Die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges steigt jedes Mal,
wenn ein neuer Staat eine Atomwaffe baut.
[…] in Wirklichkeit ist die einzige Möglichkeit,
einen Atomkrieg wirklich zu verhindern,
die endgültige Abschaffung von Atomwaffen.
Alexandra Bell
Von den weltweit etwa 12.187 Atomsprengköpfen“, so die Federation of American Scientists (FAS), „befinden sich rund 9.745 in militärischen Beständen, die für den Einsatz auf Raketen, Flugzeugen, Schiffen und U-Booten vorgesehen sind. Die übrigen Sprengköpfe wurden außer Dienst gestellt, sind jedoch noch relativ intakt und warten auf ihre Demontage. Von den 9.745 Sprengköpfen in den militärischen Beständen sind etwa 3.912 bei einsatzbereiten Streitkräften stationiert (auf Raketen- oder Bomberbasen). Davon befinden sich etwa 2.100 Sprengköpfe der USA, Russlands, Großbritanniens und Frankreichs in höchster Alarmbereitschaft und sind kurzfristig einsatzbereit.“ (Stand: 2026)
Konkret weist die FAS für die neun Atommächte derzeit folgende Sprengkopfzahlen aus:
Russland – 5420; USA – 5042; China – 620; Frankreich: – 370; Großbritannien – 225; Indien – 190;
Pakistan – 170; Israel – 60; Nordkorea – 60.
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Bisher sind 95 Staaten dem 2017 von der UN-Generalversammlung angenommenen und 2021 in Kraft getretenen Vertrag über das Verbot von Kernwaffen (TPNW) beigetreten, der Entwicklung, Tests, Produktion, Besitz, Lagerung, Stationierung und Einsatz von Kernwaffen verbietet; 74 Staaten haben das Abkommen ratifiziert (Stand: April 2026). Zugleich lebt die Mehrheit der Menschen auf der Erde jeweils in Ländern, die über Nuklearwaffen verfügen oder unter dem Schutzschirm einer Atommacht stehen. Diesen Gegensatz könnte man als das grundlegende Paradoxon der nuklearen Ära in ihrer aktuellen Ausprägung bezeichnen.
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Die erste US-Atomwaffen-Explosion – es handelte sich um eine Plutonium-Implosionsbombe –, der sogenannte Trinity-Test, fand am 16. Juli 1945 um 05:29:45 Uhr Ortszeit im US-Bundesstaat New Mexico statt.
Wenn man den Beginn der nuklearen Ära auf dieses Datum festlegt, dann kann man für die acht Jahrzehnte seither durchaus, wie Alexandra Bell, Präsidentin und CEO des Bulletin of the Atomic Scientists, im Dezember 2025 rekapituliert hat, verschiedene Etappen oder Zeitalter unterscheiden: „Das erste Zeitalter, das […] bis etwa 1991 dauerte, war geprägt von […] nuklearer Proliferation und Aufrüstung sowie der fast täglichen Angst vor einem Atomkrieg. Das zweite Zeitalter […] war geprägt von massiven Abrüstungsmaßnahmen, zwei unterschiedlichen Herausforderungen im Bereich der Proliferation[1] (durch Nordkorea und den Iran) und der Angst vor nuklearem Terrorismus.“ Begonnen habe mittlerweile, so nicht nur Bells Auffassung, ein drittes nukleares Zeitalter, „in dem sich alle atomaren Herausforderungen in die falsche Richtung entwickeln“ und „die nuklearen Bedrohungen zunehmen“.
Insbesondere den beiden letztzitierten Feststellungen dürfte schwerlich zu widersprechen sein – angesichts einer Weltlage, die im Hinblick auf Atomwaffen über das skizzierte Paradoxon hinaus vor allem durch folgende Sachverhalte, Entwicklungen und mögliche Perspektiven gekennzeichnet ist:
- Dem Atomwaffensperrvertrag (NPT) von 1968, der 1970 in Kraft trat, gehören die Atommächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien an. Der Vertrag verpflichtet diese Atommächte in Artikel VI, „in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen über wirksame Maßnahmen zur Beendigung des nuklearen Wettrüstens in naher Zukunft und zur nuklearen Abrüstung“.
Dieser Verpflichtung sind China, Frankreich und Großbritannien bis zum heutigen Tage nicht nachgekommen.
