28. Jahrgang | Nummer 15 | 8. September 202

Egon Krenz – zum Dritten

von Hannes Herbst

Der Kommunismus ist so gut,

dass niemand ihn kaputt machen kann,

es sei denn – die Kommunisten besorgen das selbst.

 

Lenin

 

Egon Krenz war dieses Zitat aus einer Aufführung des Berliner Ensembles von Anfang der 1980er Jahre bekannt – konkret des Stückes „Blaue Pferde auf rotem Grund“ seines „sowjetischen Freundes Michail Schatrow“ – und er erinnert es als Lenin-Zitat. Im dritten Band seiner Memoiren fügt Krenz hinzu: „Welch weise Analyse.“

Dass es sich bei dem Zitat wohl eher um eine Prognose, wenn nicht gar nur um ein Bonmot handelte, kann man an dieser Stelle zwar getrost durchgehen lassen, dass sich bei Krenz allerdings auch im Band drei seiner Memoiren nichts einigermaßen Analytisches dazu findet, worin die Hauptursache für das Scheitern der Kommunisten in den Staaten des real existierenden Sozialismus – wie die Standardformulierung in der späten DDR lautete – bestand, und welche Lehren daraus für einen nächsten Versuch zu ziehen wären, das ist ein grundlegender Mangel, der auf eine ebenso grundlegende analytische Schwäche bei Krenz selbst schließen lässt.

Dabei war es doch Lenin selbst, der den womöglich entscheidenden Hinweis hinterlassen hat: „Die Produktivität der Arbeit ist […] das Wichtigste, das Ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung. Der Kapitalismus hat eine Arbeitsproduktivität erzeugt, wie sie unter der Leibeigenschaft nicht dagewesen ist. Der Kapitalismus kann und wird dadurch endgültig besiegt werden, dass der Sozialismus eine neue, weit höhere Arbeitsproduktivität erzeugt.“ Das stupide Festhalten (bis fünf nach zwölf) an einer bürokratisch-dirigistischen Planwirtschaft sowjetischer Prägung, die dies nicht zu leisten vermochte, war der wahrscheinlich entscheidende ökonomische Sargnagel des sozialistischen Wirtschaftssystems.

Bei Krenz schnurrt diese ebenso kardinale wie komplexe Problematik auf so klischeehafte Sätze zusammen wie: Erich Honecker (sonst niemand?) „scheiterte an der […] Unfähigkeit des sozialistischen Systems in Europa, die Produktivkraftentwicklung des kapitalistischen Westens zu erreichen“. (War also das sozialistische System das handelnde Subjekt des Geschehen?) Oder noch plakativer: „Das A und O blieb die Wirtschaft.“) Und ähnlicher Tiefgang im alternativen Ansatz von 1989 zur Rettung der DDR: „Umfassende Wirtschaftsreform; an den Marktbedingungen orientierte sozialistische Planwirtschaft; realer Plan 1990 […].“

Das eigene Defizit hindert den Autor allerdings nicht an harscher Kritik anderen gegenüber: „Dieter Klein, Prorektor für Gesellschaftswissenschaften der Humboldt-Universität und Mitglied der Berliner SED-Bezirksleitung, hatte ein Konzept des dritten Weges für die DDR entwickelt. ‚Wir kämpfen um einen Weg, der uns über den Kapitalismus hinaus- und nicht in den administrativen Sozialismus zurückführt.‘ Der Weg ‚über den Kapitalismus hinaus‘ war eine […] Sackgasse. Er erwies sich nicht als Vision, sondern als Illusion. Am Ende führte er in den Kapitalismus zurück.“

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Einer der nach der Wende gezielt Kontakt zu Egon Krenz aufnahm und bis zu seinem Tode 1995 pflegte, war der Philosoph Wolfgang Harich, gemaßregelt zu frühen DDR-Zeiten, jahrelang im Gefängnis gehalten und dennoch nie auf die Seite „des Klassenfeindes“ (O-Ton Harich) gewechselt. Auf einer Konferenz der Abgeordnetengruppe PDS/Linke Liste im Bundestag im November 1993 stellte Harich ausführlich Krenzens maßgeblichen Anteil daran heraus, dass im Wendeherbst 1989 seitens der Staatsmacht Schusswaffeneinsatz untersagt worden war. „Wenn ich dabeigesessen hätte“, so Krenz, „wäre mir derart viel Lob peinlich gewesen.“ Doch Harich war damit noch nicht am Ende: „Und dann wagte er einen Vergleich, der mir eigentlich aus verschiedenen Gründen nicht so recht behagte. ‚Ich vergleiche diesen Mann mit dem, was er damals getan hat, mit den Männern des 20. Juli 1944. Auch die kamen durchweg aus dem Naziregime, aus dem Establishment des Dritten Reiches. Aber wie werden sie heute gefeiert und geehrt, und natürlich zu Recht, denn sie sind ermordet worden wegen ihrer Tat, während Egon Krenz lebendig unter uns lebt.‘ Natürlich warf mir Harich nicht vor, dass ich noch lebte, aber er sah mich mit den Männern des 20. Juli in einer ‚nationalen Tradition‘, nannte mich gar ‚Nationalheld‘.“

Natürlich zeugt es von Charakterstärke, Dinge, die einem eigentlich nicht so recht behagen, nicht einfach unter den Teppich zu kehren. Aber ein Schuss Eitelkeit darf in diesem Falle vielleicht doch vermutet werden …

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Insgesamt ein lesbares Buch mit vielen aufschlussreichen Details sowie – hin und wieder – mit einem Touch Selbstironie.

Während seines Gefängnisaufenthaltes – in den sogenannten Mauerschützenprozessen war Krenz am 25. August 1997 zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden, wovon er vier Jahre absaß – war Krenz ins Freigängerhaus der JVA Plötzensee verlegt worden: „Nachdem ich meine Habe ausgepackt hatte, schritt ich wie üblich die Zelle aus. Sie war vier Meter lang und zweizwanzig breit, knapp neun Quadratmeter also. Dafür sollte ich monatlich 228,47 D-Mark Miete zahlen, Haftkosten genannt. Pro Quadratmeter also 25,41 DM. Erheblich mehr, als beispielsweise der sächsische Ministerpräsident Biedenkopf für seine Dresdner Dienstvilla hinblättern musste. Na gut, dachte ich, dafür war der Sicherheitsaufwand für mich ja auch größer.“

 

Egon Krenz: Verlust und Erwartung. Erinnerungen, edition ost, Berlin 2025, 349 Seiten, 26,00 Euro.

 

Zu Besprechungen von Band I und II der Krenz-Memoiren siehe Blättchen 16/2022 und 16/2024.