerechtigkeit für nicht gerechtfertigt hält. Er hasst alles, was den Anschein von links und rot hat, sympathisiert offen mit rechts und tiefschwarz. Das kann er ja tun, wäre aber in der „Jungen Freiheit“ mit seiner Meinung am geeigneteren Platz. Die stilistische Qualität seiner Texte weiß ich zu würdigen, obgleich mir deren Inhalte widerwärtig sind. Widerwärtiges wird ja nicht erfreulich, Absurdes nicht wahr, weil es uns eloquent mitgeteilt wird.

    • Heino Bosselmann sagt:

      Sehr geehrter Herr Müller, verbunden mit meinem Dank für Ihre Aufmerksamkeit: Sie sind recht flott im Urteil. Meine Einstellung, als Anleihe bei Max Weber: Verantwortungs- statt Gesinnungsethik. Gesinnungen erschrecken mich nicht; die Leute wechseln sie: Mein einstiger Politoffizier bei den Grenztruppen der DDR ging schnurstracks und problemlos zum Bundesgrenzschutz des einstigen Feindes, und aus Staatsbürgerkundekollegen wurden umgehend Sozialkundelehrer. Ganz problemlos. Mir geht es um den – zugegeben – recht kühlen, möglichst unaufgeregt sachlichen Blick. Glauben Sie mir bitte, dass ich dabei Skeptiker bleibe. Forderten Sie allerdings mit Hartmut König „Sag mir, wo du stehst!“, so wüsste ich Ihnen freilich keine so genaue Antwort zu geben, wie Sie die vermutlich parat hätten. Ja, das ist mein Dilemma.

      In der „Jungen Freiheit“ und sogar in der „Sezession“ veröffentlicht zu haben, dazu stehe ich. Gründe dafür lagen gerade für meine Tätigkeitsbereiche nahe, da sich bestimmte Kritik nirgendwo sonst äußern ließ. Namentlich die „Junge Freiheit“ dürfte heute als moderat-konservatives Blatt gelten können, freilich etwas AfD-zentriert, aber insgesamt in dem Raum politisch heimisch, den die CDU schon lange räumte, vermutlich fatalerweise. – Letztlich würde ich allerdings keinem Gesinnungsblatt zur Verfügung stehen wollen. Das „Blättchen“ verweist auf eine linksintellektuelle Traditionslinie; sein Vorläufer, „Die Weltbühne“, war kein Zentralorgan, sondern ein charmantes Background-Blatt. Ich mag hier keine typische Stimme sein, aber ich bin hier aus freien Stücken.

      Sollte das Linksintellektuelle hinsichtlich echten Wirkungsquantum je wiederzubeleben sein, wird es über die von Ihnen angeregte Gesinnungsethik hinauswachsen müssen. Sie erleben es an meinem bescheidenen Beispiel: Stellt man irgendwo etwas ein, was die Diskussion sogleich befeuert, gilt man schnell als Brandstifter, dem gegenüber nicht mehr argumentiert wird, sondern dem Gesinnung vorgeworfen wird und der dann, meinen manche, denunziert gehört. Die Linke redet doch seit Habermas von Diskursethik. Dazu gehört nun mal der Diskurs.

      Meine Erfahrungen im Bereich der Rechten sind mindestens für mich politisch und philosophisch durchaus von Wert. Ja, ich würde der Linken geradezu raten, sich rechter Publizistik von Niveau kritisch zuzuwenden. Man infiziert sich da schon nicht; man wächst an der Auseinandersetzung und gewinnt Spektrum. Als EOS-Schüler las ich etwa die Auseinandersetzungen zwischen Ludovico Settembrini und Leo Naphta in „Der Zauberberg“ mit besonderem Genuss, freilich nicht erspürend, wie sehr Thomas Mann dies zu ironisieren verstand. Übrigens war mir Naphta sympathischer. Zugegeben. – Mal abgesehen davon, welche Anleihen die Linke dort, wo sie überhaupt je mal an der Macht war, bei der Rechten nahm, insbesondere rechts- und staatphilosophisch, machtpolitisch ja sowieso.

      Man sollt doch im Gegner den Gegner sehen – und nicht den Teufel. Zum Teufel werden oft genug gar die eigenen Leute.

      Ich versuchte hier seit einiger Zeit in vergleichsweise unmaßgeblichen Beiträgen etwas Anregendes zu äußern, gerade weil ich befürchte, dass die Rechte die Initiative hat oder perspektivisch allzu stark gewinnt, mit all jenen Gefahren, die von ihren radikalen Anteilen ausgehen. Die Linke reagiert darauf leider vorzugsweise mit Gesinnung, kaum mit mehr. Das ist ja das Problem.

      Eines zum Schluss, mit Blick auf Ihre Begriffe: Was etwa mit „Toleranz“ gemeint ist und inwiefern die innerhalb der Auseinandersetzung praktikabel ist – und inwiefern nicht -, das müsste man klären. Begriffe werden mir, semantisch unklar, von zu vielen verschiedenen politischen Kräften einfach zu schnell ventiliert, nur weil sie positiv konnotiert sind.

      Was den Streit hier betrifft, so halten wir besser den Ball flach. Genau das zeichnet dieses Forum gegenüber anderen aus. Ich dürfte, würden Sie mich kennen, ihrem Feindbild gar nicht entsprechen.

