Acht Kriege, so der verkannte Friedensnobelpreisträger im Weißen Haus, habe er seit seinem Amtsantritt beendet. US-Präsident Trump wiederholt diese Behauptung bei nahezu jeder sich bietenden Gelegenheit. Weil ihm der Preis bislang verwehrt geblieben sei, fühle er sich dem Ziel der Friedensstiftung inzwischen nicht mehr verpflichtet, ließ er ausgerechnet den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre wissen – ungeachtet der Tatsache, dass über die Vergabe des Preises nicht Regierungen, sondern ein unabhängiges Nobelkomitee entscheidet. Es ist eine politische Posse. Doch lassen wir sie für einen Moment beiseite und wenden uns der ernsthaften Frage zu: Was ist eigentlich Friedensmediation – und halten die von Trump reklamierten Erfolge einer solchen Betrachtung stand?
Wirksame Mediation zielt darauf, Konfliktparteien dabei zu unterstützen, ihre Beziehungen dauerhaft aus einer Blockade zu lösen. Sie reicht von der Vorbereitung und Begleitung von Verhandlungen über die Unterstützung bei der Umsetzung politischer Vereinbarungen bis hin zu Reformprozessen nach formellen Abkommen. Ihr Instrumentarium ist breit: Es umfasst niedrigschwellige Formen der Hilfe zur Selbsthilfe – etwa Prozessberatung oder fachliche Expertise – ebenso wie aktive Pendeldiplomatie, Anreizsetzung oder moderaten politischen Druck zur Verhaltensänderung.
Friedensmediation ist dabei weder eine neutrale Technik noch ein Ersatz für Politik. Sie ist eine politische Praxis eigener Art. Ihre Wirksamkeit beruht auf der Anerkennung durch die Konfliktparteien, auf dem Schutz vertraulicher Kommunikationsräume, auf Prozessorientierung und auf der Fähigkeit, zwischen asymmetrischen Interessen tragfähige Arrangements zu ermöglichen, ohne den Parteien ihre Eigenverantwortung abzunehmen. Wo Machtprojektion lediglich als Vermittlung getarnt wird und sich als verdeckte Steuerung eigennütziger Ziele entpuppt, verliert Mediation ihre zentrale Funktion: Konfliktparteien von Konfrontation auf kooperative Problembearbeitung umzustellen. Politischer Druck kann Blockaden zwar manchmal kurzfristig lösen. Ersetzt er jedoch den Vermittlungsprozess selbst, erzeugt er Abhängigkeit, Widerstand – und fragile Ergebnisse.
Unter diesen Voraussetzungen lohnt ein nüchterner Blick auf Trumps Behauptung einer achtfachen Friedensstiftung. Auch wenn der Präsident die konkrete US-Rolle meist vage lässt, dürften zu dieser Zählung folgende Fälle gehören: die Deeskalation zwischen Indien und Pakistan, das Washingtoner Abkommen zwischen Serbien und Kosovo, der Streit um den äthiopischen Nil-Staudamm, der Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan, der Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha, die Spannungen zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda, der Gaza-Krieg sowie die behauptete Einflussnahme auf Russland und die Ukraine.
Von substantieller Mediation ließe sich hier jedoch nur sprechen, wenn drei Bedingungen erfüllt wären: Erstens müssten die USA einen Prozess angestoßen haben, den es ohne sie nicht gegeben hätte. Zweitens müsste ein Abkommen maßgeblich auf ihre Intervention zurückgehen. Und drittens – entscheidend – müsste dieses Abkommen zu einer nachhaltigen, für alle Seiten belastbaren Regelung geführt haben. Bloßes Dabeisein oder nachträgliche Erfolgserzählungen genügen nicht.
Gemessen daran fällt die Bilanz ernüchternd aus. Indien hat eine Vermittlung durch die USA im Konflikt mit Pakistan ausdrücklich bestritten. Das Washingtoner Abkommen zwischen Serbien und Kosovo zielte auf wirtschaftliche Normalisierung; die für einen Frieden zentrale Statusfrage Kosovos blieb unangetastet – einen zu beendenden Krieg gab es ohnehin nicht. Im Streit zwischen Ägypten und Äthiopien um den Nil-Staudamm wirkten die USA eher eskalierend als vermittelnd; nach dem Abbruch der Gespräche übernahm die Afrikanische Union. Der Konflikt ist bis heute ungelöst – auch hier ohne vorangegangenen Krieg.
Der Waffenstillstand zwischen Armenien und Aserbaidschan wurde nicht durch Washington, sondern durch Moskau vermittelt. Der Konflikt zwischen der DR Kongo und Ruanda schwelt fort und wird durch die Beteiligung zahlreicher Milizen zusätzlich verkompliziert. Belastbare Hinweise auf eine substanzielle Vermittlungsleistung der Trump-Administration fehlen. Gleiches gilt für den deeskalierten Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha.