Von China ist bekannt, dass es seine strategischen Nuklearstreitkräfte systematisch ausbaut. Vor einigen Jahren zeigten Satellitenaufnahmen, dass mehrere hundert neue Startsilos für Interkontinentalraketen im Landesinneren in Bau sind.
Bereits 2021 hatte Großbritannien eine Aufstockung seines Bestandes an strategischen Kernsprengköpfen auf U-Boot-gestützten Interkontinentalraketen (SLBM) um mehr als 40 Prozent (von 180 auf 260 Sprengköpfe) angekündigt.
Anfang März 2026 kündigte Frankreichs Präsident Macron an, das atomare Arsenal des Landes aufzustocken. Allerdings ohne Spezifizierung, ob dies die SLBM der Force de dissuasion nucléaire française (umgangssprachlich: Force de frappe) betreffen soll, die luftgestützten Abstandsflugkörper für das Trägerflugzeug Rafale oder beide Komponenten.
Die anderen Atommächte (Israel, Indien, Pakistan) sind dem NPT nie beigetreten; Nordkorea trat im Januar 2003 (vertragskonform) aus. - Auch zwischen den USA und Russland existieren nach dem endgültigen Auslaufen des New Start-Abkommens im Februar 2026 keinerlei vertragliche Beschränkungen für die Atomrüstung beider Seiten in quantitativer wie qualitativer Hinsicht mehr. Weder im strategischen Bereich (Trägersysteme mit Reichweiten oberhalb 5000 Kilometer), noch bei Mittelstreckenwaffen (Reichweiten zwischen 500 und 5000 Kilometern). Für taktische Atomwaffen (Reichweite bis 500 Kilometer) gab es nie vertragliche Beschränkungen.
Damit wäre für die USA der Weg frei, einer Forderung zu folgen, die sich bereits im vergangenen Jahr einem Essay von Vipin Narang und Pranay Vaddi, beide Experten am Center for Nuclear Security Policy des MIT (Massachusetts Institute of Technology), in Foreign Affairs entnehmen ließ, nämlich so viele „Nuklearstreitkräfte zu stationieren“ wie „China und Russland zusammen“ [Hervorhebung – S.]. Titel des Essays: „How to Survive the New Nuclear Age“ („Wie man das neue Atomzeitalter überlebt“). - Die einseitige Aufkündigung des russisch-amerikanischen Abkommens über die Begrenzung der Raketenabwehrsysteme von 1972 (ABM-Vertrag) im Jahre 2002 durch die Bush junior-Administration hat die russische Führung unter anderem mit der Entwicklung neuartiger strategischer Trägersysteme beantwortet, um Raketenabwehr ins Leere laufen zu lassen. Zum Beispiel durch sogenannte Hyperschallwaffen mit extremer Geschwindigkeit und noch im Zielanflug manövrierfähig. Experten stufen solche Waffen als destabilisierend ein, weil sie die Vorwarnzeit für die angegriffene Seite stark verkürzen. Der massive Gegenschlag müsste daher so rasch erfolgen, dass für die Korrektur von möglichen Fehlern im System (Stichwort: Petrow, 1983) keine Zeit mehr bliebe.
- Andere Entwicklungen haben die Gefahr einer raschen Eskalation auf die nukleare Ebene im Falle eines direkten militärischen Konfliktes zwischen Russland und dem Westen spürbar erhöht. Seit der jüngsten Änderung der russischen Nukleardoktrin setzt Moskau wegen seiner teils dramatischen Unterlegenheit bei nahezu allen maßgeblichen Kennziffern der konventionellen Streitkräfte gegenüber der NATO (dazu Blättchen, 15/2022) auf den (gegebenenfalls auch frühzeitigen) Ersteinsatz von Atomwaffen im Krieg, um das Manko zu kompensieren (dazu Blättchen, 25/2024). Das ist eine ziemlich alte Strategie. Die NATO hat während des ersten Kalten Krieges eine solche jahrzehntelang unter der Bezeichnung Flexible Response verfochten.