      In diesem Sinne ein herzlicher Gruß.

  38. Jürgen Scherer sagt:

    Zum Bosselmann-Kommentar zu Wolfgang Brauer: Rechtsextremismus psychoanalytisch gesehen (20. Jahrgang, Nr. 18, 28. August 2017)
    Sehr geehrter Herr Bosselmann!
    Wieder einmal gelingt es Ihnen mit bekannter Eloquenz, Ihre Botschaft unter die Gemeinde zu bringen: „Gerechtigkeit, Antidiskriminierung, Gewaltfreiheit, Toleranz, Transparenz, Gender-Mainstreaming usw. usf. “ gehören auf die Seite des Bösen. Mit einem einzigen Satz befördern Sie bürgerliche Errungenschaften, wohl gemeint bürgerliche, nicht sozialistische noch gar kommunistische, in den Orkus der Geschichte, reden von einem „rhetorischen Dauerschwall“ „und wohl nicht mal zu rechtfertigenden Bekenntnissen“. Welches Gesellschaftsbild schwebt Ihnen eigentlich vor? Inzwischen wird mir angst und bange, wenn ich Sie sie so daher schwadronieren höre und Sie zugleich für Toleranz für diverse Faschisten in unserem Land plädieren. Weder das voltairsche Toleranzgebot noch die auf Luxemburg zurückgehende „Freiheit für Andersdenkende“ lassen sich für Faschisten, seien es solche in Nadelstreifen, seien es solche auf der Straße, mit gutem Gewissen anführen. Deutschland hat erfahren müssen, was es bedeutet, wenn man Faschisten gewähren lässt. Deshalb muss eine wehrhafte Demokratie Grenzen ziehen, z.B. Vertretern der AfD nicht über Gebühr Plattformen anbieten, ihr rassistisches, menschenverachtendes Gedankengut unter die Menschen zu bringen, denn, ähnlich wie in Ihren zahlreichen Beiträgen zum Thema Bildung, übrigens auch wieder in diesem Beitrag von Ihnen, geht es denen darum, nach dem Motto vom steten Tropfen zu handeln. Mag ja sein, dass sich faschistisches Denken und Handeln nicht „ausmerzen“ lässt, es aber als gegeben hinzunehmen und auch noch öffentlichen Resonanzboden dafür zu fordern, wie Sie das tun, ist m.E. nie und nimmer eine Lösung. Blenden Sie eigentlich, um nur ein Beispiel anzuführen, die unzähligen Angriffe auf Asylbewerberheime in unserem Land einfach aus, wenn sie einen solchen „Toleranzbeitrag“ verfassen?
    Mit erstauntem Gruß

    • Wolfgang Brauer sagt:

      Lieber Herr Scherer,
      Heino Bosselmann verlangte mitnichten „Toleranz gegenüber Faschisten“. Er mahnt nur an, etwas genauer hinzusehen, ehe man losdrischt. Ein Beispiel gefällig? In meinem Heimatort rufen derzeit Antifaschisten (alles aufrechte Menschen, die mir nahe sind) zu einer Kundgebung unter dem Motto auf „Für solidarische Kieze! Gegen deutsche Kieze!“ Hintergrund ist eine NPD-Kundgebung unter dem Motto „Für ‚deutsche‘ Kieze“. Gegen die NPD muss man sich stellen, aber es ist nicht so recht zu verstehen, weshalb die Begriffe „solidarisch“ und „deutsch“ einander ausschließen. Mit solchen Dummheiten wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, ganz abgesehen davon, dass „solidarischer Kiez“ eine vollkommen substanzlose Sprechblase ist. Es ist genau dieses dummdeutsche Tugendgeschwafel, gegen das Bosselmann polemisiert. Er spricht zurückhaltend von einem „Korrektiv von rechts“, das damit herausgefordert werde. Das ist nun ein Euphemismus: Mit solchen Methoden werden den ganz Rechten Menschen in die Arme getrieben, die sonst nicht so schnell bei denen landen würden.
      Mit der AfD machen Sie es sich zu leicht. Noch ist es keine faschistische Partei, auch wenn sich in ihr offensichtlich Faschisten tummeln. Was heißt denn, denen „keine Plattform bieten“? Wen meinen Sie damit? ARD und ZDF? Die „Qualitätsmedien“? Die regionale Presse (da kenne ich durchaus Medienkonzerne, die genau das machen)? Aber gegen diese Leute scheint Ihr Einwand nicht zu gehen. In einem Bezirk, der republikweit als ausgemachte LINKEN-Hochburg gilt, wurde die AfD bei den letzten Landtagswahlen gemessen an den Zweitstimmen aus dem Stand stärkste Partei. Die bestimmen inzwischen Kommunalpolitik in Berlin mit. Da hilft das Beschwören der „wehrhaften Demokratie“ keinen Millimeter weiter. Übrigens erschienen die Mandatsträger der Partei bei allen antifaschistischen Gedenkfeiern dieses Bezirkes komplett, dazu im Sonntagsstaat und mit durchaus opulenten Gebinden. Die Vertreter der „demokratischen Parteien“ (Ausnahme DIE LINKE) hielten sich da eher zurück. Wahrscheinlich hatten sie wichtige Termine…
      Nein, den immer furchterregenderen Zuständen in diesem Lande kommt man mit den einfachen und leicht handhabbaren Argumentationsmustern des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr bei. Das meinte wohl Bosselmann, das meine ich auch.
      Mit bestem Gruß
      Ihr Wolfgang Brauer