Afghanistan ließe sich als Sonderfall anführen. Tatsächlich verhandelten die USA mit den Taliban über das Ende des Krieges. Doch dieser „Erfolg“ hatte seinen Preis: Die afghanische Regierung wurde marginalisiert, der Machtübergang an die Taliban faktisch vorweggenommen. Aus eigener Erfahrung in unterstützender Rolle bei den intra-afghanischen Verhandlungen in Doha lässt sich festhalten: Diese Gespräche galten der Trump-Administration lediglich als Beiwerk zu ihren bilateralen Abzugsverhandlungen mit den Taliban. Das Ergebnis war nicht Frieden, sondern der Zusammenbruch der afghanischen Republik mit folgendem Regimewechsel und die Flucht Zehntausender früherer Partner und nunmehr von den Taliban Verfolgter.
Bleiben Gaza und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. In Gaza agierten die USA eher als Garantiemacht einer Nachkriegsordnung; die eigentliche Vermittlung lag bei Ägypten und Katar. Washington wirkte allenfalls mäßigend auf Israel ein und präsentierte parallel Entwicklungsvisionen mit erkennbaren Eigeninteressen. Im Fall Ukraine wiederum steht die Unparteilichkeit der USA spätestens seit demonstrativen Demütigungen gegenüber der ukrainischen Seite, einseitiger Gesprächsführung und geopolitischer Ambivalenz unter Verdacht. Diplomatische Räume mögen eröffnet worden sein – eine klare Trennlinie zwischen Völkerrechtsbruch durch Russland und legitimer Verteidigung seitens der Ukraine wurde nicht gezogen.
Nüchtern betrachtet verbleibt von der behaupteten Erfolgsbilanz wenig: Eigenmarketing, die Vereinnahmung fremder Leistungen, rückwirkende Umdeutung von Fakten und Behauptungen ohne nachweisbare Substanz. Wird amerikanische Vermittlung hingegen mit Intervention gleichgesetzt – mit ökonomischem Druck, Drohungen oder gar Gewaltanwendung –, ließe sich durchaus von Wirksamkeit sprechen. Doch eine solche Bilanz pervertiert Mediation als Instrument der Friedensstiftung.
Wirksame Friedensmediation ist als Hilfe zur Selbsthilfe angelegt. Sie strukturiert Prozesse, ermöglicht Kommunikation und unterstützt Entscheidungsfindung, ohne politische Verantwortung zu ersetzen. Gerade darin liegt ihre Stärke – und ihre größte Herausforderung. Mediation muss Nähe zulassen, ohne Vereinnahmung zu riskieren, und Einfluss ausüben, ohne Steuerung zu übernehmen.
Sobald externe Akteure beginnen, Inhalte vorzugeben, Zeitpläne zu diktieren oder Ergebnisse festzulegen, wird Mediation zur Intervention. Der scheinbare Erfolg solcher Vorgehensweisen beruht auf äußerer Kontrolle, nicht auf innerer Akzeptanz. Entsprechend fragil sind die Resultate: Sie halten nur so lange, wie die intervenierende Macht bereit und fähig ist, ihre Durchsetzung zu erzwingen.
Die Autorität von Mediatoren speist sich nicht aus Macht, sondern aus Vertrauen. Nachhaltiger Frieden entsteht nicht durch Zwang, sondern durch die schrittweise Übernahme politischer Verantwortung durch die Konfliktparteien selbst. Es ist daher ein Trugschluss, wenn Donald Trump glaubt, ein „Deal“, der auf Einschüchterung und Eigennutz gründet, könne stabile Ordnung schaffen. Solche Vereinbarungen mögen kurzfristige Interessen bedienen; sie erzeugen jedoch nicht das Vertrauen, das dauerhafte Stabilität ermöglicht.
Friedensmediation entfaltet ihren Ertrag im Übrigen nicht in spektakulären Durchbrüchen, sondern in der langsamen Veränderung politischer Handlungsbedingungen. Ihre Stärke liegt in Vorbereitung, Vertrauensbildung und realistischen Erwartungshorizonten. Wo sie jedoch in enge Zeitvorgaben, PR-Narrative oder machtpolitische Kalküle gepresst wird, verliert sie ihre Wirksamkeit. Nachhaltiger Erfolg bleibt kontingent – abhängig von der Bereitschaft der Konfliktparteien, der Selbstbegrenzung externer Akteure und der politischen Anschlussfähigkeit der begleiteten Prozesse.
Wer Frieden als Deal begreift, erhält am Ende meist genau das: einen Deal – befristet, fragil und kündbar. Mediation aber ist kein Geschäftsmodell, sondern politische Beziehungsarbeit. Wo sie durch Drohung, Erpressung oder Eigeninteresse ersetzt wird, mag kurzfristig Ruhe einkehren. Frieden entsteht so nicht. Er wird allenfalls vertagt.
Schlagwörter: Frieden, Hans J. Gießmann, Kommunikation, Konfliktparteien, Konfrontation, Krieg, Macht, Mediation, Vertrauen




