Denis Scheck kennt kein Erbarmen. Immer auf die armen Autorinnen! Anmerkungen zur Literaturkritik im Zeitalter des Spektakels.
Selbst in Frankreich, dem Schlaraffenland der Literatur, kann es Kritikern wie Scheck an den Kragen gehen. Nehmen wir nur den Fall Rouche.
Der Kritiker Jean-Michel Rouche ärgerte sich. Er ärgerte sich maßlos und das vor den Augen der Nation, also im Fernsehen. Er ärgerte sich über einen Roman von Henri Pick. Der Roman war schlecht. Aber er vereinigte einige Kriterien auf sich, die einen Autor ins Gespräch bringen und ein Buch zum Verkaufsschlager machen.
Erstens, Henri Pick war Pizzabäcker in der Bretagne, zweitens, er war seit zwei Jahren tot, drittens, das Manuskript war zufällig in einer Bibliothek für gescheiterte Buchobjekte gefunden worden. Das machte unterm Strich: Proletarische Herkunft, Tragik und glückliche Fügung, alles, was das Herz des Buchhandels erfreut. Ganz Paris schwärmte von Henri Pick.
Nur Monsieur Rouche witterte Betrug. Er stellte infrage, dass der Pizzamann jemals eine Zeile zu Papier gebracht hätte. Im Fernsehen herrschte er Picks fassungslose Witwe rüpelhaft an. Skandal! Rouche verlor erst seinen Job, dann setzte ihn seine Frau vor die Tür.
Womit wir bei Denis Scheck wären.
Was soll nun aus ihm werden? In welcher Hölle muss er schmoren? Welches Strafmaß ist vorgesehen für unbotmäßige Kritik an namhaften Autorinnen?
Sein Verschulden sprach sich in Windeseile rum, was möglicherweise auch von klammheimlicher Freude an der Formulierung zeugt. Zur Erinnerung: „Nachrichten aus der Schnatterzone einer Damentoilette auf einer Hochzeit“ – dergestalt hatte Scheck gegen „Alt genug“ gegiftet, dem neuen Buch der Brigitte-Kolumnistin Ildikó von Kürthy.
Und weil er gerade in Form war, nahm er sich Sophie Passmanns „Wie kann sie nur“ in ähnlicher Manier an: „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“.
Starker Tobak? Kann man so sehen.
Touché? Aber hallo!
Die notorische Bücher-Influenzerin Elke Heidenreich fuhr sogleich aus der Haut und plädierte indirekt für ein Ende von Schecks TV-Format Druckfrisch: „Um Mitternacht vom Teleprompter abgelesene Bosheiten bewirken gar nichts. Dass die ARD sowas seit Jahren finanziert, ist so sinn- wie stillos.“
Autoren & Kritiker, Kritiker & Autoren – was nach einer Beziehung auf Liebe und Tod aussieht, ist in Wahrheit eine wankelmütige Liaison à trois. Der Dritte im Bunde ist stets das Publikum, das vornehmlich dem Kritiker gern mal die lange Nase zeigt. Elke Heidenreichs Buch „Altern“ hatte Scheck mit einem „ungenießbaren Stollen“ verglichen, ein Bestseller wurde es trotzdem.
1797 klagte ein Autor im Britain’s Literary Magazine, dass der Beruf des Kritikers jeder Würde entbehre, weil die Herren (Kritiker waren männlich) ein „bösartiges Vergnügen“ daran fänden, einen Schriftsteller zu zerpflücken.
Hingegen mokierte sich die Romanautorin Rebecca West 150 Jahre später über die „allzu milden Nettigkeiten“ von Buchkritiken, „die weder Enthusiasmus noch Zorn“ hervorriefen.
Im Deutschland der Zwanzigerjahre (voriges Jahrhundert) konnte von Milde oder Rücksichtnahme keine Rede sein. Der große Kritiker Alfred Kerr bescheinigte dem großen Thomas Mann „ein feines, etwas dünnes Seelchen, dessen Wurzel ihre stille Wohnung im Sitzfleisch hat“.
Über Brechts Frühwerk „Baal“ lästerte Kerr: „Manches aus dem Manuskript blieb im Gedächtnis. Dunkelnde Fenster; witternde Luft; etwas wie der Spessart.“ Abschließend meinte er: „Der begabte Brecht ist ein schäumender Epigone.“
Alfred Döblin, der zur gleichen Zeit in Berlin Theaterkritiken schrieb (und für ein Eintrittsbillet während der Inflationsjahre Millionen hinblätterte) forderte kategorisch: „Ein Kerl muss eine Meinung haben.“
Schon klar. Aber welche?
Als im November 1959 „Die Blechtrommel“ von Günter Grass erscheint, prophezeit Hans Magnus Enzensberger „Schreie der Freude und der Empörung“ unter den Kritikern. Marcel Reich-Ranicki gehört zu den Letzteren. Als seine Kritik etliche Wochen später in der „ZEIT“ veröffentlicht wird (man hatte keine Eile mit dem Debütanten), mäkelt Reich-Ranicki, die „große stilistische Begabung“ sei „dem Grass zum Verhängnis geworden“.