    • Heino Bosselmann sagt:

      Zunächst aus einer kurzen Pause:

      Sehr geehrte Herr Scherer, zunächst: Sie müssen sich um mich und meine politische Hygiene keine Sorgen machen. Ich rede weder der AfD noch Faschisten das Wort. Zwar meine ich, dass der AfD hinsichtlich bestimmter Positionen durchaus ein Platz im politischen Spektrum zukommt, halte sie aber ganz persönlich nicht für wählbar, weil sie aus meiner Sicht keine Persönlichkeiten aufzubieten in der Lage ist, denen ich vertrauen könnte. Was sich innerparteilich dort abspielt, erscheint mir unwürdig bis unappetitlich, ist aber vergleichbar mit ähnlichen Phänomenen in allen Parteien und wurde bereits von Max Weber hinlänglich beschrieben, insbesondere in „Politik als Beruf“. Die Gefahr für unsere Demokratie sehe ich, meine aber, diese Demokratie ist durch ihre eigenen Lebenslügen bzw. schwindende Vitalität weit mehr gefährdet als von rechts. Sie kennen sich ja im Bildungsbereich aus: Unterhalten sie sich aufmerksam mit Heranwachsenden und finden Sie heraus, womit diese jungen Menschen identifiziert sind. Nach meinem Eindruck sind sie bedenklich apolitisch und leben mit einem recht verengten Weltbild, wofür es freilich Ursachen gibt. Dennoch erscheint mir diese „innerdemokratische“ Entwicklung nach Böckenförde fatal. Die Rechte aber, die ist sehr politisiert. Wo denn liegen deren Bindekräfte und Identifizierungsangebote? Sehen sie darin nur Manipulation und Fremdbestimmung?

      Differenzieren wir zwischen Konservativen einerseits und Radikalen andererseits. Was Faschisten oder Nazis betrifft, teile ich Ihre Sorgen absolut, meine gleichwohl aber, dass die Reaktionen der Mitte oder der Linken auf konservative und rechte Positionen oft genug nicht politisch klar und wirksam, sondern neurotisch und einritualisiert erfolgen. Aus einer Haltung der Gläubigkeit heraus, während ich mir eher qualifizierte Urteile wünschte, zu denen Mut gehört. Argumente statt Bekenntnisse! Und tatsächlich sehe ich im gesellschaftlichen Beschwören mancher Gerechtigkeitsphantasie eine gewisse Gefahr, insofern eingefordert wird, was m. E. weder realisiert werden kann noch auch nur realisiert werden sollte. Ungleichheit halte ich für realistischer als eine Gemeinschaft der Gleichen. Ich erörterte im BLÄTTCHEN bereits umfassend den freilich streitbaren Gedanken, dass ich im überbaulichen Bestreben, eine umfassende Gerechtigkeit, Transparenz, Nichtdiskriminierung und Toleranz garantieren zu wollen, eine wiederum neurotische Reaktion darauf sehe, dass wesentliche Basismechanismen der mehr und mehr versachlichten Gesellschaft immer deutlicher von Egoismus und Profitstreben gekennzeichnet sind. Die Frage könnte u. a. sein, ob Gesellschaften oder Kulturformen in ähnlicher Weise neurotisieren können wie Individuen. Oder Zuflucht zu religiösen Heilserwartungen nehmen – eine Tendenz, die mir noch unheimlicher ist, insofern ich bspw. monotheistische Religionen für per se intolerant halte, schon gemäß ihres jeweils ersten Gebots.

      Dass die Öffentlichkeit auf konservatives oder rechtes Denken allzu verschreckt und mit Theaterdonner reagiert, darin sehe ich tatsächlich ein Problem. Fürchtet man denn, die Rechten gewännen die Auseinandersetzungen, setzte man sich mit ihnen offenen Visiers und intellektuell anspruchsvoll auseinander? Im Sinne einer aufgeklärten Bürgerlichkeit – etwa so, wie sie von Odo Marquard beschrieben und angeregt wurde – gibt es doch mindestens publizistisch starke Stimmen, die mehr zu vertreten wissen als Betroffenheit. Man sollte die Rechte nicht als finstere Macht, nicht als so etwas wie die Todesser in Gefolgschaft Lord Voldemorts zu beschreiben versuchen, sondern sich ihnen offensiv stellen. Die fragwürdige, ja bisweilen unangenehme Didaktik des erhobenen Zeigefingers, mit der es etwa die mecklenburgische Landtagspräsidentin Frau Brettschneider, darin ganz Lehrerin!, versucht, kann auf keinen Erfolg hoffen, finde ich bedauernd. Geistreicher sein! Plakatabreißer und Mahnwächter bewegen nichts Entscheidendes.

