29. Jahrgang | Nummer 3 | 9. Februar 2026

Trumps Verteidigungsstrategie

von Erhard Crome

US-Kriegsminister Pete Hegseth hat die „Nationale Verteidigungsstrategie“ der Trump-Administration am 23. Januar 2026 unterzeichnet. Damit wird die Sicherheitsstrategie Trumps (Das Blättchen, 22/2025) militärpolitisch untersetzt. Der russische Militärexperte Dmitri Trenin konstatiert, was an beiden Texten auffalle, sei „ihr unverblümter, fast zynischer Ton. Die übliche moralische Verpackung ist weitgehend verschwunden“. Damit unterstreicht er, die USA wie Russland würden jetzt auf vergleichbarer Ebene rein geopolitisch agieren. Die neue Pentagon-Strategie breche „offen mit der Philosophie, die die US-Politik jahrzehntelang geleitet hat. Die Rede von einer ‚regelbasierten Weltordnung‘ und der missionarische Liberalismus des ‚Nation-Building‘ durch Regimewechsel“ würden verworfen.

In der Verteidigungsstrategie heißt es analog zur Sicherheitsstrategie: „Zu lange hat die US-Regierung es versäumt – ja sogar abgelehnt –, die Amerikaner und ihre konkreten Interessen an die erste Stelle zu setzen. Frühere Regierungen haben unsere militärischen Vorteile und das Leben, den guten Willen und die Ressourcen unseres Volkes in grandiosen Projekten zum Aufbau von Nationen und selbstgefälligen Versprechungen zur Aufrechterhaltung von Luftschlössern wie der regelbasierten internationalen Ordnung verschwendet.“ Das habe die Kriegsführungsfähigkeit der USA und „das Kriegerethos unserer Soldaten“ unterminiert.

Kanadas Ministerpräsident Mark Carney hatte in Davos die „regelbasierte internationale Ordnung“ eine falsche Erzählung genannt. Er erinnerte an einen Essay von Václav Havel aus dem Jahre 1978, der schrieb, ein Gemüsehändler habe jeden Morgen ein Schild mit „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ins Fenster gestellt, tat dies eines Tages aber nicht mehr, weil die Losung mit der Realität kollidierte. Havel nannte dies „Leben in einer Lüge“. Es sei an der Zeit, so Carney, das Schild „regelbasierte internationale Ordnung“ nicht mehr ins Fenster zu stellen. Hierzulande wurde die Rede gelobt, seine Folgerung aber unterschlagen. Bundeskanzler Merz dagegen betonte: In Deutschland bleibt das Schild im Fenster.

„Amerika First“ bedeute, so Hegseth, dass die USA „über das stärkste, tödlichste und fähigste Militär der Welt“ verfügen. Das Ministerium werde „sich nicht länger durch Interventionismus, endlose Kriege, Regimewechsel und Nationenaufbau ablenken lassen“. Stattdessen werde es „eine Politik des tatsächlichen Friedens durch Stärke“ verfolgen. Das bedeute „nicht Isolationismus“, sondern „einen fokussierten und wirklich strategischen Ansatz für die Bedrohungen, denen unsere Nation ausgesetzt ist, und wie man am besten damit umgeht“. Dieser Ansatz basiere „auf einem flexiblen, praktischen Realismus, der die Welt mit klarem Blick betrachtet, was für die Wahrung der Interessen der Amerikaner unerlässlich ist“.

Es gelte, „unsere Interessen in der westlichen Hemisphäre“ zu schützen, „China im Indopazifik durch Stärke und nicht durch Konfrontation“ abzuschrecken und „die Lastenteilung mit Verbündeten und Partnern auf der ganzen Welt“ zu verstärken. Zugleich solle die industrielle Basis der US-Verteidigung gestärkt werden. Durch US-amerikanische Stärke werde der Frieden wiederhergestellt.

Das ist kein Aufgeben des Anspruchs, die erstrangige Macht in der Welt zu sein, sondern es ohne Demokratie- und Menschrechtsgeschwafel zu sein. Oder, noch einmal Trenin: „Trumps USA akzeptieren die Existenz anderer Machtzentren, darunter China und Russland. Dies ist jedoch keine Anerkennung der Gleichberechtigung. Es ist eine Forderung, dass diese Mächte die Überlegenheit der USA akzeptieren und sich ‚verantwortungsbewusst‘ verhalten – das heißt, innerhalb der von Washington festgelegten Grenzen.“ Trump anerkenne die  Multipolarität, jedoch unter der Bedingung der US-amerikanischen Dominanz: „Koexistenz, aber zu US-Bedingungen“.

Der Schwerpunkt der Verteidigungsstrategie der USA liegt zunächst auf der westlichen Hemisphäre, um die Grenzen und Seewege der USA zu sichern und den Luftraum durch ein „Golden Dome for America“ zu schützen. Zugleich gelte es, „eine robuste und moderne nukleare Abschreckung aufrecht[zu]erhalten, die in der Lage ist, den strategischen Bedrohungen für unser Land zu begegnen“. Das stellt das seit den 1970er Jahren gestellte Problem neu: Wer ein sicheres Raketenabwehrsystem errichten will, kann um so leichter nukleare Angriffssysteme entwickeln. Der 2010 unterzeichnete „New START“-Vertrag begrenzt die Zahl der stationierten nuklear-strategischen Sprengköpfe. Er endet am 5. Februar 2026. Danach droht ein neues nukleares Wettrüsten.

