23. Jahrgang | Nummer 6 | 16. März 2020

Die Bombe und die Renitenz des SAC
– oder: Make the rubble bounce!*

von Wolfgang Schwarz

„In einem thermonuklearen Krieg
sind Menschen leicht zu töten.“

Carl Kaysen,
stellvertretender Sicherheitsberater
der Kennedy-Administration

„Bedrohung durch einen Atomkrieg?
Eine Schimäre!“

Lutz Kleinwächter,
WeltTrends Nr. 142 / August 2018

Das Strategic Air Command (SAC) war von seiner Formierung im Jahre 1946 bis zu seiner Auflösung am 1. Juni 1992 diejenige Behörde der US-Streitkräfte, die für die operative Ziel- und Einsatzplanung der strategischen Kernwaffen der USA der sogenannten Triade von land- und seegestützten ballistischen Interkontinentalraketen sowie strategischen Langstreckenbombern zuständig war.

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Im Unterschied zu seinem 1983 erschienenen Buch „The Wizards of Armageddon“, das die defense intellectuals zum Gegenstand hatte – also jene im politologischen und militärwissenschaftlichen Bereich außerhalb der US-Administration und der Streitkräfte angesiedelten, despektierlich auch als eggheads apostrophierten Theoretiker, die sich seit den 1940er Jahren mit Nuklearstrategie beschäftigten –, befasst sich Fred Kaplan in seinem soeben erschienenen Buch „The Bomb. Presidents, Generals and the Secret History of Nuclear War“ mit den policymakers. Ergo mit jenen Akteuren der jeweiligen US-Administrationen, die sich im Nationalen Sicherheitsrat, im Pentagon, im State Department und in der Atomenergiebehörde im selben Zeitraum der Atomrüstung sowie strategischen Überlegungen und Konzepten zur politischen sowie militärischen Handhabung der entsprechenden Waffen widmeten.

Vor allem aber ist Kaplans neues Buch die penible Rekonstruktion und Dokumentation eines systemischen Versagens der regierungsoffiziellen amerikanischen Nuklearpolitik und -strategie von Anfang an. Und zwar dahingehend, dass die wechselnden militärstrategischen und operativen Richtlinien und Vorgaben der aufeinander folgenden Administrationen vom SAC immer dann – und das war seit Anfang der 1960er Jahre praktisch durchgehend der Fall – nicht umgesetzt wurden, weil die SAC-Bürokratie ihre eigenen strategischen Vorstellungen entwickelt hatte und daran unbeirrt festhielt. Das SAC konnte dabei wie ein Staat im Staate agieren, weil es bis Anfang der 1980er Jahre praktisch keinerlei administrativer Kontrolle unterworfen wurde.

Seinen Anfang nahm dieses systemische Versagen bereits in den späten 1940er Jahren. Der damalige US-Präsident Harry Truman vertrat im Hinblick auf die Bombe, das „schreckliche Ding“, im Juni 1948 die Auffassung: „Man muss verstehen, dass dies keine militärische Waffe ist.” Doch wenig später hatte, wie Kaplan vermerkt „LeMay (US-Luftwaffengeneral und seit Oktober 1948 zweiter Kommandeur des SAC – W.S.) bereits seine eigene Order verfasst“. In Gestalt des SAC Emergency War Plan 1-49, der vorsah, die Sowjetunion „mit dem Gesamtbestand an Atombomben“ in „einem einzigen massiven Angriff“ zu attackieren. Die Rede war von 133 A-Bomben auf 70 sowjetische Städte in 30 Tagen. „Der schnellste Weg zur Zerstörung der sowjetischen Kriegsmaschine“, so LeMays Auffassung, „war die Zerstörung der Sowjetunion – insbesondere ihrer großen Städte, wo die politischen Führer lebten, die militärischen Kommandeure und die Industriearbeiter. Dieses Konzept hatte […] in Japan funktioniert; und nun – mit A- und H-Bomben im Arsenal – erschien ihm die Idee, kleine, vereinzelte Ziele anzusteuern – eine Kugellagerfabrik hier, ein Elektrizitätswerk dort –, als Gipfel der Ineffizienz.“ Entsprechende operative Überlegungen hielt LeMay für „abstrakten Nonsens“, und er behielt seine Auffassungen ohne Abstriche bei, bis er das SAC-Kommando 1958 abgeben musste. Auch die meisten anderen Offiziere des SAC gingen in dieser Zeit im Übrigen davon aus, dass die USA einen nuklearen Erstschlag vorbereiteten, also einen Überfall ohne vorherige Kriegshandlung der Gegenseite.

