28. Jahrgang | Sonderausgabe | 22. Dezember 2025

Gedanken zur Europaidee Ossietzkys

von Fritz Klein

Im September 1920 nahm Ossietzky zu der in der USPD, der linken Massenpartei der deutschen Arbeiterbewegung, damals leidenschaftlich geführten Auseinandersetzung Stellung, ob man sich, wie die Mehrheit wollte, der Kommunistischen Internationale anschließen solle oder nicht. Die SPD hatte in dieser Zeit knapp 1,2 Millionen Mitglieder, die USPD fast 900 000, die KPD etwas weniger als 80 000. Entschieden unterstützte Ossietzky den Standpunkt der Anschlußgegner. In einem Artikel in Otto Nuschkes „Berliner Volks-Zeitung“ fragte er besorgt, ob sich etwa „wesentliche Teile der Arbeiterschaft einem finsteren, fanatischen und durch und durch uneuropäischen Glaubenssatz verschreiben und damit eine neue Ära von Bürgerkriegen einleiten (wollten), die die Barbarisierung Europas vollenden“.

Wenig mehr als zehn Jahre später erklärte er in diametral entgegengesetzt klingender Formulierung ein sozialistisches Europa als die einzige Möglichkeit zur Überwindung der durch die Versailler Friedensordnung geschaffenen friedensstörenden Gegensätze auf dem Kontinent: „Die Revision der Friedensverträge geht nur über ein sozialistisches Europa“, hieß es in der Weltbühne am 6. Januar 1931. Und gleichsam in der Mitte zwischen diesen beiden Extrem Positionen steht die 1927 geäußerte Sympathie für eine „Synthese von europäischer Demokratie und russischer Arbeiterdiktatur“. Dreimal „Europa“ bzw. „europäisch“, jeweils in einem anderen Zusammenhang und mit offensichtlich sehr unterschiedlicher Wertigkeit. Wie sind solche Widersprüche zu erklären? Hat Ossietzky in so wichtigen Fragen seinen Standpunkt so drastisch verändert? Sehen wir uns genauer an, in welchem Zusammenhang er die zitierten Feststellungen machte.

Er warnte vor dem Anschluß an die Dritte Internationale. Die Ablehnung der kommunistischen Politik bedeutete aber keineswegs eine Zustimmung zu derjenigen der Sozialdemokratie, deren Lauheit und Kompromißlerei, deren in der Konsequenz selbstmörderische Verleugnung des revolutionären Ursprungs der Weimarer Republik er nie müde wurde zu geißeln. Bürgerkrieg und Barbarisierung Europas befürchtete er von einer Wendung der Arbeiter in Deutschland zur radikalen Revolutionspartei. Antirevolutionär aber werden wir einen Mann dennoch nicht nennen können, der als Gegenmittel zu der von ihm an die Wand gemalten Gefahr eine Vertiefung der Novemberrevolution von 1918 verlangte: „sehr gründlich“, so meinte er zur gleichen Zeit, müsse Deutschland „von den leider noch recht beträchtlichen vornovemberlichen Schlacken befreit werden“.

Macht man sich diesen, sozusagen prorevolutionären Aspekt seiner antirevolutionären Aussage von 1920 klar, dann erscheint die prosozialistische Position von 1931 leichter erklärbar. Nicht nur, daß die „vornovemberlichen Schlacken“, denen diese ganzen Jahre hindurch der leidenschaftliche Kampf Ossietzkys gegolten hatte, nicht weggeräumt worden waren – neue, weit schlimmere Gefahren waren im Vormarsch. Die 1920 von links befürchtete Barbarisierung Europas war nicht eingetreten. Sie kündigte sich, scheinbar unaufhaltsam, von rechts an. Ein „sozialistisches Europa“ visierte Ossietzky nun an, was aber umgekehrt keineswegs bedeutete, daß er Sozialist oder gar Kommunist geworden wäre. Er forderte dazu auf, Ernst Thälmann zu wählen, als dieser 1932 für das Amt des Reichspräsidenten kandidierte. Zunächst aber war er der Meinung, daß der historische Moment eher die Präsentation einer über Parteigrenzen hinaus wirkenden und angesehenen Persönlichkeit der Linken verlangt hätte. Und sein so häufig zitiertes Wort auf der letzten Kundgebung des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller am 17. Februar 1933, er habe nach allen Seiten gekämpft, mehr nach rechts, aber auch nach links, heute aber „sollten wir wissen, daß links von uns nur noch Verbündete stehen“, muß ja genau gelesen werden. Es heißt doch, daß er selbst sich rechts von diesen Verbündeten sah, und zwar rechts nicht nur von Kommunisten, sondern auch von Sozialdemokraten.

