[…] Was sollt’ ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?
[…] Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?
[…] Doch Friede schaffen, Fried‘ im Land‘ und Meere:
Das wäre Freude nun!
Ihr Fürsten, ach! Wenn’s irgend möglich wäre!!
Was könnt ihr Größers thun?
Matthias Claudius, Kriegslied, Erstdruck 1778
Zu Beginn seines ersten Artikels (Blättchen, Nr. 22/2025) spricht Stephan Wohanka von der „größten Schwäche“ der Friedenstaube Picassos, dass sich hinter diesem Symbol „viele Menschen versammeln können“. Als abschreckendes Beispiel nennt er ein Posting Björn Höckes mit einem Bild „von sich und einer Friedenstaube“ mit dem Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“. Und bezeichnet dies nicht nur als „verkehrte Welt“, sondern nimmt es als Ausgangspunkt seines Textes „Hat der Pazifismus das Lager gewechselt?“
Zu seinen in der Folge dargelegten Sichtweisen auf den Ukrainekrieg und hiesige Positionen dazu habe ich in meiner Entgegnung (Blättchen, Nr. 1/26) einige Einwände vorgebracht. Diese ignorierend, belehrt Wohanka mich und uns in Nr. 2/26 nun darüber, wie Immanuel Kant, den er einleitend zitiert hatte, tatsächlich zu verstehen sei.
Dem will ich wenig entgegensetzen, geht es doch in seinem Erstartikel, dem er das Zitat voranstellte, um das seiner Ansicht nach rechte und linke „Lager“ des Pazifismus. Kant dient da lediglich als Hinweis, und die Berufung auf ihn erscheint nur als Beglaubigung von unbestreitbar berufener Stelle für seine Darlegungen. Unter anderem, wenn er gegen Daniela Dahns Argumente einen ungenannten Autor „aus meinem Umfeld“ zitiert, der ihr „Schuldumkehr“ vorwirft, auch weil sie von „Stellvertreterkrieg“ spricht.
Nun, für welchen Stellvertreter die Ukraine – sagen wir vorsichtig: auch – kämpft, dafür gibt es einfache Belege. Zum Beispiel: Am 3. Oktober des Jahres 2014 erklärte der damalige Vizepräsident der USA, Joseph Biden: „Während wir auf die Krise in der Ukraine reagieren, sind wir entschlossen, dass die NATO selbst gestärkt aus der Krise hervorgeht […] Das hat es uns ermöglicht, die wichtigsten Industrieländer der Welt zu mobilisieren, um Russland reale Kosten aufzuerlegen. Es ist wahr, dass sie das nicht tun wollten. Aber auch hier waren es Amerikas Führung und der Präsident der Vereinigten Staaten, die darauf bestanden, dass Europa oft fast in Verlegenheit gebracht werden musste, um aufzustehen und wirtschaftliche Einbußen hinzunehmen, um Kosten aufzuerlegen.“ Nachzulesen im Press Office des Weißen Hauses vom 3. Oktober 2014. Der Präsident hieß damals Obama und durfte sich Friedensnobelpreisträger nennen.
So wurden also durch ein beispielloses Sanktionsregime Russland jahrelang bereits vor 2022 Kosten auferlegt und die NATO gestärkt. Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine 2022 ging es nun von den offiziellen Stellen und Medien der EU und der meisten europäischen Länder drei Jahre lang immer darum: „Russland ruinieren“ und verhandeln „nur aus einer Position der Stärke“. Daher kontinuierliche Steigerung der Waffenlieferungen und der Kriegshysterie. Verhandlungsversuche, Friedensbemühungen von westlicher Seite – Leermeldung. (Über das Verhandlungsintermezzo im April 2022 ein Vorhang des Schweigens; jedenfalls konnte niemand ernsthaft Russland für dessen Scheitern verantwortlich machen, während ein ukrainischer Verhandlungsteilnehmer danach eingestandenermaßen von einer Einheit seines eigenen Geheimdienstes ermordet wurde.)
Dann kam Trump, und plötzlich kamen auch in Europa die Begriffe „Verhandlungen“ und „Frieden“ wieder in stärkeren Gebrauch. Übrigens: Wäre es völlig absurd, dass es sich zumindest auch um einen Stellvertreterkrieg handelt – wieso verhandelt dann Putin mit Trump oder umgekehrt? Und warum will die EU in Verhandlungen mit dem Nicht-EU-Land Ukraine einbezogen werden? Und warum nahm hierzulande niemand Friedensinitiativen aus Ländern des Südens ernst?
Schließlich: Würde irgendjemand von Höckes Friedenstaube 2022 außer als politischem Gag reden, wenn sich hinter Picassos Taube und „Frieden schaffen ohne Waffen!“ oder „sofortige Verhandlungsinitiativen!“ die von Wohanka angesprochenen „vielen Menschen versammelt“ hätten? Und nicht „Lumpenpazifisten“ verächtlich gemacht, an die man neuerdings Jahrzehnte nach ihrer Verdammung und Ermordung als Deserteure scheinheilig erinnert?
Und würden Höcke und andere Rechtsaußen in diesem Fall noch der Rede wert sein, wenn ein brauchbarer Journalismus die Positionen der AfD zur Bundeswehr, zur Wehrpflicht, zum Waffenexport u.v.a. damit in Beziehung gesetzt hätte? – Stattdessen wird Pazifismus plötzlich „rechts“ eingeordnet, wurden und werden Friedensfreundinnen und Friedensfreunde mit dem Verweis auf böse Rechtsaußen in den Dreck gezogen. Es wird „der 24. Februar 2022“ kontextlos dämonisiert. Nachdem jahrzehntelang Angriffskriege in aller Welt nicht so genannt wurden, werden Leute, die nicht täglich den Gesslerhut „Angriffskrieg“ grüßen, verächtlich gemacht, mehr noch als Staatsfeinde verfolgt (Jacques Baud würde hier zu weit führen).
So erscheint gerade in einer solchen Situation die von Wohanka ausgesprochene Warnung, wenn schon dann nur ja einen solchen Frieden anzustreben, der der Kant’schen Maxime entspricht, eher als eine Anregung für weiteres Schlachten. Im Gegensatz zu Matthias Claudius.
Schlagwörter: Immanuel Kant, Karl Wimmler, Pazifismus, Stephan Wohanka