„Ein vollständiger Erstschlag“, schreibt Kaplan, „wurde definiert als ein kompletter Entwaffnungsschlag – einer, der der Sowjetunion jegliche Möglichkeit nehmen würde, gegen die Vereinigten Staaten zurückzuschlagen.“

Dafür entwickelte der sogenannte Joint Strategic Target Planning Staff (JSTPS), in dem das SAC das Sagen hatte, ab der zweiten Hälfte der 1950ere Jahre den sogenannten Single Integrated Operational Plan (SIOP-62), der mit dem Haushaltsjahr 1962 in Kraft treten und auf dessen Grundlage 1.459 Kernwaffen mit zusammen 2.164 Megatonnen Sprengkraft auf 654 sowjetische (und chinesische) Ziele abgefeuert werden sollten. SIOP-62, so Kaplan, war „ein nuklearer Erstschlagsplan“.

Anfang der 1960er Jahre schwante US-Präsident Kennedy: „Der SIOP-62 des SAC würde die Zivilisation zerstören“. Im „Weißen Haus begann sich die Ansicht durchzusetzen, dass das ganze nukleare Unterfangen absurd war“ und man daran etwas ändern müsse. Wenigstens im Hinblick auf einen massiven Atomschlag als hauptsächliche Option.

Die musste überdies spätestens dann als selbstmörderisch begriffen werden, als man sich in den USA der Erkenntnis von einem nuklearen Patt zwischen den nunmehr Supermächten nicht mehr verschließen konnte, was laut Kaplan ebenfalls bereits während der Kennedy-Administration thematisiert wurde.

Mit all diesen Fragen haben sich auch spätere Administrationen befasst und entsprechende Direktiven an das SAC erlassen, um flexiblere, begrenzte, abgestufte Einsatzoptionen für das strategische US-Arsenal zu schaffen, zum Beispiel:

  • indem ein Angriff in erster Linie gegen militärische Ziele (counterforce) gerichtet werden sollte, um Gegenschläge zu verhindern oder
  • indem sowjetische Städte nicht angegriffen werden sollten, um Moskau zu „motivieren“, bei Gegenschlägen seinerseits mit amerikanischen Cities ebenso zu verfahren.

Doch, um es an dieser Stelle kurz zu machen: „[…] die Direktiven zur strategischen Doktrin von Harold Brown, James Schlesinger, Robert McNamara und ihrer Helfer waren – Fiktion; die Offiziere im Joint Strategic Target Planning Staff, demjenigen SAC-Bereich, der die Kriegspläne tatsächlich aufstellte, ignorierten die Dokumente.“ Tatsächlich enthielt der Kernwaffeneinsatzplan noch zu Beginn der ersten Reagan-Administration Anfang der 1980er Jahre nur „eine einzige Option“, die umfassend ausgearbeitet war: „[…] MAO-4, die ultimative Hauptangriffsoption – die Option, so viele Ziele mit so vielen Atomwaffen wie möglich so schnell wie möglich zu zerstören.“

Zu den Verteidigungsministern Brown, Schlesinger und McNamara vermerkt Kaplan: „[…] keiner der früheren Verteidigungsminister hatte vom Kleingedruckten Notiz genommen; sie hatten nie nachgefasst, ob ihre Anweisungen im endgültigen Entwurf des Kriegsplans berücksichtigt wurden.“

Wie all dies in den ersten Jahren der Reagan-Administration „durch einen (zivilen – W.S.) Beamten namens Frank Miller“ schließlich doch noch intern (und gegen den Widerstand des SAC) aufgedeckt wurde, dieses Kapitel acht bei Kaplan mit dem Titel „Der Vorhang wird aufgezogen“, liest sich wahrlich wie ein Thriller.

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Exkurs: Als einzige (allerdings auch nur teilweise) Ausnahme im Handling von nuklearstrategischen Direktiven durch das SAC in der gesamten Zeit von Anfang der 1960er bis Anfang der 1980er Jahre hat Kaplan ein seinerzeit streng geheimes Dokument aus dem Jahre 1980 identifiziert, das von Präsident Carter autorisiert worden war – die sogenannte presidential directive 59 (PD-59). Der Autor fasst zusammen: „Die PD-59 hatte Angriffe auf Ziele der (sowjetischen – W.S.) Führungsschicht gefordert; in Reaktion darauf revidierte der JSTPS den SIOP so, dass hunderte von Kernwaffen auf die Sitze jedes Ministeriums – sogar auf die Häuser und Ferienhäuser jedes Ministers – gerichtet wurden und zwar nicht nur auf der nationalen Ebene, sondern in jedem Oblast in der gesamten Sowjetunion“.

Ausgerechnet Carter, der so Kaplan, seinen Wahlkampf mit dem Versprechen geführt hatte, „die moralische Schande der Atomwaffen vom Angesicht der Erde zu tilgen“.

