29. Jahrgang | Nummer 6 | 23. März 2026

Anatomisches zu den USA

von Erhard Crome

Die Weltordnung befinde sich „in einer tiefgreifenden Krise“. Chinas Aufstieg „zu einer ökonomischen Weltmacht“ hat „der Entstehung einer multilateralen Weltordnung einen kräftigen Auftrieb erteilt“. Die USA sind jedoch nicht gewillt, „den drohenden Verlust ihrer Vormachtstellung hinzunehmen“. Die „globale Transformation“, die bereits begonnen hat, sei „mit extrem ungünstigen Bedingungen konfrontiert“. Ob die Präsidentschaft Donald Trumps darauf zielt, genau diese Bedingungen zu schaffen, spricht Mohssen Massarrat nicht offen aus. Sein Buch hatte er eigentlich bereits Mitte Januar 2025 abgeschlossen. Seine Frau, die seine Manuskripte zuverlässig liest, hatte geraten, er müsse nach der Wiederwahl Trumps „das Buch neu schreiben“. Er meinte jedoch, das sei nicht nötig, „an der Struktur, den Mechanismen und den Triebkräften des amerikanischen Hegemonialsystems“ habe sich „trotz Trump nichts Wesentliches geändert“. Man könnte die Frage auch umgekehrt stellen: Auf welche vorgefundenen Strukturen, Mechanismen und Triebkräfte des US-amerikanischen Hegemonialsystems kann sich Trump in seiner Politik stützen? Dazu findet der Leser bei Massarrat etliche interessante Hinweise.

Der Autor wurde 1942 in Teheran geboren und lebt seit 1961 in der Bundesrepublik. Er ist emeritierter Professor für Politik und Wirtschaft der Universität Osnabrück, mit den Forschungsschwerpunkten Naher und Mittlerer Osten, Energie und Friedens- und Konfliktforschung sowie Nord-Süd-Konflikt. Autobiografisch betont er im Vorwort des Buches: „Als Elfjähriger und durch meinen Vater politisierter Schüler und Mossadegh-Anhänger musste ich jedoch im August 1953 miterleben, dass die USA ausgerechnet diese populäre Regierung durch einen von der amerikanischen CIA und dem britischen MI6 durchgeführten Militärputsch stürzten. Heute, nach über 70 Jahren, stelle ich fest, dass die USA mit dieser subversiven Intervention und dem Regime Change im Iran den Gang der Geschichte im Mittleren Osten und vermutlich darüber hinaus gründlich verändert haben. Die Islamische Revolution von 1979 im Iran, der achtjährige Iran-Irak-Krieg, zahlreiche andere Kriege und das andauernde Wettrüsten in der Region wären den betroffenen Völkern und auch der Welt vermutlich erspart geblieben.“ Mit anderen Worten: Die USA bekämpfen heute die Ergebnisse ihrer eigenen früheren Politik.

In seinem ersten Kapitel erörtert der Autor das Monopol „als unsichtbare Machtressource der Hegemonie“ der USA. Die klassischen Imperialismus-Theorien lieferten „keine Handhabe zur Analyse der Hegemonialmächte“, die Weltsystem-Theorie von Immanuel Wallerstein aber auch nicht. Durch ihr „Monopol an der Weltwährung“ könnten sich die USA zwar „unbegrenzt gegenüber dem Rest der Welt verschulden und dadurch ihr Staatsbudget und vor allem ihre Rüstungsausgaben sowie ihre nicht aufhören wollenden Kriege finanzieren“. Zugleich habe jedoch die Konsumindustrie der Vereinigten Staaten „massiv an Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt eingebüßt und seit circa 30 Jahren chronische Importüberschüsse und Leistungsbilanzdefizite für die USA hervorgerufen“. Damit habe sich „der Kreis der ökonomischen Ineffizienz als Folge des Monopols an der Weltwährung und des Kapitalzugewinns dank eben dieses Monopols“ geschlossen. Das lasse jedoch „die Annahme zu, dass die monopolistische US-Hegemonialmacht der Gegenwart nicht zwangsläufig in den Weltuntergang führen muss“. Massarrat bezeichnet das als Endergebnis einer „optimistischen Betrachtung“.

Als weitere „Machtressourcen“ der USA erörtert der Autor die „Neokolonialistische Weltarbeitsteilung“, den Militärisch-Industriellen Komplex der USA, die NATO unter dem Gesichtspunkt der US-Hegemonie und den Dollar als Leitwährung. Israel wird als „Vorposten der US-Hegemonie im Mittleren Osten“ behandelt. Zur neokolonialistischen „Arbeitsteilung“ betont er: Der Netto-Werttransfer aus dem Globalen Süden in den Globalen Norden betrug 2021 17 Billionen, also 17.000 Milliarden Dollar. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt der EU-27 im selben Jahr. Davon profitieren also nicht nur die USA, sondern auch die EU.

Ausführlich behandelt Massarrat den Aufstieg Chinas, die „Option Asiatische Union“, die China und Indien einschließt, sowie die ASEAN. In Bezug auf eine „multipolare Weltordnung“ entwickelt er eine „optimistische Vision“: „Wären die USA eines Tages tatsächlich nicht länger die ‚einzig verbliebene Weltmacht‘, sondern eine von mehreren Weltmächten, so stünde die Menschheit einer anderen Welt gegenüber. Vor allen Dingen verlöre die Idee der Konfrontation ihre Legitimation, sämtliche Strategien der Aufrüstung, der Erpressung und der Vorherrschaft hätten keine Grundlage mehr. Die Voraussetzungen für ökonomische Kooperation zwischen den Weltmächten und den übrigen Staaten und die Bedingungen für Lösungen der globalen Herausforderungen wie den Klimawandel würden sich grundlegend verbessern; Kriege und Stellvertreterkriege würden verschwinden.“ In diesem Sinne betont er die Bedeutung der UNO und des UN-Sicherheitsrates.

Besonders hebt Massarrat die „Gemeinsame Sicherheit als Schlüssel nuklearer Abrüstung“ sowie eine „dezentrale regionale Kooperation“ zur gemeinsamen Sicherheit hervor. Am Ende plädiert er für „kontinentüberschreitende Zonen gemeinsamer Sicherheit“. Hier tritt er zuerst für „Gemeinsame Sicherheit in Eurasien, also für die Europäische Union, die Russische Föderation und die Ukraine“ ein. Eine solche Zone gemeinsamer Sicherheit enthielte „zwei historische Elemente“: „Zum einen würde sie dem friedenspolitisch für Europa schicksalhaften Grundsatz Rechnung tragen, dass Sicherheit in Europa nicht gegen, sondern nur mit Russland erreicht werden kann. Und zum anderen eröffnet diese Perspektive auch die Möglichkeit, der Ukraine eine nachhaltige und durch die Europäische Union mit aufgebaute Sicherheitsstruktur zu gewährleisten.“

Retrospektiv betont der Autor: „Leider wurde es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versäumt, den Staatenverbund durch den Aufbau von gemeinsamer Sicherheit und ökonomischer Kooperationsstruktur zu ersetzen. Nicht die NATO würde der Ukraine dauerhaft die nötige Sicherheit verleihen, sondern – durch die zahlreichen Gemeinsamkeiten kultureller, ökonomisch komplementärer und geopolitischer Natur – die ökonomische Kooperation mit einem Russland, das zudem im Rahmen der gemeinsamen Sicherheitsarchitektur auch nuklear abrüsten müsste.“

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Mohssen Massarrat: Anatomie der US-Hegemonie. Vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt. Promedia Verlag, Wien 2026, 265 Seiten, 25,00 Euro.