Der amerikanische Kritiker Leslie Fiedler (gestorben 2003), der mit „Love and Death in the American Novel“ einen Standard setzte, ging in seiner Forderung an die Literaturkritik über die Ambiguität von Freude und Empörung hinaus. Sicher, starke Argumente und geschliffene Sätze, kurz das Handwerkliche seien die Grundvoraussetzung für eine gepflegte Buchbesprechung, dazu nach Möglichkeit eine Prise Leidenschaft, die den Leser erregt …
Aber Buchkritik, die ideale Buchkritik, könne viel mehr. Fiedler: „Die Autorität des Kritikers beruht eher auf der geheimnisvollen Fähigkeit, den Leser zu bewegen, seine Skepsis auszublenden und die Stringenz und die Genauigkeit der Kritik zu vergessen.“
Anders gesagt, im Idealfall sind gute Literatur und gute Kritik einander ebenbürtig. Der Kritiker kann, wenn er’s denn kann, seine Leserschaft gefangen nehmen, wie es sonst nur Erzählungen oder Romane vermögen. Große Schreiber enthüllen nicht die Tiefe ihres Geistes, sie verführen uns, die Leser, in die Verliese unserer eigenen Tiefen.
Davon ist Deutschland mit seiner Neigung zu analytischer, oft aber auch hämischer und mitunter besserwisserischer Literaturkritik weit entfernt. Das gilt erst recht für die Hau-den-Lukas-Kritiken von Denis Schecks Druckfrisch-Sendungen. Was aber nicht heißt, dass er nicht auch anders kann. Seine spätabendlichen Radio-Feuilletons zu deutschen Dichterinnen und Dichtern auf Deutschlandfunk-Kultur wurden (in den Zehnerjahren) von Kenntnis, Sorgfalt und Zuneigung getragen.
Druckfrisch aber ist Fernsehen. Und Fernsehen ist ein anderer Sport als gepflegtes Minderheitenradio. Denis Scheck bemüht sich auf seine Art, sowohl dem Medium gerecht zu werden als auch dem Geist der Epoche auf den Fersen zu bleiben.
Wir leben im 21. Jahrhundert, dem ersten Zeitalter des totalen Spektakels. Die Macht des Spektakels wird uns – auf einer gänzlich anderen Ebene – tagtäglich in den USA vorgeführt. Denis Schecks harmlos ungelenke TV-Darbietung will auf ihre Art ebenfalls Spektakel sein, orientiert sich aber – eine Mutmaßung – an der alten Reich-Ranicki-Maxime, die da lautet: Übertreiben, übertreiben, übertreiben …, nur so könne Literaturkritik gehört werden. Reich-Ranicki war ein Meister der Übertreibung.
Noch jede Gesellschaft seit Anbeginn der Menschheit träumte vom Bad im Jungbrunnen. Noch jede Gesellschaft erlag dem Glauben an ewiglich kraftspendende und Schönheit konservierende Geheimrezepte. Neu ist das Thema also nicht, dem sich Heidenreich, von Kürthy und viele, viele andere gerade zur Freude des Buchhandels widmen. Aber etwas ist anders geworden: Der Anschein von wissenschaftlich grundierter Machbarkeit war nie so groß wie in unseren Tagen, da besonders die Reichen und Mächtigen (vom Kreml bis ins Silicon Valley) alles daransetzen, so lange wie möglich unter uns zu bleiben, am liebsten für immer.
Longevity und dabei aussehen wie neu, das ist allemal spannender als die lästige gesellschaftliche Aufgabe, etwas gegen grassierende Altersarmut zu unternehmen; auf dem Gebiet bleibt ein Altersforscher wie Christoph Butterwegge der einsame Rufer.
Nun darf man Elke Heidenreich zugutehalten, dass es ihr am wenigsten um äußerliche Schönheit geht. Sie schwingt sich ungefragt zur Verteidigerin der Boomer-Generation auf (der sich gar nicht angehört) und schreibt: „Aber wir sind doch nicht nur die alten selbstsüchtigen Deppen, die den heute Jungen das alles eingebrockt haben, verdammt noch mal.“
Beweis? „Wir haben Greenpeace gegründet und Amnesty International.“
Richtig gelesen: „Wir“.
Da ist die Endfünfzigerin Ildikó von Kürthy, die das Etikett „Bestseller-Autorin“ wie ein Diadem auf der faltenlosen Stirn trägt, weit mehr der inneren wie äußeren Resilienz gegen die Unbilden des Älterwerdens verpflichtet. Ein leiser Hauch von, sagen wir, Kim-Kardashian-Welt durchzieht ihr Buch, dessen Erzählung zwar tatsächlich einmal auf die Damentoilette einer Raststätte abbiegt, aber keineswegs von ihr geprägt ist. Vielleicht sollte Denis Schecks inkriminierte Bemerkung von der „Schnatterzone einer Damentoilette“ ohnehin weniger als Ortsangabe denn als Metapher für ein endlos sich hinziehendes Kolumnistinnen-Geplauder verstanden werden.
Dem zweifach geschassten Kritiker Jean-Michel Rouche ward übrigens ein doppeltes Happyend beschieden, wie es sich für einen guten Film gehört. „Der geheime Roman des Monsieur Pick“, das ist eine französische Komödie aus dem Jahr 2019, eine Persiflage auf die Sensationshascherei des Literaturbetriebs. Fabrice Luchini spielt den zornigen Kritiker. Erst gewinnt er die Liebe von Picks Tochter, dann entlarvt er den Betrug um das Buch des Pizzabäckers.
Rückkopplungen auf das Leben von Denis Scheck lassen sich daraus nicht schließen. Aber die folgenden „Druckfrisch“-Sendungen werden gute Einschaltquoten gehabt haben.
Schlagwörter: Denis Scheck, Detlef Hartlap, Druckfrisch, Elke Heidenreich, Ildikó von Kürthy, Kritiker, Literatur