Leichter verständlich scheint so auch das dritte der eingangs angeführten Zitate. „Wiener Bastillensturm“ überschrieb Ossietzky seinen Weltbühnenartikel vom 19. Juli 1927, in dem er vom Marsch der Wiener Arbeiter zum Justizpalast aus Protest gegen den skandalösen Freispruch von Arbeitermördern, vom Einsatz der schießwütigen Polizei mit 87 Opfern, von der Niederbrennung des Justizpalastes und von der Ausrufung des Generalstreiks durch die Führung der österreichischen Sozialdemokratie und die Gewerkschaften handelte, kurz, von Klassenkämpfen, bei deren Schilderung Ossietzky geradezu begeistert Partei ergriff für die energische und aktivistische Haltung der österreichischen Sozialisten, die er der deutschen Schwesterpartei als Muster vorhielt. Und auch wenn sicher nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, was Ossietzky im Überschwang der Freude, daß endlich einmal gehandelt und nicht nur geredet wurde gegen Reaktion und Polizeiwillkür, formulierte, daß nämlich die Industriestadt Wien mit diesem kämpferischen Proletariat den „grandiosen Versuch“ darstelle einer „Synthese von europäischer Demokratie und russischer Arbeiterdiktatur“, so ist es doch für sein Denken, wie uns scheint, höchst charakteristisch, daß er zu diesem Bild gelangte.

Traditionelles Urteil käme hier leicht in Versuchung, Prinzipienlosigkeit, Standpunktverwischung und Dritte-Weg-Gaukelei zu unterstellen und entsprechend harsch zu reagieren. Wäre das richtig? Gerade das Thema „Europa“ scheint geeignet, Argumente solcher Art etwas genauer anzusehen.

Einen „herrlichen Gedanken“ nannte Ossietzky einmal einen Europäischen Staatenbund. Im Mittelpunkt stand ihm dabei die Verständigung von Deutschland und Frankreich: „Es gibt nur ein Bündnis, das gut und organisch gewachsen wäre: das deutschfranzösische“, schrieb er, mit Spitze gegen die deutsch-sowjetischen Verträge von Rapallo und Berlin 1922 und 1926, im April 1927. „Das wäre die erste und einzige unter alten und neuen Allianzen, die sich nicht gegen einen Dritten richtete. Es wäre die Allianz für Europa.“ Ossietzky also ein Vordenker für Montanunion, Schumannplan und Verständigung à la Adenauer und de Gaulle? Ja, könnte man sagen, liest man die folgende Zukunftsbeschreibung: „Wenn erst die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen so engmaschig sein werden, daß gigantische Kohlen- und Eisen-Syndikate die Grenzen wesenlos machen, wenn jeden Morgen hüben und drüben mit Uhrwerksgenauigkeit die Männer in die Schächte, zum Eisenhammer gehen zu vielstündiger Fron für alliiertes, verschmolzenes deutsch-französisches Kapital, dann wird kein Sedan und Versailles mehr trennend zwischen den beiden Nationen stehen.“

Es würde Friede sein und Verständigung zwischen Nachbarn anstelle von Erbfeindschaft und ständig latenter Kriegsgefahr – unzweifelhaft ein echter Fortschritt bei der Verwirklichung solcher Kombinationen, die ja nicht aus der Luft gegriffen waren, sondern durchaus realistische Beschreibung möglicher, weil objektiv begründeter ökonomischer Abläufe. Wohl war aber Ossietzky bei der Ausmalung solcher Perspektive dennoch nicht. Fron für internationales Kapital – das war nicht seine Sache. Und so ging er kritisch ins Gericht mit der damals so gefeierten europäischen Politik, wie sie durch die Namen Stresemann und Briand gekennzeichnet war: „Indem sie die deutsch-französische Versöhnung zu einer rein geschäftlichen Transaktion machten, schnitten sie der Idee die Flügel ab, verzichteten sie auf den Elan der friedensgewillten Volkskräfte. Die Arbeiterschaft, abseits, sieht mit Mißtrauen aus dem schönen Gerede von Locarno bis Genf einen internationalen Industrieakkord wachsen, sieht, hilflos wie immer in großen Entscheidungen, den proletarischen Löwengedanken des über die Grenzen fassenden Zusammenschlusses von den Kapitalisten okkupiert.“

