Vom September bis November 1962 bereiste Mieczysław F. Rakowski, der spätere vorletzte Ministerpräsident der Volksrepublik Polen, große Teile der Vereinigten Staaten. Es war seine erste Reise in die Neue Welt, eine Art Bildungs- und Kontaktreise, denn er soll in seiner damaligen Eigenschaft als Chefredakteur der wichtigsten politischen Wochenzeitung Polens sich selbst ein Bild machen von dem mächtigen wie in seinen inneren Widersprüchen gefangenen Land. Seit Juni 1958 leitet Rakowski Polityka (Politik). Er – Jahrgang 1926 – war in die verantwortliche Funktion auch deshalb berufen worden, weil Polens Führungsriege um Władysław Gomułka noch kein griffiges Konzept hatte, was sie mit diesem neugeschaffenen Parteiorgan eigentlich erreichen wolle. Polityka ist ein ausgesprochenes Kind des polnischen Oktobers 1956 und erscheint unter der Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Die um Rakowski gescharten Journalisten und Publizisten wollen hinter die Kulissen von Regierungspolitik schauen und entwickeln die Zeitung ziemlich gekonnt zu einer Art Spiegel, in dem die Strukturen der immer dynamischer werdenden Nachkriegsgesellschaft für den aufmerksamen Leser sichtbarer werden.
Auf seiner langen Reise quer durch Nordamerika trifft Rakowski sogar mit Präsident John F. Kennedy zusammen, es kommt zu einem Gespräch, bei dem interessierter nach Polen gefragt wird, auch nach der Meinung über die Mauer in Berlin. Zu den Gesprächspartnern während der Reise gehören ebenso Senatoren der beiden großen Richtungen. Allein hieran kann ein wenig die politische Dimension ermessen werden, Rakowski wird als ein durchaus hochrangiger Medienvertreter aus dem gegnerischen Weltenblock ausgemacht, dem das eine oder andere entlockt, dem die eine oder andere Botschaft mitgegeben werden könnte. Die Außenpolitik der USA jener Tage ist geprägt von der sich schnell zuspitzenden Kuba-Krise und von der noch immer nachwirkenden Berlin-Krise. Einer wie Rakowski, jemand von der gegnerischen Seite, kommt da durchaus gerufen. Übrigens hat Rakowski stets einen US-amerikanischen Betreuer fest an seiner Seite.
Der engere Zweck der Reise liegt in den Kontakten zur Medienbranche, vor allem natürlich zu Zeitungsmachern und Journalisten. Wenn er nach seinen Eindrücken gefragt wird, die er in den USA gesammelt habe, wirft Rakowski immer wieder die ihn verstörende Rassentrennung ein, wie sie in einigen Südstaaten zu dieser Zeit sogar noch in strenger Form besteht. Es ist die große Zeit der nationalen Befreiungsbewegung in Afrika, immer mehr Nationalstaaten werfen das Joch des Kolonialismus ab. Rakowski hält in seinen Notizen erstaunt fest, wie verwinkelt, wie juristisch verklausuliert die Antworten zumeist sind, wenn er nach dem Widerspruch zwischen dem großen Freiheitsanspruch und der in seinen Augen schockierenden Rassenpolitik fragt. Bezeichnend eine kleine Begebenheit: Er ist in Birmingham in Alabama zu Fuß unterwegs, streitet sich mit dem zugeordneten Begleiter, der die bestehende Situation in Alabama zu verteidigen sucht. Um die gespannte Gesprächsatmosphäre zu entschärfen, einigen sich beide, das nächste Kino aufzusuchen. Dort bleibt ihnen der Eintritt verwehrt, sie wollten in ein Kino nur für Schwarze.
