Der Krieg hätte vermieden werden können,
wenn der Westen nicht beschlossen hätte,
die Ukraine in die NATO aufzunehmen,
oder wenn er von diesem Vorhaben Abstand genommen hätte,
nachdem die Russen ihre Ablehnung deutlich gemacht hatten.
John J. Mearsheimer
Befragt man die KI von Google, „wie lautet eigentlich das gängige westliche narrativ über den ukraine-krieg?“, so bekam man am 8. Januar 2026 um 9:12 Uhr die Antwort, „dass es sich um einen ungerechtfertigten Angriffskrieg Russlands gegen einen souveränen, demokratischen Staat handelt, der seine territoriale Integrität und sein Selbstbestimmungsrecht verteidigt, wobei der Westen die Ukraine mit militärischer, finanzieller und humanitärer Hilfe unterstützt, um die Aggression abzuwehren und die demokratischen Werte Europas zu schützen“.
Im Gegensatz dazu vertritt der US-Politologe John J. Mearsheimer dezidiert die Auffassung, dass der „Krieg in der Ukraine […] vom Westen und insbesondere von den USA provoziert wurde“. Europa und die Vereinigten Staaten hätten „törichterweise versucht, die Ukraine in die NATO aufzunehmen“. Der Rubikon überschritten wurde dabei, folgt man Mearsheimer, mit der „Entscheidung vom April 2008 [Bukarester NATO-Gipfel – H.H.], die Ukraine in die NATO aufzunehmen, die der Westen seitdem unermüdlich verfolgt und bei jeder Gelegenheit bekräftigt hat“.
Am 11. November 2025 hatte Mearsheimer Gelegenheit, seine der gängigen Lesart im Westen diametral widersprechende Sichtweise auf einer Konferenz im Europäischen Parlament vorzutragen.
Im Westen, so Mearsheimer, herrsche die Meinung vor, „dass Wladimir Putin für den Ausbruch des Ukraine-Krieges verantwortlich ist. Sein Ziel sei es, so das Argument, die gesamte Ukraine zu erobern und sie zu einem Teil eines größeren Russlands zu machen. Sobald dieses Ziel erreicht ist, werde Russland daran gehen, ein Imperium in Osteuropa zu schaffen, ähnlich wie es die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg getan hat.“
Diese Darstellung weise – laut Mearsheimer – jedoch „zahlreiche Probleme auf“; fünf davon beleuchtete der US-Politologe näher:
- „Erstens gibt es keine Beweise aus der Zeit vor dem 24. Februar 2022 dafür, dass Putin die gesamte Ukraine erobern und in Russland eingliedern wollte.“ Auch Putins wiederholte Kommentare, „dass die Ukraine ein künstlicher Staat ist und dass die Ukrainer und Russen ein Volk sind, sagen nichts über seinen Grund für den Krieg aus. Wenn man den Artikel [Putins – H.H.] vom 12. Juli 2021 liest […], findet man darin keinerlei Hinweise darauf, dass er darauf aus war, die Ukraine zu erobern.“ Und in der Putin-Rede vom 21. Februar 2022, also drei Tage vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine, hieß es: „Russland akzeptiert die neue geopolitische Realität, die sich nach der Auflösung der UdSSR herausgebildet hat.“
- „Zweitens verfügte Putin bei weitem nicht über genügend Truppen, um die Ukraine zu erobern. Ich schätze, dass Russland mit höchstens 190.000 Soldaten in die Ukraine einmarschiert ist.“ Und: „Die ukrainische Armee war größer als die russischen Invasionsstreitkräfte. Sie wurde von der NATO bewaffnet und ausgebildet […] Putins Ziel war es, schnell begrenzte territoriale Gewinne zu erzielen und die Ukraine an den Verhandlungstisch zu zwingen, was auch geschah.“
- Dritter Punkt: „Unmittelbar nach Kriegsbeginn wandte sich Russland […] an die Ukraine, um Verhandlungen zur Beendigung des Krieges aufzunehmen und einen Modus vivendi zwischen den beiden Ländern auszuarbeiten. Dieser Schritt steht in direktem Widerspruch zu der Behauptung, Putin wolle die Ukraine erobern und zu einem Teil Großrusslands machen. Die Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau begannen in Belarus nur vier Tage nach der russischen Invasion. Und dieser Belarus-Weg wurde schließlich durch einen israelischen sowie einen Istanbul-Weg ersetzt. Die verfügbaren Beweise deuten darauf hin, dass die Russen ernsthaft verhandelten und nicht daran interessiert waren, ukrainisches Territorium zu annektieren, mit Ausnahme der Krim, die sie 2014 annektiert hatten, und möglicherweise der Donbass-Region. Die Verhandlungen endeten, als die Ukrainer diese auf Drängen Großbritanniens und der Vereinigten Staaten verließen […]. Die Russen haben die Verhandlungen nicht verlassen.“
