29. Jahrgang | Nummer 2 | 26. Januar 2026

Der Londoner Kutschenstreit

von Detlef Jena

Da folgte ein diplomatisches Spitzentreffen – angereichert mit höchst bedeutungsvoller Gestik und Mimik – auf das nächste. Es sollte um ein zeitnahes Ende des Krieges in der Ukraine gehen. Während der USA-Präsident zwischen optimistischen Visionen und unheilverkündenden Drohungen schwankte, drängelten die Mächtigen des politischen Europas schüchtern ins Parkett und Herr Selenskij übte sich in devoten Rundum-Verbeugungen. Der Herr im Kreml bewahrte derweil stur zarisches Selbstverständnis im Namen des ewigen Mütterchens Russland. Bislang hat noch keines der Gespräche zu einem substantiellen Ergebnis für den Frieden in der Ukraine geführt. Nur in einem Punkt herrscht profitable Einigkeit: Es wird kriegerisch hochgerüstet, was das Zeug hält.

Gar zu gerne hätten neugierige Pressediener gewusst, was sich hinter den Kulissen der Salons und Residenzen ereignet. Erbarmen sich die Politiker gar nicht? Sie wissen doch: Auch die kleinste Nachricht ist eine Ware, die verkäuflich ist. Dabei müssten die Journalisten nur einen Blick in die Geschichte der Diplomatie wagen – und sie wären überrascht, wie sich die Bilder gleichen. Ein besonders hübsches Beispiel höchster diplomatischer Verhandlungskunst in kriegerischen Zeiten, das sich sogar vor aller Augen abspielte und seinerzeit von der Öffentlichkeit genüsslich ausgeschlachtet wurde, bietet der „Londoner Kutschenstreit“:

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1648 gelangte das ausgeblutete Heilige Römische Reich Deutscher Nation gezwungenermaßen zu einer gewissen Grabesruhe und vielleicht sogar zu relativer politischer Stabilität. Der Westfälische Frieden durfte für die Zukunft des Reichs und Europas nicht unterschätzt werden.

Die europäischen Mächte lieferten sich indes unverdrossen erbitterte Hahnenkämpfe um Macht, Einfluss und Prestige auf dem Kontinent. Besonders Frankreich und Spanien rangelten um die Vormachtstellung. König Ludwig XIV. von Frankreich steckte da voller pfiffiger Ideen.

Am 30. September 1661 trugen Spaniens und Frankreichs Diplomaten in London den „Guerre de préséance“ – den Kutschenstreit, der eigentlich ein Kutschenkrieg war – miteinander aus. An diesem Tag zog der neue schwedische Botschafter Per Brahe feierlich in die englische Hauptstadt ein. Üblich war, dass Botschafter und Gesandte der in London vertretenen Mächte an derlei Zeremonien teilnahmen und sich mit ihren Kutschen je nach Rang und Würde in den festlichen Zug einreihten. Damals gab es noch keine Wiener Konvention mit diplomatischen Ordnungsprinzipien. Auch die Umarmungsküsschen lachender Staatschefs, mit denen das Publikum heutigentags in die Irre geführt wird, lagen noch in weiter Ferne. In London wurde 1661 mit roher Gewalt um Europas Würde gekämpft und die Beamten der Protokollabteilung standen oft genug machtlos daneben.

Sowohl der französische Botschafter Godefroy d’Estrades als auch Spaniens Emissär Jean Charles de Watteville beanspruchten die Spitze des diplomatischen Zuges für sich und ihre Monarchen. Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV. war wie der spanische Kollege von seiner Führungsrolle nicht nur überzeugt – er wollte sie auch praktisch ausspielen und genießen.

Es kam, wie es kommen musste: Der Weg nach Whitehall wurde mit Leichen gepflastert. Der Pariser Diplomat hatte sich mit potenten Musketieren im Dienste Seiner Majestät umgeben, während der Spanier pöbelwillige Zuschauer an der Protokollstrecke bestochen hatte. Seine Taktik erwies sich als erfolgreich: Wackere Musketiere mussten ihr Leben lassen und die Kutschpferde des Franzosen wurden brutal abgeschlachtet. Der Spanier behauptete den Spitzenplatz, während die französische Delegation abgeschlagen – wohl noch hinter den Russen! – mit einem Ersatzgefährt und argen Blessuren schamvoll hinterherzockelte.