  39. Wolfram Adolphi sagt:

    Zu Bosselmann und Brauer (angeregt zustimmend – und vielleicht weiterführend anregend?):

    Bertolt Brecht hatte eine Menge Gründe und Erfahrungen, als er 1935 – im vom Faschismus erzwungenen Exil – die Frage stellte, „wie […] jemand die Wahrheit über den Faschismus sagen [will], gegen den er ist, wenn er nichts gegen den Kapitalismus sagen will, der ihn hervorbringt“ (Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit, hier zitiert nach: Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 22.I, 1993, Seite 78). Max Horkheimer fasste seine diesbezüglichen Überlegungen im September 1939 – auch er im vom Faschismus erzwungenen Exil – in seinem Aufsatz „Die Juden und Europa“ in den berühmt gewordenen Satz: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“ (hier zitiert nach: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt/M 1988, Seite 308f). Und Horkheimer weiter: „Der Faschismus ist die Wahrheit der modernen Gesellschaft, die von der Theorie von Anfang an getroffen war. Er fixiert die extremen Unterschiede, die das Wertgesetz am Ende produzierte“ (ebd., Seite 309).

  40. Heino Bosselmann sagt:

    Zu: Wolfgang Brauer, Rechtsextremismus psychoanalytisch gesehen (20. Jahrgang, Nr. 18, 28. August 2017)

    Ein sehr gehaltvoller und interessanter Beitrag. Zwei Gedanken dazu:

    1.) Ein Verhängnis in Einschätzung und Bewertung der Rechten und radikalen Rechten scheint mir darin zu liegen, „den Nazi“, „den Rechten“, die PEGIDA, die AfD nicht allein als Gegner zu identifizieren, was legitim und angezeigt wäre, sondern sie allesamt sogleich zu pathologisieren, also als etwas darzustellen, was es gemäß der Aufklärung vernünftigerweise ja gar nicht geben dürfte, weil es – wiederum vernünftigerweise – ja gar nicht zu denken wäre.

    Die politischen Bildungsbehörden der Republik sind darüber dann ja auch erschüttert, insofern sie meinen, dass ihre vielfältigen Kampagnen für „Toleranz“, für „Courage“, „gegen Rechts“, für eine „bunte Republik“ doch so gut gemeint wie wirksam sind. Gibt es „den Nazi“ dann aber immer noch, so ist ja gar nicht auszudenken weshalb. Folglich wird konstruiert, nur der eigentlich Kranke, der vollends Verlorene, der Perverse, der – gnostisch gesehen – ganz andere müsse es sein, der sich so gutmenschlicher Läuterung verschlösse. Ganz logischerweise sieht man dann nur noch in einer Quarantäne („Den Rechten kein Podium bieten!“) oder in einer Art Heilung eine Chance.

    Wäre es nicht der Sache angemessener, weniger verschreckt und weniger theatralisch aufgeregt davon auszugehen, dass „der Faschist“ nun mal zum Spektrum des Menschlichen gehört? Man muss das weder gut finden noch kühl mit einem Schulterzucken nehmen, man kann es bekämpfen; man kann sich aber nur auseinandersetzen, wenn man diesen anderen eben gerade nicht pathologisiert, sondern einfach von seiner Gegenwart ausgeht. Was an Radikalität, Anmaßung, Gewalt und Destruktivität zum Menschlichen gehört, erlebt man nicht erst in der Politik, nein, dazu reichen ein paar Kilometer Autobahnfahrt oder das Erlebnis von Nachbarn und vermeintlichen Geschäftsfreunden oder Kollegen völlig aus. Der Audi-Fahrer, der mir mit seinem Kühlergrill bissig auf der Stoßstange sitzt, um mich aus seiner linken Spur, die nur für die ganz großen Jungs gedacht ist, herauszuselektieren, mich wegzubeißen, bedroht mich nötigend mit nichts weniger als dem Verlust meines Lebens. Er handelt quasifaschistisch. Treten die politischen Hintergrundbedingungen dafür ein, werden solche Menschen bzw. konstanten Charaktermuster praktisch tätig und für Ziele nutzbar.

    2.) Liegt nicht in dem rhetorischen Dauerschwall von nicht zu realisierenden und wohl nicht mal zu rechtfertigenden Bekenntnissen zu Gerechtigkeit, Antidiskriminierung, Gewaltfreiheit, Toleranz, Transparenz, Gender-Mainstreaming usw. usf. die Tendenz zu einem höchst penetranten neu- und jungbürgerlichen Tugendterror, der ein Korrektiv von rechts geradezu herausfordert? Nicht etwa in Gestalt des bösen Nazis, sondern folgerichtig in einer intellektuellen Wiederbelebung rechten Denkens, dem, mindestens vom politischen Konservatismus her, sein berechtigter Platz zukommt und ohne das gegenwärtig keinerlei politscher Meinungsstreit möglich wäre. Nur im Beispiel: Die Schwächen der Bildungspolitik und ihre für modern gehaltenen illusionären „Grundvereinbarungen“ sind bspw. von links gar nicht mehr kritisierbar, weil sie durchweg sozialistisch sind; sie können nur noch von konservativer Seite in Frage gestellt werden. Soll überhaupt noch etwas in Frage gestellt werden? Oder wird nicht vielmehr sofort unterstellt, dass konservative, rechte und rechtsintellektuelle Positionen mit einem grausigen genetischen Fehler behaftet sind, der sie zwangsläufig und quasievolutionär zu nazistischen oder faschistischen Ausformungen hinüberwachsen lasse? Weshalb man sie besser gleich ausmerzen müsse, anstatt sich mal couragiert auf eine Auseinandersetzung einzulassen, wenn schon andauernd von Courage die Rede ist.

