29. Jahrgang | Nummer 6 | 23. März 2026

Noch einmal zu Rosa Luxemburg

von Holger Politt

Hätte Rosa Luxemburg ihr großes Werk allein in Polnisch geschrieben, längst wäre ihr Name in der unübersehbaren Reihe der Vergessenen dieser Welt entschwunden. Bestenfalls eingeweihte Historiker der polnischen Arbeiterbewegung wüssten noch Tieferes von ihr zu berichten. Doch so zählt Rosa Luxemburg zu den bekanntesten und meistzitierten politischen Autorinnen und Autoren der Zeitgeschichte. Die Rettung aber erfolgte ausschließlich mit ihrem deutschen Werk.

Die Entscheidung, im Frühjahr 1898 aus Zürich nach Berlin zu gehen und den direkten Kontakt zu den Führungsspitzen der deutschen Sozialdemokratie zu suchen, hatte einen handfesten politischen Hintergrund. Innerhalb der polnischen Arbeiterbewegung tobte ein heftiger Streit, der zudem auf großer europäischer Bühne ausgetragen wurde. Es ging im Kern um die Frage, ob die junge Bewegung, die in den großen Industriezentren des zu Russland gehörenden Teils Polens konzentriert war, zur Fortführung der Unabhängigkeits- und Aufstandstradition verpflichtet sei, die mit der Niederlage des Januaraufstandes von 1863 den empfindlichsten Gegenschlag einstecken musste. Die eine Richtung bejahte die Frage, die andere – zu der Rosa Luxemburg gehörte – forderte, diese gescheiterte Tradition aufzugeben und einen anderen Weg zu gehen. Mit ihrem Wechsel nach Berlin folgte die 27-jährige Rosa Luxemburg – für die meisten der deutschen Sozialdemokraten war sie ein unbeschriebenes Blatt – der kühnen Absicht, die einflussreiche SPD hinter ihre Richtungswahl in der polnischen Frage zu bringen.

Karl Marx galt als entschiedener Unterstützer der polnischen Aufstandstradition, er sah lange Zeit in den polnischen Nationalaufständen das einzig wirksame Mittel, die Zarenherrschaft im Inneren des Riesenreiches in Bedrängnis zu bringen. Ein Satz wie ein Paukenschlag aus Marxens Feder: „Die Wiederherstellung Polens ist die Vernichtung Russlands, Russlands Absetzung von seiner Kandidatur zur Weltherrschaft.“ Und Friedrich Engels hatte noch 1892 klare Position abgegeben zugunsten der ersten Richtung, denn die „Unabhängigkeit Polens“ sei „eine Notwendigkeit für das harmonische Zusammenwirken der europäischen Nationen. Sie kann erkämpft werden nur vom jungen polnischen Proletariat, und in dessen Händen ist sie gut aufgehoben.“ Völlig klar, dass die SPD zu der Zeit, als Rosa Luxemburg in Berlin auftauchte, in der polnischen Frage im Grundsatz dieser Richtung zuneigte. Der einflussreiche Mann diesbezüglich war übrigens Wilhelm Liebknecht, der hielt sich an namhafte Leute wie Ignacy Daszyński oder Leon Wasilewski, nicht an Rosa Luxemburg.

Ab Sommer 1893 hatten von Zürich aus Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Adolf Warski und Julian Marchlewski ein Konzept ausgearbeitet und in ihren Publikationen dargelegt, das fest von einer kommenden politischen Revolution im Zarenreich ausging, die gestützt auf die Arbeitermassen der maschinellen Großindustrie in den russischen und polnischen Industriezentren die Zarenherrschaft stürzen und volle politische Freiheit durchsetzen werde. Oder anders gesagt: Es gibt keinen politischen Sonderweg mehr für die polnische Arbeiterbewegung, sie steht vor der historischen Aufgabe, im Schulterschluss mit der wachsenden russischen Bewegung – also gemeinsam! – den Zarenthron zu stürzen und den Fluch der jahrhundertelangen Knechtschaft durch den Absolutismus von innen aus der russischen Gesellschaft auszutreiben.

