29. Jahrgang | Nummer 13 | 10. August 2026

Noch ein wissenschaftlicher Paukenschlag

von Siegfried Fischer

Lange schon hatte ich kein solch faszinierendes Buch gelesen wie Ulrich Knappes „Über paradoxen Sozialismus“ (siehe Blättchen Sonderausgabe 2019). Kein Thriller und kein historischer Gesellschaftsroman, sondern eine Gesellschaftsanalyse der besonderen Art. Sie erhielt ihre Wucht aus fünf Momenten: 1. der persönlichen Betroffenheit, 2. der Einladung zur Teilhabe am analytischen, suchenden Denken, 3. dem Bekenntnis zur eigenen Unvollkommenheit, 4. dem Hilfsangebot an die vielen tausend Suchenden, 5. der Entideologisierung des Weltfriedens.

So habe ich damals die Schwerpunkte meiner Rezension gesetzt und ich stehe auch heute noch dazu.

Jetzt folgte Knappes zweiter Paukenschlag: „Sozialismen und Gegenwart – eine ideengeschichtliche Studie“. Ich gebe zu, dass ich dieses Buch nur schwer verstanden hätte, ohne durch die Lektüre des ersten darauf vorbereitet gewesen zu sein. Zugleich wird damit klar, dass der Autor selbst an diesem Herzensanliegen gewachsen ist. Antworten auf ältere Fragen rufen eben immer wieder neue Fragen hervor. Knappe hat mit dieser Studie eine wissenschaftlich-analytische und zugleich allgemein verständliche darstellerische Schwelle überschritten. Allein die Struktur des Buches spricht Bände:

1. Der sowjetische Sozialismus

2. Der „amerikanische Sozialismus“

3. Der Reformkommunismus

4. Der erste Kalte Krieg – ein Systemfrieden zwischen Sozialismus und Kapitalismus

5. Die Transformation des sowjetischen Sozialismus

6. Der deutsche Sozialismus

7. Der chinesische Sozialismus

Wer hat schon einmal so eine komplexe Dar- und Fragestellung gelesen? Wer also Antworten auf seine „den“ Sozialismus betreffende Fragen haben will, der lese dieses Buch. In jedem Fall ein Gewinn!

Schon das Vorwort von Daniel Obermüller ist eine geniale Einladung an neugierige und mündige Geister. Auch deshalb erlaube ich mir, auf einige Passagen daraus zurückzugreifen. Besser hätte ich es nicht schreiben können.

Knappe vereint in seiner einzigartigen und vorrangig ökonomisch begründeten Analyse den historischen Werdegang verschiedener, real existenter oder existent gewesener Sozialismusformen. Einerseits setzt er sich kritisch mit dem Marxismus-Leninismus als geistiger Grundlage realer Sozialismen auseinander, ohne dieses ideologische Gebilde aus dem geschichtlichen Kontext zu nehmen. Dieses Herangehen macht es ihm möglich, tatsächlich einen Bogen aus der Geschichte heraus bis in die Gegenwart zu schlagen und den Anspruch, der durch den Buchtitel gesetzt wird zu erfüllen.

Der Autor versteht sich nicht als Historiker, sondern als Gesellschaftstheoretiker, der zur wissenschaftlichen Analyse der real existierenden Sozialismen auf historisches Material zugreift und daraus neue Schlussfolgerungen ableitet. Die Aufdeckung der Marktfeindlichkeit sozialistischer/kommunistischer Führer geht einher mit der Antwort auf die Frage, warum jede Form von Sozialstaatlichkeit in entwickelten kapitalistischen Ländern von neoliberalen Erzählern mit totalitärem Sozialismus gleichgesetzt werden konnte. Spannend und so überzeugend, wie ich es bisher noch nie gelesen habe.

Durch diese Analyse gesellschaftlicher Transformationsrichtungen begegnet der Autor dem zivilisationsbedrohenden Wandel der modernen kapitalistischen Welt nicht mit politischen Parolen, sondern mit kühlem Verstand. Sein Buch bietet „kein Lösungsversprechen, sondern schlicht einen Rundgang durch zahlreiche Ruinen der Vergangenheit. Wie so oft erscheinen uns die Überreste auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen und vor allem kaputt. Aber bei genauerer Betrachtung sehen wir plötzlich Fortschrittlichkeit, die wir vergessen hatten“, schreibt dazu Daniel Obermüller.

Und weiter: „Zu den verlorengegangenen Ideen gehört auch der Sozialismus. Schnell wird er mit Planwirtschaft gleichgesetzt, dem Stalinismus oder der ehemaligen DDR zugeordnet oder im allgemeinen Sprachgebrauch manchmal mit dem unerreichbaren Kommunismus verwechselt. Jeder dieser Gedankengänge diskreditiert das Konzept wahlweise als menschenverachtend, geschichtlich gescheitert oder utopisch verklärt. Keiner dieser Aspekte erfasst die Pluralität der Idee, keiner wird ihren Möglichkeiten gerecht. Vielmehr könnte man meinen, das ganze Konzept wird vorsätzlich herabgewürdigt, um es konkurrierenden politischen Systemen – allen voran dem ungebremsten Kapitalismus – leichter zu machen.“

Wie bereits in seinem Buch über den paradoxen Sozialismus weist Ulrich Knappe nach, dass es den einen Sozialismus nicht gegeben hat und nie geben wird. Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird vom Autor eingeladen zu einer „Weltreise durch unterschiedliche Landschaften, mal von Elend gezeichnet, mal blühend, mal nebelverhangen. Und jedes Mal blickt man auf einen anderen Teil oder eine andere Zeit der uns bekannten Sozialismen. Wir können in dem, was wir gemeinsam erlesen Höhen und Tiefen sowie Chancen und Gefahren identifizieren. Wir können ebenso Bilder von Zielen und funktionierenden Gegebenheiten mitnehmen sowie uns Erinnerung daran schaffen, was wir bisher vielleicht übersehen haben oder was hätte sein können.“ So formuliert es der Verfasser des Vorworts.

Genau darin lägen Nutzen und Sinn dieser herausfordernden Reise durch hunderte von Seiten. „All die Entdeckungen schenken uns neue Impulse und zeigen uns Handlungsoptionen zum schlichten Ertragen des Hier-und-Jetzt bzw. der vermeintlichen Zukunft, die uns von Populisten aller Farben als alternativlos präsentiert werden.“

Wer also die Neugier aufbringt, in dieses Werk einzusteigen, der sollte unbedingt auch Obermüllers Vorwort lesen. Es befördert den Mut zum Lesen eines nicht alltäglichen Buches.

Ulrich Georg Knappe: Sozialismen und Gegenwart – eine ideengeschichtliche Studie. Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag Der Wissenschaften, Berlin 2026, 290 Seiten, 59,95 Euro.