    Psychoanalytisch wäre also ebenfalls die Diagnose des so wohlmeinenden Deutschland interessant. Kann man politisch so gesund sein, wie es die Mitte ist?

    • G. Köhler sagt:

      Lieber Herr Bosselmann,
      um Ihre immer bedenkenswerten Einlassungen nachvollziehbarer zu machen, wäre eine Definition dessen hilfreich, was Sie unter „Rechts“ verstehen. Ich weiß, dass diese Art politische Kategorisierung eh nur eine Krücke sein kann und soll – umso mehr scheint mir wichtig, etwas näher zu erklären, was man darunter versteht; ansonsten gehen Argumentationen schnell ins Leere. Oder – schlechter noch – sie werden mißdeutet und gar noch mißbräuchlich als Berufungsvorlage benutzt.
      Was also ist „rechts“?
      Eine demokratische Denk- und Politikrichtung, wonach es bei Ihnen klingt? Wenn ja: Welche Kräfte zählen Sie dazu?
      Eine Variante politischen Extremismus´? Wenn ja: Welcher Art Extrem?
      Wertekonservatismus? Wenn ja: Welcher Werte?
      Oder etwas ganz anderes?

      Gerhard Köhler

  41. Kontextleser sagt:

    Achim Höger äußert Unmut zum Laternenkampf vermittels Plakaten (Bemerkungen in 18/2017) zum Bundestag: Warum überhaupt, wer macht oder braucht das? Das sind gewiss legitime Anfragen. Schwierig wird es beim Einklagen von Täter-Antworten, zumal wenn die Botschaft mehrdeutig ist.
    Da gibt es ein Plakat, auch an Laternen, unverkennbar ein Porträt von Gregor Gysi. Da können manche schon Mehrdeutigkeit vermuten und es damit bewenden lassen. Aber es gibt zusätzlich Text: Oben links.“Trotzdem“, unten rechts als Absender „Die Linke“. Heißt das: Gysi hält zwar nicht so viel von diesen Linken, möchte aber trotzdem als deren Kandidat gewählt werden? Oder signalisiert „Die Linke“ ihrerseits: Wählt uns, trotz Gysi? Oder wird überparteilich an das Prinzip „Trotz“ appelliert, verkörpert in einem dafür als geeignet vermuteten Kandidaten, den man vermittels der Partei „Die Linke“ in den Bundestag kriegen kann?

  42. Vera Körner sagt:

    Jener arrogante Kritiker, der in Ihren „Antworten“ Erich Kästner der Phantasiearmut zeiht, sollte sich selbst an die (hoffentlich noch ungepiercte) Nase fassen. Wohin die Reise bei der Selbstverstümmelung eigener Körper geht, belegt die folgende, brandneue Nachricht:
    http://www.der-postillon.com/2010/09/neuer-trend-organtatowierungen-immer.html#more

    • F.-B. Habel sagt:

      Liebe Frau Körner, ich habe mich gerade an dem ironischen Ton des Antworters erfreut, der uns vor Augen hält, welche Selbstverstümmelung vor Jahrzehnten noch unvorstellbar war. Glücklicherweise treffe ich noch Menschen, deren unverschandelte Haut ich streicheln kann und an deren Lippen ich mich nicht verletze. Das hoffe ich auch für Sie!

  43. Literat sagt:

    Schlag nach, bei Goethe, bei dem steht sowas drin:
    „Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
    Es war die Art zu allen Zeiten,
    durch Drei und Eins, und Eins und Drei
    Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
    So schwätzt und lehrt man ungestört.
    Wer will sich mit den Narr’n befassen?
    Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
    es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.“

    • Horst Keppler sagt:

      Ach, Literat, so haben Sie Ihr Goethe-Zitat ja vielleicht nicht gemeint, aber das halte nun wieder ich für eine Crux: ehrliches Bemühen um ein Nach- und Durchdenken von Gegebenheiten und deren mögliche Folgen durch Worte (womit denn sonst?) für einen geschwätzigen Schmarrn zu erklären; armer, missbrauchter Goethe. Es ist die schlichteste Form dessen, was sich dann vermutlich als souverän-offensive „Auseinandersetzung“ versteht.
      Als hätten wir nicht Zeiten hinter uns, die uns nicht zuletzt gelehrt haben sollten, dass und wie ideologischer Hochmut vor dem Fall kommt.