Zu hoffen bleibt, dass in Moskau strategische Nuklearextremisten wie der früher im Westen als Kreml-Berater gehandelte Sergei Karaganow kein Gehör auf den Korridoren der Macht finden. Dass „es in einem Nuklearkrieg keinen Sieger geben kann“, so K. im Februar 2026 in einem ausführlichen Essay mit dem Titel „Müssen bereit sein für begrenzte nukleare Schläge gegen den Westen“, widerspräche „jeglicher militärischen Logik“. In diesem Kontext favorisiert K. insbesondere „Schläge gegen die Kommandozentralen, die kritische Infrastruktur und Militärstützpunkte jener europäischen Länder […], die eine Schlüsselrolle bei der Vorbereitung und Durchführung militärischer Operationen gegen Russland spielen“. Im November 2025 hatte K. in einem Interview mit dem Magazin Multipolar erklärt, dass „die Notwendigkeit von Präventivschlägen […] heute die vorherrschende Meinung“ in Moskau sei. Speziell an die Adresse Berlins hatte K. dabei gedroht: „Wenn die deutschen Medien und das Establishment erneut Krieg führen wollen, dann garantiere ich Ihnen: Es wird kein Deutschland mehr geben, niemals. Als Land wird es aufhören zu existieren.“ - Dass der Besitz von Atomwaffen die betreffenden Staaten keinesfalls, wie gern behauptet wird, davon abhält, Krieg gegeneinander zu führen, haben Indien und Pakistan schon wiederholt unter Beweis gestellt. Sollte in einem solchen Konflikt je eine Seite an den Rand einer als strategisch empfundenen Niederlage geraten, verfügt sie zumindest über die Mittel, der anderen Seite den Sieg zu verwehren – und sei es im dann gegebenenfalls gemeinsamen nuklearen Untergang. – By the way: Bereits im Jahre 2010 hatten die US-Wissenschaftler Alan Robock und Owen B. Toon in Scientific American die Resultate von Untersuchungen veröffentlicht, „was passieren würde, wenn 50 Bomben von der Größe der Hiroshima-Bombe auf die am dichtesten besiedelten Ziele in Pakistan abgeworfen würden und wenn 50 ähnliche Bomben ebenfalls über Indien abgeworfen würden“. Die Untersuchungen hatten gezeigt, dass „die klimatischen Auswirkungen selbst eines regionalen Konflikts weitreichend und schwerwiegend wären“ (Stichwort: nuklearer Winter).
Auch im Verhältnis zwischen den westlichen Atommächten bewirkt die sogenannte nukleare Abschreckung heute weniger als während des ersten Kalten Krieges. Damals mussten die USA zwar infolge sowjetisch-chinesischer Militärhilfe für Nordvietnam eine Niederlage in Indochina ebenso hinnehmen wie die Sowjetunion später infolge westlicher, vor allem US-amerikanischer Militärhilfe für die Mudschahedin in Afghanistan, aber zugleich war das Territorium des jeweiligen Aggressors sakrosankt! Heute ist Russland – die größte Atommacht der Welt – seit vier Jahren Raketenangriffen ausgesetzt, die mit Systemen erfolgen, die westliche Atommächte an die Ukraine liefern. Im heutigen Umfeld, so Alex Kolbin, ein unabhängiger Berater und Analyst, früher tätig beim Russischen Zentrum für Politikforschung (PIR-Center) in Moskau, „erscheinen Atomwaffen seltsam stumpf. Sie sind katastrophal, aber unbrauchbar. Sie flößen Angst ein, aber nicht unbedingt Zurückhaltung. Sie hindern Gegner nicht mehr daran, direkt gegen das Territorium, die Infrastruktur […] eines atomar bewaffneten Staates zuzuschlagen.“ Kolbin gab seinem Beitrag im Bulletin of the Atomic Scientists den bemerkenswerten Titel „Nuclear deterrence is dying. And hardly anyone notices“ („Die nukleare Abschreckung stirbt. Und kaum jemand bemerkt es“). - Die außerordentliche Verschärfung des Verhältnisses zwischen dem Westen und Russland seit Beginn der Invasion Moskaus in der Ukraine 2022 hatte unmittelbare Folgen für die horizontale Proliferation von Atomwaffen.
2023 stationierte Russland taktische atomare Trägersysteme samt Sprengköpfen in Belarus.
Laut FAS gibt es Indizien dafür, dass die USA 2025 und damit erstmals seit 2008 wieder US-Atomwaffen in Großbritannien stationiert haben – konkret B61-12-Bomben auf der Luftwaffenbasis Lakenheath.