Das Tückische an dem Eklat bestand jedoch darin, dass er von Ludwig XIV. nicht nur sehr erwünscht, sondern direkt provoziert worden war. Die große französische Nation und ihr gottähnlicher Monarch wurden von den Spaniern öffentlich beleidigt! Spaniens Botschafter wurde daraufhin aus Frankreich ausgewiesen, der französische Botschafter zur Berichterstattung in die Heimat beordert.

Ludwig XIV. forderte eine öffentliche Entschuldigung des spanischen Königs Philipp IV. (des Großen) und die Anerkennung der französischen Führungsrolle in Europa durch das Haus Habsburg. Im Weigerungsfalle wollte Ludwig Soldaten in Richtung Madrid in Marsch setzen und überdies die Spanischen Niederlande annektieren. Da Spanien kurz zuvor einen Krieg gegen Frankreich in den Pyrenäen verloren hatte, besaß man im Escorial keine Wahl. Am 24. März 1662 fand die große Entschuldigungsaudienz des spanischen Gesandten vor Ludwig XIV. statt. Ein Gemälde von dem erhabenen Ereignis zeigt eine Schar würdiger Männer, die einander in abgeklärter Harmonie und beglückender Freundlichkeit zuwenden. Ganz wie im heutigen Brüssel oder bei den majestätischen Audienzen im Weißen Haus zu Washington.

Der Kutschenkrieg in London war dem jungen Ludwig XIV. lediglich Mittel zum Zweck. Sieben Monate, nachdem er die Alleinherrschaft übernommen hatte, zeigte er Europa durch eine gezielte Provokation, die das Leben eigener Untertanen aufs Spiel setzte, wer künftig Herr auf dem Kontinent war. Die Engländer nahmen den Vorfall vorerst sportlich und schienen dessen Tragweite noch nicht abschätzen zu können.

Ausgerechnet Samuel Pepys (1633-1703), der als Staatssekretär im englischen Marineamt, Präsident der Royal Society und Abgeordneter des Unterhauses eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der Restaurationsepoche unter König Karl II. von England war, schrieb in seinem Tagebuch, das zu den wichtigsten englischen Quellen über jene Zeit gehört, den lockeren Satz: „Und natürlich lieben wir wirklich alle die Spanier und hassen die Franzosen.“ Pepys musste noch erleben, dass der Kolonialkrieg zwischen Frankreich und England um Besitzstände und Eroberungen in Nordamerika die europäische Politik mitbestimmte. Und der letzte Englisch-Spanische Krieg um den Besitz sowohl Dünkirchens als auch Jamaikas hatte gerade erst zwei Jahre zuvor geendet.

Ist ein Vergleich mit der heutigen Praxis in Politik und Diplomatie zu weit hergeholt? Keinesfalls, denn jedes Geschichtsbild ist eine inszenierte Fiktion! Wer verfolgt, wie sich Donald Trump bei den Tafelrunden mit seinen europäischen Vasallen feiern lässt und den Frieden in der Ukraine näher rücken sieht, wird am Ende allemal mit dem lapidaren Satz abgespeist, es sei noch kein Durchbruch gelungen. Die Medien gehen wieder einmal leer aus und müssen sich mit den Weissagungen unzähliger „Experten“ begnügen, die aber sehr klug wissen, was der Krieg in der Ukraine mit ihrer eigenen Gefühlswelt „macht“.

Wenn sich jemand die Hände reiben kann, dann sind das die Rüstungsindustriellen und -aktionäre. Offensichtlich versucht auch die deutsche Regierungspolitik, auf diesem Wege die Rettung aus der Wirtschaftskrise zu erreichen und wieder einmal zur führenden politischen und militärischen Macht Europas aufzusteigen. Wie Frankreich im 17. Jahrhundert. Es ist das alte Lied, das in Europa seit Jahrhunderten gesungen wird, in einem Europa, in dem weder die Renaissance noch die Aufklärung eine Abkehr von den sieben Todsünden bewirken konnten. Wer denkt, es handelt sich um antiquierte und weltfremde Moralitäten, braucht nur über den Zusammenhang zwischen der modernen Shopping-Unkultur und der aktuellen politischen Forderung aus der CDU/CSU nachzudenken, Deutschland solle das Ziel verfolgen, die stärkste konventionelle Armee in Europa aufzustellen. Mit diesem Ziel ist das Deutsche Reich 1914 in den Ersten Weltkrieg gezogen – und am Ende in der Diktatur gelandet.