  44. Stephan Wohanka sagt:

    Lieber Herr Bosselmann,

    Sie wissen, ich schätze Ihre Texte; auch den vorliegenden: In sich stimmig, rund, überzeugend. Man kann ihm nicht widersprechen, er versagt sich einer Polemik. Und trotzdem – vielleicht gerade deshalb – kommt nach seiner Lektüre ein Gefühl des Unbehagens, der Verdrießlichkeit auf. Woran liegt das?
    Ich denke, der Text ist in gewisser Weise undialektisch, denn war moderne Politik jemals viel anders als sie jetzt ist? Sicherlich, Sie deuten es an, „drängende“ Probleme stehen an: Wie kann es gelingen, Konsum und Nachhaltigkeit wirklich in Einklang zu bringen? Wie kann der Welthandel fair gestaltet werden? Jedoch werden diese Themen von lächerlichen politischen Detailfragen verdrängt, zum Beispiel von der Mütterrente….
    Der gegenwärtige politische Prozess ist durch einen demokratischen Opportunismus („muddling through“) gekennzeichnet, der jedoch das unvollkommene, kompromissbeladene, mal zügigere, mal langwierig daherkommende, dabei jedoch das sozial und politisch nachhaltige Funktionieren der Gesellschaft gewährleistet. Nach Hans Jonas besteht „die Voraussicht des Staatsmannes also in der Weisheit und dem Maße, die er der Gegenwart widmet: Diese Gegenwart ist nicht um einer andersartigen Zukunft willen da, sondern bewährt sich günstigenfalls in einer gleichartigen Zukunft …“.
    Unsere Gesellschaft basiert auf sozialer Selbstorganisation; sie unterliegt einer ständigen Selbstveränderung: Millionen Menschen handeln permanent, sind immerzu tätig, agieren eigenen Zielen und Vorstellungen folgend, wodurch sich die Resultate dieser (individuellen) Handlungen mal überlagern und verstärken, dann wieder konterkarieren und sich aufheben…. Es erinnert an Adam Smith´ „unsichtbare Hand“; um es aus Sicht der Volkswirtschaft zu formulieren: Keiner der Marktteilnehmer strebt direkt danach, das Volkseinkommen zu steigern, jeder will nur seinen (Güter)Bedarf decken. Und doch führt der Marktmechanismus ergo die ´unsichtbare Hand´ unter den obwaltenden Bedingungen zum jeweiligen volkswirtschaftlichen Optimum; in der Regel weit entfernt von einem (theoretischen) Maximum, welches auch gar nicht feststellbar ist. Das kann mutatis mutandis auf alle Bereiche des sozialen Lebens übertragen werden. In der Folge lösen unvorhersehbar kreative Problemlösungen und stupende Misserfolge in Politik, Kultur, Wissenschaft usw. einander ab.
    Obiges Selbstregulieren bewirkt , dass Normabweichungen innerhalb des Systems selbst zur Korrektur der Zustände, die die Normabweichung hervorrufen und damit das System gefährden oder auch nur bremsen, führen. Das System „Politik“ ermöglicht sich also permanent durch sich selbst. Deshalb ist ein (politisches) System in dem Maße „krank“, in dem es nicht aus sich selbst heraus Veränderung zu seiner Veränderung respektive Stabilisierung hervorzubringen vermag! Naturgemäß führt das in der lebensweltlichen Praxis der Gesellschaft(en) zu Instabilitäten, Brüchen, Unvollkommenheiten; offenbar kann der Kapitalismus politisch-praktisch mit derartigen Schwierigkeiten „umgehen“; der Sozialismus konnte es aufgrund seiner unflexibel-doktrinären, politisch-ideologischen Strukturen letztlich nicht. Die dahintersteckende Logik aufnehmend kann man sogar folgern, dass der Kapitalismus gar nicht scheitern kann, da er im Unterschied zum Sozialismus als soziales System kein Ziel hat; er „will nichts bewirken“, er ist in Maßen „postideologisch“. Er „übernimmt“ sozusagen die politischen Inhalte des politischen Apparates, dem er „dient“, nicht ohne natürliche auf diesen und dessen Inhalte zurückzuwirken; er ist von hoher (politischer) Kompatibilität und Flexibilität!
    Aber – bleiben wir dialektisch – gibt es auch wieder Hoffnung: Die beschriebene Praxis ist unbefriedigend, aber wo ein ungelöster Rest bleibt, wird die Dynamik irgendwann neu anspringen… Zugegeben – das alles greift weit über das von Ihnen Intendierte hinaus. Sie wollten sagen, warum Sie Merkel wählen – und das leuchtet ein.
    Grüße
    Stephan Wohanka

    • Werner Richter sagt:

      Es ist wohl ein Fehlschuß, aus Herrn Bosselmanns gespielter Ratlosigkeit, er könne ja, aus welchen Gründen auch immer, eigentlich Mutti wählen, denn bei ihr wäre es am sichersten, noch einigermaßen glimpflich davon zu kommen, den Bourgeois zu filtern. Andere Kandidaten wären ihm da schon um einiges fragwürdiger. Da ist keine Aussage zu finden, daß Mutti als unsterbliche Kanzlerin die Lösung des Problems wäre, höchstens, die beste Trennwand zum Verbergen der langfristigen Problemzuspitzung bis zur eventuellen Katastrophe. Oder, so tickt der Michel. Also, nix mit Bourgeois Bosselmann, der tut nur so.
      Da hilft vielleicht ein gutes Essen weiter, zunächst der Hauptgang. Aus solcher Provokation entsprießt die Frage: „Wie kann es gelingen, Konsum und Nachhaltigkeit wirklich in Einklang zu bringen? Wie kann der Welthandel fair gestaltet werden?“. Peter gibt uns Antwort: Nein, geht überhaupt nicht, weil… Ist schon seltsam, viele wissen das, aber dem zum Trotz immer wieder diese obskure Fragestellung, über die hier zu palavern nicht Platz und Zeit ist.
      Gut zum Menü paßt dann die These vom „überlegenen Kapitalismus“, in Praxis bewiesen und immer wieder gehört und dem unvermögenden (Real)-Sozialismus aus Beton. Die Frage Peters, war das Sozialismus, nur weil er sich oder die politische Bewegung dies so bezeichnet analog der Deklaration sozialistischer Produktionsverhältnisse wegen der Festlegung „Volkseigentum“, und dies auch von als funktionsnotwendig im Interesse des Kapitals angedachten sozialen politischen Maßnahmen immer wieder durch die Landschaft geistert, gehört auch genau hierher. Windelweiche sozialdemokratische Reformpolitik von Sanders und Corbyn gilt bei Propagandabedarf sogar als kommunistisch.
      Als Dessert wäre die Übernahme von Adam Smith‘s „unsichtbarer Hand“ zu empfehlen, genau in dem Sinne, den Marx hatte, nicht. Macht sich aber immer gut, es flambiert und erzeugt eine etwas überdeckende Kruste. Darunter liegt „ Unsere Gesellschaft basiert auf sozialer Selbstorganisation …“ sowie das indirekte Streben und Wirken des Kapitals nach allgemeinem Wohlergehen usw. Ja, wenn es gelänge, den Kapitalisten unter moralischen Druck zu setzen, welch schöner Traum. Aber Vorsicht, nicht überzuckern!
      Appetit? Oh, den Aperitif vergessen. Vielleicht einen Pernot Macron?

    • Heino Bosselmann sagt:

      Im weiteren Sinne passt zu dem Thema ein gerade in der FAZ vom 21.08.17 unter dem Titel „Anerkennung durch Differenz“ erschienener Aufsatz des Soziologen Heinz Bude. Ich zitiere ein wenig:

      „Der Lebensstandard in den OECD-Ländern ist immer weiter gestiegen, nicht nur, was das persönliche Einkommen, sondern auch, was die öffentliche Infrastruktur unserer Gesellschaft betrifft. Wer kann sich eigentlich heute noch vorstellen, in einer Wohnung ohne Zentralheizung, ohne Bad, unter Internetanschluss und ohne dichte Fenster zu leben? Dazu kommen öffentliche Badeanstalten, ein System von Stadttheatern und eine kontinuierliche Verbesserung der Luft- und Wasserqualität. Daran gemessen ist die Kluft zwischen den OECD-Ländern und dem Rest der Welt immer tiefer geworden.
      Doch diese Geschichte, die mit dem Doppelschlag der politischen Revolution in Frankreich und der industriellen Revolution in England begonnen hat, ist vorbei. Im Vergleich der entwickelten und der der noch nicht so entwickelten Gesellschaften ist seit zwanzig Jahren eine Umkehr der Wachstumsgeschwindigkeit zu beobachten. (…) Die Menschen in den entwickelten Ländern ahnen, dass sie auf dem absteigenden, und die in den sich entwickelnden Ländern, dass sie auf dem aufsteigenden Ast sind. (…)
      Migration ist ein Wohlstandsproblem. (…) Mobil sind gerade nicht die Ärmsten der Armen, sondern diejenigen, die sich für ihr Leben noch etwas ausrechnen. (…) Das migrationspolitische Arrangement, gesellschaftliche Zivilität durch die wechselseitige Akzeptanz verschiedener Gruppen nach den Regeln indirekter Herrschaft herzustellen, ist ausgerechnet durch die Freizügigkeitsregelungen der Europäischen Union in Frage gestellt worden. (…)
      Die Zweifel beziehen sich in erster Linie auf das Qualifikations- und Kompetenzniveau der zumeist jungen Menschen, die mit Trikots von Bayern München, mit Sneakern von Adidas und mit großen Erwartungen auf ein besseres Leben um politisches Asyl bitten. Werden die Arbeitsmärkte wieder alles richten oder wird man sich in mittlerer Sicht auf die Versorgung eines migrantischen Wohlfahrtsklientels ohne berufliche Erstausbildung und ohne normale Beschäftigungsverhältnisse einstellen müssen? (…)
      Sind die relativ privilegiert lebenden Menschen in den europäischen Gesellschaften zu der notwendigerweise widersprüchlichen Haltung bereit, diese neue Form proletarischer Ungleichheit einerseits hinzunehmen und andererseits dafür Sorge zu tragen, dass man von ‚einfacher Dienstleistung‘ leben kann und dass die Kinder aus dieser nach Herkünften sehr gemischten Unterklasse die Chance auf ein besseres Leben haben? (…)
      Das Europa der Migration muss sich bei all diesen Fragen zu einem postsäkularen Zeitalter bekennen, in dem die Darstellung von Religion und Religionszugehörigkeit einen ganz anderen Stellenwert für das Selbstwertgefühl der Einwanderer und der Eingewanderten gewonnen hat. Die stille Mitgliedschaft, wie sie in den bundesrepublikanischen Zeiten der ‚Gastarbeiter‘ der sechziger, siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch gang und gäbe war, ist einer Performanz der prononcierten Differenzmarkierung gewichen. Die Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte gibt offen und selbstbewusst zur Kenntnis, woher sie kommt und woran sie glaubt. Anerkennung durch Differenz lautet die Formel der postmigrantischen Gesellschaft.“

      Und an diese wohlformulierte Harmonie glaube ich nicht. Der religiös gefärbte kulturelle Grundkonflikt mag es sein, der irgendwann das Ende der friedlichen Wohlstandsära Merkel beenden könnte. Wir erleben gegenwärtig die ersten Turbulenzen. Wie wird darauf reagiert? Mit dem Pauschalbekenntnis zur Toleranz und zur „bunten Republik“, also zur schönen Illusion, Lessings Ringparabel fände in der Bundesrepublik nun endlich ihre praktische Erfüllung. – Ich befürchte, das Gegenteil wird der Fall sein, nämlich das, was Religionen der Geschichte stets eintrugen: Zwist und Bürgerkrieg, in welcher aktuellen Form auch immer. Schlechte Aussichten.