Künftige horizontale Proliferation könnte Schweden und Dänemark betreffen, deren Verteidigungsminister zu Beginn des Jahres 2026 zu erkennen gaben, dass die strikte Ablehnung einer Stationierung von Kernwaffen auf deren Territorien offenbar nicht mehr gilt. Kopenhagen sei „offen, alles zu diskutieren“, so der dänische Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen auf die Frage, ob Dänemark bereit sei, Atomwaffen unterzubringen oder damit verbundene Projekte mitzufinanzieren. Bereits zuvor hat sich Medienberichten zufolge Estland in vergleichbarer Weise eingelassen.
Die russische Antwort ließ weder lange auf sich warten, noch konnte sie verwundern. Laut Kremlsprecher Dmitri Peskow müsse Moskau seine Atomwaffen auf die Länder ausrichten, die Atomwaffen beherbergten, die auf Russland zielten.
Anfang März 2026 berichtete Der Spiegel darüber, dass die „Regierung in Helsinki […] die Aufhebung des momentan vollständigen Atomwaffenverbots in Finnland [plant]. So könne etwa der Transport von Nuklearwaffen anderer NATO-Staaten durch das Land erlaubt werden.“ - Was die mögliche weitere vertikale Proliferation anbetrifft, also das Aufkommen neuer Atommächte mit einsatzfähigen Kernwaffen, so stellte George Perkovich, Inhaber des Japan-Lehrstuhls für eine atomwaffenfreie Welt an der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden, dazu jüngst im Bulletin of the Atomic Scientists fest: „Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran stellt […] eine Bedrohung für den Atomwaffensperrvertrag dar […].“ Perkovich konkret: „Wenn die Atomwaffenstaaten ihre Verpflichtungen gemäß Artikel VI des NPT, das Wettrüsten zu beenden und die nukleare Abrüstung voranzutreiben, eindeutig aufgegeben haben und wenn Atomwaffenstaaten unter Verletzung des Völkerrechts andere Nicht-Atomwaffenstaaten angegriffen haben, warum sollten sich dann nicht mehr Länder berechtigt fühlen, eigene nukleare Abschreckungsmittel anzustreben?“ Perkovich verwies dabei auch darauf, dass „mächtige Länder Handels- und Sicherheitszugeständnisse an das atomar bewaffnete Indien gemacht haben“ (dazu ausführlicher Blättchen, 22/2008).
Dass entsprechende Bestrebungen gerade seitens des Iran infolge des aktuellen völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA und Israels nachgerade plausibel erscheinen (Niemand greift Nordkorea an!), ist in der vorhergehenden Ausgabe dieses Magazins thematisiert worden (Blättchen, 7/2026). ). – In der in Islamabad abgehaltenen ersten Verhandlungsrunde zwischen den USA und dem Iran über die Beendigung des derzeitigen Krieges hat Washington gefordert, dass Teheran 20 Jahre lang auf eine Wiederaufnahme seiner Uran-Anreicherung verzichten müsse; Iran bot fünf Jahre an. Sollte ein entsprechender Deal irgendwann zustande kommen, wäre damit dem Griff der Mullahs nach der Bombe allerdings erst ein halber Riegel vorgeschoben. Denn im Reaktor des von Russland gebauten und seit 15 Jahren laufenden iranischen AKWs in Busher entsteht bei der Kernspaltung von Uran Plutonium (Pu). Die inzwischen bis zu 210 Tonnen abgebrannten Brennstoffes im Lagerbecken von Busher enthalten nach Expertenangaben mehr als 2000 Kilogramm Pu – genug, um wenigstens 200 Atomwaffen herzustellen. Dazu Henry Sokolski, Geschäftsführer des Nonproliferation Policy Education Centers in Arlington, Virginia, dieser Tage im Bulletin of the Atomic Scientists: „Warum spricht niemand über das iranische Plutonium in Bushehr? Die technischen Schwierigkeiten und der Zeitaufwand, die erforderlich sind, um Uranhexafluorid in einen einbaufähigen Bombenkern umzuwandeln, unterscheiden sich nicht wesentlich von dem, was für die Herstellung von Bombenkernen aus Plutonium erforderlich ist.“ Dass Teheran den Prozess der chemischen Herauslösung von Plutonium aus abgebrannten Brennstäben beherrsche, sei, Sokolski zufolge, seit 30 Jahren aktenkundig.
Im Februar 2026 erklärte der polnische Präsident in einem Interview mit Polsat News: Der Weg zu einem polnischen Nuklearpotenzial sei „ein Weg, den wir gehen sollen“. Anfang März berichtete Jakub Bornio, stellvertretender Direktor am Institut für Europäische Studien der Warschauer Universität, auf der Homepage der Jamestown Foundation, dass aktuelle Umfragen zeigten, „dass mehr als 50 Prozent der Polen den Erwerb nuklearer Fähigkeiten durch Polen befürworten“.
