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António Guterres, UN-Generalsekretär – Sie meinen, dass mit dem Auslaufen des New START-Vertrages zwischen Russland und den USA am 5. Februar 2026 die Welt nun unbekanntes Neuland betrete, weil es erstmals seit 50 Jahren keine rechtsverbindlichen Beschränkungen für die Arsenale der nuklearen Supermächte mehr gebe. Solche Beschränkungen hatte es in den Jahrzehnten zuvor – das Atomwaffenzeitalter begann 1945 und das erste SALT-Abkommen wurde 1972 abgeschlossen – allerdings auch nicht gegeben. Die Atomwaffenbestände beider Seiten wuchsen zeitweise bis auf zusammen 70.000 Sprengköpfe an. Zwar befürchten Experten nicht, dass sich dieser Irrsinn jetzt wiederholen könnte. Doch wirklich Trost spendet das nicht, denn die noch vorhandenen Arsenale langen allemal hin, der Welt einen nuklearen Winter und damit das Ende der menschlichen Zivilisation zu bescheren. Hier wird also kein Neuland betreten, sondern solches ist vielmehr mal wieder weniger in Sicht denn je.

 

Gregor Gysi (Die Linke), bereits vielerlei Gewesener – Einem bürgerlichen Nachrichtenmagazin, das wissen wollte, was Sie politisch bereuen, was Ihr größter Fehler gewesen sei, bekannten Sie jetzt: „Wenn ich heute noch mal vor der Frage stünde, ob ich Parteivorsitzender werde, würde ich wahrscheinlich Nein sagen und mich lieber auf das Anwaltsleben konzentrieren.“

Für diesen größten Fehler möchten wir uns ausdrücklich bedanken. Ohne Sie hätte es keine PDS gegeben und ohne diese wäre der flächendeckende Frust im Osten vielleicht schon vor 35 Jahren weitestgehend nach ganz rechts außen aufgebrochen und hätte damals den Republikanern oder der NPD Wahlergebnisse beschert wie heute der AfD.

Dass die bundesrepublikanischen Altparteien nicht willens oder schlicht zu dämlich waren – womöglich auch eine besonders effiziente Mischung aus beidem –, die Atempause für eine wirkliche Integration des Ostens zu nutzen, steht auf einem anderen Blatt …

 

Wolfgang Ruge, 2006 verstorbener marxistischer Historiker – In einem „Weltkrieg und Epoche“ betitelten Beitrag in der Weltbühne 17/1991 vermerkten Sie, dass „die These vom zweiten Weltkrieg als Zwischenschritt auf dem Wege des […] weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus durch die Fakten widerlegt“ sei. Stattdessen boten Sie an: „Heute, da der Untergang der Menschheit zur schrecklichen Möglichkeit geworden ist, muß der zweite Weltkrieg wohl nüchtern als eine verpaßte Chance gesehen werden, die Weichen auf unser aller Überleben zu stellen. Mit Kriegen, mit Gewalt läßt sich der Verlust der Zukunft nicht abwenden. Vernunft ist gefragt. Mehr denn je.“

Die Sache mit der Vernunft klang nach einem Appellativ. Wenn’s denn so gemeint gewesen sein sollte, kämen wir heute allerdings nicht umhin festzustellen: Im Großen und Ganzen unerhört ist der Ruf verhallt!

 

Katharina Dröge, Co-Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag – Via Spiegel ließen Sie uns wissen: „Unsere Energiewende hier in Deutschland wird auf der ganzen Welt kopiert. Auch weil der rasante Ausbau der erneuerbaren Energien die Kosten senkt.“

Wow – das ist so gar nicht dröge, das ist Realsatire of ist best!

Das Lachen allerdings bleibt uns dabei im Halse stecken.

 

AfD, im Aufschwung trotz Weigel – „Die größte Leistung der DDR besteht darin, den Sozialismus durch Leute aufbauen zu lassen, die ihn gar nicht ausdrücklich wollen“, hieß es im Hörspiel „Infarkt“ von Joachim Walther aus dem Jahre 1975, das damals folgerichtig nicht gesendet wurde. Die Auslösung des Untergangs durch „Wir sind das Volk!“ skandierende Massen auf den Straßen des Landes 1989 darf durchaus als Bestätigung von Walthers Diktum gewertet werden.

Was hat das mit der AfD zu tun?

Medien vermeldeten Anfang des Jahres, dass Parteichefin Alice Weidel im Beliebtheitsranking deutscher Politiker – INSA-Umfrage für Bild – von Platz fünf (Dezember 2025) auf Platz 15 abgestürzt sei. „Sogar unter AfD-Wählern landet sie demnach auf dem letzten Platz der Beliebtheitsskala.“ Während die AfD selbst „Rekordwerte erreicht“ (Welt, 06.01.2026).