  45. Peter sagt:

    Hallo Herr Bosselmann
    Wohl wahr, guter Vergleich. Damit hat es sich dann auch, bei den Griechen zählten die Sklaven nicht als Menschen und aus der Bürger Selbstverständnis durften sie wie die Frauen nicht wählen. Nicht einmal jeder Athener durfte wählen. Heute wie damals ist das, was Wahl genannt wurde, eine Farce. In dem Bereich agiert Frau Merkel in der Tat „schlang“.
    „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge
    unmittelbar zusammenfielen … MEW 25, 825.
    Was da ohne jegliche Definition „problematische Gerechtigkeitsvorstellungen“ sein sollen, wurde nicht heruntergeleiert. Die bourgeoise Gedankenwelt des Herrn Bosselmann lässt es scheints nicht zu, dass er sich in die Niederungen derer begibt, die nichts von seinen Beschreibungen finden konnten. http://www.klartext-info.de/broschueren/Was_ist_ExistenzminimumA4_c.pdf
    Wie im Gegensatz zu Adorno „http://www.fr.de/kultur/judith-butlers-dankesrede-kann-man-ein-gutes-leben-im-schlechten-fuehren-a-805966“ kann ein Gutes leben im Schlechten geführt werden. Dank Frau Merkel. Wie da der Sozialismus hineinpasst, bleibt schleierhaft. Was hier der Sozialismus sein soll, wird nicht angeboten, so bleibt es, der narzisstischen Gesellschaft jedem einzelnen überlassen, was es ist. So gibt es keine Sonderprofite über Steuern. Wenn Steuern nicht gezahlt werden so ist es schlicht Betrug, sagt Herr Hoeneß.
    Was der Unsinn soll mit „der vierten Phase der industriellen Revolution“ wird leider auch nur behauptet. Da passiert nichts anderes als bisher auch. Die Arbeitsteilung nimmt zu, es passt dann allerdings besser ein Fetisch, um so zu tun, als sei es ein Naturgesetz. Dass da keine Verwerfungen von seiten der Lohnabhängigen auftreten, wird ein Verdienst von Frau Merkel sein. Leider wird nichts vom Programm der Parteien gesagt, sondern nur von denen, die dem Sozialismus der Herrn Bosselmann frönen. http://www.linkes-oldenburg.de/wp-content/uploads/2017/05/Maschinerie.pdf

    Ein „urteilskräftiger Demokrat“ weiss, das „Land- und Volkswirtschaft funktionieren“, in wessen Sinn. Niedersachsen ist von Nitrat durchsetzt und die Luft mit Abgasen verpestet, dann kann es doch nur fürs Kapital gut „funktionieren“, da hält die Regierung auch ihre schützende Hand drüber.
    Der Linke Leser weiss das, es ist systemimmanent. Gut macht sich da die Relativierung „ Periode deutscher Geschichte“, was aber ist denn das Tolle? Da muss dann mit „Wir“ okkupiert werden, um innere Auszehrung auszumachen. Was soll Frau Merkel da denn noch?
    Ach ja die „überproduzierende industrielle Landwirtschaft“ ist elendig, gibt es Überproduktion überhaupt? Es wäre doch dumm, bewusst zu produzieren, was nicht verkauft werden kann. Ist nicht der ganze Export Überproduktion?
    „gefährliche Gleichheit“ – ja wie das, wenn alle zum Leben genug haben? Will das nicht Frau Merkel? Oder ist das zu spießig?
    Wenn es denn sein soll, so ist es egal, wer das Kreuz mit den Kreuzen auf sich nimmt, es ist völlig egal.
    Beste Grüße

  46. Die Redaktion sagt:

    Zu Paul Preston „Während das Volk starb…“ in der aktuellen Ausgabe erreichte uns folgende Zuschrift:

    „… bei aller Großartigkeit ein Fehler. Preston schreibt, dass es zur Zeit des Schriftstellerkongresses noch keine Übersetzung von Gides ‚Retouches à mon Retour de l´U.R.S.S.‘ gab. Das aber kann nicht stimmen. Das Büchlein (142 Seiten) erschien am 1.1. 1937 in Paris, knapp zwei Monate später erschien die von Ferdinand Hardekopf besorgte Übersetzung im Jean-Christophe-Verlag in Zürich. Gustav Regler z.B. schrieb in seinen Erinnerungen, dass er und seine Freunde die Reaktion Gides auf seine Kritiker gelesen und diskutiert hatten. Und was weitere fehlende Übersetzungen anging: Der größte Teil der Schriftsteller, so auch Kolzow, sprachen Französisch.“