Dieser Gedanke liegt dann auch der Kritik Ossietzkys an dem Pan-Europa-Projekt des Grafen Coudenhove-Kalergi zugrunde. Es sei eine Bewegung, die die Massen ignoriert. Ihr großer Irrtum sei, daß das Projekt „den gegenwärtigen sozialen Zustand Europas als selbstverständlich hinnimmt und deshalb nur aus dem europäischen Völkerkrieg in den europäischen Klassenkrieg führen kann. Der Gedanke der Vereinigten Staaten Europas ist national- und Sozialrevolutionären Ursprungs. Wer ihm diese Grundlage nimmt, der bewirkt nur die Auferstehung der Heiligen Allianz und der Karlsbader Beschlüsse … Coudenhoves Plan würde nicht zu einer Vereinigung der Völker führen, sondern zu einem Pakt der kapitalistischen Regierungen gegen ihre Völker, … zu vormärzlicher Kirchhofsruhe.“

Deutlich, so scheint mir, können wir aus dem, was Ossietzky zurückweist, ableiten, was ihm vorschwebt: ein vereintes Europa der Völker, zusammengefügt nach den Interessen der kleinen Leute und nicht der großen Besitzenden. Wie dies Ziel erreicht werden könnte, wird nicht erklärt. Politische Programme konkret auszuarbeiten, hat der Tagesjournalist wohl auch kaum als seine Aufgabe betrachtet. Unübersehbar aber sind doch tragende Elemente eines künftigen Europas, die er für unverzichtbar hielt und die man wohl an dem Bild der Synthese von europäischer Demokratie und russischer Arbeiterdiktatur festmachen kann.

Ossietzkys ganzes Werk bezeugt, daß er zum einen – und uns will scheinen: vor allem – ein Mann in den Traditionen von 1789 war, der Aufklärung, der Vernunft, der Rechte jedes Bürgers. Hier lag auch die eine Wurzel seiner bitteren Kritik an der von ihren Ursprüngen so weit entfernten Bürgerwelt seiner Tage. Eine zweite aber lag in seiner tiefen, verständnisvollen Sympathie für die Ausgebeuteten und Unterdrückten, so daß wir ihn zum andern sehen als einen Mann, der auch verstand, was 1917 in die Welt gebracht worden war und wie notwendig es blieb. Seine bittere Kritik an orthodoxer Starrheit, Meinungsunterdrückung und Funktionärsherrschaft bei Kommunisten entsprang, wenn wir es richtig sehen, dieser Sympathie. Schmerzhaft geradezu muß er in sich selbst die Spannung gespürt haben. Wie wäre sonst der so oft zitierte Satz aus der „Rechenschaft“ vom 10. Mai 1932 zu erklären, sein Verstand bekenne sich immer noch zu der heute so verschmähten Demokratie, während sein Herz „unwiderstehlich dem Zuge der proletarischen Massen folgt, nicht dem in Doktrinen eingekapselten Endziel, sondern dem lebendigen Fleisch und Blut der Arbeiterbewegung, ihren Menschen, ihren nach Gerechtigkeit brennenden Seelen“.

Die Synthese, von der Ossietzky gesprochen hatte, momentweise nur und gewiß in Verkennung konkreter, kaum sehr „grandioser“ Umstände: eine schwierige Sache, theoretisch und in der praktischen Politik. Und doch ist ideologisch begründete Zurückweisung oder gar Verdächtigung des Gedankens nicht angemessen einem Manne, dessen Idee es wohl war, das Beste von beidem zusammenzubringen, auf der Grundlage so unbezweifelbar ehrlicher und radikaler Fortschrittlichkeit. Von Illusion, Utopie und Realismus handelt dies Kolloquium, und wer wollte bestreiten, daß auch nicht wenig und nicht selten Illusion im Spiel war bei Ossietzky. Aber ist fortschrittliches, auf Veränderung gerichtetes Denken und Handeln überhaupt denkbar ohne Illusion? Die Beharrenden sind immer rasch bei der Hand mit dem Vorwurf des Illusionismus gegen die Stürmer und Dränger. Und nicht selten haben sie dabei im Konkreten sogar recht. Vergessen aber sollte man nie, daß es die größte und auf die Dauer gefährlichste Illusion ist zu meinen, wenn alles so bliebe, wie es ist, käme man am besten durch.

Europa – ein großes Thema und ein erstrebtes Ziel auch unserer Tage. Muster zum Kopieren liefert die Geschichte nicht. Aber sollte nicht Ossietzkys Europaidee einen Nutzen haben für den Hausbau, von dem heute so viel die Rede ist?

 

(Auszug aus dem Vortrag unseres Autors auf der Konferenz des Kulturbundes und der Weltbühne zum Thema „Illusion, Utopie, Realismus. Carl von Ossietzky im Streit um Frieden und Menschlichkeit“, die am 23. Juni 1989 in Berlin stattfand. […])

Weltbühne 33/1989

 

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Klein.