So könnte es am Jahresende, nach fünf Landtagswahlen, also durchaus heißen: „Die größte Leistung der AfD besteht darin, trotz der mehrheitlichen Unbeliebtheit von Alice Weidel bei den Wählern der Partei weiter zugelegt zu haben.“

Dass würde dann wohl bedeuten, dass die Alt-Parteien von rechts bis links noch unbeliebter sind als Weidel.

 

Georg Wilhelm Prinz von Hannover, in memoriam – Im Jahre 1968, damals Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), beschäftigen Sie das erlauchte Gremium mit dem Antrag, künftige Siegerehrungen ohne das Hissen der Nationalflaggen und das Abspielen der Hymnen zu veranstalten. Ihrer Meinung nach sollten „olympische Siegerehrungen weithin sichtbar über das nationale Ereignis gestellt werden“. Da die regeländernde Zweidrittelmehrheit im IOC um ganze vier Stimmen verfehlt wurde, blieb es jedoch beim üblichen Zeremoniell. Sie führten das darauf zurück, dass es bei den „sozialistisch orientierten IOC-Mitgliedern noch einige Bedenken“ gebe. Immerhin zeige das knappe Ergebnis, dass sich das „derzeitige Protokoll der Siegerehrungen mit dem nationalen Pathos seinem Ende nähert“.

Welch ein Irrtum! Tatsächlich wollten Sie wohl verhindern, dass bei künftigen Siegerehrungen irgendwann Flagge und Hymne der DDR auftauchten. Das hat sich bekanntlich inzwischen erledigt. Doch während Sie selbst bereits 2006 an Ihr Lebensende kamen, feierte das „nationale Pathos“ bedenkenlose Auferstehung und artet bisweilen in medienbefeuerten nationalistischen Taumel aus: „Wir (!) sind Olympiasieger!“ Wer sich nicht gleich nach einem Sieg ins nationale Fahnentuch hüllt, auf dem Podest nicht wenigstens die Hymne mitsingt (zumindest so tut, als ob) und die Hand aufs Herz legt, gerät leicht in den Verdacht mangelnder Vaterlandstreue. Und niemand kommt auf die Idee, Ihren Antrag erneut im IOC einzubringen.

 

Harald Martenstein, journalistischer Alt-Kader – Seit Jahrzehnten schreiben Sie regelmäßige Kolumnen, früher beim Tagesspiegel, dann in der Zeit und nun auch schon eine Weile in der Welt am Sonntag. Wir haben diese Kolumnen zwar nicht ebenso regelmäßig, aber wenn dann stets mit Vergnügen gelesen und Sie darob gar hin und wieder durch kurze Übernahmen in unser Blättchen geadelt (siehe zum Beispiel Ausgabe 11/2020). Dabei störte es uns mitnichten, dass bei Kolumnen der Unterhaltungswert im Vordergrund steht und dass kein Mensch sie lesen müsse, um informiert zu sein, wie Sie selbst mal zugaben. Auch dass diese Texte von stereotyp der gleichen Länge „den erlebten Einzelfall zum gefühlten Gesamtzustand“ (O-Ton Spiegel) hochmotzen, hielt uns nicht davon ab.

Doch nun haben wir das zarte Pflänzchen unserer kollegialen Sympathie für Sie mit Stumpf und Stiel … Ihr nächster Karriereschritt ließ uns einfach  keine andere Wahl, denn Sie werden Söldner bei BILD. Der Spiegel fasste zusammen: „Von der ‚Zeit‘ zur ‚Bild‘, von der feinen bürgerlichen Wochenzeitung zum prolligen Krawallblatt, das ist ein ungewöhnlicher, weiter Weg in der deutschen Presselandschaft. Aber gleichzeitig auch Ausdruck einer typischen politisch-biographischen Reise, wie sie viele Männer im Alter Martensteins hinter sich haben. Als junger Mann war Martenstein bei der DKP, jetzt schreibt er für Springer.“ Fast nie spricht uns der Spiegel aus dem Herzen, aber dieses Mal schon: „Vielleicht möchte man als älterer Herr doch lieber nicht werden wie er.“

Winston Churchill wird die Sottise nachgesagt: „Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!“ Und wer mit 72 Jahren, so ließe sich ergänzen, freiwillig bei BILD andockt, der hat weder Herz noch Verstand womöglich je wirklich besessen.