Als Redakteur der Polityka wird er immer wieder gefragt, welche politische Richtung das Blatt vertrete, wer es finanziere, wer es kontrolliere. Man fragt ihn nach den Möglichkeiten, das Blatt politisch frei oder freier zu gestalten, nach der Einflussnahme von ganz oben. Man will von ihm also wissen, wie unabhängig und frei er seinen Job überhaupt ausüben könne. Rakowski entgegnet gerne ein wenig ausweichend, dass er selbst nämlich gar nicht recht wisse, was ihm lieber wäre, ob die hier in den USA zu erlebende Abhängigkeit der Presse und der Medienwelt vom großen Geld oder die gar nicht zu bestreitende Kontrolle durch führende Genossen zu Hause. Er beschreibt in seinen Notizen das Erstaunen, als er ein Blatt wie die New York Times lesebereit machen will: Der sehr viel größere Teil an bedruckten Seiten ist nichts als Reklame. Zwar lasse sich von geübten Händen der Werbeteil schnell vom redaktionellen Teil trennen, doch werde so der manifeste Einfluss des großen Geldes auf das Zeitungsgeschäft allzu deutlich. Immer wieder wird ihm in Redaktionen – vor allem tiefer in der Provinz –, sobald er nach dem Zweck der Zeitung fragt, geraderaus geantwortet, dass es in erster Linie darum gehe, Geld zu verdienen. Und Rakowski ahnt ziemlich häufig, wenn er das jeweilige Blatt sich näher besieht, dass es der einzige Zweck zu sein scheint.
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Sprung zurück in unsere Zeiten. Längst befriedigt sich der Medienkonsument auf andere Weise, zum bedruckten Zeitungspapier greift jedenfalls kaum noch eine wissbegierige Seele. Der Blick zurück lohnt dennoch, denn zum einen steht die Frage im Raum, wie sehr im angeführten Spiel zwischen der Redaktion und den kontrollierenden Genossen die Meinungsfreiheit zur Geltung oder eben nicht zur Geltung kam. Die Erfahrungen in den einzelnen Ländern des sowjetisch geführten Machtblocks sind darin durchaus unterschiedlich und wohl eher grau schattiert denn schwarz und weiß, doch richtig aufmüpfig wurden die Journalisten in der DDR wohl erst ganz am Schluss, als sie wie alle anderen geradezu hineingerissen wurden in den unglaublichen Sog vom Herbst 1989. In der Volksrepublik Polen hatten die Oberen bezüglich des gedruckten Wortes bereits seit Herbst 1956 und fast durchgehend so ihre liebe Mühe und rechte Not. Das Interesse an detaillierten Studien, um hier tiefer zu schauen, dürfte also gar nicht einmal klein sein.
Doch noch etwas anderes besticht heute. Zu den von Rakowski festgehaltenen Zeiten war der Reklameteil, den das große Geld direkter und direkt beeinflussen konnte, noch wohlgetrennt und unterteilt vom Redaktionsteil. Der skeptische Einwurf war immer der, ob denn die Trennung auch ausreichend funktioniere, ob auf Redaktionsseite dem immensen Druck des großen Geldes standgehalten werden könne. Mit dem gewaltigen Zeitungssterben heute erleben wir, wie das moderne Mediengeschäft immer gefräßiger den Redaktionsteil angreift, der zurückgedrängt und oft genug zu einem finanziell gerade noch tragbaren Minimum „ausgedünnt“ wird. Eine andere aktuelle Front im Kampf gegen Redaktionen im Mediengeschäft ist das Fernsehen, sehr gut zu beobachten übrigens auch in Deutschland, denn die Frontstellungen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden immer manifester. Interessant dabei, dass ein Argument größeren Zuspruch erfährt: Redaktionen verfälschen die tatsächliche Mehrheitsmeinung! Ohne diesen Vorwurf hier erörtern zu können, sei deshalb am Schluss eine andere entscheidende Frage eingeworfen.
Die einzelne und sich überdies ausnehmend wichtig nehmende Meinung will am liebsten den direkten (ungestörten) Zugang zum berühmten Marktplatz der Meinungen, also ohne den redaktionellen und oft ärgerlichen Torwächter. Abgesehen davon, dass ohne Redaktion auch der wohl unentbehrliche Verstärkereffekt ausfällt, um sich vom allgemeinen Stimmengemurmel überhaupt abheben zu können, so bleibt doch zumindest der eine Verdacht: Wo bleibt denn nun das große Geld! Insofern scheint mir Rakowskis Beobachtung vom niedrigen redaktionellen Niveau der vorzüglich aufs Geldmachen fixierten Käseblätter in der US-amerikanische Provinz ein recht einleuchtendes Beispiel, welchen wilden Medienzeiten wir jetzt unter den Bedingungen ganz anderer technischer Möglichkeiten entgegentaumeln. Man wird sich einst wohl der guten alten Zeitungsredaktion, all ihrer strukturellen Schwächen bewusst, noch mit viel Wehmut und entsprechender Wertschätzung erinnern.
Schlagwörter: Holger Politt, Meinungsfreiheit, Mieczysław F. Rakowski, Polen, Presse, USA