- „Viertens versuchte Putin in den Monaten vor Kriegsbeginn, eine diplomatische Lösung für die sich anbahnende Krise zu finden. Am 17. Dezember 2021 […] schickt Putin Briefe an Präsident Biden und an NATO-Chef Jens Stoltenberg, in denen er eine Lösung für die Krise vorschlägt, […] die drei Dinge beinhaltet. Erstens würde die Ukraine nicht der NATO beitreten. Zweitens würden keine Angriffswaffen in der Nähe der russischen Grenzen stationiert werden. Und drittens würden die seit 1997 nach Osteuropa verlegten NATO-Truppen und -Ausrüstungen nach Westeuropa zurückverlegt werden. Was auch immer man von der Realisierbarkeit“ dieses Ansatzes halte, er zeige, dass Putin „versuchte, einen Krieg zu vermeiden. Die Vereinigten Staaten hingegen weigerten sich, mit Putin zu verhandeln. Es scheint, als seien sie nicht daran interessiert gewesen, einen Krieg zu vermeiden.“
- „Fünftens […]: Abgesehen von der Ukraine gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Putin die Eroberung anderer Länder in Osteuropa in Betracht gezogen hätte. Und das ist kaum überraschend, da die russische Armee nicht einmal groß genug ist, um die gesamte Ukraine zu überrennen, geschweige denn die baltischen Staaten, Polen und Rumänien zu erobern. Außerdem sind diese Länder […] alle NATO-Mitglieder, was mit ziemlicher Sicherheit einen Krieg mit den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten bedeuten würde.“
Mearsheimers Fazit: „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass zwar in Europa und sicherlich auch hier im Europäischen Parlament die weit verbreitete Meinung herrscht, Putin sei ein Imperialist, der seit langem entschlossen ist, die gesamte Ukraine und dann weitere Länder westlich der Ukraine zu erobern, aber praktisch alle verfügbaren Beweise sprechen gegen diese Sichtweise.“ Und: „Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, dass Russland den Krieg durch die Invasion der Ukraine begonnen hat. Aber die eigentliche Ursache des Konflikts war die Entscheidung der NATO, die Ukraine in das Bündnis aufzunehmen […]“. Putin sei daran interessiert gewesen, sicherzustellen, dass die Ukraine „nicht zu einem Teil dessen wurde, was er als ‚Sprungbrett für westliche Aggressionen gegen Russland‘ bezeichnete. Um dieser Bedrohung zu begegnen, startete Putin einen Präventivkrieg.“
Düster sind die Erwartungen des Chicagoer Professors im Hinblick auf ein Ende des Ukraine-Krieges: „Dieser Krieg wird auf dem Schlachtfeld enden, wo die Russen wahrscheinlich einen hässlichen Sieg erringen werden […], der zu einem eingefrorenen Konflikt zwischen Russland auf der einen Seite und der Ukraine, Europa und den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite führen wird. […] Eine diplomatische Beilegung des Krieges ist nicht möglich, da die gegnerischen Seiten unüberbrückbare Differenzen haben.“ Es gebe keine Möglichkeit, „diese gegensätzlichen Positionen […] miteinander in Einklang zu bringen, um ein Friedensabkommen zu erzielen.“
Vor diesem Gesamthintergrund zeichnet sich für Mearsheimer folgende bedrückende Nachkriegsperspektive ab: „Die Beziehungen zwischen Europa und Russland werden nicht nur vergiftet sein, sondern auch gefährlich.“ Mit der allgegenwärtigen Möglichkeit eines Krieges.
John J. Mearsheimer, Jahrgang 1947, ist Absolvent der US-Militärakademie in West Point und hat fünf Jahre als Luftwaffenoffizier gedient. Parallel erwarb er einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen. Nach dem Militärdienst studierte und promovierte er an der Cornell University. Seit 1987 ist Mearsheimer ordinierter Professor an der politikwissenschaftlichen Fakultät der University of Chicago und wurde dort 1996 zum „R. Wendell Harrison Distinguished Service Professor“ ernannt.
Schlagwörter: Hannes Herbst, John Mearsheimer, Krieg, Putin, Russland, Ukraine