In der westlichen Hemisphäre sollen die Interessen Amerikas aktiv und ohne Zurückhaltung durchgesetzt werden. Man werde „den Zugang des US-Militärs und der US-Wirtschaft zu wichtigen Gebieten, insbesondere zum Panamakanal, zum Golf von Amerika und zu Grönland, gewährleisten“. Hier erscheint das Militär als Türöffner für die US-Wirtschaft. Die USA würden „mit unseren Nachbarn, von Kanada bis zu unseren Partnern in Mittel- und Südamerika, in gutem Glauben zusammenarbeiten, aber wir werden sicherstellen, dass sie unsere gemeinsamen Interessen respektieren und ihren Teil zur Verteidigung dieser Interessen beitragen. Und wenn sie dies nicht tun, werden wir bereit sein, gezielte, entschlossene Maßnahmen zu ergreifen, die die Interessen der USA konkret voranbringen. Dies ist die Trump-Ergänzung zur Monroe-Doktrin, und das amerikanische Militär ist bereit, sie mit Schnelligkeit, Kraft und Präzision durchzusetzen“. Was die Welt bei der Operation in Venezuela gesehen hat.

China soll im Indopazifik durch Stärke, nicht durch Konfrontation abgeschreckt werden. Trump strebe „einen stabilen Frieden, fairen Handel und respektvolle Beziehungen zu China an“; er sei bereit, „direkt mit Präsident Xi Jinping zusammenzuarbeiten, um diese Ziele zu erreichen“. Es sei aber wichtig, „aus einer Position der Stärke heraus zu verhandeln“.

Im Mittleren Osten würden die Vereinigten Staaten eine friedlichere und prosperierendere Region anstreben. Diese Transformation könne „nur von denjenigen herbeigeführt werden, die das größte Interesse an der Zukunft der Region haben – unseren Verbündeten und Partnern in der Region selbst“. Aufgabe der USA sei es, „sie bei diesen Bemühungen zu unterstützen“. Hier sei Israel „ein vorbildlicher Verbündeter“ („model ally“). Die Kooperation biete auch den USA „bedeutende Chancen“. Israel habe „seit langem bewiesen, dass es bereit und in der Lage ist, sich mit kritischer, aber begrenzter Unterstützung der Vereinigten Staaten selbst zu verteidigen“. Die USA hätten jetzt die Möglichkeit, „es weiter zu stärken, damit es sich selbst verteidigen und unsere gemeinsamen Interessen fördern kann“, um „den Frieden im Nahen Osten zu sichern“. „Frieden durch Stärke“ soll auch durch regionale Stellvertreter erfolgen – mit Israel als Hegemonialmacht in Nahost.

Israel wird nicht zufällig hervorgehoben. „Verbündete und Partner“ sollen künftig „die Hauptverantwortung für ihre eigene Verteidigung in Europa, im Nahen Osten und auf der koreanischen Halbinsel übernehmen, wobei sie von den US-Streitkräften entscheidende, aber begrenzte Unterstützung erhalten“. Es solle ihnen „so einfach wie möglich“ gemacht werden, „einen größeren Teil der Last unserer kollektiven Verteidigung zu übernehmen“. Die Verbündeten und Partner hätten es in den letzten Jahrzehnten versäumt, angemessen in ihre Verteidigung zu investieren. Stattdessen hätten sie sich damit zufrieden gegeben, „sich von den Vereinigten Staaten verteidigen zu lassen“.

Lastenteilung sei wesentlicher Bestandteil der Verteidigungsstrategie. „Die Allianzen und Partnerschaften der USA bilden einen Verteidigungsring um Eurasien. Diese Beziehungen bieten nicht nur günstige geografische Voraussetzungen, sondern umfassen auch viele der reichsten Nationen der Welt. Insgesamt ist unser Bündnisnetzwerk weitaus wohlhabender als alle unsere potenziellen Gegner zusammen. Wenn unsere Verbündeten und Partner also angemessen in ihre Verteidigung investieren, […] können wir gemeinsam mehr als genug Streitkräfte aufbringen, um potenzielle Gegner abzuschrecken, selbst wenn diese gleichzeitig handeln.“

Russland „werde auf absehbare Zeit eine anhaltende, aber beherrschbare Bedrohung für die östlichen NATO-Mitglieder bleiben“. Obwohl es unter demografischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten leidet, zeige „sein anhaltender Krieg in der Ukraine, dass es nach wie vor über große militärische und industrielle Reserven verfügt. Russland hat auch gezeigt, dass es über die nationale Entschlossenheit verfügt, einen langwierigen Krieg in seinem nahen Ausland zu führen. Darüber hinaus besitzt Russland […] das größte Atomwaffenarsenal der Welt, das es weiterhin modernisiert und diversifiziert, sowie Unterwasser-, Weltraum- und Cyberfähigkeiten, die es gegen das US-amerikanische Heimatland einsetzen könnte.“ Die US-Streitkräfte seien bereit, sich gegen russische Bedrohungen für das US-amerikanische Staatsgebiet zu verteidigen. Moskau sei jedoch „nicht in der Lage, einen Anspruch auf die Vorherrschaft in Europa zu erheben. Die europäische NATO stellt Russland in Bezug auf Wirtschaftsleistung, Bevölkerungszahl und damit auch latente Militärmacht weit in den Schatten“. Europa bleibe zwar wichtig, habe aber „einen geringeren und weiter sinkenden Anteil an der globalen Wirtschaftskraft“. Daraus folge, die USA würden sich  weiterhin in Europa engagieren, „aber der Verteidigung des amerikanischen Heimatlandes und der Abschreckung Chinas Vorrang einräumen“.

EU-Kommission und deutsche Regierung verbreiten Fake News, wenn sie behaupten, der Russe würde morgen in Berlin und übermorgen am Atlantik stehen. Sie werden aus Washington eines Besseren belehrt.