Auch hierzulande gibt es (teils bizarre) Stimmen – bisher überwiegend aus den hinteren Reihen –, die einer deutschen atomaren Bewaffnung das Wort reden. Da wäre zum Beispiel Maximilian Terhalle, der als Gastprofessor an der London School of Economics and Political Science 2024 als besonders kurzen Weg zum Ziel empfahl: „Erwerb von etwa 1000 zurzeit eingemotteten strategischen Nuklearwaffen aus den USA“. Und: „Weil Deutschland die ‚strategische Tiefe‘ für eine angriffssichere Stationierung fehle, sollten sie auch in anderen NATO-Staaten verteilt werden, etwa nach Schweden oder Finnland […].“ Die altehrwürdige FAZ entblödete sich nicht, solchem Schwachsinn eine Bühne zu geben. Anfang 2026 ging eine ähnliche Nummer durch deutsche Leit- und Qualitätsmedien: Brigadegeneral Frank Pieper, Direktor für Strategie und Fakultäten an der Führungsakademie der Bundeswehr, hatte gepostet: „Deutschland braucht eigene Atomwaffen. Und zwar in erster Linie (mobile) TAKTISCHE ATOMWAFFEN!! Waffen, die sich der finalen Bedrohung durch Russland entgegenstellen (können).“ Geteilt wurde dieser Post Medienberichten zufolge unter anderem vom CDU-Scharfmacher Roderich Kiesewetter. Eingeschaltet in die Debatte hatte sich auch Rainer Moormann, der als Chemiker mehr als drei Jahrzehnte am Forschungszentrum Jülich zur Nukleartechnik forschte: „Technisch gesehen wäre der Bau einer deutschen Atombombe kein Problem.“ In der Anreicherungsanlage Gronau werde schon Uran angereichert. Um dort waffenfähiges Material herstellen zu können, sei nur ein überschaubarer Umbau der Anlage nötig. „Wir wären innerhalb von drei Jahren in der Lage, eine Atombombe zu bauen.“ – Offiziell lehnt die Bundesregierung einen weitgehenden Statuswandel Deutschlands im Hinblick auf Atomwaffen derzeit ab. Kanzler Merz hat mehrfach auf bestehende Verträge verwiesen, in denen sich Deutschland zum Verzicht auf atomare Bewaffnung verpflichtet hat: auf den NPT sowie den Zwei-plus-Vier-Vertrag zur deutschen Vereinigung von 1990. Zugleich jedoch, so berichtete Der Spiegel im Februar 2026, „kann sich Merz aber [vorstellen], Bundeswehrflugzeuge für einen möglichen Einsatz französischer oder britischer Atombomben bereitzustellen. Für den Einsatz von US-Atomwaffen sind bereits jetzt Tornado-Kampfjets auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel stationiert. ‚Denktheoretisch wäre möglich, das auch für die britischen und für die französischen Atomwaffen gelten zu lassen‘, sagte Merz.“ – „Noch in diesem Jahr“, so berichtete german-foreign-policy.com kürzlich, „soll sich die Bundeswehr an französischen Atomkriegsübungen beteiligen.“
Wie es mit den seit längerem bekannten Atomwaffen-Ambitionen solcher Staaten wie Südkorea, Japan, Türkei und Saudi-Arabien weitergeht, bleibt abzuwarten. - Dass der sich nahezu täglich verstärkende KI-Hype auf dem derzeitigen Entwicklungsstand der sogenannten Künstlichen Intelligenz im Hinblick auf Kernwaffen eher weitere Probleme schafft als etwa neue Lösungsansätze zum Beispiel zur Verhinderung eines Atomkrieges zu eröffnen, ist offensichtlich, seit bekannt wurde, dass sämtliche führenden US-Sprachmodelle, die sogenannten Large Language Models (LLMs), in Wargames nicht nur keine deeskalatorischen Versuche zur Konfliktbeendigung unternahmen, sondern überdies eher früher als später den Ersteinsatz von Nuklearwaffen ins Auge fassten (siehe dazu ausführlicher Blättchen7/2026). Das führt zu der Frage, ob sich chinesische, russische, israelische, indische und andere LLMs vergleichbar verhalten, doch kann diese Frage vom Verfasser des vorliegenden Beitrages mangels Zugriff auf belastbare relevante Quellen leider nicht beantwortet werden.