Was die PD-59 anbelangt, so war dazu 1983 in einem Beitrag von Max Schmidt, des damaligen Direktors des Institutes für Internationale Politik und Wirtschaft der DDR (IPW), in der Zeitschrift IPW-Berichte eingeschätzt worden: Durch die „PD 59 vom Juli 1980 mit der darauffolgenden Revision der strategischen Zielplanung (genannt SIOP) […] wurden die Grundsätze für einen begrenzten Nuklearkrieg gegen die UdSSR festgelegt, und sie (die PD-59 – W.S.) stellte eine deutliche Hinwendung zu atomaren Kriegführungsstrategien dar“.

Damals war kältester Kalter Krieg, und solche Einschätzungen wurden im Westen als Propaganda abgetan.

2012, nach Ablauf der 30-jährigen Sperrfrist, wurde der Wortlaut der PD-59 öffentlich. Foreign Policy berichtete am 14.09.2012 unter der Überschrift „How to Fight a Nuclear War“: „Die von Präsident Jimmy Carter am 25. Juli 1980 unterzeichnete Richtlinie […] zielte darauf ab, dem Präsidenten mehr Flexibilität bei der Planung und Durchführung eines Atomkrieges zu geben – das heißt Optionen, die über einen massiven Schlag hinausgehen. […] Mit anderem kürzlich freigegeben Material zeigt die PD-59, dass die Vereinigten Staaten sich tatsächlich auf einen Atomkrieg vorbereiteten, in der Hoffnung, diesen zu überstehen.“ Und: „Vielleicht noch bemerkenswerter […] ist die Tatsache, dass, obwohl die Obama-Regierung eine Überprüfung der nuklearen Zielführung der USA durchführt, die Schlüsselkonzepte hinter der PD-59 bis heute die US-Politik bestimmen.“

Ausgerechnet unter Obama, der als Vorschusslorbeer für seine Vision einer kernwaffenfreien Welt den Friedensnobelpreis erhalten hat …

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Im Zuge von Frank Millers Aufklärungsarbeit wurde nicht zuletzt folgendes „Geheimnis“ entschlüsselt: „Der nukleare Kriegsplan der Vereinigten Staaten beruhte auf Angebot, nicht auf Nachfrage – also darauf, wie viele Waffen die Krieger zur Verfügung hatten, und nicht darauf, wie viele sie brauchten.“

All dies führte schließlich zu einer kompletten Revision des SIOP. Doch wenn Lichtenberg in einem seiner „Sudelbücher“ meinte: „Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“, dann hat es immer auch schon die alternative Möglichkeit gegeben: Dass es nämlich, wenn es anders wird, trotzdem einfach so schlimm bleibt, wie es immer war!

Im Endergebnis der SIOP-Revision wurde zwar die Anzahl der „erforderlichen“ strategischen Gefechtsköpfe halbiert – von 12.000 auf 5888 – und der damalige Verteidigungsminister Richard Cheney meinte gegenüber Miller im Jahre 1993, damit sei der SIOP „in die richtige Form“ gebracht worden, doch Kaplans klarem Urteil kann nur zugestimmt werden: „Tatsächlich war der SIOP ganz und gar nicht in Ordnung: Er würde immer noch die russischen Trümmer tanzen lassen.“

Welche Ansicht hatte sich doch gleich nochmal in der Kennedy-Administration Bahn gebrochen? Ach ja – „dass das ganze nukleare Unterfangen absurd“ sei.

Kaplans Buch ist im Übrigen eine Fundgrube weiterer höchst erschreckender, bisher weitgehend (zumindest dem Rezensenten) unbekannter Details der US-Nuklearrüstung seit 1945. Zwei sollen hier noch angeführt werden:

