Das Verhältnis der beiden größten Volkswirtschaften der Welt, der Supermächte USA und China, nimmt mittlerweile Formen an, die an das Verhältnis der beiden Großmächte der Antike, an Rom und Karthago, erinnern. Dies gilt sowohl für ihren jeweiligen Anspruch auf die Vorherrschaft in der Welt als auch für ihre wechselseitige Fokussierung aufeinander und – zumindest für die USA – auch für die konfrontative Rhetorik, die Parallelen zum Ceterum censeo des römische Staatsmannes Cato aufweist. Solange es nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt, vollzieht sich die Konfrontation vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet. Aber selbst im Falle eines militärischen Schlagabtausches wäre es die wirtschaftliche Stärke, die letztlich über Sieg oder Niederlage entscheiden würde.
In ökonomischer Hinsicht scheint China unaufhaltsam aufzuholen. Einige Beobachter meinen sogar, der Machtkampf sei bereits entschieden, da China inzwischen zur größten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen ist. Sie stützen sich dabei auf Berechnungen des Internationalen Währungsfonds, wonach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Chinas im Jahr 2025 rund 41,24 Billionen US-Dollar betrug, das der USA aber nur 30,77 Billionen US-Dollar. Für die Interpretation dieser Daten ist es von Bedeutung, dass das BIP hier kaufkraftbereinigt, also unter Berücksichtigung des Preisniveaus und der lokalen Lebenshaltungskosten, ausgewiesen wird. Alternative Vergleichsrechnungen gehen demgegenüber vom nominalen BIP aus, das auf den Wechselkursen der Währungen basiert. Danach aber rangiert die Wirtschaft der USA mit einem BIP von 30,62 Billionen Dollar nach wie vor unangefochten auf dem ersten Platz in der Welt. China folgt mit großem Abstand und erreicht ein BIP in Höhe von 19,40 Billionen Dollar. Die beachtliche Differenz zwischen den beiden Berechnungsmethoden verlangt nach einer Erklärung.
Die Hauptursachen für die Abweichung zwischen nominalem und kaufkraftbereinigtem BIP sind drei:
Erstens das Faktum, dass das regionale Preisniveau bei Dienstleistungen und nicht exportierbaren Gütern (wie Mieten, Restaurantbesuche, Handwerkerleistungen) in China signifikant niedriger ist als in den USA, was zur Folge hat, dass in der nominalen Rechnung die tatsächliche Wirtschaftsleistung Chinas massiv unterschätzt wird.
Zweitens unterliegen die nominalen Wechselkurse großen Schwankungen an den Finanzmärkten und spiegeln oftmals nicht wider, was man sich für einen bestimmten Geldbetrag tatsächlich kaufen kann. Zudem ist der US-Dollar international deutlich über- und der Yuan (CNY) stark unterbewertet.
Drittens bewertet das kaufkraftbereinigte BIP den realen Konsum, indem international standardisierte Warenkörbe miteinander verglichen werden. Es zeigt also, wie viele Güter und Dienstleistungen die Bürger eines Landes tatsächlich für ihr Einkommen erwerben können. Es ist daher das präzisere Maß, um den Wohlstand und die Lebensqualität der Bevölkerung zu messen und international zu vergleichen.
Für einen solchen Vergleich ist aber zudem jeweils der Pro-Kopf-Wert des BIP zu ermitteln. Er liegt derzeit in China mit 23.850 Dollar beträchtlich unter den 77.880 Dollar für die USA. Dieser Vorsprung ist kurzfristig nicht aufzuholen. Dadurch aber relativiert sich das im kaufkraftbereinigten BIP zum Ausdruck kommende gesamtvolkswirtschaftliche Potenzial Chinas erheblich.
