Unkalkulierbares Spiel mit Einflusszonen

von Jan Opal, Gniezno

Washingtons skrupelloser Militärschlag vom 3. Januar 2026 gegen die Souveränität Venezuelas hat das politische Warschau aufgeschreckt. Die von US-Präsident Donald Trump angewiesene Entführung von Nicolás Maduro, dem venezuelischen Staatsoberhaupt, wird als demonstratives Einschwenken des wichtigsten Verbündeten in das unkalkulierbare Großmachtspiel mit Einflusszonen gewertet. Trumps Hegemonialanspruch zielt auf Lateinamerika und Grönland, herausgedrängt werden sollen äußere Mächte wie Russland und China, die hätten dort nichts verloren, die hätten sich – so die inhärente Konsequenz der Trumpschen Logik – besser um die eigenen Einflussbereiche zu kümmern, soweit sie es denn könnten.

Mit Einflusszonen aber hat polnische Politik ihre besonderen Erfahrungen. Man sieht auch deswegen in der nach 1990 schrittweise erfolgten Westeinbindung die angemessene Lösung, um aus dem gefährlichen Sog ungewollter und nicht zu beherrschender fremder Einflüsse herauszukommen. Selbst die Doppelmitgliedschaft in der EU und in der NATO spiegelt dieses Bestreben: Das militärische Bündnis als erforderlicher Schulterschluss mit den USA, um im freien wirtschaftlichen Kräftespiel innerhalb der EU gegenüber dem mächtigen Nachbarn Deutschland nicht unter die Räder zu kommen. Außenpolitische Formate wie das sogenannte Weimarer Dreieck (Warschau, Berlin, Paris) oder die Visegrád-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) und die unter anderem auf polnische Initiative zurückzuführende, die Ostsee, das Schwarze Meer und die Adria einschließende Drei-Meere-Initiative (Bulgarien, Estland, Griechenland, Kroatien, Lettland, Litauen, Österreich, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn) sind zusätzliche Instrumente, um für machtpolitischen Ausgleich zu sorgen.

Die Haltung zur Situation zwischen Russland und der Ukraine spiegelt diese Interessenlage ebenfalls getreu wider. Eine unabhängige, souveräne und schließlich westeingebundene Ukraine – dem Beispiel Polens folgend – schwächt bestehende Hegemonialansprüche Moskaus auf außerrussische Gebiete der ehemaligen Sowjetunion und verhindert, dass sich diese Ansprüche auf Länder ausdehnen könnten, die einst zum von Moskau geführten militärischen und politischen Bündnissystem gehörten. Das Moskauer Ultimatum vom Dezember 2021, wonach sich die NATO auf die Linie von 1997 zurückzuziehen habe, gilt als trefflicher Nachweis derartiger Absichten.

Interessant, dass in der Ukrainefrage die grundsätzliche Übereinstimmung zwischen den beiden großen und verfeindeten politischen Lagern – hier die Nationalkonservativen, dort das liberal geführte Demokraten-Lager – lange Zeit gehalten hat. Gut auszumachen war das an der ausnehmend kritischen Haltung, die Polens Nationalkonservative gegenüber der Russland-Linie des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zeigten.

Erst Trumps Wahlsieg und dessen Amtsübernahme änderten das Spiel. Denn Trumps ausdrückliche Unterstützung für nationalkonservative Parteien und Kräfte in verschiedenen EU-Ländern gilt selbstverständlich auch für Polen. Und dieser Rückhalt hat ganz gewiss eine Rolle gespielt für den knappen Wahlsieg von Karol Nawrocki bei den polnischen Präsidentschaftswahlen im Juni 2025. Seitdem gehen die Nationalkonservativen in die Offensive, wollen spätestens mit den Parlamentswahlen im Herbst 2027 das für unfähig und unpatriotisch gehaltene Demokraten-Lager unter Ministerpräsident Donald Tusk von der Regierungsbank verdrängen.

Im Zuge der Trumpschen Russland- und Ukrainepolitik justierten Polens Nationalkonservative ihre Ukrainepolitik nach. Nawrocki gab die Losung vor, dass nur Trump noch in der Lage sei, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einem Friedensschluss im Ukrainekrieg zu zwingen. Folglich müsse polnische Außenpolitik im Interesse des Landes unbedingt und vorbehaltlos der Trump-Linie folgen, was die Tusk-Regierung aber nicht mache oder könne, weil sie zu sehr im gescheiterten Ukraine-Kurs des einstigen US-Präsidenten Joe Biden verfangen sei.

Diese Linie zeigte sich im Dezember 2025, als Nawrocki in Warschau den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj empfing und diesem zwar Polens weitere Unterstützung zusicherte, aber zugleich frank und frei behauptete, dass seitens der Ukraine die bisherige Unterstützung Polens nicht angemessen gewürdigt werde. In einem Interview forderte er die Ukraine in kecker Weise auf, Polen endlich partnerschaftlich (also respektvoll!) zu behandeln. Im Regierungslager hieß es dazu lapidar, dass die Ukraine mit ihrem Verteidigungskampf Polen ohnehin den größten Respekt erweise.

Nawrocki wie Tusk wollen den US-Präsidenten unbedingt im transatlantischen Boot halten, auch jetzt, wo der vielleicht schon abgesprungen sein könnte. Beide sind überzeugt, dass ohne den Beistand der USA keine Möglichkeit bestünde, Russlands expansiven Absichten Einhalt zu gebieten.

Tusk appelliert daher nachdrücklich an die europäische Einheit: „Niemand wird ein schwaches und zerstrittenes Europa ernst nehmen, kein Feind, kein Verbündeter. Das ist jetzt völlig klar. Wir müssen endlich den eigenen Kräften vertrauen, wir müssen die Verteidigungskraft stärken, wir müssen einig sein wie nie zuvor – einer für alle, alle für einen. Falls es uns nicht gelingt, werden wir verloren sein.“

Nawrocki hingegen schwört auf die Trumpsche Linie, Warschau aus der EU herauszuholen! Dass er mit dieser katastrophalen Position ausgerechnet in Polen zum Staatsoberhaupt gewählt werden konnte, zählt zu den vielen politischen Ungereimtheiten des letzten Jahres.

Seit dem 3. Januar 2026 weiß man überdies, dass Trumpsche Wunschvorstellungen oder Hirngespinste ernst zu nehmen sind.