Der Ausbruch der Revolution im Januar und Februar 1905 in den russischen und polnischen Industriezentren war die Probe aufs Exempel, Rosa Luxemburg schien jetzt fest überzeugt, in Bälde den Sturz der Zarenregierung zu erleben. Sie ging Ende 1905 selbst illegal nach Warschau, wurde im März 1906 von der Zarenpolizei festgenommen, kam Ende Juni 1906 unter Bedingungen aus dem Gefängnis frei, schrieb aus Warschau alsbald nach Deutschland: „Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark!“

1902 hatte sie in Berlin Franz Mehring, 1903 Karl Kautsky von ihrem Revolutionskonzept für das Zarenreich und damit von ihrer Sicht auf die polnische Frage überzeugt. Beide zählten zu den brillantesten sozialdemokratischen Köpfen in Deutschland überhaupt. Dies allein zeugt von der enormen Leistung Rosa Luxemburgs, die – das verraten ihre polnischen Arbeiten aus der Zeit – entschieden und hartnäckig an ihrem Konzept festhielt. Natürlich hängt der Durchbruch bezüglich ihrer Sicht auf die polnische Frage mit ihren unbeschreiblichen Erfolgen auf dem deutschen Parkett zusammen – beginnend mit der glänzend geschriebenen Auseinandersetzung mit Eduard Bernstein 1898/99 („Sozialreform und Revolution“).

Bis heute wird allerdings vorschnell kolportiert, Rosa Luxemburg habe sich in der polnischen Frage geirrt. Vielleicht wird aber andersherum ein Schuh draus. Nach der Niederlage der Revolution von 1905/06 hielt sie am Konzept der kommenden politischen Revolution fest, einen anderen Weg zum Sturz der Zarenherrschaft sah sie nicht. Auch in der polnischen Frage, die sie erst für die Zeit nach der Durchsetzung der vollen politischen Freiheit im Zarenreich auf die Agenda setzen wollte, blieb sie hartnäckig. Sie hatte gegen den polnischen Unabhängigkeitsweg in den Jahren bis zum Sommer 1914 ein gewichtiges Argument: Ein solcher Weg wäre nur möglich, wenn die drei Teilungsmächte Polens – nämlich Russland, Deutschland, Österreich – zuvor gegenseitig in den Krieg ziehen würden. Ein solcher Krieg wäre aber ein großer europäischer Krieg, den die europäische Arbeiterbewegung ohnehin verhindern werde. Es kam schließlich anders, wie bekannt. Der Erste Weltkrieg hatte an seinem Ende im Osten Europas drei große Verlierer – die Deutschen, die Österreicher und die Russen, also Polens bisherige Teilungsmächte, so dass auf den Trümmern der Dreiteilung Polens neue Republik errichtet werden konnte. Rosa Luxemburg blieb abschließend nicht viel Lebenszeit, sich mit der völlig veränderten Situation auseinanderzusetzen.

Zu behaupten, wie immer wieder zu hören ist, dass Rosa Luxemburg gar gegen die polnische Unabhängigkeit gewesen sei, ist nicht richtig. Richtig ist, dass sie die Wiedererrichtung eines unabhängigen Polens bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ausgeschlossen hatte. Sie hatte ihre Gründe.

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Nachtrag: Wie der polnische Werkteil Rosa Luxemburgs – an Druckseiten immerhin bald ein Drittel des Gesamtumfangs! – bis heute unterschätzt wird, so auch die Tatsache der engsten inhaltlichen Zusammenarbeit mit Leo Jogiches, zumindest die Zeit bis 1907 betreffend. Ohne hier tiefer in das Thema einsteigen zu können, sei für den Leser auf Feliks Tych (1929-2015) verwiesen, der das Zusammenspiel der beiden in den Jahren 1892 bis 1907 überaus treffend als eine Denkschmiede bezeichnete. Näher hierzu:

Feliks Tych: Leo Jogiches – Alternativen zu Lenins diktatorischem Modell. Fragmente einer unveröffentlichten politischen Biographie. Zusammengestellt, übersetzt und bearbeitet von Jürgen Hensel und Holger Politt. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2023 (Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, Heft 20).