  • Bereits zu frühen LeMay-Zeiten galt für die atomare Waffenbeschaffung und die Zielplanung: „Die Arbeit folgte einem sich selbst befeuernden Zirkelschluss: Mehr Waffen erhöhten die Notwendigkeit, mehr Ziele zu finden, und mehr Ziele trieben den Bedarf in die Höhe, mehr Waffen zu kaufen.“ Zu welchem Irrsinn dies in der Konsequenz führte, wurde Insidern der Administration bereits während der Präsidentschaft Eisenhowers gegen Ende der 1950er Jahre klar. Vor einem SIOP-Briefing beim SAC erfragte ein Mitarbeiter der Administration bei der CIA den „Namen derjenigen sowjetischen Stadt, die Hiroshima nach Ausdehnung und industrieller Konzentration am ähnlichsten“ sei und wollte anschließend vom SAC wissen, mit wie vielen Waffen diese Stadt belegt würde. „Die Antwort: eine 4,5-Megatonnen-Bombe, gefolgt von drei 1,1-Megatonnenbomben für den Fall, die erste wäre ein Blindgänger. […] Mit anderen Worten, SIOP-62 würde jene sowjetische Stadt mit mehr als der 600fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe attackieren.“ Anfang der 1980er Jahre ermittelte ein Mitarbeiter Millers, dass die aktuelle SAC-Zielplanung allein für Moskau und dessen nähere Umgebung 689 atomare Gefechtsköpfe vorsah, viele davon stärker als eine Megatonne. Kaplans Fazit: „‚Overkill‘ war eine starke Untertreibung für das, was seit Jahrzehnten vor sich ging.“
  • Kennedy hatte seinen Wahlkampf unter anderem mit der auf Geheimdienstschätzungen beruhenden Behauptung geführt, es bestehe eine bedrohliche Raketenlücke zugunsten der UdSSR. Als seine Administration ihre Arbeit aufnahm, erhielt sie bereits in den ersten zwei Wochen Kenntnis von den Aufklärungsergebnissen von Discoverer, dem ersten Fotoaufklärungssatelliten der USA: Die Russen verfügten demzufolge über ganze vier stationierte Interkontinentalraketen. „Es gab eine Raketenlücke […], aber sehr zugunsten Amerikas.“ Diese tatsächliche Sachlage bildete den Hintergrund dafür, dass maßgebliche Kräfte der Kennedy-Administration ihrem Präsidenten im Zuge der Zuspitzung der damaligen Berlin-Krise, die sich seit 1958 schrittweise aufgeschaukelt hatte, empfahlen, den Konflikt mit Moskau durch einen atomaren Erstschlag zu entscheiden. Ein entsprechendes Memo für Kennedy entstand unter Federführung von Carl Kaysen, damals stellvertretender Sicherheitsberater. Die Discoverer-Ergebnisse hatten offenbart, dass lediglich 88 strategische Ziele in der UdSSR zerstört werden müssten, was laut Kaysen & Co. mit lediglich 55 Langstreckenbombern (eine 20prozentige Sicherheitsreserve bereits eingeschlossen) zu bewerkstelligen sein sollte. Angesichts der bekannten Schwächen der sowjetischen Luftabwehr – „fast nutzlos gegen Flugzeuge in niedriger Höhe“, so die CIA – hätten die Bomber gute Chancen. Die Zahl der sowjetischen Opfer, hieß es in dem Memo, „könnte geringer als 1.000.000 und wahrscheinlich nicht höher als 500.000 sein“.

Last but not least – auch an hübschen Anekdoten hat Kaplan so einiges zusammengetragen. So wurden am 20. Juli 1961 Kennedy und seine engsten Mitarbeiter erstmals über die Untersuchungsergebnisse ins Bild gesetzt, die das hoch geheime Net Evaluation Subcommittee (NSC) zusammengetragen hatte, das Schadenseinschätzungen im Hinblick auf einen allgemeinen nuklearen Schlagabtausch vornahm. Es würde Dutzende von Millionen Tote in den USA, der Sowjetunion und China geben und Millionen Verletzte bei „hoffnungslos unzulänglicher“ medizinischer Versorgung; die Hälfte der Fabriken und Wohnhäuser wäre zerstört und die politische, militärische sowie wirtschaftliche Infrastruktur des Landes wäre zerschlagen. Kennedy war zutiefst schockiert. „Nach dem Briefing verharrte der ganze Raum in Schweigen. Sich zu Außenminister Dean Rusk wendend, der neben ihm saß, sagte Kennedy: ‚Und wir nennen uns selbst die menschliche Rasse.‘“

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P.S.: Der frühere US-INF-Vertrags- und nachmalige UN-Waffeninspektor Scott Ritter machte dieser Tage folgendes öffentlich: Während eines Hearings im Streitkräfteausschuss des US-Senats am 25. Februar dieses Jahres wurde der NATO-Oberbefehlshaber Europa (SACEUR), US-General Tod D. Wolters, von einer Senatorin befragt, was er von einer Politik des Verzivhts auf atomaren Ersteinsatz halte. Wolters bekannte kurz und bündig: „Senator, I am a fan of flexible first-use policy.“ (Siehe auch die Rubrik Bemerkungen / Aus anderen Quellen in dieser Ausgabe.)

Fred Kaplan: The Bomb. Presidents, Generals and the Secret History of Nuclear War, Simon Schuster, New York – London – Toronto – Sydney – New Dehli 2020, 373 Seiten, 19,60 Euro.

* – „Lasst die Trümmer tanzen!“ Bezieht sich auf ein Wortspiel des späten Winston Churchill, mit dem dieser die Sinnlosigkeit weiteren nuklearen Rüstens aufs Korn nahm, obwohl beide Seiten bereits genug Vernichtungspotenzial angehäuft hatten, um die Menschheit mehrfach auszulöschen: „Why make the rubble bounce?“