In einem umfangreichen Beitrag im Bulletin of the Atomic Scientists mit dem Titel „Algorithms of misperception: Managing nuclear risk in an AI world“ („Algorithmen der Fehlwahrnehmung: Umgang mit nuklearen Risiken in einer KI-Welt“) betonte Héloise Fayet vom Institut français des relations internationales (Ifri): „Die Geschwindigkeit digitaler Systeme erhöht das Risiko für die internationale Sicherheitslage zusätzlich. Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger führen oft den Petrow-Vorfall von 1983 […] als Warnung vor der Automatisierung der nuklearen Befehls- und Kontrollsysteme an. Die eigentliche Lehre ist jedoch weitreichender: Die Zeit für Entscheidungen wird immer knapper. Die Integration von KI in Frühwarn- und Raketenabwehrsysteme kann die Erkennung von Bedrohungen präziser machen – aber sie kann auch die Zeit verkürzen, die Führungskräften zur Bewertung mehrdeutiger Signale zur Verfügung steht. Diese ‚Beschleunigungsfalle‘ birgt die Gefahr, dass nukleare Entscheidungen stärker der Logik der Maschinengeschwindigkeit unterworfen werden.“ Fayets Fazit: „Fehlwahrnehmungen sind heute nicht nur das Ergebnis von Unwissenheit: Sie sind das Produkt eines Umfelds, das Geschwindigkeit über Reflexion stellt. Die Verhinderung einer Katastrophe im nuklearen Informationszeitalter hängt weniger von intelligenteren Maschinen als von klügeren Menschen ab.“ - Eine ernsthafte Bereitschaft, die atomare Rüstungskontrolle früherer Jahrzehnte durch bi-, geschweige denn multilaterale Verhandlungen und Vereinbarungen wiederzubeleben, kann der Verfasser des vorliegenden Beitrages seit langem bei keiner der neun Atommächte erkennen. So erübrigt sich die Frage nach atomarer Abrüstung. Was an deren Notwendigkeit für die längerfristige Sicherung der Existenzbedingungen der menschlichen Zivilisation allerdings nichts ändert. Doch solange die meisten Menschen aus welchen Gründen auch immer in Apathie gegenüber diesen Fragen befangen sind oder verharren, können die „Wizards of Armaggedon“ („Die Hexenmeister der Vernichtung“) – um den Titel eines leider nie ins Deutsche übersetzten exzellenten Sachbuches des US-Experten Frank Kaplan (zu diesem siehe auch Blättchen 6/2020) aus dem Jahre 1983 zu zitieren – letztlich treiben, wonach immer ihnen jeweils ist.
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Das letzte Wort dieses Übersichtsbeitrages soll Alexandra Bell haben, der die Inspiration für denselben zu einem großen Teil zu danken ist: „Acht Jahrzehnte nach dem TrinityTest und dem ersten Einsatz von Atomwaffen im Krieg befinden wir uns nun an einem Wendepunkt. […] obwohl die Gefahr einer plötzlichen Vernichtung weiterhin besteht, beschränkt sich die ständige Angst heute weitgehend auf die wenigen von uns, die ihr Leben damit verbringen, über den Weltuntergang nachzudenken und zu versuchen, ihn zu verhindern. Es wäre schwer, Einstein, Oppenheimer oder praktisch jedem, der 1945 lebte, zu erklären, dass die furchterregende Realität einer Welt voller Atomwaffen in Zukunft oft nichts weiter als ein Hintergrundrauschen sein würde. Sie wären wahrscheinlich fassungslos zu erfahren, dass die Welt durch ihren Erfolg bei der Vermeidung der Vernichtung in nukleare Apathie versetzt wurde, ohne groß darüber nachzudenken, dass dieser Erfolg auf purem Glück beruhte.“
Und für Bell steht eines fest – „die Binsenweisheit, dass jedes Glück irgendwann einmal zu Ende geht“.
[1] – Proliferation = (Weiter)Verbreitung von Atomwaffen.
Schlagwörter: Abrüstung, Alexandra Bell, Atomwaffen, Atomwaffensperrvertrag, NPT, Proliferation, Rüstungskontrolle, Sarcasticus, TPNW, Vertrag über das Verbot von Kernwaffen