Das Volumen des BIP allein vermag kein vollständiges Bild über die Stärke einer Volkswirtschaft zu vermitteln. Hierfür sind überdies strukturelle Aspekte zu berücksichtigen. So produziert China gegenwärtig jährlich zwölfmal mehr Stahl und zwanzigmal mehr Zement als die USA. Ferner drei- bis viermal mehr Autos, deutlich mehr Kühlschränke, Spielzeug, Gebrauchsartikel aller Art und so weiter. Die Daten sprechen für sich. Aber ist dies heutzutage entscheidend? Kommt es überhaupt noch darauf an, möglichst viel Stahl, Zement, Autos und dergleichen zu produzieren? Beruhen wirtschaftliche Stärke und Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert nicht auf gänzlich anderen Maßstäben? Gewiss! Beispielsweise auf dem Einsatz von KI, der Erzeugung von erneuerbaren Energien, der Verbreitung moderner Medien, dem Stand der Robotik, der Mikrochip-Produktion, der Entwicklung attraktiver Finanzprodukte, der Verfügung über eine Weltwährung und anderes mehr. Versucht man, auf diesen Feldern zwischen den USA und China einen Vergleich herbeizuführen, so scheinen sich die Maßstäbe wieder zugunsten der USA zu verschieben. So erwirtschaftete der Sektor „Finanzen, Versicherungen und Immobilien“ hier im Jahr 2025 ein BIP von sechs Billionen Dollar, während es in China nur 2,5 Billionen waren. Im Gesundheitswesen betrug die Relation 5,3 Billionen zu einer Billion Dollar. Zudem ist der US-Dollar bis auf Weiteres die wichtigste internationale Währung. Bei der Energieerzeugung hingegen hat China die USA inzwischen überholt. Die Stromkapazität erreichte dort mit 3890 Gigawatt fast das Dreifache des USA-Wertes von 1373 GW. Zudem verfügt China schon heute über das weltweit größte System erneuerbarer Energien. Ähnlich verhält es sich mit der Robotik, der Chip-Produktion und vermutlich auch der KI.
Zur Messung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit wurde von der Information Technology and Innovation Foundation (ITIF) ein Index entwickelt, über den sich die Verschiebung der globalen Machtverhältnisse im Zeitverlauf messen lässt. Danach übertrifft China schon heute den weltweiten Durchschnittswert (100) um 36 Prozent. Grund dafür ist die Tatsache, dass die chinesische Wirtschaft stärker als andere auf Hochtechnologien ausgerichtet ist. Die USA hinken demgegenüber in ihrer technologischen Intensität dem Weltniveau mit einem unterdurchschnittlichen Wert von 0,88 hinterher. Damit erscheint der nominale Reichtum der USA, wie er im Niveau des nominalen BIP seinen Niederschlag findet, nur noch als eine „Hülle für physische Stagnation“. Dafür spricht, dass rund 80 Prozent des BIP der USA dem Dienstleistungssektor entstammen, wobei ein Teil dieser Dienste „unproduktiv“ ist und einer Rentier-Wirtschaft entspricht, einem System also, das wächst, indem es den Preis bestehender Vermögenswerte und Leistungen erhöht, anstatt seine physische Aktivität auszuweiten. In einer Studie des ITIF wird dazu ausgeführt: „Wenn man die Realwirtschaft als die Fähigkeit definiert, die physische Welt zu transformieren, dann ist die Prüfung eindeutig: Chinas Realwirtschaft ist bedeutend größer und fortschrittlicher als die der Vereinigten Staaten, ungeachtet dessen, was die BIP-Zahlen besagen.“ Die Konsequenzen liegen auf der Hand: China verfügt trotz einiger Defizite und einem beachtlichen Abstand bei den Pro-Kopf-Daten insgesamt über die wirtschaftlich besseren Voraussetzungen, um den Systemwettbewerb mit den USA künftig für sich zu entscheiden. Daran würde selbst ein begrenzter militärischer Schlagabtausch, der den USA kurzfristig Vorteile verschaffen könnte, nichts ändern. Letztlich entscheiden die physische wirtschaftliche Stärke und das darin enthaltene Zukunftspotenzial über die Vorherrschaft in der Welt.
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